Theodor Lessing

Geschichte 
als Sinngebung 
des Sinnlosen
(
1919)

 

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1872-1933, 61 (Mord durch Nazis)

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Mit einer äußerst scharfen Satire, die den Kritiker Samuel Lublinski, von seiner wenig schönen äußeren Gestalt ausgehend, zu vernichten suchte und auf die Thomas Mann beinahe ebenso scharf reagierte, hatte Theodor Lessing 1910 einen Literaturskandal verursacht. 

Mit seinen medizinischen Kenntnissen aus der Studienzeit meldete sich Lessing zu Beginn des Ersten Weltkriegs freiwillig zum militärärztlichen Dienst, um dem Kampfeinsatz an der Front zu entgehen. Er diente während dieser Zeit als Lazarettarzt und arbeitete als Lehrer. 

Nebenbei schrieb er die <Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen>. Das Erscheinen dieses Buches wurde aber während des Krieges von der Militärzensur verhindert, da Lessing in eindeutiger Weise gegen den Krieg Position bezog. Es wurde erst 1919 veröffentlicht.

Nach dem Krieg kehrte Lessing auf seinen Privatdozentenposten in Hannover zurück und baute in Linden ab 1919 die dortige Volkshochschule Hannover-Linden mit seiner zweiten Frau Ada Lessing auf. Daneben entfaltete er ab 1923 eine umfangreiche publizistische Tätigkeit. Er veröffentlichte, vor allem in den beiden republikanisch-demokratischen Tageszeitungen <Prager Tagblatt> und <Dortmunder Generalanzeiger>, Artikel, Essays, Glossen und Feuilletons und wurde dadurch zu einem der bekanntesten politischen Schriftsteller der Weimarer Republik.

Aufmerksamkeit erregte 1925 sein Bericht über den Prozess gegen den Serienmörder Fritz Haarmann, den er als Augenzeuge verfolgte. Er machte die dubiose Rolle der hannoverschen Polizei (Haarmann war ein Polizeispitzel) in diesem Fall öffentlich. Daraufhin wurde er vom Prozess ausgeschlossen.

Im selben Jahr schrieb er eine Charakterstudie über den Kandidaten für das Amt des Reichspräsidenten und späteren Gewinner der Präsidentenwahl Paul von Hindenburg, in der er vor der Wahl dieses Mannes warnte. Hindenburg selbst schilderte er als eine biedere, intellektuell anspruchslose Persönlichkeit, hinter der er aber gefährliche politische Kräfte wirken sah:

"Nach Plato sollen die Philosophen Führer der Völker sein. Ein Philosoph würde mit Hindenburg nun eben nicht den Thronstuhl besteigen. Nur ein repräsentatives Symbol, ein Fragezeichen, ein Zero. Man kann sagen: besser ein Zero als ein Nero. Leider zeigt die Geschichte, daß hinter einem Zero immer ein künftiger Nero verborgen steht."

Dieser Artikel brachte ihm die hasserfüllte Gegnerschaft aus deutschnationalen und völkischen Kreisen ein. Studenten gründeten einen Kampfausschuß gegen Lessing, es wurde zum Boykott seiner Vorlesungen aufgerufen, die Entziehung der venia legendi und die Entfernung von der Universität gefordert, Studenten störten gewalttätig seine Vorlesungen. Bei den Protesten wurde deutlich ein antisemitischer Hintergrund sichtbar. Aus der Öffentlichkeit und besonders aus dem universitären Milieu erhielt Lessing nur schwache Unterstützung, Professorenkollegen solidarisierten sich mit den Forderungen der Lessinggegner, insbesondere als am 7. Juni 1926 etwa tausend Studenten mit der Abwanderung an die TU Braunschweig drohten. Als eine halbjährige Beurlaubung im Wintersemester 1925/26 keine Beruhigung der Lage erbrachte, vereinbarten Lessing und der preußische Kultusminister Carl Heinrich Becker unter dem Druck am 18. Juni 1926 die Einstellung der Lehrtätigkeit und die unbefristete Beurlaubung bei reduzierten Bezügen.

Am 30. Januar 1933 wurde die Regierungsmacht den Nationalsozialisten und ihren Verbündeten übertragen. Nach Teilnahme an dem schließlich gesprengten Kongress „Das Freie Wort“ am 19. Februar 1933 begann Lessing seine Flucht aus Deutschland vorzubereiten. Am 1. März floh er mit seiner Frau Ada in die Tschechoslowakei und ließ sich dort im Kurbad Marienbad (Mariánské Lázne) nieder. Von hier aus setzte er seine publizistische Tätigkeit in deutschsprachigen Auslandszeitungen fort. Im Juni 1933 wurde in sudetendeutschen Zeitungen der Tschechoslowakei eine Meldung verbreitet, dass in Deutschland eine Belohnung für denjenigen ausgesetzt worden sei, der ihn entführe und den deutschen Behörden übergebe.

Am 30. August 1933 schossen die nationalsozialistischen Attentäter Rudolf Max Eckert, Rudolf Zischka und Karl Hönl[9] durch das Fenster seines Arbeitszimmers auf Lessing und trafen ihn lebensgefährlich. Am folgenden Tag erlag er im Alter von 61 Jahren im Krankenhaus von Marienbad (Mariánské Lázne) seinen Verletzungen. Er gilt als das erste Opfer des Nationalsozialismus auf tschechischem Boden. Die Attentäter entkamen nach Nazi-Deutschland.

 

 

Lessings Philosophie wird oft ähnlich wie die von Oswald Spengler oder Ludwig Klages der Tradition des philosophischen Pessimismus und der Willensmetaphysik, die auf Arthur Schopenhauer zurückgeht, zugerechnet. Sein Thema war auch die Grunderfahrung des Menschen von Not und Leiden in der Welt. Doch anders als z. B. Schopenhauer reagierte Lessing auf diese Erkenntnis nicht mit Rückzug ins Private oder Weltabgewandtheit, sondern – entgegen den persönlichen Neigungen – mit einer Philosophie der Tat. Dies drückte sich in einer kritischen Auseinandersetzung mit den Phänomenen des öffentlichen Lebens in seiner Zeit aus. Rückblickend schrieb er:

"Verhängnisvoll wurde mir, als eine Grenze meiner Natur, meine Unfähigkeit, <fünfe gerade sein zu lassen>. Immer wollte ich richtig stellen, aufklären, verständlich machen, ethisch auswerten bis zum Letzten. Auge in Auge gab das kaum je Mißverständnisse. Sobald ich aber als Schriftsteller naiv mich gehen ließ, war der Teufel los."

Besonderes Thema aufgrund dieses Engagements war eine axiomatische Wertethik. Anders aber als Max Scheler oder Nicolai Hartmann bestritt Lessing die Existenz absoluter Werte. Sein Leitmotiv war „Mindere den Schmerz. Dies ist der einzig mögliche Imperativ sittlichen Handelns“[11] 

An Nietzsche kritisierte er dessen Historismus und Relativismus, auch wenn er dessen kritischen Blick auf die Geschichtsschreibung teilte. Geschichtsschreibung kennzeichnete er im Gegensatz zur Naturwissenschaft als „Willenschaft“.

In der Geschichtswissenschaft wird die Wirklichkeit nur konstruiert. „Immer handelt es sich (in Naturwissenschaften und in Geschichte) um Bindung und Rhythmisierung von ‚Leben’ kraft des Gedankens. Dieser bildet aus dem an sich Unermeßlichen und Unzugänglich-Unfaßbaren Symbole berechenbarer, begrenzter, harmonischer, ausmeßbarer ‚Wirklichkeit’. Beide Wirklichkeiten fiktiv! beide gegenüber dem Unmittelbar-Gegebenen transzendent. Und die eine nicht wahrer und nicht wirklicher als die andere.“[13]

Ähnlich wie Schopenhauer spielte auch bei Lessing das östliche Denken eine wesentliche Rolle bei der Formulierung seiner Kulturkritik. Christentum und Buddhismus haben eine Kultur erzeugt, die dem Leben feindlich ist.

„Kultur ist jener Vorgang, dank dessen ein Teil des Seins (das brahma), nämlich der Geist (buddhi, der Geweckte) sich aufwirft zum Gewaltherren und zum Erlöser des Lebens“[14] Bei aller Kulturkritik hat sich Nietzsche aus Sicht Lessings nicht dem Entwicklungsoptimismus seiner Zeit entziehen können. „Und da niemand sich frei machen kann von der geistigen Atemluft seiner Lebensstrecke, so konnte auch Nietzsche nicht loskommen vom Glauben an Entwicklung. Von jenen Unterstellungen, welche Hegel den Kulturwissenschaften, Marx den Wirtschaftswissenschaften, Darwin den Naturwissenschaften zugrunde legte. Dieser große europäische Irrtum: Die Entwicklungswissenschaft der drei Truggeister Hegel, Darwin, Marx, das war der Boden, daraus Nietzsches menschheitsbessernder, welterlösender Traum erquoll.“ 

 

(aus wikipedia 2013)

 

 

  

Günter Kunert, 1992: 

Im Eismeer der Geschichte
(Theodor Lessing)

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An einem schönen Sommerabend in Marienbad tragen zwei Männer eine lange Leiter zu einem Haus am Stadtrand, lehnen sie an die Fassade genau zwischen zwei Fenster und klettern hinauf. Hinter den Fenstern sitzt der Philosoph und schreibt. Die Männer ziehen ihre Revolver und schießen ins Zimmer auf den Schreibenden. Die Schützen heißen Eckert und Zischka, der tödlich Getroffene Theodor Lessing, und das Jahr neunzehnhundertdreiunddreißig. 

Lessings Leben ist damit zu Ende, seine »Philosophie der Tat« bleibt unvollendet. Eckert und Zischka, wie nicht anders zu erwarten, leben ungestört weiter. Eckert, nach dem Kriege in der Tschechoslowakei wegen Beihilfe zum Mord verurteilt, kehrt 1959 in die Bundesrepublik Deutschland zurück und fordert eine »außerordentliche Unterstützung«, da er »viel für das deutsche Volk geleistet« habe. Zischka hingegen wohnt bis zu seinem Tode 1978 unbehelligt in der Deutschen Demokratischen Republik, in der keiner den Namen Theodor Lessing je gehört hat. Das Parteimonopol in Sachen »Philosophie« hätte ohnehin jede Publikation Lessingscher Bücher und Aufsätze verhindert.* 

Sowenig er mit seinem Denken in die Weimarer Republik gepaßt hat, sowenig paßte er in die deutschen Nachfolgestaaten. Er war, mit einem aktuellen Klischee gesagt: ein Querdenker. Und er war, was ihm Feindschaft bis weit übers Grab hinaus eintrug, ein prophetischer Aufklärer, ein unkorrumpierbarer Mahner, ein Satiriker von hohen Graden, eine Gestalt, die, dank ihrer Vorahnungen und Weitsicht, der eigenen Epoche unerhört weit vorausgewesen ist.

* Erst 1987 erschien im Gustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar der Auswahlband: Theodor Lessing, »Wortmeldungen eines Unerschrockenen«.


Lessing entstammte einer alten jüdischen Familie in Hannover, wo er sich, nach wechselnden Studiengängen, auch habilitierte, um an der dortigen Technischen Hochschule als Privatdozent seine Vorlesungen abzuhalten. Man hatte es ihm schon während seiner Studienzeit übelgenommen, daß er Feuilletons schrieb, Theaterrezensionen und Kritiken für die Presse. In Hannover kam es zum Eklat, nachdem er einen Aufsatz über Hindenburg veröffentlicht hatte: die Rechte, von der NSDAP bis zu den Korporierten, schäumte. Lessing wurde, auch mit physischer Gewalt, von dieser Hochschule vertrieben; er verlor die Lehrerlaubnis - und ernährte sich künftig mit Artikelschreiben. 

Die Geschichte seines Lebens, in einer außerordentlich einfühlsamen und historisch genauen Biographie von Rainer Marwedel (Luchterhand) vorliegend, widerspiegelt die Geschichte Deutschlands, vor allem die Geschichte der gescheiterten Symbiose von Juden und Deutschen. Marwedel - und er scheint mir der erste zu sein, der diese Analyse wagt - deckt die psychischen Voraussetzungen und Verknüpfungen jüdischer Bildungsbürger für und mit politischen Emanzipationsbewegungen auf; die Assimilationsversuche, das Zwiespältige, die Ambivalenz, die darin bestand, die jüdische Identität aufzugeben, ohne, im Auge der Umwelt, eine hundertprozentig deutsche erlangen zu können. Aus dieser Situation mußte notwendigerweise ein spezifisches und extrem empfindliches Bewußtsein erwachsen, das subtil auf jegliches Geschehen reagierte. Das soziale Engagement Lessings beispielsweise resultierte nicht zuletzt aus dieser Erbschaft.

Lessing, für seine Zeit ungewöhnlich, scheute sich nicht, ein männlicher »Feminist« zu werden, der in einem 1904 geschriebenen Buch die »Überlegenheit der weiblichen Intellektualität« nachzuweisen suchte. 

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Sich für Unterdrückte und Mißachtete einzusetzen, war ihm Selbstverständlichkeit. Und die Frauen gehörten für ihn zu dieser Gruppe, deren Unterwerfung bekämpft werden mußte. Er reiste umher und hielt Vorträge: Die Frauen sind, ihm zufolge, biologisch prädestiniert, die Leitung und Regulierung gesellschaftlicher Funktionen zu übernehmen, denn nach seinem, Lessings Notprinzip (der rationalen Verdichtung psychischer Kraft) sind Frauen das rationalere Geschlecht. Ihre Leidensgeschichte befähige sie zu größerem Beharrungsvermögen, zu mehr Geduld und Langmut. Die Not hat eine rationale Spur, sie vertieft und befestigt den ganzheitlichen Zusammenhang der weiblichen Identität. Aus dem, was Lessing »Philosophie der Tat« nannte - ein zwangsläufig unabgeschlossenes Denkgebäude -, zog er praktische Konsequenzen: Philosophie müsse in den gesellschaftlichen Prozeß eingreifen und jedes reine Lehrbuchwissen verabschieden.

Im Jahre 1900 schrieb Lessing zwei große Aufsätze über den Großstadtlärm, 1908 richtete er in seiner Wohnung ein Büro ein: der Antilärm-Verein war gegründet. Natürlich wurde er von allen Seiten verhöhnt: »Die Antilärmiten« hatten unter dem Gespött der vielen uneinsichtigen Zeitgenossen nicht wenig zu leiden, besonders die Automobilclubs verharmlosten den Lärm ... Umweltschutz und Tierschutz waren ebenfalls bevorzugte Themen. Er scheute nicht davor zurück, sich polemisch mit dem jüdischen Bürgertum auseinanderzusetzen, das permanent seine Herkunft zu verdrängen suchte, und prompt meldete sich Thomas Mann zu Worte, gegen die »antisemitischen Verleumdungen« des Doktor Lessing, und nannte ihn, scheinbar philosemitisch: ein »Schreckbeispiel schlechter jüdischer Rasse« sowie »Zionist und Conferencier für Damen«, ein »alternder Nichtsnutz« - damit lieferte Thomas Mann den Antisemiten im Lande Munition, unter der Reputation seines Namens. Und wie reagierte Lessing? 

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»Dies Geschehnis nun aber war es, was mich zu dem erweckte, der ich nachmals geworden bin: Psychologe am Geist, Skeptiker an der Kultur.« Nun - diese Skepsis war durch einen seiner geistigen Paten, durch Schopenhauer, gut vorbereitet. Und doch kam eine merkwürdige Komponente hinzu, die man wohl bei den »Fachphilosophen« vergeblich gesucht haben würde. Lessing war mit fernöstlichem Denken in Berührung gekommen, falls man das verkürzt so bezeichnen kann; ein Denken, das in den kritischen Aspekt seiner Untersuchungen eingegangen ist und ihm den verfremdenden Blick auf die europäische Zivilisation erleichterte.

Mich hat, muß ich gestehen, am meisten sein Buch »Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen« beeindruckt, ein Werk, dessen Lektüre man nie beenden kann, immer aufs neue blätternd, immer aufs neue angeregt, wie man es zum Beispiel mit Montaigne treiben kann. Die Systematik des Buches verläuft nicht einbahnstraßenartig, sondern »spiralförmig«, so daß stets neue Facetten des Themas Geschichte hervortreten; psychologische, soziale, philosophische, ökonomische, philologische, ein lebendiges Kreisen um den Stoff, und ich bin geneigt, das folgende Zitat als Programm anzusehen:

»Das Bewußtsein mitsamt den von ihm umfaßten Inhalten ist kein fließendes Kontinuum, sondern ist intermittierend gleich einem immer wieder verlöschenden und neu auflodernden Fünkchen. Gerade darum, weil Bewußtsein inter-mittiert, kann es nur annäherungsweise zum Spiegel lebendigen Lebens werden. Notdürftig überbrückt der Geist diese Kluft durch die Hypothese des Unendlich-Kleinen, durch welche jeder kontinuierliche Vorgang gedacht wird als zusammengesetzt aus unendlichen vielen uns unbekannten Elementen der Differentialen, die uns immer nur durch ihre Summe, ihre Integrale bekannt sind. So jagt denn unser funkengleich aufleuchtender Geist dem unhaschbar verfließenden Leben nach, welches selbst durch die zartesten Maschen seines Netzes ihm entschlüpft, bis er das allerzarteste Ge-

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spinst einer aus unendlichen Ruhepunkten zusammengesetzt gedachten Bewegung ihm überwirft. Aber auch noch dieser Gedanke ist Mechanik. Die Welt der Geschichte, sofern sie uns als Bewußtseinswirklichkeit gegeben ist, ist nie das Lebendige selbst. Der Geschichtsschreiber mag, so fein und zart, so geduldig und gewissenhaft wie er will, dem Leben nachspüren: nie wird er es erreichen.«

Und in einem anderen Kapitel: »Schließlich geraten alle konkreten Erlebnisse wirklicher lebendiger Menschen (sofern diese überhaupt bekannt und den konkreten Menschen selber je erfaßbar sein sollten) vollkommen in Vergessenheit. An ihre Stelle tritt die historische Wirklichkeit und ihre Motivationskette und -einheit, d. h. eine Welt bloßer Analogie; genau wie an Stelle der lebendigen Naturerlebnisse die gedachte und mechanische Welt der Naturforschung tritt. Darum scheue ich nicht zu behaupten, daß das Ziel der Geschichte, dieser vermeintlichen Wirklichkeit, auf Mechanik hinausläuft.«

Hier ist mit nüchternen Worten schon sehr früh (1914) der Teufel an die Wand gemalt, von dem wir inzwischen regiert werden, ohne daß wir den Übergang gemerkt hätten. Lessing hat mit diesem Buch und seinen anderen Arbeiten tatsächlich getan, was den Titel für einen seiner Texte hergibt: »Ich warf eine Flaschenpost ins Eismeer der Geschichte«. Wie wahr! Und selbst wenn uns diese an unserer superzivilisatorischen Küste erreicht haben würde, wir, die rettungslos verspäteten Adressaten, wären doch keineswegs mehr imstande gewesen, unser Fatum umzukehren.

Geschichte, sagt Lessing, ist nichts anderes als die nachträgliche Sinn-Unterstellung für Ereignisse, die in sich gar keinen Sinn haben können: 

»Wenn ein Historiker oder Geschichtsphilosoph schon a priori weiß und überzeugt ist, daß z. B. das Bestehen des Deutschen Reiches oder das lutherische Christentum oder die Logoslehre Hegels oder sonst etwas ein Wert und der Höhepunkt einer Entwicklung ist, dann ist's eben kinderleicht, alle nur möglichen Geschehnisse der Vorwelt auf diesen Höhepunkt hin zu orientieren.«

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Geschichte, schreibt Lessing, sei bloß ein heilsamer Akt der Selbsttäuschung, ohne welche wir nicht lebensfähig wären: »Gerade als ob die seelendünne Maschinenwelt sich immerfort beweisen müsse, daß sie fröhlich sei und lebe, verkündet sie von jeder Kanzel und von jedem Lehrstuhl herab die bekannten anfeuernden Formeln: Leben, Freude, Tat, Anschauung, Sinnlichkeit, Weltbejahung (oder wie sonst immer die rauschersetzenden Schlagwörter lauten, die als Brücken und Krücken benötigt werden). Der nüchterne Geschichtspessimismus erhält demgegenüber den Makel der Ungesund-heit...«

Man mochte Zitat auf Zitat häufen, Indizien für unsere zur Megamaschine mutierte Welt, die, wie alle Maschinen, mittels ihrer Funktion auch ihren eigenen Verschleiß, ihre eigene Zerstörung bewirkt. Lessings Mitteilungen aus seinem kassandrischen Kopf sind keine frohe Botschaft. Bald achtzig Jahre nach seinen Schlußfolgerungen sind wir kein bißchen weiser geworden. Gläubig glotzen wir auf eine technische Innovation nach der anderen, verblendet und überzeugt, nun würde endlich der Apokalypse vor unserer Haustür Einhalt geboten; nun würde endlich Schluß gemacht mit dem Gift im Wasser, in der Luft, im Brot, in den Küssen und den Umarmungen. Immer noch gelten Utopien als glaubhaft, ja, als Stärkungsmittel gegen die Not menschheitlicher Auswegslosigkeit - diese letzte Droge des Intellekts ist seine tödlichste.

Auch Lessing spricht von Vernunft, doch nicht als Anbeter, wenn er sich auf den Menschen bezieht: »So verfällt er der Täuschung, sich für ein Vernunftwesen, ja sogar eine Macht hinter der Welt für vernünftig zu halten. Es könnte aber sein, daß der ausschätzende Mensch nur an eine notwendige Täuschung sich anklammert und Vernünftigkeit der eigenen Natur vorspiegeln muß, um dank solcher Täuschung ein Ideal der Ordnung in unendlicher Annäherung verwirklichen zu können. Es ist, als ob in den dunklen Massen ferne Ahnung davon dämmere, daß die Verlockung zu Bildung und Aufklärung sie hineintreibe in wachsende Ernüchterung und Entzauberung, bis Bewußtwerdung in Logik und Ethik das Leben gleichsam vergletschern macht. Darum fordert der Mensch zuerst und vor allem, über Wahrheit und Wachheit hinweggetäuscht zu werden. Er liebt und bewundert den Verklärer und tötet den Aufklärer ...«

So geschehen am 30. August 1933, unter mittelbarer und unmittelbarer Beihilfe aller, die sich der Täuschung verschrieben hatten.

60-61

(17.4.1992) 

 

 

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