2010 Detopia

Martin Miller

Das wahre <Drama des begabten Kindes>

Die Tragödie Alice Millers

2013 by Kreuz Verlag, Freiburg, 176 Seiten

Audio  Lesebericht Von Ulfried Geuter 2013 

Audio  Interview mit Martin Miller 2013 

 

2013 dradio.de kritik/2307509  #  Besprochen von Ulfried Geuter

Die Erziehungskritikerin Alice Miller wurde mit ihren Büchern über die Dramen der Kindheit weltberühmt. Dem eigenen Sohn gegenüber war sie jedoch eine abweisende Mutter. Martin Miller führt dies auf ihr Holocaust-Trauma zurück - doch statt mit ihr abzurechnen, erzählt er ihr Leben nun als erhellende und berührende Tragödie.

Anfang der 1980er-Jahre wühlten ihre Bücher eine ganze Generation auf: <Das Drama des begabten Kindes>, <Am Anfang war Erziehung>, <Du sollst nicht merken>. Kinder, so die Botschaft von Alice Miller, werden von ihren Eltern benutzt, drangsaliert, misshandelt. Psychotherapie kann eine Hilfe sein, um in Auseinander­setzung mit den Schmerzen der Kindheit sein "wahres Selbst" zu finden.

Als Miller 1994 ihr erstes Buch <Das Drama des begabten Kindes> mit einer neuen Einleitung versah, konnte man spüren, dass etwas an der Art ihrer Botschaft nicht stimmte. Sie schrieb missionarisch, ihre Sprache wurde gewaltsam, und sie stellte die Kindheit schlechthin als "grausames Gefängnis" dar. Sie teilte die Welt in schwarz und weiß und verbannte den Zweifel.

Wenn wir jetzt das Buch von Martin Miller lesen, verstehen wir, warum sie es tat. Seine Mutter sperrte ihr eigenes Leid in ihrer Seele ein und verbarg zeitlebens ihre jüdische Herkunft.

Als Alicija Englard wurde sie 1923 im polnischen Piotrków in einer orthodoxen jüdischen Familie geboren. 1939 kam sie mit der Familie in ein Getto. Alicija konnte sich, ihre Mutter und ihre Schwester retten. Der Vater starb im Getto, die Großeltern wurden vergast. Alicija überlebte Krieg und NS-Herrschaft mit falschen Papieren in Warschau, immer in Angst vor einem Erpresser.

"Die extreme Ausbildung eines falschen Selbst rettete meiner Mutter während des Krieges das Leben", schreibt der Sohn.

An diese Erfahrung wollte sie nie erinnert werden. Zu Hause wurde nie darüber gesprochen. Der Sohn erfuhr ihre Geschichte erst, als er nach dem Tod seiner Mutter bei überlebenden Verwandten recherchierte.

Aber er erfuhr die Nachwirkungen am eigenen Leib: Alice Miller gab ihn in seinen ersten sechs Lebensmonaten weg. Mit sechs Jahren kam er für zwei Jahre in ein Heim. Der Vater, mit der Mutter nach dem Krieg aus Polen in die Schweiz gekommen, war gewalttätig. Die Mutter schützte ihr Kind nicht.

Als Martin erwachsen war, meldete sie ihn ohne sein Wissen zu einer Therapie an und verfolgte ihn in Briefen mit Vorwürfen, wie gestört er sei. Martin Miller druckt diese Briefe ab. Heute vermutet er, dass seine Mutter deswegen so hasserfüllt auf ihn losging, als er sich von ihr nicht "retten lassen" wollte, weil sie ihren Vater vor dem Tod im Getto nicht hatte retten können.

Als die Mutter alt war, wurde sie von Schuldgefühlen geplagt. Aber sie und ihr Sohn fanden nicht mehr zueinander.

Das gelingt Martin Miller erst nach ihrem Tod mit diesem Buch. Er erzählt die Geschichte seiner Mutter als Tragödie, ohne mit ihr abzurechnen und ohne sie zu glorifizieren. Und er bewahrt die Wertschätzung für ihr Werk. So hat er ein berührendes und erhellendes Buch geschrieben, voller Verständnis für zwei verwundete Seelen: ihre und seine.

 

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"Es war nicht schön, der Sohn von Alice Miller zu sein" 

Moderation: Liane von Billerbeck, 2013    dradio.de/dkultur/sendungen/thema/2264445/ 

Die Psychotherapeutin Alice Miller gilt als eine der Vorreiterinnen im Kampf um die Würde des Kindes gegen Misshandlungen und sexualisierte Gewalt. Ihre Bücher, insbesondere "Das Drama des begabten Kindes" und "Die Suche nach dem wahren Selbst" wurden Weltbestseller und gingen hart ins Gericht mit der traditionellen Pädagogik. Alice Miller hat die heutige Idee von Erziehung beeinflusst und geprägt. Einer breiten Öffentlichkeit viel weniger bekannt jedoch ist ihre eigene Biografie. 1923 in Polen geboren, in eine orthodoxe jüdische Familie, die Familie wurde von den Nazis verfolgt, der Vater ermordet, während Miller versteckt überlebte. Dennoch war von der Traumatisierung als Verfolgte und Überlebende Jüdin nach Millers Neuanfang in der Schweiz und nach ihrem Ruhm keine Rede. Dass dieses Trauma dennoch weiter wirkte und ihrem eigenen Kind eine alles andere als glückliche Kindheit beschert hat, das erzählt jetzt der Sohn Martin Miller in seinem gerade erschienenen Buch <Das wahre Drama des begabten Kindes> heißt es, <Die Tragödie Alice Millers>.

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Martin Miller ist jetzt bei uns im Studio, herzlich willkommen!

Martin Miller: Danke, dass ich kommen konnte!

 

Billerbeck: "Es war nicht schön, der Sohn von Alice Miller zu sein, im Gegenteil, und trotzdem war meine Mutter eine große Kindheitsforscherin", habe ich da gelesen. Wenn der Sohn dieser großen Kindheitsforscherin ein Buch schreibt, da erwartet oder befürchtet man eine Abrechnung mit dieser vor drei Jahren gestorbenen Mutter. Vom Ton her ist das aber ein fast nüchternes Buch. Wie schwer ist Ihnen das gefallen?

Miller: Als ich das begonnen habe vom Konzept her, habe ich natürlich schon diese Rachegefühle, und die sind ganz spontan hochgekommen, hab ich diese Rachegefühle gehabt. Und ich habe dann zufälligerweise die Sendung der Kohl-Brüder mit Markus Lanz gesehen, und da bin ich erschrocken, als ich gesehen habe, wie die über ihren Vater und wie sie da in dieser Situation mit der Aufarbeitung ihres Erlebens gegenüber ihrem Vater umgegangen sind. Und ich habe mir gedacht, nein, das darf ich so nicht machen.

Und ich habe mir da, weil ich ja auch professionell als Therapeut arbeite und dank meiner Lektorin, die mich gut geführt hat, würde ich heute sagen: Wenn man solche Rachegefühle hat und ein Abrechnungsbuch schreiben will, dann ist man immer noch in dieser kindlichen, wütenden Position steckengeblieben.

Und auf der anderen Seite der Skala geht es ja um die Lobhudelei. Das könnte nämlich auch passieren, nicht nur ein böses Buch. Sondern man könnte eigentlich seine Eltern nur gut sehen, idealisieren. Das sind beides eigentlich sehr kindliche, infantile Verhaltensmuster.

Und mir ist es gelungen, auf eine erwachsene Art, auf Augenhöhe mit meiner Mutter, dieses Buch zu schreiben. Und so konnte ich auch verschiedene Perspektiven einbringen, sei das als Therapeut, sei das als Fachmann, sei das auch als Sohn, der etwas erlebt hat, aber der Erwachsene vertritt das Kind. Das ist eigentlich auch ein Therapieziel.

 

Billerbeck: Nun müsste man ja schildern, was da eigentlich geschehen ist. 1950 wird ein Kind geboren in Zürich, es nimmt die mütterliche Brust nicht, es wird weggegeben zu einer Bekannten. Als der Junge sechs ist, wird eine Schwester geboren mit Down-Syndrom. Er, der Sohn, der Bettnässer kommt ins Heim, wo die Eltern ihn nie besuchen, nicht mal am ersten Schultag. Mit acht kommt er zurück in die Familie, fühlt sich als Ausländer, die Eltern sprechen miteinander polnisch, und mit 17 bittet er darum, ins Internat zu kommen, das katholisch und hart ist, aber immer noch besser als die Familienhölle. Das könnte eine Fallgeschichte aus der Praxis der berühmten Psychologin Alice Miller sein, das war aber Ihr Leben, Herr Miller. Da müssen Sie sie doch gehasst haben.

Miller: Ich denke, wenn man von Hassgefühlen spricht, muss man sich immer klar bewusst sein, dass solche Gefühle jemanden auffressen. Und ich denke, das Gegenteil von Hass ist ja nicht Verzeihen, aber ich denke, wenn man im Prinzip die Stärke hat, sich mit den Realitäten, so wie sie sind, auseinanderzusetzen und die als Realität zu akzeptieren, kann man auch verstehen. Und ich denke, indem ich diese Biografie auch aus der Perspektive meiner Mutter verstanden habe, konnte ich mich distanzieren und ich konnte mich lösen.

Also, ich würde sagen, das Allerwichtigste ist, wenn man nicht in den Hassgefühlen stecken bleiben will, die unwahrscheinlich selbstdestruktiv sind, muss man in der Lage sein, sich zu lösen. Also das heißt, ich in meiner Erwachsenenfunktion und ich in meinem erwachsenen Selbst­verständnis bin eigentlich der heutige liebevolle Ansprechpartner für das, was in meinem Inneren psychisch passiert. Und ich denke, dann habe ich auch diese Hassgefühle nicht.

Und im Übrigen: Ich habe eigentlich nie Hassgefühle gehabt meinen Eltern gegenüber, auch wenn die noch so schlimm waren. Aber ich bin stinkesauer geworden oder wütend, aber konnte diese Wut auch nicht artikulieren. Diese Verletzungen, die tun immer noch weh, aber man geht heute anders damit um.

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Billerbeck: In Ihrem Buch habe ich gelesen, dass Sie wussten, dass Ihre Mutter bis zu ihrem Tode peinlichst darauf geachtet hat, dass nichts Persönliches von ihr an die Öffentlichkeit dringt. Aber wenn man die Biografie Ihrer Mutter liest, und die kommt ja vor in Ihrem Buch, dann hat man doch das Gefühl, diese Alice Miller war ein Opfer, eine Überlebende der Verfolgung. Ihr Vater ist von den Nazis ermordet worden, viele Bekannte, Millionen Juden - was um alles in der Welt hat sie gefürchtet?

Miller: Man muss das von einer ganz anderen Seite her betrachten. Jemand, der in einer ganz bestimmten Art und Weise, ich will mal sagen, eine Strategie entwickelt hatte, zu überleben, der kann, wenn das vorüber ist, nicht einfach so aussteigen. Meine Mutter konnte nicht ihr Trauma verarbeiten. Heute haben wir Möglichkeiten, aber auch die werden noch viel zu wenig genutzt.

Und man muss es so verstehen, dass Menschen so in diesem Muster drinstecken und je mehr sie dann auch wieder im normalen Leben leben, sämtliche Impulse, die von der Außenwelt kommen, werden eigentlich immer mehr in dieses bekannte Muster eingewoben, und es wird eigentlich immer schlimmer. Also das heißt, meine Mutter konnte nie mehr später, bis zu ihrem Tod, aus diesem Muster aussteigen. Und das hat natürlich im Umgang mit mir oder mit anderen Menschen brutalste und schlimmste Konsequenzen.

Und solche Menschen werden dann auch mit der Zeit destruktiv. Und ich hab da schon eine ganze Portion davon mitbekommen. Aber ich denke, sie hat sicher ab und zu ein schlechtes Gewissen gehabt, aber dieses Verhaltensmuster war so stark, das heißt auch, die damit verbundenen Ängste, und das war eigentlich die Leitschnur, nach der sie gelebt hat.

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Billerbeck: Nun ist ja inzwischen Einiges erforscht, man weiß, welche Rolle verdrängte Traumata aus Verfolgung und Krieg spielen, und zwar auch für die nächste und sogar übernächste Generation, also die Kinder und Enkel. Ihre Mutter wusste ja auch um die Wirkung von Verdrängung solcher Traumata. Wieso hat sie das für sich selbst nicht erkennen können? Sie war ja eine Fachfrau.

Miller: Sie wissen ja, dass Theorie und Praxis oft nicht miteinander kompatibel sind. Verstehen Sie, meine Mutter hatte geistig eine gewisse Freiheit, konnte darüber sprechen, aber durch diese Abspaltung, das war für sie so normal, dass sie in diesem Schema drin lebte.

Es gab viele Möglichkeiten, wo sie auch dieses Verhalten oder dieses Leben, obwohl das mit früher was zu tun hatte, so für sie eigentlich normal war, dass es ihr nie aufgefallen ist, dass sie ein Trauma verdrängen würde. Und gegen Ende des Lebens, als dieses Trauma unter Umständen aktiviert wurde wie immer wieder, aber wo sie es hätte merken können, hat sie natürlich irrsinnig stark oder sehr stark ihre eigene Familie ins Visier genommen oder mich oder meinen Vater, mit dem sie eigentlich nichts mehr zu tun hatte. Der war schon '99 gestorben, und immer noch hat er nachgewirkt.

 

Billerbeck: Es war ja so, dass einmal, als Sie selbst in eine Krise gerieten, Sie, der Sohn, und sich psychologische Hilfe holen wollten, da hat ihre Mutter eine Art psychologischen Guru empfohlen, Konrad Stettbacher, bei einer Schülerin waren Sie dann in Therapie, und die Tonband­aufzeichnungen, die dabei angefertigt wurden, die gingen dann an Stettbacher, und der besprach sie mit Ihrer Mutter. Das ist doch der doppelte Verrat. Da hat die Mutter verraten und die Therapeutin - konnten Sie damit leben?

Miller: Nein. Also ich habe im Nachhinein mich dann sehr intensiv mit Sekten und mit Sektenopfern beschäftigt. Und ich muss sagen, ich betrachte mich da eindeutig als Opfer in einer sektenähnlichen Organisation. Und ich verstehe viele Leute, jeder sagt, aber das ist doch eigentlich logisch, da kannst du doch aussteigen, da kannst du doch machen, was du willst - man ist dermaßen hilflos, man ist dermaßen gefangen, man hat keine Chance, da herauszukommen. Ich weiß selber nicht, wie es mir am Schluss gelungen ist, mich da noch durchzusetzen. - Und meine Mutter hat sich eigentlich nie echt entschuldigt, sie hat sich nie erkundigt, wie ist es dir eigentlich dort ergangen. - Sie hat im Prinzip sich selber wieder den Kopf aus der Schlinge gezogen und ist wieder zur Tagesordnung übergegangen. - Ich selber habe Jahre gebraucht, bis ich dieses Verfolgungstrauma verarbeitet habe. Und ich muss sagen, also, ich verstehe heute viele Menschen, die Opfer von Sekten werden. Man wird das manchmal, ohne dass man es merkt. Und man kann auch nichts dagegen machen.

 

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Kundenrezensionen Amazon

Großer Respekt vor Martin Miller # Von Berliner 2013

Als ich vor knapp zwei Wochen im Tagesspiegel von Martin Millers Buch erstmals gelesen hatte, war ich regelrecht geschockt. Die Erkenntnisse von Alice Miller haben mir in einer schwierigen Zeit enorm geholfen, mich selber besser zu verstehen. Eine psychologische Beraterin, der ich sehr viel verdanke, hat mir ihre Werke empfohlen. Insbesondere Alice Millers "Am Anfang war Erziehung" gehört für mich zu den wichtigsten Büchern, die ich überhaupt je gelesen habe. Um so verwirrter war ich, was ich in diesem Zeitungsartikel über die "reale" Alice Miller und das Leid ihres Sohnes erstmals erfahren habe. Mit durchaus gemischten Gefühlen habe ich mir daher Martin Millers Buch vorbestellt und nun gelesen.

Nach dem erwähnten Zeitungsartikel empfand ich eine diffuse Sorge, dass ich bei Alice Miller quasi einer Art Täuschung aufgesessen bin. Aber Martin Miller rechnet in seinem Buch nicht mit Alice Miller und erst recht nicht ihrer Arbeit ab, sondern betont in seinem Buch vielmehr die Wichtigkeit ihrer Erkenntnisse. Aber er führt diese Erkenntnisse seiner Mutter quasi auch in entscheidenden Punkten weiter.

Mit Weiterführen meine ich persönlich dabei vor allem, dass bei Alice Millers Werken vielfach eine massive Unversöhnlichkeit gegenüber Eltern erkennbar war. Es erschien mir manchmal so, als wäre nach Alice Miller das kompromisslose Einfühlen in das innere Kind nur um den Preis zu haben, dass man die Eltern kompromisslos ablehnt.

Es ist sicherlich enorm wichtig ist, dass man das eigene Leid als Kind nicht nachträglich nivelliert, nur um sich um des lieben Friedens willen in Übereinstimmung mit dem Vierten Gebot mit den Eltern zu versöhnen. Aber ebenso wichtig - und das nehme ich aus Martin Millers Buch mit - ist, dass es nicht reicht, das innere Kind zu erkennen, zu bedauern und sich über das Verhalten der Eltern zu empören, sondern man muss dem eigenen inneren verletzten Kind schlussendlich hier und heute empathisch begegnen, damit man in der Gegenwart leben kann und nicht in der Vergangenheit bleibt.

So kann man vielleicht auch (muss man aber nicht - das ist ganz individuell) einen echten Frieden mit seinen Eltern machen: nicht indem man ihnen zwanghaft verzeiht, sondern indem man emanzipiert Verantwortung für sein Leben in der Gegenwart und Zukunft zu übernehmen bereit ist.

Martin Millers Mutter blieb tragischer Weise offenbar - anders als Martin Miller - trotz aller ihrer bahnbrechenden Erkenntnisse eine Gefangene ihrer Geschichte - ein Drama für Alice Miller, aber erst recht für Martin Miller.

Martin Miller gebührt großer Respekt für sein Buch.

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In vielerlei Hinsicht empfehlenswert   #   Von Enrica 2013

Jedem, der sich auch nur ansatzweise mit Alice Miller, ihren Erkenntnissen und Werken beschäftigt hat, kann das Buch von Martin Miller in vielerlei Hinsicht nur stärkstens empfohlen werden. Es hat viele Fragen beantwortet, die ich mir über den Menschen Alice Miller gestellt hatte – die meisten davon so, wie ich es vermutet hatte.

Der Name Martin Miller als Autor und Sohn der berühmten Alice Miller macht schon allein neugierig auf sein Buch; auf seine Perspektive und weckt daher gewisse Erwartungen im Leser. Meine wurden bei Weitem übertroffen! Nicht nur, dass ihm die Gratwanderung gelungen ist, seine eigene, höchst tragische Geschichte als Sohn darzustellen, dessen Erleben seiner Mutter in krassem Gegensatz zu dem steht, was Alice Miller so vehement für alle Kinder gefordert hat- es ist ihm gelungen – so, wie er es vor hatte - in keinster Weise die wichtigen und bahnbrechenden Erkenntnisse von Alice Miller zu schmälern. Alice Millers Erkenntnisse waren sehr wichtig und ein Durchbruch auf dem Gebiet der Kindheitsforschung. Doch vor allem war sie ein “durchschnittlicher” Mensch, weder ein Übermensch noch ein Guru. Oft sehen Menschen gerade die Seiten an sich selbst nicht, die sie selbst nicht haben wollen oder gar verabscheuen. Auch wenn es “menschlich” ist, in dem Sinne, dass es viele Menschen “so” machen, oft verletzen sie damit gerade diejenigen, die um sie herum sind und machen sich damit quasi unmenschlich. Es ist keine Frage des Intellekts. So war es auch bei Alice Miller und so war es auch schon zu vermuten. Und somit ergänzt das Werk von Martin Miller m.E. die Werke von Alice Miller auf einzigartige Weise.

Es gelingt Martin Miller außerdem - und das ist eine wichtige und zentrale Botschaft - den Leser für die Auswirkungen von Kriegstraumata zu sensibilisieren, und zwar nicht nur was die Traumatisierung derjenigen angeht, die Kriegsereignisse als Teilnehmer, Frauen, Alte oder Kinder erlebt haben, sondern weit darüber hinaus die massiven Auswirkungen auf die zweite, dritte und folgende Generationen – ein vielschichtiges Thema, dem hierzulande noch viel zu wenig Bedeutung beigemessen wird. Sicher werden einge Leser hierdurch angeregt, ihre eigene Geschichte zu reflektieren.

Was meine Erwartungen allerdings noch stärker übertroffen hat, und zwar im negativen Sinn, ist die Art und Weise, mit der sich einige Rezensenten und Kommentatoren, offenbar Anhänger von Alice Miller, in ihren Kommentaren zum Buch von Martin Miller äußern. Die Respektlosigkeit gegenüber dem Autor ist teilweise beispiellos und verachtenswert! Leider erlebe ich es im deutschsprachigen Raum nicht zum ersten Mal, dass Personen, die ihre eigenen Erlebnisse, Erkenntnisse und Wahrnehmungen zum Ausdruck bringen, derart rabiat, fast vernichtend und jenseits des gebotenen Respekts begegnet wird. Ich halte es für erschreckend und für ein Armutszeugnis, dass es offenbar selbst dann nicht selbstverständlich ist, eine abweichende Meinung auf respektvolle Art und Weise zu äußern, wenn es um die Themen Beziehung und Trauma geht!

Vielen Dank an Herrn Miller für seinen Mut, dieses erhellende Buch zu schreiben und zu veröffentlichen.

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Beantwortete Fragen - Von Michael Bender am 1. Oktober 2013

Ich habe mir das Buch sofort gekauft als ich von der Veröffentlichung erfuhr. Hier beantwortet Martin Miller eine Frage, die ich mir bei der Lektüre der Bücher von Alice Miller gestellt habe. Sie stellte in ihren Büchern da, wie verdrängte Missbrauchstraumata sich in der Gegenwart zwangswiederholen wenn sie nicht aufgearbeitet wurden. Mir machte sie klar, unter dieser Voraussetzung ist das Erwachsen-sein nur eine potenzierte Rekonstruktion der eigenen Kindheit. Dabei stellte ich mir zwangsläufig die Frage, was ihre eigene Geschichte ist. Zumal sie in ihren eigenen Veröffentlichungen selbst eine Schweigemauer vor ihr eigenes Schicksal gebaut hatte.

Auch mich hat das Buch zunächst irritiert, da Alice Miller offenbar niemals ihre eigene Theorie auf ihr Leben anwenden konnte. Menschen, die gegenteilig zu ihrem Reden handeln, halte ich für gewöhnlich für Heuchler. Ich war bestürzt über Martins Erfahrungen mit seiner Mutter, überrascht hat es mich jedoch nicht. Dass sie in die Psychoanalyse ging, war wahrscheinlich auch ihrer speziellen und eigenen Kriegserlebnissen geschuldet und hat eben auf diese Weise einen Ausdruck gefunden wie die mitunter genialen Künstler die sie analysierte. Paradoxerweise agierte sie selbst aus und reihte sich letztlich unter die Täter ein, die ihre eigenen Kinder als Projektionsfläche missbrauchten.

Martin Miller war für mich eine Pflichtlektüre. Sein Einblick in die Vergangenheit seiner Mutter und die Übertragung auf ihr späteres Leben als Mutter und Autorin hat meine Frage beantwortet und mich auch tief schockiert. Martin Miller spielt weder das verletzende und tragische Verhältnis zu seiner Mutter herunter, noch rächt er sich mit diesem Buch an seiner Mutter. Weder idealisiert er, noch wertet er ab.

Letztendlich zweifle ich nicht an der Wirkung der Bücher von Alice Miller. Die positive und befreiende Wirkung habe ich an eigener Haut erfahren und das konnte, so denke ich jedenfalls, auch nur durch Millers absolute Radikalität geschehen. Auch Martin Miller bestätigt dies, jedoch sieht er die Arbeit seiner Mutter nur als eine (notwendige) Stufe einer mehrstufigen therapeutischen Behandlung.

Fünf Sterne habe ich gegeben, weil Martin Miller mir mit diesem Buch einen persönlichen Abschluss gegeben hat, den Alice in ihren Bücher offen ließ, und dabei ähnlich intelligent und einfühlend argumentierte und recherchierte wie seine Mutter.

"Das wahre 'Drama des begabten Kindes'" Von unerzogen 2015

Es gibt Bücher, aus deren Lektüre kommt der Leser mit einem anderen Menschenbild heraus, er sieht sich selbst und die Mitmenschen aus einer neuen Perspektive. Bücher, die dieses Potential in sich bergen, sind die von Alice Miller. Drei Jahre nach ihrem Tod hat nun ihr Sohn Martin eine Biographie seiner Mutter herausgebracht, die einen intimen, anerkennend-verstehend-kritischen Blick hinter das von ihr so sorgfältig gehütete Geheimnis ihrer Familie und tragischen Wechselschläge ihres Lebens schenkt.

So ist es erstaunlich zu erfahren, daß Alice Miller, die zwar die Rolle ihrer behinderten Tochter für die Entwicklung ihrer Einsichten erwähnte, ihren Sohn hinter einer „Schweigemauer“ versteckte. Dies ist umso befremdlicher, als Martin beim Entstehen ihrer ersten drei Werke, mit denen sie weltweit bekannt wurde, durch intensive Diskussionen eine Art Geburtshelferrolle gespielt hat. Für Martin Miller war diese Phase die einzige kurze Blütezeit intensiver Beziehung zu seiner Mutter. „Für einige Jahre hatten wir tatsächlich Frieden.“

Ein weiteres wichtiges Verdienst erwarb der Sohn sich bei der Entlarvung und Überführung eines Gurus und Scharlatans, dem Alice Miller blind aufgesessen war und der die Reputation ihres Lebenswerks gefährdete und gar Martin und weitere Patienten an den Rand des Suizids trieb. Alice Miller kam nie so weit, ihrem Sohn dafür dankbar zu sein – im Gegenteil – das wovor sie uns in ihren Büchern so drastisch warnt – die eigenen Traumata an Schwächere, insbesondere an Kinder, weiterzugeben – davon befreite sie sich in ihrer Beziehung zu ihrem ältesten Kind bis zum Lebensende nicht: „Die größte Angst meiner Mutter während des Krieges bestand darin, entdeckt, enttarnt zu werden. Genau in diese emotionale Befindlichkeit traf ich, als ich sie mit der Wahrheit über Stettbacher konfrontierte. Ich enttarnte sie ... und ich wurde ein Verfolger.“

Dieses Buch ist allen an Menschlichkeit Interessierten ans Herz zu legen und liest sich gleichzeitig wie ein vielschichtiger Tatsachen-Thriller, in welchem es dem Opfer (Martin) gelingt, einer ganzen Verschwörung von Tätern – Mutter Alice, Vater und dem Guru der Mutter, – auf die Schliche zu kommen, sich vom Gebot „Du sollst nicht merken“ zu befreien und sie ihrer Machenschaften zu überführen. Der misshandelte Sohn der „Anwältin der Rechte des Kindes“ erkennt dabei ihre Verdienste um die Antipädagogik ungeschmälert an, legt aber gleichzeitig ihre massiven Lebenslügen, ihre Widersprüche zwischen Theorie und Praxis in der Behandlung ihrer beiden eigenen Kinder offen.

Trotz ihrer Erkenntnis- und Entwicklungsschritte, die sie in ihren Büchern (und Martin Miller in seinem) offenbart, malte auch sie in ihrem Jahrzehnte dauernden Krieg gegen Martin „Bilder einer Kindheit“ und verletzte damit dessen Seele aufs schwerste. So wie Alice Miller Pionierarbeit geleistet hat, hat auch ihr Sohn eine weitere Tür zu mehr Klarheit und weiterer Forschungs- und Praxisarbeit aufgestoßen. Es lohnt sich zur besseren Verarbeitung, die Biographie selbst gründlich zu durchforsten wie auch in einige der Rezensionen, beispielsweise bei Amazon, hineinzuschauen.

Denn der Neuigkeitswert der Fakten kann zunächst verwirren: Wer von ihren Lesern hatte auch nur die geringste Ahnung davon, daß Alice Miller, die sich doch so sensibel in die Kindheit Hitlers – und damit in die der meisten Deutschen der Kriegs- wie auch der Adenauergeneration eingefühlt hatte – von ihrer Abstammung her Jüdin war und seit dem Überfall unserer Naziväter oder –großväter auf Polen für fünf Jahre unter ständiger Lebensgefahr stand? Wer hatte Ahnung davon, daß neben vielen ihrer Freunde und Verwandten die „wundersame, interessante … Welt“ ihrer Kindheit und Jugend „durch den Zweiten Weltkrieg und die Verfolgung der Juden … brutal vernichtet wurde(n).“?

Dennoch: Das was Alice Miller primär geprägt hat, lag vor 1939. Wie übermächtig auch immer der Naziterror auf ihr gelastet hat – nichts kann einen Menschen so verstören wie die Erziehungsjahre im Elternhaus. „Am Anfang war Erziehung“!

Das machen Martin Millers Enthüllungen über das tragische Unvermögen seiner Mutter, ihre Kindheits- und Kriegstraumata aufzulösen, nur um so deutlicher. Er nimmt seine Leser mit auf seine Expedition in vier Generationen Familien- und Zeitgeschichte und vermittelt ihnen einen einmaligen Einblick in die komplexe Entstehung von Alice Millers Ideen- und Bücherwelten.

Wenn durch die Enthüllungen ihres Sohnes Alice Miller als Heilige vom Sockel gestoßen wird, so tritt dadurch ihr menschliches Anliegen umso klarer hervor – nämlich, daß wir als Leser zur eigenen wie zur Heilung der Menschheit ihre Thesen von der Heiligkeit des Kindes in die Praxis umsetzen.

 

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