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 4. Unsere Zivilisation 

  

  

Zum erstenmal im Laufe der Geschichte steht der Mensch auf dieser Erde nur noch sich selbst gegenüber. (Werner Heisenberg)  

    

Es gibt keine Stille in den Städten der Weißen, keinen Ort um das Entfalten der Blätter im Frühling zu hören oder das Summen der Insekten." (Seattle)  

     

 

 

Die Technik   

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Die Überlegenheit des menschlichen Denkens realisiert sich in der technischen Zivilisation. Technik ist die Nutzbarmachung der rational gewonnenen natur­wissen­schaftlichen Erkenntnisse für die zivilisatorischen Bedürfnisse des Menschen. Technik umfaßt also Werkzeuge, Geräte und Maschinen, aber auch Verfahren, die vom Menschen durch sinnvolle, zielgerichtete Ausnutzung der Naturgesetze und -prozesse und durch Einsatz geeigneter Stoffe hergestellt, bzw. entwickelt werden. Durch ihren zweckmäßigen Gebrauch erweitern sie die begrenzten menschlichen Fähigkeiten vor allem bei der Arbeit und verbessern dadurch unsere Lebensbedingungen. Die Technik kommt zur Anwendung bei der landwirtschaftlichen, gewerblichen und industriellen Produktion, beim Verkehr, im Haushalt und neuerdings verstärkt im Informations- und Kommunikationswesen. Ohne Technik gibt es keine Zivilisation und keine Kultur.

Die Menschwerdung ist mit gekennzeichnet durch die Erfindung von Werkzeugen. Erste technische Errungen­schaften sind der Gebrauch von Faustkeil und Feuer. Die Feuererzeugung und -bewahrung schützte vor Kälte, schreckte gefährliche Tiere ab, diente der Nahrungsaufbereitung und -konservierung und der Herstellung der ersten Werkzeuge und Waffen. Um die Feuerstelle versammelte sich die Familie, sie förderte die Seßhaftwerdung und Zusammenrottung, allerdings damit auch die Übertragung ansteckender Krankheiten und mit Rauch und Staub die Entstehung von Krebs. 

Es folgte die Herstellung von verbesserten Geräten für Jagd und Kampf, beispielsweise von Beilen, Keulen und Pfeilspitzen, Bogen und Schleudern. Dazu kamen die ersten Keramikprodukte zur Aufbewahrung von Lebensmitteln.

Mit der Entdeckung der Metalle, mit der Herstellung von Geräten im Schmiede- oder Gießverfahren, erfuhr die Technik ihren ersten großen Durchbruch. Die Landwirtschaft gründete sich auf der Erfindung von Pflug und Rad, auf dem Ersatz der menschlichen Arbeitskraft durch Zugtiere sowie der Einführung von Bewässerungsanlagen. Spinnerei und Weberei schufen des Menschen Kleidung, das Bauwesen seine Unterkünfte und der Schiffsbau das erste Massenverkehrsmittel, hauptsächlich zum Transport von Waren aber auch zu Eroberungszwecken.

Die Entwicklung von militärischen Waffen trieb schon immer die Technik voran. Man denke nur an das Kriegsgerät zu Belagerungs- und Verteidigungs­zwecken im Altertum oder die Erfindung des Schießpulvers, die im ausgehenden Mittelalter die Kriegführung ganz entscheidend revolutionierte. Besonders die Renaissance brachte einen Aufschwung in der Erfindung technischer Geräte und Verfahren. Hier sei nur der Buchdruck erwähnt, der eine überragende Bedeutung für die kulturelle Entwicklung besaß und noch besitzt und die kulturelle Evolution erst richtig vorantrieb.

Die Dampfmaschine schließlich begründete die erste Industrielle Revolution. Durch sie und ihre Weiter­entwicklungen in Gestalt der Verbrennungsmotoren, sowie Elektromotoren und -generatoren, wurde die menschliche bzw. tierische Arbeitskraft mit der Zeit ersetzt und Eisenbahn, Dampfschiff, wie auch später das Automobil ermöglicht. Die Welt wurde kleiner durch Fernschreiber und Fernsprecher. Das technische Zeitalter revolutionierte im vorigen Jahrhundert so das Gewerbe, den Verkehr und die Kommunikation.

Schließlich eroberten sich in unserem Jahrhundert Flugzeug, Raketen und Satelliten den Luftraum bzw. das Weltall. Film, Rundfunk und Fernsehen wurden zu Massen­kommunikations­mitteln; die Kernkraft deckt einen Teil unseres wachsenden Energiebedarfs. Immer mehr wird durch Mikroprozessoren oder leistungsstarke Datenverarbeitungsanlagen kontrolliert, und gesteuert. Das Zeitalter der Roboter ist angebrochen.

Eine der wichtigsten angewandten Naturwissenschaften nach Umfang und Bedeutung ist heute die Chemie. Sie untersucht alle in der Natur vorkommenden Stoffe nach Eigenschaften, Zusammensetzung und Herstellungs­möglichkeiten. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen versucht sie veränderte oder neue Stoffe zu entwickeln, die uns irgendwie nützen und unsere Lebensbedingungen verbessern könnten.

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Schon im Altertum wurden Arzneimittel und Gifte hergestellt. Auf die Alchimie des Mittelalters und der frühen Neuzeit folgte dann die eigentliche Chemie mit wissenschaftlichen Methoden der Analyse und Synthese. Besonders die Synthese organischer Substanzen auf Kohlenstoffbasis aus Rohöl erlebte eine gewaltige Entwicklung. Sie brachte eine Unzahl neuer Stoffe hervor, die in unserem Leben allgegenwärtig sind. Die Fortschritte der Medizin gründen sich mit auf der Entdeckung zahlreicher wirksamer Medikamente. Die technischen Errungenschaften auf dem medizinischen Gebiet ermöglichen heute eine allgemeine Gesundheitsfürsorge.

So schätzt man heute die Zahl der allgemein im Gebrauch befindlichen Chemikalien auf über 4 Millionen, die Zahl der kommerziell vertriebenen Stoffe auf etwa 40.000. Die chemische Industrie produziert heute in großen Mengen künstliche Düngemittel, Vertilgungsmittel für "Unkräuter" und "Ungeziefer", Kunststoffe und Kunstfasern, Lacke und Farben, Seifen und Waschmittel, Pharmazeutika und Körperpflegemittel.

Die Entwicklung der Technik erfolgte in enger Wechselwirkung mit den Naturwissenschaften. Von Wissen­schaftlern erarbeitete neue Erkenntnisse wurden von Ingenieuren immer schneller in die Praxis umgesetzt. In der Technik kommt so der Fortschritt unserer Zivilisation zum Ausdruck. Zweifelsohne hat die Technik äußerst positive Auswirkungen auf unsere Lebensbedingungen, hat sie doch mühselige körperliche Arbeit, Hungersnöte und Epidemien wenigstens in den zivilisatorisch entwickelten Ländern zu Legenden werden lassen. Sie hat die Gesundheitsfürsorge verbessert und damit die Lebenserwartung mit erhöht, materiellen und ideellen Wohlstand erzeugt und jedermann befreit von den früheren Mühsalen beim Kampf um das tägliche Brot.

Technik wird immer großartiger, aber auch komplizierter. Muskelkraft und einfache Formen menschlicher Intelligenz werden von Maschinen ersetzt. Die Technik schafft so Freizeit, in welcher Schule und andere Bildungs­einrichtungen sowie Freizeitbeschäftigungen jedem eine persönliche Entfaltung ermöglichen, wie sie früher nur wenigen begünstigten gewährt war. Dazu kommen Reisemöglichkeiten, die den Massentourismus als neue Industrie aufkommen ließen. Wir haben in kurzer Zeit einen Lebensstandard entwickelt, der uns zwar selbstverständlich erscheinen mag, beim Vergleich mit den Verhältnissen in den unterentwickelten Ländern jedoch schändlichen Luxus darstellt.

Obwohl auf den Naturgesetzen basierend, läßt sich unsere Technik jedoch heute nicht mehr als der Natur untergeordnet bezeichnen. Vielmehr versuchen wir durch sie mit fragwürdigem Erfolg die Natur völlig nach unseren Vorstellungen umzugestalten, sie uns Untertan zu machen. Sie ist heute der Natur schon über­geordnet. Mit ihr schaffen wir uns eine uns genehme zweite Natur, eine Umwelt, die unnatürlich ist. An die Stelle der Biosphäre tritt eine "Techno­sphäre".

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In dieser neuen Umwelt ist die natürliche Selektion ausgeschaltet. Mit technischen Einrichtungen kann der Mensch sich an extreme Temperaturunterschiede, an Feuchtigkeit, Dunkelheit und dergleichen anpassen. Auch Tiere und Pflanzen unterliegen unserer Zuchtwahl zur Erzielung höherer landwirtschaftlicher Produktivität. Und die Genmanipulation eröffnet in der Zukunft für alle Lebewesen nicht nur ungeahnte Möglichkeiten, sondern auch unvorhersehbare Gefahren.

 

  Die Landwirtschaft  

 

In der Landwirtschaft nutzen wir den Boden zur Gewinnung pflanzlicher und tierischer Erzeugnisse letzt­endlich für unsere Ernährung. Dazu zählen Ackerbau und Viehwirtschaft sowie Gemüse-, Obst- und Weinbau.

Früher bedingten sich Ackerbau und Viehzucht gegenseitig. Der Ackerbau erzeugte Futter und Stroh für die Viehhaltung, das Vieh produzierte den für den Ackerbau notwendigen Dung. Es bestand so ein Kreislauf, in den sich der bedürfnislose Mensch einfügte. Diese Art der Landwirtschaft kannte noch keine Umweltprobleme. Der Bauer war gleichsam Naturpfleger. Er rodete zwar immer mehr Land, um darauf Viehzucht und Ackerbau zu betreiben oder sich ein Heim zu errichten. Er verstand es aber noch nicht, andere als natürliche Methoden anzuwenden und vermochte so die Natur kaum zu beeinflussen. Er bediente sich vielmehr der Natur, insbesondere ihrer Regenerationskräfte. So betrieb er lange erst die Zweifelderwirtschaft, bei der das Ackerland abwechselnd je zur Hälfte zum Anbau von Getreide und zur natürlichen Erholung als Brache diente, bevor er später, im Mittelalter, zur Dreifelderwirtschaft überging, die mit dem dreijährigen Fruchtfolgesystem erhöhte Erträge versprach, da nun 1/6 mehr Fläche bebaubar wurde, aber immer noch alle Jahre ein anderes Drittel des kultivierten Landes brach liegen ließ.

Erst die Industrielle Revolution schuf hier eine andauernde Veränderung. Moderne, ertragsorientierte Landwirtschaft bearbeitet den Boden mit hochmechanisierten Methoden unter Einsatz großer Maschinen. Das setzt einmal große Bearbeitungsflächen, also weitgehende Flurbereinigung voraus und dann den Anbau nur weniger Kulturpflanzen in großflächigen Monokulturen.

Mit der Flurbereinigung werden vormals aus kleinen Äckern bestehende Fluren um- und zusammengelegt, das Gelände eingeebnet, Anbauterrassen, Böschungen und anderen "Hindernisse", wie Hecken und Feldgehölz, beseitigt. Hinzu kommen Maßnahmen zur Be- bzw. Entwässerung, d.h. zum Schutz vor Wassermangel und Überschwemmungen, wie die Anlage von Staubecken und Drainagen, oder die Regulierung von Bächen und Flüssen.

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Die arbeitssparende Bodenbearbeitung mit großen Maschinen bedingt großflächige Monokulturen einiger weniger, ertragreicher Nutzpflanzen. Solche Monokulturen sind besonders anfällig für den Befall durch bestimmte Insekten und Pilze. Diese Lebewesen gedeihen hier besonders gut, vermehren sich entsprechend und schädigen die Kulturen. Da dies die Erträge stark mindern würde, werden umfassende Maßnahmen des Pflanzenschutzes mit großen Mengen von chemischen Vernichtungsmitteln, sog. Insektiziden, eingesetzt. Dadurch werden aber auch die natürlichen Feinde der Schädlinge, Raubinsekten und Vögel, vergiftet. Die moderne Landwirtschaft reduziert so nicht nur die Pflanzen- sondern auch die Tierarten.

Die Bloßlegung der Scholle außerhalb der Vegetationszeit führt neben der Austrocknung und Erosion des Bodens auch zur Ansiedlung unerwünschter, dabei jedoch besonders gut gedeihender Pflanzen, die die Anwendung von Vertilgungsmitteln, sog. Herbizide, erforderlich machen. Schließlich bedingt die einseitige Ausnutzung des Bodens und die damit, verbundene Auslaugung der für den Pflanzenwuchs nötigen Mineralien den intensiven Einsatz künstlicher Düngemittel.

Moderne, ertragsintensive Landwirtschaft auf ausgedehnten Flächen belastet den Boden somit erheblich. Heutige Landschaften, Gärten und Felder von ausgedehnten Monokulturen, sind aber künstliche, instabile Ökosysteme, die nur bei andauernder Bearbeitung bestehen können. Die anorganische Düngung, die chemische Vernichtung unerwünschter Lebewesen, von "Unkräutern" und "Ungeziefer", die Beschneidung pflanzlichen Wildwuchses, wie auch die künstliche Zuchtwahl, sind Maßnahmen, ohne die dieses menschliche Machwerk, sich selbst überlassen, schnell in völlig andere, wilde Lebensgemeinschaften übergehen würde. Sie sind somit der Selbstregulation nicht fähig, anfällig für eine Vielzahl von tsog. Schädlingen, denen das unausgewogene System viele Lebensnischen bietet, während beispielsweise für Insektenräuber, die natürlichen Feinden der Schädlinge nicht genügend Lebensraum übrig bleibt. Sie stellen nurmehr gestörte oder, besser gesagt, zerstörte Ökosysteme dar. 

Die moderne Viehzucht, meist getrennt von der Bewirtschaftung des Bodens, ist aus wirtschaftlichen Gründen zur Massentierhaltung übergegangen und führte in der Stallzucht zur Einsparung von Baukosten dichteste Stallbelegung mit automatischer Be- und Entsorgung ein. So gibt es z.B. Hühnerhaltungen mit bis zu 20 Tieren je qm ohne jeglichen Auslauf. Wir beziehen unsere Eier heute also regelrecht aus Legefabriken. Zum Schutz der Tiere vor Krankheiten werden sie vorsorglich mit Antibiotika gefüttert. Die Betriebe sind Industrieanlagen vergleichbar, die mit eingekauften Futtermitteln Fleisch produzieren. Die tierischen Ausscheidungen dienen dabei nicht mehr als Dung, verseuchen vielmehr die Abwässer und womöglich auch das Grundwasser. Die Wasserverschmutzung solcher Großbetriebe kommt der von Großstädten gleich und stellt ein ernsthaftes, kostspieliges Problem dar.

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Die beschriebenen Intensivkulturen werden maschinell, unter Einsparung menschlicher Arbeitskräfte, mit modernsten technischen Methoden bearbeitet. Diese wie auch die großindustrielle Herstellung der notwendigen chemischen Dünge- und Schädlings­bekämpfungs­mittel bedürfen eines enormen Energieeinsatzes. Moderne landwirtschaftliche Betriebe sind daher hochtechnisierte Unternehmen, die auf Chemiebasis nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zur Gewinnerzielung geführt werden, um pflanzliche und tierische Nahrungsmittel zu produzieren.

 

    Die Zivilisationslandschaft  

 

Naturlandschaft finden wir auf der Erde heute nurmehr an wenigen abgelegenen Stellen, wie z.B. im Hoch­gebirge. So wie der Mensch in seinem Forscherdrang die letzten weißen Flecken auf dem Globus zu beseitigen trachtete, so bemüht er sich jetzt in seinen Zivilisationsbestrebungen, die letzten grünen Gebiete der Natur sich anzupassen. Waren vor der Industriellen Revolution die Landschaften auf der Erde noch naturnah, so versuchen wir nun uns mit Wissenschaft und Technik von der Natur weitgehend unabhängig zu machen, uns auf der Erde "bessere", künstliche Lebensbedingungen zu schaffen. Dabei wandeln wir die Naturlandschaft in Zivilisationslandschaften um.

Im Mittelmeerraum wurde schon früh Landschaft durch Waldrodung unumkehrbar verbraucht, um Holz für den Schiffsbau zu gewinnen. Das hatte Bodenerosion und den Niedergang der Landwirtschaft zur Folge und trug letztendlich zum Zusammenbruch des Römischen Reiches mit bei. Später ist die Verkarstung des Balkans durch den Kahlschlag der Wälder für Venedigs Schiffbau verursacht worden. So entstand im Mittel­meer­becken durch Entwaldung und anschließende Überweidung die sog. Ziegenwüste als typische Landschaftsform.

Mitteleuropa war ursprünglich von ausgedehnten Laubwäldern bedeckt. Diese Urwälder wiesen nur dort größere Lichtungen auf, wo Sturm und Brand gewütet hatten. Sie bildeten Lebensraum für viele Pflanzen und Tiere. Der Wald versorgte die damals noch wenigen Menschen reichlich mit Brenn-, Bau- und Werkholz, gewährte ihnen Schutz vor Naturgewalten und Feinden, lieferte ihnen Eicheln und Bucheckern zur Viehmast, Rinden für die Gerberei, Früchte und Blätter für Nahrungs- und Arzneimittel, wie die Ausgangstoffe für Holzkohle zur Energiegewinnung und Pottasche zur Seifen- und Glasherstellung. Allmählich begannen jedoch die Menschen den Wald zu roden, um landwirtschaftlich nutzbarem Boden zu gewinnen.

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Etwa seit der Völkerwanderung wurden die Wälder Mitteleuropas dann durch intensiven Kahlschlag stark dezimiert. Betroffen waren vor allem die Laubwälder der fruchtbaren Ebenen und Flußtäler. Hinzu kam die Verwendung von Laub und Nadeln für Streuzwecke in Ställen zur Erzeugung von Dünger, was zur Verarmung der Humusdecke und des Bodens führte. Der Raubbau dauerte über 1000 Jahre an. Um die Jahrtausendwende waren noch 3/4 der Landfläche mit Wald bedeckt, zum Ende des 13. Jahrhunderts war schon der heutige Zustand erreicht. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts konnte sich Europa nicht mehr mit Holzkohle und Pottasche selbst versorgen. 

Im vorigen Jahrhundert wuchs der Holzbedarf noch für elektrische Masten, Eisenbahnschwellen, für den Bergwerksstollenbau und für die Papierherstellung. Endlich traten an die Stelle des Raubbaus Nutzungs­regeln und eine Forstwirtschaft, die die abgeholzten Laubwälder durch ertragreichere, da schneller wachsende, aber auch anfälligere, leichter Bränden sowie Schnee- und Windbruch ausgesetzten Monokulturen von Nadelgehölzen ersetzte. Da Buchen und Eichen etwa doppelt so lange brauchen bis sie ausgewachsen sind, ist der Anteil an Laubwald so auf 3/10 zurückgedrängt worden. Schließlich zwang die Holzknappheit zum Übergang zur Kohle als Energieträger.

Die ursprünglichen Wälder wurden durch Rodung zu Zivilisationslandschaften, nämlich entweder zu nutzbaren Forsten oder der landwirtschaftlichen Nutzung dienenden Garten, Feldern, Plantagen und Weinbergen. Es sind besonders ertragreiche, jedoch unnatürliche Monokulturen von Nutzpflanzen. Derartige Landschaften erlauben keine frei lebenden, wilden Tiere mehr, die daher vertrieben oder sogar ausgerottet wurden.

Die maschinelle Bearbeitung erfordert die Bereinigung der vormals aus kleinen Äckern bestehenden Fluren, die Beseitigung von Anbauterrassen, von Böschungen, Hecken und Feldgehölz. Hinzu kommt die Anlage von Staubecken, oder die Begradigung von Bächen und Flüssen. Die Regulierung von Gewässern bezweckt nicht nur die Gewinnung von neuen Anbauflächen, bzw. ihre Einwässerung, sondern dient auch der Schiffahrt und der Gewinnung von Kraftstrom.

Zivilisationslandschaften sind aber auch und vor allem Siedlungen, Industriegebiete und Verkehrsnetze, die sich immer weiter auf Kosten der land- und forstwirtschaftlich genutzten Flächen, aber auch noch weniger berührter Natur ausdehnen.

Die ersten Städte entstanden schon vor etwa 10.000 Jahren als befestigte Zentren für Bewerbe und Handel, Verwaltung und Kult, und als Militärstützpunkte. Als älteste stadtartig befestigte Siedlung gilt Jericho in Westjordanien. Der Übergang zur städtischen Lebensform und die ursprüngliche Ausstattung der Städte mit Sonderrechten sind Ausgangspunkt wirtschaftlicher und kultureller Blüte. Diese drückte sich aus in städtischen Bauten kirchlicher und profaner Art, im Markt-, Bank- und Rechtswesen. Die persönliche Freiheit, die Rechtsgleichheit und die besseren wirtschaftlichen Möglichkeiten in der Stadt, übten große Anziehungskraft auf die Landbevölkerung aus.

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Mit Gewerbefreiheit, Industrialisierung und dem Ausbau des Verkehrswesens haben sich heute Großstädte entwickelt, die gekennzeichnet sind durch hohe Bebauungsdichte auf großen Flächen, Massenverkehr, die Trennung von Wohn- und Arbeitsstätten, die sog. Citybildung, und Probleme der Ver- und Entsorgung. Sie bilden Landschaften aus Beton und Asphalt, Stahl und Blas, in denen Natur kaum noch Platz findet, höchstens noch in sterilen, künstlichen Anlagen, die in ihrer Umgebung leidlich dahinkümmern.

Industriegebiete verleihen der Landschaft ein besonderes Gepräge mit hohen, rauchenden Schloten, häßlichen Hochöfen und Fördertürmen, Gaswerken und Kokereien, stinkenden Ölraffinerien und Tanklagern und riesigen, dampfenden Kühltürmen. Hoch­spannungs­leitungen, Gleisanlagen wie auch breite Betonbänder für den Straßenverkehr überziehen das Land.

Schließlich haben sich in den Bergen, an Seen und am Meer große Freizeitgebiete ausgebreitet und dienen der Bevölkerung zur Erholung. Weitflächige alpine Skigebiete mit Liftanlagen und breiten Pisten durchfurchen die vorher unberührte Natur. Große Lichtungen mußten dafür in die Wälder geschlagen werden. Badestrände mit dem dazu nötigen Hinterland, mit Hotelpalästen und Campingplätzen ziehen sich an Seeufern und Meeresküsten entlang. Sie haben die ursprüngliche Tier- und Pflanzenwelt vertrieben.

 

  Die Industriegesellschaft  

 

Nach der Seßhaftwerdung des Menschen als Landwirt und Viehzüchter und später auch gewerbetreibender Städter stellte die durch den wissenschaftlich-technischen Fortschritt verursachte Industrialisierung mit den beiden Industriellen Revolutionen bedeutende weitere Schritte in der Entwicklung der menschlichen Zivilisation dar. Die ursprüngliche Selbstversorgung in Familie und Dorf ist heute ersetzt worden durch industrielle Produktion mit extremer Arbeitsteilung und Automatisierung.

Während Wasserkraft schon seit dem Mittelalter, beispielsweise in Mühlen, genutzt wurde, löste 1769 die von James Watt konstruierte, erste brauchbare Dampfmaschine die erste Industrielle Revolution aus, die die physische Kraft von Mensch und Tier durch Dampfkraft, später dann durch Motor- und Kernkraft und daraus abgeleitet durch elektrische Kraft ersetzte — Muskeln also allgemein durch Maschinen. Die Entwicklung wurde ermöglicht durch die nun immer stärker betriebene Förderung von Kohle. Die daraufhin erst in Großbritannien und bald auch in Deutschland und anderen Ländern einsetzende Industrialisierung bewirkte den Übergang von der statischen Agrargesellschaft zur dynamischen Industriegesellschaft und damit einen Umbruch der Gesellschaftsstruktur, der durch starke Veränderungen, vor allem aber durch wirtschaftliches Wachstum gekennzeichnet war. 

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Gemessen beispielsweise an der Anzahl der Beschäftigten erlangte der gewerblich-industrielle Sektor der Volkswirtschaften relativ zur Landwirtschaft wachsende Bedeutung. Das hatte die Beseitigung der kurz zuvor durch Bevölkerungswachstum und Bauernbefreiung entstandenen Massenarmut zur Folge und führte schließlich zur Wohlstandsgesellschaft der Industrieländer.

Diese Entwicklung zum Wohlstand war in den Anfängen nicht zu erkennen, da die technischen Möglichkeiten anfangs bewirkten, daß neben Männern auch Frauen und Kinder für einfachere und leichtere Arbeiten im Produktionsprozeß eingesetzt wurden. Dadurch wurde der Wettbewerb unter den Arbeitnehmern verstärkt, und die schlechter bezahlte Frauen- und Kinderarbeit drückte den Lohn der Männer. Reichte vor der ersten Industriellen Revolution noch die Arbeitskraft eines Mannes aus, um eine Familie zu ernähren, so mußten anschließend zur Sicherung des Existenzminimums Frau und Kinder mitarbeiten. Erst gewerkschaftliche Organisation und Arbeitskämpfe haben die Situation dann wesentlich verbessert.

Mit der Industrialisierung entstanden Fabriken zur mechanischen und chemischen Verarbeitung von Stoffen und zur maschinellen Herstellung von gewerblichen Erzeugnissen aller Art. Der technische Fortschritt verursachte dabei einen ständigen Wandel in den Produktionsmethoden und den Erzeugnissen. Die Zusammensetzung der industriellen Produktion veränderte sich mit der Zeit« Mechanisierung und Rationalisierung bedingten zunehmende Arbeitsteilung und wachsende Spezialisierung.

Immer größere Produktionsbetriebe verdrängten Einzelunternehmen und Kleinbetriebe. Nur sie können das nötige Geld für die erforderlichen umfangreichen Investitionen aufbringen, hochqualifizierte Techniker beschäftigen und sich lange Entwicklungszeiten leisten, bedürfen aber dabei auch des sicheren Erfolges. Das Industriesystem mag sich zwar in gewissen Grenzen nach den Bedürfnissen der Verbraucher richten, schreibt ihnen diese aber im wesentlichen doch vor, um davon unabhängig zu sein. Dazu legen sie sich einen Planungsapparat zu, der den Bedarf ihrer Erzeugnisse im voraus festlegt und die nötigen Spezialisten, Maschinen und Rohstoffe rechtzeitig bereitstellt. Die Planung bestimmt Preise und Absatzzahlen und steuert den Markt durch Vertrieb und Werbung. 

Nur die gleichzeitige Kontrolle von Nachfrage und Preisen garantiert Umsatz und Gewinn. Dadurch beeinflussen Großunternehmen die Käuferwünsche und beherrschen die Märkte entsprechend ihrer Produktions­möglichkeiten. So hat auch die sog. Freie Marktwirtschaft Züge von Planwirtschaft, ist die Werbung zu einem wichtigen Wirtschaftszweig geworden und haben die Werbemedien eine wichtige Funktion in der modernen Industriegesellschaft. Als Richtschnur des Erfolgs dient ihr dabei der Produktionszuwachs.

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Die Technik unterteilt Produktionsprozesse in viele Einzelschritte, für die Spezialwissen benötigt wird. Typisch ist die sog. Fließbandarbeit, eine Arbeitsmethode, bei der in verschiedenen, aufeinanderfolgenden, selbst stets gleichbleibenden Arbeitsschritten die Fertigung eines Industrieproduktes am Fließband vorgenommen wird. Die Mechanisierung entlastete zwar den Menschen von schwerer körperlicher Arbeit, setzte ihn aber ermüdender Nervenanspannung aus, bedingt durch die im Takt maschineller Prozesse erzwungenen, immer wiederkehrenden, gleichen Handgriffe.

Die Mechanisierung zusammen mit der Erschließung neuer Energiequellen, mit dem Ausbau des Verkehrs­wesens, vor allem durch die Einführung der Eisenbahn als erstem schnellen Massen­transport­mittel, und mit der Entwicklung des Finanzwesens ermöglichten die Massenproduktion von Konsumgütern, die für viele erschwinglich wurden. Das führte zur Massengesellschaft mit ihren bekannten Begleiterscheinungen, Monotonie und Gleichförmigkeit, Bleichschaltung, Vereinheitlichung und Standardisierung, einer von der Werbung manipulierten, von der Uhr gehetzten, im stets gleichen Rhythmus dahin trottenden, in Wohnsilos hausenden Gesellschaft, ausgeliefert ständigen Problemen, Krisen und Umwälzungen und dabei ihre Umwelt immer stärker belastend.

Die industrielle Entwicklung ist charakterisiert durch Konzentration in immer größeren Unternehmen und Betrieben mit steigender Zahl von Beschäftigten und steigendem Umsatz und Gewinn. Diese Entwicklung gilt vor allem für den Bergbau zur Gewinnung von Rohstoffen, insbesondere Kohle, Erdöl und Erdgas, Metallerzen und Salzen, für die Energiewirtschaft zur Erzeugung und Verteilung von Elektrizität und Gas, für die verarbeitende Industrie zur Verarbeitung von Rohstoffen und Erstellung von Produktions- und Verbrauchsgütern einschließlich Nahrungsmitteln und schließlich auch für die Bauindustrie.

 

In der zweiten Industriellen Revolution wird auch das menschliche Denken durch Maschinen, genauer Elektronik, also Rechner bzw. sog. Mikroprozessoren, ersetzt. Die Automatisierung erlaubt die Einrichtung technischer Vorgänge in einer Weise, daß der Mensch weder ständig noch in einem erzwungenen Rhythmus für ihren Ablauf unmittelbar tätig zu werden braucht. Die Vorgänge erfolgen vielmehr automatisch. Der Mensch wird also weitgehend von ermüdender Routinearbeit entlastet. Die menschliche Arbeitskraft wird eingespart bzw. qualitativ verändert. Sie verlagert sich mehr auf nichtautomatisierbare Tätigkeiten im Bereich der Konstruktion, Programmierung, Installation, Überwachung und Reparatur. Damit gelingt es technische Anlagen mit einem Höchstmaß von Wirtschaftlichkeit, Zuverlässigkeit und Sicherheit zu betreiben. Erst die Automatisierung ermöglicht schließlich Vorgänge, die in ihrer Kompliziertheit des Nach- und Nebeneinanders von Einzelschritten vom Menschen allein nicht zu bewältigen wären, bzw. die eine Genauigkeit verlangen, welche bei handwerklicher Massenproduktion nicht eingehalten werden könnte. 

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Natürliche Grenzen, bedingt durch die Leistungsfähigkeit des Menschen, werden so aufgehoben und Produktionsausweitungen machbar. Das ermöglicht Qualitätssteigerungen und Produktivitätsgewinne. Die nicht kalkulierbare Fehlerquelle Mensch wird so weit wie möglich ausgeschaltet. An Stelle von Monotonie tritt nun Individualisierung, Kreativität und Innovation. Programmgesteuerte Roboter bedienen Fertigungsstraßen. Eine Vielfalt von Programmen steuert die verschiedensten Produktionsprozesse. Mit Hilfe der Mikroelektronik gelangen dabei auch diejenigen Fertigungsstätten in den automatisierbaren Bereich, die bisher wegen zu kleiner Unternehmensgröße oder zu niedriger Loszahlen nicht bzw. nicht rentabel automatisierbar waren. Aus der Großserie wird die Einsserie.

Die Mechanisierung des Arbeitsprozesses befreite den Menschen von körperlicher Schwerarbeit, die Automatisierung von ermüdenden mechanischen Routinearbeiten, beides spart menschliche Arbeit ein, macht den Menschen frei für andere Tätigkeiten, Damit wird es möglich die gleiche Produktmenge mit immer weniger Arbeitseinsatz herzustellen. D.h. unsere Produktivität wird ständig gesteigert. So wuchs sie in der deutschen Industrie in der letzten Zeit jährlich um etwa 7%, verdoppelt sich also in rund 10 Jahren. In unserer Landwirtschaft war ihr Wachstum sogar noch etwas höher. Produktivität kostet aber Energie. Somit wächst auch stetig der Energieverbrauch. 

 

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Mechanisierung und Automatisierung bedeuten nicht nur eine Einsparung menschlicher Arbeit, vielmehr ihre Veränderung und damit gleichlaufend eine Veränderung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Struktur (Abb.6). Waren vor der Industriellen Revolution noch die Mehrzahl aller Erwerbstätigen in der Landwirtschaft, dem sog. primären Wirtschaftssektor, beschäftigt, so sank ihre Zahl mit der Mechanisierung und beträgt heute in der BRD nurmehr etwa 5%. Die frei werdenden Arbeitskräfte wanderten in die Industrie ab. 1970 fanden etwa 50% aller Beschäftigten in diesem sekundären Wirtschaftszweig Aufnahme. Ihr Anteil ist jedoch seitdem wieder rückläufig. Dafür breitet sich das Dienstleistungsgewerbe stärker aus. Es gibt heute schon etwa der Hälfte aller Berufstätigen Arbeit. Dieser sog. tertiäre Wirtschaftsbereich umfaßt alle Unternehmungen, deren Wirken sich nicht direkt in der Erzeugung materieller Güter ausdrückt, also Handel und Verkehr, Banken und Versicherungen, Erziehung und Touristik, usw.

Die Erhöhung der Produktivität in der Industriegesellschaft durch Mechanisierung und Automatisierung zu schließlich menschenlosen Fabriken verringert zum einen den Bedarf an menschlichen Arbeitskräften, zum anderen schafft sie Produktionskapazitäten, die das Angebot an Gütern wesentlich vergrößern, so daß sie einen Überfluß an Erzeugnissen aller Art verursachen. Neben den Schlangen von Arbeitslosen häufen sich so Berge von Butter und Fleisch und Halden von Automobilen, elektronischen Geräten und dgl., ein wahres Schlaraffenland.

 

  Die Konsumgesellschaft  

 

Wesentliche soziale Beziehungen in der modernen Industriegesellschaft werden vom Konsum bestimmt. Da die in industrieller Massenproduktion gefertigten, preisgünstigen und immer vielfältigeren Güter nun von breiten Bevölkerungskreisen erworben werden können, richten diese ihre Interessen wesentlich auf Kaufkraft und Konsum aus. Ihr Lebensstil wird weitgehend geprägt von ihren Konsummöglichkeiten. Nach Deckung der lebensnotwendigen Grundbedürfnisse spielt daher die Weckung und Erfüllung immer neuer Wünsche eine wachsende Rolle. Dinge, die uns Arbeit abnehmen, unser Leben erleichtern und es angenehm gestalten, die uns Wohlergehen schaffen, finden bei jedermann Absatz. Sie drücken zudem unsere Leistungsfähigkeit und Fortschrittlichkeit aus, zeigen, wie erfolgreich wir im Leben stehen. Das soziale Ansehen leitet sich regelrecht aus der Konsumfähigkeit ab. Ge- und Verbrauchsgüter werden zu Statussymbolen, bilden Konsumstandards und deuten soziale Gruppenzugehörigkeiten an.

Die durch die fortschrittliche Technik erhöhte Produktivität bedeutet vermehrte Güterproduktion bei verringertem menschlichen Arbeitsaufwand. Dadurch wird ein großer Teil der Bevölkerung von der Bedrängnis physischer Not, von Hunger, Kälte und Schmerz, befreit. 

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Geben hungernde Menschen ihr Geld nur für Nahrung aus — so kann ein satter, genügend gekleideter Mensch mit einer ausreichenden Behausung auch auf unnötige Industrieerzeugnisse ansprechen. Er wird aufgeschlossen gegenüber den Überredungskünsten der Verkäufer. Die Massenproduktion ermöglicht ein reiches und vielseitiges Angebot von Nahrungs- und Genußmitteln, Kleidung, Haushaltsgeräten usw., Dingen, die keinen Mangel mehr beseitigen, sondern die uns ein bequemes Leben ermöglichen und unseren Wohlstand mehren wollen. Und immer wieder kommen neue, "verbesserte" Modelle auf den Markt.

Um alle Erzeugnisse abzusetzen, bedarf es nun der entsprechende Bedarfsweckung. Während die reine Marktwirtschaft die Nachfrage der Konsumenten ermittelt, schalten die modernen Industriebetriebe durch Planung und Werbung diese Marktfunktion aus und ersetzen sie durch Bedarfsweckung. Da meist von vorne herein keine Notwendigkeit besteht, muß Bedarf psychologisch erst geschaffen werden. Bedürfnisse und Nachfrage lassen sich durch viele Einflüsse steuern, durch Erziehung, Status, Mode und Werbung. Dabei geht heute die Werbung mit unwiderstehlichen Argumenten bis zur Bedürfnissuggestion. Werden in der Natur Verbesserungen selektiert, so werden sie in der Konsumgesellschaft propagiert. Das heißt, nicht objektive Erfahrungen entscheiden über den Nutzen eines Erzeugnisses, sondern subjektive Anpreisungen. Der Wohlstandsmensch wird so manipuliert und dient dem Industriesystem als Konsument. Eine wirksame Manipulation funktioniert selbstverständlich nur, wenn der manipulierte sich nicht manipuliert vorkommt, sondern wenn sich immer "der Kunde als König" fühlt. Sonst. würde er sich auf Unabhängigkeit besinnen und den Konsum womöglich verweigern. Wir kaufen also nicht etwa, weil wir gezwungen werden, sondern, da wir wie selbstverständlich überzeugt sind, die Dinge besitzen zu müssen.

Konsumartikel sollen beitragen zu Gesundheit, Schönheit, Wohlbefinden, sexuellem Erfolg und sozialem Ansehen; sie sprechen unsere Eitelkeit an. Ihre Notwendigkeit ist nicht zwingend, sondern wird nur in unserer Vorstellungswelt erzeugt. Wir kaufen nicht Waren, sondern Lebenskraft, Prestige und dgl.. Der verunsicherte, aber leicht verführbare Massenmensch wird so anfällig für viele Konsumgüter, die er gar nicht braucht, die jedoch sein gesellschaftliches Ansehen erhöhen. Sichtbare Verschwendung verspricht Prestige und damit erhöhte Lebensgefühle. Seine Unsicherheit läßt ihn dabei nicht selten nach den teuersten Marken greifen, die ihm "guten Geschmack" garantieren. Das Bedürfnis, sich von seinen Mitmenschen abzuheben, seine soziale Überlegenheit, sein Vermögen sichtbar unter Beweis zu stellen, artet damit in einen wahren Kaufrausch aus.

Mit wohldurchdachter Verkaufsstrategie, bestehend aus anziehender Produktgestaltung, gefälliger Verpackung und geeigneten Werbemaßnahmen mit zugkräftigen Verkaufsargumenten, versucht man, seine Stammkunden zu halten und neue dazuzugewinnen. Bei schwindendem Umsatz werden Modelländerungen vorgenommen bzw. die Verkaufsmethoden gewechselt.

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Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Mode. Sie spiegelt den Zeitgeschmack wieder, nicht nur bei der äußeren Erscheinung, Kleidung, Haartracht und Make-up, sondern auch in der sonstigen Lebensweise, den Nahrungsmitteln, den Einrichtungsgegenständen, dem Automobil, dem Urlaubsziel, usw.. Die Mode bestimmt, was "in" ist, was "man" trägt. Nur wer den Modetrends folgt, zeigt, daß er mithalten kann, beweist seinen Lebenserfolg, seine positive Einstellung zur Gegenwart und genießt Ansehen. Wer nicht mitmacht, ist entweder ein Snob oder ein Spießer, oder er macht sich als Aussteiger aus der Gesellschaft verdächtig. Mode ist so Ausdruck von Anpassung, Nachahmung und Vermassung, aber auch Abhebung, Individualisierung und Exklusivität.

Während sich im Altertum die Kleidung kaum änderte, setzte im Mittelalter in Europa ein Prozeß des stetig rascheren Wandels ein. Moden kamen auf und veränderten das menschliche Aussehen. Besonders die mächtigen Fürstenhöfe wurden durch Kleiderordnungen modebestimmend bei Adel und Bürgertum. Die Mode selbst charakterisierte die einzelnen Gesellschaftsschichten. Dabei blieben aber breite Bevölkerungskreise lange Zeit ausgeschlossen. Erst Industrialisierung und Massenproduktion des 19. Jahr­hunderts schufen die Konfektionskleidung "von der Stange" für die breite Bevölkerung.

In einer industrialisierten Welt mit Produktionsüberkapazitäten und bei einer auf Wettbewerb beruhenden Marktwirtschaft, die sich an Umsatz und Gewinn orientiert, kann der Überfluß an Erzeugnissen nicht mehr mit Bedarfsdeckung allein gesteuert werden. Vielmehr muß — wie wir gesehen haben — durch geschickte Bedarfsweckung der Absatz von Gütern und Dienstleistungen gesteigert werden. So hat die Mode vor allem auch eine Ventilwirkung.

Dazu dient einmal die ständige Versorgung des Marktes mit neuen Modellen, die aus den alten schnell unmoderne, unverkäufliche Ladenhüter machen. Dann aber werden zum Absatz der neuen Mode wirkungsvolle Werbemaßnahmen eingesetzt. Sie beeinflussen über die Massenmedien die Verbraucher, sorgen für ein breites Modebewußtsein und regen sie zum Kauf an. Die Werbung macht, sich die mit dem Konsum verbundene Selbstdarstellung der Menschen zu nutze und versucht, dem Konsumenten Motive für sein Konsumverhalten zu liefern. Dabei setzt sie psychologische Methoden ein, die den Verbraucher manipulieren.

Modeschöpfer diktieren den Geschmack, der sich in immer kürzeren Abständen ändert. So entstehen Modewellen und werden dauernd neue Wünsche in einer Gesellschaft von Verbrauchern geweckt, die durch stetes "Mithalten", d.h. Neuanschaffen, ihre soziale Stellung und ihr finanzielles Vermögen ununterbrochen zu dokumentieren gezwungen sind. 

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Mode befriedigt so weniger individuelle Bedürfnisse als vielmehr soziales Prestigedenken, bringt die Menschen in Kaufzwang. Die Mode ist jedoch nicht lediglich Neuerungsstreben, sie folgt auch jeweils gültigen ästhetischen Kriterien, verändert sich mit ihnen. Moralische Vorstellungen schlagen sich in ihr nieder, Mode zeigt so nicht nur, was man trägt, sondern auch, was sich "gehört".

Spezialisierte Werbeagenturen übernehmen Planung und Durchführung von Werbemaßnahmen sowie die Kontrolle ihres Erfolges. Sie untersuchen dabei Verbrauchergewohnheiten und entdecken Marktlücken, die mit neuen Erzeugnissen gefüllt werden könnten. Die Werbung sagt vielfach wenig oder nichts über Produkte aus, sondern zeigt die Phantasien und Träume der Verbraucher. Sie interessiert sich also nicht so sehr für die Stärke eines Produkts als vielmehr für die Schwächen des Käufers.

Da der Konsum unseren Lebensstandard bestimmt, gewinnt er höchste Bedeutung, während Sparen unerwünscht ist, da es zum Nachlassen der Nachfrage führt. Um mehr zu konsumieren muß man mehr verdienen, also arbeiten. Am besten sind die Wünsche stets ein kleines Stück dem Verdienst voraus, und treiben bezwingende Verführungskünste zu dauernder Verschuldung. Der so verursachte Leistungsanreiz schafft als Leistungszwang zuverlässige Arbeiter, die immer wieder ihren Verdienst ausgeben, weil sie nie genug bekommen. So heizt sich das Industriesystem auf, ist wirtschaftliches Wachstum gewährleistet und kommt es zum Erscheinungsbild unserer Überflußgesel1schaft.

In ihrer Maßlosigkeit der Produktion und des Konsums stellt sich die moderne Konsumgesellschaft dar mit einem riesigen Warenangebot in Supermärkten, Einkaufszentren und Versandhäusern, die mit Billigwaren, Sonderangeboten und Ausverkäufen die Kunden locken, um sie mit Selbstbedienung, Rabatt- und Kreditangeboten zu verführen.

Die Konsumgesellschaft manifestiert sich aber auch in Bergen von unbrauchbar oder unmodern gewordenen Gütern, in Halden von ausgedientem Verpackungsmaterial, dem sog. Sperrmüll unserer Tage. Die Anschaffung immer neuer Dinge bringt es mit sich, daß die alten ausrangiert und weggeworfen werden meist noch, bevor sie unbrauchbar geworden sind. Die Zahl der Gebrauchsgüter nimmt zu, eingebauter Verschleiß und dauernd neue Moden begrenzen ihre Lebensdauer. Meist ist es heute bequemer und billiger, Geräte zu ersetzen, als sie reparieren zu lassen oder mit notwendigen Betriebsmitteln, wie beispielsweise Batterien für Uhren oder Taschenrechner, wieder zu bestücken. So hat sich in unserer Überflußgesellschaft eine Wegwerfmentalität entwickelt, die nicht nur einen Raubbau an Rohstoffen sondern auch ein ernstes Problem der Müllbeseitigung darstellt, belastet doch der Müll unsere Umwelt. Rohstoffe werden im wesentlichen nur einmal verwendet, um dann auf Müllhalden zu landen. Diese Wegwerfgesellschaft dient letztendlich nur der Aufrechterhaltung industrieller Steigerungsraten.

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In den USA entstehen etwa 600 kg Hausmüll je Kopf und Jahr. Das sind zu einem Drittel Nahrungs- und Gartenabfälle, ist zu einem weiteren Drittel Papier. Der Rest besteht im wesentlichen aus Glas, Metall, Kunststoff, Holz und Textilien. Ein Teil des Papiers wird wiederverwendet, jedoch wenig Blas und wenig Metall. In der BRD entsteht etwa die Hälfte Hausmüll je Kopf.

Den Nahrungsketten der Natur entsprechen Produktketten unserer Zivilisation: Produktion-Konsum-Abfall. Doch während die Natur mit Hilfe von Destruenten die Reste wieder abbaut, fehlen am Ende der zivilisatorischen Produktketten für die Abfälle meist die Destruenten. Recycling findet nur in beschränktem Maße statt, Rohstoffe werden nicht so hinterlassen, wie sie für die Produktion wieder verwendbar wären. Industrieproduktion ist also Entropieproduktion.

 

  Das Verkehrswesen  

 

Die Entwicklung der Technik wirkt sich besonders auf das Verkehrswesen aus. Technische Einrichtungen ermöglichen es dem Menschen, sich und seine Erzeugnisse nicht nur zu Land und zu Wasser, sondern auch in der Luft zu befördern, ja sogar in den Weltraum zu schicken.

Das Schienennetz der Eisenbahnen hat weltweit eine Länge von rund 1,3 Mill. km, davon 300.000 km in Europa und 360.000 km in Nordamerika. Die BRD weist eine Streckenlänge von rund 30.000 km auf; das sind je 1000 Bundesbürger somit ein halber km. Das Netz der Bundesbahn ist allerdings, um die finanziellen Verluste zu verringern, in den letzten Jahren auf Nebenstrecken still gelegt worden. Dagegen wurden in Ballungsräumen S-Bahnstrecken ausgebaut. Z. Zt. werden Schnelltrassen gebaut, um die Bahn attraktiver gegenüber Straßen- und Luftverkehr zu gestalten. Die Bundesbahn befördert im Jahr etwa 1,2 Mrd. Personen und 300 Mrd. t Güter, und leistet dabei etwa 40 Bill. Personenkilometer und 60 Bill. Tonnenkilometer.

Der Weltbestand an Kraftfahrzeugen beläuft sich z.Zt. auf etwa 320 Mill. Personen- und 90 Mill. Lastkraftwagen. Von den 320 Mill. Fahrzeugen entfallen auf Nordamerika 42%, Westeuropa 33%, Asien 10%, Osteuropa 6%. Die BRD allein hat einen Bestand von etwa 25 Mill. Personenkraftwagen (einschließlich Kombis) und 1,3 Mill. Lastkraftwagen. Hinzu kommen noch 1,7 Mill. Traktoren, sowie 3 Mill. Motorräder und Mopeds. Damit erreicht bei uns der Kraftfahrzeugverkehr eine Dichte von fast 400 Personenkraftwagen auf 1000 Einwohner bzw. 100 Wagen auf 1 qkm Land, während die entsprechenden Zahlen für die USA, das automobilreichste Land der Erde, 500 bzw. 13 lauten.

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Das Straßennetz der BRD beträgt etwa:

8.000

km

Autobahnen

35.000

km

Bundesstraßen

65.000

km

Landesstraßen

65.000

km

Kreisstraßen

Dazu kommen etwa 300.000 km Gemeindestraßen. Die Straßenlänge je 1000 Einwohner beträgt in der BRD somit 8 km, in den USA aber 28 km.

Diese Zahlen zusammen mit der Anzahl von Fahrzeugen auf 1000 Einwohner ergeben ein deutliches Bild unserer heutigen Übermotorisierung.

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Bei der Entwicklung des Kraftfahrzeugverkehrs kommen verstärkende Rückkopplungseffekte zur Wirkung. Einmal vermindert der Kraftfahrzeugverkehr durch seine Nebenwirkungen wie Luftverschmutzung, Lärm, Platzbedarf, Vorfahrt usw., die Lebensqualitäten in der Stadt, so daß die Menschen ihre Wohnungen aus den Innenstädten in die Vororte, bzw. aufs Land verlegen. Wegen der schlechten Erschließung dieser Gebiete durch den öffentlichen Verkehr, sind sie dann aber verstärkt auf den individuellen Kraftfahrzeugverkehr über immer weitere Strecken zum Arbeitsort bzw. zum Einkauf gezwungen. Durch diese anwachsende Motorisierung verringert sich die Qualität der Städte weiter. 

Zum anderen fördert der für den verstärkten Straßenverkehr durchgeführte Straßenbau rückwirkend jenen wieder. So bedingt die Ausweitung des Straßenverkehrs wieder die Ausweitung des Straßenverkehrs. Und so kam es zu der überwuchernden Automobilisierung mit ihren bedrohlichen Folgen für Umwelt, Raumordnung, Energiewirtschaft und Gesundheit. Der Verkehr verbraucht Fläche, Rohstoffe und Energie, und erzeugt neben Lärm und Abgasen vor allem auch Tote und Verletzte.

Der Benzinverbrauch in der BRD beträgt im Jahr etwa 23 Mill. t, der Dieselkraftstoffverbrauch 14 Mill. t. Der Energieverbrauch je Personenkilometer ohne Folgelasten verhält sich heute in der BRD wie:

Flugzeug  4.7     Pkw  4.0     Eisenbahn  1.0     Straßenbahn und Bus  1.0

Entsprechend gilt für den Güterverkehr je Tonnenkilometer:

Lkw  9.9    Binnenschiffahrt  3.2     Eisenbahn  1.0

Die öffentlichen Verkehrsmittel vor allem auf Schienen stellen also die bei weitem günstigsten Transportmittel dar.

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  Die Informationsgesellschaft  

 

Neben Nahrung, Kleidung und Unterkunft ist Information das wichtigste Bedürfnis des Menschen. Ohne Information über seine direkte Umgebung ist er nicht lebensfähig. Ohne zu lernen, was das kulturelle Erbe überliefert, und zu erfahren, was in seiner näheren und weiteren Umwelt passiert, ist seine Existenz bedroht. Ein wesentliches Element der Menschwerdung war ja die Entwicklung der Sprache, die Fähigkeit, sich dem Mitmenschen wirksam mitzuteilen, sich mit ihm zu verständigen, mit ihm zu kommunizieren. Die zwischenmenschliche Kommunikation ermöglichte dann die großartige kulturelle Evolution.

Im Laufe der Zeit wurde die Kommunikation mit technischen Mitteln immer weiter verbessert, um schneller ein immer größeres Publikum anzusprechen. Nach der Entwicklung der Schrift waren es vor allem die Erfindung des Buchdrucks und später die der Photographie und des Telegraphen, die es erlaubten, Nachrichten schneller zu verbreiten. Damit waren die Vorläufer unserer modernen Kommunikationsmittel geschaffen. Erst die elektromagnetische Übertragung und die elektronische Verarbeitung von Text, Bild und Sprache haben sie auf ihren heutigen technischen Stand gebracht. Heimcomputer und die Medien erweitern nicht nur unser Gedächtnis und Wissen, sie bieten uns auch — z.B. als Bildschirmtext — Warenkataloge und Auskunfteien, sowie die Möglichkeit elektronischer Bestellungen und Geldtransaktionen. Weiterhin erschließen sie uns auch reiche Ausbildungsmöglichkeiten.

In der zwischenmenschlichen Kommunikation hat sich das Telefon durchgesetzt. Das elektromagnetisch übertragene Wort hat den mechanisch und durch Menschen transportierten, geschriebenen Brief so ziemlich ersetzt. Und hieß es früher noch: "Fasse Dich kurz!", so liest man heute allenthalben; "Ruf doch mal an!". Wir ordnen uns inzwischen dieser technischen Einrichtung so sklavisch unter, daß ein Telefonanruf uns jederzeit stören darf, daß ihm erlaubt ist, alle unsere anderen Handlungen zu unterbrechen.

Zu den sog. Massenmedien, den hauptsächlichen Verbreitungsmitteln von Information in der heutigen technisierten Welt, zählen vor allem Zeitungen und Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen. Sie erreichen regelmäßig fast die gesamte Bevölkerung der Industrieländer. Das Buch als informatives Sachbuch spricht dagegen nur einen kleineren Interessenkreis an.

Massenkommunikation dient nicht nur zur Verbreitung objektiver Informationen, sondern auch zur Verkündung subjektiver Meinungen. Das ist besonders der Fall bei der Werbung für politische oder wirtschaftliche Zwecke, wenn immer etwas verkauft werden soll und harte Interessen im Hintergrund stehen. Das umworbene Publikum wird dabei meist psychologisch manipuliert. So werden beispielsweise zur Steigerung des Absatzes von Gütern und Dienstleistungen Werbemaßnahmen eingesetzt, die die Menschen beeinflussen und zum Kauf anregen sollen.

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Werbung erfolgt direkt durch Schaufenstergestaltung oder — ein breiteres Publikum ansprechend — durch Anzeigen und Plakate, Drucksachen, Prospekte und Kataloge, Zeitungsbeilagen und Werbefilme. Als Werbeträger werden Zeitungen und Zeitschriften, Litfaßsäulen und Anschlagtafeln, Verkehrsmittel, Rundfunk und Fernsehen, sowie Lichtspieltheater, Messen und Ausstellungen eingesetzt. Dafür werden beträchtliche Geldmittel ausgegeben. So trägt beispielsweise das Werbefernsehen durch seine Einnahmen erheblich zur Finanzierung der Fernsehanstalten bei. Dabei wurde zum Glück in der BRD bisher im Gegensatz zu anderen Ländern die Gesamtdauer der täglichen Fernsehwerbung stark beschränkt und ihre deutliche Trennung vom übrigen Programm verfügt.

Am modernen Arbeitsplatz finden wir immer häufiger elektronische Bildschirmgeräte, die es dem Sach­bearbeiter ermöglichen, in Verbindung mit einer Datenverarbeitungsanlage und Datenbanken Informationsprozesse rationell und exakt durchzuführen. Sie helfen ihm bei aufwendigen Konstruktionsaufgaben, bei der Simulation technischer Prozesse, bei der Textverarbeitung, bei langwierigen Suchvorgängen in Dokumentationssystemen oder bei kommerziellen Anwendungen. Auch kann er von seinem Gerät aus in Kommunikationsnetzen über Satelliten und Glasfasern weltweit mit anderen Teilnehmern Machrichten austauschen und so in elektronischen Postverkehr treten. Die Informationstechnik automatisiert Fabriken, Banken und Handel, und dgl.

Die modernen informatorischen Arbeitsmittel führen nicht nur zu besseren Arbeitsergebnissen, da sie in der Lage sind, jederzeit und schnellstens jede notwendige Information bereitzustellen, sie erlauben auch, teure Ressourcen einzusparen und Risiken zu vermeiden. Simulationsprogramme können auf einer elektronischen Rechenanlage modellhaft das Verhalten technischer Prozesse oder ganzer Systeme nachbilden. Solche Modelle ermöglichen Experimente, die in der Natur zu kompliziert, zu teuer oder auch zu riskant wären. Die modernen Kommunikationsmittel erzwingen auch nicht mehr für viele Beschäftigte die Trennung von Arbeitsplatz und Wohnung und könnten so den Berufsverkehr reduzieren oder aufwendige Reisen erübrigen.

Durch die modernen Informationsmedien wächst unser Wissen heute explosionsartig an. Wir werden von einer stetig anschwellenden Informationslawine überrannt und verlieren dabei den Überblick über die Welt. Der Einzelne kann nur noch Teilbereiche übersehen. Er kann nurmehr beschränktes Spezialwissen entwickeln. Wir sind daher gezwungen uns elektronischen Wissensbanken und sog. Expertensystemen anzuvertrauen. Sie speichern nicht nur das Wissen eines bestimmten Gebietes, sondern auch alle einschlägigen Zusammenhänge, und beantworten "sachverständig" alle Fragen. 

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Mit der anwachsenden Wissensflut werden solche Systeme jedoch in der Zukunft Größen annehmen und eine Komplexität erreichen, so daß sie sich verselbständigen. Niemand wird mehr in der Lage sein, alle Inhalte nachprüfen zu können. Hilflos und gutgläubig werden wir uns ihnen anvertrauen müssen und ihnen dabei auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sein.

 

   Die Waffentechnik  

 

Technik war schon immer vor allem Waffen- bzw. Kriegstechnik — d.h., Krieg ist eine der stärksten Triebfedern des technischen Fortschritts. So wurde die Kernenergie zuerst in Form der Atombombe eingesetzt, bevor sie für friedliche Zwecke genutzt wurde. Und heute verspricht, man sich von der Beteiligung an den Vorbereitungen für den "Krieg der Sterne" nebenbei auch noch neue Schübe für friedliche Technikanwendungen.

Waffen dienen vor allem zu Angriff bzw. Verteidigung, daneben auch zu Jagd- und Sportzwecken. Militärische Waffen sollen die Truppen und militärischen Einrichtungen des Gegners, sowie seine Nachschubversorgung schädigen oder gar vernichten. Bei ihrer Entwicklung werden alle technischen Möglichkeiten ausgeschöpft, die einen Vorteil gegenüber der Bewaffnung eines Gegner erlauben.

Die Steinzeit kannte neben natürlichen Waffen, wie Faustkeilen, Keulen und Spießen, die ersten Fernwaffen, wie Speer und Steinschleuder und den Bogen zum Verschießen von Pfeilen. Die Bronzezeit stellt sich uns vor allem in Funden von prächtigen Schwertern, Dolchen und Äxten, Helmen, Panzern und Schilden dar. Das Rad, in der vollendeten Form des Speichenrades, erscheint erstmals um 2000 v.Chr. auf Tonmodellen aus Nordmesopotamien; ab 1600 findet es sich, eingeführt von den Hyksos, an ägyptischen Streitwagen.

Schon in der Antike und im Mittelalter gab es regelrechte Kriegsmaschinen zum Zwecke der Belagerung, des Angriffs und der Verteidigung. Dazu gehörten Leitern, Angriffsrampen, Sturmdächer, Wandeltürme, Widder, Mauerbohrer und Rammböcke. Geschütze wurden aus Handwaffen wie Bogen und Schleuder entwickelt und anfänglich zur Belagerung und Verteidigung von Festungsanlagen, später von den Römern auch in offener Feldschlacht und zur Bestückung von Schiffen verwendet. Die wichtigsten Geschütze waren Armbrüste, Onager und Katapulte, von denen Pfeile oder schwere Steinkugeln über große Strecken geschossen wurden.

In China seit 1231 nachweisbar, treten in Europa um etwa 1320 die ersten Feuerwaffen auf. Sie nutzen die chemische Energie des Schießpulvers zum Abfeuern von Beschossen aus. Als Handfeuerwaffen und Geschütze in Vorderlader- und später Hinterladertechnik verdrängten sie alle anderen Waffen und revolutionierten so die gesamte Kriegsführung.

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Seit Beginn des industriellen Zeitalters wurde der Krieg zu einem treibenden Element in der Entwicklung der Technik. Diese schuf die Voraussetzungen für den totalen Krieg und gab den Nationalstaaten zunächst die Möglichkeit zur unbeschränkten Verfolgung ihrer Interessen.

Die Automatisierung der Schußwaffen zu Schnellfeuergeschützen und Maschinengewehren, die Erhöhung ihrer Durchschlagkraft und Reichweite, sowie die Einführung von beweglichen Waffenträgern, Land-, Wasser- und Luft-Fahrzeugen, setzte die Entwicklung fort. Für Landoperationen gehören dazu Panzer und Geschütze auf Selbstfahrlafetten. Panzerarmeen erlaubten im letzten Weltkrieg schnelle, groß angelegte Angriffsoperationen in feindliches Land.

Kriegsschiffe weisen eine Vielfalt von Bauarten auf, vom Flugzeugträger bis zum Unterseeboot, wie auch eine Vielfalt der eingebauten Waffen und Waffenleitsysteme. Neben Geschützen tragen sie Minen, Torpedos, Raketen und ferngelenkte Flugkörper zum Einsatz gegen See-, Land- oder Luftziele.

Mit Kanonen, Raketen oder Bomben ausgerüstete Kampfflugzeuge eignen sich für den Luftkampf und die Vernichtung von Zielen zu Lande und zu Wasser. Fluggeschwader haben im letzten Weltkrieg feindliche Gebiete mit ganzen Bombenteppichen eingedeckt und in Feuermeere verwandelt, wovon Dresden nur ein trauriges Beispiel ist. Hubschrauber dienen nicht nur zu Zwecken der Beobachtung und Aufklärung, sondern werden auch als Waffenträger besonders für den Erdkampf eingesetzt.

Taktische bzw. strategische Raketen mit herkömmlichen oder nuklearen Sprengsätzen und verschiedenen Reichweiten bilden mit ihren Präzisionseinrichtungen zur Zielerfassung und Zielverfolgung komplizierte technische Systeme, die praktisch jeden Ort der Erde erreichen und zerstören können, sofern sie nicht von Gegenraketen abgefangen werden.

Zur Militärtechnik gehören heute auch Anlagen und Systeme, die der Aufklärung dienen, wie z.B. weit­reichende, leistungsstarke Radaranlagen, und Waffenleitanlagen, radartechnische, optische, akustische und auf Infrarotbasis arbeitende Geräte zur Zielerfassung und -verfolgung. Im Weltall stationierte Satelliten dienen nicht nur für Aufklärungszwecke sondern auch als Raketenbasen.

Neben den genannten Kriegsgeräten besteht das heutige Waffenarsenal aus den sog. ABC-Waffen, d.h. atomaren, biologischen und chemischen Waffen: Da bei Atomwaffen die Sprengladung aus Kernsprengstoff besteht, werden sie besser Kern- oder Nuklearwaffen genannt. Sie wirken durch Druckwellen, Hitzestrahlung und Radioaktivität.

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Die Sprengwirkung beruht entweder auf der Spaltung schwerer Uran-235- oder Plutoniumkerne (Uran- bzw. Plutoniumbombe) oder der Verschmelzung leichter Deuterium- oder Tritiumkerne (Wasserstoffbombe). Diese Waffen besitzen eine zerstörende Wirkung von beträchtlicher Reichweite und enormen Ausmaßes nicht nur durch die Druckwelle, sondern auch durch die radioaktive Strahlung. Zum Einsatz stehen Raketen mit nuklearen Gefechtsköpfen für jeden Bereich, Flugzeuge mit Kernwaffen, Geschütze mit Kerngranaten und Kernsprengladungen zur Verfügung.

Eine Weiterentwicklung der Nuklearwaffen ist die sog. Neutronenwaffe, ein nuklearer Sprengsatz, der als Gefechtskopf für Artilleriegeschosse oder Mittelstreckenraketen verwendet werden kann und bei relativ geringer Sprengwirkung eine extrem starke Neutronenstrahlung auslöst. Die intensive Strahlendosis bewirkt im Zentrum Kampfunfähigkeit innerhalb weniger Minuten und führt innerhalb eines Tages zum Tode. In 1 km Abstand tritt Kampfunfähigkeit innerhalb weniger Stunden ein und Todesfolge in 1 bis 2 Wochen. 

Die Neutronenwaffe wurde ursprünglich in den USA als Abwehrwaffe gegen Interkontinentalraketen mit nuklearem Sprengkopf entwickelt, die sie durch ihre Neutronenstrahlung außerhalb des eigenen Territoriums zur Entzündung bringen sollte. Sie sollte aber auch als mögliches Abschreckungsmittel gegen den massierten Einsatz gepanzerter Fahrzeuge dienen, als Waffe, die nur Leben zerstört. Auf ihr gründen Befürchtungen bezüglich einer Konventionalisierung des Nuklearkrieges.

Biologische Waffen und Kampfmittel dienen der Verseuchung von Menschen, Tieren und Pflanzen durch Versprühen oder Zerstäuben von Bakterien von Flugzeugen oder Raketen aus. Dazu werden die Erreger von schwersten Krankheiten wie Pest, Enzephalitis, Typhus, Milzbrand, Blattern in großen Mengen gezüchtet.

Chemische Kampfstoffe wurden bereits im Ersten Weltkrieg eingesetzt. Es sind Stoffe von mehr oder weniger großer Giftigkeit, die den Feind durch Einwirkung auf Augen, Atmungsorgane und Haut, sowie auf das Zentralnervensystem kampfunfähig machen oder töten. Die Kampfstoffe werden durch Gasgranaten oder Raketen versprüht, oder durch Bombenabwurf zur Wirkung gebracht.

Die Rüstungsindustrie stellt immer und überall einen beträchtlichen Teil der Gesamtindustrie dar. Lebt sie im Krieg vom Material Verlust auf den Schlachtfeldern, so ist sie im Frieden auf den Ersatz rasch im Rüstungswettlauf veraltender Waffen angewiesen. Zu dem Zweck schürt sie das Wettrüsten, indem sie hilft, den Glauben an einen unversöhnlichen Konflikt aufrechtzuerhalten. So gerät auch der Staat, der Abnehmer der Waffensysteme, in Abhängigkeit vom Industriesystem. Betroffen sind davon nicht nur die Industriestaaten selbst, sondern auch die Länder der Dritten Welt, mit denen in unverantwortlicher Weise Rüstungsgeschäfte gemacht werden. Die Rüstungsindustrie bereichert sich so auch noch skrupellos an den Auseinandersetzungen anderer Völker durch Schaffung von Nebenkriegsschauplatzen in Spannungsgebieten.

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Mit den seit dem Zweiten Weltkrieg entwickelten, hochtechnisierten Massen­vernichtungs­mitteln besitzt die Welt heute ein Vernichtungspotential, das die Wirkung der herkömmlichen Waffen weit in den Schatten stellt, und das für eine mehrfache Vernichtung jeglichen Lebens auf der Erde ausreicht. Die Gefahr dieser Vernichtung wird umso größer, je mehr Länder in den Besitz von Kernwaffen gelangen. Das Material für Kernwaffen gewinnen sie aus friedlichen Zwecken dienenden Kernkraftwerken, die Plutonium anreichern, den Grundstoff für Plutoniumbomben. 

Mit in der Zukunft wachsenden Notlagen, Massen­hunger und -elend werden Nuklearkriege immer wahrscheinlicher. Die rasende Entwicklung der Waffentechnik stellt daher eine furchterregende Bedrohung unserer Welt dar.

Nicht genug davon, bereitet man nun den "Krieg der Sterne" vor. Dabei dürften Waffensysteme entstehen, die in ihrer Kompliziertheit und ihrem Automatis­mus keine Gewähr mehr dafür geben können, daß sich auf Grund eines technischen Fehlers oder eines Mißverständnisses der ganze Verteidigungs­apparat selbständig macht und das Inferno eines Nuklearkrieges ungewollt auslöst. 

Die die technischen Abwehreinrichtungen steuernden Rechner und vor allem ihre Programme erreichen eine Komplexität, die nicht mehr auf völlig richtige Funktionsweise hin ausgetestet werden kann, so daß sie noch beliebig viele Fehler enthalten werden, die sich verheerend auswirken können. Die sich in Minutenschnelle abwickelnde Automatik gibt dem Menschen keine Gelegenheit, noch hindernd einzugreifen.

Die Schilderung der Waffentechnik ist absichtlich etwas ausführlich geraten, um zu zeigen, wohin menschliche Erfindungsgabe führen kann. 

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  Zusammenfassung 4  

 

  1. Basierend auf seiner Naturerkenntnis hat der Mensch eine Technik entwickelt, die die Biosphäre in eine Technosphäre verwandelt und die Erscheinungs­formen der Erde wesentlich verändert hat. So hat unsere Zivilisation nurmehr wenig mit der ursprünglichen Natur gemein.

  2. Landwirtschaftliche Methoden erlauben heute, ein Vielfaches dessen aus dem Boden zu holen, was noch vor einem Jahrhundert möglich gewesen wäre. Dazu bedurfte es jedoch der Flurbereinigung sowie des Einsatzes von Chemie in riesigen Mengen für künstliche Düngung und Schädlings­bekämpfung.

  3. Künstliche Zivilisationslandschaften verdrängen die ursprüngliche Naturlandschaft. Sie können allerdings nur unter andauernden energie­intensiven Bemühungen erhalten werden.

  4. Durch Industrialisierung hat sich mit der Technik der Mensch die Naturgesetze nützlich gemacht und dabei einen relativen Wohl­stand erreicht. Das hat seine Gesellschaftsstruktur total gewandelt wie auch die Art des Erwerbs seines Lebensunterhalts.

  5. Konsum, neben der Befriedigung lebensnotwendiger Bedürfnisse die Erfüllung immer weitergehender Wünsche, ist zum Zeichen sozialer Stellung geworden und zwingt uns zu dauerndem "Mithalten".

  6. Das Verkehrswesen ist mit der eindruckvollste Ausdruck der Möglichkeiten unserer Technik. Es über­zieht in dichten Netzen unsere Erde zu Lande, im Wasser und in der Luft. Neben den öffentlichen Transportmitteln spielt der Individualverkehr auf der Straße eine wesentliche Rolle.

  7. Information ist die neueste Dimension unserer Technik. Sie ist das Medium der Kommunikation und Automation.

  8. Waffentechnik, die unhumanste Form der Technik, bedroht heute die gesamte menschliche Zivilisation, ja das gesamte Leben auf der Erde.

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 Max Albert  1987  Kritik an der vermeintlichen Vernunft