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8. Gesellschaftliche Probleme  

 

  

Der Mensch ist gar nicht so böse von Jugend auf, er ist nur nicht gut genug für die Anford­erungen des modernen Gesell­schafts­lebens.  (Konrad Lorenz)

Menschen kommen und gehen wie die Wellen im Meer. Selbst der weiße Mann, dessen Gott mit ihm wandelt und redet wie Freund zu Freund, kann der geme­insamen Bestim­mung nicht entgehen.  (Seattle)

 

    Die Auswirkungen des Wachstums   

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Die Menschheit, die zur Jahrtausendwende mehr als 6 Mrd. betragen wird, massiert sich in überquellenden Großstädten. Es ist eine zunehmende Verstädterung zu beobachten. Die Bevölkerung in Städten mit mehr als 20.000 Einwohnern wächst im allgemeinen jährlich um etwa 20%. Die Städte wachsen durch Zuwanderung armer, in unterentwickelten Länder vielfach durch Hunger aus ländlichen Gebieten vertriebener Menschen, die ihr Glück in der Großstadt suchen. Leben heute etwa 40% der Weltbevölkerung in solchen Städten, so wird es um die Jahrtausendwende wohl schon rund die halbe Menschheit sein.

Statt zum Glück, führt die Überfüllung aber zu Elend und der damit verbundene Streß zu Reibereien und Konflikten, zu seelischen Leiden und Neurosen, zu Unfallverletzten und -toten. Die biologische Anpassung, erfolgreich über Millionen von Jahren, vermag der Geschwindigkeit der Entwicklungen in unserer Gesellschaft nicht zu folgen.

In den unterentwickelten Ländern wachsen so Ballungszentren mit wilden Siedlungen, Slums und Elends­quartieren heran. Sie verdoppeln sich etwa alle 6 Jahre. Man schätzt, daß es dort um die Jahrtausendwende etwa ein Dutzend Städte von mehr als 10 Mill. Einwohnern geben wird. Die größte davon wird Mexiko City mit wohl mehr als 30 Mill. Bewohnern sein.

Mit diesen Wachstumsraten kann die Versorgung nicht Schritt halten. So entstehen Ansammlungen von Menschen in Elendsquartieren, denen es neben Arbeitsplätzen und dem nötigen Nahrungsangebot an Infra­struktur­einrichtungen wie Wasserversorgung und Abfallbeseitigung, an sanitären Anlagen wie Kanalisation und Versorgung mit einwandfreiem Trinkwasser, sowie an Ausbildung und Gesundheitsfürsorge mangelt. Große Teile der Bevölkerung haben in ihren Unterkünften keinen Wasseranschluß und keine Vorrichtung zur Beseitigung der Exkremente. Die meisten Häuser oder Hütten haben Plumsklos, die wenigsten sind an eine Kanalisation angeschlossen, die zu einer Kläranlage führt.

Ungeklärtes, verschmutztes Wasser in Flüssen und Seen bildet eine dauernde Gefahr für Infektions­krank­heiten, ja Epidemien. Selbst die Beseitigung der Toten stellt ein Problem dar. Zu den Leiden, bedingt durch verunreinigtes Wasser, kommen solche, verursacht durch die Luftverschmutzung des zunehmenden Kraft­fahrzeug­verkehrs mit meist alten, schlecht instandgehaltenen Fahrzeugen. Und die nähere und weitere Umgebung der Städte wird unwirtlich. Sie verödet durch Kahlschlag der Wälder zur Brennholzgewinnung, verliert Flora und Fauna, erodiert und wird leicht durch Überschwemmungen heimgesucht.

Der wachsende Kraftverkehr fordert auch direkte Opfer. In der Vergangenheit gelang es uns alle wilden, uns gefährlichen Großtiere zu vertreiben oder auszurotten, wie beispielsweise Bären oder Wölfe und Schlangen. Dafür haben wir uns neue Reißwölfe zugelegt, die jährlich allein in der BRD etwa zehntausend Tote und noch viel mehr Verletzte fordern. Diese Opfer des Straßenverkehrs nehmen wir in Kauf aus reiner Bequemlichkeit, weil wir alle meinen, individuell motorisiert sein zu müssen und die Mühen eines Fußmarsches oder die umständliche und vielleicht etwas zeitraubendere Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel scheuen. 

Niemand ist bisher auf die Idee gekommen, die gefährlichen Kraftfahrzeuge auszurotten. Wohl ist dies auch eine Frage unseres Geltungsbedürfnisses und falsch verstandener Vorstellungen unserer persönlichen Freiheit. Ersteres äußert sich in der bewußten Zurschaustellung des Errungenen, was uns chromblitzende Luxuskarossen mit übertriebenen PS-Zahlen als Statussymbole aufnötigt. Das letztere artikuliert sich in solchen gedankenlosen Slogans wie "Freie Fahrt für freie Bürger".

Der Mensch, in Massen zusammengetrieben, läßt sich leicht radikalisieren, wird Opfer von Ideologien, National­ismus oder Revolutionen und stellt so sich selbst gegenüber eine Gefahr dar.

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   Arbeitslosigkeit und Armut   

Rationalisierungsmaßnahmen in der Landwirtschaft und Industrie erhöhen die menschliche Produktivität. Es läßt sich mehr bzw. billiger produzieren. Produktivitätsfortschritte befreien Arbeits- und Kaufkraft für andere Verwendungen, so daß anderswo die Beschäftigung kompensatorisch ansteigen kann. Der Überschuß an landwirtschaftlichen Arbeitskräften und die mit der Industrialisierung entstehenden neuen Möglichkeiten in den Städten verursachten so Landflucht und Urbanisation.

In der industriellen Produktion setzt sich die elektronische Datenverarbeitung durch. So verdrängt beispiels­weise beim rechnergestützten Konstruieren der Bildschirm das Zeichenbrett. Technische Zeichnungen lassen sich nun blitzschnell mit Lichtgriffel oder Maus ändern und direkt in den Produktionsprozeß eingeben. Roboter in der Produktion sind innerhalb eines gegebenen Fertigungsspektrums frei programmierbar. Dadurch werden Kolonnen von technischen Zeichnern und Bedienern von Werkmaschinen durch wenige Ingenieure ersetzt.

Neue Produktionstechniken verringern einerseits den Bedarf an menschlicher Arbeitskraft, erfordern ander­seits neuartige Berufsqualitäten. Aufgaben, die bisher in Werkstätten und Montagehallen erledigt wurden, werden durch die neue Technik ins Konstruktionsbüro verlagert. Dem Verlust von Arbeitsplätzen in der Produktion steht ein — allerdings geringerer — Stellenaufbau in Forschung und Entwicklung gegenüber. Auch im Dienstleistungssektor, in den Büros, kommt durch den Einsatz von Rechnern ein ständig beschleunigter Rationalisierungsprozeß in Sang.

Elektronische Rechner werden so einmal ganze Bereiche der menschlichen Tätigkeit übernehmen. Die menschenleere Fabrik wird sich zwar nie realisieren lassen, wir werden ihr jedoch beliebig nahe kommen. Dabei geht es nicht nur um Wirtschaftlichkeit und Zeiteinsparung, also etwa die Verkürzung von Lieferzeiten. Auch das Ausschalten menschlicher Fehler spielt eine Rolle.

Der Weg zur Informationsgesellschaft ist mit einer ständigen Veränderung der Nachfragestruktur auf dem Arbeitsmarkt verbunden, mit dem die Angebotsstruktur nicht Schritt halten kann. Besonders betroffen sind die Un- und Angelernten, die Frauen in jenen Routine-Informationsberufen, wie beispielsweise Sekretärinnen, die den Hauptteil der jüngsten Ausdehnung des Dienstleistungssektors ausgemacht haben. Dem gegenüber steht ein permanenter Mangel in den höheren technischen Berufen, in besonders komplexen Tätigkeiten und in den obersten Koordinations- und Steuerungsfunktionen. 

Die wachsende Leistungsfähigkeit der Informationstechnik wird ständig neue Schichten am jeweils unteren Ende des Qualifikationsspektrums wegrationalisieren, solange Mensch und Maschine in einem Konkurrenz­verhältnis stehen. Je geringer die Qualifikation, umso geringer also auch die Chancen einen Arbeitsplatz zu finden und zu behalten. Es öffnet sich eine Kluft zwischen solchen, die die neuen Techniken beherrschen, und denjenigen, die sich mit ihnen nicht vertraut machen können.

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Der moderne Arbeitnehmer qualifiziert sich nicht nur durch aktuelle technische Kenntnisse und Fähigkeiten. Insbesondere werden auch Flexibilität und Mobilität verlangt und die Bereitschaft, seine Kenntnisse dauernd auf den neuesten Stand zu bringen. Zu enge Spezialisierung, fehlende Flexibilität, Anpassungs­schwierigkeiten sind seinem Verbleib im Arbeitsprozeß hinderlich.

Für die durch die Rationalisierung frei werdenden Arbeitskräfte gibt es nun in unserer heutigen gesättigten Konsumgesellschaft nicht mehr genügend Verwendungsmöglichkeiten. Somit wird menschliche Arbeitskraft überflüssig. Anstatt aber die verbleibende Arbeit auf alle zu verteilen, so daß der Einzelne weniger zu arbeiten hat, wird in den Industriestaaten ein Teil der Menschen arbeitslos. Die Freie Marktwirtschaft, die nicht nur einen Warenmarkt sondern vor allem auch einen Arbeitsmarkt beinhaltet, ermöglicht freien Unternehmern die Einsparung zu teurer menschlicher Arbeitskräfte.

Wenn der Preis für Arbeit zu hoch ist, werden weniger Menschen beschäftigt. Je höher nämlich die Löhne, um so größer der Anreiz der Unternehmen, durch entsprechende Investitionen Menschen wegzurationalisieren, um die Wirtschaftlichkeit zu erhalten. Unwirtschaftliche Werke werden geschlossen und Neuinvestitionen auf arbeitplatzsparende Anlagen konzentriert. Als Argument dient stets die Konkurrenzfähigkeit gegenüber dem Ausland.

Das Gleiche gilt auch für landwirtschaftliche Rationalisierungsmaßnahmen. Sie vertreiben die Landarbeiter in die Städte. Energieintensive Produktionsformen ersetzen arbeitsintensive. So entsteht eine Zweiklassengesell­schaft. Einem Monopol der Arbeit Besitzenden steht eine anwachsende Zahl von Arbeitslosen gegenüber. Und während sich die Inhaber von immer knapper werdenden Arbeitsplätzen kaputt arbeiten, langweilen sich die Arbeitslosen zu Tode.

Arbeitszeitverkürzung und Arbeitsumverteilung erscheinen als Lösung. Aber mit der immer komplexeren, sich immer schneller wandelnden Technik erfordert die verbleibende Restarbeit vielfach individuelle Qualifikationen, die sich jeder sofortigen, kollektiven Gleichverteilung widersetzen. Auch wächst die Zahl derjenigen, die nicht in der Lage sind, sich für die Arbeitswelt die minimalen Qualifikationen anzueignen.

Die Situation wird noch verschärft dadurch, daß Länder mit billigen, weniger qualifizierten Arbeitskräften, sog. Niedriglohnländer, die Produktion übernehmen. Dabei schaffen sich diese Länder ihre eigenen Probleme. Für sie ist unsere technische Entwicklung ja nicht natürlich, sondern importiert, stört die natürlichen Vorgänge und löst soziale Strukturen auf. Rationalisierende Produktionsformen stoßen dort auf ein Überangebot an Arbeitskräften, entziehen allen entsprechenden, einheimischen Produktionsanlagen die Existenzgrundlage, da sie wirtschaftlicher arbeiten, stellen aber weit weniger Arbeitsplätze zur Verfügung. Das durch sie ermöglichte wirtschaftliche Wachstum kann nur wenigen zu gute kommen.

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Massenarbeitslosigkeit. ist keine Frage persönlich zurechenbarer Schuld der von ihr Betroffenen. Massen­arbeits­losigkeit ist Ergebnis gewisser Wirtschafts- und Gesellschaftsformen. Arbeitslosigkeit, insbesondere Lang­zeit­arbeitslosigkeit, führt die Betroffenen in wirtschaftliche Unsicherheit, Armut und Elend. Sie macht einsam und unfähig, die Zeit in persönlicher Verantwortung zu gestalten. Arbeitslosigkeit führt zu Resignation und Aggression. Die daraus entstehende Gewalt kann die Demokratie merklich abbauen. Nur reiche Wohlfahrtsstaaten können ihren so in Not geratenen Bürgern eine soziale Grundversorgung gewähren, die ein gewisses Existenzminimum (Nahrung, Kleidung, Wohnung) ermöglicht.

Durch den stürmischen technischen Fortschritt der Industriestaaten vergrößert sich deren wirtschaftlicher Abstand zu den unterentwickelten Ländern stetig. Die dauernde Steigerung der Produktivität der Industriearbeiter mindert, die Arbeitskraft und damit das Einkommen der Menschen der Dritten Welt. Die unterentwickelten Länder werden immer ärmer und sind auf Zuwendungen der reichen Länder angewiesen. Die ihnen gewährten Kredite werden sie jedoch nie zurückzahlen können. Mit Mühe bringen sie die jährlich fälligen Kreditzinsen auf und bewegen sich dabei ständig am Rande des Staatsbankrotts, während ihre leer ausgehenden Gläubiger dauernd eine Weltwährungskrise befürchten müssen.

Weltweit gibt es heute etwa 1 Mrd. Menschen ohne Arbeit, die mit ihren abhängigen Angehörigen am Existenz­minimum dahin vegetieren oder verhungern und erfrieren.

 

   Alkohol und Drogen   

Symptomatisch für unsere Zeit ist die Flucht ins Rauschgift. New York zählt heute etwa 100.000 Rausch­gift­süchtige. Der Mensch braucht eine überblickbare Umgebung mit sozialen Bindungen. Wird die Umgebung zu groß oder hektisch, verliert er sie sogar in Arbeitslosigkeit, schwinden solche Bindungen und der Mensch vereinsamt in der Anonymität. 

Die offensichtliche Ausweglosigkeit unserer Welt treibt viele Menschen zu Alternativen, zur Flucht in die Unwirklichkeit. Sie werden drogenabhängig. Soziale und wirtschaftliche Verhältnisse sind daher die Hauptursache bei der Entstehung von Drogensucht. Der Mensch sucht eine schönere Welt mit Alkohol und Drogen.

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Übermäßige Aufnahme von Alkohol führt zu Krankheitserscheinungen, die entweder akut als Alkohol­vergiftung oder chronisch als dauerhafte Schädigung des Gesamtorganismus auftreten. Eine akute Vergiftung wirkt sich zunächst auf das Zentralnervensystem aus und führt zur Einschränkung der psychischen und motorischen Kontrolle, zu Enthemmung, Lallen, unsicherem Gang, kurz, was man als Rausch bezeichnet. Schwere Vergiftungen treten bei einem Alkoholgehalt von 2 und mehr Promille im Blut auf. Durch Störung des Zentralnervensystems wird die Regulation der Herztätigkeit, des Kreislaufs und der Atmung beeinträchtigt, so daß es zum Kreislaufschock und zum Atemstillstand kommen kann. Hierbei kann Bewußtlosigkeit oder sogar der Tod eintreten.

Häufiger Alkoholgenuß führt zur Gewöhnung und zur Alkoholsucht. 

Die Krankheitssymptome sind chronische Magenentzündung mit morgendlichem Erbrechen, auch chronische Herz- und Nierenerkrankung. Der Kalorien­überschuß verursacht Fettablagerung in der Leber, was zu Leberzirrhose führt. Schließlich kommt es zum Säuferwahn (Delirium tremens) mit Bewegungsunruhe, Desorientierung, Stammeln und Halluzinationen, Merk- und Aufmerksamkeitsschwäche, Herz- und Kreislaufversagen und Krampfanfällen.

Durch die Einnahme von Suchtmitteln werden Mißempfindungen ausgeschaltet oder sogar ein besonderes Gefühl des Wohlbefindens, eine Euphorie, erreicht. Gewohnheitsmäßige Haschischraucher genießen vor allem die Veränderung des Raum-Zeit-Erlebens. Meskalin und LSD rufen Halluzinationen hervor wie intensiviertes Farbensehen, Ineinanderübergehen von Sinnesmodalitäten, Aufhebung des Zeitempfindens. Außer euphorischen Stimmungen können sie auch Depressionen erzeugen. Kokain erzeugt eine kurzfristige Ekstase, womöglich auch Halluzinationen.

Durch die wiederholte Anwendung einer Droge in bestimmten zeitlichen Abständen entsteht eine psychische Abhängigkeit vom Suchtmittel. Dieser anomale Zustand stellt sich dar als unwiderstehlicher Drang, die Droge immer wieder einzunehmen, um ein besonderes Gefühl des Wohlbefindens zu erreichen. 

Neben der psychischen Abhängigkeit gibt es auch eine physische, die darin besteht, daß der Stoffwechsel sich an die Droge angepaßt hat, sie zum unentbehrlichen Nährstoff entwickelt hat. Entsprechend schwer sind die Abstinenzerscheinungen, wenn die Droge abgesetzt wird. Eine nur seelische Abhängigkeit erzeugen Kokain, Haschisch (Marihuana), Meskalin und LSD.

In der BRD sind etwa 1 Mill. Männer und halb soviele Frauen alkoholabhängig und sterben jährlich 15.000 an Leberzirrhose. Dazu kommen fast 50.000 Drogenabhängige, die regelmäßig Haschisch, Marihuana, Heroin oder Kokain nehmen. Etwa 300.000 bis 500.000 Menschen mißbrauchen Medikamente, vor allem Beruhigungs-, Schmerz- und Aufputschmittel.

Drogenmißbrauch ist in der BRD vor allem ein Jugendproblem. 10% der 12- bis 24-jährigen hat Drogen­erfahrung, das sind etwa 1 Mill. Jugendliche in Großstädten. Die Hauptgruppe der drogengefährdeten Jugendlichen liegt zwischen 18 und 21 Jahren. 

Die Problematik der Drogenabhängigkeit besteht darin, daß sie nahezu unheilbar ist. Die Rückfallquote behandelter Drogensüchtiger beträgt etwa 98%.

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   Aggressivität, Kriminalität und Terrorismus   

Trotz des allgemeinen wirtschaftlichen Wohlstandes, trotz größtmöglicher Freiheit in unseren westlichen Demokratien, sind viele Menschen nicht zufrieden mit ihrer persönlichen und der allgemeinen Situation. Sei es, daß sie als Randgruppen nicht teilhaben an den Errungenschaften und Freiheiten unserer Zeit, etwa ohne Arbeit am Existenzminimum dahin vegetieren oder ohne Heimat in der Fremde nur geduldet sind, sei es, daß sie an den Mißständen und Fehlentwicklungen in unserer Industrie- und Konsumgesellschaft hilflos verzweifeln, daß sie Gerechtigkeit vermissen oder ohne Hoffnung für den Menschen und seine Kultur in die Zukunft sehen.

In seiner ausweglosen Situation, im Gefühl ernster, unausweichlicher Bedrohung entwickelt der Mensch Frustrationen, die als Reaktion Aggressionen freisetzen. Diese richten sich in erster Linie gegen andere Menschen, gegen Sachverhalte und Institutionen, wie Staat und Gesellschaft, aber auch gegen die eigene Person. Kriminalität und Terrorismus erklären sich so als Symptome einer Gesellschaft, die mit sich und ihrer Umwelt nicht in Einklang steht.

Die Wohlstandsgesellschaft verursacht Wohlstandskriminalität. Die Reizüberflutung durch Werbung und die provozierende Zurschaustellung von Waren jeglicher Art in Geschäften und Kaufhäusern, schließlich der gesellschaftliche Zwang zum Besitz aufwendiger Statussymbole führen zu einem übersteigerten Bedürfnis nach Konsum- und Luxusgütern und verführen zu kriminellen Handlungen. So vervielfacht sich in den Großstädten die Zahl von kriminellen Strafhandlungen, von Diebstählen, Raubüberfällen, Körperverletzungen und Morden.

Daneben steht spektakulärer die politisch motivierte Gewaltanwendung durch kleine, bewaffnete, revolutionäre und extremistische Gruppen bzw. Einzelpersonen zur Erreichung politischer Ziele: der Terrorismus. Er versteht sich als verzweifelte Gewaltaktionen von unten gegen Vergewaltigung von oben. Terrorakte, wie Menschenmord, Banküberfälle oder Flugzeugentführungen wollen einmal die Öffentlichkeit auf Mißstände in der Welt und der Gesellschaft aufmerksam machen. Zeitungen, Radio und Fernsehen stürzen sich auf solch sensationelle Ereignisse und vermitteln ihnen die gewünschte Publizität. Zum anderen versucht man sich gewisse Freiheiten zu ertrotzen oder gegen unser Gesellschaftssystem bzw. gegen Mißstände in demselben anzukämpfen. In ihrem Fanatismus schrecken die Terroristen vor keiner noch so zerstörerischen Gewalttat zurück, auch nicht vor Selbstaufopferung. 

Sie mögen teilweise aufgehetzt sein. Meist aber sind sie verzweifelt an einer Welt, in der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verkündet und Nächstenliebe gepredigt werden, aber Recht und Ordnung unter den Zwängen der Leistungs- und Konsumgesellschaft gewinn- und machtgierig und gleichgültig gegenüber dem einzelnen praktiziert werden.

Dazu kommt die Angst vor dem immer schnelleren Zutreiben unserer Welt auf die drohende, vom Menschen verursachte Katastrophe, womöglich in das Inferno eines Atomkrieges. Es wäre durchaus denkbar, daß bei Überstürzen der Ereignisse, bei immer brennenderem Verlangen eines Teils der Bürger nach einer gesunden, humanen Welt und beim starren Festhalten des anderen Teils einschließlich der Regierung am unheilvollen technischen Fortschritt es zu revolutionären Entwicklungen kommen kann.

So erleben wir heute eine wachsende Zahl von kriminellen und terroristischen Gewaltakten. Sie bezeugen eine sich ausbreitende Brutalität. Mitschuldig an der Entwicklung sind die Medien, die die physische Gewalt fördern, indem sie sie in Wort und Bild glorifizieren und ein regelrechtes Geschäft damit machen. Manch schwacher Charakter wird so zur Nachahmung gereizt. Selbstverständlich entbehrt auch militärische Ausbildung, die Erziehung zur "Härte", nicht der Brutalität.

 

 

Zusammenfassung 8 

  1. Die wachsende Weltbevölkerung ballt sich zusammen in Großstädten, wo sie in Slums bar jeder Zivilis­ations­einrichtungen dahin vegetiert. Problematisch wirkt sich die Entwicklung des Kraftfahrzeug­verkehrs aus, der aus falsch verstandenem Besitzerstolz ungeheure Zahlen an Opfern fordert.

  2. Die sich stetig steigernde Produktivität führt zu Massenarbeitslosigkeit vor allem bei den unter­qualifizierten Bevölkerungsteilen. Damit verbunden ist Armut, da viele Staaten nicht in der Lage sind, die unbemittelten Menschen zu unterstützen.

  3. Alkohol und Drogen stellen für viele Menschen die einzige Möglichkeit dar, ihr Elend zu ertragen. Für die meisten ist dies ein Ausweg ohne Rückkehr. 

  4. Die aufgestauten Aggressionen machen sich teilweise Luft in Kriminalität und Terrorismus. Vor allem der Terrorismus stellt eine wachsende Gefahr für unsere Gesellschaft dar — allerdings die Gesellschaft auch für unsere Welt. 

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Max Albert  1987  Kritik an der vermeintlichen Vernunft