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3. Leben und Kosmos  

 

 

Die kosmische Bedrohung  

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Im 1. Kapitel sprachen wir von einer Analogie zwischen der Biosphäre, mit dem Menschen als dem beherrschenden Element, und dem Ökosystem eines Sees. Wir fanden heraus, daß das Leben in einem See durch zwei Ursachen erlöschen könne: Äußere Bedingungen bewirken, daß der See allmählich in — sagen wir — eine Wüste verwandelt wird, wobei alles Leben darin ausgelöscht würde, oder: das Leben im See vernichtet sich selbst.

Kehren wir zur Biosphäre zurück und betrachten wir, was hier die erste mögliche Ursache der Auslöschung des Lebens sein könnte: Ist es wahrscheinlich, daß das Leben auf der Erde durch externe Kräfte vernichtet wird? Jener Kosmos, der den dritten Planeten einstmals bewohnbar machte und Leben auf ihm entstehen ließ, könnte unseren Planeten irgendwann in der Zukunft unbewohnbar machen und uns alle töten. Wenn wir darüber Gedanken anstrengen wollen, ob ein solches Ereignis wahrscheinlich ist, müssen wir uns in die Zukunft projizieren, allerdings unter Zuhilfenahme desselben Zeitmaßstabs, den wir im vorhergehenden Kapitel bei der Diskussion des Übergangs vom Wasser zum Land verwendet haben.

Legen wir zugrunde, wir würden die Verübung des Genozids an unserer gesamten Spezies erfolgreich verhindern können. Falls die menschliche Kultur es tatsächlich fertigbringt, sich ohne eine tödliche Katastrophe weiterzuentwickeln — wie lange kann der Mensch als kosmisches Phänomen weiterbestehen? Die Antwort lautet: Dann ist für die Menschheit kein Ende in Sicht.

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Im Mittelalter und sogar noch lange danach glaubten die Menschen, die Erde könnte als Folge einer kosmischen Katastrophe vernichtet werden. Ein riesiger Komet könnte auftauchen und mit der Erde kollidieren, sein Schweif würde die Atmosphäre vergiften. Doch das Risiko einer Kollision ist denkbar gering und die Menge giftigen Gases in einem Kometenschweif zu vernachlässigen. Sollte sich wirklich eine Kollision ereignen, so würde zwar beträchtlicher Schaden angerichtet, vergleichbar vielleicht dem durch ein paar Wasserstoffbomben, doch keinesfalls ein so verheerendes Chaos wie durch einen totalen Atomkrieg. Kometen sind für die Menschheit keine wirkliche Bedrohung, ja die Kometengefahr ist angesichts neuer, von uns selbst geschaffener Bedrohungen mehr als verblaßt.

Auch die von Asteroiden, den Kleinplaneten, drohende Gefahr darf man vernachlässigen. Vor einigen Jahren kursierte das Gerücht, der Asteroid Ikarus sei drauf und dran, mit der Erde zusammenzustoßen, doch nach genauerer Berechnung seiner Bahn zeigte sich, daß er, in kosmischem Maßstab, zwar dicht an der Erde vorbeieilen, doch einen sicheren Abstand einhalten würde. Und Ikarus kam, wurde von Astronomen beobachtet und verschwand wieder. Er wird immer wieder einmal in die Nachbarschaft unseres Planeten zurückkehren, doch die Chance einer Kollision steht geringer als 1 zu 1 Million. Sollte dennoch ein Zusammenstoß stattfinden, würde zwar riesiger Schaden entstehen — die Existenz der Menschheit wäre indes nicht in Gefahr.

Meteore, wie wir sie in klaren Nächten beobachten können, bestehen aus kleinen Sandkörnchen, die hoch oben in der Atmosphäre verdampfen. Es kommt nur selten vor, daß wirklich große Stücke Meteoritengestein die Erde treffen. Wo das geschah, wurden mächtige Krater geschlagen, z.B. in Arizona der Barringer-Krater. Im Jahre 1908 fiel ein riesiger Meteorit auf Sibirien nieder und zerstörte ein Gebiet von vielen Kilometern Durchmesser. Dennoch — solche Katastrophen haben lediglich lokalen Charakter.

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In einigen Büchern, sogar Bestsellern, wurde der Mythos geboren, daß die Venus und andere Planeten einst der Erde sehr nahe waren und Katastrophen verursachten und daß eine ähnliche Katastrophe nochmals eintreten könne. Eine derartige Vermutung ist barer Unsinn. Wir haben die Bahnen der Planeten — die der Vergangenheit wie die der Zukunft — mit genügender Genauigkeit bestimmt, um die Möglichkeiten auszuschließen, daß Geschehnisse wie diese sich ereignet haben oder sich in Zukunft ereignen könnten.

 

   Können wir der Sonne trauen?  

 

Doch wie steht es mit der Sonne, der großen Lebensschöpferin, von der wir völlig abhängig sind — droht uns von ihr Gefahr? Es ist behauptet worden, die Sonne könne explodieren und die ganze Erde zu Schlacke verbrennen, oder die Sonne könne ausbrennen, so daß alles Leben zu Tode gefröre. Sind solche Prophezeiungen richtig?

Wir haben Sterne der unterschiedlichsten Art untersucht. Tatsächlich können gewisse Sternarten explodieren und dadurch zu sogenannten Novae werden, Sternen, deren Lichtstrahlung für einen geringen Zeitraum, für Stunden, stark zunimmt (um das 104- bis 105-fache) und dann auf das normale Niveau zurückgeht. Andere Sternarten, die Supernovae, zeigen noch heftigere Explosionserscheinungen. Die Sonne jedoch gehört zu einer der beständigsten Kategorien der uns bekannten Sterne. Deshalb können wir mit einem hohen Wahrscheinlichkeitsgrad voraussagen, daß sie in den kommenden Milliarden Jahren nicht explodieren oder verlöschen wird. Allerdings haben wir keine Gewißheit, daß sich die Intensität des Sonnenlichts nicht verändern wird. In ihrer Vergangenheit hat die Erde lange Perioden erlebt, in denen das Klima in weiten Teilen der Welt sehr viel kälter war als heute.

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Wir wissen nicht mit Bestimmtheit, was diese Perioden ausgedehnter Vereisung, die sogenannten Eiszeiten, hervorrief. Möglicherweise waren Schwankungen der Sonneneinstrahlung die Ursache; vielleicht waren die Eiszeiten aber auch, wie einige Wissenschaftler glauben, ein rein meteorologisches Phänomen. Vielleicht hatte sich eine Veränderung des atmosphärischen Kreislaufs ereignet. Die Einstrahlungs­bedingungen mögen sich immer wieder verändert und eine Unausgewogenheit des sogenannten Treibhauseffektes hervorgerufen haben — jenes Effektes, durch den die Atmosphäre die Erde etwa in gleicher Weise warm hält wie das Glas das Innere eines Gewächshauses.

Auch in Zukunft könnte es durchaus Eiszeiten geben. Falls die Länder im äußersten Norden von einer kilometerdicken Eisschicht überzogen würden, wäre das für die dort lebenden Menschen wohl nicht besonders erfreulich, doch für die Menschheit als Ganzes wäre das keine Katastrophe, nicht einmal für jene in den betroffenen Ländern. Eine neue Eiszeit würde sicherlich nicht plötzlich auftreten, sondern sich durch ein oder mehrere Jahrhunderte immer stärkeren Frosts ankündigen, und so wäre genügend Zeit, eine Evakuierung der betroffenen Gebiete zu organisieren. Außerdem könnte der Mensch dann längst in der Lage sein, das Klima zu beeinflussen; unsere immer besseren technologischen Kenntnisse werden dies in nicht allzuferner Zukunft möglich machen.

Kurzum:

Wir können mit Sicherheit behaupten, daß wir der Sonne für Millionen von Jahren trauen dürfen. Gewiß, sie wird uns vielleicht manche kleine Schwierigkeit bereiten, doch sie wird nicht die Existenz der Menschheit bedrohen. Der Sonnengott beschützt uns und ist unsere Ehrerbietung wert.

Was nach vielen Jahrmilliarden passiert, sollte uns heute nicht kümmern. 

Oder doch? 

Vielleicht ist das Schicksal der Menschheit in sehr ferner Zukunft doch nicht völlig ohne Bedeutung?

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Die meisten von uns, die nicht den Trost haben, an ihre persönliche Unsterblichkeit zu glauben, fühlen die Notwendigkeit, daß irgend etwas von uns unseren Tod überdauert: Falls wir Kinder haben, halten wir sie für unsere Weiterführung; falls nicht, hoffen wir, daß irgend etwas, das wir in unserem Leben geleistet haben, uns überlebt. 

Wir glauben, daß unsere Gedanken und Taten implizit zur Geschichte, zur Evolution der Menschheit beigetragen haben und daß wir für das kollektive Karma des Menschen verantwortlich sind.

Doch was bleibt von unserem winzigen Hoffnungs­schimmer von der Unsterblichkeit des Menschen, wenn das unabänderliche Ende der Menschheit die totale Auslöschung sein soll und die Unfruchtbarkeit der Erde?

Für jene von uns, die eine Philosophie vertreten, macht es keinen Unterschied, ob das Ende der Menschheit in einigen tausend oder in einigen Millionen Jahren naht; in beiden Fällen denken wir in sehr langen Zeiträumen, die man unmöglich sehr realistisch begreifen kann.

Worauf es ankommt, ist, ob das schließliche Resultat aller von der Menschheit im Laufe unzähliger Generationen geleisteter Arbeit letztendlich Bedeutung hat.

 

Selbst wenn wir der Sonne für einige Jahrmillionen trauen dürfen, wird sie unausweichlich eines Tages ausgebrannt sein. Die Sonne bezieht ihre Energie aus dem Fusionsreaktor in ihrem Innern, der Wasserstoff in Helium verwandelt. Die Sonne verfügt über riesige Wasserstoffmengen (sie besteht zum größten Teil aus diesem Element) und verbraucht sie mit gleichmäßiger, aber nicht allzu hoher Geschwindigkeit. Es ist genügend Wasserstoff vorrätig, um zu garantieren, daß die Sonne noch Milliarden Jahre lang Energie abstrahlen wird. Eines Tages aber wird diese Quelle versiegen. Was kann die Menschheit dann tun? Bis zum Beginn dieses Jahrhunderts gab es nur eine Antwort auf diese Frage: Gar nichts; sie wird erfrieren. Ohne die Sonne würde die Temperatur auf der Erde auf den absoluten Nullpunkt sinken. Der Weltraum würde uns in seine eisigen Greifarme schließen.

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Eine von der Agrikultur abhängige Menschheit hätte ihrem Erlöschen nicht entfliehen können. Doch wir haben heute einen Übergang vollzogen, oder sind gerade dabei, ihn zu vollziehen, den Übergang in das kybernetische Zeitalter. Wir haben begonnen, die kosmischen Kräfte so gut zu verstehen, daß wir uns ihrer bedienen können. Wir sind nicht mehr ihr Spielball, vielmehr lernen wir, sie eines Tages technologisch zu dirigieren. Vielleicht werden wir dazu nicht jetzt und sofort fähig sein, sicherlich aber im Laufe von Jahrhunderten, d.h. verglichen mit der Zeitspanne, die die Sonne uns noch gnädig zugesteht, in kürzester Zeit.

In der Science-fiction-Literatur gilt nichts als unmöglich. Selbst für den Fall, daß unser Planet unbewohnbar werden sollte, halten Science-fiction-Autoren verschiedene Lösungen parat: Wir könnten einfach auf einen anderen Planeten umziehen oder uns im Weltraum ansiedeln; oder, falls die Sonne ausbrennt, könnten wir eine künstliche Sonne schaffen. Wieviel Wahres ist an solchen Ideen? Sehen wir, welche theoretischen Möglichkeiten es geben könnte, selbst wenn es lange dauern sollte, sie in die Wirklich­keit umzusetzen. 

 

   Bewohnbare Planeten  

 

Die Reise zum Mond ist keine Utopie mehr, und es wird nicht allzu lange dauern, bis wir auch Mars und Venus einen Besuch abstatten, obgleich alle diese Himmelskörper derzeit unbewohnbar sind. Wenn wir jedoch den richtigen Gebrauch von unserem technologischen Wissen machen, könnten wir sie möglicherweise für den Menschen herrichten. Als zum erstenmal Leben auf diesem Planeten entstand, setzte sich die Erdatmosphäre aus Stickstoff und Kohlendioxid zusammen; Sauerstoff war aller Wahr­scheinlichkeit nach überhaupt nicht vorhanden.

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Also mußte das aufkeimende Leben anaerobisch sein, weil nur Anaerobier, die ersten Mikroorganismen, imstande waren, ohne Sauerstoff zu leben. Sie entnahmen der Luft das Kohlendioxid, hielten den Kohlenstoff für den Aufbau ihrer Zellen zurück und atmeten Sauerstoff aus. Die heutigen Pflanzen leben nach einem ähnlichen Prozeß. Kohlenstoff wurde durch die geologischen Zeitalter hindurch als mächtige Kohleschichten und vielleicht auch im in den geologischen Formationen vorliegenden Öl abgelagert. Der durch diesen Lebensprozeß der Pflanzen und verwandte Vorgänge freigesetzte Sauerstoff sammelte sich durch die Zeitläufte hindurch an und bildet heute ein Fünftel der Luft.

Bevor dieser Prozeß der Freisetzung von Sauerstoff nicht über lange Zeit anhielt und bevor sich nicht eine genügend große Menge Sauerstoff angesammelt hatte, konnte sich kein tierisches Leben entwickeln; denn Tiere sind von dem Sauerstoff abhängig, den die Pflanzen ausatmen. Mikro­organismen und Pflanzen also haben die Erde für biologische Geschöpfe wie uns bewohnbar gemacht.

Es ist gar nicht so unsinnig anzunehmen, daß unsere kybernetische Kultur eines Tages zu derselben Leistung fähig sein könnte, wie sie Mikroorganismen in Urzeiten vollbrachten. Die Aktivität des Menschen auf der Erde hat solche Proportionen erreicht, daß sie die Lebensbedingungen auf unserem Planeten kontinuierlich verändert. Auspuffgase von Automobilen vergiften nicht nur die Luft großer Städte, sondern, wie in Kalifornien, die ganzer Staaten. Nicht nur Seen und Flüsse sind verunreinigt — es scheint, als sei selbst der Pazifische Ozean zu klein, um als Mülleimer für unsere Abfälle zu dienen. An verschiedenen Stellen unserer Welt lagern genügend Wasserstoffbomben, um, in einem nuklearen Krieg gezündet, damit die gesamte Erdatmosphäre zu verseuchen. Seit dem Anbruch der industriellen Revolution haben wir so viel Kohle und Öl verbrannt, daß der Anteil des Kohlendioxids in der Luft stark gestiegen und möglicher­weise die Ursache für klimatische Veränderungen ist.

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Unsere Aktivität wird eines Tages vielleicht zur Unbewohnbarkeit der Erde führen. Natürlich beabsichtigen wir so etwas nicht, aber offenbar sind die Kräfte, die wir derzeit freisetzen, von fast »kosmischer Stärke«. Unsere wachsende Technologie erlaubt die Verwandlung des ureigensten Charakters unseres Planeten. Warum sollte diese Technologie uns dann in absehbarer Zukunft nicht in die Lage versetzen können, den Charakter auch unserer Nachbarplaneten zu verändern. 

Möglicherweise werden wir dabei wieder der Hilfe unserer Freunde, der Mikroorganismen, bedürfen; denn sie waren es ja, die das Leben auf der Erde einleiteten. Sie entstanden auf einem unfruchtbaren Planeten und machten ihn bewohnbar. Auf der Venus haben sie diesen Prozeß allerdings nicht in Gang zu bringen vermocht, vielleicht, weil es auf diesem Planeten zu heiß ist. Möglicherweise können wir mithelfen, einen neuen bewohnbaren Planeten zu schaffen, mit einer lebenerhaltenden Atmosphäre, wenn wir den Mikro­organismen dadurch zur Seite stehen, daß wir einen grundlegenden Wandel im Klima der Venus herbeiführen. Auch der Mars läßt sich verändern. Derzeit ist er zu kalt, der Sauerstoffgehalt seiner Atmosphäre zu gering, als daß irgendeine Art tierischen Lebens möglich wäre. Menschliche Erfindungsgabe entdeckt aber vielleicht einen Weg, den Mars bewohnbar zu machen.

Was verstehen wir eigentlich unter einem bewohnbaren Planeten? Auf dem Gebiet des biologischen Experiments schreiten wir mit Siebenmeilenstiefeln voran. Wir verpflanzen Nieren und Herzen; bald werden wir beginnen, uns auf weit drastischere Weise zu verändern. Wenn wir es auch schwierig finden, unsere Nachbarplaneten im Weltraum zu verwandeln — vielleicht gelingt es uns, unsere eigene Spezies so zu verändern, daß wir imstande sein werden, auf anderen Planeten, oder auf einer verfallenden Erde, zu leben.

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   Leben im Weltraum  

 

Wir könnten uns auch im Weltraum niederlassen. Einige Astronauten haben es bereits fertiggebracht, dort mehrere Wochen lang auszuharren. Bald werden Raumschiffe komfortabler sein, und was im Film <2001> zu sehen war, wird in naher Zukunft Realität sein. 

wikipedia  2001:_Odyssee_im_Weltraum 

Stationäre wissenschaftliche Observatorien für den Weltraum, mit regelmäßig abzulösender Besatzung, bereits konstruiert. Unser gesamtes Planetensystem wird bald von Observatorien wie diesen in Augenschein genommen werden.

Wir können uns demnach auf ein Leben im Weltraum gefaßt machen. »Wir« bezieht sich natürlich nicht auf die gesamte Menschheit, sondern nur einen kleinen Teil von ihr. Leben im Weltraum wird sich wahrscheinlich von unserer gewohnten Existenz heute weniger unterscheiden als diese vom Leben zu agrarischen Zeiten. Könnten wir in das neunzehnte Jahrhundert zurückkehren, um einem Bauern zu erklären, wie man in der Kabine eines Düsenflugzeugs leben kann — es würde für ihn schwierig sein, das zu begreifen, und noch mehr, das überhaupt zu glauben.

Außer einem Jules Verne und einem Edgar Allen Poe gab es zu dieser Zeit niemanden, der auch nur in seiner Vorstellung den »Sprung« vom agrarischen zum kybernetischen Zeitalter zu vollziehen vermochte. Und doch hat es dann weniger als einhundert Jahre gedauert, diesen Wandel herzustellen. Ähnlich ist es, trotz aller Imagination der Science-fiction-Literatur, zweifelhaft, ob wir uns mit Erfolg vorstellen können, wie ein Leben im Weltraum in nicht allzu ferner Zukunft aussehen wird.

Über kurz oder lang werden wir Menschen wahrscheinlich mit einem Leben überall innerhalb unseres Sonnensystems und seiner nahen Umgebung vertraut werden. Doch, ist das Sonnensystem einmal kolonisiert, wird der nächste Schritt ein Riesenschritt sein müssen.

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Das Licht benötigt vier Jahre, um zum nächsten Fixstern zu gelangen; ein Raumschiff mit seiner heutigen Geschwindigkeit würde dazu einhunderttausend Jahre brauchen. Unser nächster Nachbar ist also wirklich weit von uns entfernt. Vergessen wir aber nicht, daß Technologie sich zunehmend rascher entwickelt. Bereits heute diskutieren Wissenschaftler Möglichkeiten, wie man die Geschwindigkeiten von Raumschiffen erhöhen könnte; bereits heute hat man die Kosten eines Fluges zum nächsten Fixstern veranschlagt.

Doch zurück in die Wirklichkeit! Warum sollten wir eine Expedition zu einem weitentfernten Stern schicken? Was wollen wir dort? Dieselbe dumme Frage wurde gestellt, als das erste Mondschiff abhob. Kolumbus hatte dieselbe Frage zu beantworten, als die <Santo Maria> die Anker lichtete, ja, dieser Einwand reicht in noch frühere Zeiten zurück: Als der erste Lungenfisch aus dem Wasser kroch und sein Leben auf dem Festland begann, waren seine Nachbarn ohne Zweifel schockiert und fragten: »Was will er dort?« Und hätte irgend jemand dem Lungenfisch, wie er nun im Schlamm des Ufers lag, von wogenden Kornfeldern und rauschenden Wäldern erzählt — dieser bemerkenswerte Pionier hätte vielleicht den kleinen Kopf geschüttelt und vor sich hingemurmelt: »Unglaublich, unglaublich, auf alle Fälle besteht kein Grund, sich dort hinzubegeben, wenn es keinen Schlamm gibt.«

 

   Eine neue Sonne  

 

Was die Techniker unseren Energieverbrauch (ob nun in Form von Kohle, Öl, Wasserkraft usw.) nennen, ist nur ein Bruchteil von einem Prozent der Energie, die wir für ein annehmliches Leben tatsächlich benötigen. Der Hauptteil der Energie, die wir im Grunde auch konsumieren, erwärmt die Erde, die Luft und die Ozeane, läßt Früchte reifen und Wälder wachsen. Die Sonne ist die Quelle all dieser Energie. Der Gesamtenergieverbrauch durch die Technik ist nur ein zu vernachlässigender Bruchteil davon, was die Sonne an die Erde liefert.

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Als in jenen tropischen Gebieten, die der Mensch zu seinem ersten Zuhause wählte, die Nächte kalt wurden, entdeckte er, daß er sich durch Verbrennen von Holz wärmen konnte. Die Entdeckung des Feuers ermöglichte ihm die Ansiedlung in kalten Gebieten, in denen er sich auf Wärme von der Sonne nicht verlassen konnte. Sein Energiebedarf wurde dadurch gedeckt, daß er in die Wälder ging und Bäume fällte; der Mensch setzte dadurch jene Sonnenenergie frei, die die Bäume während vergangener Jahrzehnte gespeichert hatten. Doch die kybernetische ist eine raubgierige Kultur. Sie forderte neue Energiequellen und fand sie in Kohle und Öl; sie begann so die Ausbeutung einer Energie, die sich im Laufe ganzer Erdzeitalter akkumuliert hatte.

Kehren wir zu unserer zugegebenermaßen rein akademischen Ausgangsfrage zurück: Was würde passieren, wenn die Sonne plötzlich ausginge? Hätte sich dieses unangenehme Geschehnis im neunzehnten Jahrhundert oder früher ereignet, als Landwirtschaft vorherrschend war, wäre alles Leben auf der Erde in Kürze ausgelöscht worden. In ein paar Wochen oder Monaten wäre alles zu Eis erstarrt gewesen. Kohle oder Holz hätten einige Menschen vielleicht über ein oder zwei Jahre retten können. Unsere Situation heute sieht ein bißchen freundlicher aus. Fossile Brennstoffe und Atomenergie könnten kleine Gruppen für wesentlich längere Zeit am Leben erhalten. Doch bald würde auch diese Energie aufgebraucht sein.

Unsere Situation wird sich radikal ändern, wenn wir eines Tages fähig sein werden, in einem Fusionsreaktor die Energie des Wasserstoffs freizusetzen. Wir werden dann Zugang zu den unermeßlichen Energiemengen haben, die dem Wasserstoff, dem verbreitetsten Element des Universums, entzogen werden können.

Zu Anfang werden wir nur vom schweren Wasserstoff Gebrauch machen können, später aber auch vom leichten, häufiger vorkommenden Isotop. Sind wir einmal imstande, einen Fusionsreaktor zu bauen, dann auch, um den atomaren Verbrennungsvorgang nachzuvollziehen, der jetzt nur im Zentrum der Sterne stattfindet. Auf diese Weise werden wir künstliche »Miniatursonnen« schaffen, Energiequellen, die uns von der Sonne unabhängig machen. Wir werden dann sehr gut mit Hilfe von Energieerzeugern existieren können, die in kosmischem Maßstab winzig sind. 

Zu diesem Zeitpunkt werden wir tatsächlich zu Herren des Kosmos werden. Wir werden imstande sein, nach Belieben zu reisen innerhalb der Grenzen, die uns die riesigen Entfernungen zwischen Sternen setzen , und wir werden imstande sein, soviel Energie, wie wir für notwendig halten, freizusetzen. Unter diesen Bedingungen würden wir, sollte die Sonne sterben, mit Leichtigkeit überleben. Aber wir würden die Sonne dennoch vermissen und ihren Tod beklagen.

Die wirkliche Bedrohung  

Soweit man sehen kann, droht uns keine wirkliche Gefahr aus dem Kosmos. Unsere kybernetische Kultur ist auf dem besten Wege, uns zu Herrschern des Welt­raums zu machen. Unsere Spezies ist potentiell unsterblich.

Gibt es wirklich keine Bedrohung für die Menschheit? Doch, es besteht eine sehr ernste Gefahr, eine Gefahr, die vom Menschen selbst für den Menschen ausgeht: Wir können uns selbst auslöschen.  

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 Hannes und Kerstin Alfvén  M-70  Die Menschheit der siebziger Jahre