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4. Eine neue Umwelt 

 

 

   Die neue Situation   

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Wir haben festgestellt, daß der Kosmos uns nicht ernsthaft bedroht. Wie aber sieht es mit den Gefahren »von innen her« aus? Wird der Mensch, so wie sich das Leben im alternden See selbst auslöschte, durch seine eigenen Aktionen Selbstmord begehen? 

Bei dem Versuch, diese Frage zu beantworten, müssen wir unsere Betrachtungsweise des Menschen völlig ändern. Wir dürfen ihn nicht mehr als astro­physikal­isches Phänomen betrachten, sondern als biologisches Wesen, Teil des Ökosystems Biosphäre, und, noch wichtiger, wir müssen ihn als menschliches Wesen sehen — aber nicht als einmaliges Individuum, sondern als Mitglied einer Gesellschaft, die er geformt hat und die ihn formt.

Das Augenmerk unserer Untersuchungen wird von den Naturwissenschaften auf die Soziologie und verwandte Gebiete verlagert werden müssen.

Uns ist bewußt, daß das Vermögen des Menschen, den Weltraum zu beherrschen, der Beweis für die Mächtigkeit unserer kybernetischen Kultur ist. Wir haben die Schwerkraft überwunden, die uns bislang an die Erdoberfläche gefesselt hielt. Bald werden wir imstande sein, die Energie des Wasserstoffs freizusetzen und zu nutzen, und dadurch jene Energiereservoire gewinnen, die wir benötigen, um unsere Weltraumdomäne mit der Erde als Abschußrampe auszubauen. 

Wenn eine Kultur Kräfte dieses Ausmaßes meistert, dann dürfen wir mit Recht erwarten, daß diese Kultur auch die Fähigkeit hat, auf dem Planeten, von dem sie stammt, ein friedliches und fortschrittliches Leben zu organisieren. Doch was finden wir vor, wenn wir aus der Weltraumperspektive auf die Erde spähen?

Wir erkennen eine allgemeine Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen Stand aller Dinge und eine tiefe Furcht vor dem, was die Zukunft uns bringen wird. Wir erkennen in einigen Teilen der Welt unglaublichen materiellen Überfluß, in anderen großes Elend und großen Hunger. Wir stellen vor allem die gewaltige Furcht fest vor Atombomben, Raketen, vor bakteriologischen Waffen usf.

Wenn wir die gegenwärtige Lage des Menschen analysieren, könnten wir uns wohl fragen, ob unsere Probleme nicht in gewisser Hinsicht dieselben sind wie die, denen Menschen vor zweihundert Jahren gegenüberstanden. Auch die Menschen jener Zeit fürchteten sich vor der nahenden Katastrophe, allerdings ohne eine Vorstellung davon zu haben, wie man ihr entgehen könnte. 

Es schien kaum etwas anderes übrigzubleiben als auf die Katastrophe zu warten mit dem alles andere als tröstlichen Gedanken des »Apres nous le deluge«. Obwohl uns unsere Technologie innerhalb kürzester Zeit aus der Agrikultur in die kybernetische Kultur versetzt hat, ist die politische Struktur unserer Welt im wesentlichen unverändert geblieben.

Die neuen, von Naturwissenschaft und Technologie entfesselten Kräfte werden für denselben alten politischen Zweck verwendet: zum Erpressen, Töten, Machtgewinnen. Die Politiker scheinen sich kaum bewußt zu sein, daß eine neue Ära angebrochen ist.

 

    Fünf Zeitalter und zwei Explosionen   

 

Während der vergangenen hundert Jahre hat eine industrielle Revolution in den technisch fortgeschrittenen Ländern das Leben der Menschen nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich radikal verändert. »Innerlich« — damit ist gemeint, daß sich das Bild des Menschen von sich selbst gewandelt hat. Neue Produktions­verfahren haben die allgemeine Armut und die Knappheit notwendiger Güter zum Verschwinden gebracht, ja, sie haben vielen Menschen einen Überfluß an Gütern beschert. Außerdem haben sich die Arbeits- und Lebensbedingungen und die Beziehungen zwischen den Menschen radikal verändert.

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Die neuen Energiequellen haben uns mit einem die Welt umspannenden Kommunikationssystem ausgestattet; die Dauer von Reisen zwischen Kontinenten wird in Stunden statt in Tagen, Monaten oder Jahren gemessen. Doch weltweite Proportionen hat auch der politische Konflikt, das Führen von Kriegen angenommen, und überall fühlen die Menschen die Existenz der Menschheit in Gefahr, wenn politische Konflikte den Ausbruch eines neuen Krieges in bedrohliche Nähe rücken. 

Diese weltweite Gefahr zwingt uns nunmehr, in globalem Maßstab zu fühlen, zu denken und zu planen, und zu erkennen, daß globale Kooperation die Vorbedingung für unsere weitere Existenz ist. Doch der Wandel, dessen Zeugen wir sind, ist so vielfältig und so fundamental, daß es sehr schwerfällt, ihn zu analysieren. Es gibt eine Vielzahl neuer Vorstellungen, von denen einige gewöhnlich mit Schlagworten oder Slogans umschrieben werden, die einige charakteristische Merkmale unserer Zeit zusammenfassen. Untersuchen wir ein paar davon.

Der Begriff »Raumfahrtzeitalter« spielt auf die Versuche des Menschen an, den Weltraum zu beherrschen. Der Ausdruck »Düsenzeitalter« spiegelt die stetig größerwerdenden Geschwindigkeiten der Transportsysteme wider, die die Entfernungen auf der Erde zusammenschmelzen ließen. Der Terminus »Atomzeitalter« scheint auf alles gemünzt zu sein, was durch Anwendung der Atomphysik erreicht wurde, wenngleich die verhängnisvollste Konsequenz des Atomzeitalters die Atombombe gewesen ist, die dem Begriff unvermeidlich einen speziellen Beiklang verleiht.

Für viele bedeutet Atomzeitalter die Periode, in der die Menschheit die Mittel zu ihrer Selbstauslöschung entdeckte. Die Fortschritte der Chemie haben die Synthetisierung einer Anzahl neuartiger Substanzen ermöglicht und uns so in die Lage versetzt, früher von der Natur gelieferte Produkte zu ersetzen.

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Da wir keinen allgemein anerkannten Terminus dafür haben, sollten wir dies mit dem Begriff »Kunststoff­zeitalter« umschreiben. Ein fünftes Zeitalter könnten wir, um den immensen Einfluß des Computers auf eine sich wandelnde Gesellschaft anzudeuten, »Computerzeitalter« nennen.

Das sechste Merkmal unserer sich wandelnden Umwelt ist die Zunahme der Bevölkerung überall auf der Welt — eine Zunahme, die dafür Verantwortung trägt, daß unser Planet, wenn er nicht längst übervölkert ist, sich auf dem besten Wege dahin befindet. Wir haben dafür den Begriff »Bevölkerungsexplosion« geprägt.

Die bislang genannten Termini beziehen sich auf eine Reihe radikaler Veränderungen in der menschlichen Umwelt. Wie nun reagiert der einzelne auf dies alles? Eine passende Bezeichnung für diese für unsere Zukunft wichtigste Reaktion ist »Erwartungsexplosion«: die zunehmende Forderung jedes einzelnen, seinen Anteil an den Geschenken von Wissenschaft und Technik zu erhalten — in vielen Fällen ein enttäuschtes Verlangen.

 

1 Das Raumfahrtzeitalter 

Im Raumfahrtzeitalter überwiegen die positiven Leistungen am klarsten die negativen. Gewiß, die technologische Keimzelle des Raumfahrtzeitalters war die Konstruktion von Raketen (schrecklichen Waffen) während des Zweiten Weltkrieges. Diese Raketen entschieden nicht über den Ausgang jenes Krieges, aber sie tragen heute zur großen Unstabilität der weltpolitischen Lage bei. Die Entwicklung der Raketentechnologie von militärischen Lenkwaffen zu Raumschiffen wurde indes nicht ausschließlich aus militärischen Gründen vorangetrieben; Mond, Venus und Mars hätten als militärische Basen nur geringen Wert.

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Wie wir an anderer Stelle schon ausführten, ermöglicht der Bau von Raumschiffen die Besiedlung und Eroberung des Weltraums und der Himmelskörper unseres Sonnensystems in gleicher Weise, wie der Übergang vom Wasser- zum Landlebewesen in Urzeiten neue Möglichkeiten eröffnete. Sollten wir das Leben im All angenehm und interessant finden, dann könnten wir beginnen, uns im Weltraum zu akklimatisieren und dort eigenständige Kolonien zu errichten. Unseren Vorstellungen freien Lauf, könnten wir sogar hoffen, daß die Fortschritte in der Weltraumtechnologie einem kleinen Teil unserer Spezies die Rettung ermöglicht, falls tatsächlich eine Katastrophe die Erde heimsuchte.

 

2  Das Düsenzeitalter  

Das Düsenzeitalter, Symbol rascheren Transports und rascherer Kommunikation, hat ein doppeltes Gesicht. In dem einen erkennen wir, daß jene, die in fremde Länder reisen, rasche Verkehrsmittel zu schätzen wissen, und allgemein ist man der Meinung, daß bessere Massenkommunikationsmedien die Verständigung zwischen den Völkern verbessern. In dem anderen Gesicht entdecken wir jedoch die Möglichkeit, daß die rascheren Transportmittel die Spannungen zwischen den Nationen verstärken und das Risiko eines Krieges erhöhen.

In früheren Zeiten wäre ein Krieg — sagen wir — zwischen den Vereinigten Staaten und Rußland kein sehr wichtiges Ereignis gewesen. Wenn es hoch kommt, wären kleinere Streitkräfte an die Peripherie des gegnerischen Landes gesandt worden. Die Reise von Washington nach Moskau war eben sehr schwierig und zeitraubend, und es wäre völlig unmöglich gewesen, dem Feind einen lebensbedrohenden Schlag zu versetzen.

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Der Bau schwerer Bombenflugzeuge hat diese Situation gewandelt. Als das Düsenzeitalter angebrochen war, lagen die zwei Hauptstädte mit einmal nur noch in Stundenreichweite der gegnerischen Bomber, und das Aufkommen von Raketen hat diese Frist sogar noch verkürzt. Mit Lenkwaffen ausgerüstete Unterseeboote liegen ständig auf der Lauer, und falls der oberste Befehlshaber auch nur eines Landes den Befehl dazu erteilte, würde innerhalb einer Stunde ein großer Teil der feindlichen Bevölkerung vernichtet sein.

Die Erfolge des Düsenzeitalters haben die Erde zusammenschrumpfen lassen. Sie haben es uns leichtgemacht, uns mit unseren Freunden zu treffen, auch wenn sie auf der anderen Seite des Globus zu Hause sind. Aber ebenso unmöglich ist es uns geworden, unseren Feinden zu entkommen, selbst wenn diese auf der anderen Seite unseres Planeten leben.

 

3 Das Atomzeitalter  

Der Erwerb von Kenntnissen über atomare Strukturen ist für das gesamte technische Zeitalter von entscheid­ender Wichtigkeit gewesen. Atome bestehen aus zwei Teilen: dem zentralen Kern und den ihn umgebenden Elektronenschalen. Die Struktur der Schale oder Hülle wurde als erste geklärt. Die Anwendung dieses Wissens hat enorme technologische Konsequenzen gehabt, bildet es doch die Grundlage für all jene neuen Materialien, die das Raumfahrt-, das Düsen-, das Kunststoff- und das Computerzeitalter erst möglich machten.

Die Entwicklung der Atomphysik folgte erst später. Vom technologischen Standpunkt bestand die wichtigste Leistung der Atomphysik in der Freisetzung der in manchen Atomkernen, vornehmlich im Uran- und im Plutoniumkern, gespeicherten Energie, die sowohl in einer Explosion, z.B. der einer Atombombe, als auch durch einen kontinuierlichen Prozeß in einem Atomreaktor freigegeben werden kann. In beiden Fällen ist die Energiefreigabe das Ergebnis der Kernspaltung.

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Die technologische Anwendung der Uranspaltung hat die Vernichtung der gesamten Menschheit in den Bereich des Möglichen gerückt. Zur Zeit wäre das sogar eine relativ einfache Prozedur. Sowohl in den Vereinigten Staaten wie in der Sowjetunion lagern riesige Mengen Atombomben; der Vorrat jedes der beiden Länder reicht aus, die Menschheit mehrmals auszurotten. Wir haben einen Terminus technicus für diesen Überfluß an nuklearen Waffen geprägt: »overkill«. Trotz der bereits jetzt existierenden Mengen werden immer neue Atombomben und ausgeklügelte Vorrichtungen für ihre »Anwendung« produziert. Nur solange wir darauf vertrauen können, daß die Vorräte wirklich unter Kontrolle sind und jene, die sie kontrollieren, sie nicht anzuwenden beabsichtigen, können wir ruhig schlafen.

Ein paar unglückselige Zufälle haben die Atombombe möglich gemacht. 

Manche Atomkerne haben die Eigenschaft, eine Kettenreaktion auszulösen, vorausgesetzt, daß ihnen Neutronen zu Hilfe kommen, die sich so rasch bewegen, daß die Reaktion explosiv wird. Ein weiterer unglücklicher Zufall, daß die Reaktion sogar schon in relativ geringen Mengen Uran oder Plutonium stattfinden kann, so daß die technischen Schwierigkeiten bei der Herstellung von Atombomben nicht unüberwindlich sind. Darüber hinaus gibt es recht große Uranvorräte auf der Erde, auch ein Zufall.

Die friedliche Nutzung der Atomenergie hat uns eine neue Energiequelle beschert, von der zunehmend Gebrauch gemacht wird. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, daß die Produktion von Atomenergie unvermeidlich von der Produktion großer Mengen extrem giftiger radioaktiver Substanzen begleitet ist. Theoretisch gesehen, haben wir durchaus die Möglichkeit, diese Abfall­produkte unter Kontrolle zu halten, indem wir sie so lagern, daß das Risiko der Vergiftung von Leben minimal bleibt.

Doch würde diese Lagerung ein äußerst rigoroses internationales Kontrollorgan erfordern, und so bleibt es höchst zweifelhaft, ob die Schwierigkeiten der Kontrolle radioaktiver Abfälle wirklich überwunden werden können. 

Das Atomzeitalter verdient »Alptraum der Menschheit« genannt zu werden.

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4  Das Kunststoffzeitalter  

Synthetische Produkte, Kunststoffe, ersetzen in rascher Folge immer mehr Materialien, die uns früher die Natur bereitstellte. Statt ein Boot aus einem Material zu bauen, das die Bäume aus Sonnenlicht, Luft und Wasser synthetisierten, gießen wir seine Hülle heute aus einem petrochemischen Erzeugnis. Andere Kunststoffe ersetzen Wolle, Baumwolle und Seide.

Vom Kunststoffzeitalter könnte man sagen, daß es die Art und Weise symbolisiert, wie der Mensch seine Symbiose mit der Natur und seine Nutzung von Pflanzen und Tieren beendet und statt dessen mit seiner eigenen Technik zu kollaborieren beginnt. Dieses Zeitalter bietet viele Vorteile, einer die alltägliche Freude an den neuen und besseren Produkten, die es uns beschert. Wir haben guten Grund, unseren Chemikern zu danken, daß sie Seidenraupe und Baumwollpflanze als Hersteller des Materials für unsere Kleider und die Bäume als Lieferanten des Werkstoffes unserer Küchentische überflügelt haben.

Doch das Kunststoffzeitalter, in dem allgemeinen Sinn, wie wir es definierten, hält auch einige ernste Nachteile parat. Neue technische Verfahren liefern uns nützliche Produkte, das ist sicher, aber sie werfen als Nebenprodukte auch eine Anzahl giftiger und gefährlicher Stoffe ab. Selbst die nützlichen Erzeugnisse sind nur eine kurze Zeit nützlich, so lange nämlich, bis wir sie in Müll verwandeln, den wir zu beseitigen wünschen.

Die riesigen Mengen an Abfällen letztlich Produkte unserer Industrie, stellen uns, zum Teil deshalb, weil viele davon nicht wieder in den Kreislauf der Natur aufgenommen werden, vor immer ernstere Probleme. So ist unsere eigene Technologie, die zur Unabhängigkeit von der Natur verhilft, leider auch die Ursache für die Verwüstung und Verschmutzung der Natur.

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5  Das Computerzeitalter  

Das Computerzeitalter ist das am schwierigsten zu analysierende. Man könnte sagen, daß dieser Begriff, in seinem allgemeinen Sinn, die gesamte kybernetische Ära symbolisiere. Die erste wichtige Funktion des Computers war die Lösung mathematischer Probleme bei der wissenschaftlichen Arbeit. Auch seine militärische Anwendbarkeit wurde bald nach seiner Erfindung bekannt. In einem technologisch und kybernetisch gelenkten Krieg wird ein immer größerer Teil taktischer Operationen von Computern übernommen. Die Lenkung von Raketen und Torpedos auf feindliche Ziele, ja sogar das direkte Schießen wird Computern anvertraut, weil sie so viel schneller als Menschen reagieren. Freilich scheinen die anfänglichen Versuche, die Strategie eines Krieges den Computern zu überlassen, nicht ganz erfolgreich verlaufen zu sein. Aber Computer haben sich in jeder Art von Verwaltung aufgrund ihrer Arbeitsschnelligkeit und ihrer enormen Speicherkapazität als unentbehrlich erwiesen.

Auch das Computerzeitalter hat einige unliebsame Aspekte. In vielen Ländern ist jeder Bürger bereits in einem Computer registriert. Der Computer hat nicht nur Daten, wie Namen und Geburtsdatum, Namen der Eltern, des Ehegatten, der Kinder usw., gespeichert, sondern auch eine Anzahl anderer Einzelheiten zu seiner Person. So ist sein Gesundheitszustand registriert, seine Ausbildung, seine Qualifikation, seine Fähigkeit, unterschiedliche Arbeiten zu bewältigen, und vielleicht auch seine politische Einstellung.

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Die Regierungs­verwaltung neigt natürlich dazu, ihre Informationen über jeden Bürger zu erweitern, so daß der gegenwärtige Trend ganz klar ist: In einem modernen Staat werden jedes Jahr mehr Daten über jeden Bürger gespeichert. Solche Informationen sind für die Administration von Vorteil, doch es besteht das fürchterliche Risiko, daß sie die politische Repression noch einfacher machen. Die Computertechnik ermöglicht es, uns alle zu messen und zu wiegen und jeden Schritt in unserem Dasein zu registrieren. Sie ermöglicht damit einen Grad von zentralisierter Macht, der früher technisch undenkbar war.

Das Computerzeitalter ist noch sehr jung. Jede neue »Generation« von Computern wird der vorhergehenden technisch überlegen sein. Experimente, wie sie derzeit in den führenden Laboratorien durchgeführt werden, lassen phantastische neue Möglichkeiten erahnen. Wir haben einen völlig neuen Typ von Evolution eingeleitet, der zwar einige Ähnlichkeit mit der biologischen Evolution besitzt, doch auf Halbleitern statt auf Protoplasma beruht.

Spekulationen wie diese haben die Frage aufgeworfen, ob die Computer eines Tages nicht einen solchen Grad an Komplexität erreicht haben werden, daß sie sogar in den Besitz von »Seelen« gelangt seien. Könnten sie möglicherweise Herren über die Menschen werden? Ist der Computer vielleicht der von Nietzsche vorhergesagte Übermensch? Man kann solche Phantasien natürlich als völlig unsinnig abtun; denn noch niemand hat jemals irgendeine Seele in einem Computer entdecken können. Doch bedenken wir, daß es sich bei den derzeitigen Computern erst um die dritte oder vierte Generation handelt. Was wird geschehen, wenn wir die hundertste Generation erreicht haben? Wird die Evolution dann immer noch vom synaptischen Gedächtnis regiert werden? Oder werden Computer-Transistoren in den Dienst der Evolution treten? Wird vielleicht, dem genetischen und synaptischen Gedächtnis folgend, die fortgeschrittene dritte Stufe in der Entwicklung des Gedächtnisses das Transistor-Gedächtnis sein?

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6  Die Bevölkerungsexplosion  

Die sechste dramatische Veränderung, deren wir gegenwärtig Zeuge werden, ist das stete Wachstum der Weltbevölkerung: die Bevölkerungs­explosion. Die grundlegenden Fakten über diesen laufenden Prozeß sind so gut bekannt, daß wir sie hier nicht wiederholen müssen. Kurz gesagt: Der derzeitige steile Anstieg der Erdbevölkerung ist teilweise das Resultat der Fortschritte in der Medizin, die die Behandlung vieler früher tödlicher Krankheiten ermöglicht und das Risiko eines frühen Todes vermindert hat. Dieser Fortschritt hat dem Menschen mehr Sicherheit und Würde gegeben, doch da man die Wirkungen auf lange Sicht ignorierte, hat sich ein bedeutender Teil des Gewinns in sein Gegenteil verkehrt. Die Kindersterblichkeit ist gesunken; das Leben vieler Kinder kann gerettet werden, gerettet jedoch für ein Dasein in tiefem Elend. Menschen werden von Krankheiten befreit und sterben dann den Hungertod.

Natürlich ist es einfach zu sagen, was in der Vergangenheit hätte getan werden sollen und was in der Zukunft getan werden müßte. Sehr bald, nachdem es der medizinischen Wissenschaft gelungen war, die Sterblichkeit signifikant zu senken, ist es ihr auch gelungen, ohne ernsthafte Rückschläge die Zahl der Geburten zu vermindern. Offensichtlich besteht eines der wichtigsten Probleme heute darin, wie man die Erdbevölkerung optimieren kann. Wir werden darauf in Kapitel 9 eingehender zurückkommen.

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   7  Die Erwartungsexplosion   

 

Immer mehr Menschen machen die Entdeckung, daß die Kräfte, die Wissenschaft und Technologie entfesselt haben, uns von Elend und Plackerei befreien können. Die Ernten auf den Feldern haben sich vervielfacht; die Industrie produziert in Massen Güter, die einstmals nur ein paar Reichen vorbehalten waren oder in das Reich der Träume gehörten. Was ist das Füllhorn des Pilgers gegen einen Supermarkt? Und wer zieht nicht ein Düsenflugzeug einem fliegenden Teppich vor? 

Fügen wir diesen Früchten der Moderne die politische Freiheit hinzu. Ob in Demokratie oder Diktatur, die Mächtigen behaupten immer, daß jeder Schritt auf die Verwirklichung der anerkannten Ziele des Wohlstandes, der Freiheit und des Glücks der Bürger zusteuert.  

Ist es da ein Wunder, daß jedermann sich auf eine glückbringende Zukunft freut, daß die Erwartungen der Menschen explodieren?

Doch wohin gingen Überfluß und Glück? Es ist wahr, daß sich große Bevölkerungsgruppen, im Westen und im Osten, eines materiellen Wohlstandes erfreuen, der vormals unbekannt war. Es ist aber ebenso wahr, daß die Zahl der Hungrigen und Notleidenden größer ist als jemals zuvor.

Es ist wahr, daß große Gruppen mehr Redefreiheit und mehr Freiheit haben als früher, zu tun, was sie wollen, und zu gehen, wohin sie wollen, aber auch die Unterdrückung der Freiheit hat zugenommen, und es scheint möglich, daß die repressiven Tendenzen selbst in Staaten mit gegenwärtig demokratischer Regier­ungs­form zunehmen.

Deshalb ist einfach zu begreifen, daß die zunehmenden Erwartungen unweigerlich zu Frustration und Entfremdung führen. Eine der üblichen Manifest­ationen solcher Enttäuschung ist die Serie von Protesten und des Aufbegehrens. Möglicherweise werden früher oder später diese Demonstrationen die Reorganisation erzwingen, die notwendig ist, um uns dem Übergang von der agrarischen zur kybernetischen Kultur anzupassen. 

In der Tat könnte die von der Erwartungsexplosion hervorgebrachte neue Haltung sich als der größte Triumph der Menschheit in ihrer gegenwärtigen Lage herausstellen.

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 Hannes und Kerstin Alfvén  M-70  Die Menschheit  der siebziger Jahre

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