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25. Freiheit und Determinismus 

 

 

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Was man unbedingt ändern mußte, war offensichtlich der Lebensstil der Menschen, die auf Konsum und Verschwendung aufgebaute Gesellschaft, der Egoismus des einzelnen, der glaubt, die Welt würde mit ihm beginnen und mit ihm aufhören. 

Sollen doch die nachfolgenden Generationen damit fertig werden, wie sie wollen! Irgendwie würde man irgendwann schon irgendeine neue Energiequelle finden, oder es würden vielleicht die <Marsmenschen> kommen und alle unsere Probleme lösen. 

Da wir in <Futurum 3>, in <Walden 3> prinzipiell nichts dem Zufall überließen, konnten wir uns auch nicht auf Lösungen verlassen, die an den Haaren herbei­gezogen waren, wie etwa die Hoffnung auf Auffindung gegenwärtig dem Menschen noch unbekannter Energiequellen oder auf technische Hilfe, die uns von den Bewohnern anderer Planeten zuteil würde. Obwohl natürlich auch solche Dinge eintreten konnten — schließlich barg die Zukunft unserer Art ja vermutlich noch so manche Überraschung. 

Aber da die "Futurologie" nun einmal eine Wissenschaft ist, die sich nicht gerade durch besondere Gültigkeit oder durch Zuverlässigkeit auszeichnet, war es eine Tatsache, daß wir uns auf sie nicht stützen konnten. Wir mußten unsere eigenen Lösungen, und zwar realistische Lösungen, für das Hier und Jetzt finden. Es war aber recht schwierig, die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und die Vergiftung der Umwelt zu stoppen, da unser Land nur eines unter vielen war und eine Lösung im Grunde nur auf internationaler Basis erfolgen konnte, nicht durch Landesgrenzen behindert, begrenzt sein durfte. Wir mußten uns also damit beschäftigten, was die Großmächte über die ökologischen Probleme dachten.

Die vorliegenden klugen Untersuchungen, die immer pessimistische Ergebnisse hervorgebracht und die Regierungen der Länder der Ersten Welt alarmiert hatten, konnten unvermeidlich nur eine Schlußfolgerung klarmachen: 

Der Weg bestand darin, das Verhalten der Menschen völlig zu verändern und die Konsum- und Überflußgesellschaft umzugestalten. Die Lösung war auf der Verhaltensebene zu suchen, nicht nur auf der Ebene wirtschaftlicher Planung. Das wußten die Regierungen, das stellten auch alle Berichte über ökologische Probleme heraus, die in den Industriestaaten häufig veröffentlicht wurden. 

Das war die Lösung, alle Welt wußte es. Aber niemand unternahm etwas, weil etwas dagegenstand: die Ideologie der Freiheit:  

Jedermann glaubte an die menschliche Freiheit und dachte, er besitze die Freiheit, das zu tun, was er wolle, also auch dazu, die Wälder abzuholzen, die Meere zu verseuchen, die Stadtrandgebiete mit Müll und Abfall zu beladen, mit den Ölpreisen zu spielen und, als Konsequenz davon, die armen nicht ölfordernden Länder zu ruinieren.

Offensichtlich konnte oder wollte niemand diese menschliche Freiheit einschränken. Nur von den Kommunisten nahm man an, daß sie eine solche unver­zeihliche Sünde begehen konnten.

"Es gibt in der gegenwärtigen Gesellschaft sicherlich kaum ein Problem, das weniger schlecht bewältigt worden ist als diese Alternative zwischen Freiheit und Determinismus", bemerkte ich eines Nachmittags zu Mercedes, Martin und Charles, die mit mir in meinem Büro saßen.

"Da die <Freiheit> das Fundament der <Demokratie> ist, wird sie zu einer sehr ernsten, wichtigen Sache, zu einer Art <heiliger Kuh>, und nur der Behaviorismus hat die Kühnheit besessen, diese Freiheit in Frage zu stellen und zu zeigen, daß sie nichts weiter ist als ein Mythos. Freiheit und Determinismus — das ist ein sprachliches Problem, kein in der Realität existierendes."

"Wenn man den Menschen als Teil der Natur auffaßt, dann ist doch klar, daß sein Verhalten bestimmten Gesetzen unterworfen ist. Das ist klar und offensichtlich. Es gibt physikalische, biologische, psychologische und soziale Gesetzmäßigkeiten. Der Mensch ist nicht <frei> dazu, Magenschmerzen zu haben oder sie nicht zu haben. Er ist nicht frei, sich so fortzubewegen, daß er aus dem Fenster fliegt. Er hat nicht die Freiheit, zu wachsen und fünf Meter groß zu werden. Das zu glauben, wäre doch schizophren. Der Mensch ist nicht frei, sich zu entscheiden, nicht zu essen oder nicht zu schlafen", fügte Mercedes hinzu.

"Dieser physikalische, biologische, psychologische und soziale Determinismus ist allerdings etwas, das die Menschen sehr ärgert", meinte Martin. "Denkt nur an all die Attacken auf uns, die in der ganzen Welt publiziert werden. Die Großmächte beäugen mißtrauisch und besorgt das, was hier in Walden Drei passiert. Nicht etwa, weil wir hier die Menschen foltern würden, nicht, weil es Hunger oder Analphabetismus gibt, oder weil wir Geheimwaffen fabrizieren, sondern weil wir eine geplante Gesellschaft sind, weil wir an die Planung und nicht an die Freiheit glauben."

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"Aber in unseren Schulen sind die Kinder doch ziemlich frei", konnte sich Charles nicht enthalten, einzuwerfen. "Das hat mich sehr überrascht. Die alten Leute, die Kinder, die Jugendlichen scheinen hier frei und glücklich zu sein ..."

"Offensichtlich, mein Junge", erwiderte ich. 

"Sie sind frei und sehr glücklich. Aber sie folgen aufgestellten Regeln, es gibt eine Ordnung, es gibt eine Logik hinter allem, es gibt Abfolgen, die eingehalten werden. Sogar das entdeckende Lernen ist Gesetzen unterworfen. Unsere Kinder sind <frei> und glücklich, darin liegt nichts Widersprüchliches. <Kontrolliert> zu sein bedeutet doch nicht, daß es Ketten gibt, körperliche Strafen oder dumpfe Gongs, die anzeigen, wann gegessen oder geschlafen werden muß. Im Land gibt es keine Sperrstunde. Jeder kann schreiben oder sagen, was er will. Aber wir sind eine kontrollierte Gesellschaft. Im Grunde ist das Freiheitsproblem nur ein sprachliches Problem. Wir sind alle immer in irgendeiner Weise kontrolliert, sogar die Menschen, die sich immer so sehr für die Freiheit und gegen jede Kontrolle aussprechen. Das einzige, was wir getan haben, ist, die Kontingenzen der Kontrolle für jedermann klar und verständlich darzulegen und dies vom Inneren des Menschen nach außen zu verlagern."

"Man müßte dieses Problem der <Freiheit> eher unter einem quantitativen Gesichtspunkt sehen", merkte Mercedes an. 

"Es ist keine Angelegenheit des Alles-oder-Nichts. Ich bin frei, mich hinzusetzen oder mich nicht hinzusetzen; frei, heute Fisch oder Fleisch zu Mittag zu essen. Ohne Zweifel bin ich aber nicht frei, jahrelang herumzusitzen, oder jahrelang nur eine Sache zu essen: Freiheit ist also eine graduelle Angelegenheit. In einer engen, eingeschränkten Sichtweise haben wir ein gewisses Maß an Freiheit, können wir zum Beispiel eines von hundert Lebensmitteln auswählen, oder eines von hundert Büchern. In einer weiten, umfassenden Perspektive gibt es andererseits nur wenig Freiheit; gewisse Nahrungsmittel vertragen wir, andere hingegen nicht. Bestimmte Bücher mögen wir infolge gewisser früher für uns relevant gewesener Verstärker. Infolge meiner Lerngeschichte gefällt es mir, Bücher aus einem bestimmten Gebiet oder über ein bestimmtes Thema zu lesen, sagen wir wissenschaftliche Literatur, Schöne Literatur, Biographien, Reiseführer, Pornographie. Aber mir sagen nicht alle Themen zu. Ich bin relativ frei, einen Reiseführer einem Belletristikband vorzuziehen, aber ich bin nicht völlig frei, irgendein Buch zu irgendeiner Gelegenheit zu lesen."

"Es ist eben ein Problem der Verstärkungskontingenzen, der Konsequenzen, die unser Verhalten hat (oder einmal gehabt hat). Also offensichtlich ein Problem unserer vorangegangenen Verhaltens-Geschichte."

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"Es war doch Engels, der herausstellte, daß die Freiheit nicht darin besteht, uns von Naturgesetzen unabhängig zu machen, sondern darin, sie zu erkennen und geplant für bestimmte Zwecke wirksam werden zu lassen. Und er betonte, daß dies für die Gesetze der Natur ebenso Geltung habe wir für den Menschen, <zwei Klassen von Gesetzen, die wir höchstens im Geiste, nicht aber in Wirklichkeit trennen können>, nach Engels. Hört sich fast so an, als ob das von Skinner stammt, nicht wahr?"

Ich dachte mir, daß wir im Bewußtsein unserer Grenzen die Neue Ära wohl mit viel mehr Realismus und mit besseren Erfolgschancen planen konnten. Kontrolle und Planung allerdings machten uns auf internationaler Ebene unpopulär. Es war daher dringend geboten, die bestehenden Zweifel auszuräumen und zu erklären, weshalb wir die Freiheit als ein Pseudoproblem ansahen und uns auf andere, wirklich wichtige Probleme konzentrierten.

"... wie das der Brüderschaft unter den Menschen", sagte ich laut, wiewohl ich das andere vorher nur gedacht und nicht laut ausgesprochen hatte.

"Heutzutage interessieren sich die Menschen nicht allzusehr für das physikalische Universum, sondern mehr für das soziale. Unsere Welt ängstigt sich heute nicht länger, weil sich etwa das Universum ausbreitet, weil es <schwarze Löcher> gibt, die die Astronomie nicht erklären kann. Man macht sich aber Sorgen um die Welt der Menschen, um die gesellschaftlichen Probleme, die Konflikte und Reibungen zwischen sozialen Gruppen, um ideologische Probleme, um Aggression und Altruismus. Mit einem Wort: um den Menschen.  

Mittlerweile stellt nicht einmal mehr die Religion verbale Mutmaßungen an über die Existenz Gottes als eines 'unbewegten Bewegers' und als das Prinzip der <Vollkommenheit>, das man im physikalischen Universum zu erkennen meint, sondern sie kümmert sich zusehends um das Wohl der Völker, kümmert sich um das Elend, die politischen und wirtschaftlichen Barrieren, die verhindern, daß die Menschen ein besseres Leben führen können. Dieses Jahrhundert ist das Jahrhundert des Menschen und seiner Gesellschaft. Das vergangene Jahrhundert war das der Naturwissenschaften, dieses Jahrhundert ist das der Wissenschaften vom Menschen."

"Wir interessieren uns nicht länger mehr dafür, die Welt besser zu begreifen", fügte Martin hinzu, "sondern was wir wollen, ist, die Welt zu ändern."

"Ja, die Welt des Menschen zu verändern, die Familie, die Kindheit, die Erziehung, das Verhalten von Individuen und das Verhalten von Gruppen. Das ist es, was wir heute tun wollen. Immer noch besteht unsere große Unwissenheit, gibt es in der Tat große Lücken in unserer Erkenntnis.

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Wir wissen nicht, auf welche Art und Weise wir die Welt erkennen, und wir wissen nicht, welche Folgen die Interaktion zwischen dem Beobachter und dem beobachteten Objekt hat. Wenn wir eine andere psychische Struktur hätten, wäre unsere Welt vermutlich ganz anders. Nie fassen, nie begreifen wir das Universum 'so wie es ist', sondern bekommen nur einen kleinen Ausschnitt, den Teil, den wir mit unseren Sinnen und Denkinstrumenten wahrnehmen können und für den wir eine kleine, beschränkte Menge von Vorstellungen haben, die unsere Intelligenz erfaßt. Es ist eine sehr eingeengte, sehr begrenzte Welt. — Aber wir haben uns dafür entschieden, daß das Wichtigste nicht ist, die Welt weiter kennenzulernen, mehr von der Welt zu erkennen, sondern sie zu verändern."

Das hieß im Grunde, daß wir keine Wissenschaftler mehr waren, sondern uns in Politiker verwandelt hatten. In politische Aktivisten. Wir wollten die Wissenschaft anwenden, aber der Zweck war kein wissenschaftlicher, sondern ein praktischer. Es war ein ideologischer, ein politischer.

"Das bedeutet", meinte ich ein paar Stunden später zu Mercedes, als wir gemeinsam zu ihrem Haus gingen, "daß sich die Spielregeln geändert haben. Wenn das Endziel von <Walden 3> ein sehr praktisches und gesellschaftliches ist, dann wird dieses Land mit im Spiel sein, im Spiel der Großmächte, die alle ihre eigenen Werte und eigenen Ideologien haben."

"Ich habe sowieso nicht geglaubt, daß das Endziel von <Walden 3> ein wissenschaftliches wäre, Dave. Es war wohl immer ein praktisches. Deshalb besteht der Präsident ja auch so sehr auf der Kunst der Improvisation. Was wir wollen, ist, das Leben der Menschen entscheidend zu verbessern, und deswegen sind wir mehr Humanisten als Wissenschaftler."

 

"Vermutlich handelt es sich um eine sehr merkwürdige Interaktion von unterschiedlichen Geschichten individuellen Verhaltens. Martin ist ein Mensch mit einem ausgeprägten Machthunger, mit messianischen Weltveränderungsphantasien und dem Wunsch, einen Platz in der Geschichte einzunehmen. Durch einen der vielen Zufälle des Lebens gelangte er nach einem Staatsstreich an die Macht eines Landes. 

Ich für meinen Teil verfügte zwar über viel Wissen, aber nicht über Macht. Ich fühlte mich in dieser Nation ziemlich verloren, sah keinen Sinn in meinem Leben: Wie das Wasser eines Flusses, so rann mir das Leben durch die Finger. 

Martin bat mich um Zusammenarbeit, akzeptierte meine Vorschläge und verwandte alles Geld dieses Landes auf die Konstruktion einer idealen Gesellschaft. Für alle war er offensichtlich der Führer oder Anführer, das Sprachrohr, das Symbol der Neuen Ära. Es war sein Werk, es war sein größter Erfolg. — Angesichts eines so grandiosen Unternehmens kommt es keinem mehr in den Sinn, daß der Urheber des Ganzen ein Alkoholiker, ein Neger, ein Soldat war, der nur durch Waffengewalt an die Macht kam. Aber er schaffte es, ein großer Staatsmann zu werden, ein großer Sozialphilosoph, und sogar ein großer Wissenschaftler."

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"Und du?"

"Ich gab meinem Leben eine neue Dimension, Mädchen. Ich habe mich nicht mehr so verloren gefühlt in diesem Land, das ja eigentlich nicht mein Land ist. Ich war der wissenschaftliche Berater des Herrn Präsidenten, eine Art Gehirn der ganzen Organisation, und ich habe mich nützlich gefühlt... Ja, ich glaube auch, daß ich mich nicht mehr so allein und verloren gefühlt habe auf der Welt ..."

"Wie das, mein Lieber?"

"Weil ich mich von klein an so gefühlt habe. Weil ich mich in meinem Vaterland fremd fühlte, in Harvard, und auch in diesem Land. Weil mich danach dürstete, irgendwo hinzugehören, irgendwo einmal Wurzeln zu schlagen, weil ich mich nicht mehr so verloren fühlen will, als wäre ich von einem anderen Planeten gekommen..."

"Nun ja, diese Interaktion von ,Verhaltensgeschichten' verschiedener Menschen könnte das Entstehen von <Walden 3> erklären. Und wir, sowie die Zehnergruppe und alle Mitglieder der Kommissionen, die die Nationale Planung bilden, fanden, daß dies ein Unternehmen von größter Bedeutung sei, eine Gelegenheit, die es niemals zuvor gegeben hatte, die Gelegenheit, mithilfe der Wissenschaft eine ideale Gesellschaft zu errichten, wie das einmal Platon vorschwebte, und wie es alle Utopisten bis Aldous Huxley und Skinner wollten."

"Fünf Jahre voller Kämpfe und Anstrengungen sind vergangen. Ich habe ungeheuer viel gearbeitet und dabei immer in einem großem Spannungs­zustand gelebt, habe von der Agonie zur Ekstase gewechselt. Wie schön ist es, so zu leben! Es gibt keine Routine, keine Monotonie, aber man kann sich auch nicht ausruhen, hat keine Zeit, den Kopf einmal zu heben. Ich vermute, daß ich es auf diese Weise — dank der Arbeit — geschafft habe, nicht mehr daran zu denken, daß ich sehr einsam bin und daß wir eines Tages alle sterben

Als Gerardo Nerval starb, fand man im Mantel, den er trug, ein Gedicht, in dem es unter anderem hieß:

Man sagt, er war ein Müßiggänger, Bohemien und Träumer,
der die Tinte auf dem Schreibtisch vertrocknen ließ,
er wollte alles wissen und hat doch schließlich nichts gewußt;
Und eines Abends im Winter, entfernte er sich,
des Lebens müde, für immer von der modrigen Erde
und fragte sich: <Weshalb war ich gekommen?>

Dicen que fue holgazän, bohemio e ilusorio, / que dejaba secar la tinta en su escritorio; / lo quiso saber todo y al fin nada ha sabido. / Y una noche de invierno, cansado de la vida / se aiejo para siempre de la arcilla podrida / y se fue preguntado: para que habre venido?

 

Wenn ich einmal gehe, Mercedes, werde ich mich nicht fragen müssen: <Warum bin ich gekommen?> Ich werde es wissen. Deshalb fühle ich mich jung und voller Energien, bereit, dem, was kommen mag, die Stirn zu bieten."

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