Teil 1 : Koordinaten der Lage  

1  Wie ich die Lage sehe

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 Anmerk 

 

Namenregister

 

       Was ist Exterminismus?       

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1980 schrieb Edward Thompson — der visionäre britische Historiker —, um den Widerstand gegen die <Nach­rüst­ungs>-Pläne zu begründen, seinen Essay über Exterminismus als letztes Stadium der Zivilisation.8

Im Englischen ist das zwar ein neues Wort, aber kein Fremdwort. Wenn man Unkraut vertilgt oder Ungeziefer ausrottet, sagt man exterminate, ähnlich den romanischen Sprachen, aus denen das Verb kommt. Es meint die massenhafte Vernichtung von Leben, das wir für unwert befunden haben. In diesem Sinne hat es 1958 auch Gustav Heinemann gebraucht, als er im Bundestag erklärte, man könne die Atombombe nicht eine Waffe mehr nennen: Sie sei ein Ungeziefer­vertilgungsmittel, diesmal angewandt auf Menschen.

Ich empfand gleich, daß Exterminismus nicht nur auf militärischen Overkill — auf solche Erfindungen wie die Neutronen­bombe, die nur Lebendiges vernichtet — paßt, sondern tatsächlich auf die Industrie­zivilisation insgesamt und zwar* in sehr vielen, nicht nur materiellen Aspekten, obgleich diese letzteren zuerst ins Auge fallen. Es hatte seinen Sinn, daß die Ökopax-Bewegung nicht bei den Atomwaffen, sondern bei den Atomkraftwerken und bei scheinbar noch harmloseren Anknüpfungs­punkten begann. Die Kernkraft ist nur der geile Spitzentrieb eines Krebses, der unserer Gesamt­kultur innewohnt. 

Hinter den verschiedenen Abwehrbewegungen stand unaus­gesprochen schon die allgemeine Erkenntnis: In den Regelkreis, der unsere Gattungs­entwicklung lenkt, hat sich der Tod eingenistet. Thompsons Satz von der »zunehmenden Bestimmtheit des exterministischen Prozesses«, von der »letzten Disfunktion der Menschheit, ihrer totalen Selbst­zerstörung«, kennzeichnet die Lage insgesamt. 

*(d-2009:)   "zwar" von mir eingefügt, damit der Satz mehr Semantik bekommt.   E. Thompson bei detopia  (1924-1993)   wikipedia / Thompson  

G. Heinemann bei detopia (1899-1976): Deutscher Bundespräsident  wikipedia / Heinemann   

Seite über Atomwaffen A-Z:  atomwaffena-z.info  +  Atomwaffentests als Kunst:  greenpeace.de  2010   kunst-uber-atomwaffentests   

 


Mit der Verbreitung der Industrie­zivilisation hat die Zahl der Verdammten und Verelendeten unglaublich zugenommen. Es hat nie in der ganzen Geschichte so viele Opfer von Hunger, Krankheit, vorzeitigem Tod gegeben wie heute. Nicht nur ihre Zahl, sondern auch ihr Anteil am Menschheits­körper wächst. Und in untrennbarem Zusammen­hang mit dem militärischen und wirtschaft­lichen Vormarsch sind wir dabei, das nichtmenschliche Leben, d.h. die Biosphäre, die uns hervorgebracht hat, ins Mark zu treffen. 

Will man die Exterminismus-These in Begriffen von Marx ausdrücken, kann man auch sagen, daß das Verhältnis zwischen Produktiv- und Destruktiv­kräften innerhalb unserer Praxis völlig umgekippt ist. Marx hatte, wie andere auch, die die Geschichte der Zivilisation überblickten, die Blutspur gesehen, die sich hindurchzieht, und daß »die Kultur Wüsten hinter sich zurückläßt«.9 In Mesopotamien haben sie 1500 Jahre gebraucht, um das Land zu versalzen, und es erst spät bemerkt, weil es so langsam vor sich ging. Es gab immer diese destruktive Seite, seit wir produktiven Stoffwechsel mit der Natur betreiben. Und nur weil sie überhand nimmt, sind wir jetzt gezwungen, apokalyptisch zu denken und nicht aus Kultur­pessimismus als Ideologie. 

Ich möchte auch gleich hervorheben, daß das Problem letztlich nicht in den Perversionen liegt, nicht in den zusätzlichen Unge­heuerlich­keiten von Auschwitz und Hiroshima, von neurotischer Zerstörungslust und genossener Folter an Mensch und Tier. Es liegt in dem quantitativen Erfolg und der Richtung, die unsere Zivilisation in ihren Blütezeiten eingeschlagen hat. Dieser Erfolg ist dem eines Heuschrecken­schwarms gar nicht unähnlich. Unser soviel höheres Bewußtsein ist als Entwicklungsmittel in ihn einge­gangen, aber es hat Maß und Ziel durchaus nicht bestimmt. Die Logik der Selbstausrottung arbeitet im Ganzen blind, und ihre Werkzeuge sind nicht die Endursache. 

Jahrhundertelang hat das Problem für die allermeisten einfach unterhalb der Bewußtseinsschwelle gelegen. Ich weiß nicht, wie oft ich, ohne etwas zu merken, in den Jahren zwischen 1950, wo ich es kennenlernte, und 1970 darüber hinweggelesen habe, wie Marx und Engels im Kommunistischen Manifest die kapitalistische Vorarbeit für die erwünschte klassenlose Industriegesellschaft preisen: 

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Die Bourgeoisie hat durch die Exploitation des Weltmarkts die Produktion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheim­ische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden. 

An die Stelle der alten durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürf­nisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander ... Die Bourgeoisie reißt durch die unendlich erleichterten Kommunikationen alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß der Barbaren zur Kapitulation zwingt. 10)

Das ist namens der zivilisierten Arbeiterinteressen geschrieben — ein klar »sozialimperialistischer« Text, wie man heute sieht. Es geht um die proletarische Übernahme der Geschäfte in dieser Zivilisation, und die Sozial­demokratie, mehr noch die Gewerkschaften, sind die legitimen Erben dieses Programms, an dessen kulturellen Grundton sie sich ungebrochen halten. Selbstverständlich tun das Liberale und Konservative ebenso, und städtische Alternative meistens auch. Nur wird heute alles nicht mehr so unverfroren ausgesprochen.

*

Wolfram Ziegler* hat eine Maßzahl entwickelt, die in genialer Einfachheit die Gesamtlast erfaßt, mit der wir auf die Biosphäre drücken, um unser Modell von »gutem Leben« alias »Lebens­standard« durchzusetzen und auf dieser Grundlage den allerdings immer stärker von Ökopanik bedrohten »sozialen Frieden« der reichen Metropolis zu wahren.11) Ziegler geht davon aus, daß die Benutzung von technisch aufbereiteter Fremdenergie der entscheidende Hebel unseres Eingriffs ist. Mittelbar beruht ja auch die Naturvergiftung und -zerstörung, die mit dem Materialdurchsatz verbunden ist, auf dem Einsatz unserer Energiesklaven. Daher nimmt Ziegler den Energie­durchsatz pro Quadratkilometer am Tag und multipliziert ihn mit einem »Schadäquivalent« für den regional ermittelten Umfang der Stoffumwandlung und der Natureingriffe. 

*  (d-2006:)  Wolfram Ziegler bei detopia  

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So kommt er auf eine Kennzahl für den Druck auf die Biosphäre in der Dimension Kilowatt- (äquivalent)-stunden pro km² je Tag. Diese Zahl liegt weit über der des bloßen Energie­verbrauches, weil die toxischen und noxischen Effekte eingerechnet sind. Heute machen wir in der Bundesrepublik allein mit dem realen Energie­durchsatz, also ohne den Schaden einzurechnen, Eingriffe in der Höhe von täglich 40.000 kWh/km², und das ist etwa 10mal soviel wie vor 100 Jahren.

Gerade vor 100 Jahren ging, wie auch Ditfurth* darstellt, das biologische Artensterben in den exponentiellen Verlauf über, der dazu geführt hat, daß jetzt jeden Tag eine Art verschwindet, während es um das Jahr 2000 bereits jede Stunde eine Art sein wird. Angefangen beim geograph­ischen Raum, den wir nicht nur einschränken, sondern auch so zersplittern, daß Ökotope ihre Ganzheit verlieren und die kritische Anzahl von Individuen einer Art nicht mehr im selben Lebensraum zusammenfinden kann, monopolisieren wir die Erde für unsere Spezies allein. 

Mit unserem natürlichen Lebendgewicht, so hat Ziegler ausgerechnet, bringen wir in der Bundes­republik 150 kg/ha auf die Waage, wo alle anderen Tiere, einschließlich der Vögel, nur 8 bis 8,5 kg/ha wiegen — soweit sie nicht »anthropogen«, d.h. von uns ausgebeutete Haustiere sind —, nämlich weitere ca. 300 kg/ha, die nicht sich selbst gehören, sondern uns. Außerdem haben wir mindestens weitere 2000 kg, also 2 Tonnen technischer Strukturen allein schon für unsere Transport­systeme auf jeden Hektar Fläche gesetzt, der Löwenanteil davon auf die Autos bezogen. 

Wenn wir schon keine natürliche Solidarität mit dem übrigen Leben mehr fühlen — wir sind für unsere eigene bio­log­ische Existenz darauf angewiesen, daß die Artenvielfalt der Pflanzen und Tiere erhalten bleibt. Unsere »anthro­pogenen« technischen Monokulturen von Nutzpflanzen und -tieren sind vielleicht die nachhaltig­sten Selbstmordinstrumente, die wir führen. Jedenfalls gibt es kein fundamentaleres Indiz für die allgemeine exterministische Tendenz als das Artensterben, das mit dem Überwuchern des Industrie­systems ins Galoppieren übergeht. 

So kennzeichnet für Ziegler der Druck von ca. 4000 realen kWh pro Tag auf den Quadrat­kilometer, den wir vor hundert Jahren hatten, ehe das Artensterben anstieg und ehe, ein Viertel­jahrhundert später, die ersten Natur­schutz­bünde reagierten, die Schwelle, an der wir die ökologische Stabilität endgültig hinter uns gelassen haben. 

*  (d-2008:)  Im Apfel-Buch, 1985  

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Es ist also keine Frage demokratischer Entscheidung mehr, sondern eine Naturnotwendigkeit, daß wir das Schadensprodukt aus Energie- und Material­durchsatz um eine Zehnerpotenz zurücknehmen müssen. Ich war mit mehr intuitivem Überschlag auf dieselbe Größenordnung eines nötigen Rückzugs gekommen, indem ich mir überlegt hatte, was entsteht, wenn erst einmal die ganze Menschheit unseren abgepackten Wohlstand in Anspruch nehmen wird.

Umweltschutz ist da eine »Lösung« exakt jenes Charakters, wie man ihn von der (diesmal wissenschaft­lichen) Priesterschaft einer untergehenden Kultur nur erwarten kann: ein Stockwerk mehr auf die defiziente Pyramide, was ihre Last nur vergrößern wird. Ziegler zeigt denn auch zwingend, daß es jedenfalls mit technischem Umweltschutz allein nicht zu machen ist, da sich dessen Energie- und Stoffdurchsatz zu der Belastung, die er andererseits zu reduzieren sucht, wieder addiert, bis sich schließlich der Effekt gänzlich aufhebt. 

*

Letzten Endes ist Umweltschutz als zusätzliche Strategie also nur ein weiterer Stimulus des wirtschaftlichen Wettrüstens, bei dem die Gesamtmasse der Megamaschine sowohl von der investiven wie von der konsumptiven Seite eher weiter wächst. Jänicke hat das, gestützt auf Kapp (1972), auch unter dem Kostenaspekt bewiesen. Umweltschutz verschafft dem Industriesystem für eine kurze Frist noch eine letzte »grüne« Legitimation. Während wir punktuell die Umwelt schützen, rückt jedoch die ganze Front der Naturbelastung unentwegt vor. Hundert umweltschonende Motoren mit je 2/3 der bisherigen Schadwirkung bewirken eben mehr als 50 andere zuvor.

Was jetzt an industrieller Umweltfreundlichkeit über die Schirme und Magazinseiten läuft, erzeugt somit einen ganz verhängnisvoll falschen Eindruck. Beispiels­weise kommen wir allein über das Essen mit ca. 10.000 und insgesamt im industrienationalen Alltag mit ca. 100.000 Chemikalien in Berührung. Über diese totale Verkünstlichung des zivilisierten Lebens wird betrügerisch hinweg­geworben. Daß wir uns dem Plastik anpassen können, das walte die vielgepriesene Plastizität der menschlichen Natur, der wir ja die Zivilisation verdanken! 

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Um unserem Betätigungsdrang, unserer Arbeitswut, mit der wir Selbstver­wirk­lichung betreiben, nachzugehen, verderben wir den ganzen ursprünglichen Fundus bis auf den Grund. So wird ökologische Marktwirtschaft in diesem Kontext grundsätzlich nur ein neues Glied in der Logik der Selbst­ausrottung. Zunächst senkt sie die produkt- bzw. technologie­spezifische Umweltschädigung, aber im langfristigen Insgesamt verstärkt sie sie sogar. 

Das grüne »Umbauprogramm« ist übrigens eine Spitzenleistung in dieser Richtung, weil es außerdem auch noch das sozialstaatliche Netz verstärken will, was im Rahmen der bestehenden Verhältnisse nur dazu gut sein kann, die Nachfrage nach Industriegütern noch etwas höherzuhalten. Die Grünen weigern sich ausdrücklich, überhaupt noch festzustellen, daß das materielle Wirtschaftsvolumen der Bundesrepublik von heute völlig unvereinbar mit der ökologischen Stabilität ist. Früher haben sie den Widerspruch zwischen ihrer ökolog­ischen und ihrer sozialstaatlichen Orientierung wenigstens noch ausgehalten. 

Nach Zieglers Demonstration müssen wir entweder, wenn wir den Verbrauchsstandard, der ja großenteils strukturell bedingt ist, erhalten und trotzdem hier zu Hause bleiben wollen, auf ca. 6 Millionen Menschen herunter — oder wir müssen die Struktur grundlegend ändern, weil technische Maßnahmen zur Senkung der Grundlast im Rahmen der weltweiten industrie­gesell­schaftlichen Strukturen das Unheil nur geringfügig bremsen können. 

»Umbau der Industrie­gesellschaft« ist ein grünes Mäntelchen, unter dem der tödliche Krebs fort­schreitet. Die jetzige Großproduktion und die städtischen Ballungen samt zugehörigen materiellen Infra­strukturen sind unweigerlich unser Ende. Demnach müssen wir entweder die Bevölkerungs­dichte oder unsere Ansprüche in historisch kurzer Zeit drastisch senken, wenn wir uns nicht technisch totsiegen wollen. 

Das ist richtig, wobei jedoch unsere Ansprüche (auf »Energiesklaven« und Material­verbrauch samt Schad­wirkung) nicht einfach von einer Technik, sondern von einer machtpolitisch überaus verteuerten Techno­struktur abhängig sind. Die »Lebensqualität« mag bei sinkenden Ansprüchen an die Kilowattstunden wachsen, wenn die durch Weltmarkt und überlokale Bürokratien und Institutionen, Infrastrukturen etc. bedingten Aufwände und Lasten großenteils entfallen

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Eine kommunal-kommunitäre, dezentral reproduzierende neue Gesellschaft, die sich nicht mehr zu jeder Jahreszeit Erdbeeren einfliegen läßt, könnte sich vielleicht bei etwa gleichem Alltagsstandard, aber anderer Lebensweise auch mit weit mehr als bloß 6 Millionen Bundesbürgern ökologisch stabilisieren. Selbst­verständlich brauchen wir dennoch den Bevölkerungs­rückgang, obwohl das Bevölkerungswachstum viel mehr Folge als Ursache des Industrialismus ist und war: Seine Kurve im Weltmaßstab verläuft ganz analog all den anderen, die unseren materiellen Fortschritt ins Nichts veranschaulichen. 

Da wir uns aber — bis weit in die Grünen hinein — weigern, die Grundlast des Industrie­systems ernst zu nehmen, da uns etwa das Artensterben nicht wirklich entsetzt, bleibt uns gar nichts anderes, als uns mit manifesten Katastrophen aufzuschrecken, die unsere Art direkt betreffen. Der humane Egoismus erweist sich als so dumm, daß er auf Vorwarnungen aus dem Reich der von uns vergewaltigten Mitgeschöpfe nicht reagiert. So ist Exterminismus — falls es nicht zu einem gerade noch rechtzeitigen Bewußtseinssprung kommt — das unaus­weich­lich letzte Stadium der Zivilisation. Hitler ähnlich werden wir die Tür so hinter uns zuschlagen, daß wir gleich auch noch viel von dem Gesamtresultat der biologischen Evolution mit ausradieren. 

Als Mahnmal eignet sich die folgende Kurzgeschichte der Osterinsel, die Hermann Remmert in der Zeitschrift <Nationalpark> veröffentlicht hat:

 

Um das Jahr 400 kamen Polynesier zur Osterinsel — dem wohl einsamsten Eiland im Großen Ozean. Sie ließen sich nieder, schlugen den Wald, bauten Dörfer und Tempel, entwickelten mit ihren einfachen Faustkeilen eine bemerkens­werte Technik der Steinbearbeitung, schufen die berühmten Steinfiguren, die sie rund um die Insel an ihren Dörfern mit Häfen aufstellten, schlugen immer mehr Wald, vermehrten sich. .. und begannen sich zu bekriegen, als ihre Zahl zu groß wurde. Die Tempel wurden zerstört, wiederaufgebaut, wieder zerstört, der Wald vernichtet... Es war ein kleines Restvolk von vielleicht 500 Menschen, die die Europäer vorfanden, als sie erstmals die Osterinsel betraten. Die Insel war nun eine baumlose Steppe; die einstmals mehr als 20.000 Bewohner lebten nur mehr in Höhlen, sie huldigten einem grausamen Vogelkult mit Kannibalismus. ... 

In der Folgezeit stieg die Bevölkerung (trotz Sklavenhandels) wieder ein wenig; Hunde, Katzen und Schafe wurden eingeführt (und vernichteten die von den Polynesiern mitgebrachten Hühner), von 1900 bis 1950 war die Insel eine einzige riesige Schaffarm (mit etwa 60.000 Schafen) ... 

Heute leben drei Landvogelarten hier — von Südamerika eingeführt. Niemand kennt die ausgerotteten Bäume. Ob die Grillen, die Wespen, die Schmetterlinge, die Eidechsen einheimisch sind? Niemand vermag es zu sagen. Eine Steinzeitkultur hat den eigenen Lebensraum zerstört, hat die einst reichen Vogelinseln geleert. Der Mensch der Steinzeit lebte nicht im Einklang mit seiner Heimat, er zerstörte sie wie wir es tun. Die Maoris auf Neuseeland brannten den Wald nieder, sie vernichteten etwa 23 einheimische Arten von Riesenstraußen und viele andere mehr. Die heutige Waldlosigkeit großer Gebiete Neuseelands ist ein Werk der Menschen, die hier vor den Weißen siedelten. — 

Die Menschen, die Amerika besiedelten, schoben vor sich einen Gürtel des Schreckens her — die Zone des »overkill«, wie wir heute sagen. So entstand die Artenarmut der Säugetierfauna Nord- und Südamerikas. Die Vernichtung der Wälder des Mittelmeerraumes, die Zerstörung der Lebensbasis in Norwegen (die zu den Wanderungen der Wikinger führte), die Zerstörung des Eichenwaldes in Norddeutschland zur Bronzezeit (was die Lüneburger Heide ergab) — all das zeigt uns: Immer zerstörte der Mensch seinen Lebensraum, wo immer er konnte. Nie versuchte er, ein Mitglied eines konstanten Ökosystems zu sein. 

Nein, der Rückblick gibt uns keine Hilfe. Das Zusammenleben des primitiven Menschen mit der Natur ist eine fromme Mär. Und schon damals hat man Leute, die unbequeme Wahrheiten sagten, mit naturreinem Schierlingssaft umgebracht. 

Was uns helfen kann in unserer schrecklichen Situation: den Weg vom missing link zum homo sapiens zu gehen. Sonst ist die Osterinsel ein Modell unserer Welt, ein schreckliches: Von etwa 20.000 Menschen sank die Bevölkerung auf etwa 500 — durch Kriege, Kannibalismus und Krankheiten. Wir können heute die Ursachen so entsetzlich genau ermitteln. Wir wissen, worauf es ankommt, sehen die Gefahren. 

Doch — um homo sapiens zu sein, müßte man handeln, überzeugen, überzeugbar sein. Es gibt nur die Wahl zwischen freiwilligem Verzicht auf der ganzen Welt und der schrecklichen Vision eines Verzichts à la Osterinsel (wenn’s so gut abgeht) ...

 

Das Rezept der Selbstausrottung, die Geisteshaltung, mit der wir sie sicher machen, hat etwa der Chefredakteur der hiesigen konservativen <Wormser Zeitung>, Hermann Dexheimer, anläßlich der Tschernobyl-Katastrophe zu zwei Leitartikeln zusammen­gefaßt, die typisch sein dürften: Wir sollen noch bedächtiger mit dem atomaren Feuer umgehen, müssen aber, da wir es für unseren Lebens­standard brauchen, »auch künftig im Schatten der Bombe und in der Nachbarschaft der Atommeiler leben«. Der Standard, um den wir untereinander konkurrieren, soll Vorrang behalten vor dem Leben selbst. 

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Sofern die drohende Katastrophe tatsächlich aus dem Anwachsen der Gattung Mensch und ihrer Produktivität, ihrer Fähigkeit zur Naturausbeutung und -verwandlung hervorgeht, sofern der Prozeß also schon auf dieser »unschuldigen« Ebene mit uns durchgeht, haben wir alle Anteil am Exterminismus. Offenbar genügt schon das nach den verschiedensten Sitten und Gesetzen korrekte Verhalten des Menschen »wie er nun einmal ist«, um ihn abstürzen zu lassen. Demnach kann uns keine Ordnung retten, die bloß den Exzeß unserer Gier beschränkt, wie es unsere Normen mit abnehmendem Erfolg versuchen, sondern nur die geistige Bewältigung der Gier selbst. Damit wären. Propheten und Buddhas — ob nun ihre Antwort vollkommen war oder nicht — die einzigen gewesen, die wenigstens die Frage radikal genug gestellt hätten. 

Alles, was über Herrschaft, Ausbeutung, Klassenkampf als Letztursache der Expansion gesagt wird, ist falsch, obwohl diese Faktoren beteiligt sind. Gewiß, die sozialen Widersprüche waren und sind Beschleuniger und Verstärker, aber aufgrund einer Anlage, die mit der Gattung Mensch gegeben ist und die ihre Einzigartigkeit, ihren Ruhm ausmacht. Warum der Mensch, und zwar der normale, exzessiv der westliche Normalmensch, Leben zerstört anstatt ihm zu dienen, ist jedenfalls der Schlüssel zur Situation. Und so sehr wir zweifeln dürfen, ob das Rettende aus der Gefahr erwächst — wer die Gefahr und ihre Ursache nicht einmal sieht, wer die ökologische Krise nur für eine unerwünschte Nebenfolge einer ansonsten gloriosen Entwicklung hält, der kann gar nicht erst aufwachen, zu welcher Antwort auch immer.

Die Produkte und Erscheinungen, an denen wir die Gefährdung erleben und auf die die Ökologie­bewegung als Umweltschutz­bewegung zuerst reagiert hat, sind also nur Hinweise auf darunterliegende Ursachen. Und wenn wir mit dem »Verursacherprinzip« noch die Verant­wortlichen für einen bestimmten Produktions­vorgang haftbar machen wollen, was gewiß von Fall zu Fall gelingt, so hat uns das Waldsterben auf eine Komplexität, Summierung und Überlagerung der auslösenden Faktoren gestoßen, die es schon methodisch unwahrscheinlich machen, seine Ursachen einzuholen, indem wir bloß den einzelnen Schadstoffen nachjagen. 

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Allem Anschein nach hat das Industriesystem — mit seinen Verbrennungsprozessen, seinen chemischen und metall­urgischen Produktionen, seinen Hoch­spannungs­leitungen und Atomkraft­werken in unserem überbesiedelten Land — eine letzte Verträglichkeits­schwelle überschritten. Der Exterminismus war schon an den beiden Welt­kriegen abzulesen, die das Industriesystem voraussetzten. Jetzt gibt es praktisch überhaupt keine Friedens­produkt­ion mehr her, was die Natur betrifft. 

Daran wird vollends kenntlich, wo wir stehen.

 

     Galtungs Weltschematik    

 

Anfang 1983 lud mich Johan Galtung, der norwegische Friedens- und Entwicklungs­forscher, zu einem Seminar im Berliner Wissenschaftskolleg ein. Wir hatten eine wunderschöne Diskussion, und mir gefiel sehr die sinnfällige Darstellungsmethode, mit der er soziale Entwicklung und ihre verschiedenen Stile beschreibt. Jedenfalls habe ich seitdem, wenn ich meine fundamentalistische Position erläutern wollte, immer auf Galtungs »fünf Farben« (Blau, Rot, Gelb, Grün und Rosa) und »vier Ecken« (entsprechend den ersten vier Farben) zurückgegriffen.12) Seine sozusagen wertfreie Weltschematik erleichtert sehr, sich in der durch die Ökokrise veränderten politischen Landschaft zurechtzufinden.

Die wichtigsten Erklärungen: Die vier Ecken stellen, jeweils idealtypisch gedacht, die »reinen Prinzipien« dar: 
Blau
das westliche; 
Rot
das sowjetische; 
Grün
das der von »Entwicklung« her definierten »Unter­ent­wicklung«, das der traditionellen Gesell­schaften bis zurück zum Urkommunismus, zur allseits weit weggewiesenen »Steinzeit«
13)
Gelb
(oder Golden, um es weniger rassismusverdächtig auszudrücken, wie Galtung hinzufügt) das japanische. »Vierte Welt« nennt Galtung also nicht die ärmsten Länder, sondern die ostasiatische Sturmspitze des ursprüng­lich westlichen Unternehmens. 
Rosa
in der Mitte ist sozialdemokratisch, sozusagen »schwedisch« als Prinzip. Ganz entscheidend ist nun die Diagonale B-C oder besser C-B (denn bei C liegt ihr Schwerpunkt, weil der blaue Pol die mächtigste Ursache auf ihr ist). 

* (d-2015:)  J.Galtung bei detopia

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Galtungs Schema

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Es ist dies die »Diagonale der Modernisation, der ›modernen‹ Gesellschaft«. Es ist vor allem die Diagonale des Verderbens, wie ich hervorheben möchte. Sie repräsentiert die Wirklichkeit der industriellen Megamaschine, wie sie Lewis Mumford unübertroffen aufgefaßt und beschrieben hat.14) Diese Realität verbietet es glattweg, sich ferner mit so etwas wie einem »Projekt der Moderne« zu befassen, als könnte auf dieser Linie etwas anderes als Extermination, d.h. die Massenausrottung von Lebewesen aller Art herauskommen, was immer sich die Humanisten und Aufklärer einst Schönes beim materiellen Fortschritt dieses Typs gedacht haben mögen. 

Diese Hauptachse verbindet die »blaue« Marktfixierung (»Ökonomismus«) des Westens mit der »roten« Staatsfixierung (»Etatismus«) des Ostens, und die Extreme treffen sich, immer nach Galtung, in den Sozialdemokratien. Er sagt, von der Sowjetunion her betrachtet, sehen diese kapitalistisch aus, von den USA her sozialistisch; Jugoslawien sei vielleicht das »mittelste« Land auf dieser Achse.

Mit den Pfeilen meint Galtung: 

(1) Die Konvergenz-Tendenz zwischen Ost und West, unter deren Voraussetzung die »Sozialdemokratien« dann die »anderthalbte Welt« wären. 
(2) Westliche Hilfe für Länder der Dritten Welt, um sie in gehörig unterentwickelter Position aufs kapitalistische. Ende der Hauptachse zu holen. 
(3) Östliche Hilfe für diese Länder, damit sie die analoge Position am realsozialistischen Ende der Hauptachse einnehmen. 
(4) Sozialdemokratische Hilfe (Galtung überschätzt m.E, allerdings die Eigenständigkeit dieses »rosa« Faktors), um ihnen die unterentwickelte Position dort zu ermöglichen, wo es so schön konvergent zugeht, immer auf derselben Hauptachse.

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Ich finde sehr treffend, was Galtung zusammenfassend über Entwicklungshilfe sagt: Sie sei ein Weg, auf dem gewisse Länder mit starker Machtartikulation auf nationaler Ebene dann weltweit ihre eigene Reproduktion betreiben — um sich Verbündete zu schaffen; um ihr eigenes System aufzuwerten; um andere mit den Methoden zu durchdringen, die sie selbst am besten kennen und meistern; ohne Solidarität mit den Armen und Unterdrückten. 

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Galtung setzt zwar noch Fragezeichen dahinter, um zur Diskussion einzuladen, ob es wirklich so ist, fügt aber hinzu, es könne gar nichts anderes als der Versuch herauskommen, die eigene Struktur nach draußen zu projizieren, weil das das einzige ist, was die »Helfer« können. Eine »rote« Gesellschaft z.B. könne nicht aus »grünem« sozialem Rohstoff eine »blaue« Gesellschaft heranentwickeln, eine »blaue« umgekehrt keine »rote«. Jedenfalls existiere ein breiter Konsens, daß andere »modern« und »entwickelt« sein, d.h. irgendwo auf der Diagonale landen sollten: die »Entwicklungs«-Lehre. 

Indessen gebe es da Dissidenten: 

(5) Eine grüne Welle, aus Leuten, die von irgendeinem Punkt der Diagonale, sei er rot oder blau oder rosa, aufbrechen, weil sie genug haben von der ganzen Plan/Markt-Logik, von dem ganzen Projekt der Moderne; sie halten nach den Werten der dunkelgrünen Ecke Ausschau. 
(6) Dann gibt es in der Dritten Welt Leute, die das Verharren an ihrem Pol nicht nur realistisch hinnehmen, sondern wünschenswert finden und verteidigen, die also nicht »entwickelt« werden wollen.

Schließlich gibt es — nach Galtung ebenfalls jenseits der Hauptachse, weil im Lande der aufgehenden Sonne nicht Gegensatz, sondern Integration von Plan und Markt herrsche — den gelben (goldenen) Pol. Bei mir droht von diesem Prinzip, das nicht etwa den Japanern allein gehört, der exterministische Overkill. Jedenfalls erzeugt das japanische Beispiel

(7) einen Sog, der in Moskau auf Gorbatschow wirkt und auf seine starke Lobby in Nowosibirsk, der in Warschau Gierek und Walesa nicht ruhen ließ; den man in »Schweden« spürt (unsere rosa Herren Glotz und Roth), in Stuttgart (unser Herr Späth), zuvor schon in Paris (Monsieur Servan-Schreiber); und natürlich in Kalifornien; 
(8) einen Frust über das bloße Hin- und Herschieben zwischen dem plan- und dem marktwirtschaftlichen Akzent auf der alten Diagonale; 
(9) endlich in Japan selbst vielleicht einen Kollaps am eigenen Erfolg, der dort zu Wendungen in alle erdenklichen Richtungen führen könnte — warum nicht auch auf der anderen Diagonale über die von Japan aus gesehen bestimmt nicht attraktive west-östliche Achse hinaus in Richtung Grün oder vielmehr »Regenbogen«? 

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Galtung meint nämlich, alle fünf Modelle (Blau, Rot, Gelb, Grün und Rosa) arbeiten schlecht. Zwar sei das grüne besser als die ändern, aber es produziere, mag auch Elend vermeidbar sein, Armut. Und das rosa Modell sei besser als die andern drei, teile aber die Aggression gegen die Natur, gegen die spirituelle Dimension und gegen die lokale Ebene, bleibe auch ins Wettrüsten verstrickt. So schildert er eine »Zone« in seinem Schema als »Rainbow« (»Regenbogen«) aus: abseits von den Seiten bzw. Ecken wie von der Hauptdiagonale. Dort könnte es hellblau zugehn: etwa nichtmonopolistische Marktwirtschaft. Hellrot bzw. rosa: einige Umverteilung zwecks ausgleichender sozialer Gerechtigkeit; dies mit ein wenig Gelb für die Integration der widerstrebenden Prinzipien Plan und Markt. Hellgrün im Sinne von »Small is beautiful«. 

Dies also sein »offenes Fenster für Entwicklung«:  

 

Ich denke, zumindest in unserem Lande wollen die meisten Leute bereits dorthin. Wenn es nur bei vollem Komfort und voller Sicherheit zu machen wäre! Wenn es nur die Garantie gäbe, daß dem Bären beim Waschen der Pelz nicht naß wird! 

Interessanterweise gibt Biedenkopf in seiner »Neuen Sicht der Dinge« in etwa denselben Zielort an. Aus der blauen Richtung kommend, bewegt sich auch sein Denken weg von der Diagonale und hin zum Grün, und d.h. in das Dreieck »Regenbogen«. Und andererseits gibt es in derselbe CDU, die Biedenkopf in Nordrhein-Westfalen führte, als sein Buch erschien, in Stuttgart den Ministerpräsidenten Späth, der in genau der entgegengesetzten Richtung von der Diagonale aufbrechen will: vehement nach Gelb. 

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          Umkehr in den Metropolen       

 

Mir hat damals an Galtungs Bildchen gleich gefehlt, daß er die ideale Zone, das »Fenster«, nur bezeichnet, aber nichts darüber sagt, auf welchem Weg wir dahin kommen. Wenn man bedenkt, wie wenig die Leute Extreme lieben, welcher Ecke auch immer, so ist das Angebot in Pastellfarben natürlich billig zu machen. Es lebe die Regenbogen-Idylle! 

Werden Blau und Rot und Grün sich einfach aufhellen auf diese Mitte zwischen ihnen hin? Oder werden sich die Geister scheiden? Zwischen Biedenkopf und Späth sieht es in ein und derselben Partei beinahe danach aus, ungefähr so: 

 

  

Lothar Späth möchte einige Werte, die er verbal mit Biedenkopf teilt, auf seine für diese Werte ganz unverträg­liche Reise nach »Japan« mitnehmen, ich komme gleich noch darauf zurück. Übrigens berührt kein führender Sozialdemokrat konzeptionell das Regenbogen-Dreieck, obwohl es Oskar Lafontaine wohl möchte. 

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Damals im Berliner Wissenschaftskolleg habe ich gleich in Galtungs Schema hinein­gemalt, um die Dynamik einer fundamentalistisch grünen Bewegung zu veranschau­lichen. Sie spielt auf der anderen Diagonale des Schemas, auf der »Entwicklungs«-Achse zwischen den Polen Grün und Gelb. So kam ich auf das nebenstehende Bild: (Seite 43) 

*

Die Regenbogen-Gesellschaft ist natürlich »Die Andere Republik« oder besser der Verbund der »Anderen Ökorepubliken«, die zu wollen die Grünen und Alternativen leider mit zu wenig Grund verdächtigt werden. Jene Kräfte, die sich für den industriellen Durchbruch von der blau-roten Diagonale abstoßen, werden freilich auch eine andere Republik zustande bringen, eine, die irgendwo zwischen Huxleys psychedelischer Schöner Neuer Welt und dem von Robert Jungk beschriebenen Atomstaat angesiedelt sein wird. Sie wird mehr als bloß ein totalitärer Staat, sie wird eine totalitäre Gesellschaft. In Wirklichkeit bewegt sich die ganze blau-rote Diagonale in diese Richtung des superindustriellen Durchbruchs, der durch ökologische Modernisierung flankiert und kaschiert sein wird. 

Was die aus der Grünen Ecke (der »Dritten Welt«) vorstoßende »Entwicklung« betrifft, so wird ihr Charakter entscheidend davon abhängen, ob die Umkehrbewegung hier in den Metropolen genügend Gewicht gewinnt, um ihr positiv die Perspektive des »Einholens und Überholens« zu nehmen, sie überflüssig zu machen. In gewisser Hinsicht ist selbst die Sowjetunion noch ein »Entwicklungsland«.

Jedenfalls ist die Diagonale dort hinter der schematisch angegebenen Mittelposition zurück. Solange das »atlantische« Modell nicht nachgibt, solange gar die »pazifische« Perspektive durchkommt, bleibt Moskau kaum etwas anderes übrig, als in jeder Hinsicht »nachzurüsten«, es sei denn, sie bauten dort aus eigenen spirituellen Kräften ein solches Selbstbewußtsein auf, daß sie die Sisyphusarbeit für die »Parität« mit dem Westen aufzugeben wagten. 

In diesem Schema sind also Blau und Rot, die »Sicherheitspartner« des Ost-West-Konfliktes, ebenso wie die »Sozialpartner« des inneren Klassenkonfliktes, bei allen Unterschieden vor allem Akteure und tendenziell Komplizen eines übergreifenden Systems, des Industriesystems bzw. der Industriezivilisation. Da ist ein doppelköpfiger Drache. Ich habe seinerzeit gezeigt, warum dem Roten Osten der sozialistische oder gar kommunistische Auf- und Ausbruch aus diesem System nicht gelungen ist. Nun baut auch Peking »den Kapitalismus nach«. 

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Bahros Schema 

  

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Es ist das Zeitalter des Arbeiters herausgekommen, aber nicht, wie es Karl Marx, sondern ungefähr so wie es Ernst Jünger verstanden hatte. Inzwischen kann man sich kaum einen größeren Horror vorstellen als die Verwand­lung der ganzen Menschheit in eine einzige Arbeiterklasse, die eine weltumspannende industrielle Mega­maschine betreibt. 

Es geht heute bestimmt nicht um die Frage, ob das Kapital die Arbeit besiegt oder umgekehrt, sondern darum, ob es uns gelingt, diese ganze selbst­mörderische Formation aufzulösen und den lebendigen Einsatz, die menschliche Energie und Existenz, auch lebendig herauszubekommen. Die mit dieser Gesellschafts­formation verbundenen inneren Kräfteverhältnisse sind heute nur noch insofern interessant, als größere Ungleichgewichte stets Kräfte an die alten Fronten binden und das alte Gesamtsystem revitalisieren können. 

Johan Galtung hat ein schönes Büchlein geschrieben, <Self-Reliance>, aus dem hervorgeht, daß die internationale Lösung der Begrenzungs­krise entscheidend davon abhängt, ob sich die Bewegungen aus der grünen Ecke meiner Skizze und die Bewegung für die Umkehr in den Metropolen sozial dort treffen, wo ich es angedeutet habe: in einer weltweiten Regenbogen-Gesellschaft vom Stamme <Small is beautiful>. Das Schema hat den Nachteil, nicht zu zeigen, daß wir auf eine der unsern analoge Umkehrbewegung auch in Japan hoffen müssen. 

Gelänge der superindustrielle Durchbruch in den Metropolen, würden die nachher bis zu 10 und mehr Milliarden Menschen in der Dritten Welt unweigerlich zu dem typischen Lebensstandard der jetzigen und sich noch weiter nach rechts oben verschiebenden Diagonale streben. 

Das würde die Multiplikation unserer Aufwände und unserer Schadenskapazität mit einem Faktor zwischen 10 und 20 bedeuten. Schließlich wollen sie alle erst einmal unsere Autos haben, die wir keineswegs abschaffen, sondern z.B. mit Katalysatoren qualifizieren, während wir uns neuen, »leichteren« Technologien zuwenden. 

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Bloß politische Solidarität, wie sie die auf der Diagonalen mitverhaftete Linke so liebt, wird immer mehr zur puren Heuchelei, wenn sich die Freunde aller möglichen Befreiungs­bewegungen nicht hier dafür einsetzen, daß das atlantische Modell verschwindet, d.h. die Megamaschine alias das Industriesystem. 

Mit diesem Industriesystem sind nicht jegliche industriellen Produkte gemeint. So trügerisch und meist betrügerisch der Begriff des <qualitativen Wachstums> istIvan Illichs konviviale, d.h. vom kleinen Lebens­kreis her nach menschlichem Maß gestaltete Werkzeuge und Gebrauchsgegenstände mögen durchaus hochpro­duktiv sein bzw. erzeugt werden, obgleich nie mehr bedingungslos, sondern nur noch unter tabuähnlicher Achtung der Verträglichkeits­grenzen, auch der sozialen. 

Bei einer Umkehr muß das Mikrochip nicht zurück­gelassen werden, obwohl klar ist, daß es auf der Diagonale des Verderbens unvermeidlich zur Waffe des Großen Bruders wird. 

Vom Standpunkt des konventionellen Entwicklungsbegriffs erscheint die Umkehr­bewegung regressiv, insofern sie die Achse Grün-Gelb »rückwärts« zu durchlaufen scheint — Richtung Steinzeit versus Richtung Biotronik. Dieser Eindruck kommt zustande, weil wir uns bis in die Tiefenpsyche hinein menschlich mit dem Material und Werkzeug der Naturbeherrschung identifiziert haben. Erst aus der Perspektive des Produktivismus und der Technomanie, wie sie für die Wirtschaftsgesellschaft charakteristisch ist, erscheinen Sammler und Jäger als Steinzeitmenschen, die alten Ägypter als bronze-, die Griechen als eisenzeitlich. 

Die Regenbogen-Gesellschaft ist für mich durch keine bestimmte Technologie gekennzeichnet, nur durch den Ausschluß lebens­feindlicher Mittel. Darunter fallen allerdings auch Anlagen und Systeme, die zu groß und zu komplex sind, um menschlich aneigenbar, kontrollierbar und verantwortbar zu sein. Jedenfalls stelle ich mir die Alternative nicht irgendwo zwischen Steinzeit und High-Tech vor. Was immer wir an Werkzeugen und Werkstoffen nutzen werden — positiv dürfen wir uns überhaupt nicht auf dieser Skala definieren, nur negativ, nämlich durch den Ausschluß von Praktiken, die das Natur­gleich­gewicht angreifen. 

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Entgegen dem Anschein ist Maschinenstürmerei gar kein Motiv radikaler oder gar fundamentalistischer Ökologie. Wir hätten nichts gegen das Auto, wenn es nicht direkt und indirekt mörderisch für soviel Leben wäre. Auch setzt die Umkehr nicht bei Abschaffungen an, die allemal nur Symptome beträfen. Nur dürfen wir den verschiedensten technischen, sozialen und kulturellen Errungenschaften kein Vetorecht gegen unsere langfristigen Überlebens­interessen einräumen. 

Wer die Diskussion damit beginnt, daß die Herzlungenmaschine garantiert erhalten bleiben muß, will keine rettende Veränderung. Dies festzustellen, heißt nicht, daß die Herzlungenmaschine um jeden Preis weg muß. 

Begreifen wir das Gleichnis des Buddha vom brennenden Haus, das Bertolt Brecht16 für den antifaschistischen Kampf aktualisiert hatte? Während das Dach schon in Flammen stand, fragten die Leute den Buddha: 

Wie es draußen denn sei, ob es auch nicht regne 
Ob nicht doch Wind gehe, ob da ein anderes Haus sei... 
Und der Buddha antwortete: »Wirklich Freunde, 
Wem der Boden noch nicht so heiß ist, daß er ihn lieber 
Mit jedem andern vertauschte, als daß er da bliebe, dem 
Habe ich nichts zu sagen.«

Ursprünglich hatte das Regenbogen-Dreieck bei mir nicht die gestrichelte Ergänzung, die auf die andere Seite hinüberreicht, weil ich mir innerhalb des grünen Potentials keine »japanische« Option, keinen Ökomodern­ismus vorstellen wollte. Indessen mußte ich lernen, daß es durchaus kleine grüne Späths und Glotze gibt. Und der Alternativ-Theoretiker Joseph Huber fummelt systematisch irgendwo zwischen dem »japanischen« Zielpunkt Späths und seinem eigenen angestammten Rosa herum. 

Vor allem funktionieren die Hakenpfeile, die ich eingezeichnet habe, um die Gefahr zu kennzeichnen, daß die Grünen über ihren Reformismus wieder eingefangen werden. Natürlich sitzen sie als Partei von vornherein auf der Hypothenuse des Regenbogen-Dreiecks, die dem System zugekehrt ist. Die roten Traditionen, an denen die Ökosozialisten, die blauen, an denen die Ökolibertären hängen, verstärken die Verführbarkeit. Da es nichts gibt, was einer Partei so sehr gleicht wie eine andere Partei, haben die regulären Mechanismen, besonders der parlamentarische, gegriffen, und zwar in einem Tempo, mit dem ich allerdings nicht gerechnet hatte. Ich dachte lange, es würde den Ökoradikalen und Fundamentalisten Zeit bleiben, eine konsistente Position der Unverfüg­barkeit in den Grünen aufzubauen; wahrscheinlich waren sie bzw. wir auch selbst nicht klar genug dazu. 

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Aber zurück zu den sozialen Bewegungen, die ich mit den breiten Pfeilen symbolisiert habe. Ich benutze den Bewegungsbegriff in einem historischen Sinne. Er betrifft Bewußtseinstendenzen, die unabhängig davon, ob sie sich gerade unter der Führung einer militanten Minderheit in Aktionen artikulieren, so weit in der Gesellschaft vorhanden sind, daß nahezu jedermann/jedefrau Anteil daran hat. Selbst die Strategen des superindustriellen Durchbruchs haben Regenbogenphantasien — privat. 

Ursprünglich hatte ich meine frühere Vision von einem ökologisch reformierten Bund der Kommunisten aus der DDR-<Alternative> (Buch 1977) in revidierter Form auf die Grünen übertragen. Ich hatte also die parteipolitische Fixierung als solche noch nicht hinter mir.  

Als ich auf dem Offenbacher Vorkongreß im November 1979 sagte, »Rot und Grün gehen gut zusammen«, meinte ich zwar nicht die heute als ökosozialistisch bezeichnete Position, in der das Grüne oft nur ein unumgänglicher Anhang ist, so daß das neu entworfene »Umbau«-Programm Erwerbslosigkeit, Armut (hier, im reichsten Land Europas, ist ihnen das eine Hauptfrage) und erst an dritter Stelle Umweltzerstörung überwinden möchte. 

Ich hatte eine Neuintegration auf grüner Grundlage im Sinn, ähnlich wie die konservativen Grünen es von ihrer Tradition her versuchten, falls sie nicht bloß mit Blau denselben Mummen­schanz veranstalteten wie die anderen in Rot. 

Die beiden Schenkel des Regenbogen-Dreiecks mögen etwa senkrecht meine und waagerecht Herbert Gruhls Option kennzeichnen, als wir beide noch zusammen in der Partei waren. 

Dann erkannte ich bald, daß es Unfug ist, irgendeine Ideologie, die aus dem industriellen Zeitalter stammt, als Gestalt mit hinüberretten zu wollen. Es ist Gruhls Schwäche,17 daß er auf jene altmodische Weise konservativ bleibt, die an der Belehrung Adams und Evas bei der Vertreibung aus dem Paradiese festsitzt, während es doch gerade eine Kontinuität von dort zur ökologischen Krise gibt. Wieso uns eine vom Fortschritt überrollte Moralität jetzt hinreichenden Rückhalt bieten soll, ist nicht recht einzusehen. 

Mein Weg jedenfalls kommt gut in dem Titel eines in England erschienenen Bandes mit autobiograph­ischen Interviews zum Ausdruck: <From Red to Green>.18

* (d-2015:)  Herbert Gruhl bei detopia 

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Allerdings bedeutet dies nicht, wie beim ersten Blick auf die Skizze zu vermuten wäre, sich in der ökoradikalen Ecke einzuigeln. Was mir aber mehr und mehr vorschwebte, war ein sozialer Aufbruch von der Diagonale des Verderbens in das Regenbogen-Dreieck, die Vision einer spirituell fundierten und motivierten Umkehr­bewegung, eines Auszugs aus dem Industriesystem

Damit habe ich Ende 1982 vor der Bundestagswahl, für die sie die fünf Prozent brauchten, auf dem Hagener Kongreß die Grünen erschreckt. Zunächst sah ich das immer noch stark »materialistisch«, nämlich als müßte man der Mega­maschine sogleich und als erstes eine ökonomische Alternative entgegensetzen. Wie ich bald erkannte, ist das eine Falle, weil zuerst die psychischen Voraussetzungen und Bereitschaften heranreifen müssen, sonst kommen die schönsten Ökodörfer zu früh und scheitern schon allein an den alten Ego-Strukturen der Pioniere.

Jedenfalls sah ich die Grünen von da an als eine Hilfskraft, dazu gut, diese soziale Umkehrbewegung bei ihrem Auszug zu decken. Einerseits sollten sie ihr Zeit für die volle Entfaltung sichern, indem sie die ökologische Katastrophe bremsten und die Kriegsgefahr entschärften. Andererseits sollten sie sie politisch, juristisch, finanziell, auch territorial beim sozialen Raumgewinn flankieren und unterstützen. Dann durften sie sich natürlich nicht definitiv auf der System-Diagonale etablieren, sondern durften dort nur als Partisanen erscheinen, mußten sich hauptsächlich als Organ des Auszugs begreifen. Zuletzt habe ich auf dem Hamburger Parteitag eine verzweifelte Anstrengung gemacht, die Entscheidung »Hinein oder hinaus?« wenigstens offen­zuhalten. Ich habe Reisende aufhalten wollen, geistig einigermaßen gewaltsam, und schließlich daran erkannt, daß an meiner Politikerhaltung etwas falsch sein muß. 

Gewiß war der Auftrag für eine solche politische Kraft, wie ich sie mir vorgestellt hatte, in einem weiteren historischen Sinne schon ausgeschrieben, und immerhin ist die rotgrüne Illusion inzwischen ganz ohne mein weiteres Zutun von selber geplatzt. Aber welche Gestalt diese Kraft annehmen mußte — darin dachte ich selbst struktur-konservativ, nämlich noch zu parteifixiert. 

Vordergründig waren die Grünen ihrem Auftrag deshalb nicht gewachsen, weil ihnen nicht einmal eine vorläufige Integration der Strömungen gelang, die sich auf das Regenbogen-Projekt beziehen. Aber war diese vorläufige Integration möglich? 

Dann hätte der Exodus mindestens geistig gewollt sein müssen, denn die Integration ist nur auf der Achse dieser Umkehrbewegung, politisch also hinzielend auf die ökoradikale Ecke des Regenbogen-Dreiecks, denkbar. So hätte die Grüne Partei auch Sinn behalten. Die sozialistischen Eierschalen hier und die liberalistischen dort wären zwar nicht ausgelöscht, aber untergeordnet worden, und die Spannung zwischen Zielfeld und Realität grüner Intervention in den sozialen Prozeß hätte ausgehalten und fruchtbar gemacht werden können. 

Doch aus der Addition von Ideologien des bürgerlichen Zeitalters, die mit Öko-Vor- oder Nachsatz versehen werden, ist keine Autonomie zu gewinnen.

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