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1.3  Wer kann die Apokalypse aufhalten? 

   Anmerk

 

Die Nachricht ist angekommen   

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Es ist wenige Jahre her, da hätte man sich erst rechtfertigen müssen, überhaupt mit der Apokalypse zu rechnen. Die Atombombe schien einer ganz anderen Kategorie der Bedrohung anzugehören — hier kannte man vorab die Schuldigen, konnte sich leichter über die eigene Aktie am Wettrüsten hinwegtäuschen. 

Als handelte es sich beim Ökozid um nichts als eine ideologische Epidemie, wurden die Indizien für die Realgefahr der Total­katastrophe keines Blickes gewürdigt, wenn es galt, "Angstmache" abzuweisen. Wer die Apokalypse für möglich hielt, wurde zum Pessimisten erklärt, obgleich es in der Regel umgekehrt ist. Das Motiv der apokalyptischen Vision ist fast immer die Überzeugung, es gäbe nur dann noch eine Chance, wenn wir den schlechten Ausgang für höchstwahr­scheinlich halten, nämlich bei Fortsetzung der bisherigen Lebenspraxis. 

Wenn auch vielleicht nicht als hinreichender Antrieb — denn wir brauchen positive Freude an der Veränderung, damit wir uns engagieren — »was kann als Kompaß dienen? Die vorausgedachte Gefahr selber!«. So Hans Jonas; er spricht von einer "Heuristik der Furcht".41  

Wir Menschen werden ja auch sonst von unseren Ängsten geleitet, und zwar vor allem dazu, nichts zu tun, was irgendeine unserer kleinen und großen alltäg­lichen Sicherungen durchbrennen lassen könnte. Bei der apokalyptischen Einsicht geht es um die Umbesetzung der Ängste, damit in dem, was wir meiden wollen, die Relationen stimmen. 

Auf der Linken war (und ist zum Teil noch immer) eine zusätzliche falsche Angst im Wege. Manche gehen so weit, den Topos der Apokalypse schon selbst für das Vehikel einer braunen Gefahr zu halten. Abgesehen davon, daß aus der Defensive einer bloß sozialpolitischen Krisenabwehr kaum je ein rechter Vorstoß abgefangen worden ist — stimmt es überhaupt, daß der Deckel hochgeht, der die Büchse der Pandora verschlossen hält, wenn die ökologische Krise in ihrer tatsächlichen Größenordnung erkannt wird? Geht sie doch offensichtlich nicht von einem äußeren Feind aus, auf den man aggressiv ausweichen könnte!

Ein und dieselben Menschen, die eben noch den atomaren Erstschlag an die Wand gemalt hatten, konnten im nächsten Moment so tun, als wäre es nicht nur geschmacklos, sondern auch gefährlich antiaufklärerisch, wirklich damit zu rechnen.

Wenn wir selbst angesichts der Ökopax-Bewegung fürchten wollen, das Volk könnte sich wieder schlecht benehmen, wenn man wagt, es auf den Plan treten zu lassen, dann sitzen wir wirklich in der Falle unserer Geschichte fest.

Und dann wird, wenn es Reförmchen für Reförmchen weiter friedlich in die Katastrophe geht und sich keine massenhaft lebbare Alternative abzeichnet, die Ökodiktatur kommen.

Inzwischen aber ist der "aufgeklärten" Kritik das Mißfallen an der apokalyptischen Argumentation doch ziemlich im Halse stecken­geblieben, weil sich die Realität der Selbst­ausrottungslogik allzu fühlbar macht. In den letzten Jahren hat sich das Klima — obwohl oder weil die Ökopax-Bewegung in ihrem ersten Anlauf steckengeblieben ist — massenhaft geändert. Während aber die echte apokalyptische Vision im Grunde optimistisch ist, indem sie in einen Umkehr­aufruf mündet, reagiert die Masse, die die Menschen in dieser Reaktion bilden, auf die bequemste Weise, wie narkotisiert: "Das hält sowieso keiner mehr auf."

Wahrscheinlich hängt diese Ansicht damit zusammen, daß an der Apokalypse von altersher alle oder fast alle (mit)schuld sind, nicht bloß der König und der Hohepriester. Zumindest ahnt in diesem Falle auch noch der hartgesottenste Feindaufklärer die eigene Mitbeteiligung und Mithaftung; man kriegt nicht so leicht wie sonst Gut und Böse zu eigenen Gunsten bereinigt. 

* (d-2011)  wikipedia Heuristik   "die Kunst, mit begrenztem Wissen und wenig Zeit zu guten Lösungen zu kommen"     Hans Jonas bei detopia  

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Der Widerstand gegen neue Erkenntnis wurzelt sowieso weniger in dem Bestreben, Gefahren zu verdrängen, als in der Abwehr der Zumutung, das gewohnte Leben zu ändern. Schon findet man sich ab mit der eben noch geleugneten Gefahr: So ist's bequemer.  

Deshalb ist Hoimar von Ditfurths schon erwähntes Buch, das dieses Volks­empfinden mit wissenschaftlichem Anstrich und metaphysischer Coda* vertritt, ein Bestseller.

Hat es der Autor nicht "den vielen, den allzuvielen Menschen gewidmet, die es immer noch nicht wahrhaben wollen" — nämlich, daß es sich nicht um "Umweltprobleme", sondern um die endgültige Krise der westlichen Zivilisation handelt, die alles mit ins Nichts zu reißen droht?! Diese Einsicht hat nun also Konjunktur, und das ist erst einmal erfreulich.

Das Stärkste an Ditfurth's Buch ist der erste Teil, der gar nichts Neues bringen will, sondern nur wie auf jenem Dürer-Holzschnitt die apokalyptischen Reiter auf einem einprägsamen Blatt versammelt. Besonders an dem Artensterben macht er das Tempo ablesbar, in dem der Untergang schon läuft. Wir sollen uns im Spiegel dieses Resümees als eine für alles andere Leben satanische Art erkennen.

Weiter weiß er allerdings nur Notausgänge, die keine sind, weshalb deren Nichtbenutzung, die er beklagt, eben noch nicht beweist, daß nichts mehr geht. Etwa militärische Umrüstung auf defensive Verteidigung hält er für ein offenes Scheunentor. Dabei kann sie ebensogut bloß ein Hintertürchen sein, das an den gleichen Abgrund führt: Der US-amerikanische Sternenkriegswahn ist ja "defensiv" motiviert. Ebenso kann es mit der Anwendung des Verursacherprinzips gegen Umwelt­verschmutzer geh'n, solange nur die Idee der industriellen Massenproduktion unangefochten bleibt.

Auch meint er, wir sollten nicht so kindisch sein, einseitige militärische und industrielle Abrüstung zu wollen. Er möchte keinesfalls für so einen Kindskopf gehalten werden. Er fürchtet sehr viel mehr, als "Irrealo" durch Lächerlichkeit denn durch die Bombe getötet zu werden. Dagegen fürchtet er nicht, sich moralisch fragwürdig und intellektuell unmöglich zu machen, indem er das Bevölkerungswachstum — hauptsächlich anderswo! — nicht etwa als Symptom und Faktor, sondern als "Wurzel allen Übels" hinstellt.**

* (d-2011)  Coda ital.: Schwanz, Reihe, Schlange, Schleppe, Schlusssatz    
**  H.Ditfurth auf S. 13, 30, 79; siehe auch im Register

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Die Nachricht, daß wir uns absichtlich-unabsichtlich umbringen, ist also angekommen. Zugleich hat sich gezeigt, daß moderat-"erwachsene" Ratschläge — das sieht auch von Ditfurth — nicht gegen die oben wie unten herrschenden psychischen Strukturen durchschlagen.

Er bietet am Ende seines Buches vor allem eine neue Methode, die Nachricht wegzuarbeiten. Er sagt, der Mensch kann sich gar nicht retten, weil er eine Fehl­konstruktion ist (Arthur Koestlers <Irrläufer der Evolution>?!). Sei er doch — wie an den analogen Gewohn­heiten unabhängig voneinander aufgewachsener eineiiger Zwillinge ablesbar werde — derart festgelegt, daß er nicht einmal frei disponiere, was für eine Krawatte er umbindet!

Das Hirntier hat sich eine Umwelt geschaffen, an die sein Genotyp nicht angepaßt ist. Offenbar besteht unsere genetische "Erblast" darin, daß unser Gehirn bloß in der natürlichen Umwelt spontan einigermaßen richtig funktioniert, während es uns nicht besonders bekommt, die natürliche Welt hinter uns zu lassen und in Raumkapseln zu steigen. Herr von Ditfurth hält es für unnormal, daß wir in hochkomplexen Situationen, in die wir gar nicht hineingehören, in denen wir aber trotzdem den computer­gestützten lieben Gott spielen wollen, als Entwicklungshelfer versagen. Und so kommt er gar nicht erst auf die Idee, wir könnten unsere Kultur und unsere Ambitionen auf solche Maße und Vorhaben zurückführen, für die wir ganzheitlich ausgestattet sind.

Er sieht uns scheitern, weil wir das Werk unserer Hände und Köpfe, das wir zu unserem Götzen gemacht haben, nicht zu beherrschen vermögen. Verirrt im Labyrinth der Wissenschaft, fragt er nicht nach dem doch jetzt so greifbaren Ursprung der Misere: Was treibt uns denn eigentlich, Sachen zu machen, die sich gegen uns verselbständigen müssen? Es kann doch nicht an Zellausstattungen liegen, die wir mit den Tieren teilen, wenn wir uns aus Angst vor dem Tode in ihn zu flüchten scheinen.

Was für ein Unfug, anzunehmen, es sei der Erkenntnisapparat, mit dem uns die Evolution ausgestattet hat, unser wirkliches Problem, und nicht etwa die Hybris, deretwegen wir nicht mit ihm auszukommen meinen, und das falsche Leben, mit dem wir uns in die Flucht nach vorne treiben. 

Buddha gilt dem Westler als defaitistisch, weil er aus der conditio humana schon früh den Schluß gezogen hatte, wir sollten auf soviel Außenwelt-Veränderung verzichten. Am Ende erweist sich unser eitler Aktivismus als viel defaitistischer: Wir wollen nichts machen können gegen all das, was wir gemacht haben.

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    Hoffnung, weil wir selbst es sind     

 

Es gibt Situationen des Ausgeliefertseins, des Angewiesenseins auf Glück und Gnade — Geburt und Tod und einige mehr. Eiszeiten, Sintfluten, Erdbeben, Vulkanausbrüche — die Naturgewalten brauchen nicht unbedingt unsere Nachhilfe, wie in der technischen Moderne, wo wir den größeren Teil der Katastrophen selber machen. Aber Krieg, Hungersnöte, Naturzerstörung und Vergiftung haben nichts mit der aus unserer schmalen Perspektive willkürlichen Natur, nicht einmal mit der Willkür unserer eigenen Natur zu tun, sondern offenbar mit dem Gesetz, nach dem unsere Gattung angetreten ist, mit ihrer Fähigkeit zu bewußter Weltbeherrschung und mit deren mangelhafter Selbstkontrolle. 

Diese Gesetzmäßigkeit — nicht Denkgesetze und Aussagekalküle von Aristoteles bis Hilbert* — meine ich, wenn ich von einer Logik der Selbst­ausrottung spreche, die sich, bislang noch einiger­maßen blind, "naturwüchsig" geltend macht, und von einer Logik der Rettung. Begreifen müßten sie zuerst diejenigen Völker, die die Führung in die Sackgasse der megatechnischen Zivilisation übernommen haben. 

Immerhin ist unser Land trotz allem eines der ersten, in denen sich die Mehrheit der seit Hiroshima fälligen Einsicht öffnet, daß wir uns auslöschen können und daß wir dabei sind, es auch zu tun. Zumindest unterschwellig wissen dies die meisten.

Dennoch leben wir weiter wie bisher. Was heute bedeutet: Wir verhalten uns zwar nicht aus freiem Willen, aber auch nicht wider Willen so, als wollten wir uns auslöschen. Wir sind in unseren Gewohnheiten und Ängsten, in der Trägheit unseres Geistes und Herzens gefangen wie eh und je. 

*(d-2015:)  wikipedia  David Hilbert  1862-1943, deutscher Mathematiker. Zitate: 

"Wer von uns würde nicht gerne den Schleier lüften, unter dem die Zukunft verborgen liegt, um einen Blick zu werfen auf die bevorstehenden Fortschritte unserer Wissenschaft und in die Geheimnisse ihrer Entwicklung während der künftigen Jahrhunderte! Welche besonderen Ziele werden es sein, denen die führenden mathematischen Geister der kommenden Geschlechter nachstreben? Welche neuen Methoden und neuen Tatsachen werden die neuen Jahrhunderte entdecken – auf dem weiten und reichen Felde mathematischen Denkens?"

"Einst sagte der Philosoph Comte – in der Absicht ein gewiss unlösbares Problem zu nennen –, daß es der Wissenschaft nie gelingen würde, das Geheimnis der chemischen Zusammensetzung der Himmelskörper zu ergründen. Wenige Jahre später wurde durch die Spektralanalyse durch Kirchhoff und Bunsen dieses Problem gelöst, und heute können wir sagen, daß wir die entferntesten Sterne als wichtigste physikalische und chemische Laboratorien in Anspruch nehmen, wie wir solche auf der Erde gar nicht finden. Der wahre Grund, warum es Comte nicht gelang, ein unlösbares Problem zu finden, besteht meiner Meinung nach darin, daß es ein solches gar nicht gibt."

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Vor allem haben wir uns aus diesem diffusen Stoff in langem Anlauf ein äußeres Gefängnis gemacht, haben uns in äußere Zwänge und Abhängigkeiten zuhauf begeben, heute mehr als zu jeder Zeit vorher, in "Sachzwänge", die uns zu sagen scheinen: "Ihr könnt ja gar nicht anders!" Noch wehren sich viele, Protestierer zumal, gegen das "wir" solcher Rede. Sie beharren darauf, die Schuldigen, wenigstens die Hauptschuldigen in den Korridoren der Macht gefunden zu haben, und Mitschuldige unter stumpfsinnigen Nachbarn und Kollegen.

Unsere Augen sind immer noch Spiegel der Welt, nicht Spiegel der Seele. Nach innen richten wir unsere Sinne seltener denn je (diese neue Meditationsbewegung fängt ja erst an). Die Ursachen — wir sehen sie fast nur außen. Die Anderen sind es, die aggressiv und bedrohend sind. Wir müssen uns nur schützen.

Erst recht sind nicht wir, sondern "die da oben", bestenfalls in beiden "Weltlagern", die Militaristen und Umweltzerstörer. Die Sicherheits- und Komfort­bedürfnisse, die wir haben, die stehen uns ja wohl zu. Wir verbergen gern, daß wir immer noch so gut wie Cäsar wissen: "Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor." Verteidigung ist selbstverständlich.

Und das Auto ist doch wahrhaftig kein Luxus mehr. Goethe in seiner Kutsche nach Italien: Das war Luxus!

Friedensbewegung und Grüne sind inzwischen verblaßt, weil es sie so, wie ihre Namen vermuten ließen, noch gar nicht gab: Die Friedens­bewegung hat gar nicht gesagt, daß wir aufhören sollen, uns zu verteidigen und in Feindbildern zu denken, sondern nur, daß wir für unsere Sicherheit vernünftigere Rüstungen brauchen. Und die Grünen haben zwar viel Umweltbewußtsein angestoßen, aber schon deshalb keine Alternative angeboten, weil sie nicht zu sagen wagten — meist nicht einmal selber wissen wollten —, daß wir gar nicht mit diesem Industriesystem überleben können.

Die Horrormeldungen sind zur Gewohnheit geworden. Quer Beet haben die Politiker überraschend schnell gelernt, Umweltschutz ungeheuer wichtig zu finden, soweit es "der Wähler" eben auch begriffen hat.

Eine Generation weiter — falls wir noch soweit kommen — werden wir mit unserer Arbeit fertig sein, aus den gut zweihundert­tausend Quadrat­kilometern Bundesrepublik eine einzige Stadt zu machen. 

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Der Rhein stirbt, weil in uns keine Entschlossenheit aufkommt, eine ökologische Wende-Regierung, die überdies pazifistisch sein müßte, zu wollen, geschweige denn eine ökopazifistische Wende in unserem Alltag, für die wir uns mit einer solchen Wende-Regierung selbst unter Druck zu setzen hätten.

Wir haben immer noch ganz andere Sorgen, als mit der Selbstmord-Vorbereitung aufzuhören oder uns wenigstens bewußtzuhalten, womit wir alltäglich haupt­beschäftigt sind. Wir haben uns psychisch so eingerichtet, daß alle notwendigen Eingriffe und Selbst­beschränkungen zwangsläufig gegen die Freiheit verstoßen werden, die wir gerade meinen.

Immerhin ist gerade dies das Hoffnungsvollste an dieser narkotisierten Atmosphäre, in der wir auf alles zutreiben: Uns bleibt nicht mehr die Ausflucht, andere als uns selbst verantwortlich machen zu können. Ein Lichtblick: Noch weiter oben auf der Bestsellerliste als das <Apfelbäumchen>, das Luther pflanzen wollte, stand lange dieser <Ganz unten>-Bericht von Günter Wallraff, aus dem also wohl Millionen Menschen den zusätzlichen Hinweis aufnehmen: Die Türken sind es jedenfalls nicht, wenn es mit "Arbeit und Umwelt" immer weniger klappt. 

Das ist neu in Deutschland: Kein Dolchstoß, kein Versailler Vertrag, keine Juden schuld, nicht mal "der Russe" mehr richtig bedrohlich, wenn wir auch seine Raketen anziehen — wir sind es wirklich selbst.

Vielleicht fanden wir bisher den Zugang zu einem Rettungswillen nicht, weil wir noch nicht erkannt hatten, wo das Knäuel seinen Anfang hat. 

Die Logik der ökologischen Krise muß uns so gegenwärtig werden, muß so unwiderstehlich zu uns sprechen wie bei Rilke der <Archaische Torso Apollos>: "Da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern."42

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Aufheben können wir, soweit ich es verstanden habe, das über uns verhängte Urteil nur, wenn wir die Realität unserer Selbst­vernichtungs­praxis in ihrer ganzen Nähe zu unserem ureigenen Wesen anzunehmen bereit sind und wenn das genügend viele von uns riskieren: bis die nötige "kritische Masse" für eine soziale Kettenreaktion zusammen ist. Dieselben Energien, die wir in die Katastrophe investieren, könnten uns auch retten.

 

    Anthropologische Revolution   

 

Konservative Revolution hin und her: Was wir eigentlich brauchen, ist eine anthropologische Revolution, einen Sprung in der Evolution des menschlichen Geistes, der bereits begonnen hat, nachdem er seit der "Achsenzeit" von Buddha, Laudse, Plato, Christus, Mohammed vorangekündigt war. Anthropologische Revolution meint die Neugründung der Gesellschaft auf bisher unerschlossene, unentfaltete Bewußtseins­kräfte.

Wir sind aufgrund einer sozialen Evolution, die sich auf wachsende Ich-Konkurrenz gründete, dahin gekommen, daß die natürliche Evolution mit uns schiefzugehen droht. Doch die Institutionen, mit denen wir entgleisen, sind, wie ich mit Laudse denke, Überbauten einer in unserer Natur gegebenen Disposition, uns selbstisch gegen das Ganze stellen. Dann wäre jetzt gar nicht die richtige Frage, was für Institutionen dieser menschlichen Natur gemäß sein könnten — die bestehenden sind es nur allzu sehr! 

Erst nach dem Sprung in eine andere Verfassung wird die conditio humana Institutionen schaffen und tragen, die der menschlichen Natur in dem weiteren Sinne gemäß sind, daß sie auch deren Platz in der Gesamtnatur adäquat berück­sichtigen.

Biedenkopf schreibt, wir hätten die Freiheit, unsere Institutionen zu wählen. In welchem Sinn? In den letzten zweitausend Jahren werden wir ja wohl nicht die ersten sein, für die das gelten soll. Warum ist dann nie eine nichtantagonistische Verfassung gewählt worden? Außerdem meint er auch nicht so sehr die Freiheit Jedermanns und Jederfrau, sondern die Freiheit der politischen Akteure, den Anderen etwas anzubieten, etwas einzurichten. 

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Denn sonst — damit die Menschen von sich aus neue Institutionen wollten — müßte sich wohl auch nach Biedenkopfs Meinung sehr viel bei ihnen selbst bewegen und verändern.

Indessen soll die "staatlich verfaßte Gesellschaft" die "politische Energie" für eine Reorganisation mobilisieren.43 Die gesell­schaftlichen Strukturen seien Schöpfungen des Menschen, "insoweit sie durch Recht, Gesetz oder staatliche Macht", also durch die entsprechenden Spezialisten, gestaltet werden.

Diesen Menschen fällt dann die Aufgabe zu, allen klarzumachen, daß es — "nicht die Menschen sind, die sich ändern müssen, sondern die gesell­schaftlichen und staatlichen Einrichtungen, die wir uns geschaffen haben".44  Die Menschen können bei ihrer Subalternität bleiben!?

Die Initiative kommt aus dem verfaßten politischen Bereich, von dem Biedenkopf selbst gesagt hat, er spiegele seiner ganzen Struktur nach die Expansions­logik wider. Ich will gar nicht bestreiten, daß sie dort auch herkommen muß. Nicht alle dort investierte Energie funktioniert konform. Doch ist es eine sehr säuberliche, sehr europäische Gegenüberstellung von "innen" und "außen": "nicht die Menschen, sondern ihre Einrichtungen".

Teilweise distanziert er sich damit von der "volkserzieherischen" Moralpredigt der Strukturkonservativen. Denen gegenüber hat er recht, daß sich die Strukturen nach den Menschen richten und sie nicht andauernd moralisch überfordern sollen nach dem Motto: "Ihr laßt den Armen schuldig werden, dann übergebt ihr ihn der Pein." In der Alternative "Verzichtsmoral oder strukturelle Erneuerung der Gesellschaft"45) stimme ich schon deshalb zu, weil die verzichts­motivierten kleinen Abstriche auch nicht entfernt an die Größen­ordnung heranführen, in der wir unser zivilisatorisches Projekt zurücknehmen müssen. Wir würden nur erreichen, daß es überall ein bißchen abblättert, bröckelt und zieht.

Aber verlangt denn die "strukturelle Erneuerung der Gesellschaft" nicht mehr subjektive Umkehrbereit­schaft als der Appell an die Verzichtsmoral? Eine neue Grundsatzentscheidung ist doch einer konventionellen Partei und dem bürokratischen Apparat intern überhaupt nicht abzuringen. Hier sind die Widerstände, die sich in der Gesellschaft diffus verteilen, konzentriert verschanzt und können nötigenfalls alle sozialen Trägheitskräfte hinter sich bringen. 

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Wenn es nicht zu einem wechselseitigen Anfeuern zwischen Staatsschauspieler und Publikum kommt, wird die Reform eine matte Vorführung, und der Matador wird sich hinterher am Kulissenstaub die Schwindsucht holen. Die neidischen Konkurrenten brauchen bloß einen Aufstand der Subalternität und Dummheit zu inszenieren, und für den müssen sich die Menschen nun wirklich nicht ändern.

Halten wir uns also bewußt, daß alle Mächte, mit denen wir in dem einen wie in dem anderen Konzept rechnen, Bewußt­seins­mächte sind. Institutionen sind objektivierte Bewußtseinsmächte, geronnene Teilaspekte unserer kulturellen Existenz. Wir haben es immer mit dem Menschen zu tun, auch dann, wenn wir von den Institutionen her ändern, sie neu anpassen wollen: dann eben nur indirekter. Direkt haben wir es dann mit unserem Bewußtsein als Reformatoren zu tun, die einen neuen objektiven Kanal für anderer Leute Bewußtsein graben wollen.

Die These, die Institutionen müßten sich ändern, die Menschen nicht, folgt erstens der stillschweigend-pessimist­ischen Voraus­setzung, sie würden dazu ohnehin nicht in der Lage sein, sie seien nun einmal so wie sie sind. Zweitens meint diese These das Programm einer Revolution von oben, betrifft also genau jenen Aspekt der konservativen Revolution, den ich vorhin als besonders deutsch erwähnt habe.

Wie schon mehrmals zugestanden: Wir werden nicht ohne dieses Moment auskommen. Herrscht es aber vor, d.h. kommen wir nicht über einen Öko-Bismarck hinaus, bleibt es nur eine weitere Strukturanpassung innerhalb des exterministischen europäischen Projekts, bleibt es eine "grüne" Restauration. Das ist Biedenkopfs Problem nicht minder wie Schilys

 

Wo also ansetzen? Vom Staat, vom Gesetz her ordnen — oder, was die Priorität betrifft, ohne den institutionellen Eingriff auszuschließen, vom sich selbst verändernden Menschen her? Vom toten oder vom lebendigen Geist?

Der ökologischen Krise zu begegnen, zu der die menschliche Natur veranlagt ist, sie also dennoch wieder in die kosmische Ordnung einzufügen, sie an sie rückzubinden, das verlangt, kritisch mit menschlichen Verhaltensweisen umzugehen, die sozial durchaus "natürlich", im großen Zusammenhang aber eher widernatürlich sind. Schließlich ist etwa der Wettbewerb von Forschern um die teuflischste Vernichtungsidee in einem Militär­labor durchaus natürlich — notfalls werden ihn die Soziobiologen bis in die Affenhorde zurückverfolgen.

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Ist es nicht der Grundstein des strukturkonservativen Weltbildes, das Biedenkopf dann in den höheren Partien des Gebäudes bekämpft, mit dem Menschen nur so zu rechnen, "wie er ist", und nicht wie er "gemeint ist" (etwa nach Pascals Wort, "Der Mensch übersteigt unendlich den Menschen")? Das Vorhaben, statt des Staates das Recht in der Mitte der Gesellschaft aufzurichten — eine bisher kaum je gesehene Konstellation, der Rechtsstaat ist nachgeboren — kann nur als Aspekt einer allgemeineren Bewußtseins­revolution gelingen.

Biedenkopf bestätigt es indirekt selbst:

Noch heute fällt es unserem Denken schwer anzunehmen, daß es eine natürliche und rechtliche Ordnung geben kann, in der der Mensch sich frei entfaltet. Tief ist in unserem Denken die Verbindung von Ordnung und Staat, also Ordnung und Befehl, verankert.46

Solange diese Subalternität und ihre Rückverstärkung nicht aussetzt, wird die schönste institutionelle Reform bloß die Herrschaft modernisieren, zumal sie dann an der grundlegenden strukturellen Gewalt, die in unserer Megamaschine, in unserer Abhängigkeit von den Versorgungssystemen liegt, gar nichts ändern kann. Ein und dieselbe Staatsaktion kann je nachdem, ob sie nur oben veranstaltet oder von großen Teilen der Bevölkerung aktiv gewollt wird, sehr verschiedene, ja entgegengesetzte Bedeutung haben.

Sowohl für den Markt als auch für die politische Ebene behandelt Biedenkopf den subjektiven Faktor als schwarzen Kasten. So hat er den Stier, dem wir uns stellen müssen, nämlich das menschliche Machtstreben als anthropologisches Problem, zwar unausgesetzt im Blick, nimmt ihn jedoch nie bei den Hörnern. In einer machtbestimmten Gesellschaft ist nahezu jeder Mensch ein Möchtegern-Monopolist. Es verlangt eine bewußte Gegenentscheidung, ein Schwimmen gegen den Strom, sich nicht völlig von dem Geschiebe auf der Macht-Ohnmacht-Skala einnehmen zu lassen. 

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Wir werden getrieben, "Kapitalisten der Macht" zu werden, in welcher — manchmal sehr intimen — Münze auch immer die Ansammlung stattfinden mag. Die Wirtschaft, die Wissenschaft und die Politik sind nur die bevorzugten Tummelplätze. Hier stoßen wir endgültig auf den ewigen Zirkel, in dem sich das ordoliberale Argument verfängt: Macht ist da, aber — sie soll nicht wirken, wie es in ihrer "Ordnung", ihrem Wesen liegt. Quadratur des Kreises.

Drängt sich nicht auf, Ordnung oder besser das Ordnen mit der Bearbeitung der Machtfrage zu beginnen? Nun aber nicht in dem üblichen Sinne des Machtwechsels von einem (individuellen oder kollektiven) Monopolisten zum anderen, sondern im Sinne der Auflösung von Machtobsessionen, also ihres Weg-Ordnens, vor allem ihrer Verhinderung in statu nascendi. Ist sie einmal konzentriert da, wird es nicht viel nützen, mit dem Gesetz oder mit einer Hundertschaft Polizei auf den Platz zu rücken, wo sie sich manifestieren will. Wenn es nicht gelingt, eine Gesellschaft zu bauen, die den Willen zur Macht selbst domestiziert und kultiviert, eine Gesellschaft, die die Motivation zur Machtmonopolisierung geringhält, dann geht alles weiter, dann kommt alles wieder.

Biedenkopf rechnet mit den Kirchen, mit dem Christentum. Wozu denn, wenn nicht im Hinblick auf die erlösungsfähige Person? Falls Christus gelebt hat und auch Mensch gewesen ist, haben wir zumindest für diesen einen Fall den Hinweis: Die "anthro­pologische Revolution", wie sie der katholische Befreiungs­theologe Johann Baptist Metz47 wohl im Anschluß an Marcuse genannt und christologisch interpretiert hat, ist möglich! Das hieße, wir müßten mit den Überlegungen zum ORDO nicht bei Adams und Evas Sündenfall ansetzen, sondern bei dem Symbol des auferstandenen Christus, der den Heiligen Geist ausgießt über alle Menschen.

Kirchengeschichtlich wäre dies die eigentliche Reformation: Luther, mit seinem Haften an der Erbsünde und an der Obrigkeit, hat sie vollständig verfehlt. Letzte Chance eines verfaßten Christentums?! Ich bin da skeptisch. So weit ich sehe, werden die Kirchen zu solch einem Wandel ebenso wenig in der Lage sein wie die Staaten. Aber die Idee, die etwa von Joachim di Fiore stammt, von Franz von Assisi und von Meister Eckhart, gewinnt innerhalb und außerhalb, in christlichem wie in fremdem Gewand wieder sinnlichen Gehalt. 

*(d-2015:)  wikipedia  Johann Baptist Metz  *1928 in der Oberpfalz

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Mit unserem Normalverhalten samt "gesundem Volksempfinden" können wir uns nicht retten. Die Reaktionen etwa, die in Deutschland vor zehn Jahren die RAF auslöste und in England vor fünf Jahren der Falklandkrieg, und in den USA voriges Jahr Libyen — diese stets abrufbaren Potentiale der Angst und des Ressentiments, der Aggression und der Selbstablenkung, die nur auf einen Anlaß warten, auf irgendeinen designierten Feind, und die uns ausbeutbar machen für jede noch so betrügerische Manipulation der inneren Supermächte — all das zeigt den Menschen als Gefangenen eines psychischen Mechanismus, der nicht nur Umkehr unwahrscheinlich macht, sondern schon das bloße Verstehen verhindert.

Weise und Propheten, Erleuchtete und Heilige haben seit ein paar tausend Jahren bewiesen, daß der Mensch sich über diese Daseinsweise und Bewußtseins­verfassung erheben kann. Ich behaupte nicht, nur weil es notwendig ist, werde das jetzt auch massenhaft geschehen — niemand weiß, was geschehen wird.  

Aber es gibt keine andere Möglichkeit der Rettung als den Sprung in eine andere, bewußtere Art, in der Welt zu sein und auf sie zu reagieren. So viele bislang unlösbare Fragen könnten lösbar werden, beschlössen wir nur innerlich, daß sie gelöst werden müssen und daß unsere eigene Transformation der Weg ist. Wir könnten beschließen, einige für unheilbar gehaltene Gebrechen der menschlichen Natur doch nicht nur stellvertretend — in einem Christus oder Buddha — zu überwinden.

Im "Prolog im Himmel" läßt Goethe Gottvater zu Mephisto sagen, indem er ihm anheimgibt, Faust zu verführen: "Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab." Das immer stärkere Abgezogenwerden vom Urquell des Lebens ist das Schicksal des zivilisierten Menschen. Weniger noch als Faust erreichen wir, daß der Geist des Ganzen, oder daß wenigstens der Geist der Erde zu uns spricht. 

Wir erlangen nicht das Glück des Einsseins oder -fühlens mit der Allexistenz. Dieses Scheitern bei dem Versuch, durch unsere Praxis dahin zurückzufinden, treibt uns zur Ersatzmagie, zum Ansammeln von Macht und Geld, zum Stoffwechsel mit der Natur statt zur Selbstverwandlung. Mephistos Methode: "Staub soll er fressen, und mit Lust."

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So ist die ökologische Krise eine letzte, aber auch die stärkste Gelegenheit zu einer neuen menschlichen Artikulation, wie sie bisher selbst radikale Minderheiten verschiedenster Art kaum ernsthaft versucht haben. Jetzt wird der Staub knapp. Nicht allein die Gefahr, auch der Mangel an kompensatorischem Angebot könnte uns treiben. Die Rückbindung an den Urquell, den Ursprung als Hauptanliegen einer neuen Kultur würde uns organisch hindern, die Erde zu zerstören. Wir brauchten dann nicht von außen gegenzusteuern, was offenbar auch gar nicht glückt, sondern hätten den Regulator in uns, gemäß jenem göttlichen Zutrauen, "ein guter Mensch in seinem dunklen Drange" sei "sich des rechten Weges wohl bewußt".

 

      Es rettet uns kein höh'res Wesen — was heißt Spiritualität?      

Das Wort Rettung steht in vielerlei Zwielicht. Obwohl das Tätigkeitswort "retten" eigentlich Aktivität anzeigt, wird es doch eher passiv als Gerettetwerden assoziiert. Als Retter handelt jemand weniger für sich als für andere oder etwas anderes. Die Rettung pflegt ein passives Objekt zu haben. Gar im konventionell religiösen und oft auch im politischen Bezuge kommt der Retter von oben, kommt als Erlöser zu Geschöpfen, die sich nicht selber helfen können, auf ihn bauen müssen und von ihm abhängig sind. Die Nachfolger Alexanders des Großen in Ägypten hängten ihren Namen häufig den Titel "Soter", das heißt Retter, an; einige nannten sich überhaupt gleich so. Es war eine erlösungssüchtige Zeit. So überhöhten die Herrscher ihre Rolle durch die Erinnerung an die altägyptischen Gottkönige.

Wir haben bis in die Revolutionen unseres Jahrhunderts immer wieder die Erfahrung gemacht, wie sehr die Helden und Retter, in die man sich doch selber nur allzu gern hineinträumt, der Erlösung von dem Übel auch dann im Wege sind, wenn sie den Auftrag des Befreiers haben. Besonders gehören die Helden, die sich der Welt noch beweisen müssen, mit einer Wurzel ihres Wesens zu dem, wovor sie retten wollen. 

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Es ist wahrscheinlich nichts so grundlegend für die apokalyptische Perspektive der Zivilisation wie das heroische Ich, und der Mechanismus des Verderbens wird nur dann einhalten zu arbeiten, wenn jedes Ich und vor allem jedes "große", von seinem Krampf freikommt, von seiner Jagd nach Glück. Und dem müßte entsprechen, daß wir aufhörten, Erwartungen auf einen Führer zu projizieren, die man dann nicht an sich selber stellen muß.

Sieht man von dem allenfalls eingemengten halb aufgeklärten Atheismus ab, der das Kind mit dem Bade ausschüttet, so bleibt bestehen, was die revolut­ionären Arbeiter und Intellektuellen in ihrer <Internationale< gesungen haben:

Es rettet uns kein höh'res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun.
Uns aus dem Elend zu erlösen,
können wir nur selber tun.

Angesichts der ökologischen Krise haben wir es nötiger denn je, all diese symbolischen Mächte in uns zurückzunehmen, die Souveränitäten zu verinnerlichen, die in den symbolischen Gestalten uns gegenüber dastehn. Dann können uns die Symbole selber — Gott, Kaiser, Tribun, Meister usw. — hilfreiche eigene Kräfte sein. Sie bloß abzulehnen, geschieht wohl aus der Befürchtung, doch wieder von ihnen als Fetischen abhängig zu werden.

Wilhelm Reich hat in seinem <Christusmord> viel darüber gesagt, wie zwischen einem Menschen, der die Rettungserwartungen subalterner Seelen anzieht, und diesen Anhängern ein ungesundes System wechsel­seitiger Blockierung entsteht. Als das Christentum aufkam, haben noch kollektivistische Verhaltens­strukturen vorgeherrscht, das Gruppen-Ich war in der Regel stärker als das individuelle. 

Die Meister und Propheten jener Achsenzeit von Buddha bis Christus waren sehr weit in die Individuation vorausgeschritten. Und je weniger individualistisch dann ihr Selbstverständnis war, je mehr sie sich sozial verantwortlich fühlten, desto stärker gerieten sie in die Rolle des Massenführers, in der sie scheitern mußten, während sie ihre Anhänger in eine neue Abhängigkeit brachten.

Wir dürfen uns jetzt nicht von der Erfahrung mit unserer inzwischen ohnehin vergleichsweise machtlosen Kirche davon abhalten lassen, unbefangen mit dem religiösen Phänomen umzugehen. 

*(d-2015:)  Wilhelm Reich bei detopia 

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Gottesvorstellungen sind niemals mehr als Hilfsmittel gewesen, um in uns selber Haltungen hervorzubringen und zu stabilisieren, die dem Zusammenhang zwischen Ich und (Menschen-)Welt, Welt und Natur gemäß sind. Alles deutet darauf hin, daß die letzte Quelle religiöser (im Unterschied zu kirchlicher) Autorität stets eine beglückende innerpsychische Begegnung mit dem vor- wie überpersön­lichen Existenzgrund gewesen ist, von dem wir uns in unserer Besonderheit, Individualität abheben.

Was heißt spirituell?  

Wörtlich heißt es geistig bzw. geistlich, aber es könnte gerade hilfreich sein, zwischen geistig und geistlich zu unterscheiden. Neben Körper (Empfinden) und Seele (Fühlen) ist Geist (Denken) an sich mit dem Menschen gegeben, aber in seiner bloßen Existenz noch nicht spirituell akzentuiert. Denken, Verstandesgebrauch ist geistige, nicht jedoch spirituelle Tätigkeit. Spirituell ist erst "der sich seiner selbst bewußte Geist" (John Eccles48), der sich dann gewöhnlich als Ich oder Selbst erfährt, und zwar sowohl in seiner Einzigartigkeit als Dieser wie auch in seiner Repräsentanz des Bewußtseins überhaupt.

Alle Menschen haben die Anlage zur Spiritualität. Sie auch zu entfalten setzt voraus, daß wir unser Zentral­nerven­system nicht nur in seinen Teilfunktionen, sondern integral als einheitliche Organgesamtheit nutzen. Sie ist also eine Funktion ganzheitlicher Kommunikation und Kommunion mit der Welt, mit dem Nicht-Ich, mit der Tiefenstruktur des universellen Lebens. Sie ist die Qualität des komplexen und ungehemmten, liebenden Kontakts über die Ichgrenzen hinaus.

Das Medium der Spiritualität ist die Intuition, eine Fähigkeit, die mit der integrierenden Funktion der rechten Hirnhälfte zusammenhängt. Für entscheidende Momente unseres Lebens muß unsere Weltwahr­nehmung von dorther erfolgen, wenn wir uns als eins mit allem erfahren wollen. Greift nämlich stets die linke Hälfte, die vom analytischen Verstand und seinen kulturellen Entäußerungen besetzt ist, über, so wird die nur intuitiv zu leistende Einordnung unserer Existenz ins Weltganze unterentwickelt und untergeordnet. 

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Das geht gegen die ursprüngliche Struktur unserer psychischen Steuerung: Der archaische Geist ist spirituell geführt, der magische und der mythische Geist sind es, wenngleich mit wachsender Einschränkung, immer noch — erst der mental-rationale Geist der Moderne kappt alle Rückver­bindungen, verwirft diese Führung, anstatt sie mit hinaufzuqualifizieren. Nur im Ausnahme­fall, etwa in dem Einsteins, gelingt die Große Integration.

Betrachtet sich unser Ich als objektiver Beobachter, der der Welt gegenübersteht und ausdrücklich von ihr abgespalten ist, so hat diese abstrakte Instanz mit sich selbst vereinbart, daß die spirituelle Komponente, die in Wirklichkeit die älteste und grundlegende Gestalt der Psyche und zuletzt ihre alles überwölbende Krone ist, nicht anerkannt existiert. Die Wissenschaft, jedenfalls in ihrem positivistischen Verstand, geht stets von außen an ihre Objekte heran. Der Geist aber arbeitet unsichtbar von innen. Er ist Leitstrahl und Muster der inneren Selbstbewegung in der ganzen Evolution.

Wenn der menschliche Geist als höchstes Evolutionsprodukt nun selbstbewußt und reflexiv den Kontakt zu dieser Steuerungs­seite des Universums aufnimmt, ist er an sich von vornherein in seinem Element, so sehr er sich "gegenüber" postiert. In ihm ist der Gestalt-, Informations-, Organisations-, Struktur-Aspekt des Kosmos, die diesem eingeschriebene Gesetzmäßigkeit und Ordnungsfunktion nicht mehr nur gegeben, sondern auch bewußt. Vom objektiven Geist (der kosmischen Intelligenz) zum subjektiven, selbstbewußten Menschengeist vollführt das Bewußtsein etwas wie eine Kreisbahn, und so scheint es sich um so mehr von seinem Ursprung zu entfernen und ihm fremd gegenüberzutreten, je näher es ihm wieder kommt.

Bis zuletzt mag es für den Verstand so aussehen wie in der Aporie des Zenon, in der Achilles die Schildkröte nicht einholen kann. Aber jenseits dieser Befangenheit, für jene, die die allein vom so entfremdeten Verstand und seinen sozialen Sicherungen errichtete Mauer durchbrechen, wird die Realität wieder selbstverständlich, daß unsere Psyche Teil eines allumfassenden Bewußtseinsfeldes ist, so daß Unterschied und Kontraposition zwischen dem individuellen Tropfen und dem allgemeinen Meer wegfallen. Oder, wie es Meister Eckhart sagte, es gibt in unserer Seele einen Kreuzungspunkt von Ich und Universum, ein "Fünklein", eine "Stadt", wo der Urgrund Gottes (mit Spinoza ebensogut: der Natur) und der Urgrund der Seele ein und dasselbe sind. Wie sollte es auch anders sein, falls der Kosmos eins ist.

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Es macht in diesem Punkte keinen so großen Unterschied, ob wir nun "materialistisch" oder "idealistisch" Monisten, d.h. von der Einheit der Welt überzeugt sind. Engels sagte, die Einheit der Welt besteht in ihrer Materialität. Da hebt er zwar unglücklicher­weise den Trägheitsaspekt des Ganzen als maßgeblich hervor, aber in diesem Sinne ist dann logisch zwingend auch die Psyche materiell, sagen wir halt feinstofflich. Und der Leninsche Begriff der "objektiven Realität" ist noch neutraler! "Reiner Geist" wird ja wohl auch ebensowenig existieren wie "Reine Materie", "Reine (Antriebs-) Energie". Das sind alles Abstraktionen, die sich auf Aspekte des Universums, des einen Kosmos beziehen.49

Mircea Eliade bezeichnet im Vorwort seiner "Geschichte der religiösen Ideen" nicht Gott, sondern das Heilige als deren Gegenstand: Es sei ein (dauerndes) Element der Struktur des Bewußtseins und nicht ein (vergang­enes) Stadium in dessen Geschichte. "Durch die Erfahrung des Heiligen hat der menschliche Geist den Unterschied zwischen dem erkannt, was sich als wirklich, mächtig, bedeutsam und sinnvoll enthüllt, und dessen Gegenteil — dem chaotischen und gefahrvollen Fluß der Dinge, ihrem zufälligen und sinnlosen Aufgang und Untergang." Das wäre also eines der elementarsten Mittel, uns auf unsere Gattungs­bedürfnisse hin den Kosmos zu ordnen und beides aufeinander abzustimmen. Denn willkürliche Projektionen werden uns ja nichts nützen. 

Es handelt sich um psychische Realitäten und ihre objektiven Entsprechungen. Wo ich das Religiöse berühre, meine ich es in diesem Sinne. Ich kenne keinen persönlichen Vatergott, deshalb natürlich auch Christus nicht als dessen Sohn, sondern als einen Propheten, einen Buddha. Von der Gottheit können wir sprechen als von dem Geist des Ganzen, an dem wir Anteil haben und mit dem wir uns so bis in den Ursprung hinein in bewußte Beziehung setzen können.50

Einstein fand die Frage entscheidend, ob das Universum freundlich ist. Ich kann mir denken, daß er sie nicht analytisch beantwortet sehen wollte. Wenn wir es mit Raketen beschießen, kann es nicht freundlich sein. Die Frage läßt sich nur normativ beantworten: Wir müssen uns in den Stand der Freundlichkeit, und das heißt der Freudigkeit versetzen. 

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Wir müssen in den Gnadenstand streben, um auch nur zu überleben. Wir müssen uns das Leben so befriedigend einrichten, daß wir aufhören können, Krieger zu sein, und bei genauerem Hinsehen heißt das, wir müssen einige Vorleistung in psychologischer Entmilitarisierung erbringen, dürfen auch das kämpferische Moment einer Existenz auf einen tiefen kulturellen Umbruch hin nicht idealisieren.

Es konkurrieren jetzt in jedem von uns zwei polare, zumindest unmittelbar gesehen sogar diametral entgegen­gesetzte Ansätze zur Spiritualität. In unserer Überlieferung, die als Lustangst in unseren Körpern festsitzt, dominiert eine asketisch-restriktive, "apollinische" Auffassung, die in eine Ethik der Pflicht und der Sparsamkeit mündet. Der konservative Ökologismus wendet sich dahin zurück, ohne zu begreifen, daß genau diese Welthaltung, die wir seit dem Alten Testament hauptsächlich verinnerlicht haben, in die exterministische Akkumulation und in die Grausamkeiten der Kultur hineingeführt hat. Der andere Ansatz ist körperfreundlich-hedonistisch (vielleicht kann die konsumistische Perversion gerade durch das, was die Fröhlichen unter den Mystikern "Gotteslust" nannten, überwunden werden), "dionysisch" auf die Fülle des Lebens gerichtet, entsprechend auf eine elyseeische Ethik des geneigten, glücklichen Bewußtseins: Liebende pflegen von selber viel eher die "goldene Regel", niemandem anzutun, was sie selbst nicht erleiden möchten.

Spiritualität, wie sie heute wieder aufkommt, als eine körperfreundliche Disziplin, meint, daß wir unsere Eingliederung ins Weltganze auf die Weisheit unseres ganzen Organismus gründen wollen, nicht nur auf die Verstandesfunktion, die ihren Schwerpunkt in der linken Hirnhemisphäre hat. Der Verstand ist natürlich selbst eine spirituelle Komponente, aber die ist zum Diener der eigenen Entäußerungen geworden. Materialismus bedeutet die Niederlage der lebendigen Arbeit, des lebendigen Geistes, und es hat bisher nichts genützt, einem der Quantität verfallenen Verstand philosophisch die Vernunft entgegenzusetzen, weil das diskursive Denken, wie es sich in unserer "westlichen" Kultur institutionalisiert hat, überhaupt zu blutleer und erosfern ist. Sie will alle Sinnlichkeit ins rationale, wissenschaftlich denkende Ich hinauf­destillieren.

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Gewiß, der menschliche Organismus hat seine Pointe im Großhirn, so daß wir das Hirntier sind. Aber von daher ist unser Gestaltgleichgewicht zugleich grundgefährdet. Es erweist sich als das größte Risiko, den menschlichen Leib, da er auf das Geistorgan "hingeordnet" ist, diesem auch unterordnen zu wollen (wohl auf das Versprechen hin, es par force in den Stand zu setzen, alles evolutionär gespeicherte Wissen, das wir in der Welt vor uns und im Körper in uns haben, auch bewußt zu integrieren). Unsere evolutionär gesehen überaus kurzfristige Spezialisierung zum Hirntier, die sich bis in die Anatomie hinein prekär bemerkbar macht, bedarf des Gegenhalts.

Mir erscheint bedeutsam, was Dürckheim im Zen gelernt und weitergegeben hat: daß wir mit dem Kopf nur dann nicht aus dem Gleichgewicht kippen, wenn wir unseren Schwerpunkt nicht dort oben, sondern in der Körpermitte, im Hara haben. Es geht nicht um weniger Denken, und durchaus um konzentriertres und klareres, jedoch um seine Rückbindung an die leibliche Mitte und um unser Gegründetsein auf der Erde. 

Das reine Denken macht schon darum melancholisch, weil es die Wahrheit nur tot in den Speicher bekommt. Es tendiert dahin, die gesamte Psyche einzu­schwärzen und zu deprimieren, ist in seiner Einseitigkeit ein unvermeidlich melancholischer Geselle. Außerdem haben wir dort, in unserer kognitiven Kapazität, nicht gerade einen Engpaß, während das Denken andererseits, infolge seiner physiologisch bedingten Verdunkelung, nicht mehr wirklich aufklärend funktioniert. Wie wir unsere Abstraktionskraft in Zukunft einsetzen wollen, das ist das Problem, das nach einer kulturell verbindlichen Lösung verlangt.

Da Kulturen überhaupt religiöse Fundamente haben, will sagen in Lösungen der menschlichen Urprobleme verankert sind, kann eine neue Kultur nicht darauf gegründet werden, daß "Religion Privatsache" sei — ein Prinzip, das aus dem Zusammenbruch der Christenheit im späten Mittelalter hervorgegangen und verständlich ist. (Die Sache liegt ähnlich wie mit dem Staat. Weil das Prinzip dazu herhalten muß, obrigkeitliche Apparate zu legitimieren, erscheint uns Ordnung selber als suspekt.) Was für ein Mißverständnis, die "Freiheit der Kinder Gottes" bedroht zu sehen, wenn dieses bürgerlich-individualist­ische Prinzip letzter existentieller Verlassen­heit in Frage gestellt wird!

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Rettung hängt angesichts des ebenso verführerischen wie erpresserischen Sogs, den die bestehenden Zustände auf die einsame Psyche ausüben, gerade von denen ab, die genügend Kraft und Individualität besitzen, sich ihm zu entziehen und ihre Haltung auf das Bewußtsein einer Substanz in sich zu gründen, die nicht in der Anpassung und Einfügung aufgeht, jedoch mit eben derselben Substanz in jedem anderen Menschen korrespondiert. 

Massen von atomisierten, nichtautonomen Individuen, die nichts als überleben und ihre letzten Tage genießen wollen, können gar keinen Ausgang finden. Selbst­findung wird zur tragenden Bedingung dafür, sich von der Megamaschine zu emanzipieren, aber gerade dieser Versuch wird naturnotwendig zu jener Kommunions­erfahrung führen, um die sich eine neue Kultur nur kristallisieren kann. 

Jeder menschliche Genotyp ist einmalig, und das hat die "westliche" Kultur klarer als jede andere herausgearbeitet. Zugleich sind wir auf dieser Ebene in einem keineswegs beängstigenden, vielmehr beglückenden Wissen alle eins.

Deshalb beginnt Rettungspolitik, nicht mit Politik im üblichen Verstande, sondern mit einer in der Bedeutung vorgeordneten Praxis dogmenloser Meditation, die körperfreundlich, gefühlsbefreiend und denkschulend sein wird. Neue Kulturen sind immer aus solchen Innenräumen hervorgegangen, in denen als Subjektivität Gestalt annimmt, wofür gerettet werden soll und um die herum sich Lebenskreise anlagern konnten, die sich mit der Zeit sittlich wie materiell auch selber trugen.

Es hat öfter in der Geschichte Bewußtseinssprünge gegeben. Doch in jedem Falle braucht die Ansammlung Zeit, und wir können nicht wissen, wieviel. Deshalb muß ständig etwas für den Aufschub, für die Gnadenfrist geschehen (die Bischöfe haben sie lange ausgerufen, ohne sich so zu engagieren, als wollten sie sie auch ausgenutzt sehen). 

Es ist eines, meditativ den "Standpunkt der Gottheit" zu suchen, wo die Unterscheidung zwischen Gut und Böse nicht nur hinfällig wird, sondern sogar als eine der Ursachen des Übels erkannt werden kann. Zur Wirklichkeit gehört aber auch, daß dieselbe Gottheit, und zwar im Komplott mit gerade beiseitegelassenen Zügen derselben Meditierenden, die Machtkomplexe nährt, die die Auslöschung betreiben.

Insofern können wir Politik nicht lassen; wegmeditieren allein werden selbst eine Million Buddhas die träge Massenkraft nicht, die in der Bewegung der Mega­maschine steckt. Die Azteken hatten ihre stärksten, im eigenen kulturellen Milieu wirksamsten Medizinmänner ausgeschickt, um Cortez aufzuhalten. An dem abendländischen Ego dieses Helden prallten ihre Kräfte ab. 

Es sitzen in den Betonwaben der Megamaschine, nicht nur in ihrem Pentagon, auch in ihren Bankentürmen und Labors, genügend viele mit dem abgeschirmten Herzen des Konquistadors. Solange auch nur ein Drittel der Besatzung der Megamaschine ungestört weitermacht wie bisher, ist der Untergang gewiß, gleichgültig, womit sich andere die Zeit vertreiben.

"Lager" also, ein "weißes" und ein "schwarzes" wie in den Fantasy-Romanen, gibt es wirklich, freilich und glück­licher­weise nicht so reinlich abgegrenzt, sondern mehr oder weniger bis in jedes Herz. Es muß und wird zu einem Geisterkampf kommen nicht vor den polizeigeschützten Toren, sondern drinnen in den Knoten­punkten des "formellen Sektors" von Forschung und Produktion, Verwaltung und Geschäft, Bildung und Politik, aber in Abhängigkeit von dem psychologischen Kräfteverhältnis in der Gesellschaft. 

Um die ökologische Wendepolitik zu erreichen, die es für den bloßen Aufschub des Todesurteils braucht, muß sich die Ökopax-Bewegung auch auf den Staat, auf die institutionelle Ebene beziehen.

Es geht ums Wie, nicht ums Ob. Die Antwort aufs Wie wird sehr verschieden ausfallen je nach dem, ob wir von der Tiefen­struktur der ökologischen Krise ausgehen, sie als Dilemma unseres Zivilisations­entwurfs begreifen, oder nicht. Bisher sind wir immer zu unmittelbar über die Stöcke gesprungen — Raketen, Atom­kraft­werke, Dioxin usw. —, die uns die herrschenden Strukturen hinhielten und viel zu gern auf die Konfrontation an den alten Fronten eingegangen. Auch das hat etwas bewirkt, nicht nur institutionelle Verhärtungen. 

Doch das Umdenken kann nur über Personen, nicht über Funktionäre weiter um sich greifen. Nur Menschen, die sich bewegen und ein (nichtmilitärisches, nichtkriegerisches) Partisanenbewußtsein entwickeln, können, wenn so eine Stunde kommt, wie sie beispielsweise 1967/68 in der Tschechoslowakei gekommen war, der regulären Struktur eine neue Richtung geben, wenn der Konsens dafür unterschwellig vorbereitet ist. #

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 Rudolf Bahro 1987 Logik der Rettung 500 Seiten mit Grafiken  DNB Buch 1990