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2.2  Gesellschaft als Megamaschine

  

 

  Was ist das Industriesystem?    

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Wir können uns darauf beschränken, den Exterminismus in seinen Symptomen zu bekämpfen, mit anderen Worten, wir können darauf verzichten, diesen Begriff von einer Logik der Selbstausrottung, von einem Exterminismus, überhaupt zu bilden. 

Es gibt ja immer noch Menschen, die — aus einer paradoxen Vorsicht im Umgang mit sich selbst — leugnen oder bezweifeln, daß wir auf den Wasser­fall zutreiben, ja zusteuern. In diesem Falle ist punktueller Umweltschutz angesagt, und insofern die "neuen sozialen Bewegungen" (anti dies und anti das) zunächst einmal eine Partei der Umweltschützer auf den Weg gebracht haben, verfolgen sie, so sehr die Motivation darüber hinausreicht, von der anderen Seite durchaus dasselbe Ziel wie die inzwischen eingerichteten Ministerien. 

Ungeachtet aller Rückzugsgefechte für den Zeitgewinn beim Kapitalrückfluß hat auch die Industrie die Umwelt­schutzidee in diesem Sinne akzeptiert.

Ganz anders sieht alles aus, wenn wir die wachsenden Gefährdungspotentiale summieren und auf einen General­nenner bringen, wonach sie die Quintessenz der industriellen Massenproduktion sind. Dann wird das Industriesystem, wird die Industrie­gesellschaft selbst zum Problem, und was nur wie eine Reihe vermeidbarer Disfunktionen aussieht, wird zum schwerlich direkt kurierbaren Symptom des Exterminismus, der Selbst­zerstörungslogik der Industrie­zivilisation. 

Dann sind die Symptome Erscheinungen einer darunterliegenden Wesens­ebene, Ursachen­ebene, und ich nenne das Ursachen­syndrom, mit dem wir es zu tun haben, mit dem Alt­meister der ökologistischen Geschichtsbetrachtung, Lewis Mumford, die Megamaschine, genauer — denn er hat sie schon für das Altertum als Faktum ausgemacht — die moderne, die industrielle Megamaschine. 

Sie ist also, unterhalb der exterministischen Symptome auf der obersten Ebene meines Modells, die erste, immer noch oberflächliche Wesensschicht in der "Geologie der Ursachen", die ich im ersten Abschnitt des vorigen Kapitels als "Getriebe des rationalistischen Dämons" skizziert habe.

Das Industriesystem — und auf dem Wort "System" liegt hier der Ton — ist keineswegs identisch mit dem Gebrauch irgendwelcher Werkzeuge und Maschinen zur Erleichterung und Verkürzung der Arbeit. Die mittelalterlichen Mühlen etwa fallen im Englischen unter "industry", und ihre Fabriken nennen die Engländer noch heute manchmal "mills". Eine Mühle, die ein paar Dörfer bedient, hat sozial wenig gemein mit einer Nahrungs­mittel­industrie, über die das Kapital die ganze Landwirtschaft nach seiner Pfeife tanzen läßt, und der kleine Stau für das Mühlrad hat den Bach noch Bach sein lassen. 

Seit dem Altertum gab es in Asien und Europa, jedenfalls Südeuropa, "Industrie". Aber es gab kein Industrie­system, keine vom Industrialismus bestimmte Gesellschaft. Der Industrialismus ist nicht in erster Linie Kraftwerk, Stahl, Beton, Computer usw., sondern der soziale Gesamtkomplex, den Lewis Mumford als moderne Megamaschine beschrieben und analysiert hat, nämlich vor allem als einen alles übergreifenden Machtkomplex.61

Dieser Machtkomplex ist die Seele des Ganzen, mit dem Kapital als Spinne im Netz, die sich aber eine staatliche Superstruktur geschaffen hat, welche unendlich verschieden von dem Ideal des liberalen Nachtwächterstaates aus den Träumen der bürgerlichen Aufklärung ist. 

Wir haben es dahin gebracht, daß unsere bescheidensten Werkzeuge abhängige Bestandteile dieses von uns scheinbar unabhängigen und entfremdeten Ganzen geworden sind, um so mehr, als wir ja meistenteils auch nicht mehr handfertig mit ihnen umgehen können. 

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Ich will noch einmal betonen: 

Nicht in den eklatanten Extremen, in den absichtlichen Vernichtungs­instrum­ent­en und als solchen kenntlichen Risiko­technologien liegt schon die Crux, obgleich wir sie als Signale verstehen müssen. Das Leben erträgt die Grundlast nicht, die wir ihm industriell zumuten. Mit dem Mercedes und mit dem "normalen" Lösungsmittel für die Wäscherei sind wir gründlicher als mit Bombe, Atomkraftwerk und Dioxin, diesen Damoklesschwertern, die wir über uns aufgehängt haben. Mit einer Eigentumswohnung vollen Komforts wird zwangsläufig die gesamte weltweite Infrastruktur mitbestätigt, in der sie ein kleiner Knoten ist — einschließlich Rüstungsbedarf, denn angesichts des ungeheuren Standardgefälles ist sie bedrohter Luxus.

Ehe ich auf das Wesen des Industriesystems bzw. der Megamaschine zurückkomme, noch ein paar Bemerkungen darüber, was ich mit der Grundlast meine. 

Ich erinnere noch einmal an die Bestandsaufnahme Zieglers,* die ich im 1. Kapitel des I. Teils erwähnt habe, besonders an seinen Indikator <Energie­verbrauch pro Quadratkilometer>, der sich als mindestens zehnmal zu groß für den Bestand der Biosphäre erwies. Was bedeutet er konkret, wenn man beispielsweise an die damit bewerkstelligten Umwandlungs­prozesse in der Großchemie denkt?

In der konservativen <Wormser Zeitung> gab es eine Artikelserie über das Grundwasser im Rhein-Main-Gebiet. Hier versauere die chemische Produktion bis in 200 Meter Tiefe das Wasser, ein Effekt, der auf dieser Sohle nie wieder zurückzuholen sei. Zweitens vergifteten 60.000 Jahrestonnen Lösungsmittel, die allein die BASF produziert, verkauft und zu unser aller Gebrauch umsetzt (allerdings weltweit, aber wir nehmen es ja nicht nur aus Ludwigshafen), Boden, Luft und Pflanzenwelt. Der dritte Artikel handelte von der Agrarchemie, die die Bodenfruchtbarkeit zerstöre und die Nahrungsmittel verderbe; allein der Nitrat­gehalt im Boden habe sich in den letzten 100 Jahren verzehnfacht (auch hier wieder diese Größenordnung einer Zehner­potenz!). Schlußfolgerung der Serie? Ausbau der Kontrollbehörden, ihrer Meßmöglichkeiten. Daß das reicht, wird wohl der Autor selber nicht geglaubt haben. 

Wolfram Ziegler bei Detopia 

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Wir erzählen uns in verschiedensten Ausdrücken etwas über "postindustrielle Gesellschaft" und über "qualitatives Wachstum", weil sich unsere Spitzen­aktivitäten dahin verlagert haben. Aber das Industriesystem, das wir betreiben, bringt auch mit den neuen Technologien sogar in den schon völlig überindustrialisierten Ländern Westeuropas und in Japan neue Quadratkilometer Erde unter Beton, rottet die letzten natürlichen Wälder aus, während es zu Hause die künstlichen vergiftet, dezimiert durch seine bloße Existenz die Artenvielfalt des Lebens, heizt die Atmosphäre auf, stört ihre klimatischen Prozesse. Allein um der Wasserversorgung willen zerstört Hamburg die Lüneburger Heide, Frankfurt den Vogelsberg.

Indem sich der Industrialismus der Gesamtbevölkerung des Planeten aufzwingt, muß jeder einzelne Mensch in kürzester Zeit seine Ansprüche vervielfachen, ohne dabei etwas zu gewinnen, im Gegenteil: Wer in die Stadt muß, um nun seine Lebensmittel im Supermarkt zu kaufen, nachdem er bisher irgendwo in der Dritten Welt noch der Agrarbevölkerung angehörte, ist hunger­bedrohter als zuvor und schaltet zugleich ohne seinen Willen auf die "Produktivität" des agrarindustriellen Komplexes um, der bekanntlich inzwischen mehr Energie verbraucht als erzeugt. 

Und Regierungen feiern, wo immer es auftritt, das wirtschaftliche Wachstum als Erfolg. Jeder Mann kauft angesichts der wieder gesunkenen Benzinpreise um so lieber das nächste Auto. Die Todesspirale hat Konjunktur, und wir sind so weit abgekommen von der natürlichen Gefahrenwitterung jedes Lebewesens, daß wir das Offensichtliche umgekehrt deuten. Der Parasit freut sich über die größeren Freß­portionen aus dem Leib seines Wirtes und vergleicht seine Leistungsbilanz stolz mit der seiner ebenso bescheuerten Konkurrenz.

Was die Megamaschine eigentlich ist, kommt aber auch in dem Begriff "Industriesystem" noch nicht völlig zum Ausdruck. Wir mögen dabei zuerst und durchaus mit Recht an die weltweite, wenn auch national­staatlich unterteilte wissenschaftliche, technische und informationelle Infrastruktur denken, die die großen Einheiten der Produktion verbindet und heute bereits gewichtiger für den Zusammenhalt des Ganzen ist als der Markt, der statt dessen zu einer vermittelnden Komponente unter anderen herabgesunken ist. 

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Über den Markt koppeln wir vor allem die Imitation unseres Modells rund um den Erdball, die Konkurrenz der Schwellenländer, als weiteren zusätzlichen Antrieb auf unsere Ökonomie zurück. Zur Megamaschine gehören nicht nur die Transport- und die Finanzströme und die Kabel für die entsprechenden Kommunikationen, sondern auch die Bildungsstätten, die Massenmedien, nicht zuletzt die bürokratischen Apparate, usf.

Schon 1968 hat Erich Fromm das Gesamtresultat, zu dem Mumford kam, als er die moderne Megamaschine analysierte, folgendermaßen zusammengefaßt:

Er meint damit eine neue Form der Gesellschaft, die sich so radikal von der bisherigen Gesellschaft unterscheidet, daß die Französische Revolution und die Russische Revolution im Vergleich zu dieser Veränderung verblassen: eine Gesellschaftsordnung, in der die Gesamt­gesellschaft zu einer Maschine organisiert ist, in der das einzelne Individuum zum Teil der Maschine wird, programmiert durch das Programm, das der Gesamtmaschine gegeben wird. 
Der Mensch ist materiell befriedigt, aber er hört auf zu entscheiden, er hört auf zu denken, er hört auf zu fühlen und er wird dirigiert von dem Programm. Selbst jene, die die Maschine leiten ..., werden vom Programm dirigiert.
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Das Industriesystem ist mehr als ein Kompositum aus Anlagen, Kommunikationen, Institutionen. Es ist tatsächlich mit der Industriegesellschaft identisch. Es ist die Integration all der menschlichen Kräfte und Tätigkeiten, die ja die eigentliche Substanz aller seiner Erscheinungsformen sind. Was einst für die Maschinerie der einzelnen Fabrik galt, daß der Arbeiter zu ihrem untergeordneten Bestandteil wird, das gilt jetzt für jeden Bürger der industrialisierten Gesellschaft. 

Der einzelne Mensch ist zerteilt nach ihren Unterfunktionen. Er gehört ihr als Fernsehzuschauer, der in den Einschaltquoten mitgezählt wird, nicht weniger an denn als Monteur. Und selbst noch der Großbankier ist Diener, Funktionär der Kapitalströme und ihrer Gesetzmäßigkeiten. Die Megamaschine hat praktisch unseren gesamten Alltag nach ihren verschiedenen Aspekten aufgeteilt. Freie Bewußt­seinsanteile, die es wohl gibt, existieren von ihr aus gesehen nur wie die bedeutungslos gewordenen Götter Epikurs: in den "Intermundien", den für das System nicht relevanten "Zwischenwelten", und für den Notstandsfall der ganzen Maschine sind auch sie schon vorerfaßt.

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Der Begriff der Megamaschine bedeutet, daß sämtliche menschliche Energie, die über diese Struktur vermittelt in den gesellschaftlichen Lebens­prozeß eingeht, falsch herum gedreht wird. Wenn wir uns tatsächlich Neuordnungsgedanken machen wollen, geht es zuerst um eine Stand­punktentscheidung. Wollen wir die Existenz der Megamaschine, ihre Ansprüche an uns und ihre vielfältige Verankerung in unserer Psyche als uns bestimmende Norm hinnehmen, d.h. von der Spinne im Netz her ordnen — oder wollen wir einen Standort wählen, der nicht von dieser Welt (der Spinne) ist? 

Im zweiten Falle dürfen wir die Industriegesellschaft, wie wir Europäer sie in den letzten 200 Jahren über die Erde verbreitet haben, nicht als eine unentrinnbare Gegebenheit nehmen, obwohl sie die natürliche, jedenfalls auf dem Weg des geringsten Widerstandes entwickelte Konsequenz unserer bisherigen Geschichte, also unserer bisherigen Bewußt­seinsverfassung ist.

Die Megamaschine muß nicht angeeignet oder umgebaut, sondern stehengelassen oder vielmehr — am besten von denen, die sich bis zuletzt an den Industrial­ismus gebunden fühlen — demontiert werden. Wenn wir der Megamaschine begegnen wollen, müssen wir davon ausgehen, daß die gesamte industrielle Entwicklung in ihrer europäischen Verlaufs- und Regulationsform die natürlichen Ordnungsgrenzen durchbrochen hat.

 

Noch ist die Kolonisierung der individuellen Existenz nicht dicht, und in den westlichen Ländern mutet sie flexibler als anderswo an. Aber das Prinzip ist zuverlässig installiert, und bloße Umbauten können nichts daran ändern. Diese Megamaschine ist das direkte Subjekt des Exterminismus, und soweit wir dort integriert sind, macht die vernünftigste Haltung in irgendeinem einzelnen Punkt keinen wesentlichen Unterschied. Es ist völlig anachronistisch, von Demokratie zu reden und die Staatsdebatte fortzusetzen, wenn das gar keine halbwegs unabhängigen Gegenstände mehr sind, weil es sich einfach um Aspekte der Megamaschine handelt. Umweltpolizei aufbauen und Wasserwerfer abschaffen oder wenigstens nicht neu anschaffen wollen — na gut, wer halt meint, sich auf dieser Ebene mitbefassen zu sollen!

Die Megamaschine ist nicht primär durch Machtwillkür zustande gekommen und wird weniger als jede frühere Ordnung subjektivistisch reguliert. Vielmehr stellt sie eine entfremdete Maschinerie dar, die sich nach ihren eigenen, nicht direkt von uns abhängigen Gesetzen bewegt. 

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Angesichts ihrer Größenordnung und weltweiten Verflechtung gibt es nur zwei mögliche Lösungen. Entweder ziehen wir uns, indem wir sie auflösen, von ihr zurück und konstituieren das soziale Leben bis in die materiellen Fundamente neu, oder (worauf ich mich früher allein orientiert hatte) wir versammeln uns alle gewisser­maßen an der Spitze der Struktur und finden dort einen neuen Konsens darüber, wie sie zu behandeln ist. In diesem Falle wäre die Frage, welche soziale und welche Bewußtseinsverfassung, d.h. welche psychosoziale Verfassung wir brauchten, um unsere Zivilisation weltzentral steuern zu können.

Wahrscheinlich sind dieses Entweder und dieses Oder zwei Seiten einer Medaille. Denn praktisch werden einerseits lokales und andererseits Weltniveau entscheidend, und es wird der Nationalstaat sein, der aufgelöst werden muß. "Think globally, act locally" — das schließt im Denken wie im Handeln die regulativen Strukturen ein, die schon allein deshalb unerläßlich sein werden, weil wir uns weltweit Begrenzungen auferlegen, d.h. Kopfzahl sowie Prokopfverbrauch bzw. -belastung limitieren müssen. Mit anderen Worten: Wie müßte eine Instanz aussehen, sozial funktionieren, psychisch möglich werden, die diese Welt­regierungs­aufgabe als gerechte Verwaltung der Mutter Erde und des kulturellen Patrimoniums praktiziert?

 

    Können oder wollen wir nicht entrinnen?    

 

Als Quintessenz und nicht bloß als "unerwünschte Nebenwirkung" des Industriesystems haben den Exter­minismus bisher auch die wenigsten Ökologen begriffen, die Grünen mit ihrem "Umbau des Industrie­systems" gar nicht. 

Die meisten Menschen machen sich — auch wenn sie über die Bildung oder wenigstens Ausbildung verfügen — nicht die Mühe, das Wesen der Sache zu erfassen. So wie die Menschen immer weitestgehend mit ihrem gesellschaftlichen Hausrat identifiziert waren, haben wir den unseren als Wertsystem verinnerlicht, bestätigen mit kleinen Abweichungen in allen unseren Rollen, was zu ihrem Funktionieren gehört. Indem sie gar nicht wissen wollen, was das Industrie­system ist, geben sie um so leichter ihrem aktiven Interesse an seiner Unentrinnbar­keit nach.

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In den letzten Jahren sind die meisten Ökopax-Aufkleber wieder von den Autos verschwunden. Weil die Bewegungen abgeflaut sind oder weil die Unverträg­lichkeit zwischen dem Medium und der Botschaft erkannt wurde? Zu Ende gedacht, paßt selbst die Friedenstaube nicht aufs Auto. 

Wir werden die Panzer nicht los, wenn wir nicht bereit sind, die Autos zu riskieren, und wenn wir die Panzer nicht loswerden und die Panzerabwehrwaffen auch, werden die Atombomben nicht verschwinden. Wir mögen vor Kasernen ziehen und etwas gegen Bombenzüge unternehmen — oft ohne von dem Ganzen distanziert zu sein, zu dem das alles einfach dazugehört.

Umweltschutzpolitik, die nichts weiter ist, rührt gar nicht an die grundlegenden Identifikationen, auf denen der Konsens der "entwickelten" Völker beruht. Die heißen Humanismus, Fortschritt, Freiheit und Demokratie. Ich meine natürlich die Art und Weise, in der wir unsere menschlichen Interessen in diesen Ideologien gegen die Lebensgrundlagen festgelegt haben, so nämlich, daß der Exterminismus in unsere Ideale, unsere höchsten Güter und Werte eingebaut ist.

Die Konsequenzen der Abnabelung gingen in der Tat weit, nicht nur im Materiellen. Sie würden nicht zuletzt den Abschied von einem ganzen Weltbild erfordern, in dem sich Liberalismus und Sozialismus einig waren: von der Idee der allgemeinen Emanzipation durch Überflußproduktion einer weltweit assoziierten Arbeiter­gesellschaft. Auf einer Ausfahrt aus Mexico.City hat mir ein dortiger kommunistischer Freund als sinnträchtig erzählt, der Prozeß der "Entwicklung" allüberall in der Welt bedeute den Aufstieg der Arbeiterklasse, letztlich eben die Menschheit als Arbeiterklasse. Aber von seiner Stadt aus kann man wegen des ungeheuren Smogs den nahen höchsten Berg des Landes, den Popocatépetl, nicht mehr sehen. Auch hatte er mir jene Übergangs­zone zwischen dem metropolitanen Zentrum der Stadt mit ihren 4 Millionen "sichtbarer Bevölkerung" und den Slums der 10 Millionen "unsichtbarer Bevölkerung" gezeigt. 

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An dieser Nahtstelle wohnen in Holz- und Blechhütten vom Typ unserer früheren Laubenpieperkolonien jene aufsteigenden Arbeiterschichten, die in die verbeulten Blechkisten zwar noch nicht vom Gebraucht­wagen­händler, aber immerhin schon von den Schrottplätzen eingestiegen sind. Aussichten für die Autoindustrie!

In der Sache selbst war ich, mit dem Flugzeug in Mexico gelandet, mindestens so zuständig wie jener Freund. Das Modell ist von hier. Der grüne Abgeordnete Willi Hoss, bekannt als Organisator einer Gegengewerkschaft bei Daimler-Benz, flog nach Brasilien und unterrichtete die Arbeiter der dortigen Autoindustrie über die Lohndifferenz zwischen Stuttgart und Sâo Paulo. In welcher Richtung geht der historische Prozeß, wenn die ohnehin schon relativ privilegierten Autoarbeiter noch etwas weiter heraus­gehoben werden und zu dem Stuttgarter Standard mit dem Jahreswagen der Firma aufschließen? Es war die Botschaft der Metropolis und ihrer Nobelfirma, die er dort verbreitet hat, auch wenn er vielleicht den Klassenkampf in der Firma ein wenig angeheizt und deren dortige Manager ein bißchen geärgert hat. Es gibt kein besseres Mittel, die Logik der Selbstausrottung um die ganze Erde zu tragen, als die Interessen der Automobilarbeiter zu fördern.

Günther Anders hat schon 1959 über normales Arbeiten, Auslösen und Gebrauchen als Verbrechen geschrieben:

Da die bloße Existenz unserer Produkte bereits "Handeln" ist, ... kann Gewissensprüfung heute nicht mehr allein darin bestehen, daß wir der Stimme in unserer eigenen Brust lauschen, sondern auch darin, daß wir in die stummen Prinzipien und Maximen unserer Arbeiten und unserer Produkte hineinhorchen; und daß wir die "Verlagerung" rückgängig machen: also nur diejenigen Arbeiten leisten, für deren Effekte wir auch dann einstehen würden, wenn sie Effekte unseres direkten Handelns wären; und nur diejenigen Produkte haben, deren Dasein ein solches Handeln "inkarniert" (einschließt und zur Folge hat), das wir auch als eigenes Tun übernehmen könnten.63

Wir können für nichts mehr einstehen, was wir im Rahmen der gegebenen zivilisatorischen Struktur machen oder benutzen. Man zeigt sich sicherlich moralisch stumpfsinnig, wenn man — wie kürzlich Daimler-Benz — die Autofertigung mit direkt militärischen Produktionen fusioniert, aber den Unterschied zwischen Unschuld und Schuld macht das nicht. 

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Nach dem Kriterium von Günther Anders darf ich die elektrische Schreibmaschine, an der ich sitze, nicht benutzen. Eine Reparatur­firma, die ich kürzlich benötigte (und daß ich sie benötige, macht mich schon abhängig und statistisch berechenbar für die Investoren, sobald ich den Gegenstand nur kaufe!), hat auf den Rahmen ein Schildchen geklebt, wonach sie für "Computersysteme und Textsysteme" steht. Die zivilen Schreibmaschinen tragen die Sternenkriegs­vorbereitungen mit. Es brauchte auch keine solche Eselsbrücke zu geben: Das große Geld, eines der vereinheitlichenden Medien der Megamaschine, ist in allen Kanälen dasselbe.

Mit den Lebensmitteln aus dem Supermarkt bin ich nicht unschuldiger als mit meiner Schreibmaschine. Ich kaufe nun also im Bioladen, ein kleiner Schritt von vornehmlich symbolischer Bedeutung, und körperlich ein wichtiger Gewinn. Ich habe aus mehreren Gründen — ohne Vegetariertum zur Religion zu erheben — aufgehört, Fleisch zu essen. Solche Handlungen nehmen etwas Neues vorweg, aber sie lockern den alten Zusammenhang zunächst eher unmerklich. Wir müssen so mit uns selber den Anfang machen, dürfen aber zugleich nicht aus dem Auge verlieren, daß unsere Ölheizung weiterläuft und daß die ganze Maschinerie wohl kaum anhalten wird, ehe der letzte Tropfen Öl verbrannt ist.

Das beliebte Sortieren an den Errungenschaften der Zivilisation — die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen — führt deshalb nicht weit. Innerhalb ein und derselben Kultur gehören die guten und die bösen Dinge viel mehr zusammen, als wir zur Kenntnis nehmen möchten. Die Teilapokalypsen, die wir uns zunehmend organisieren, sind das unvermeidliche Ergebnis eines Gesamtzustandes. Der Exterminismus tritt an der Oberfläche als Serie mörderischer Geschwüre zutage, aber wie uns die ganzheitliche Medizin für den Analogfall des menschlichen Organismus lehrt, muß es sich um eine allgemeinere Stoff­wechsel­störung handeln, die sich diesen oder jenen Ausdruck gibt, und hinter der Stoffwechsel­störung wird ein Fehler in der psychischen Steuerung verborgen, sein.

Vor einer solchen Betrachtungsweise, die uns durch die Wirklichkeit selbst aufgedrängt wird, fallen ganze Scharen bisheriger Lösungsversuche dahin. 

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Inzwischen lernen selbst die konservativsten Sozialisten, es würde überhaupt nichts bringen, die groß-indus­triellen Produktionsmittel und Infra­strukturen neu in Besitz zu nehmen; Syndikalismus würde nichts ändern; Selbstverwaltung auf "Schlachtschiffen" hatte ja bereits der späte Friedrich Engels für eine Illusion gehalten. Außerdem bindet schon der bloße Gedanke an Heilmittel dieser Art die Menschen geistig an das Fabriksystem. Anstatt sie auf dessen Überwindung zu orientieren, vereinnahmt er sie noch einmal mehr für den Betrieb. 

Schon Gustav Landauer hatte empfohlen, aus dem Kapitalismus, das ist aus der Fabrik, auszutreten.

 

Es ist zum Beispiel die ganze Idee der <Rüstungskonversion> eine Ausflucht und ein Flop. Die zivile industrielle Massen­produktion, und sei es in Umwelt­technik, ist nicht prinzipiell friedlicher als die militärische. In der Forschung ist es noch klarer, besonders in der Grundlagenforschung, daß es nicht viel zu unterscheiden gibt. Nicht die einzelne Erkenntnis, nicht das einzelne Produkt vor allem ist des Teufels, auch nicht das Auto an sich, sondern der Gesamtzusammenhang, was auch immer noch extra hervorstechen mag! "Rüstungskonversion" ist nichts als Seelsorge um das passable Funktionieren der Industriegesellschaft, im einzelnen wie im ganzen ein bißchen Distanz in der Identifikation, mehr nicht.

Wenn die "Rüstungskonversion" typisch für eine kritische linke Identifikation mit der Megamaschine ist, so der Marktidealismus — was die Steuerungs­probleme betrifft — für eine kritische liberal-konservative. Der Markt ist der ursprüngliche immanente Steuerungs­mechanismus der Megamaschine, und bisher ist nur soviel klar, daß die Expansivität, daß eine nicht-haushälterische Ökonomie besser über den Markt als über den Plan gemanagt wird. Der bewußte Plan weiß stets zu wenig über den spontanen Prozeß der Produktions-Bedürfnis-Dialektik, die allerdings mit uns durchgeht.

Liberalismus und Anarchismus warnen vor der Staatseinmischung. Aber das ist ein hilfloses ideologisches Strampeln, weil Markt und Plan heute nur zwei komplementäre Wahrnehmungsmuster für eine in sich selbst immer totalitärere Realität sind. Mit Freiheit hat gerade der Marktmechanismus (mit oder ohne Monopol, das tut hier wenig zur Sache) in seiner Gesamtfunktion absolut nichts zu tun, im Gegenteil! 

An den objektiven Automatismus der Marktsteuerung kann sich nur hingeben, wer sich bewußte Vergesellschaftung (statt der unbewußt-automatischen über den Markt) allein in der total entfremdeten Form universeller Verstaatlichung vorstellen kann. Der "Systemvergleich" zu ungunsten des "real existierenden Sozialismus" verkennt hier von vornherein, daß es sich dort um "unterentwickelte" Ökonomien handelt, die den Schatten der unseren darstellen und mit dem Außendruck des Weltmarktes konfrontiert sind.

Auf Gedeih und Verderb ist die Menschheit nicht der östlichen Planwirtschaft, sondern dem westlichen Markt­mechanismus ausgeliefert. Es ist zu einem dramatischen Widerspruch zwischen dem Spielraumgewinn vieler vereinzelter Einzelner und den Überlebensbedingungen der Menschheit gekommen. Sich dem Markt anvertrauen, heißt, sich der Strömung in Richtung Wasserfall und auf dem Kahn der Logik der Megamaschine anvertrauen. Schließlich ist der Marktmechanismus ja die Quelle der Entwicklung, die erst zu dem heutigen Stand der Dinge auf der Diagonale des Verderbens geführt hat. #

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* G.Landauer bei detopia  

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  Rudolf Bahro 1987 Logik der Rettung 500 Seiten mit Grafiken  DNB Buch 1990