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3  Der kapitalistische Antrieb

     Von Rudolf Bahro 1987

 

 

    Die Eigendynamik des Kapitals    

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Die Kapitaldynamik ist das nächste Glied, wenn wir die Ursachenkette des Exterminismus bis zu den Wurzeln hinab verfolgen wollen. Nun sind vorder­gründig, auf eine erste Nachfrage, viel mehr Menschen bereit, den Kapitalismus verantwortlich zu machen als das Industriesystem, zumal Kritik an der "Industrie" ja häufig auch vor allem das große Geld dahinter meint. 

Zwar wird der <Kapitalismus> sehr unterschiedlich verstanden — von Marxens <Kapital> bis zu Wagners <Ring der Nibelungen> schon im 19. Jahr­hundert. Doch bestreitet kaum jemand, daß die Konkurrenz um möglichst viel Profit jedes andere Motiv für wirt­schaft­liche Expansion übertrifft. In keiner anderen Zivilisation ist dieser Geldantrieb so zur Zentral­macht geworden wie bei uns.

Aber er ist noch nicht der letzte, ursprünglichste Antrieb. Das vergißt allzuleicht, wer alles auf den Kapitalismus schiebt, als hätte der nicht auch erst einmal entstehen müssen und bedürfte nicht seinerseits der Erklärung. 

Doch ist das Kapital das aktuell mächtigste Triebrad der Expansion. Das Industriesystem ist kapitalistisches Industriesystem. Die Megamaschine ist kapital­getrieben.64

Es ist das Prinzip gewinnträchtiger Kapitalanlage, das uns über den Rand trägt — auch ohne eklatante Katastrophen, die immerhin noch den Vorteil haben, bemerkbar zu sein. 

Wenn wir die Expansion begrenzen, wenn wir etwas aufhalten wollen, dann müssen wir erst einmal diesen Antrieb voll begreifen, in seiner Autonomie, in seiner Unabhängigkeit vom guten oder bösen Willen des Kapitalisten.

Können wir die Akkumulationslawine nicht verhältnismäßig kurzfristig aufhalten, wird alles Andere — Grund­legendere, Innerlichere — zu spät kommen. 

Es ist für die Rüstung gesagt worden und neuerdings für die gesamte Kernkraft: Entweder wir schaffen diese militärischen und "zivilitärischen" Waffen­systeme ab, oder sie werden uns abschaffen. Aber das gilt noch viel mehr für die megamaschinelle Sozialstruktur und ihre beispiellos expansion­istische Ökonomik. Der Kapitalismus ist mehr als das besondere Profitstreben dieser oder jener Unternehmensgruppe.

Damit komme ich noch einmal auf Kurt Biedenkopfs "ökologische Marktwirtschaft" zurück. Erst in dem jetzigen Zusammenhang kann klar werden, worum es — jenseits der Ideologien — bei der Markt-oder-Plan-Debatte geht. In der Autonomie des Markt­geschehens haben sich doch unsere eigenen Kräfte von uns unabhängig gemacht. In unserer klassischen Philosophie bis hin zu Marx hieß das "Entfremdung". 

Wenn nun ORDO diesem autonomen, entfremdeten, objektiv gesetzmäßigen ökonomischen Prozeß gerecht werden soll, dessen Natur und nicht der menschlichen Natur, sofern die sich auch noch anders als in der Akku­mu­la­tionslawine offenbart — dann brauchen wir nichts als eine grün aufgebesserte Wettbewerbsordnung. 

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Was aber, wenn wir uns weigern wollen, grundsätzlich die Rechte dieser ökonomischen Sintflut zu bestätigen; weigern wollen, dieser unserer Teilkraft die ganze Szene oder auch nur deren Mitte zu überlassen? 
Was, wenn wir Wirtschaft überhaupt unterordnen, das Geld zum Hilfsmittel des Austauschs und der Kalkulation degradieren wollen?

Wir erinnern uns: 

Indem sich Biedenkopf auf den Marktmechanismus (den an sich unschuldigen) und seine Ausnutzung konzentrierte, entzog er den Marktkräften, genauer gesagt, den Kräften auf dem Markt, den Subjekten, die ihn beherrschen, fast alle Aufmerksamkeit. Hinter dem Austausch von Gebrauchswerten, der Befriedigung von Bedürfnissen verschwand so das Hauptmotiv der Marktveranstaltung: das Plusmachen, die Geldvermehrung. Jemand, der anbietet — jemand, der nachfragt: Diese beiden Subjekte mögen den Flohmarkt, zuweilen noch den Wochenmarkt charakterisieren. Doch schon der einfachste Supermarkt wird nicht deswegen eröffnet.

Beim Marktwettbewerb in unserer Gesellschaft ist die Befriedigung von Bedürfnissen der Verbraucher stets nur das Mittel, nie der Zweck der Veranstaltung. Es geht dem Kaufmann, dem eigentlichen Akteur des Marktes, um möglichst hohen Geldgewinn. Die Verwandlung von Geld in Ware und zurück muß zu mehr Geld führen, und später, wenn die Produktion von vornherein kommerziell betrieben wird, ist natürlich die eigentliche Vermarktung auch bloß diejenige Unterfunktion des ganzen kapitalistischen Reproduktions­prozesses, die dieses Ergebnis realisiert. Zuletzt gerät auch der Löwenanteil der Nachfrage unter die Kontrolle des Kapitals, das sich von vornherein den Rückfluß der großen, langfristig angesetzten Investitionen sichert, nicht nur im Rüstungssektor.

Wenn ich vom Kaufmann rede, meine ich das regulative Prinzip, das er in die Geschichte eingeführt und zur Machtansammlung ausgenutzt hat. Gestützt auf diese Realabstraktion Geld hat er die Verlagerung des Schwerpunktes von konkreten auf abstrakte Werte, von der Steuerung des sozialen Ganzen durch überlieferte Autorität auf die Vermittlung der Synthese durch individualistische Konkurrenz eingeleitet. Die erste industrielle Revolution, die die exterministische Tendenz schon enthielt, ist der Niederschlag einer Entfesselung gewesen. 

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War die Moderne von der Renaissance her auf menschliche Emanzipation angelegt, so erwies sie sich tatsächlich vor allem als eine Emanzipation des Geldes bzw. des Geldbesitzers von allen Rücksichten, die in traditionellen Gesellschaften der Plusmacherei entgegenstehen, indem sie zum Beispiel den Zins verbieten.

Heute sind die Kaufleute selbst untergeordnet. Die moderne Gesellschaft wird in einem Grade vom Finanzkapital beherrscht, wie es die einflußreichsten Kaufleute und Finanziers vergangener Gesellschaften nie zu träumen wagten. 

Nur müssen wir diese Plutokratie, die fast den gesamten alltäglichen Lebens­prozeß kolonisiert hat, als logische Endstation jenes Weges sehen, der mit dem Aufkommen von Warenproduktion und Geld begann und um so entschiedener eingeschlagen wurde, je individualistischer, konkurrenzorientierter schon die ursprüngliche Kulturbasis formiert war.

Unter geldwirtschaftlichen Bedingungen ist Produktion für den Markt spätestens dann, wenn die zwingendsten Bindungen an ein mehr oder weniger primäres Kollektiv und seine sittliche Ordnung entfallen sind, von vornherein ein Machtkalkül, und zwar ein sehr systematisiertes. 

Haben sich denn die Erfinder des <Monopoly>-Spiels geirrt, oder nicht vielleicht doch die reinen Marktwirtschaftler, die nicht müde werden, einen idealen Markt der chancengleichen Anbieter zu imaginieren, auf dem wirklich nur noch Qualität und Kostpreis, also Produktivität und das Ingenium der "richtigen Nase" entscheiden? 

Für die Markt­idealisten kommt die Vermachtung verzerrend hinzu. Sollte sie indessen zum Markt gehören, weil Geldvermehrung der entscheidende Antrieb der Akteure ist, so müßten andere als bloß korrektive Schritte unternommen werden, um die Expansion zu stoppen.

Den kapitalistischen Markt konstituiert erst die eigentlich kapitalistische Handlung — deren man sich unter Freunden und Bekannten bis heute schämt —, die Handlung des Kaufens, um teurer zu verkaufen, des Handelns, um Profit zu machen. 

Und hinter dem Profitmotiv steht das Machtmotiv.  

Historisch ist der Markt als eine neue, umfassendere Machtkampfarena entstanden. Er ist der Circus maximus, und Geld ist das Aufstiegselixier der energischsten Plebejer, die auf diese Weise den traditionellen herrschenden Mächten (der Aristokratie) sozial das Feld streitig machen.

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Konzeptionell nachträglich stellt sich der ORDO-Liberalismus durchaus dem Machtproblem, das gibt ihm sogar den eigentlichen Anstoß. Er betrachtet den "Kapitalismus" bzw. Monopolismus als wegzuordnenden Impuls, der einen vorausgesetzten Idealtypus vollständiger Konkurrenz stört. Dabei sind doch mit Geld bewaffnete Machtkämpfer die Protagonisten, die den Markt in seiner entwickelten Form überhaupt erst konstituieren. Ökonomischer Machtkampf ist die Essenz des Marktgeschehens. Wollen wir es unter dieser Voraussetzung ordnen, so bestätigen wir indirekt die materielle Expansion.

Ich teile Mumfords Ansicht, daß der Kapitalismus kein modernes Phänomen ist, also nicht zu schnell auf die Aneignung von Mehrarbeit reduziert werden sollte (worauf der Marxismus zu einseitig die Aufmerk­samkeit konzentrierte). Mumford versteht unter Kapitalismus:

Die Umsetzung aller Güter, Dienstleistungen und Energien in abstrakte Geldwerte, mit Konzentrierung menschlicher Energien auf Geld und Handel, um Gewinne zu erzielen, die in erster Linie den Besitzenden zufließen, welche bereit sind, ihre Gewinne in neue Unter­nehmungen zu investieren und von den Einkünften aus bestehenden industriellen und kommerziellen Organisationen zu leben.65

D.h. er hebt drei Dinge hervor: die Monetarisierung bzw. tendenzielle Vollvermarktung des Lebens, die kommerzielle Gewinnorientierung als Dominante im Menschenbild, den Kapitalumschlag für erweiterte Reproduktion. Mit enthalten ist die Abkopplung von der Natur und von der primären Produktion, wie sie für industrielle und kommerzielle Aktivitäten typisch ist.

Es macht Furore in der Weltgeschichte und stellt gegenüber jeder ursprünglichen Lehre von der guten Gesell­schaft einen fundamentalen Ordnungsverstoß dar, wenn die Kaufleute, die alles unter dem Gesichts­punkt der Quantität und des Tauschwerts betreiben, das Gesetz der Gattungs­entwicklung in die Hand bekommen. Geschieht dies so uneingeschränkt wie bei uns, muß das Gleichgewicht verlorengehen. Jede archaische Ordnung mit ihrer aus der naturwüchsigen Stammesentwicklung hervorgegangenen Hierarchie von Kasten (Priester über Kriegern, diese beiden über Kaufleuten, diese drei über Bauern und Handwerkern) war "richtiger".

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Schon wo — im Erobererstaat statt der ursprünglichen Theokratie — die Krieger mit ihrem König an die Spitze traten, und je weniger das "brahmanische" Prinzip wenigstens als Ausgleichsgewicht blieb, verlor die Kultur todwärts die Balance. Mehr als ein Germanenstamm ging derart unter. Aber wenn schon diese Verschiebung zerstört, was an der theokratischen Verfassung allenfalls noch gestimmt hatte, wieviel mehr der Sieg der Kaufleute. Geld als ultima ratio ist — obwohl und späterhin dann weil soviel demokratischer — schlimmer als die ultima ratio der Könige, das Schwert.

Das Mana des Priesters, das Schwert des Kriegers, das Geld des Kaufmanns sind lauter Machtmittel; ich meine, bei der bisherigen Entwicklungsstufe des Menschen kommen sie von dieser Funktion nicht frei, die mit ihnen zusammengewachsen ist. Aber Geld hätte noch weniger als das Schwert die Welt regieren dürfen. Da es "nicht stinkt", d.h. seine Herkunft nicht verrät und keinerlei Rückmeldung über die Folgen gibt, die um seinetwillen und mit seiner Hilfe angerichtet werden, hat es von vornherein den Charakter der Distanzwaffe, die den Täter entlastet.

 

Vom Standpunkt der freien Marktwirtschaft und des zugehörigen Rechtsstaates spricht ja beispielsweise nichts dagegen, verhungernden Indios in Bolivien oder Kolumbien um geringes Entgelt Blut abzuzapfen und es um ein Vielfaches teurer in Europa zu verkaufen, oder ganz analog Blut aus Haiti in die USA. Die Opfer dürfen eher froh sein, daß sie mit ihrer eigenen Blutarmut oder sogar mit ihrem Leben ihre Kinder vor dem Hungertod bewahren können (nach einem Bericht von Basile Ypsilantis, der "Konsumgesellschaft durch Völkermord" überschrieben ist). Aber das Anklägerische solcher Information läuft so leicht leer, weil das Blutgeld eben in keiner Weise mehr kenntlich ist und die Nachfragenden den Zusammen­hang nicht wissen müssen.

Während das Mana wie das Schwert wenigstens in der Regel traditionell ordnungsgebunden bleiben, hat sich das Kapital früher oder später stets von seiner dienenden Rolle freizumachen gesucht, und in beiden europäischen Kulturanläufen, dem antiken und dem abendländischen, ist es auch gelungen. In dem Augenblick wird der Markt zur Bühne dieser nunmehr eigentlichen und immer mehr ausschließlichen Schicksals­macht — die Produktion, Wissenschaft, Technik, Kunst usw. in ihr Schlepptau nimmt.

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Mir geht es im gewählten Rahmen vor allem darum, den "Geist" des Kapitalismus als formativ für unsre Kultur kenntlich zu machen, eben weil wir viel tiefer in der Geldwirtschaft und ihren Konsequenzen verhaftet sind, als sich nach unserer Bereitschaft zur Kapitalismuskritik erwarten ließe. Nur zu oft richtet sich die bloß gegen "Auswüchse", die in ihrer Normalität verkannt werden.66 

Die Geldabstraktion scheint ausschlaggebend für die ganze Art unserer Rationalität und Wissenschaft, ihres objektbeherrschenden und -manipulierenden Charakters zu sein. Münzen, bits, Begriffe, Individuen, Arbeitskräfte, Atome, Quanten aller Art — alle unsere Welt- und Verhaltensmodelle stehen unter der Vorherrschaft dieser abstrakten Einheiten, die sich alle bis ins schlecht Unendliche massieren lassen. Sehr treffend hat der brasilianische Ökologe Jose Lutzenberger gesagt, unsere Kultur sei schlimmer als rationalistisch, man müsse sie abstraktionistisch nennen.67

Mit dem Kapital rückte ein Machtmittel ins Zentrum des sozialen Geschehens, das auf dem Prinzip der Expansion ins schlecht Unendliche beruht und sich im Zins- und Kreditwesen das adäquate Instrument geschaffen hat, um geradezu als perpetuum mobile funktionieren zu können. 

Mumford schreibt und verweist damit für mich zugleich auf die Parallele zu der von Ziegler angegebenen Kennzahl der Zerstörung <Kilo­watt­stunde pro km2 und Tag>:

Wenn aber menschliche Funktionen in abstrakte, gleichförmige Einheiten, letztlich in Einheiten von Energie oder Geld, verwandelt werden, dann gibt es keine Grenzen für das Maß an Macht, die angeeignet, umgewechselt und gehortet werden kann. 
(Hier liegt das eigentliche Geheimnis der Atomenergieoption und ihres Nonplusultra, der gesteuerten Kernfusion, während wir den Energie­gebrauch minimieren müßten! R.B.). 
Die Eigenart des Geldes besteht darin, daß es keine biologischen Grenzen und keine ökologischen Einschränkungen kennt. Als der Augsburger Finanzier Jakob Fugger der Ältere gefragt wurde, wann er soviel Geld haben würde, daß er kein Verlangen nach mehr Geld verspürte, antwortete er, wie es alle großen Geldleute stillschweigend oder offen tun, er glaube nicht, daß dies jemals der Fall sein würde.
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* (d-2015:)  wikipedia  Lutzenberger  1926-2002

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Diese Maßlosigkeit ist von Thomas von Aquin bis Marx immer wieder als dem Geld inhärente, in ihm geronnene menschliche Eigenschaft hervorgehoben worden. Freilich, wie Mumford an anderer Stelle sagt, ist...

...die Idee, daß den menschlichen Funktionen keine Grenzen gesetzt werden sollten, ... absurd: Alles Leben bewegt sich innerhalb sehr enger Grenzen von Temperatur, Luft, Wasser und Nahrung, und die Auffassung, daß allein das Geld oder die Macht über die Dienste anderer Menschen zu verfügen, keine solchen definitiven Grenzen haben sollte, ist eine Geistesverwirrung.69

Diese Geistesverwirrung ist aber im Kapitalismus, wo schließlich der gesamte gesellschaftliche Prozeß auf dem kaufmännischen Prinzip beruht, objektiv programmiert.

Geld ist das allgemeine Suchtmittel, mit dem wir unsere ohnehin gegebene Tendenz, das Naturgleich­gewicht umzustürzen, potenzieren. Deshalb ist eine Wirtschaftsgesellschaft mit dem Geldvermehrungstrieb im Mittelpunkt nicht zu retten.  

Abgesehen davon, daß sie — wenn ihr Prinzip unangefochten bleibt — gar nicht erst eine unabhängige ordnende Gegenmacht aufkommen läßt, weil sie selbst das Feld total beherrscht, wünscht sie immer nur ihre Sucht stabilisiert

Mumford konstatiert:

Das kapitalistische Wertschema verwandelte tatsächlich fünf der sieben Todsünden des Christentums — Stolz, Neid, Geiz, Habsucht und Wollust — in positive soziale Tugenden und sah in ihnen den notwendigen Antrieb aller Wirtschaftstätigkeit, während die Haupt­tugenden, von Liebe und Bescheidenheit angefangen, als "schlecht fürs Geschäft" abgelehnt wurden, soweit sie nicht dazu beitrugen, die Arbeiterklasse gefügiger und willfähriger in der Hinnahme kaltblütiger Ausbeutung zu machen.70

Kapitalismus ist nicht zuerst eine bestimmte Gesellschaftsordnung, sondern ein Machtprinzip, daß die verschiedensten Gesellschafts­ordnungen mehr oder weniger beherrscht, seit Geld aufkam. 

Die moderne "westliche", europäische Gesellschafts­ordnung hat deshalb den Namen dieses Macht­prinzips auch als Gesamt­bezeichnung auf sich gezogen, weil sich keine andere Zivilisation jemals derart bedingungslos von diesem Souverän regieren ließ wie unsere, die das Kapital zu ihrem Zentralgestirn hat.

Es handelt sich nicht darum, das Geld anders anzueignen und zu verteilen, sondern es überhaupt als Macht- und Steuerungszentrum des historischen Prozesses zu eliminieren. 

Sonst werden wir von unserem Götterdreck (wie Südamerikas Indianer das Gold nannten) getötet, seine Sklaven, die wir sind.

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Allerdings dürfen wir, wenn wir es mit dieser Herausforderung gedanklich aufnehmen wollen, nicht dabei halt machen, die Bankenzentralen als das feindliche Lager ins Visier zu nehmen. Es wäre nicht zu diesem Auswuchs uns gegenüber gekommen, wenn das Geld nur für diejenigen eine positive Bedeutung erlangt hätte, die sich mit nichts als seiner Akkumulation und Konzentration, Anlage und Verwaltung befassen. "Am Gelde hängt, nach Gelde drängt doch alles", und Goethe meinte mit "alles" vor allem "alle Welt"

Wir sind so tief darin verwickelt, daß dies allein ausreicht, um auf dem Kapitalismus sitzenzubleiben. Und hat nicht die Enteignung der großen Kapitalien in den bisherigen antikapitalistischen Revolutionen tatsächlich die einfachsten bürgerlichen Freiheiten mit weggerissen — freilich in "unterentwickelten" Ländern, in denen das moderne Ich noch wenig entfaltet war?

 

      Geld und Freiheit       

Auch ich habe lange gedacht, wir hingen vornehmlich deshalb so sehr am Geld, weil wir so unentrinnbar davon abhängig sind. Daß wir diese übers Geld vermittelte Abhängigkeit trotz und wegen ihrer Universalität anderen direkteren und weniger universellen Abhängigkeiten vorziehen, und zwar aus Freiheits­gründen, lernte ich erst vor kurzer Zeit. Viel mehr als Privateigentum schlechthin, das durchaus noch ans Gemeinwesen verhaften und verpflichten kann, bringt seine Geldform dem Individuum eine Menge "Freiheiten von", ermöglicht es Rückzug von der konkreten Gesellschaft, bis zur Asozialität, und Verhalten ohne Rücksicht auf die anderen. Uns "freizukaufen von" geht im allgemeinen dem Freiheitswillen "für etwas" voraus. 

Abkopplung ist wichtiger als Selbstverwirklichung. Es ist inzwischen unmöglich auszumachen, ob uns das Geld erst dahin gebracht hat oder ob es dazu da ist.

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Wir mögen zu wenig davon haben (steht es doch als Symbol für psychische Unersättlichkeit) und deshalb die Welt verbessern, die Geldordnung ändern oder das Geld umverteilen wollen. Aber Geld als Institution ist der strukturelle Grund, auf dem die abendländische Individualitätsform aufstieg. Ohne Geldwirtschaft hätte Goethe nicht dichten können, "höchstes Glück der Erdenkinder sei doch die Persönlichkeit". Das ist eine Gestalterrungenschaft, auf die alle Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft Anspruch haben, keineswegs identisch mit Individualität und Person, sondern noch etwas Spezifisches darüber hinaus.

Die Persönlichkeit ist nicht jene der klassischen Mechanik analoge Billardkugel "bürgerliches Individuum", setzt es aber ökonomisch als ihren Träger voraus.

Der Bürger ist als unabhängiges Individuum (unabhängig von direkter Fremdbestimmung durch Nation, Stamm, lokale Kontrolle, Familienbande und die in diesen Zusammenhängen jeweils herrschenden Autoritäten) nur möglich, wenn der soziale Zusammenhang anders vermittelt wird als durch konkrete persönliche und kollektive Mächte! 

Das Geld erst ermöglicht den Rechtsstaat, die Gleichheit vor dem Gesetz, ja die Erklärung der Menschenrechte selbst. Auf geldwirt­schaftlicher Grundlage erst kann der absolute Friedrich II. von Preußen die Religion zur Privatsache erklären: jeder möge nach seiner Facon selig werden.

All das trägt das Geld in seiner Eigenschaft als Regelautomatismus, der die Bewegung der Individuen ohne direkte Gewalt, vor allem ohne persönliche oder kollektivistische Willkür miteinander zum sozialen Gesamtprozeß verbindet. Die Unsichtbare Hand, der Marktmechanismus, dazu ein eingebauter Antrieb zur Ausbeutung allen Nicht-Ichs, vor allem der Natur, die zu erlauben scheint, daß die Erdenkinder auf immer höherem materiellem Standard ums "höchste Glück" konkurrieren dürfen — das ist das Geheimnis des Tiefenkonsenses, auf den sich das Kapital stützt.

In einer prosperierenden kapitalistischen Gesellschaft ist die Mehrheit, bei allem Ressentiment gegen das Große Geld, gegen Zins und Inflation von Grund auf positiv mit dem Geld als Vermittler und Verheißung identifiziert. Geldbesitz wird, noch mehr als Eigentum schlechthin, mit Freiheit assoziiert. Antikapi­talistische (in Wirklichkeit meist nur: antimonopolistische) Stimmungen pflegen darüber nicht hinauszugehen. 

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Anders hätte sich die "freie Marktwirtschaft" nicht als Phrase selbst dann noch ideologisch behaupten können, als die politische Entwicklung zu den Weltkriegen und die ökonomische Entwicklung zur Tyrannis der Megamaschine fortschritt, immer gegründet auf diesen finanziellen Steuerungs­zusammenhang.

Das Ideal, des Gemeinwesens nicht weiter zu bedürfen, weil wir es in der abstrakten Form des Geldes in der Tasche tragen (wie der rückständige Marx zu sagen pflegte, der unsere Scheckkarte noch nicht kannte) — dieses Ideal, mit dem uns allmählich bange wird, macht immer noch in allen traditionalen Gesellschaften Furore, aus denen sich die Individuen befreien möchten zu einer offenbar tatsächlich höheren Stufe der Ich-Entfaltung. 

Mit dem emanzipat­orischen Impuls, den die Geldwirtschaft stets noch mit sich führte, lockt sie auch in den kapitalistisch unterentwickelten Ländern und nicht zuletzt in der östlichen Zweiten Welt die Menschen an. In dieser letzten Rolle wird sie deshalb nicht hinlänglich erkannt, weil nicht ohne weiteres zutage liegt und außerdem interessiert verhüllt wird, daß Geld im Zusammenhang mit der Ausbeutbarkeit von Mensch und Natur unweigerlich als Kapital "arbeitet" und diesen gnadenlosen Weltmarkt betreibt.

Die objektive Ambivalenz des Geldes ist der Grundtext, nach dem sich Exterminismus und Emanzipation verflechten. Es handelt sich um einen in der menschlichen Natur selbst angelegten Widerspruch, der also gewiß nicht dadurch zu lösen ist, daß man an der Projektion nach außen, die das Geld darstellt, eine Krebsoperation versucht, ohne sich um den inneren Konflikt zu kümmern, der den Krebs erzeugt.

 

Nachdem ich in der Bundesrepublik angekommen war und mich bei den Grünen engagiert hatte, bin ich mit nichts anderem so regelmäßig versorgt worden wie mit "freiwirtschaftlicher" bzw. "freisozialer" Literatur über Boden- und vor allem Geldreform (Gesell, Otani u.a.). 

Lange konnte ich nicht recht verstehen, wieso diese Schule so darauf fixiert ist, die sozialen und neuerdings dann auch die ökologischen Übel durch "besseres Geld" zu kurieren, immer unter der Voraussetzung freier Marktwirtschaft, also "antikapitalistisch" im Sinne von antimonopolistisch und zugleich besorgt um das flüssigere Funktionieren des wirklichen Kapitalismus, um die stockungsfreie Konjunktur.

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Ich habe nie daran geglaubt, daß es bloß an einer "richtigen" begrifflichen und technischen Lösung des Geldproblems gebrach, aber mir war die Motivation nicht klar, aus der sich diese Ansicht nährt. Da war immer dieser Unterschied zwischen dem ehrbaren Kaufmann oder Unternehmer und dem Bankier (anrüchiger zwischen "schaffendem" und "raffendem" Kapital). 

Aber die Freiwirtschaftler sind Intellektuelle, nicht einfach soziologisch rückführbar auf irgendeine Mittelstands­interessen­vertretung. Warum haben sie diese große Sorge, daß das Kind (nämlich das Geld) nur ja nicht mit dem Bade ausgeschüttet werde? Geldreform als Lebensinhalt setzt schließlich eine positive Faszination an der Sache voraus. Es geht ihnen um die Rettung des Geldes. Und eine Schriftenreihe, in der es vornehmlich um diese anscheinend bloß ökonomische Angelegenheit geht, heißt "Fragen der Freiheit".

In einem der Hefte habe ich schließlich den Schlüssel gefunden. 

Geldreform erscheint dort als Konsequenz des — Stirnerschen — Individualanarchismus. Sie ist nötig, um diesem "Einzigen in seinem Eigentume", nämlich in seiner unabhängigen, isolierten, kontaktarmen Existenz, das Reproduktions­minimum zu sichern. Dort, wo das bürgerliche Individuum und die Persönlichkeit in der Gestalt des freien Einzelnen, des einzelnen Freien zusamm­enfallen und wo man sich nun die ganze Gesellschaft vorstellen kann als ein über den Markt­mechanismus gekoppeltes System aus monadischen Billardkugeln, dort entspringt die Geldreform.

Aus der Sicht solcher Monadenfreiheit, die ich ja zuvor auch unter ihrem positiven Aspekt charakterisiert habe, darf das Geld natürlich nicht abgeschafft, darf auch sein Wirkungsbereich nicht eingeschränkt werden — soweit dort, wo er aufhört, persönliche Abhängigkeiten, und seien es auch ganz familiäre, wieder anfangen. Das Geld muß so reformiert werden, daß es jedem bürgerlichen Individuum gleichermaßen den unabhängigen Status sichert — ihm durch hinlängliche Teilhabe daran gerade soviel Gemeinschaft­lichkeit sichert, wie die schizoide Psyche sich nahekommen zu lassen wagt. 

Wer genug davon hat, ist in der idealen Lage, einerseits abgeschirmt zu sein gegen unerwünschten Kontakt, andererseits den erwünschten Kontakt selektiv der eigenen neurotischen Struktur entsprechend aufnehmen zu können. 

* (d-2015:)  wikipedia  Monade - Philosophie   

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Stendhal gab einmal die Höhe der Jahresrente an, nach der sich das Kapital hätte bemessen müssen, das ihm die unabhängige Existenz als Schriftsteller garantiert hätte — berechnet unter Einschluß des gewissen repräsentativen Standards und Aufwands, der das Entreebillett zur Soiree bei Madame Soundso war — und Geldwertstabilität vorausgesetzt! 

Man kann also ziemlich radikal sein, aber das wird in der Regel durchaus nicht bedeuten, an den kapitalistischen Antrieb rühren, auch nur seine Mechanik und seine Tiefenstruktur wirklich kennenlernen zu wollen.

Da Geld heute nun unvermeidlich eine Unterfunktion der Megamaschine ist, die sich überhaupt unserem ganzen "frei-aber-einsam"-Individualismus unter­geschoben hat, ehe wir es richtig bemerkten, ist der freiwirtschaftliche Ansatz geeignet, uns das ganze Ausmaß der Verhaftung an die Grundlagen des bürgerlichen Zeitalters bewußt zu machen. 

Selbstverständlich sind es unsere Errungenschaften, die es uns verbieten, dem Exterminismus an die Wurzeln zu gehen. Das bürgerliche Individuum, der Stirnersche "Einzelne in seinem (spirituellen) Eigentume" (an sich selbst) kann gar nichts anderes machen, als sich nur immer tiefer hineinzureiten und seinen partiellen Nonkonformismus (Individualanarchismus) als radikale Haltung mißzuverstehen, neuerdings womöglich gar in ökopolitischen Zusammenhängen. Mögen die eigenen Systemgrundlagen auch noch so sehr ächzen: Auf einmal ist die falsche Geldordnung für zuviel Wachstum verantwortlich. Das ist nun wirklich niemals eine freiwirtschaftliche Sorge gewesen, so sehr sich jetzt dem Zins anhängen läßt, daß er das Karussell beschleunige.

Auch ich gehe davon aus, daß Geld nicht zu den Dingen gehört, die völlig abgeschafft werden könnten oder sollten. 

Aber wenn wir es bewältigen wollen, dürfen wir uns nicht mit ihm als einem Symbol der Freiheit identifizierenobwohl es das auch war und unter je konkreten sozialen wie individuellen Umständen immer noch ist.

Seltsamerweise scheint den Geldreformern der Machtzweck, zu dem das Geld realiter* erfunden worden ist, nie aufgegangen zu sein. Hält man es für eine geniale Erfindung zur Erleichterung von Tauschakten, wie sie die Arbeitsteilung nötig machte, ist gar nicht einzusehen, weshalb es nicht gleich korrekt dieser Aufgabe angepaßt wurde und wieso es überhaupt so leicht zu "mißbrauchen" war. 

*  (d-2008:)  realiter: tatsächlich, in Wirklichkeit <lat> 

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"Krieg, Handel und Piraterie, dreieinig sind sie, nicht zu trennen" heißt es im <Faust>. Aus diesem Kontext stammend, zu dem selbstverständlich auch Übervorteilung, Betrug und Wucher gehörten, kann Geld einfach nicht hauptsächlich mit dem Bedürfnis nach einem Tauschmittel erklärt werden, obwohl es auch in dieser Eigenschaft gebraucht wurde. Das Bedauern über "Fehler" und "Unzulänglichkeiten" der Erfindung, wonach sie nicht ihrem "wahren Begriff" bzw. Zweck gemäß ans Licht gekommen sei, verrät einfach ein Wunsch­projekt — um so mehr, als sich die verschiedensten Kulturen in der gleichen Weise dabei verlaufen haben.

Schmölders71 erklärt ganz zutreffend, wie es theoretisch zu diesem Irrtum kommt:

Da das Geld in unserer heutigen arbeitsteiligen Marktwirtschaft die Funktionen eines Tausch- und Zahlungsmittels, eines Wertmaßstabes und eines Wertaufbewahrungs- und Wert­über­tragungsmittels erfüllt, wird immer wieder der Versuch gemacht, den Begriff des Geldes aus diesen seinen Funktionen abzuleiten. 
Dabei ist (...) unser heutiges Wirtschaftsleben, auf das sich die Funktionen des Geldes beziehen, selbst in solchem Maße Produkt des Geldes und des durch Geld ermöglichten wirtschaftlichen Verkehrs, daß es schon logisch unzulässig erscheint, das Geld wiederum aus seinem Produkt, der arbeitsteiligen Verkehrswirtschaft, abzuleiten.

Die Wirtschaftstheorie verfällt einem Zirkelschluß, sobald sie verkennt: "Geld und Geldgebrauch sind älter als die arbeitsteilige Volkswirtschaft", und: "Das Geld als Urphänomen menschlichen Zusammenlebens ist nicht wirtschaftlichen Ursprungs", könne also "nicht aus seinen Funktionen entstanden sein, auf ihnen beruhen oder durch sie definiert werden". Nun, sekundär können sie schon, aber dann hat die Aussage einen anderen Stellenwert. 

Es kranken alle Ideen über eine vom Monopolismus gereinigte Marktwirtschaft daran, daß sie die expansionistische und monopolträchtige Normalität von Geld als Kapital nicht wahrhaben wollen, sie zur "schädlichen Nebenwirkung" herabstufen, die man dann in ebenso radikalen wie folgenlosen Attacken kritisieren kann.

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Nach der Denkweise, die da zugrunde liegt, gibt es auch sonst viele Dinge, insbesondere viele wissenschaft­liche und technische Erkenntnisse und Erfindungen, von denen wir, wie auch vom Gelde, nur den "richtigen", vernünftigen Gebrauch machen müßten. Wohl! Aber das geht nur im vernünftigen Ganzen, die Teilfunktion für sich ist unkorrigierbar. Wie etwa auch Binswangers Buch <Geld und Magie> (über Goethes <Faust>) sehr erhellend zeigt, sind beim Geldgebrauch Magie und Machtwahn von den Wurzeln her mit im Spiel. Das wird bei diesen Kurzschlüssen immer übersprungen.

An aller "natürlichen Wirtschaftsordnung" ist der Grundgedanke falsch, sofern sie sich nicht drauf einläßt, daß die Menschen doch offenbar durchaus ihrer Natur gemäß jenseits der Subsistenz sofort anfangen, Machtmittel gegeneinander zu produzieren, weil sie um ihren Genuß und ihre Entwicklung, vor allem um ihre Selbst­durch­setzung konkurrieren. 

Arbeitsteilung und Tausch können nicht für sich gesondert "natürlich" geregelt werden, sondern nur auf dem Hintergrund von Selbstregulation der conditio humana im allgemeinen und einer sozialen Gesamt­konstellation im besonderen, die Ziel und Stellenwert der Ökonomie vorbestimmt, hier also ihre Autonomie begrenzt.

Macht und Geld bilden schon von ihrem Entstehungs­zusammenhang her zusammen ein expansionistisches Syndrom. Das Geld hat da eine Funktion, von der es nicht geheilt werden kann, es sei denn, der Mensch heilte sich selbst in diesem Punkte durch eine veritable Entzugskur, durch eine Psychotherapie größten Stils, oder, weit besser, durch eine religiöse Metanoia, mit der er seine Sucht und Gier bezähmt, natürlich nicht nur in psychischer, sondern auch in institutioneller Gestalt. 

Der Mensch hat sich immer Institutionen geschaffen und schaffen müssen, um seine instabile Verfassung zu stützen. Und es ist offensichtlich, daß das emanzipierte Geld sogar destabilisierend wäre, genauer: wahnverstärkend, suchtstiftend. Es ist das abstrakte Blut des Dämons, der uns in einem psychologisch sehr realen Sinne besessen hält und uns die Mord- und Selbstmordinstrumente führen läßt und führen macht. 

Geldreformtheorien stehen also in einem kolossalen Mißverhältnis zu der Pfahlwurzel des Problems, die von technischen Vorschlägen seiner Neuordnung kaum berührt werden können.  

* (d-2015:)  wikipedia  Hans Christoph Binswanger  *1929  

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Wer Geld zweckentfremdet sieht, sobald machtvoll und ausbeuterisch davon Gebrauch gemacht wird, der stellt die Wirklichkeit auf den Kopf. Das Geld hat von vornherein eine autonome Logik, die sich nie nach Zwecken richtete, denen es im Geiste einer "ursprünglich moralischen Ökonomie" hätte gehorchen können.

Am Anfang der Geldgeschichte stand vielmehr das menschliche Geltungs- und Schmuckbedürfnis.72 Genauer erweist sich das Geld als Erfindung des patriarchalen Geistes:

Der Besitzschmuck, aus dem sich das Geld entwickelt hat, ist nicht aus dem (weiblichen) Werbeschmuck entstanden, sondern aus dem (männlichen) Würde- und Rangschmuck: Die Frau erfand den Schmuck; der Mann machte Geld daraus. (Weiter) führt gerade das Geltungs­streben dazu, daß alle diejenigen, die durch die natürlichen Maßstäbe benachteiligt werden, nach neuen Differenzierungs­merkmalen suchen.73

Dafür aber ist Geld das ideale Mittel, kann es doch in alles eingewechselt werden: in Macht, Besitz, Prestige, Persönlichkeit. Dies ist nirgends zugespitzter ausgedrückt als in der auch von Marx ins <Kapital> hineingenommenen Shakespeare-Szene, in der Timon von Athen, nach Wurzeln grabend, aufs "verdammte Metall", nämlich auf rotes Gold stößt und nach seiner Erfahrung über die verheerende soziale Wirkung ausruft:

So viel hievon macht schwarz weiß, häßlich schön,
Schlecht gut, alt jung, feig tapfer, niedrig edel.

Ihr Götter! warum dies? Warum dies, Götter?
Ha, dies lockt euch die Priester vom Altar,
Reißt Halbgenesenen weg das Schlummerkissen.

Ja, dieser rote Sklave löst und bindet
Geweihte Bande; segnet den Verfluchten.
Er macht den Aussatz lieblich, ehrt den Dieb
Und gibt ihm Rang, gebeugtes Knie und Einfluß
Im Rat ... Verdammt Metall ...

Solche entsetzten Klagen wiederholten sich immer, wenn eine Gesellschaft, wie hier die griechische, zu umfassender Geld­wirtschaft überging, von pluralistischer Kriegerkultur zur Händlerkultur zu werden begann. Machtausdruck und Macht­vermehrung sind sein primärer Zweck. Der Mensch hat sich im Geld das Mittel geschaffen, das dem Antrieb der Macht­akkumulation durch ökonomische Ausbeutung entsprach. Zins und Kredit sind deshalb seine ganz normalen Konsequenzen. 

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Wenn schon, dann muß man diese Normalität angreifen, die Rolle des Zinses bzw. des Kredits im Getriebe der ökonomischen Evolution als durchaus funktional zur Kenntnis nehmen.

Jedenfalls sind die verschiedenen Ideologien, die "Zinsknechtschaft zu brechen", in ganz anderer Perspektive aufgekommen als zu dem Zweck, die materielle Expansion, zu stoppen. Nachdem einst die ursprüngliche Ordnung mit ihrer "moralischen Ökonomie" der Kapitallogik nicht hatte widerstehen können, kann es jetzt nicht ausreichen, nur wieder auf ihre Muster zurückzugreifen. Von dorther ändert sich die moderne Welt nicht mehr. Die Gesellschaft als Megamaschine hat das Geld, wie sie es braucht. Ihm die isolierten Mängel austreiben zu wollen, ist einerseits illusionär, andererseits konformer als gedacht, sofern halt nur verfolgt wird, der Megamaschine ein spezielles Symptom zu heilen.

Wohl haben entsprechende Eingriffe — wie im Falle Solons von Athen — vorübergehend auch erlösend gewirkt. Aber das setzte voraus, daß die vorige Ordnung in den Herzen noch mächtig genug war, um auch die Nutznießer der neuen Geldwirtschaft einzubinden. Sie waren nicht unerreichbar wie im Raumschiff New York City, und sie waren ganz im Gegensatz zu denen, die in den Banken die Weichen stellen, verantwortlich nicht nur für das korrekte Operieren mit Geld nach dessen Gesetzen, sondern vor allem für die Folgen seines Gebrauchs.

Solon, der die Geldwirtschaft durch seine Reform erst gängig machte, ist undenkbar ohne die Mobilisierung der traditionellen Substanz, die dabei — wie sich zeigen sollte — aufgebraucht und umgedreht wurde. Was schön an der Polis war, hängt mit diesen Reserven zusammen und damit, daß die Entfesselung des Geldes immer noch nicht vollendet war. Den "richtigen Geldbegriff", den die Reformer immer erneut vertreten, haben doch Plato und Aristoteles, und zwar im Konsens mit ihren Zeitgenossen, noch gehabt. Und die Bekämpfung des Wuchers durch intakte religiöse Kulturen beruhte natürlich auf deren gesamtem Weltbild und hat stets vorausgesetzt, daß Warenproduktion und Geldwirtschaft noch nicht den ganzen Gesellschaftskörper atomisiert hatten. Bei uns hingegen müßte eine Kraft, die imstande wäre, eine moralische Ökonomie durchzusetzen, sich erst völlig neu konstituieren.

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Ohne eine derartige Tiefenveränderung aber bleiben Reformprojekte reine Ersatzbefriedigung.

Auf geistiger Ebene gibt es sogar keinen besseren Schutz für das Finanzkapital als jene Kritik, die sich auf das große Geld, das "raffende Kapital" allein konzentriert, weil sie schon im Ansatz nicht begreift, daß alles Kapital grundsätzlich wie Bankkapital "arbeitet". Der Bankzins spiegelt doch nur wider, daß Kapital, angelegt, Rendite abwirft, die auf der Ausbeutung von Arbeit und Natur beruht. 

Eine Geldreform, die "bloß" den Zins wegnimmt, ist kapitalistisch unmöglich. Außer in Notzeiten für den begrenzten Zweck der gegenseitigen Selbst­versorgung (wie bei dem Schwundgeld-Experiment in Wörgl/Tirol) wird es auch keine Umlauf­sicherung durch laufende geringfügige Abwertung geben, weil aus der Perspektive des Kapitals Umlaufsicherung überhaupt nur ein Nebenzweck ist.

Da es einen Zusammenhang zwischen jeder Sparsumme und dem Finanzkapital gibt, ist es nicht ohne Grund, warum Menschen um ihr Einfamilienhäuschen fürchten, sobald von der Bändigung der Hochfinanz die Rede ist: auch wenn sie sich über die Beträge ärgern, die sie jeden Monat der Bank in den Rachen werfen müssen. Wir haben uns die Welt, auch unsere Innenwelt, so einrichten lassen, daß wir mit unserem Drachen zittern, ob auch genügend Profit aus den Hungerleidern herausgepreßt wird, damit deren Regierungen ihn nach New York, Frankfurt oder Zürich transferieren können. Anstatt uns den Kollaps des Ungeheuers zu wünschen, fürchten wir für den Fall, daß nicht einmal mehr die Zinsen zu ihm zurückkommen, um unsere eigene Freiheit, unsere eigene Sicherheit, unseren eigenen Komfort. 

Die jetzt unumgängliche Überwindung der Geld- oder vielmehr der Kapitalherrschaft, die Unterordnung des Geldes, das an sich einen anthropologischen Status zu haben scheint, wird eine äußerste Anstrengung des Bewußtseins, und zwar von spiritueller Qualität, verlangen: nämlich angesichts vieler unmittelbar empfundener Ängste standzuhalten und bereit zu sein, die gesamte Lebenssicherung umzustellen.

Wollen wir uns loslösen von den grundlegenden Mustern der kapitalistischen Gesellschaft, so ist gerade nicht das allemal leicht zu verurteilende monopolistische große Kapital, sondern das Geld interessant, das tägliche Kleingeld, denn darüber sind wir gebunden. 

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Geld ist der Durchgangspunkt der Macht — eine neue, gerechte Geldordnung, auf kleines Eigentum gegründet, wie sie immer wieder gefordert wird, meint vor allem Chancengleichheit, finanzielle Macht zugeteilt zu bekommen. 

Der Kommunismus — wie ideal auch immer formuliert — geht dem bürgerlichen Individuum (worunter neben dem "proletarischen" auch das "alternative" fällt) ja deshalb so gegen den Strich, weil er, zumindest bisher, nicht Unabhängigkeit von der Gesellschaft optimiert, sondern die Verpflichtung zu gegenseitiger Hilfe wachruft, die Wiederherstellung verbindlicher, verläßlicher Sozietät. 

Das schreckt um so mehr, als er dabei meist auf die ältere Psychologie konformistischer Gruppenzugehörigkeit ("Kollektivismus") zurückgeworfen wird, die auch der Westen noch nicht unumkehrbar überschritten hat. Als Grund­lage einer Gemeinwirtschaft, Eigenwirtschaft vom Stamme "Small is beautiful" würde ja subsidiäre Nächsten­liebe von Fall zu Fall nicht ausreichen — wünschenswert zwar, doch auch schwankend je nach Befind­lichkeit. Es wird nicht gehen ohne alltägliche planmäßige Kooperation. Darauf gründet sich ein spezialisierter Industriebetrieb wohl auch, doch bleibt da das individuelle Leben wesentlich ausgeklammert, so daß der Streß des persönlichen Konflikts, der den kommunitären Zusammenhang belastet, nicht unbedingt auftritt.

 

Die große (spirituelle!) Frage lautet, ob nicht diese Konstituierung der unabhängigen Persönlichkeit über das distanzschaffende Geld eine epochale Ersatzlösung war, ob sie nicht wenigstens heute als solche betrachtet werden muß. Das bürgerliche Individuum als freie Persönlichkeit ist ein Ich, das noch zu schwach ist, um das Gesamtaufgebot an Kontakt auszuhalten, das also zu seinem Schutz der Distanz bedarf — falls es zugleich seinen besonderen Charakter behaupten und nicht adaptiv ins "Kollektive", d.h. ins "Naturreich" unmittelbarer Machtverhältnisse zurückfallen möchte.

Das Geld (als Prinzip, als Institution) ist ein präventiver Charakterpanzer zweiter Ordnung. Es ist darin dem so oft nur mit einer Person besetzten PKW verwandt, es umkleidet dasselbe Problem.  

Ich vermute also, wir werden den kapitalistischen Antrieb nicht los, solange der Mensch nicht lernt, Kontakt so erfahren zu können, daß er nicht primär bedrohlich ist. 

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Ohne Geldwirtschaft brauchte das bürgerliche Individuum zwangsläufig entweder mehr Körperpanzerung oder müßte die Position der Ichhaftigkeit weitgehend rückwärts räumen. 

Beides ist keine Lösung.

Hier wird erneut sichtbar, warum Selbstfindung — im Sinne einer Festigung der eigenen Mitte statt des abwehrenden Charakterpanzers — eine Bedingung für den Ausgang aus dem Kapitalismus ist. Sonst wird im Namen der Freiheit eine Grundstruktur der individuellen Existenz verteidigt, die, zusammen mit der Geld­wirtschaft aufgekommen, schwerlich von deren Konsequenzen als Kapitalismus, Megamaschine, Extermin­ismus zu trennen ist. 

Damit gebändigt werden kann, wer mit dem Geld Monopoly spielt, müssen die anderen, die es als Schirm ihrer Schwäche brauchen, die ungeschützte Existenz riskieren. Nur wenn es nicht mehr zu Selbstdurchsetzung und Selbstschutz gebraucht wird, kann Geld so funktionieren wie es "soll". Die Geldreform macht sich dann von selbst. Seine Neutralisierung, seine Verwandlung in ein bloßes Vergleichs- und Verkehrsmittel ist ein seelischer Befreiungsakt ehe es organisatorisch-institutionell "richtig" eingesetzt werden kann.

Ist das Geld eine Ausgeburt des kompensationsbedürftigen subalternen Ichs, dann weisen seine Disfunktionen hierhin zurück. Es liegt letztlich nicht am Geld, es liegt an uns. 

Wären wir alle in der Lage, tatsächlich so zu empfinden wie Christus, als er meinte, wir sollten so unbesorgt um Nahrung und Kleidung sein wie die Vöglein unter dem Himmel und die Lilien auf dem Felde, dann wäre die Aufhebung der Geldwirtschaft nahe, und es wäre auch die Existenz aller menschlichen Wesen in einem annähernden Gleichgewicht mit der übrigen Natur gesichert.

Offenbar haben solche Vorläufer wie er diese materielle Existenzsicherung nicht vorausgesetzt, sondern eher als Resultat einer höheren Bewußtseins­qualifikation gesehen, und bis heute müssen Minoritäten selbstgewiß diese materielle Unsicherheit immer wieder wagen.74

Geld wird erst dann überflüssig für die Freiheit, wenn die Individuen nicht mehr fürchten müssen, wieder in persönliche Abhängigkeit zu geraten, d.h. aber, daß sie die innere Ruhe erlangt haben müssen, sich ohne Unterwerfung und Schuldgefühle von einer Gemeinschaft tragen lassen zu können, die sie auch ihrerseits nicht infantil ausbeuten wollen. 

Nur wer sicher sein kann, nicht um seiner — gleichwohl als Selbst­verwirklichung natürlichen — Leistungen, sondern um seiner Existenz willen versorgt zu werden, kann sich bedingungslos einer Gemeinschaft anvertrauen.75

Die wirkliche Lösung besteht daher in der Neubegründung solcher sozialen Zusammenhänge, solcher kleinen Lebenskreise kommunaler und kommunitärer Reichweite, die dem Einzelnen wieder so dauerhafte Einordnungen erlauben, daß jede individuelle monetäre Sicherung überflüssig wird, während die Freiheit, aufzubrechen wohin eine(r) will, unberührt davon bleibt, wieviel Brot in Anspruch genommen wird. Gastrecht und Reisefähigkeit wären dann zusammen genug, um die alte Drohung mit der Vogel­freiheit beim Herausfallen aus einem bestimmten Verband nicht wieder aufkommen zu lassen.

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* (d-2015:)  Zum Beispiel Hutterer:  wikipedia  Hutterer 

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