2.6. 

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2.6  Conditio humana

 

 

    Nicht das Gefühl — der Verstand geht durch    

176

Das Patriarchat als Bewußtseinsverfassung ist eine sehr fundamentale, aber immer noch nicht die letzte, tiefste Ebene in der "Geologie" des Exterminismus. Reicht es doch, was seine Grundlage, die Polarität der Geschlechter betrifft, direkt in den Gattungs­ursprung und noch weiter zurück. Von dorther tritt es ja ab einem bestimmten Stadium kultureller Entwicklung in den Anläufen aller Ethnien als offenbar vorangelegte Tendenz des menschlichen Geistes auf. 

So müssen wir seine Verwurzelung im menschlichen Genotyp, im Gattungs­charakter des "Hirntiers" annehmen. Der Mann bzw. das Männliche fungiert vorübergehend als privilegiertes Organ der Gattungsevolution.

Mit dem Patriarchat bricht der Mensch aus der zyklischen Verlaufsform seiner "Vorgeschichte" aus, in der die soziale Evolution noch so langsam verlief, daß sie mit einem Mythos der ewigen Wiederkehr vereinbar war. So überlappen sich im Patriarchat Geschichte und Anthropologie, progressive civitas humana und dauernde conditio humana. Von der letzteren hebt der Pfeil der Entwicklung ab.

Die Nahtstelle zwischen dem partriarchalen Niveau der Selbstausrottungslogik und der anthropologischen Disposition, die den exterministischen Exzeß erlaubt, läßt sich kaum besser kennzeichnen als mit dem Hinweis Walter Schubarts: "Das vital schwächere Wesen siegt, indem es sich auf die geistige Seite verlegt ... Ebenso wie der Mensch über das Tier siegt der Mann über die Frau."82

Wenn dieser zweite Sieg schon eine ungeheuer folgenreiche Tatsache ist, die in alle "höheren" exterm­inistischen Strukturen tragend hineinwirkt — fundamentaler noch ist der erste Sieg, ist die conditio humana selbst: Der Mensch — Mann und Frau — siegt über das Tier, macht sich die Erde untertan, indem er sich auf die geistige Seite verlegt.

Es liegt in der menschlichen Natur, d.h. in der gesamten Art und Weise, wie der Mensch funktioniert, wie er mit seiner Ausstattung in den Zusammenhang hineingestellt ist, und nicht erst in spezifisch bösen Verhaltens­weisen, ein Verhängnis. 

Erst aus diesem Grunde sind wir auf die Frage gestoßen, "warum Gott das Böse zugelassen hat". Gott, den es in dieser Eigenschaft, als personalen Schöpfer und Verantwortlichen, gar nicht gibt, sondern der so aufgefaßt nur die Projektion unseres Problems mit uns selbst und mit dem Leben ist (wir schließen aus unserer personalen Verantwortlichkeit auf eine analoge Struktur des Kosmos).

In der Tat ist, von uns aus gesehen, nach den Kategorien, mit denen wir an die Welt herangehen, auch mancher außermenschliche Vorgang "böse". Spätestens fängt es im Tierreich an, mit dem Fressen und Gefressen­werden. Voltaire hat sogar gegen das Erdbeben von Lissabon protestiert. Der vorgestellte Schöpfer ist schon "schuld", weil er das "Uhrwerk" überhaupt in Gang gesetzt hat, wie auch die biologische Nahrungs­kette, in der sich fühlende Wesen gegenseitig verschlingen.

Wenn wir schließlich, vegetarianisch, auf den Gedanken kommen, der Katze das Mausen abgewöhnen zu sollen — um theoretisch "konsequent" zu sein, bevor wir es praktisch uns selbst abgewöhnt haben, Fleisch zu essen —, so projizieren wir nur unsere besondere menschliche Situation. Nur für uns gibt es hier Probleme

*(d-2015:)  Walter Schubart bei detopia 

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Der Yogi, der sich bemüht, keine Ameise zu zertreten, verhält sich keineswegs naturgemäß. Hätten wir nicht vom Baum der Erkenntnis gegessen, würden wir also nicht absichtlich Tiere töten, so kämen wir nicht auf den Gedanken, auch unabsichtliches Töten vermeiden zu wollen oder vielmehr die Bewußtheit so weit zu treiben, daß auch das unabsichtliche Töten als absichtliches erscheint: "Wir haben wissentlich nicht die Aufmerksamkeit aufgebracht, die notwendig gewesen wäre, das Unglück der anderen Kreatur zu vermeiden."

Gewaltfreiheit ist die äußerste Kulturleistung, die uns von unserer spezifischen Naturausstattung, von unserer overkill-Kapazität als "Hirntier" zugemutet wird. Zugleich ist die Gewaltfreiheit das äußerste an Willentlichkeit. Nur wer schläft, sündigt nicht. Sobald wir wach sind, müssen wir bewußt sein. Und wenn die ältesten Weisen zu dem Schluß gekommen sind, wir sollten nicht oder doch so wenig wie möglich tun, so ist das auch eine Art, dem Fluch entgehen zu wollen, dauernd aufmerksam sein zu müssen. Und doch hat unsere Geschichte an einen Punkt geführt, wo sie uns Gewaltfreiheit in diesem äußersten Sinne für unser Überleben abzuverlangen scheint. 

Das bedeutet, entweder müssen wir allesamt Yogis werden, fähig und bereit, sobald wir wach sind, voll bewußt zu sein. Das wird natürlich in mehr als einer Hinsicht nicht aufgehen. Oder wir müssen uns solche Institutionen schaffen, mehr: eine solche Kultur einrichten, die uns erneut von der Notwendigkeit dieser Daueraufmerksamkeit, dieser Hellwachheit entlastet, so daß wir auch in der neuen Situation einer als endlich erkannten Erde abschalten, also wieder unbefangen leben dürfen.

Arthur Koestler* hat in seinem m.E. nur halb durchdachten Buch vom Menschen als "Irrläufer der Evolution" einige Verwirrung gestiftet. Er meinte, alle Weltverbesserer, die "begnadeten Reformer", an denen "es nie einen Mangel" gab, hätten sich in der Interpretation der Ursachen geirrt, "die den Menschen zwangen, aus seiner Geschichte ein solches Jammertal zu machen". Ihr grundlegender Irrtum habe darin bestanden, "daß man die ganze Schuld dem Egoismus, der Gier und der angeblichen Destruktivität des Menschen, daß heißt, der selbstbehauptenden Tendenz des Individuums" zuschob.83

*(d-2015:)  Arthur Koestler bei Detopia 

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Nach Koestler wurzelt die Tragödie des Menschen nicht in seiner Aggressivität — worin ich ihm zustimme —, sondern in seiner "Hingabe an über­persön­liche Ideale ..., nicht in einem Exzeß der individuellen Selbst­behauptung, sondern in einer Funktions­störung der integrativen Tendenzen", d.h. in dem konformistischen Geist der Gruppenzu­gehörigkeit. 

Diese Überlegung führt ganz in die Irre, weil Ideale doch oft gar nicht jenseits des Egoismus stehen, gar nicht wirklich überpersönlich sind.

Und wurzelt die Tragödie wirklich darin, daß die Leute alles mitmachen? Die meiste Zeit leben sie doch in diesem Gruppengeist, und es ist damit an sich nichts darüber gesagt, wie gut oder wie schlecht, worin sie also gerade konform sind. Überhaupt stehen sich "selbstbehauptende" und "integrative" Tendenzen nicht wie Ich und Gruppe gegenüber, sondern als Tendenzen im Ich, das eben zunächst noch mehr dem Kollektivum angehört als sich selbst. Der Gruppengeist ist die erste massenhafte objektive Manifestation des menschlichen Geistes (der sich auf Symbole, auf Sprache stützt). Aus dieser Sphäre erst arbeitet sich — ungleichzeitig und besonders in Krisenzeiten lange noch rückfallbereit — allmählich das reflexive, selbstbewußte Ich geschichtlich heraus, und zwar patriarchal, wie angedeutet.

Bedarf es denn nicht für die Exzesse des Hasses gegen Fremde und Andere, für die Exzesse der Grausamkeit und Destruktivität gerade mehr als nur konformistischer Unselbständigkeit, Abhängigkeit des noch nicht voll zu sich selbst befreiten Individuums? Solche "überpersönlichen Ideale" müssen ja erst einmal charismatisch gesetzt werden, ehe sie möglicherweise als "Erlaubnis" zum Auslaß atavistischer Emotionen fungieren! 

Wilber84) weist auf Erkenntnisse hin, wonach zu Gewalt führender Haß fast völlig ein kognitives und begriffliches Produkt ist, das weit über bloße biologische Aggression hinausreicht. Ideale sind gleichfalls Ich-Instanzen, die die eigene Teilheit, Begrenztheit kompensieren sollen. Dann aber bleibt es eine Frage der Kapazitäten, der persönlichen Kräfte und der um die bestimmten Individuen angesammelten objektiven Mächte, wer nun mitlaufen und wer führen wird.

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Auch wenn das Ich sich seiner selbst noch nicht völlig bewußt ist — und zwar schon auf der früheren, "magischen" Entwicklungsstufe des Bewußtseins —, treten bereits bewußtseinsmäßig bedingte Machtungleichgewichte auf. Ideale haben machtvolle Repräsentanten. Es macht gar keinen Sinn, dualistisch "selbstbehauptende" und "integrative" Tendenzen gegenüberzustellen und dieses Schema quer durch ganz verschiedene geschichtliche Stufen zu ziehen. Sie sind korrelative Seiten des einen Weltbemächtigungs­prozesses, auf den die menschliche Verfassung im Ganzen angelegt ist, durch den sie jedenfalls hindurchgeht. Egoismus, Gier usw. pflegen sich ausgezeichnet mit Idealen zu vertragen, in die sie hineinschlüpfen und in denen sie sich verstecken können.

Die ganze Unterscheidung zwischen Ich und Gruppe setzt stillschweigend eine Menschheit voraus, in der die Konkurrenz um mehr Sicherheit, um mehr Befriedigung, mehr Komfort, mehr Macht und mehr Bedeutsamkeit, die mit dem Intellekt als Werkzeug ausgetragen wird, schon der entscheidende Entwicklungsantrieb ist. Je mehr Individualität, je mehr Geist, desto machtbestimmter die ganze Geschichte, und es hängt zuletzt nur sekundär auch noch davon etwas ab, wie weit sich die Menschen irrational mitreißen lassen und wie weit ihre durch Unterdrückung um so mehr verböste psychische Unterwelt dabei zum Zuge kommt.

Aufgebrochen ist dieser Vulkan immer schon nur dann, wenn eine soziale Gesamtstruktur ineffizient und destruktiv geworden war, die ursprünglich von ihr verbürgten Befriedigungen nicht mehr sicherte und die inzwischen weiter erstarkte Individualität beengte. In allen diesen Fällen handelt es sich um Katastrophen, die nicht das Tier in uns verursacht, sondern die mit der Dynamik der Großhirnprozesse und ihrer zunehmenden Objektivierung in Sprache, Sozialstruktur, Staat usw. zusammenhängen.

Gleich das erste Werk abendländischer politischer Wissenschaft, des Thukydides <Peloponnesischer Krieg>, hatte anthropologisch argumentiert: Es gehe im geschichtlichen Ringen der Menschen um die zwei Urantriebe Herrschaft und Freiheit, die natürlich in den Selbst­durchsetzungs­ansprüchen ihre gemeinsame Wurzel haben. Er meinte, so wie in diesem barbarischen "Weltkrieg" der Griechen würde es sich stets wiederholen, solange die menschliche Natur sich gleich, also in diesem Dilemma befangen bliebe. Es zu überwinden wäre also die Richtung der Rettung.

In Wirklichkeit aber bezeichnet die "menschliche Natur" des Thukydides nur eine bestimmte Stufe in der Evolution des "Hirntieres". Diese Evolution ist nicht zu Ende — falls unsere Spezies ihre jetzige Krise übersteht.

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    Als Top-Parasit auf verlorenem Posten     

Selbstverständlich liegt das Problem in der Gesamtverfassung unserer Gattung, nicht im Großhirn für sich. Es ist aber die Natur des Menschen, dieses übergewichtige Organ zu besitzen. In diesem Sinne ist sie "schuld", auch wenn sie selbst von diesem Organ frustriert und vergewaltigt werden kann. Der Geist war von Anfang an ein kompensatorisches Machtinstrument, und wir mußten die Flucht nach vorn in die Kultur antreten. Wir stehen unter Aktionszwang, und so sind Kultur und Zivilisation zu einem Prozeß wachsender Aufrüstung gegen alle Risiken des Lebens geworden. 

Wir meinen immer noch zu wenig zu arbeiten, zu wenig Außenwelt zu verändern, wir werden nie mit der Vorratswirtschaft fertig, auch im Geistigen nicht — wir speicherten zeitig schon in unseren Tempeln und Kirchen auch Gott. Wir sind besorgte Jäger geblieben, haben nie genug. Das alles schlägt nun gegen uns um. Unser Streben nach Sicherheit, nach Ausschaltung jeglichen Lebensrisikos bringt uns den Tod.

Man könnte sagen: Unsere ältesten Schichten "stören", weil wir mit unserem neuen Großhirn auf ihre Wahrnehmungen und Erregungen reagieren können und das häufig inadäquat, weil angstbesetzt oder zu interessiert tun. Unser Überbau ist "Sicherheitspolitiker", läßt die "von unten" drängenden Energien nicht fließen, blockiert sie, lenkt sie um, beschränkt dadurch zu oft sich selbst. Gelänge es nun, diese Instanz so souverän zu machen, wie sie ja gern sein möchte, brächten wir es dahin, daß unsere Vernunft an ihre Kapazität auch glaubt, daß sie also zulassen kann, was aus den älteren Schichten andrängt, ohne fürchten zu müssen, davon überschwemmt zu werden — dann hätten wir vielleicht die Tür offen in die nächste Phase der Evolution.

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Unser Geist ist empirisch unfrei, nämlich durch Phylogenese und Geschichte, Ontogenese und Sozial­isation bestimmt. Schon gar nicht kann er frei werden durch Unterdrückung seiner Gewordenheiten. Alles deutet darauf hin, daß er bislang nicht fertig wird mit Traumatisierungen, die zur Folge haben, daß ihm die Welt, das Universum nicht freundlich oder wenigstens neutral, sondern gefährlich bis feindlich erscheint. Die Traumatisierungen, um die Geburt herum besonders konzentriert, haben sich mit dem Fortschritt der Kultur eher verstärkt, wahrscheinlich schon dadurch, daß sie bewußter wurden, ohne voll bewußt zu werden. Hier sind Erlösungen nötig und möglich.

Unser Weg beginnt unvermeidlich unter der Ägide absoluter mütterlicher Macht. Und zu der langen Kindheits­phase, in der wir durch unsere vergleichsweise ungeheure Abhängigkeit geprägt werden, tritt dann mit dem Aufstieg zur Moderne hinzu, daß die Aufzuchtpraktiken immer kälter werden, bis zuletzt das im Krankenhaus entbundene Kind den so entscheidenden nachgeburtlichen Mutterkontakt fast völlig hat entbehren müssen.85)

Was in der frühkindlichen Phase durch die technokratische Kultur zusätzlich verdorben wird, wiegt um so schwerer vor dem Hintergrund der Forschungen über den Geburtsprozeß aus den letzten Jahrzehnten. Stanislav und Christina Grof* etwa haben nachgewiesen, was einem im Nachhinein auch der gesunde Menschen­verstand sagen kann, daß die Erfahrungen während der Schwangerschaft und beim Geburtsvorgang den Charakter viel grundlegender bestimmen als die später daran anknüpfenden biographischen (Sozial­isations-) Einflüsse.86

Das Material der Grofs offenbart, wie weit schon hier über unsere dunklen, grausamen und perversen Tendenzen, über die Färbung unseres ganzen In-der-Welt-Seins vorentschieden wird. Aber das Ergebnis ist nicht unkorrigierbar. Grofs jetzt vorliegende Gesamtdarstellung <Geburt, Tod und Transzendenz>, eine Synthese der ganzen Entwicklung der humanistischen und transpersonalen Psychologie, zeigt, wie sich in der Befreiung von den jeweils individuellen "Geburtsmatrizen", durch die Wiederholung im "Rebirthing", einer Erfahrung von Tod und Wiedergeburt, auch die spirituelle Dimension eröffnet, und zwar, bedeutungs­voll genug, ganz ohne patriarchale Askese. Es gibt gewiß nicht nur diese eine Lösung.87

* (d-2014)   Stan Grof bei Detopia  

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Doch für mich handelt es sich hier um einen der hoffnungsvollsten und aussichtsreichsten Ansätze, der ökologischen Krise zu entkommen, Menschen in ein besseres Verhältnis zur Welt zu bringen. Offenbar ist es möglich, auf eine befreiende Weise das innere Kräfteverhältnis zwischen aggressiven und antagonistischen Impulsen einerseits, liebenden und solidarischen Motiven andererseits wesentlich zu verändern. Die Anpassung der tantrischen Traditionen an unsere westlichen Bedingungen, eine kulturelle Bemühung im selben Feld, weist in die gleiche Richtung.

 

All die kontaktschwachen Strukturen, auf die die an Wilhelm Reich anknüpfende Bioenergetik (etwa Lowen's) hingewiesen hat und die so typisch für unsere abstraktionistische Verstandeskultur sind, erzeugen massenhaft unglückliches Bewußtsein, das wiederum in einen immer unerträglicheren Weltzustand umgesetzt wird. Wenn es keine positiven, glückversprechenden Angebote gibt, werden die mit der ökologischen Krise verbundenen Einschränkungen und Verzichte das psychosoziale Übel, die emotionale Pest nur noch vermehren.

Wir sind in unserem Erkennen, Fühlen und Handeln nicht vom objektiven, sondern vom subjektiven Geist geleitet, von unserem selbstbesorgten Ego, dessen spezifischerer Ausdruck der rationalistische Dämon ist. Mit diesem Ego sind wir in einer Grundposition, aus der heraus wir nicht lebensrecht und lebensecht agieren können. Der objektive Beobachter blieb eine abstrakte Teilperson, apart vom Menschen, der diese Rolle immer wieder spielen muß, sobald er ein halbwegs gegen seine unmittelbaren Interessen abgeschottetes Experiment machen kann und den dafür vorgesehenen Raum betreten hat.

Deshalb hat es die Wissenschaft nie zum Range einer anderen Theologie gebracht. Der Experimentator jagt nicht nach Wahrheit im großen Sinne, nicht nach der Rekonstruktion des Ganzen, die die Rekonstruktion Gottes wäre, sondern bloß nach Splitterwissen. So hat die moderne Wissenschaft die Kirche zugleich beerbt und blieb unendlich hinter ihr zurück, weil sie im Egotrip ihrer Adepten steckenblieb.

Geht es um Teileroberungen, hat sich der rationalistische Dämon ideal eingerichtet. Betrachtet man aber den Geist als Organ des Ganzen und seiner lang­fristigen Interessen, so kann man sich kaum eine unvorteilhaftere Position als die des spezialisierten Verstandes vorstellen, die er so ostentativ bezogen hat. 

(d-2014:)  Wilhelm Reich bei Detopia 

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Er gleicht einer ausgefahrenen Antenne — auf der letzten Außenverzweigung des Menschheits­unternehmens. In dieser Position verabsolutiert er unsere ohnehin schon überentwickelte Besonderheit. Ehe nicht der ganze Baum umfällt, wird die Antenne, auf die fernste Galaxis gerichtet, gar nicht merken, daß der Nachschub für die Expedition gefährdet ist, daß die "Bodenstation" weggesackt ist. Ohne zu moralisieren: Wir sind de facto Parasiten, und zwar an der Spitze einer Hierarchie von Parasiten.

In gewissem Sinne kann man das Leben überhaupt als "parasitär", als ausbeuterisch und entropie­vermehrend für die mineralische Welt ansehen. Es gibt da von Anfang an keine vollständige "Kreislaufwirtschaft". Analog verhält sich dann das tierische zum pflanzlichen Leben und, darüber rückvermittelt, zum anorganischen Bereich (denken wir zur Veranschaulichung an den vielfachen pflanzlichen, den Getreideaufwand für die tierische Eiweißproduktion). Darüber erhebt sich der Mensch, darüber der Mann. Zwar gibt der je "höhere" Parasit immer auch etwas zurück, aber auf der Grundlage der Ausbeutung.

Ein Erkenntnisproblem aber tritt, bis hierher, noch nicht hervor, weil bis hin zum archaischen Mann das Gleichgewicht noch von Grund auf gesichert, die jeweils tragende Schicht quasi unendlich, die Störkapazität der getragenen gering und bei einem Schritt zu weit ja lediglich selbstgefährdend scheint. Aber der Mensch und noch mehr der Mann hat von Anfang an verstanden, sich gegen die Rückschläge zu schützen.

Kultur bedeutet, daß wir uns hinter Mauern zurückziehen und Schutzschicht über Schutzschicht setzen. Zuerst steht dann die Stadt über dem Land, und eine oder mehrere abgehobene herrschende Kasten oder Klassen stehen über beidem. Heute kennen wir den "primären", "sekundären", "tertiären" und "quartären" Sektor. Erst über dem allen stehen die Steuerungszentralen: Banken, Laboratorien, Staat. Die Laboratorien der Natur­wissen­schaft betrachten das Ganze nach wie vor als peinlich zu befragendes und zu diesem Zwecke zu zersplitterndes und zu zerschneidendes Objekt; und dort kümmert man sich in der Regel überhaupt nicht um das Grundverhältnis des Top-Parasiten zu seinem um eine ganze Treppe von jeweils subjektiven, selbstinteressierten Reglern entfernte Basis.

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Der Unterschied zwischen "selbstbehauptenden" und "integrativen" Tendenzen ist ökologisch betrachtet solange irrelevant, wie sich beides auf diesen sozialen Circus maximus bezieht. Denn solange handelt es sich nicht um Erkenntnis der Natur bzw. der Gleichgewichtsbedingungen zwischen Gesellschaft und Natur, Geist und Natur, sondern um ein einziges Pandämonium abgeleiteter Interessen, die — das ist der exterministische Clou — sich von der je sie tragenden Ebene losgerissen haben, so daß sich der gesamte Bau der Kultur herrschaftlich von oben auf den eigentlichen Wirt bezieht. Auch die Naturwissenschaft ist von Ausbeutungs-, nicht hauptsächlich von Erkenntnisinteressen geleitet, alles andere — Gesellschafts­wissenschaften, Geldwesen, die politische Sphäre, Künste, soweit sie vornehmlich nach Brot gehen — ist überhaupt nur binnenkulturell orientiert.

Man weiß, daß in sozialen Hierarchien die Rückkopplung von unten nach oben nie mithält, so daß die Spitze alles zu spät erfährt. Ganz analog hat sich die Menschheit insgesamt installiert — über ihre prominentesten Faktoren habe ich in den vorigen Kapiteln gesprochen: Sie bilden (Mann, Weißes Imperium, Kapital, Megamaschine) die Stufenpyramide der Selbstausrottung. Und deren Basis ist, wie ich nun abschließend skizziere, die conditio humana selbst.

Diesen parasitären Grundzug der menschlichen Existenz können wir nur vom Ursprung her unter Selbst­kontrolle nehmen — oder gar nicht. Am Ursprung aber ist das Gehirn Organ des fühlenden Körpers. Zugleich ist in ihm angelegt, Geist, der sich verselbständigen kann, zu produzieren, also die Hauptaktivität der jeweils den Kulturprozeß bestimmenden, führenden Kräfte, der Eliten, auf abgehobene Ebenen zu verlagern und von deren Sekundär­interessen her die primären zu vergewaltigen und auszubeuten.

Die vertikale Arbeitsteilung und die ganz besondere Spezialisierung der Spitzenfunktionen — so daß wir dort Wissenschaftler, aber keine Menschen; Manager, aber keine Menschen; Politiker, aber keine Menschen haben —, womit also nie die grundlegenden, stets nur die besonderen, das Prestige dieser Teilfunktionäre konstituierenden Interessen herrschen können — ist das Verhängnis unserer Kommunikation über die Realität, die infolgedessen zu einem ständigen, gar keiner gesonderten Absprache bedürftigen Komplott gerät. Positionelle Interessen gehen automatisch vor. Wohin das Boot im ganzen treibt, ist strukturell, ist systematisch ausgeblendet.

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Aber in allgemeinen, der sozialen Synthesis dienenden Funktionen sind menschlich-allzumenschliche Maximen des "Selbst­behauptungsprinzips" wie "Das Hemd ist mir näher als der Rock" und "Lieber der Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach" die reine Selbstmordphilosophie. Sie waren in keiner Hochkultur an dieser Stelle zulässig, signalisierten, wenn sie dort auftraten, die Klimax des Verfalls. 

Vielleicht ist es möglich, dies erst einmal als Faktum gelten zu lassen, auch wenn es in der diesbezüglich grundverkommenen Moderne noch kein Beispiel für eine gelungene Institutionalisierung von Verantwortungs­ethik gibt. 

Aber Not macht erfinderisch (und wenigstens das Prinzip des Dienstes an einem visionär intendierten Ganzen scheint derzeit wieder aufzukommen — ausgerechnet in der Sowjetunion).

 

Mit unserer Naturverfassung als "Hirntier" sind drei zusammenhängende Faktoren verbunden, mit denen wir gewohnheitsmäßig so identifiziert sind, daß wir sie gar nicht hinterfragen, die aber zusammen blind in die Sackgasse dieses Parasitismus hineinführen und uns im Grade unseres Gattungserfolges immer gefährlicher werden.

 

  Projektion      

Der erste evolutionär grundlegende Faktor, der tief in die vormenschliche Geschichte der erkennenden Widerspiegelung zurück­reicht, ist der projektive Charakter des Bewußtseins überhaupt. Daran sieht man, wie groß und neu die Anforderung an die Bewußtseinsveränderung ist, ihr Rang als eine anthro­pologische Revolution. Normalerweise macht sich das Bewußtsein, in seiner Eigenschaft als nach außen gerichteter Spiegel, "Abbilder" von der Außenwelt. 

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Es ist ein ungeheurer Erkenntnisfortschritt, der zum abgetrennten Ich führt, das zuletzt sogar noch das eigene Gedächtnis von sich selbst unterscheidet. Zu Anfang ist das (archaische) Ich noch gar nicht unabhängig da, stellt sich der Welt nicht als Subjekt dem Objekt gegenüber und — daran erkennt man den komischen Begriff — "projiziert" noch nicht, sagt nämlich noch nicht "Das und das bin nicht ich, das ist von mir unterschiedene Natur".

Dann macht es sich, z.B. auf magische Weise "Mächte" als "Partner" aus der Natur herausgreifend, erste Objekte und zugehörige Begriffe, natürlich auch über die menschliche Gemeinschaft. Später wird ihm der eigene Körper zum Objekt, zuletzt die eigene Psyche, z.B. der sogenannte "Schatten", d.h. die Summe oder das Integral der Eigenheiten, die es nicht an sich liebt, die es abgedrängt hat — und die ihm daher manchmal in anderen Personen gegenübertreten, nun wirklich projiziert: "als wär's kein Stück von mir".

Das ist der horrende Begriff der Projektion: 

Wir haben das alles sukzessiv von uns ausgegrenzt und identifizieren uns sekundär damit, während wir es in Wirklichkeit von vornherein selber sind. Worum es sich da handelt, hat Ken Wilber in seinem Buch "Wege zum Selbst" besonders sinnfällig geschildert.88 Er übertreibt dann allerdings mit dem Wörtchen "nur", wenn er definiert: "Aber all diese ›Objekte da draußen‹ (vom Stern bis zum innerseelischen Schatten —R.B.) sind einfach nur Projektionen des eigenen Seins eines Menschen, und sie können alle als Aspekte des eigenen Selbst wiederentdeckt werden."

Und doch: Wo etwa Brentano dichtet

O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit

da hat er das auch gemeint: Ich bin es alles selbst. 

Das moderne Ich wurde schon im Augenblick seines Heraufdämmerns in dem Jahrtausend vor Christus aufgefordert, die — wie Gehlen es ausdrückt — Verteilung seiner Antriebe an die Welttatsachen hin89 wieder umzukehren: Erkenne Dich selbst (in allem)! Alles bist Du selbst. Und das, während die Notwendigkeit, nach außen zu handeln, jedenfalls ursprünglich weiter reicht als die Objekt-Erkenntnis.90

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In Wirklichkeit sind dann — trotz der Losung am delphischen Orakel — nicht wir Westlichen, sondern die Orientalen (jedenfalls in viel höherem Maße) den Weg der Selbsterkenntnis, den Weg nach innen gegangen. Das Abendland hat einen völlig außen­gerichteten, selbst noch die soziale Kommunikation weitgehend ausblendenden Begriff von Praxis gebildet, weil es — bis auf den esoterischen Zweig unserer Mönchskultur und einzelne Menschen, die intuitiv zu beten verstanden — ganz auf Außenwelt­veränderung setzte.91

Unerhörterweise (nämlich vom Standpunkt älterer Bewußtseinszustände und noch immer der meisten Menschen) verlangt die moderne Psychoanalyse (verstanden nicht als jene Freudsche Spezialstrecke, sondern als systematische Selbstaufklärung, Selbsterkenntnis schlechthin) in ihrer Eigenschaft als Furie der cartesianischen Wissenschaft, als peinliche Befragung des ja noch nicht so sehr gesicherten Ichs, daß der Mensch die normale Außenrichtung seines Erkenntnis­apparats umdreht und "objektiver Beobachter" seiner selbst wird.

Noch macht sich dabei in der Regel ein herrschaftlich-rationalistisches Subjekt, ein Mensch, der in dieser Eigenschaft "helfend" auftritt, ein anderes auf dieser Skala weniger bewußtes Subjekt zum Objekt. Es gibt kaum ein Fach, in dem Unterdrückung und Emanzipation unentwirrbarer miteinander verquickt sind als Psychoanalyse. Und doch ist nichts wichtiger als diese Selbstaufklärung nach innen, und wer den hilfreichen Seelendompteuren nicht ausgeliefert sein will, muß sich nur selbst ins Labyrinth hineinwagen und möglichst wenig selbstmitleidig die Verantwortung für seine Risiken und Abenteuer übernehmen.

Politisch-psychologisch macht der Projektionsbegriff vor allem darauf aufmerksam, wie sehr wir durch die ursprüngliche Außen­orientierung des Erkenntnis­apparates und dadurch, daß uns die innere Natur (solange wir noch nicht cartesianisch-schizoid mit ihr umgingen) unbewußt gegeben war, gewohnt sind, von uns selbst als Ursache fortzusehen. Vor allem pflegen wir das Werk unserer Köpfe und Hände für genau so "objektiv" zu halten wie die wirkliche Natur. Wir erkennen uns ungern als Täter, lieber als Opfer unserer eigenen machtvollen Praxis. Und wenn wir zum Teil tatsächlich Opfer sind, so sind wir es deswegen! 

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Wir müssen Weltveränderung und Selbstveränderung als Einheit sehen lernen (wie übrigens in seinen Feuerbach-Thesen auch Marx verlangt hatte). In dieser Einheit aber geht heute Selbstveränderung, geht Selbsterkenntnis, geht Selbstfindung im analytischen wie im integralen (spirituellen) Sinne vor. Die Logik der Selbstausrottung sitzt hauptsächlich in unserer eigenen Bewußtseinsverfassung. Diese Einsicht und Erfahrung müssen wir uns abverlangen, um in den Vorhof einer Umkehrinitiation zu gelangen.

Was wir tun, wird sich danach richten, wie wir uns die Herausforderung definieren. Daß wir die Gefahr jetzt an den Symptomen wahrnehmen, heißt noch nicht, wir hätten sie auch verstanden. Hätten wir die Atombombe nicht bloß wahrgenommen, sondern verstanden, würden wir uns die Genmanipulation nicht erlauben. Denn noch viel weniger als unsere kognitive Präferenz (fürs Projizieren) ist unsere psychosoziale Verfassung — wir dürfen hinzufügen: bisher — darauf eingerichtet, die Weltenuhr zu regulieren, dem alten Meister ins Handwerk zu pfuschen, damit wir es bequemer bekommen mit dem Wassertragen. Der alte Faust hat wenigstens eine Ahnung gehabt: "Könnt ich Magie von meinem Pfad verbannen, stünd ich, Natur, vor Dir, ein Mann allein..."

Doch geht es ja nicht zuletzt um die Machtmagie der Institutionen, um den allem Honig echter regulativer Erfordernisse beigemengten Tropfen Teer, weswegen meist mehr Finsternis als Licht durch die institutionellen Adern fließt. Wer dient schon? Wer ist wirklich minister anstatt herrschen zu wollen? Ganz offenbar befinden wir uns sozialanthropologisch nicht in der Reifeverfassung, in der noch so wahre Grundlagenerkenntnisse göttlich anstatt satanisch funktionieren würden. Selbst der Wahrheitswille und die Menschenliebe eines Einstein vermochten für nichts zu bürgen. Die Motive der Genforscher etc. sind einfach kein adäquates Argument, und wenn sie das nicht selber sehen, sind sie schon allein dadurch disqualifiziert.

Warum hören wir es uns ruhig an, von den Möchtegern-Nobelpreisträgern, daß sie bei ihrer Drachensaat vorsorglich Kraut und Unkraut auseinanderhalten werden, als machte diese Unterscheidung irgendeinen Sinn. Jetzt lassen wir uns beschwatzen über "Forschungs­folgenabschätzung", um durch eine "Positivliste" die "humanistisch erwünschten" Untersuchungen zu legitimieren, die erlaubt werden sollen. 

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Allmählich wird es voll bewußte Lüge. Es wird bewiesen werden, was erwünscht ist. Die Vorent­scheidung fürs Weitermachen ist schon automatisch gefallen, so daß jetzt nur noch um die Lizenz gebuhlt wird, die das schlechte Gewissen beruhigt und das Volk beschwichtigt, und um den Vorrang bei der Mittelzuteilung für das eigene hochlöbliche Untersuchungs­programm. Individuell kann der moderne Wissenschaftler keinen Tag im Labor mehr verantworten, schon gar nicht in der sogenannten Grundlagenforschung.

Aber die Psychologie des Wissenschaftlers, der seinen Erfolg haben will — mag auch die Welt darüber zugrunde gehen —, ist nur ein, freilich besonders signifikanter, Spezialfall. Bislang gehen wir generell derart mit der ökologischen Krise um. Wenn etwas schiefgeht, liegt es an irgendwelchen wissenschafts­externen Ursachen. Wir reden von unerwünschten Nebenfolgen, als ließen die keineswegs auf den Täter zurück­schließen und als wären sie vermeidbar, wenn wir nur ein bißchen besser aufpaßten und einige allzu skrupellose Sünder bei den Haaren nähmen. 

"Menschliches Versagen" haben wir inzwischen an der Spitze dieser "objektiven Ursachen" angesiedelt. Als läge die Crux nicht etwa schon darin, daß der Mensch nicht mehr versagen darf, daß ihn sein eigener durchgegangener Verstand als gottgleich verlangt. Nach der mechanistischen Methode von Versuch und Irrtum lesen wir punktuell an der "Umwelt" ab, daß unsere Handlungen fehlerhaft sind und verbessern anhand dieser Rückkopplung unsere Methoden — um uns immer tiefer in die gleiche Richtung hineinzu­bohren.

So kommen wir von der Verstrahlung auf atomstaatliche Sicherheitsvorkehrungen, von unseren Krankheiten und von unserer summa summarum unberechenbaren Chemieproduktion auf noch mehr Tierversuche und gentechnische Menschenbastelei etc. Nur ja nicht von den Effekten zurück­schließen auf die Methoden! Nur ja nicht von den Methoden auf deren Prinzipien und Motive! Nur ja nicht von den Methoden und Prinzipien auf die Zivilisation, die sie hat. Nur ja nicht von dieser Zivilisation auf den Menschen, der sie trägt! Ja nicht mit der Rückmeldung hindurchgehen durch das Subjekt des Exterminismus! "An ihren Früchten sollt ihr sie nicht erkennen" — das ist die inständige Bitte all der Zauberlehrlinge.

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Anthropozentrik    

Zweitens macht uns unser Gehirn zu Wesen, die mit Beethoven von sich sagen können: "Wir Endliche mit dem unendlichen Geiste". Wir müssen darunter leiden, daß jeder individuelle Mikrokosmos das Ganze nur potentiell und intuitiv, nie wirklich umfaßt, und daß wir sehr beschränkt sind: "Leiden ist beschränktes Handeln" (Spinoza). Ein Bewußtsein dieser Potenz, mit soviel unausgenützter Überkapazität, mußte dahin gelangen, sich als vereinzelte Monade all den "zehntausend Wesen", schließlich dem All schlechthin gegen­über­zustellen, dieses unverwechselbare Subjekt allem Objekt, dieses Ich allem Nicht-Ich.

Naturwüchsig, unreflektiert konnte es gar nicht anders, als mit der Zeit ein anthropozentrisches Weltbild zu schaffen und alles aus der Perspektive des eigenen Interesses, des eigenen Nutzens zu sehen, und dies kurzfristig-kurzschlüssig. Wir sind auf diese Weise nicht etwa vernünftig, sondern idiotisch selbstidentifiziert, nicht mit unserem wohlverstandenen Interesse sondern wie ein Wassertropfen, der sich verewigen möchte, ohne an das Meer zu denken.

Auf dieser Grundlage muß sich die materielle Praxis um so mehr als Hybris erweisen, je umfangreicher, tiefer und weiter wirkend sie eingreift: Wir setzen dabei die göttliche Allwissenheit, die wir so gerne hätten, indirekt als gegeben voraus und verfälschen unseren auf Unwissenheit beruhenden Störeinfluß zu einem "Restrisiko". Wie groß das ist, erfahren wir um so schwerer, um so später, je mehr wir die Warnsignale aus den älteren Hirnpartien auch schon ohne Drogen automatisch abschalten, indem wir fast alle unsere Energien von den Sinnen abziehen und uns einseitig auf rationales Funktionieren beschränken.

Ja, der Verstand beansprucht auch noch in der menschlichen Existenz selbst die zentrale Position, gegen Körper und Seele, so daß wir dann, etwa mit Franziskus, den Körper — in diesem Falle liebevoll, mitleidvoll — unseren "Bruder Esel" nennen können. Auch diese Perspektive unseres Sonderinteresses, aus dem wir auf alles andere Existierende, insbesondere auf alles andere Leben reagieren, erweist sich als todverbündet. 

* (d-2015:) Franz von Assisi bei detopia 

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Sägte der subjektive Geist nicht so fühlbar den Ast ab, auf dem er biologisch sitzt, könnte er sich schlicht über den "stummen Frühling"* hinweg­setzen. Er kann von Buchstaben und Signalen in der von ihm geschaffenen künstlichen Weltraumkapsel leben — die Deprivation erreicht ihn nur indirekt, über den doch noch nicht ganz auf "Trägermasse" reduzierten "Bruder Esel" eben, der vergessen werden kann, solange er das Minimum bekommt, um nicht durch Ausfall zu stören.

Zum Abschluß reproduziert sich der entfesselte Logos auch noch den inneren Antrieb selbst: Das einseitig auf abstraktes Erkennen konzentrierte Interesse kann sich — weil eben die menschlichen Energien nicht instinktiv festgelegt, sondern verfügbar sind — die nötigen Energien nachholen. Der Kopf-Mensch ist möglich, wie wir an Descartes im Prinzip, aber längst noch nicht im Extrem gesehen haben. Die "göttliche Neugier" nährt sich selbst, hat sich die entsprechende soziale Position gesichert. Auf der Basis dieser Selbstidentifikation als homo scientificus reduzieren wir unseren Erkenntnisapparat auf das Korrelat unserer toten Kunstwelt, anstatt unsere gesamte Physis, die tatsächlich allerkennend zumindest veranlagt ist, als Erkenntnisorgan zu: nutzen und zu qualifizieren, wie es Erleuchtete immer wieder lehrten.

 

    Egozentrik    

Drittens ist diese anthropozentrische Position zugleich im weitesten Sinne egozentrisch. Dies meint nicht, wir seien alle gleichermaßen "egoistisch" im landläufigen Sinne, und es meint auch nicht das "Persönchen", den vordergründig ich-orientierten, narzißtischen Charakter, den wir manchmal mit diesem Wort bezeichnen. Sondern die conditio humana als solche bedeutet Ich-Entwicklung, in der die mitgeborene Individualität herausgearbeitet wird (auch da schon, wo es noch keine Ich-Bewußtheit gibt) und kulturell auf das selbstbewußte, reflektierte Ich zusteuert, das gar nicht anders kann als die Welt auf sich bezogen zu erleben und eine Trennungslinie zwischen Sich und dem Nicht-Ich zu ziehen.

Es ist eines, die anthropozentrische Denkweise rational aufzugeben. Dann bleibt sie immer noch in unserer noch viel gründlicheren Egozentrik verankert. 

* (d-2015:) R.Carson bei detopia 

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Nicht einfach der Mensch steht im Mittelpunkt, sondern milliardenfach das menschliche Ich, "einzig in seinem Eigentume".* Gerade darin hat es Europa in seinem Individualismus am weitesten gebracht. Wiederum im umfassendsten und nicht von vornherein kritischen Sinne ist hier jede(r) sich selbst die oder der Nächste und Wichtigste und kann dabei durchaus auch altruistisch motiviert sein. Wir neigen dazu, noch die wesentlichsten allgemeinen Interessen, etwa auch die ökologischen Erfordernisse, zu psychologischen Pfründen zu machen und sie im Kampf um Selbstdarstellung gegen andere auszuspielen. Moralisch kann jemand, der in Sachen Tschernobyl schon seit Jahren recht gehabt hat, durchaus hinter jemand anderem zurückstehen, der jetzt erst anfängt, über Ausstieg nachzudenken. Aber mir geht es hier gar nicht um solche Differenzierungen, sondern um das Prinzip.

In der Regel will der Mensch nicht nur nicht bloß überleben, er will auch nicht nur leben. Wir richten unser Verhalten weniger nach der Angst vor dem physischen Tod als nach der Angst vor der subjektiven Sinn- bzw. Bedeutungslosigkeit unserer individuellen Existenz. Unbedeutsamkeit ist zumindest des (seine Naturproduktivität weniger erlebenden) Mannes eigentliche Todesfurcht. Hierin berühren sich individuelle und gesellschaftliche Selbstmordneigung. Und haben wir nicht als Kinder schon mitunter gewünscht, es möge, wegen irgendeiner narzißtischen Kränkung, die uns die Erwachsenen zufügten, die Welt untergehen? 

Und später mag es ja gehen, das Projekt der "Pyramide für mich" aufzugeben, nachdem man sich "einen Namen gemacht" und jene faustische Spur gezogen hat, die "nicht in Äonen untergehn" soll. Und jene Milliarden Egos, die dazu etwas mehr Material verbrauchen, werden sicherlich nicht aufgeben, solange die avancierteren, mehr innerlichen Pyramidenbauer weitermachen.

Mit ein wenig Übertreibung läßt sich sagen, daß eigentlich jeder Mensch die ganze Erde für sich allein brauchte, um sie dem lieben Nächsten als seine vorzeigen zu können, und das zu Wenige, das noch der Reichste hat, muß mit Verlustängsten besetzt und mit Verteidigungsanlagen umgeben sein. Der konkrete Gegenstand unserer Selbstsucht wäre demnach stets ein Ersatzobjekt mit dem wir unsere existentielle Blöße zuzudecken suchen. 

* (d-2015:) Max Stirner bei detopia 

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Wir möchten zuerst eine kleine Welt um uns sammeln, möglichst zu geschlossenem Kreis, in der wir uns als vollständig anschauen können, und dann erweist sich eben zuletzt die Erde als zu klein: Es müssen auch noch Mond und Sterne unser sein. So bewegen wir uns unablässig fort von der Stelle, wo wir doch in uns selber, mit einiger meditativen Kultur, der Gottheit, dem Eins und Alles begegnen könnten. 

Ich ahnte diesen Zusammenhang erst, als ich damals in meiner <Alternative> von der "Reise nach innen" sprach und in einer Zusammenfassung der Resultate hinzufügte, unsere Zivilisation sei an jene Grenze der Ausdehnung gelangt, wo die innere Freiheit des Individuums als Bedingung des Überlebens erscheint. Sie sei einfach die Voraussetzung für den einsichtigen kollektiven Verzicht auf die so verhängnisvolle wie subjektiv zwecklose Fortsetzung der materiellen Expansion.92

Aus dem Mangel an dieser "inneren Souveränität" (die durch die schönste "innere Souveränität" von Staat und Recht immer nur gewaltsam substituiert werden könnte) sammeln die Menschen Macht, Sicherheit, Bequemlichkeit, Rüstung gegeneinander an, und Expansionsdynamik ist das unvermeidliche Ergebnis. 

Da es ganz unmöglich und wegen vielfacher Darstellung in den Weisheitsbüchern der Menschheit auch überflüssig ist, das hier noch einmal ausgedehnt darzustellen, will ich nur an die jüngste systematische Übersicht der Ich-Problematik in den Werken Ken Wilbers erinnern. Sie sind auch hilfreich, um sich in dem zeitgenössischen Psychodschungel zu orientieren, dort ein wenig die Spreu vom Weizen zu trennen.93

Ehe ich dem Amerikaner das Wort gebe, um diesen Abschnitt abzurunden, will ich noch wenigstens andeutend zeigen, wie sich derselbe Stoff bei Meister Eckhart und bei dem altchinesischen Laudse liest. Es soll sichtbar werden, wir haben es tatsächlich mit einem "ewigen", genauer gesagt, mit einem sehr langfristig wirksamen Thema zu tun, das aber jetzt an den Punkt heranrückt, an dem seine Matrix aufbricht.

Was die älteren Lehrer der Menschheit immer erneut zur Verzweiflung brachte, war ja die Frage: Warum fällt es uns so schwer, von dem Subjektivismus, von dem Eigenwillen, von der privaten Selbstsucht, die uns zur kämpferischen Billardkugel in der sozialen Mechanik machen, abzulassen? 

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Auch Eckhart lehrte, wir müssen uns der Uridentität mit dem All-Einen vergewissern, denn wir brauchen so viel, weil uns in unserer üblichen sozialisierten Verfassung praktisch Alles fehlt, was wir nicht haben und nicht sind. 

So sagte er: "Es ist eine Frage, was in der Hölle brenne? Die Meister sagen gewöhnlich: Das tut der Eigenwille. Aber ich sage wahrlich: das Nichts brennt in der Hölle." Das Kohlenfeuer, erläutert er, würde unsere Hand nicht brennen, hätte sie selbst auch Feuernatur — die ihr eben abgeht, die eine der Qualitäten ist, die sie nicht hat. "So viel Nichts dir anhaftet, so sehr bist du unvollkommen."  

Aber da sei eine Stelle in unserer Seele, in die das uns sonst fehlende Ganze hineinragt, oder wo unsere Eigenheit eine Öffnung hat zum Ganzen hin. "Darum heißt ein Wörtlein: <Gott hat seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt> ... ihr sollt es für die innere Welt verstehn." An dieser Stelle, wo er ihn in uns gebären will "in des Geistes Innigstem": "Hier ist Gottes Grund mein Grund und mein Grund Gottes Grund. Hier lebe ich außer meinem Eigenen, wie Gott außer seinem Eigenen lebt."94) All und Ich sind hier also sozusagen aufeinander zu entäußert und über­lagern sich.

Wer sich dieser Kreuzung des Ganzen und des endlichen Wesens an dieser Stelle, dieser "Stadt der Seele", diesem "inneren Jerusalem" erlebensbewußt würde, der wäre, sagt Eckhart, was der Mensch sein soll, nämlich "wie ein Morgenstern, stets in der Gegenwart Gottes". Wir hätten uns von dort aus eine andere alltägliche Lebenswelt geschaffen, denn:

Wer nur einen Augenblick in diesen Grund geblickt hat,
dem Menschen sind tausend Pfund rotes geschlagenes Gold 
nicht mehr als ein falscher Heller. 95 

Des Thukydides antagonistisch um Herrschaft und um Freiheit kämpfende "menschliche Natur" wäre übersprungen.

 

Ebenso wie Eckhart hält Chinas Laudse, ein grundpolitischer Heiliger, den Menschen des Thukydides, den er auch in seinem Land zur Genüge gesehen hatte, schon für aus der natürlichen Ordnung und Gnade heraus­gefallen. Er nennt sein Verhalten "erbärmliches Großtun von Räubern" und macht die Mächtigeren auch stärker verantwortlich für die Störung der Weltharmonie. 

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Er lehrt vor allem die für das Gemeinwesen Verant­wortlichen, das Herz leer zu machen von Eigensucht. Dann werde es Ruhe finden, müsse nicht mehr nach den Dingen greifen, sondern könne ihre Rückkehr an den rechten Platz in der Großen Ordnung erschauen. Denn nun, heißt es im 16. Spruche des Daudedsching

von allen dingen in ihrer vielfalt
findet ein jedes zurück zur wurzel
wurzelwiederfinden heißt stille —
was man nennen mag: rückkehr zum wesen

rückkehr zum wesen heißt ewigdauern
ewigdauerndes kennen heißt klarheit
wer ewigdauerndes nicht kennt
wirkt blindlings zum unheil.

Wer dagegen "ewigdauerndes kennt", braucht nicht andauernd, muß nicht so vorsorglich haben, wird nicht die Flucht nach vorn antreten in die Pseudo­unsterblichkeit, denn er "umfaßt alles" und

wer alles umfaßt, gehört allen
wer allen gehört ist königlich
königliches gleicht dem himmel
der himmel gleicht dem Dau
das Dau gleicht der ewigkeit
wer dauert im Dau
taucht in die tiefe gefahrlos.

Was für eine Königsdefinition — als Bedingung fürs Überdauern formuliert! Ganz anders steht der egozentrisch befangene Mensch in der Welt. Und Wilber meint:

Die Menschheit wird diese Art mörderischer Aggression, von Krieg, Unterdrückung und Verdrängung, Anhaftung und Ausbeutung, nie — ich wiederhole, nie — aufgeben, ehe sie nicht den Besitz aufgibt, den man Persönlichkeit nennt — das heißt, ehe sie nicht zur Transzendenz erwacht. Bis dieser Zeitpunkt gekommen ist, werden Schuld, Mord, Eigentum und Person stets Synonyme bleiben.96

 

Das Gattungsdilemma ist also:  

Das Gehirn als Distanzorgan macht uns zur mächtigsten besonderen Ursache im Maßstab der ganzen Erdoberfläche und ihrer Atmosphäre. Diese Macht aber wird eben nicht von den allgemeinen Interessen der irdischen Evolution und des Erhalts ihrer Ergebnisse geleitet, sondern von unseren unmittelbaren, kurzfristigen Interessen und Willens­zielen.

Diese anthropozentrische, egozentrische Ausrichtung ist normal gerade unter dem Gesichtspunkt, daß sie sich genau entlang dieses unmittelbaren Zwecks entwickelt hat, uns als Selbst­behauptungs­instrument zu dienen. Aber in dieser Machtposition — die Sophokles schon aussprach, als wir noch keinen Bruchteil unserer heutigen Reichweite und Störkapazität besaßen, wo wir um unserer menschlichen Interessen willen eine planetarische Praxis entwickelt haben — kann es nicht gutgehen, wenn sie aus dem Parallelogramm der Ich-Kräfte heraus gesteuert wird. Das Ich erweist sich dann nicht nur spirituell als Gefängnis, sondern materiell als eine Rüstung, die den Helden in die Tiefe zieht. #

196-197

* (d-2015:) Ken Wilber bei detopia

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 Rudolf Bahro 1987 Logik der Rettung 500 Seiten mit Grafiken  DNB Buch 1990