Teil 3  

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   Richtung der Rettung  

Anmerk      Literatur   

 

 

1  "Logik der Rettung"

 

Was kann das heißen?    

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Wie ich es mit der Idee der Rettung halte, darüber habe ich mich schon am Schluß des I. Teils geäußert. Und vielleicht habe ich mit dem II. Teil davon überzeugt, daß es eine Logik der Selbstausrottung gibt und die rational herauszuarbeiten sich gelohnt hat. 

Aber Logik der Rettung? Wenn es doch der Verstand ist, der mit uns durch­geht, wenn doch gerade der abstraktionistische Charakter unserer Kultur ein zentraler exterministischer Faktor ist? 

Aber wie exakt ist es, zu sagen, daß der Verstand mit uns durchgeht? 

Ja, seine Entäußerung, die Mega­maschine, der tote Geist geht mit dem lebendigen durch, doch dem geht etwas voraus, nämlich, daß der Mensch mit dem Verstand durchgeht, wo er früher eher mit dem Gefühl durchzugehen pflegte. Schließlich sind Verstand und Gefühl keine wirklichen Subjekte, sondern Aspekte menschlichen Verhaltens, menschlicher Tätigkeit, und es ist eben die Verstandesform, in der wir unsere wie auch immer emotional motivierten Kräfte so überwältigend materialisiert haben.

Bei allen, die mit dem <New Age> möglichst billig und bequem davonkommen wollen — und aus verständlichen, dennoch nicht tragfähigen Gründen tun sich hier manchmal Frauen besonders hervor —, ist es Mode, sogleich über Kopflastigkeit zu klagen, wo überhaupt die Anstrengung des Gedankens verlangt wird. 

Demgegenüber will ich als selbstverständlich feststellen, daß es in der heutigen Wendezeit und bei all den Ausflügen in die Tiefenschichten unserer Psyche vor allem um die Qualifikation, und zwar um eine höhere Qualifikation des Denkens geht, besonders um einen höheren Freiheitsgrad des Denkens, um seine De-Auto­matisierung. Und in diesem Zusammenhang geht es um die lebensrichtige Einordnung des instrumentellen Verstandes (als einer Fakultät des Denkens) ins psychische wie ins soziale Ganze.

Denn einerseits scheitert soviel "nicht-logische" konkrete Betroffenheit — und nicht nur wegen ihrer häufig gleich­falls zu egozen­trischen, zu wenig objektivierten Motivation — an der Komplexität des entfremdeten sozialen Ganzen, dessen "Landschaft" sehr wohl kartiert sein will, wenn wir uns halbwegs in ihr zurechtfinden wollen. 

Andererseits bindet uns bloße logische Analyse, die sich als herrschend setzt, nur um so mehr an die Komplexität, die sie beschreibt. Es hängt eine ganze Futurologie daran, wieder und immer wieder das Bestehende für vernünftig zu halten, nur weil es sich als logisch ableitbar darstellt, solange die alten Prämissen gelten. Der wissenschaftliche Verstand regiert die technokratische Welt? Schon sind die Adepten von rechts und links dabei, aus diesem Faktum das Ideal einer Wissenschafts-, einer Informations­gesellschaft zu entrollen.

Verstand, Logik, Wissen als solche sind natürlich an gar nichts schuld — so wenig, wie das Messer an und für sich ein Mord­werkzeug ist. Bei dem rationalistischen Dämon liegt das Problem im Dämon, nicht in der ratio, in der er sich — oft nur allzu irrational — auszudrücken liebt! Es ist, wie wir sahen, eine ganz bestimmte, geschichtlich bedingte Subjektivität, die sich seit etwa 3000 Jahren immer suchtartiger in den instrumentellen Verstand hineinstürzt und ihn in ihr lebensschädigendes Macht­instrument verwandelt. Und eine Logik der Rettung fängt gerade damit an, dies festzuhalten, nämlich die Frage nach dem Subjekt des Exterminismus zuerst zu stellen und ihr bis auf den letzten Grund gehen zu wollen.

Ein theoretisches, d.h. in sich selbst notwendigerweise logo-zentrisches Buch gleich kopflastig zu nennen, könnte nur bedeuten, Theorie lassen zu wollen. Schöpferisches Denken kann so gut Lebensgenuß sein wie ein Liebesakt und muß dem nicht etwa entgegenstehen; das Leben hat viele Stunden. Freilich deformiert eine logozentrische Kultur, in der also das Ganze einseitig unter Verstandesherrschaft liegt, ihre Mitglieder von Grund auf. Aber wieso sollten wir darüber vergessen, daß der Mensch durch die Fähigkeit zu denken, auch abstrakt zu denken, ursprünglich ausgezeichnet ist?!

"Logik", d.h. ein nicht nur intuitives Herangehen, gehört also unbedingt dazu, wenn wir die Richtung der Rettung ausmachen und eine Rettungs­politik entwerfen wollen. Erst wenn man die Koordinaten der Lage kennt sowie Schicht um Schicht die Struktur der Herausforderung eingesehen hat, läßt sich analysieren, wo und wie eine Änderung einsetzen kann: bis hin zu einer Synthesis auf das Subjekt eines Rettungsweges hin.

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Es ist auch nützlich, einigermaßen begründet die Holzwege auszuschließen, die Sackgassen im Labyrinth zu sperren usw. usf. Ich denke, wir sollen dem Selbstlauf der Zivilisation, die sich als eben nicht von einer <Unsichtbaren Hand> zum Guten geführt herausstellt, mit einer neuen Idee begegnen, die die alte Idee berichtigt, welche offenbar diese exterministische Tendenz enthält.

 

Um aktive menschliche Subjektivität handelt es sich beide Male. Auch diese Mode, wegen der exterminist­ischen Macher jedes Machenwollen, pseudoesoterisch, als unstatthaft hinzustellen, ist absurd. Das Nichttun, das die alten Meister schon so lange empfehlen, meint Tun ohne ichbesessenen, süchtigen Tatendrang, fordert unsere Selbstkritik, wo wir zwanghaft schaffen müssen, wo wir nicht warten, nichts reifen lassen können und wo wir gegen den Lauf des Wassers statt mit ihm gehen.

Auch bedeutet, daß bei bisherigen "idealistischen" Investitionen in den Geschichtsverlauf oft nichts und häufig Schlimmeres herauskam, noch lange nicht, daß uns vor diesem Dilemma der menschlichen Existenz und Praxis nur die Rolle rückwärts bleibt. Neu herangereifte subjektive Kräfte haben das Recht, die sozialen Strukturen neu zu formen, den neuen Notwendigkeiten eingreifenden Ausdruck zu verleihen. Grundgestörte Verhältnisse ohne Eingriff weiterlaufen zu lassen, anstatt das Ganze neu zu gestalten, setzt indirekt voraus, daß man dem schlechten Status quo die Würde des ursprünglichen harmonischen Zustands zuschreibt, der nicht durch willkürlichen Eingriff gestört werden darf.

Wenn Fichtes "Handeln, handeln, handeln, das ist es, worauf es ankommt" jemals galt, dann jetzt angesichts der immer rascheren Umdrehung der Todesspirale. Wie zu handeln ist, aus welcher inneren Verfassung, aus welcher Einstellung zur allgemeinen und zur menschlichen Natur — das allerdings ist die Frage. Es kann durchaus die wichtigste Handlung sein, die subjektiven Voraus­setzungen für adäquates Eingreifen zu schaffen. Gegenwärtig ist der subjektive Faktor ganz und gar entscheidend, weil es gar nichts mehr bringt, aus den alten Grundeinstellungen heraus auf die immer wieder neuen Handlungsanlässe zu reagieren, die uns die durchgegangene Zivilisation bietet.

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Aus diesem Grunde muß sich jetzt unser logisches Bemühen viel mehr auf uns als die letzte und eigentliche Ursache richten als auf die von uns geschaffene Welt, die doch nur der objektive Spiegel unseres Gestörtseins ist. Es handelt sich letzten Endes um ein Ensemble, ich komme gleich noch darauf zurück. Subjekt und Objekt entsprechen einander natürlich, bilden ein nur sekundär-analytisch aufspaltbares System. 

Aber erst einmal ist die Akzentverlagerung wichtig. Übrigens gibt es kaum etwas logisch Scharfsinnigeres als die subjekt-zentrierte Erkenntnistheorie der Buddhas, wie man etwa an Tarthang Tulkus <Raum, Zeit und Erkenntnis> sieht. Schriften des Dalai Lama sind sogar herausgegeben worden unter dem Titel <Logik der Liebe>. Kurzum, die Logik ist und bleibt einfach allgemeingültiges Werkzeug unserer Denkkraft, kein Weitergehen wird ihre immer differenzierteren Kalküle entwerten. Außerdem ist sie eine Errungenschaft unseres Bios, der sich erst später mit ihr in sein labyrinthisches Gefängnis eingesponnen hat.

Auf der anderen Seite sind alogische (nicht antilogische), arationale (nicht antirationale) Praktiken, deren Einsatz logisch bzw. begründbar ist (wie bei der Bioenergetik, der transpersonalen Psychologie, dem Tantra, der Meditation) heute deshalb so wichtig, weil sie dazu dienen, dies Ge- und Befangensein aufzulockern, die festen Besetzungen und automatischen Verknüpfungen in unserem Biocomputer aufzulösen oder zu relativieren, mit denen wir auf die tödliche Automatik der Megamaschine festgelegt sind. Sie eignen sich, unserem natürlichen körperlichen Potential (einschließlich der Großhirnrinde!), das weitgehend von der Megamaschine besetztes Territorium ist, einen Freiraum zu verschaffen. Denn der automatisierte Teil unseres Willens verursacht die unfreie Reproduktion der bestehenden Zustände, behindert und blockiert mit seinen vorurteilsvollen Zwecken unsern eigentlichen Daseinszweck, macht uns zu Robotern der exterministischen Kultur, wo wir Schöpfer einen neuen, biophilen sein sollten und könnten.

In dieser Perspektive weist uns die Logik der Rettung den Weg der Wiederannäherung an den Logos als das natürliche (göttliche) Bewußtsein, das mit dem menschlichen Bios gegeben ist. An sich ist der Logos Bios, ist er dessen intelligible Seite. 

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In erleuchteten Momenten ist unser Denken nicht von ausgedachten Zwecken erfüllt, sondern vom Logos des Lebens. "Und vor dem Willen schweigt die Willkür stille", heißt es für solche Fälle in Goethes "Urworten orphisch". Eine Logik der Rettung würde also verlangen, uns bewußt solche Momente zu schaffen, in denen wir bis in unseren Denkapparat hinein offen für die Botschaft des Seins sind. Daraus wiederum folgt logisch die Forderung, eine soziale Verfassung zu finden, in deren Rahmen sich derartige Erfahrung für alle "von selbst" ergibt, weil der Weg dahin Bestandteil der allgemeinen Erziehung ist, die Aufhebung der sozialisations­bedingten Fixierungen dann also zur bis ans Lebensende unvollendeten Sozialisation gehört.

 

Allerdings ist nahezu die gesamte spirituelle Tradition naiv individualistisch. Indem sie die gesamte gesell­schaft­liche Wirklichkeit gern zur Illusion erklärt oder ignoriert, erweist sie sich in der Regel als unfähig, gesellschaftliches Bewußtsein zu organisieren. Man stelle sich einen Ameisen-Buddha vor, der das objektive Gehirn seines Staates, die Königin, für irrelevant erklärte. Sehr viele Meister haben ihren subjektiven freien Geist prinzipiell überschätzt. So führt der Buddhismus in seiner edelsten Figur, dem Avalokiteshvara, "der den Schrei der Welt hört", zu dem Paradox, daß er nie in das so ersehnte Nirwana eingehen kann, weil der Dienst an der Erlösung aller fühlenden Wesen eine Sisyphusarbeit ist, die nicht enden kann.

Allzu viele Individuen finden gar keine Startbahn für den Aufstieg zu Gott. (Thomas Müntzers letzte Motivation, den deutschen Bauernaufstand anzuführen, ist ja gewesen, ihnen die zu verschaffen.) 

Lewis Mumford hat nur allzurecht, wenn er es kritisch den axialen (d.h. allen Religionen der Achsenzeit gemein­samen) Allerweltsglauben nennt, "daß das Heil des Selbst unabhängig von der Wohlfahrt der Gesellschaft gesichert werden kann, oder zumindest unter ›Ausschluß der Öffentlichkeit‹ hier wird ›menschlich‹ fälsch­licherweise mit ›privat‹ identifiziert". 97

Was meinen diese unpolitischen Leute (da doch der Mensch zoon politikon ist, indem er in Gesellschaft lebt), wenn sie zugleich den esoterischen Grundsatz wiederholen, "wie Außen so Innen, wie Innen so Außen"? Kann man diese Entsprechung behaupten, um sie zugleich zu ignorieren, wenn es die soziale Welt betrifft? Wir haben es hier mit einem kurzschlüssigen Verfahren zur Vereinfachung der realen Komplexität zu tun. Mehr als ein bißchen Privatmagie wird dabei in der modernen Welt nicht herauskommen.

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Der französische Marxist Lucien Sève hat sich den Unfug geleistet, ein ganzes Buch98 lang den Menschen als "außenmittiges Wesen" zu feiern. Aber die Marxsche Formel vom Menschen als Ensemble der gesell­schaft­lichen Verhältnisse, die Sève ad absurdum führen zu wollen scheint, bleibt zutreffend, auch wenn Marx selbst die Wahl- und Entscheidungsfreiheit des Individuums nicht genügend gegen die Vulgarisierung seiner These geschützt hat, die entsteht, wenn sie auf den Einzelnen statt auf die Gattung bezogen wird. 

Es sollte offensichtlich sein, daß der Menschengeist im sozialen Ensemble funktioniert. Wenn wir jeden sozialen Verband nur unter dem Gesichtspunkt der Korruption seiner Mitglieder betrachten und das Entfremdungs­moment der Assoziation absolut setzen, landen wir bloß wieder bei dem Stirnerschen Einzigen in seinem Eigentum, der symptomatisch war und ist, sonst aber nichts.

Der spirituelle Individualismus ist der schwächste Punkt fast aller der fernöstlichen Traditionen, worin sie sich nachteilig von dem Christusimpuls unterscheiden und mit der Anomie der spätbürgerlichen Gesellschaft korrespondieren. Diese Haltung hat schon von vornherein die Kapitulation vor der Bewußtlosigkeit des historischen Gesamtprozesses bedeutet. Indessen geht es gerade darum, das soziale Ensemble so zu vergeistigen und so transparent zu gestalten, daß das individuelle Bewußtsein sich zugleich als dessen Mikrokosmos erkennen und erleben kann, ohne in einem Kollektivismus unterzugehen. Gerade die geistlich bewußtesten Menschen haben die Pflicht, sich auch politisch zu konstituieren, und zwar in dem hohen Sinne, den zuletzt Hannah Arendts Denken dem Begriff des Politischen gegeben hat.

In allen vormodernen Hochzivilisationen verstand sich das von selbst. Sogar die Lehre Buddhas hat einen großen Kaiser inspiriert. Unser ganzes Mittelalter stand — bis in das Scheitern seiner Ordnung hinein — im Zeichen einer Gottesstaatsidee. Das Religiöse war zutiefst politisch, alles Politische war wenn nicht religiös motiviert so doch wenigstens auf religiöse Rechtfertigung angewiesen. Übrigens genauso ist es in den Ländern mit sowjetischem System, wie sich jetzt an der Regeneration des kommunist­ischen Glaubens in der Sowjetunion zeigt.

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Wenn Hegel und Marx in einer Sache recht hatten, dann in ihrer Überzeugung, daß die Menschen dahin kommen müssen, ihren historischen Gesamtprozeß mit Bewußtheit zu machen. Kurzum, der Selbstlauf der Geschichte, die blinde Mitwirkung der menschlichen Akteure in einem nicht ihrem Willen unterliegenden "Parallelogramm der Kräfte", die Lenin später (ohne damit die psychische Impulsivität zu meinen) "Spontaneität" genannt hat, bringt uns um. Den Markt, der uns hat, regeln die Automatismen ja vielleicht ausgezeichnet, abgesehen von der Kleinigkeit, daß die Summe suizidal ausfällt. Wir müssen uns dazu befreien, eine neue Gesamtentscheidung treffen zu können und zu wollen.

Der eigentliche Gegenstand der neu aufkommenden Spiritualität, an dem sie sich wird bewähren müssen, ist nicht die persönliche Heiligkeit, sondern der persönliche Beitrag zur Herstellung einer guten, einer wieder heiligen Gesellschaftsordnung: einer Neuinstitutionalisierung, wie sie heute nötig ist, wenn das menschliche Gattungsleben auf der Erde weitergehen soll. 

Und der Zugang, über den sich die <New-Age>-Bewegung das zu erschließen beginnt, ist das Gaia-Konzept. Es bedeutet, der Mensch muß sich statt nur mit seinem Ich mit der ganzen belebten Erde identifizieren und von dorther denken. Da aber das Ich seinem Wesen nach abgrenzend gegen die übrige Welt verfährt, braucht der Mensch ein nicht egozentrisches Selbstkonzept, das — "wie innen, so außen" — dem Gaia-Konzept entspricht.

Eine Erde heißt erst einmal eine Menschheit, denn nur durch deren planetarische Praxis — freilich nach dem beschränkten Modell des Weißen Mannes — stellt sich überhaupt das Problem "Gaia". Der Punkt, in welchem sich die Menschheit auf ihre Einheit hin institutionalisieren muß, ist gewissermaßen der höchste Lotos der Rettungslogik: Bringen wir ein Weltregiment zustande, bei dem göttliches Licht, Licht einer göttlichen Gerechtigkeit von oben nach unten tropft wie die Töne einer Bach-Toccata pfeilerabwärts von den Kreuz­gewölben?

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Das Allerheiligste, um das sich die Menschheit versammelt, kann — wie der Gral unserer Rittermystik — nur ein Symbol für die Würde allumfassender Bewußtheit sein, in der die Menschen potentiell alle eins sind, eine Inkarnation ihres einigen körperlich-seelisch-geistigen Potentials, das von sich aus zur Erleuchtung, d.h. zur Überwindung aller ichbesorgten Verhaftungen unterwegs ist. Die Ausbreitung einer solchen Bewußtheit ist die Bedingung einer rettenden Neuinstitutionalisierung. Es war wieder Lewis Mumford, der schon 1956 in seiner "Transformation of Man" versucht hat, einen entsprechenden "rationalen Mythos" zu entwerfen. Nur auf einen Menschheits­mythos dieser Art kann sich ein "gäanisches" (dem Leben auf der Erde verpflichtetes) Ethos gründen, das dann auch politisch trägt, nämlich eine Weltregierung ohne anderes Machtkalkül als das der notwendigen Selbstbegrenzung unserer Gattungspraxis auf einem endlichen Planeten.99

Auch theoretisch ist die Gaia-Hypothese bei weitem nicht bewältigt. Etwa Peter Russels filmische Vision von der erwachenden Erde, eine Vulgarisierung Teilhard de Chardins, den schon Mumford in diesem Punkt sehr in Frage gestellt hatte, fetischisiert unseren Planeten. In der Idee eines global brain, eines planetaren Gesamthirns, triumphiert schon wieder die Termitenkönigin. Bis in die künstlerischen Mittel korrespondiert der Film mit den technokratischen Phantasien der Buckminster Fuller und Alvin Toffler, die alle von der "Informationsgesellschaft" statt von einem Reich des Menschen ausgehen. Dennoch existiert die Heraus­forderung des "planet management", auf die Russell schnell seine konventionelle Antwort gegeben hat, und es ist wahr, daß die traditionelle individualistische Meditationspraxis keine Aussicht hat, auch nur den Zipfel dieses Problems zu erwischen.

Das menschliche Selbst ist und bleibt individuell, weil jede(r) von uns genotypisch einmalig ist. Aber es identifiziert sich mit dem Ganzen, indem es sich als Mikrokosmos begreift und erfährt. Das Selbst ist nicht individualistisch. Es muß aber diese Identifikation mit dem Ganzen und insbesondere mit Gaia als der Repräsentantin des Kosmos auf allen Ebenen menschlicher Aktivität vollziehen. 

Nirwana ist nur eine Ebene, die des zuletzt wiederzugewinnenden archaischen Einsseins in einer neuen, höheren Qualität. Wenn das rationale Ich schon zu dem Schluß kam, daß die Wahrheit konkret ist, wieso sollte das integrale Selbst dahinter zurückfallen? 

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Alle Überwindungen sollten Aufhebungen nach vorwärts und aufwärts sein. Weil wir bestimmte Entwicklungs­stufen hinter uns gelassen haben, ohne ihren Reichtum zu integrieren, sind zwar Regressionen notwendig. Aber sie sollten als partielle verstanden und praktiziert werden, und bei fortgesetzter Aufklärung (was wiederum nicht bedeutet, keinerlei Risiko einzugehen und dem Zurücktauchen nicht seine Stunde, seinen Tag oder auch seine Woche, seinen Monat, sein Jahr zu lassen). 

Wir in Europa könnten uns daran erinnern, daß Parzifal wirklich König werden sollte. Gralskönig, allgemeiner Repräsentant, verantwortlich für das allgemeine Heil, und daß es die höchste Idee von der bürgerlichen Gesellschaft war, diese Verantwortung jedermann zuzudenken, und jeder Frau dementsprechend die Rolle der Königin. So war es bei Fichte gemeint, so bei Shelley. Dessen "Republik der Könige", dieses Idealbild der west­lichen Sozialverfassung, muß dann heute konsequent spiritualisiert werden. Denn pluralistisch konkurrierend, wie die Vorstellung sonst bloß ausfallen könnte, werden ein paar hundert Millionen oder gar fünf Milliarden Könige und Königinnen keine gute Gesellschaft stiften. Das geht nur, wenn sie sich als Ausflüsse eines evolutionären Gefäßes begreifen und erfahren lernen, eines Grals, einer Idee vom Menschen.

 

         Ist Politik noch politisch genug?           

 

Die Logik der Selbstausrottung macht vor allem deutlich, was alles nicht geht oder wenigstens nicht ausreicht. Ein rettender gesellschaftlicher Wandel setzt nicht mehr und nicht weniger als eine Verwandlung des Menschen, des menschlichen Selbst voraus. Unter diesem Gesichtspunkt müssen auch alle Eingriffe, die auf weiter oben liegenden Ebenen als der conditio humana nötig sind, gesehen werden. Und eine neue Politik fängt mit dem neuen Menschen an. Dies Neue ist nicht ein anderer Genotyp, sondern eine andere Bewußt­seins­struktur.

In Zeiten epochalen Wandels ist daher eine Praxis der Transformation, der Selbstverwandlung des Menschen die grundpolitische Angelegenheit. 

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Kurt Biedenkopf, so war vor seinem Sturz als CDU-Vorsitzender in Nordrhein-Westfalen in den Zeitungen zu lesen, müsse abgelöst werden, weil er "im Kern seines Wesens ein unpolitischer Mensch" sei. Was für ein unbeabsichtigtes Kompliment! Gerade der Überschuß in dem durchaus auch konventionellen politischen Verhalten des "Professors" disqualifiziert ihn für die Parteiarbeit — falls dies nicht die Partei disqualifiziert, die in einer solchen Zeit auf Sekundärtugenden setzt, wie sie sich hinterm Postschalter, am Biertisch und im Karnevalklüngel bewähren.

Was bei uns als Geschäft der Politik übriggeblieben ist, betrifft das geringfügige Modulieren gegebener Machtverhältnisse, die sich nach nichtrationalen Kriterien verändern, heute allerdings auch vermehrt durch den Zusammenstoß mit den Grenzen der Erde. Je "repräsentativer" die Demokratie ist, desto stärker bleibt die Politik den unmittelbaren und kurzfristigen Interessen verhaftet, während sich die wesentlichen Prozesse und Entscheidungen jenseits der politischen Sphäre vollziehen.

Freilich ist dies eben in Wahrheit bloß die Sphäre der Politikasterei. Auf die Gestaltung der sozialen Wirklichkeit und ihres Naturverhältnisses zielt sie erst gar nicht ab. Sie ist, wie ich noch näher zeigen will, dafür weder eingerichtet noch eingeordnet. Wir überlassen unser Schicksal dem blinden Spiel weitgehend anonymer Kräfte, die keinen anderen Gesetzen folgen als der Partiallogik ihrer erweiterten Reproduktion. Sollte es auch darin noch eine letzte List der Vernunft geben, so erscheint sie gerade im exterministischen Output, der uns empirisch belehrt, daß dieses Ganze falsch läuft.

Das installierte politische Geschäft hat gar keine anderen Mechanismen als das Reagieren auf Krisensymptome, die einen "Handlungsbedarf" setzen. Die entsprechende Realpolitik geht niemals an die Ursachen, die die Geschwüre hervortreiben. Die ökologische Krise hat bisher noch nicht vermocht, auch nur einen politischen Faktor unserer Gesellschaft dazu zu bringen, wenigstens auf der ersten Ursachenebene, der Ebene des Industriesystems, des Komplexes von Wissenschaft-Technik-Kapital, eingreifen zu wollen, d.h. dort etwas von der Schubkraft auszusetzen, die die Symptome erzeugt. Alle diese Betrachtungen über die nunmehr nötige "Forschungs- und Technologiefolgenabschätzung" sind geradezu blamabel betriebsblind angesetzt. 100)

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Bis zur zweiten Ursachenebene, der der Kapitaldynamik, waren die sozialistischen und kommunistischen Intellektuellen mit ihrer Analyse der sozialen Übel, nicht allerdings der ökologischen Krise, vorgestoßen. Auch ihre Strategie versagt aus vielerlei Gründen, die ich hier nicht rekapitulieren will. Insbesondere gibt es jenes proletarisch-revolutionäre Subjekt nicht, das sie unter ihrem Kommando assoziieren wollten. Wenn auch nur im Prinzip so eine Tektonik exterministischer Tendenzen existiert, wie ich sie skizziert habe, dann ist der Zugang zur Wirklichkeit über die Kapitalanalyse weder breit noch tief genug.

Es ist das Grundproblem jeder materialistischen Philosophie, daß sie bei der Phase des "objektiven", des projizierten Geistes anhebt, daß sie — mit anderen Worten — nicht anthropologisch vorgeht. Ich habe den II. Teil über die Logik der Selbstausrottung nur deshalb so aufgebaut, daß die Darstellung von den exterministischen Symptomen zur conditio humana fortschreitet, anstatt mit der letzteren zu beginnen, um dem Erkenntnisweg von der Erscheinung zum Wesen zu entsprechen und all die Probleme vorher zu Wort kommen zu lassen, die bei einem unmittelbar anthropologischen Darstellungsansatz im Kopf des Lesers intervenieren: Warum redet er so allgemeinplätzlich vom Menschen, während es doch um so konkrete Probleme wie die Verhinderung des nächsten Waffensystems, die nichtatomare Energieversorgung geht? Dabei läuft diese Gebetsmühle in Wirklichkeit völlig leer, es führt zu gar nichts, immer wieder die wachsenden Problemhalden zu besichtigen und folgenlos nach Lösungen zu rufen, die in dieser Matrix gar nicht gefunden werden können. Entscheidend ist die Blickwendung zur Innenseite derselben Probleme, hin zu den Triebkräften des exterministischen Ausstoßes von Wissenschaft-Technik-Kapital.

Jedenfalls ist klar, daß die Vorgänge auf den ersten beiden Ursachenebenen (Industriesystem und Kapitaldynamik) keineswegs bis zu Ende erklären, was sich an der Oberfläche als exterministischen Symptomatik zeigt. Und selbst auf diesen drei Ebenen zusammen, wo es sich auf den ersten Blick um materielle Faktoren handelt, wo also die stoffliche Seite in den Vordergrund tritt, ist es in Wirklichkeit ein struktureller, d.h. ein informationeller, ein geistiger Zusammen­hang, der den Prozeß bestimmt. Die Megamaschine samt Banken und Bürokratie ist in erster Linie toter Geist.

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Die Analyse der Selbstausrottungslogik läßt sich für die ersten drei Kapitel (des vorigen II. Teils) in die Aufgabe zusammen­fassen, die Megamaschine zu stoppen. In ihrer Negativität ist dies natürlich eine vorläufige Feststellung. Aber auch sie bedeutet vor allem die Forderung nach einer Bewußtseins­veränderung größten Stils, und zwar nicht nur auf der individuellen, sondern auch auf der sozialen, institutionellen Ebene. Schon der innere Abschied von unserem zivilisatorischen Fundament wird nur real sein, wenn das soziale Kollektiv ihn auch wirklich vollzieht. Desidentifizierung etwa vom Auto und von der Autobahn ist in der paulinischen Manier des "Haben, als hätte man nicht" auf die Dauer nicht zu machen, so sehr sie notwendig damit beginnt.

Nun stellt aber die Megamaschine ganz offenbar die progressive Lösung früherer Widersprüche der menschlichen Existenz dar, und ihre Rationalität ruht hier und jetzt auf tieferen, weniger oder nicht rationalen Schichten bzw. Zuständen des Bewußtseins auf. 

Deshalb kann eine Analyse, die ihren Schwerpunkt und ihre ultima ratio in den Produktionsverhältnissen und im Klassenkampf findet, nicht bis zu den letzten Wurzeln unseres Dilemmas vordringen. Die Konfliktstoffe der drei unteren Ebenen meines Exterminismusmodells sind wenn nicht aktuell gewichtiger, so doch bedeutungsvoller als die durch ihre gemachte Materialität so imponierenden Produktionsverhältnisse und (technischen) Produktivkräfte und deren physisch verheerende exterministische Effekte. Also ist die Aufgabe, das patriarchale Ego zu stoppen, in die sich die Analyse der Selbstausrottungs­logik für die letzten drei Kapitel des II. Teils wiederum erst einmal negativ zusammenziehen läßt, auch ausschlaggebend für den Stop der Megamaschine.

Es folgt also eine Logik der Rettung keineswegs den exterministischen Extremen auf der Spur. Auf der Symptom­ebene (und das ist jede "höhere" im Vergleich mit jeder "tieferen") wird meist viel zu viel Energie verausgabt, und auf der Ebene, woher der Schub kommt, viel zu wenig. Eine grüne Politik entlang der Symptome ist anfänglich effektiv für die Bewußtseinsveränderung gewesen, weil sie erst einmal die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Schadwirkung des Industrie­systems richten mußte.

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Jetzt aber käme es darauf an, über das Puzzle der Horrormeldungen hinauszukommen, die Erkenntnis auf den Zusammenhang aller dieser Phänomene zu lenken, so daß die Bereitschaft wächst, einen Summenstrich zu ziehen und eine gesamtgesellschaftliche Veränderung zu denken. Nun geht es um die Lockerung der psychologischen Verankerungen im Status quo. Nicht mehr mangelnde Kenntnis der Gefahren ist das Hauptproblem, sondern die Schwellenangst vor Veränderungen, die tief in die privaten und öffentlichen Gewohnheiten einschneiden werden.

Im Stadtrat von Worms sprach ein alter Mann, der dort für die CDU Mitglied ist, deshalb gegen den Ausstieg aus dem Atomkraftwerk Biblis, weil er, wie er sagte, überhaupt und in jeder Hinsicht und gegen jede Art von Ausstieg und Chaos sei. Er hat das Ressentiment und die Angstneurose ausgesprochen, die nicht nur noch ganz andere, mächtigere Leute, sondern letzten Endes immer noch die nunmehr atomausstiegsgeneigte Mehrheit bewegen, gleichwohl an dem alten Gesamtkurs festzuhalten. Demgegenüber ist eine Abschalt­demonstration in Biblis, das mit den Arbeitsplätzen ganz von dem AKW-Ungeheuer abhängig gemacht worden ist, nur anders herum eine ähnlich bewußtlose Kundgebung. 

Am gleichen Wochenende, an dem wir dort um die 20.000 waren, kamen um die 250.000 Menschen nach Worms, um einen Rheinland-Pfalz-Tag zu feiern. Gewiß nicht alle davon hatten die Wolke von Tschernobyl vergessen. Man sieht sich versucht, sie empört daran zu erinnern. Aber in welcher Richtung wirkt dieser Krafteinsatz? Zwar wird das an der wahrscheinlich meist ablehnenden unmittelbaren Reaktion auch nicht endgültig ablesbar. Spüren jedoch können wir immer mehr, daß auf diese Art nichts Entscheidendes passiert.

Oder nehmen wir die Frage der Tierversuche. Da gibt es seit mehr als hundert Jahren einen Kampf gegen die unglaubliche und unerträgliche Praxis der Vivisektion und ihrer Seitentriebe — in der Hoffnung, auf diesem Felde sogar das "gesunde Volks­empfinden" für eine gute Sache mobilisieren zu können. 

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Doch aus den Gründen, die mit der Gesamtstruktur der Megamaschine gegeben sind und sich von der europäischen Kosmo­logie bis zu den Pharmaprofiten, von der Bereitschaft des Menschen, Lebendiges zu quälen bis zu unserem Unverhältnis zum Tode, von der Profilsucht des Wissenschaftlers bis zur Genehmigungs­bürokratie des Staates zu einem einzigen Knoten schürzen, vermehrt sich die Zahl der Gepeinigten unentwegt, so daß es jetzt hunderte Millionen jährlich sind. 

In Wirklichkeit reicht das "gesunde Volksempfinden", abgesehen von Einzelfällen besonderer Sensibilität, nie weiter als bis zur Ablehnung "unnötiger" Tierquälerei und nie hinab bis zu den Wurzeln ihrer psychologischen Möglichkeit in unserer Kultur. Nur ganz wenige wissen, daß es unvereinbar mit der menschlichen Würde ist, Schlachthäuser zu unterhalten und Tiere überhaupt als Sklaven zu behandeln und zu vernutzen. Hier stoßen wir dann auf denselben untergründigen Widerstand wie in den anderen Ausstiegs­fragen, nur noch verstärkt, weil der Gegenstand noch sensibler, die abzuwehrende Schuld schwererwiegend, die Sklaverei der Tiere so viel älter und gewohnter ist.

Wahrscheinlich werden alle diese brennenden Fragen nur jenseits der Konfrontation zwischen so oder so "Betroffenen" lösbar, in der die Skandale zwar aufgedeckt, aber nur selten bewältigt werden können, weil alles von der Problematik ihrer verletzten (oder bedrohten) Ich-Interessen überlastet ist. Was umgekehrt nicht etwa für die "Sachlichkeit" der Experten sprechen soll. Die haben es ja nun leicht, durch den gerade noch offiziell gültigen wissenschaftlichen und bürokratischen Kodex gedeckt, um so selbstbeherrschter egozentrisch zu sein. Noch die Fragen von Tod und Leben werden dem Wechselspiel der egozentrischen Konfrontation untergeordnet. Niemand darf eine Debatte, niemand darf "sein Gesicht verlieren".

Die für die ökologische Krise typischen Probleme erweisen sich als unter den gewohnten Verkehrsformen schwer behandelbar. Es käme nur dann genügend positive Energie für ihre Lösung zusammen, wenn Menschen fähig wären, über den Schatten ihrer unmittelbaren Interessen zu springen und ihre neurotische Maskierung verletzen zu lassen. Sonst wird der Zweck, um den es geht, wie üblich zum Spielball kleinlicher parteiischer Interessen, wie es von der Anlage des politischen Lebens schon ohnehin nahegelegt wird.

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Die Lebensschutzangelegenheiten, die in der Regel eine besonders hohe emotionale Ladung anziehen und sie auch brauchen, um die technokratische Hornhaut zu durchdringen, verlangen uns hier eine hohe psychologische Kulturleistung ab. Gerade das "alternative" Ego, das sich doch auch aus Selbst­verwirklichungs­motiven engagiert, muß schon um der Sache willen, die befördert werden soll, die Toleranz aufbringen, den psychologisch ähnlich funktionierenden Gegner menschlich gelten zu lassen. Dies ist ein weiteres Argument dafür, mit der eigenen Subjektivität zu beginnen.

Wohl dreht sich ökologische Politik solange sie nur unmittelbare Gefahrenabwehr und Zeitgewinn für eine Umkehr der Seelen sein soll, darum, die Megamaschine anzuhalten, d.h. eine Menge exterministischer materieller Prozesse mit Gewalt zu stoppen (ich darf vielleicht daran erinnern, daß auch das Gesetz, daß auch die Staatsgewalt — Gewalt ist). In der Achse eines Rettungsweges aber steht die Aufgabe, das patriarchale Ego anzuhalten. Die ist natürlich mit dem aus didaktischen Analogiegründen vorerst zweckmäßigen Blockadevokabular ("Stoppen") noch nicht gut getroffen. Selbst der Stop der Megamaschine ist Notstandspolitik. Die reicht genau so unvermeidlich wie der von "unten" arbeitende Prozeß der Bewußtseins­veränderung, der Auflösung der ego-anthropozentrischen Grundhaltungen noch nicht wirklich an die Erforder­nisse der Lebensrettung und Zukunftssicherung heran.101

Von unten nach oben, von der conditio humana bis hinauf zu den exterministischen Symptomen gelesen, verlangt die Logik der Selbstausrottung nach einer Antwort, die nur auf eine "Politik des Bewußtseins", d.h. der Bewußtseinsveränderung und -selbstveränderung hinauslaufen kann. Genauer gesagt, ist das eine Politik der Bewußtseinsrevolution, der wir uns anvertrauen müssen, und Bewußtheit, d.h. ständiges waches Hinsehen, was wir eigentlich alltäglich leben und machen, ist der Weg. 

Mystische Versenkung — ich werde weiter hinten noch berühren, warum — ist ein Moment des Weges, nicht er selbst. Das jahrtausende­lange Erleuchtungs­streben ist ein Ferment, das in allen Hochkulturen mitspielt, aber nicht auf die Lösung akuter Probleme zielt, sondern nur indirekt dazu beitragen kann, indem die Erfahrungen des "Einsseins" die Bildung initiativer Gruppen erleichtern und die Freiheit unbefangenerer Einmischung, kreativen Entwerfens neuer sozialer Zustände fördern mag. Auch dafür kandidieren nicht alle Mystiker.

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Es gab immer einerseits die sogenannten "Stillen im Lande", auf die auch jetzt nicht zu rechnen sein wird, wenn sie sich nicht aufraffen, über die kontemplative Frömmigkeit hinauszugehen. Und es gab andererseits die aktiven Geistrevolutionäre wie Meister Eckhart, Thomas Müntzer, Johann Gottlieb Fichte (ich meine den Typus — keine dieser Gestalten träfe so, wie sie war, den jetzigen Augenblick, obwohl die Fichtesche Kombination von Versenkung und Handlungsbereitschaft der Psychologie sehr nahekommt, mit der allein wir aus der Sackgasse der Zivilisation herausfinden können).

Die Bewußtheit, von der ich sprach, meint vor allem auch konkretes Wissen um unsere Verhaftungen auf allen Ebenen der Selbstausrottungslogik, meint das Engagement für konkrete Schritte geistiger und praktischer Befreiung daraus. Eine ökologische Rettungspolitik kann offensichtlich weder allein von den exterministischen Symptomen noch allein von den individuellen Strukturen ausgehen, sondern wird sich gegen das Patriarchat, für eine neue Balance in den Geschlechterbeziehungen; gegen den Kolonialismus und Imperialismus der weißen Zivilisation, für den Rückzug aus allen Eroberungen; gegen den Kapitalismus, für eine domistische* Ökonomie im eigenen Land und für die Welt; gegen die industrielle Megamaschine, für eine soziale Wiedergeburt auf kommunal-kommunitärer Basis einsetzen.

Aber die konkreten Alternativen auf allen diesen Ebenen werden sich nicht als isolierte Einzelprojekte entfalten, sondern als integrierte Teile einer zusammen­hängenden Antwort, eben eines neuen Kulturentwurfs. Dieser Entwurf wird aus der Assoziation von Menschen zu Gemeinschaften mit in sich einiger spiritueller Vision hervorgehen. Selbstverständlich werden das viele verschiedene Anläufe sein, die im einzelnen zunächst scheitern mögen. Aber nur dort, wo es so eine Vision im Mittelpunkt des Projektes gibt, kommen wir über das multilaterale Machtspiel der Individualistinnen hinaus, das, dem der souveränen Staaten nur zu ähnlich, die üblichen Wohngemeinschaften am Pflasterstrand kennzeichnet.

* = hauswirtschaftliche Ökonomie, nach Horst von Gizycki bei Detopia , etwa in seinem Buch 1983

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Ein vielfältiges Archipel solcher kommunitären Projekte, wo wir Weltveränderung und Selbstveränderung in einem neuen Alltagsleben vereinigen können, gleichzeitig aber aktiv auf das allgemeine Bewußtsein und Lebensgefühl ausstrahlen und Vorschläge für eine neue Gesamtpolitik bereithalten, ist das nächste Ziel, oder ist der nächste Schritt über die New-Age-Kultur der Wochenenden und Urlaube einerseits, über die grüne Kultur der Freizeitpolitik andererseits hinaus. Einen anderen gesellschaftlichen Zusammenhang als den der bürgerlichen Gesellschaft für uns zu schaffen, ist von gleicher Wichtigkeit wie die Praxis der Selbstfindung in den thera­peut­ischen und spirituellen Gruppen.

Das soziale Ganze wird am ehesten von den Wurzeln aufwärts, von der conditio-humana, von der Verwand­lung der Subjekte, von der Veränderung ihrer Selbstauffassung und Befindlichkeit, von ihrem Aufstieg in eine andere Bewußtseinsverfassung her heilbar sein. In größerem Umfang Bedingungen zu schaffen, die das begünstigen, wird die effektivste Intervention auch zugunsten all der spezielleren Engagements und Eingriffe sein, die die ökologische Krise verlangt.102

 

Das Geheimnis einer wirklich richtungsändernden Initiative ist ja immer eine Richtungsänderung im Menschen. Die Megamaschine und das Imperium des Weißen Mannes treiben jetzt immer mehr Einzelne dazu, über ihre bisherige Existenz hinausgehen zu wollen. Ihr Zusammenfinden an einem neuen "Ort" wird die natürliche Konsequenz sein.

Sie bedeutet auf keinen Fall politische Abstinenz, womit wir, Innen und Außen auseinanderreißend, nur verleugnen würden, daß wir eine Welt realer Strukturen aufgebaut haben, die in ihrem Selbstlauf übermächtig sind und uns ungeachtet ihrer fundamentalen Abhängigkeit von uns als ihren Schöpfern überrollen können, wie subjektiv geläutert wir uns immer fühlen mögen. Was die verselbständigten Mächte des Patriarchats und seiner Wissenschaft, des Weißen Imperiums, des Kapitals und der Megamaschine in ihrer trägen Fortbewegung anrichten, holen wir mit keiner Nabelschau des Ichs wieder ein und zurück.

Wir mögen uns auf den Standpunkt stellen, daß auch das Ich eine Illusion sei, die wir fallen lassen sollten (und es spricht viel dafür, dies müßte ein Pol der neuen Bewußtseinsverfassung sein). Aber das Ich ist uns gar nicht mehr so absolut verfügbar, es ist zumindest auch in allen diesen von uns entäußerten Objekten und Strukturen ein zweites Mal real geworden. 

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Diese Selbstentfremdung ist eben nicht bloß Illusion. Auch die als so problematisch erkannte Angewohnheit, Subjekt und Objekt einander gegenüber­zustellen, ist mehr als eine falsche Wahrnehmung. Kein eingebildeter oder tatsächlicher Erleuchtungszustand konnte etwas ändern an der Wolke von Tschernobyl. Es werden keine "Auserwählten" verschont bleiben. Und welche Tatsachen auch immer dahinterstehen mögen, wo wir glauben oder wissen, es gäbe etwas über dieses eine Leben hinaus, so setzen auch die wunderbarsten esoterischen Phänomene die Existenz der Menschheit voraus. Sie sind ein hoher Luxus, den der Mensch sich zusätzlich leisten kann — solange er existiert!

Für Menschen mit einer traditionellen spirituellen Orientierung wird die ökologische Krise im allgemeinen nur ein zusätzlicher Anstoß sein. Aber es macht doch einen erheblichen Unterschied, ob man es, wie es bisher aussah, "nur" damit zu tun hat, am Leid der Welt auf dem kurzen Wege doch nichts ändern zu können und deshalb von vornherein alles auf die andere Karte setzt — oder ob das Rad überhaupt stehenzubleiben droht, im selbstverursachten Untergang des subjektiven Geistes.

Zugleich erfahren wir, je tiefer wir in der Stufenfolge der exterministischen Ursachen hinabsteigen, um so mehr, daß uns die sichtbare Apokalypse von der unsichtbaren ablenkt, die soviel Vorlaut hat und mit der aus unserem Innersten schon Dinge entschieden sind, die wir im Äußeren noch aufzuhalten suchen. Vor allem deshalb haben diejenigen von uns, die es an den Symptomen schon etwas eher abgelesen und sich punktuell engagiert haben, materiell nicht viel bewirkt; die Todesspirale dreht sich weiter.

Mit der Massendemokratie, die wie ein Versicherungsunternehmen für kleinere Schäden arbeitet, haben wir uns die ideale Einrichtung geschaffen, um jeden Einschnitt vermeiden zu können und die Hauptbetreiber auf der Diagonale des Verderbens an nichts hindern zu müssen. Eine Logik der Rettung führt an dieser untauglichen Einrichtung vorbei, indem sie uns darauf orientiert, den unsichtbaren apokalyptischen Schub aufzuhalten, d.h. den Gewohnheits­komplex aufzulösen, der die Logik der Selbstausrottung ausmacht, und die geistige Bereitschaft für eine neue Gesamtverfassung, eine Neuinstitutionalisierung der Kultur zu nähren.

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Ihre Pointe hat eine Logik der Rettung darin, das Bild eines "Fürsten der ökologischen Wende" zu verbreiten, d.h. das Programm einer Umgestaltung. Dieser "Fürst", Teil einer neuen Identität von uns allen, wäre eine politische Struktur, die mit sehr entschiedenen Eingriffen auf die exterministischen Symptome, Mechanismen und Antriebe reagiert. Sie würde aber "wissend" mit den eigentlichen, subjektiven Ursachen korrespondieren und auf diese Weise einen echten Konsens erreichen, welcher Disziplin wir uns unterwerfen wollen. Dann würde die ökologische Politik keine besonderen Interessen addieren, um zu einem Abzählergebnis zu kommen, sondern ihre Wurzel in den fundamentalen Interessen schlagen, die die Menschen aufgrund ihres Gattungswesens schon seit jeher teilen, bis heute allerdings meist, ohne es zu wissen. 

Wenn wir durchhalten könnten, diesen fundamentalen Lebensinteressen die Priorität einzuräumen, führte das zu einer anderen Welt, ganz im Gegensatz zu der antagonistischen Auseinandersetzung um die einzelnen Steine des Anstoßes, die in unseren gegebenen politischen Strukturen fest einprogrammiert ist.

Vordergründig wird eine ökologische Rettungspolitik die "Geologie" der Selbstausrottung in entgegen­gesetzter Richtung zu dem spirituellen Rettungsweg angehen: Sie wird "von oben nach unten" arbeiten, d.h. in weitem Bogen von Maßnahmen gegen die Symptome der Naturzerstörung über Veränderungen im materiellen Fundament und in den sozialökonomischen Strukturen bis hin zur Sicherung des Freiraums für die Praxis der Selbsterfahrung und für kommunitäre Experimente. 

Geht es bei solchen politischen Eingriffen um den Aufschub der Katastrophe, so können sie zugleich auch Hilfsinstrumente des eigentlichen Prozesses sein, der Entfaltung der neuen Bewußtseinsstruktur. Die notwendige Selbsttransformation als Grundlage einer Veränderung, die die materiellen Selbstzerstörungsvorgänge aussetzt, kann durch die Politik behindert oder begünstigt werden, wobei die Massenmedien eine wichtige Rolle spielen könnten, wenn sie entsprechend eingesetzt werden.103

An der individuellen Transformation vorbei gibt es keinen Rettungsweg. Zunächst ist das Anwachsen dieser Bewegung, der Anstoß und die Ermutigung für immer mehr Menschen, sich auf intensive Selbsterfahrung einzulassen, der wichtigste soziale Prozeß.104 Denn dadurch allein ändert sich die Wahrnehmung sowohl der Gefahren als auch der Chancen, ihnen von "unten" und "innen" her zu begegnen, qualitativ. 

Nur wenn die in den Kämpfen der bürgerlichen Gesellschaft stets aufs neue reproduzierten unfreien Verhaltensmuster zurücktreten, können wir uns auf eine Politik einigen, die den Exterminismus stoppt, und uns die geeigneten Einrichtungen dafür schaffen.

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