3.1.   

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Was also die Apokalypse nicht aufhält   

 

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So wie wir es im ersten Anlauf versucht haben, die Lawine aufzuhalten, ist es nicht zu machen. Natürlich bleibt es eine elementare Notwendigkeit, sich gegen die unmittelbaren Symptome des Exterminismus zu schützen. Doch das Verhängnis schreitet schnell voran. Die Vernichtungs­funktionen haben einen Exponential­verlauf der quantitativen Vermehrung, die sich gegen­seitig überlagern und unvorausberechenbar verstärken. 

Es sitzt gewisser­maßen in den Zellen, genauer gesagt, in der Programmierung und Schaltung der — entäußerten und symbolischen — Inhalte der Gehirn­zellen, was heißt: in der Anordnung der Kulturelemente. Der Abschied davon verlangt ganz anderes, als <politische Geschäftigkeit im Staats­theater> und <Bürger­initiativen aus Betroffenheit> je leisten können.

 

      Politische Geschäftigkeit im Staatstheater     

 

Wer in den alten Institutionen Verantwortung übernimmt, kann nur Verantwortung in die Hand bekommen für das Funktionieren der Megamaschine, für das computergestützte Entlangsteuern am Abgrund. Und wenn eine Opposition das macht, hat sie die zusätzliche Aufgabe, bereits beunruhigte Menschen und ihre Energien, dort wieder einzubinden. 

Grüne Ministranten auf den Kommandobrücken dieses Unternehmens — das ist pervers. Wem daran gelegen ist, daß der Unterschied zwischen dem Umweltschutz der sozialen Trägheitskräfte und einer Umkehrbewegung fort von der Diagonale des Verderbens tiefer ins allgemeine Bewußtsein dringt, kann die Grünen, die ihn inzwischen eher verdunkeln, nur mit sehr gemischten Gefühlen sehen. Die Grünen stellen dem Drachen hin und wieder einen Dritten Bürgermeister, der, zuverlässig eingeschirrt, von den laufenden Angelegenheiten absorbiert ist.

Nicht hinein, sondern hinaus muß die Richtung sein, die eine fundamentale Opposition symbolisiert und für die sie sympathisierende Anteile des gesell­schaft­lichen Bewußtseins anzieht. Verschleißt sie dieses Profil in der Administration kosmetischer Maßnahmen und macht Pläne, wie die Metropolis ihre Reproduktionsprobleme besser lösen kann, wechselt sie praktisch die Seite und signalisiert die Kompetenz des Apparats. Sie macht sich und anderen Illusionen darüber, etwaige kleine Resultate ließen schon darauf schließen, die Richtung des Ganzen habe sich doch geändert. Dabei gehen genau die eigenen neuen Zwecke unter, für die man sonst punktuell intervenieren könnte.

Das Parlament, der nächstliegende Köder, auf den sich das grüne Milieu alsbald geworfen hat, um Dinge umzusetzen, an die juristisch oder außerparlamentarisch nicht heranzukommen war, hat seinen Ort zweifellos im institutionellen Bereich, im politischen Regulator der Megamaschine. Dort wird nicht Volk vertreten, sondern Regierung legitimiert. 

Das Parlament ist einerseits anachronistisches Residuum einer bürgerlichen Klassengesellschaft, die längst im Korporativismus (einem Quasi-Cäsarismus) angekommen ist; der Klassenkampf ist nichts als ein Hilfsmotor des imperialen Getriebes mehr, und von Demokratie zu reden, als hätte der industrie-gesellschaftliche Wohlstandsbürger so auch nur die geringste Chance, den Kurs der Titanic zu beeinflussen, ist eine abgestandene Lüge.

Andererseits ist das Parlament bloß noch ein Wurmfortsatz der Megamaschine, einer ihrer minderen Regelmechanismen, um den Zug der Lemminge friedlich zu halten. Gewiß, auf Gemeindeebene ist die Einflußmöglichkeit manchmal etwas größer, dafür sind auch die Kompetenzen gering. 

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In der Administration vom Rathaus bis zum Ministerium kann überhaupt nichts geschehen, das dem Reproduktions­zweck der Megamaschine ernstlich zuwiderläuft. Die Botschaft, die von grünen Beamten ausgeht, kann nur lauten, daß Rettungspolitik nicht machbar ist. Schon zu ihrer Verteidigung gegen die eigene Basis müssen sie der Öffentlichkeit einmal mehr erklären, was "Sachzwang" ist. Sie berufen sich bereits genauso routiniert auf den Wähler, dem man dies und jenes nicht zumuten kann, wie jeder andere Abgeordnete der Staatsgewalt auch. Allem, was sie sonst noch sagen, sind die Zähne gezogen.

Vordergründig scheint es manchmal so, als würden sich die Institutionen andernfalls nicht einmal auf dem Niveau mit der Umweltschutz­problematik befassen, für das man grüne Politiker und Beamte zuständig sein läßt. Ich habe schon deutlich genug gemacht, daß der aus der institutionellen Perspektive betriebene Umweltschutz gar nicht in der Richtung der Rettung liegt, sondern Ablaßhandel zwecks Bewahrung der exterministischen Strukturen ist. Im übrigen ist es immer die Funktion besonderer Systembestandteile, alle anderen Komponenten zu entlasten. Indem den anderen, die sich sonst kümmern müßten, die Verantwortung abgenommen wird, verlangsamen sich die Lernprozesse.

All das schließt also nicht aus, daß das meiste, was in den Parlamenten beschlossen wird, zumindest die passive Duldung der Bevölkerung genießt. Dieser Duldungskonsens ist zum einen zuverlässig durch den privilegierten Status des ganzen metropolitanen Gesellschaftskörpers untermauert, zum zweiten über die schon analysierte Identifikation mit der Geldwirtschaft gesichert, zum dritten durch die geistig-kulturelle Hegemonie der exterminist­ischen Eliten, des ganzen Komplexes von Wissenschaft-Technik-Kapital und Staat, verbürgt. 

Er ist nicht so sehr ein Kräfteverhältnis zwischen Köpfen, sondern in Köpfen. Eine minoritäre radikale Partei wird, abgesehen von einem weltan­schaulich motivierten Stamm, nicht mit Wählern zu rechnen haben, die gleich ihr ganzes Programm realisiert, sondern die nur bestimmte Gesichts­punkte vertreten sehen wollen.

Welchen Sinn hat es dann, wenn sich eine Partei mit radikalen Absichten nach dem Umfragewillen ihrer Wähler formt, von denen die meisten mit dem größten Teil ihrer Einstellungen im alten Konsens aushalten? 

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Die Grünen sind ursprünglich durchaus nicht aus diesen konventionellen Bewußtseinsanteilen begrüßt worden: Sie standen vielmehr für die Momente im allgemeinen Bewußtsein, die unkonform zu werden begannen. Dann aber haben sie sich mehr und mehr denjenigen Wählern oder vielmehr denjenigen Motivations­anteilen ihrer Wähler angeboten, die bloß einen Wedel wollten, um ein wenig die Sozialdemokratie oder — wenn's hoch kommt — die Staats­bürokratie aufzuscheuchen. 

Außer auf Programmpapier — und auch da nur vermischt mit dem Gegenteil — haben die Grünen nie wirklich für ökologische Politik kandidiert. Der einzige Dienst, den die Grünen bei ihrem Marsch durch die Institutionen wirklich leisten, ist die Integration einer thematisch fundamentalen Opposition in die alten Strukturen.

Ihrem Wesen nach ist Ökopolitik weder linksradikal noch radikalliberal. Sie steht quer zu allen traditionellen -ismen der bürgerlichen Gesellschaft, von links bis rechts. Wenn sie noch am ehesten zu einem radikalen Konservatismus passen würde, so ist hier der Staatspositivismus nach innen und außen die Bremse — das Urgestein des imperialen Konsenses. 

Wenn das Machtsyndrom vom patriarchalen Ego bis zu den modernen wissenschaftlich-industriellen Exzessen der harte innere Kern der ökologischen Krise ist, kann man nicht ausgerechnet mit einer Verbeugung vor dem Gewaltmonopol des vorgefundenen Staates von der Diagonale des Verderbens herunter­kommen.

Ich bin heute noch überzeugt, es wäre gegangen, das parlamentarische Terrain nur zu benutzen, um mit der Botschaft des Auszugs aus dem Industrie­system in die Massenmedien einzudringen, d.h. die exterministischen Symptome in ihrer wirklichen Bedeutung zu interpretieren. 

Hätten die Grünen die Bevölkerung eindeutig um das Mandat für diese radikale Aufklärung gebeten, anstatt Umweltkosmetik über den Behördenweg zu versprechen, wären die erforderlichen fünf Prozent der Stimmen auch dauerhaft zusammengekommen. 

Das "Verantwortungs"-Gerede der Politiker und der Presse hat nur gewirkt, weil die Grünen sich absolut unklar sind, wofür sie eigentlich verantwortlich sein wollen. Noch der Dümmste hätte verstanden, wenn Joschka Fischer verweigert hätte, für die Müllkippen verantwortlich sein zu wollen, von deren Aufnahme­fähigkeit die Großchemie abhängig ist, so daß er ihren Betrieb sichern mußte, sobald er den Job übernahm.

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Sind die Grünen etwa nicht das erste Mal gewählt worden, obwohl man sie — wenn auch irrigerweise — größten­teils für Chaoten hielt?! 

Es gibt bereits genügend viele Menschen, die in ihrem eigenen Untergrund schon ziemlich hochprozentig (zu weit mehr als fünf Prozent!) wissen, daß wir reformistisch auch nur auf den sicheren Untergang zusteuern, und die wenigstens die Genugtuung haben möchten, daß die Umkehr öffentlich empfohlen wird. Aber eine Grüne Partei, die das hätte versuchen und durchhalten wollen, war überhaupt nicht da.  

Die einen (Gruhl) wollten in Wirklichkeit den imperialen nationalen Konsens, die anderen (Linken) den gleichfalls imperialen sozialen Konsens nicht riskieren. Und der unentschiedene politische Stil der Grünen ist viel mehr auf das fehlende Selbstbewußtsein ihrer Linken zurückzuführen, die sich nicht wirklich unter dem Schutzdach von SPD und Gewerkschaften hervor­trauen.

Wie es jetzt aussieht, wollen sie einem Patienten, der Krebs hat, die Krätze heilen. Mit wenigen Ausnahmen wollten sie nicht nur nicht operieren (was bekanntlich auch nicht der Weisheit letzter Schluß sein muß), sondern sind vor allem auf die eigentliche Therapie, nämlich eine Konflikt- und Streßbewältigung in der Bewußtseinsstruktur, die zur Selbstzerstörung führt, noch gar nicht eingestellt. 

Wir alle scheitern bisher in unseren grünen Geschäftigkeiten, weil wir den Dingen unserer Zivilisation, vor allem uns selbst als dem "wichtigsten" Ding, nicht auf den Grund gehen. Wir arbeiten aus Identitäten heraus, die alternativ zu dem dazugehören, was überwunden werden muß. 

Die durchaus verbreitete Ahnung, es ginge im Grunde weniger um unsere "Umwelt" als um unsere Psyche, weniger um Schadensbegrenzung außen als um eine psycho­logische Revolution innen, blieb noch privat.

Heute sind die Grünen einfach ein Laden mehr am politischen Markt der Metropolis. Sie haben den Partei­namen, der eine Alternative versprach, an die Brücken­verkleidung der Titanic geheftet. Schade um das Sonnen­blumen­symbol. Grüne Politik dreht sich vornehmlich darum, Rollen auf dem Proszenium des Staats­theaters zu ergattern, um keine arbeitslosen Schauspieler zu werden. 

*(d-2013:) Herbert Gruhl bei detopia  #  Proszenium: Vorbühne oder vorderste Zone der Bühne; im klass. Theaterbau Übergang zw. Bühne u. Zuschauerraum.

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Fragt man heute, warum auch Menschen mit fundament­alistischen Absichten weitermachen und ihr steriles Revier verteidigen, so erfährt man, sie bleiben dabei, weil sie keine andere Praxis wissen. Wenn ich nachher von Rettungspolitik spreche, will ich also methodisch auf etwas ganz anderes hinaus: gewiß aber nicht auf einen letzten Versuch, die Parlaments­reden wieder fundamentalistischer zu phrasieren.

Solange die Tiefenidentifikationen mit der Selbstausrottungslogik nicht gesellschaftlich unterminiert sind (der Verfall des Experten-Images nach Tschernobyl ist ein kleiner Vorgeschmack), kann sich im institutionellen Überbau nichts ernstlich gegendrehen. Wer dennoch hineingeht, das hat sich auch unter den neuen Auspizien der ökologischen Krise bestätigt, braucht eine spirituelle Einwurzelung — und zwar nicht in einem verlorenen alten, sondern in einem eben erst anhebenden neuen Reich "nicht von dieser Welt" —, wenn er auch nur seine Identität wahren will.

Lenkt doch diese ganze politische Wirklichkeit — nach meiner Erfahrung in einer wenigstens formell nicht-totalitären Welt sogar noch mehr als im "Osten", weil nicht einmal etwas "dahinter" versprochen ist — von den wesentlichen Dingen des Lebens, vom Kontakt, von der Liebe und vom Hasse ab. Sie ist weitgehend irreal, weil sie nicht im Menschen, in der Gemeinschaft wurzelt, sondern in der falschen Vergesellschaftung, die auf megamaschinelle Mechanik hinausgelaufen ist. Politik, die wieder zum Menschen gehört, muß an einem andern "Ort" verankert sein, mögen wir da zunächst noch so einflußlos und echolos sein oder scheinen.

Wie hat denn die Ökologiebewegung bisher Politik gemacht, wie hat sie Politik verstanden? 

Gewiß waren von vornherein — und mehr als sonst bei echten gesellschaftlichen Aufregungen — Antriebe aus dem Tiefenbereich unseres Genotyps mobil geworden. Ausgelöst war ihre Mobilisierung von der industriellen Megamaschine. Der Machtkomplex hat uns mit neuen Raketen, Atomkraftwerken, chemischen Giften, sterbenden Wäldern, zusamm­en­brechenden Wasserhaushalten usf. gereizt.

Es gab eine manchmal noch ganz konventionelle Spaltung zwischen Experten und Gegenexperten, zwischen alten und neuen Eliten, wie sie bei kleinen Grenz­überschreitungen in der Geschichte gang und gäbe sind. Die Megamaschine zu "sanfter Chemie" bekehren — dieser Art mußten die Vorschläge sein, die dabei herauskommen.

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Ist nicht inzwischen empirisch evident, daß in politischen Positionen, die "hinter" bzw. "über" dem wirtschaftlichen Bereich bzw. der Technostruktur der Megamaschine angesiedelt sind, nichts anderes möglich ist als reformistischer Wartungsdienst? Offenbar ist der "Marsch durch die Institutionen" grundsätzlich eine Fehlorientierung. Ideen von Partisanentum und die Taktik des trojanischen Pferdes verkennen die Natur des Geschäfts. Die Kirche hat noch jeden Mönch verkraftet, solange er auf ihrem Terrain gegen sie rebellierte und keinen archimedischen Punkt außerhalb bezog. Wie erst die Großkirche Wissen­schaft-Technik-Kapital-und-Staat mit ihrem "objektiven" administrativen und kommunikativen Apparat! Und selbstverständlich braucht sie geradezu von Fall zu Fall einen reformistischen Impuls — zur eigenen Stabilisierung! Eine Partei, die da paßfähig ist, kann niemals das Werkzeug einer ökologischen Wende sein.

Gewiß, ihr Effekt ist durchaus nicht Null. Es ist möglich, innerhalb der herrschenden Struktur, und um sie zu retten, die Technologien zu "enthärten". Dies Projekt setzt jedoch alternative Fans der Megamaschine, ihrer Wissenschaft und Technik voraus. Es ist auch möglich, im Interesse der Megamaschine — langsam genug, damit der Rückfluß des investierten Kapitals gesichert bleibt — aus der nuklearen Option auszusteigen, wenn das auch — wegen der militärstrategischen Ambitionen — schwerer fällt. Einzelne Fraktionen der Industrie können geopfert werden, solange dem Kapital Zeit bleibt, seine technische Identität zu ändern. Geradezu nötig sogar ist eine Anpassung der Kostenrechnung an die relative ökologische Stabilisierung der Megamaschine. Der Widerstand der Einzelkapitale gegen die Hereinnahme der von ihnen verursachten Reparaturkosten kann und wird über kurz oder lang gebrochen werden, soweit sich die Industrie in dieser Hinsicht nicht auf eigene Initiative halbwegs "japanisiert".

Auch soziale Innovationen sind dringend erforderlich, obwohl sie nicht gleich erwünscht sind. Selbst die Herrschenden wollen hin und wieder ein wenig zu ihrem Glück gezwungen werden. 

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Der "Umbau der Industriegesellschaft", den die Grünen jetzt schon ganz bewußt in diesem Sinne zuliefern, ist ein ziemlich ausgewachsen restauratives Projekt. Was darin tauglich ist, wird man in den Strategien der beiden Hauptparteien wieder aufgenommen finden. Auch viel "Radikalökologisches" wird noch auf diese Weise aktuell werden — fürchtet Euch nicht!

Es gibt inzwischen nichts Lächerlicheres mehr als Rathaus-Fundamentalismus der Phrase. Bei der gegen­wärtigen Gesamtlage der Grünen muß man/frau schon überaus positionssüchtig sein, um sich trotz fundament­alistischem oder radikalökologischem Selbstverständnis für irgendwelche Sitze zu bewerben. Kein Realo kann in Sitz und Amt so weit entfernt und entfremdet von seinen Zielen sein. Dann "Wachhund" für grüne Prinzipien sein zu wollen — nichts als eine Schutzbehauptung.

Vor kurzem brachte vieles von dem, was die ersten Frankfurter Römer-Grünen einmal in radikalökologischer Absicht vertreten haben, gerade Daniel Cohn-Bendit auf seine Weise in den Bürgermeister-Wahlkampf ein, dieser Dany, der einst beinahe Danton war und nun bei sehr lebendigem Leibe zeigt, was alles eingeschmolzen werden kann in den Konsens der zum Niedergang bestimmten Metropolis, irgendwie unbeschädigt sogar, eben dazugehörig, wie ja auch Danton dazugehörig war — "nichts Menschliches ist mir fremd".

Nichts von dem, was — in einem "spätrömischen" Horizont durchaus noch sinnvoll — getan werden kann, um die materielle und kulturelle Infrastruktur Frankfurts zu bewahren oder sogar zu erneuern, das nicht der Apokalypse eher zugute käme als sie aufhielte oder wenigstens hinausschöbe. Wer es ökologisch ernst meint, kann sich mit den Frankfurtern befassen, aber nicht mit Frankfurt. Nicht daß dort — gar mit Nachhilfe — alles zusammenbrechen sollte, ehe es ohnehin nicht mehr weitergeht. Aber worauf konzentrieren diejenigen, die es erkannt haben, ihre Kräfte? An alternativen Stadtsanierern dürfte es weniger denn je mangeln.

Damit ist der Rathaus-Fundamentalismus am Ende; er paßt einfach nicht in die Strukturen. Den Sachen, die da anstehen, ist auch Cohn-Bendits Wesen angemessener als Jutta Ditfurths. Er, wahrscheinlich, fände den Rest seines Lebens vergeudet in dem Versuch, das Unaufhaltsame zu verhindern. 

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So kann seine Politik ästhetisch werden. Es geht ja soviel sympathischer als bei Nero. Man muß die Stadt nicht anzünden, um ihren Untergang zu illuminieren. Mehr elektrisches Licht tut es auch. Und vielleicht stirbt ja unsere Welt doch noch um ein Unmerkliches langsamer als wir selbst. Das geht noch — so kann man sogar auch noch Politik machen, mit einem Schuß Lebensgenuß. Als Radikalökologe bzw. Fundamentalist nicht mehr.

Insofern sehe ich nun auch meinen eigenen Durchgang bei den Grünen, die Idee und den Stil der fundamentalistischen Politik, die ich ihnen vorschlug, als ganz unzulänglich, so sehr die Sachpunkte gelten, auf die ich zu orientieren versuchte.

Es gibt derzeit vom Standpunkt soziologischer und sozialpsychologischer Analyse in allen den Ländern der Ersten Welt kein Subjekt für eine politische Intervention, die gleichwohl dringend notwendig erscheint. Der linke Terrorismus, beispielhaft die RAF, hat diese letzte Krise der Linken und ihrer Theorie ausgedrückt.

Wir stehen jetzt jenseits, und es gibt keine Linke mehr, die man erwähnen bzw. in Betracht ziehen müßte, sofern es um Perspektiven geht. Es ist kein linkes Projekt mehr möglich. "Rot-grün" heißt, daß sich die linke Konkursmasse unter ein provisorisches Behelfsdach rettet. Das linksgrüne Realo-Milieu, selbst ohne nennenswerte Theorie (man setzt sich mit Habermas auseinander, als könnte die Reibung an dessen zahnloser Spätaufklärung noch einen Funken erzeugen), ist für diese Dienstleistung gut genug.

Insgesamt hat mich die Erfahrung mit den Grünen von der Aussichtslosigkeit eines bloß politischen Funda­ment­alismus und Radikalismus überzeugt — selbst, ja gerade angesichts des so viel günstigeren Resonanz­bodens der ökologischen Krise. Politisch wird nach Köpfen organisiert und addiert, während die Fundamental­opposition in denselben Köpfen und Herzen heranwächst, die zugleich in anderen Beziehungen noch im imperialen Konsens stehen. Parteien sortieren in solchen Zeiten systematisch die Köpfe falsch: Kohl und Biedenkopf in einer anachronistischen Partei, Rau und Lafontaine (der sein Profil auf Null herunterschleift, um noch von den Niggemeiern toleriert zu werden) in einer anachronistischen anderen. 

Und die Grünen sind fast schon auf dieselbe Weise gemischt. Wer geistig auf sich hält, muß aufhören, da mitzuspielen.

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       Bürgerinitiativen aus Betroffenheit        

 

Die politische Geschäftigkeit der Grünen hat inzwischen selbst zu den exterministischen Symptomen oft kein existentielles Verhältnis mehr. Die Inhalte sind Mittel zum Profilierungszweck. Die Bürgerinitiativen, mit denen die Ökopaxbewegung begann, hatten und haben einen seriöseren Charakter. Die konkreten Proteste vor Ort und die kleinen Verhaltensänderungen, am gewichtigsten immer noch die bis ins Alltagsleben hinein (und insofern gehören inzwischen die meisten Menschen in irgendwelchen Ausläufern ihres Bewußtseins und Handelns dazu), weisen geistig — selbst wenn sie manchmal technisch wieder einen Pferdefuß haben — in die richtige Richtung, obwohl sie meist nicht die eigentliche Dimension des Problems berühren.

Auch wenn das vorübergehend — oder bei manchen auch ganz — zur Resignation führt, lohnt gerade hier der Lernprozeß, was alles nicht geht oder jedenfalls nicht ausreicht, nicht an die Wurzeln der Katastrophe heranreicht. Nur eine Minderheit der Minderheit hat schon Mitte der siebziger Jahre geahnt, daß es nicht um eine Summe kleiner Veränderungen, sondern um ein anderes Leben geht, bei der Ökopax-Bewegung viel tiefer als bei der sozialistischen, die nie en masse zu der ihr zugeschriebenen Perspektive der allgemeinen Emanzipation durchgedrungen war. Und noch wenigeren war durchsichtig, wie viel das bedeutet, wie tief der Widerstand dagegen sitzt, auch in den für das Neue geöffneten Seelen.

Doch die Einsicht in die Logik der Selbstausrottung beraubt uns der Möglichkeit, den Ersatzhandlungen, mit denen wir ad hoc reagiert hatten, weiter soviel Selbst­rechtfertigung abzugewinnen wie bisher. 

Jetzt müssen die punktuellen Motive der Gefahrenabwehr mit einer Gesamtperspektive der Rettung zusammenfließen, und es muß den angesichts der vordringenden exterministischen Symptome aufsteigenden konkreten Verzweiflungen eine Praxis der Ermutigung aus der Tiefe der menschlichen Wesenskräfte begegnen. 

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In der Art zum Beispiel, über die Joanna Macy in ihrem Anleitungsbuch <Mut in der Bedrohung> berichtet, auf dessen Grundlage sich bereits ein Netzwerk <Interhelp>" entwickelt, das besonders wechselseitigen psychischen Beistand meint.  en.wikipedia  Joanna_Macy  *1929

Rekapitulieren wir noch einmal kurz die Erfahrung der letzten 15 Jahre.

Was geschieht einem zwar normalen, aber sensiblen Menschen, wenn er — und noch mehr sie (die Frauen reagierten in der Regel stärker) — schwer­wiegende Disfunktionen des allgemeinen Lebensstils bemerkt, die sich schließlich nicht mehr von der eigenen Haustür, dem eigenen Garten fernhalten lassen? Er/sie empfindet zunächst Betroffenheit. Die kann weitgehend unpolitisch sein und sich näher, als die Betroffenen glauben möchten, am Sankt-Florians-Prinzip halten. 

Zwar hat sich der Wunsch, das Unheil nur aus dem überblickbaren eigenen Umfeld abzuschieben, schnell weitgehend verloren, weil in unserem kleinen Land der Schwarze Peter unweigerlich zu jedem Spieler zurückkommt. Aber es ist bei der ich-betonten Abwehr unmittelbarer Gefahren geblieben und nur wenige waren und sind bereit, die ganze gelernte ("ansozialisierte") Lebensform, gar Individualitätsform in Frage zu stellen.

Noch immer glauben auch engagierte Umweltschützer, wir könnten ökologisch und sozial durch entsprechende Sanierungs­maßnahmen in eine vorgestellte "Normalität" zurück, wir könnten das Industriesystem erhalten, seine Disfunktionen aber loswerden. Anders ist es nur bei den wenigen, die entweder so mitfühlend mit allem Lebenden oder so analytisch durchdringend sind, daß sie den apokalyptischen Charakter des Gesamt­geschehens nicht die meiste Zeit verdrängen können; und selbst sie lassen sich gern noch einmal täuschen. Normalerweise wird eben der untergehende Lebensstil als ganzer noch einmal um so intensiver bejaht, leuchtet noch einmal um so schöner auf in der Erinnerung. 

In Wirklichkeit war die Welt in der von heutiger Erinnerung erreichbaren Zeitspanne nie mehr so "in Ordnung", wie es der Nostalgie des Herzens erscheint.

Der Gedanke ist, die Rückschläge müßten nicht sein, wären bei einiger Vernunft, bei einigem Zurückstecken aller Beteiligten vermeidbar. Empörung kommt auf, weil manche Leute — und zwar besonders einflußreiche in der Industrie und in der Administration — um ihres Vorteils willen nicht mit dem offen­sichtlich Falschen, Lebensschädlichen einhalten.

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Daß die "Sachzwänge" noch etwas mehr als eine Ausrede sind, daß sie mit der in überwältigendem Konsens bejahten Substanz der Zivilisation zu tun haben, wird erst langsam gelernt, entmutigend für den ersten naiven Ansatz, schmerzvoll für das eigene Bewußtsein. Denn es hat sich erwiesen, daß die Inhalte — "Abschaffungen" wie "Anschaffungen" —, die gemeint waren, so nicht durchsetzbar sind.

 

Gramsci hatte einst großen Wert darauf gelegt, die offizielle "bürgerliche Gesellschaft" (worunter er nicht zuletzt ihr staatliches Korsett, ihre institutionelle Seite verstand) von der "zivilen Gesellschaft" zu unterscheiden: Diese letztere wäre die Kraft, die sich im Konfliktfall außerparlamentarisch artikulieren und soviel kulturelle Überlegenheit erringen müßte, damit sie der industriellen Zivilisation eine neue institutionelle Verfassung geben kann. 

Indessen ist die industrielle "zivile Gesellschaft" Europas selbst das Problem! Und in dieser Hinsicht kann sie von ihren betroffenen Bürgern mit all den Forderungen nach punktuellen Eingriffen, um die Lebensqualität zu halten, gar nicht in Frage gestellt werden. 

Die auf die Betroffenheit gegründeten Bürgerinitiativen hatten ja zunächst schon dem Namen nach signalisiert, daß sie sich keineswegs außerhalb des politischen, erst recht aber nicht außerhalb des allgemeinen zivilisat­orischen Konsenses sahen. 

Wir sollen unsere Zivilisation nicht übertreiben, sollen sie nicht selbst kaputt­machen, das Ganze soll bewahrt und verbessert, die mögliche Lebens­qualität eigentlich erst herausgeholt werden. Diese Einstellung hat sich erschöpft, und jetzt tritt an der Betroffenheit viel mehr das Opfersein, das Ausgeliefertsein an die Todesspirale, an die sie weiter vorantreibenden Mächte (die immer noch zu schnell personifiziert und lokalisiert werden) hervor.

Was können wir nun tun? 

Besonders in Momenten akuter Bedrohung wie nach der Katastrophe von Tschernobyl äußert sich immer das Bedürfnis, sofort etwas Hilfreiches und Tröstliches getan zu bekommen, und zwar vom Staat, dem es zugleich immer weniger zugetraut wird. Kommt es wirklich zum Notstand, dann werden wir sofort den Atomstaat haben, wie ihn Robert Jungk vorausgesehen hat und wie ihn Armee, Polizei und Staatssicherheitskräfte voriges Jahr in der Ukraine* zum Besten der Bevölkerung praktizierten. 

* (d-2014:)  Tschernobyl 1986

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Das wird auch hier um eine ganze Größenordnung den vielbeschworenen "täglichen Totalitarismus" des Ostens überbieten. Je mehr Effizienz wir für akute Krisenfälle von den Organen der Megamaschine erwarten, desto totalitärer wird sie funktionieren. Die Beunruhigung nach Tschernobyl hat der Straffung der Informations­macht nur genützt.

Das scheint überhaupt der bisherige Effekt der Ökopax-Bewegung (die noch keine ist) zu sein, daß sie den Drachen, den sie bekämpft, trainiert. Das sichtlichste Ergebnis der Anti-AKW-Bewegung ist die technisch und ideologisch exportfähige Reaktor-"Sicherheit", zugleich das schönste Argument, in der Bundesrepublik zuallerletzt abzuschalten. 

Ganz analog hat die Friedensbewegung gewirkt. Wenn Euch unter der atomaren Abschreckung mulmig wird, können wir ja ein Raketenabfangnetz über Euch aufziehen (wenigstens erst einmal über unseren Hauptquartieren), sagt das Pentagon. Und die "Verteidigung mit (nichtnuklearen) Defensivwaffen" ist ein Hinweis für mehr konventionelle Aufrüstung, während die "soziale Verteidigung" ein absoluter Flop ist, der sowieso nicht eher geht, als bis ihn so oder so keiner mehr braucht — und vorher ein Vorschlag zur unterschwelligen Feindbildpflege und zur Durchmilitarisierung der sozialen Mikrostrukturen (notfalls werden sie schon etwas daraus zu machen wissen!).

All das sind keine Zufälle, sondern die normalen Konsequenzen kurzschlüssig "richtigen" Verhaltens in einem exterministisch funktionierenden Ganzen. Der gesamte grüne Aufbruch ist den Grundlagen der westlichen Zivilisation verhaftet geblieben, obwohl es an den Rändern der Persönlichkeiten zu bröckeln begann. Im Kern sind wir nach wie vor viel mehr identifiziert mit den angenehmen Seiten, den Errungenschaften des abendländischen Weges, mit City und Pflasterstrand — als mit dem von dieser Kultur überlasteten Leben und mit unseren eigenen Ursprungskräften, aus denen wir eine neue Gesamtstruktur schaffen könnten, wenn wir nicht so voller Verlustängste wären und soviel Wert auf den Komfort und die Genüsse der parasitären Metropolis legten.

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Das ist ein Mechanismus, über den Widerstand konsumiert wird. Am Ende hilft er, über "Ausstiegs"-Szenarien die beschleunigte Stillegung sowieso schon überholter Atomreaktoren zu finanzieren, damit der Park bereinigt und das Kapital wieder flüssig wird. Daß bei dem "Umbau der Industriegesellschaft" kein Gran Komfort leiden darf und daß es viele gibt, denen noch viel am Standardkomfort des weißen Imperiums fehlt, ist bei dieser Dienstleistung Inbegriffen: Es macht ihren ideologischen Anteil aus.

Last not least wird die Erwartung auf den Staat gelenkt, wie er als Exekutivorgan der Megamaschine nun einmal ist. Die ökologische Modernisierung erfordert die erweiterte Reproduktion des ganzen Ungeheuers, nicht zuletzt eine Verstärkung der Administration und möglichst sogar der Staatsquote, damit sie nicht am Gelde scheitert.

Aber die Gesamtlogik dieser Politik ist falsch, und das liegt an ihrer industriegesellschaftlichen Perspektive, die auch von dem größten Teil der bewegten Bürger noch geteilt wird.

Außerdem sind die Bewegungen (Mehrzahl) noch dem patriarchalen Ablaufmodus unterworfen. W.I. Thompson105 hat die kulturellen Unternehmungen des männlichen Geistes mit ihrem typischen dramatischen Zyklus von Aufstieg, Klimax und Niedergang mit dem Ablauf der männlichen Erektion verglichen. So laufen bis jetzt auch die sozialen Bewegungen gegen die einzelnen exterministischen Faktoren ab: wie kurzzeitige Erektionen. Die insistierende Kontinuität, die den "weiblichen" Kräften (nicht nur der Frauen) nachgesagt wird, ist die Bewegung hinter bzw. unter den Bewegungen.

Bei dieser Ausgangslage kann es sich also jetzt nicht um einen weiteren, den neuesten Aktionsvorschlag handeln. Vielmehr geht es um den spirituell fundierten Entwurf eines politischen Projekts, das einen — wenn auch nicht unbedingt in Zeiteinheiten meßbaren — langen Weg vor sich hat. 

Der unermüdliche Günther Anders hat nach Tschernobyl einen Widerstand gefordert, der die, die für das Verbrechen des Weitermachens mit der Kernenergie verantwortlich sind, nun wirklich behindert, ihnen wirklich die Hände bindet. 

Aber sie sind in ihrer "hardware" nicht wirklich zu treffen! Da ist unsere Strategie erschöpft. 

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Wir müssen zugeben: 

In dieser Perspektive sind wir ohn-mächtig und treiben uns nur unschöpferisch in eine selbstzerstörerische Eskalation hinein. Der Protest, der Widerstand als Konzept erweist sich als Sackgasse. Es ist nicht mehr die Frage, ob wir mit Blümchen gehen und Händchen halten oder irgendeine härtere Gangart bevorzugen. Es bringt so oder so nichts. Übrigens handelt es sich in beiden Fällen nur um Strategien, das eigene Gewissen zu beschwichtigen. 

"Aber man kann doch nicht nichts tun gegen die billigend in Kauf genommene de facto geradezu eingeplante nukleare Menschenabschaffung?" Doch, man kann! Man kann aufhören, sich ein um das andere Mal in das gerade auffälligste Symptom zu verbeißen und immer erneut die notorisch windige Rechnung über punktuelle Mehrheiten aufzumachen, die zu 90 Prozent die allgemeineren Veränderungen sowieso nicht wollen, ohne die es die Vermeidung des einzelnen Horrors nun einmal nicht gibt! 

Eine Gesellschaft ist ein Ganzes. Ohne Atomkraftwerke ist die unsere — weil die mehr bedeuten als Stromversorgung — nicht mehr dieselbe. Das genau meinen die Leute, wenn sie den allmählichen Umstieg wollen: eine Veränderung, die keine ist, die ihre Tiefenstrukturen auch nicht von fern in Frage stellt. Es hat keinen Zweck, Interessen für sie vertreten zu wollen, die sie (noch) gar nicht haben.

Die einzigen Stellen, wo es vorübergehend Sinn macht, liegen dort, wo "neue", bisher noch unberührte Bevölkerungen durch die Initiative der Technokratie politisiert werden, wie zuletzt in Wackersdorf. Darüber hinaus ist der einzige Sinn der verschiedenen Anti-Aktionen und Demonstrationen — nur so läßt sich die Teilnahme motivieren — die allgemeine Sorge darum, "daß sich der Kristall nicht schließt" (Benjamins Wort, ich fand es irgendwo zitiert), daß das Wissen um die Unversöhnbarkeit der Gesell­schaft, um die Unhaltbarkeit des sozialen Friedens auf Basis der terroristischen Großtechnologien nicht einschläft. Dann dürfen wir uns allerdings nichts vormachen über "aktive Behinderung", über unmittelbare Gefahrenabwehr. 

Günther Anders hat völlig recht: Diese Zwecke sind mit "Fasten für den Frieden" nicht zu erreichen. Anders aber auch nicht. Und das Fasten machen die Menschen — hoffentlich — in erster Linie für sich selbst, und nicht: aus Masochismus. Es hellt die Seele auf.

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    Abstrakte Analyse    

 

Handeln bloß aus Betroffenheit wird in einer so objektivierten, entfremdeten Gesellschaft wie unserer mit ihren "Sachzwängen" und ihrer Bürokratie stets und unvermeidlich enttäuscht. Es kann hier keine spezielle Betroffenheit einzeln zu ihrem Recht kommen. Daher lernen jene energischen Charaktere, die sich überhaupt engagieren, verhältnismäßig früh, (gesamt-) system­kritisch zu denken, d.h. die allgemeinen Bedingungen für die Lösung des von ihnen persönlich favorisierten Problems in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit zu rücken. 

Es ist allerdings eine schwere Arbeit, in doppelter Hinsicht. Einerseits ist die Ichstruktur — das System der Abwehr­mechanismen und Selbst­täuschungen, Projektionen und Vorurteile, das die Weltwahr­nehmung festlegt und einschränkt — im Wege. Andererseits ist die objektive Struktur, die ich unter dem Gesichtspunkt der Selbst­aus­rottungslogik skizziert habe, d.h. die Welt, in der wir handeln, auf die wir uns geistig beziehen wollen, so komplex wie nie zuvor.

Obwohl schon im einfachsten Stammesverband die Anschaulichkeit täuscht und der Medizinmann, der Häuptling möglicherweise ein ganz anderes Verständnis dieser Welt haben als andere Stammesmitglieder, bleibt es doch den meisten möglich, das Ganze zu durchschauen. Für den Umgang mit dem Außen helfen Fremdstereotype, und wenn der Stamm in einer Konfrontation unterlag, so war es Schicksal. Heute dagegen ist jeder Haushalt, jede Gemeinde, jede Region, jedes Land überwiegend von der je größeren Einheit abhängig, und es wirken in den entfernteren Zirkeln, die um unsere Existenz geschlagen sind, stets so viele Kräfte, die sich durchkreuzen, daß es ganz unmöglich ist, alles Relevante zu wissen.

Noch höhere Abstraktionskraft aber erfordert es, trotz dieser weitgehenden Unwissenheit über wichtige Einzel­heiten das Gesamt­getriebe einigermaßen zu verstehen. Nur wer die implizite Ordnung des natürlichen und des sozialen Kosmos sowie seiner selbst als des Mikrokosmos teils rational, teils intuitiv als inneres Modell aufgebaut hat, kann im bewußten Bezug auf das Ganze handeln und sich dann auch noch auf einen besonderen Gegenstand konzentrieren, ohne die Übersicht zu verlieren.

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Im allgemeinen büßt das Ich aber auf diesem Wege seine Sensibilität, seine Beeindruckbarkeit, seine Fähigkeit, konkrete Bedürfnisse und Leiden mit genügend Energie zu besetzen, ein. Es erlegt sich schein-freiwillig (denn man bezweckt dies ja keineswegs) eine Art sensorischer Deprivation auf, nimmt den Kontakt zurück, der weitgehend identisch mit sinnlicher Liebesfähigkeit ist (jedenfalls läßt die nach, wenn man so eine theoretische Existenz führt). Diese theoretische Praxis — die andererseits durch die reale Komplexität erzwungen ist, welche nicht ohne jede Analyse übergangen werden darf — kann einen also auch ohne neurotischen Schub einigermaßen schizoid machen.

Die beiden Wege der Abstraktion und der Betroffenheit sind zwei Seiten derselben Medaille. Deshalb geht es offenbar noch um mehr als die notwendige Resensibilisierung des Intellektuellen und die Intellektualisierung des emotional Betroffenen. Wir müssen einen neuen Weg finden. Selbstverständlich beabsichtigt die Kritik, mit der ich das herausarbeite, nicht, daß denjenigen Impulsen, die durch das Umsichgreifen der ökologischen Krise immer neu erst einmal auf die Wege hier der Betroffenheit, dort des abstrakten Durchblicks gestoßen werden, das Motiv genommen werden soll.

Es gibt keine Abkürzungen, die die persönliche Erfahrung mit dem Scheitern der nächstliegenden Reaktionen ersetzen könnten. Außerdem findet eine so tiefe Verwandlung, wie sie jetzt in Gang kommt, gewiß auch uner­wartete Durchbrüche. Es ist ja in jedem Impuls irgendwie die Gesamtsituation gegenwärtig. Es kann niemand genau wissen, wie es im Keller des gesellschaftlichen Bewußtseins arbeitet.

Ohne wissentlich dafürzukönnen, mag selbst dieser oder jener Akt grüner "Realpolitik" in einer andern Matrix wirken, als wir es der Zeitung entnehmen können. "Der Mensch denkt, aber Gott lenkt", sagte man früher. Mich jedoch interessieren vor allem jene, die sich nicht mit so geringem Trost zufrieden­geben und deshalb eine rück­sichts­lose Bilanz der bisherigen Praxis ertragen wollen. #

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  Rudolf Bahro 1987 Logik der Rettung 500 Seiten mit Grafiken  DNB Buch 1990