3.2.  Anmerk   Start   Weiter

3.2  Subjektivität der Rettung

 

 

      Der logische Ort einer Rettungspolitik     

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Was für eine Praxis aber könnte die Apokalypse aufhalten? Die grundlegende Bedingung einer Rettungs­politik ist der Rückzug des lebendigen Geistes von den Infrastrukturen der Megamaschine. 

Die folgende Skizze will die Verschiebung der Grundposition versinnbildlichen, die die Botschaft einer fundamental ökologischen Politik kenn­zeichnen, die neue Mitte des sozialen Netzes. Auf den ersten Blick hat sie, wie jedes Schema, etwas Mechanisches an sich, das die Botschaft verfremdet. So will ich ihren Sinn vorwegnehmen: 

Nur aus der Wiedervereinigung unseres lebendigen Geistes mit seinen natürlichen Wurzeln, mit den Quellen der Kultur, können wir uns eine Chance gegen die entfremdete tote Arbeit, den entfremdeten toten Geist verschaffen. Wir müssen uns von der Megamaschine, diesem Ersatzhimmel des toten Geistes, statt von der Natur distanzieren, um die kolossale Disproportion unseres psychischen Energieeinsatzes und um seine Ausrichtung zu korrigieren.

Und ich denke wenigstens angedeutet zu haben, warum diese Distanzierung, diese Ent-Identifizierung, scheinbar paradoxerweise, doch nicht am Material der Megamaschine (sei sie Beton, sei sie Geld, sei sie Staatsapparat) ansetzt, sondern an den inneren Verhaftungen und Motiven, aus denen sie hervor­gegangen ist. 

Der Bauplatz der neuen Kultur liegt in erster Linie in uns — wie der Bau der alten. Ich kümmere mich zunächst überhaupt nicht darum, wie "machbar" und "realistisch" die Kräfteverschiebung soziologisch, massen­psychologisch usw. ist. Ich spreche von dem inneren Modell, das wir selber haben und sind, je nachdem, wie wir unsere Welt betrachten und mit ihr umgehen. 

Diese fünf Momente N-UB-B-W-I, die man auf Seite 239 übereinander angeordnet findet, stehen nicht nur für das "Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse", das der Mensch nach jener Marxschen Definition (und auch tatsächlich) ist, sondern ebenso für das Individuum, für unser empirisches Ich, das mit seiner Energie an allen diesen fünf Momenten, Ebenen, Aktivitäten teilhat.

Es ist ja eben eine Proportion oder vielmehr Disproportion in unserem Zeitplan (in dem, der sich täglich in uns durchsetzt), wieviel wir produktiv und konsumptiv in die Megamaschine (die große Ellipse oben) stecken und wieviel in unsere eigentliche Lebenswelt (der kleine Kreis unten). Ohne Bewußtheit über die tatsächliche Zeitökonomie und darüber, daß sie uns dennoch nur relativ aufgezwungen ist, bleibt unser Energiefluß festgelegt, wie er ist: in der Richtung "hinein", um das Ungeheuer zu nähren.

Die Ellipse bringt vor allem zum Ausdruck, daß der größte Teil der menschlichen Wesenskräfte in die materielle Horizontale geht, so unsere Fesselung, die Selbstverstopfung jedes möglichen Ausgangs vermehrt. Finden müssen wir jetzt eine Praxis, in der wir uns von dieser ›Außermittigkeit‹, diesem Zerstreutsein an eine Sachwelt, die uns beherrscht, befreien können, und zu einer aufrechten Gestalt, die ihre Mitte, sich als Mitte hält. Das bedeutet ein Rückrufen unserer Kräfte aus der Horizontale der Warenwelt und ihre Konzentration um die Vertikale. 

In der sozialen Praxis darf es keinen Automatismus mehr geben, der nicht bewußt (reflektiert) von uns gesetzt und kontrolliert wäre. Sonst trägt uns die spontane Gattungsentwicklung, die Automatik unserer relativen und kurzfristigen Übermacht offensichtlich über den Rand. An diesem Punkt versagen alle liberalen und anarchistischen Weltbilder. Auch eine Riesentraube bloß horizontal verkoppelter Kommunen, die sich auf einfaches Leben werfen, kann für die Erde zuviel sein. Und gewisse planetarische Lebens­zusammenhänge sind einfach vom dezentralen, kommunitären Pol einer Zukunftsgesellschaft her allein nicht faßbar. Die Vertikale schließt also eine Weltregierung ein.

Der Logik der Selbstausrottung zu entkommen, verlangt als allerersten Schritt, uns unabhängig von dem Werk unserer Hände zu denken, all die Begriffe relativ zu setzen, die in unserem Gedächtnis für den Kultur­zusammenhang stehen, den wir uns geschaffen haben. Der Geist, die menschliche Energie muß die Kooperation mit der Megamaschine kündigen und sich mit aller Intensität darauf konzentrieren, seine abgerissenen Kontakte in der anderen Richtung wieder anzuknüpfen. 

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Schema unserer Abspaltung vom Ursprung 

Die Abspaltung vom Ursprung, von der Natur, aus der unser Geist kommt, beginnt schon, wo das entsteht, was wir heute "UB" nennen und was ursprünglich die Spitze der Bewußtseins­entwicklung über das archaische Ureinheits­empfinden hinaus war: mit Magie und Mythos. 

Der untere kleine Spalt zeigt an, da waren die Stammesmenschen schon beeindruckt und schauderten in dem Spiel und Widerspiel von natürlichen und menschlichen Mächten. 

"B" wie Bewußtsein aber, d.h. der rationale Verstand, hat von vornherein einen neuen, tieferen Spalt gesetzt und so seine eigenen Vorstufen tendenziell mit zur Natur geschlagen und feindlich behandelt. Seine Stärke, Breite, Tiefe, seinen endgültigen Kluftcharakter jedoch erlangte dieser zweite Spalt erst in unserer modernen Struktur. 

Hier hat der soziale Ensemblegeist (der kleine Kreis unten) die Institutionen ("i") und die Wirtschaft ("w"), die ihm ursprünglich (etwa im Stamm und noch im theokratischen Staat) untergeordnet waren, nach "oben" aus sich herausgegliedert: in einen verselbständigten Produktions­apparat ("W") und noch darüber hinaus und davon abhängig in den modernen bürokratischen Staat ("I"). 

Nun wird der lebendige rationale Geist von "oben" als untergeordnete Hilfskraft vereinnahmt, wird Funktionär der "Gesellschaft als Megamaschine" (die große Ellipse oben), wie es die mächtigen Pfeile symbolisieren, die das "B" von oben umgreifen. 

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Das vor allem ist der Auszug aus dem Industriesystem. Und natürlich müssen wir auch daran gehen, eine andere Welt wirklich zu schaffen, aber nicht gedacht als "Lebenswelt" neben der Todesmaschine, von dieser abhängig bleibend, sondern sie ersetzend. Fort mit dem ganzen feigen und grundverlogenen "Projekt der Moderne", mit dem die Autoren nicht nur ihr eigenes Leben fliehen, sondern mit dem die ganze Evolution am Scheitern ist. Es ist die schlimmste Verführung, dieses Projekt, "dualwirtschaftlich" untermauert, in eine metropolitane Spielprovinz Kastalien hineinretten zu wollen, während draußen — je nach Benennungsvorliebe — die "Dienstleistungs-", die "Informations-", die "Wissenschaftsgesellschaft" tickert.

Unter allen diesen Namen verbirgt sich: Das lebendige Bewußtsein hat verhängnisvoll die Position gewechselt. Einst war es Organ des Körpers, ein Organ der ganzen menschlichen Natur und des sozialen Kollektivs gewesen. Heute ist es — nach einem materiellen und institutionellen Prozeß, der gesetzmäßig dahin geführt hat — zum Agenten, zum Funktionär der Megamaschine und der von ihr durchdrungenen institutionellen Sphäre geworden.

Für vernünftig hatte Hegel einen Geist gehalten, der diesen ganzen Zusammenhang begriff, zurück bis ins ursprüngliche Sein und hinauf bis in die höchsten Überbauten, und der auf dieser Grundlage erkannter Notwendigkeit die Freiheit erlangt hatte. Aber wie kann ein Geist vernünftig sein, der von seinen Wurzeln losgerissen, dafür in die abhängige Kollaboration mit seinem insgesamt gesehen unbewußt erzeugten unorganischen Leib, mit seiner zweiten Stahl-Beton-Silizium-Natur gezwungen ist?

In den Institutionen ist der lebendige Geist von vornherein dem toten unterworfen, ist er der ganzen Struktur ausgeliefert, die die Megamaschine auf finanziellem, juristischem und techno-normativem Gebiet zu ihrer Selbstregulation hervorgebracht hat. Das Ich, das sie dafür in Dienst nimmt, findet den Rahmen völlig vorbestimmt, in welchem es auf seine Kosten kommen kann. Die Erkenntniskräfte sind an sich dafür geworden, uns auf höherer Stufe mit dem Leben zu verbinden. Nun aber dienen sie der Neuanpassung der Megamaschine an die "Umwelt", die schon deren kaputtes Produkt ist. Das kann man dann noch "ökologische Modernisierung" nennen.

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Hier kann gar nichts anderes als eine Umkehr helfen. Wohin also konstituieren wir die Initiativkräfte für eine neue Struktur und Gestalt? Oder bescheidener: Wo treffen wir uns, um uns erst einmal "leer", um uns empfangsbereit genug dafür zu machen? 

Wie die Lösung aussehen muß, dafür kann jede jetzige Entscheidung nur ein im Bewußtsein der Vorläufigkeit versuchter Schritt sein. Aber wohin mit denen, die zum neuen Anfang bereit sind, die das Alte nicht einfach verwerfen, wohl aber ihm das Vetorecht verweigern wollen? Wohin mit dem überschüssigen und offenen Bewußtsein, dem Keim auch der neuen Institutionen? Dorthin, wo jetzt der Spalt ist! Dorthin, wo der Mensch sich mittels seiner eigenen Kultur selbst auseinandergerissen hat! Dorthin, wo sich Logos und Bios getrennt haben, wo der Logos davongezogen ist, um die Position zu wechseln: vom Organ des Bios zum Agenten der Großen Maschine, und wo die Wiedervereinigung stattfinden muß.

Genau dort, wo der Spalt aufgerissen ist, liegt die verlorene Ganzheit des Menschen, liegt die Mitte, von der aus er seine soziale Welt und seine natur­bezogene Praxis maßvoll zusammenhalten könnte. Es ist die Stelle, an der die Logik der Rettung einsetzen kann. Die Abspaltung von der Megamaschine statt von der Natur (um die kolossale Disproportion unseres Energieeinsatzes, unseres Zeitplanes, damit unserer Bewußtseins­verfassung zu korrigieren) wird geistig-politisch die "Spaltung der Eliten" bedeuten, die Spaltung der wissenschaftlich-managerialen Priesterschaft von heute als sehr wesentliche Mitbedingung einer ökologischen Volksreformation.

Und das darf nicht nur individuell und spirituell, das muß auch institutionell und politisch gedacht werden: Dort, wo der große Spalt ist, muß die Kopplung hin, muß die Kluft geschlossen werden. Dieser Spalt muß weg. Und umgekehrt, wo von den Institutionen und der Technostruktur her jetzt die großen Kopplungen arbeiten, die das Bewußtsein (die lebendige Arbeit, den lebendigen Geist) als Funktionär vereinnahmen, muß für den Anfang wenigstens eine Kupplung hinein, die wir betätigen können, wenn es die Lebensinteressen verbieten, das Bewußtsein von den trägen Massenkräften und Informations­strukturen der Megamaschine mitdrehen zu lassen.106

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Eine solche Kupplung wäre natürlich immer noch bloß ein Notbehelf für die Gefahrenabwehr, für den Zeitgewinn zum Umsteuern. Letztlich muß die ganze große Ellipse oben leer werden, fortfallen, muß die wirtschaftliche und politische Aktivität dort herausgezogen werden und erneut unten in dem kleinen Kreis eine relativ autonome, aber nunmehr eingeordnete Rolle finden, in der sie sich nicht mehr verselbständigen und nicht mehr mit dem Ganzen durchgehen kann.

Nicht etwa, daß es in dem unteren kleinen Kreis der traditionellen Gesellschaft die wirtschaftlichen und staatlich-rechtlichen Tätigkeiten bzw. Funktionen nicht gegeben hätte, aber es ging nie so endgültig und unverblümt mit dem Teufel zu wie in der großen Ellipse der modernen Gesellschaft. Im Vergleich zur Herrschaft des Marktautomatismus und zur Abzähldemokratie ist eine archaische Theokratie ein hoch­kulturelles Ereignis. Denn Staat und Recht stehen dort noch über dem ökonomischen Bereich, und beide Sphären sind dem Geistbereich subordiniert.

Bei dem heutigen Stand der Dinge täuscht beinahe noch die kleine Überschneidung zwischen dem Kreis und der Ellipse, die dadurch zustande kommt, daß das Bewußtsein in beiden Konstellationen als Naturkraft eingebunden ist. Was auch in der modernen Gesellschaft noch von der alten Rechtsordnung übergeblieben ist, hat residualen Charakter und dient so nur der zusätzlichen Legitimation des falschen Ganzen. Das ist das Schicksal der meisten Anständig­keiten unten wie oben — sie kaschieren das ganz andere Wesen der modernen Zustände.

Es gibt natürlich keine einfache Wiederherstellung der traditionellen Gesellschaft, die ja auch nicht zufällig in die moderne übergegangen ist. Die Rück­besinnung macht uns aber auf eines aufmerksam: Das moderne Ich hat, nachdem es aus der kirchlichen Vormundschaft entlassen war, nicht vermocht, die sozialen Verant­wortungen zu integrieren, die auf einmal ganz ohne metaphysischen Schutz waren; und noch weniger hat es vermocht, ein inter- bzw. überindividuelles Institut für den kategorischen Imperativ zu schaffen. Pluralismus ist nichts als eine Deckkarte für individualistische Unverantwortlichkeit. Das führt uns also auf den Gedanken, daß eine Neukonstituierung des menschlichen Selbst die Bedingung für eine Neuinstitut­ional­isierung der Gesellschaft ist. Wenn der Individualismus dominant bleibt, kann er nur die totalitäre "Lösung" herauf­be­schwören, die sein kehrseitiges Komplement ist.

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Dabei ist richtig an dem ORDO-Gedanken, wie ihn Biedenkopf vertritt, daß Staat und Recht zuerst, also sozusagen "vor der Wirtschaft" zurückgeholt werden müssen, obwohl diese Priorität nicht unbedingt zeitlich verstanden werden muß. In einer "richtigen" Gesellschaft bilden die rechtlichen Verhältnisse den ersten Kreis um das geistige Leben. Sie sind ja ursprünglich auch direkt aus dem sozialen Verkehr hervorgegangen. Sie sind bewußtseinsnäher als die Produktion, die in einem weiteren Kreis, schon näher zur Außenwelt, zur Naturumgebung des Gemeinwesens liegt. Der historische Materialismus, der es umgekehrt sieht, beschreibt richtig, was in der kurzen jüngsten Geschichte der Menschheit zunehmend falsch geworden ist: eben diese Machtverschiebung hin zu den Objekten, von denen wir uns produktiv immer abhängiger machen, um — wie wir denken — des "Fortschritts zur Freiheit" willen.

 

Von Natur hat der Mensch die Freiheit, sich aus einer kulturellen Sackgasse zurückzuziehen und ein neues Muster zu stiften. In der Struktur der Megamaschine, der großen Ellipse aber, ist die einmal in Staat und Recht investierte Bewußtseins­energie fest programmiert und verfügt immer aufs neue über die Lebenden. Hier geht es nicht um den Bestand einer juristischen Sphäre als solcher (die jede über den Clan-Status hinausgewachsene Gesellschaft und erst recht eine um den Erdball zusammengewachsene Menschheit haben wird), sondern um die konkrete Gestalt des Rechts- und Staatslebens und noch mehr um seine Einordnung. 

Heute wird jeder Student der Rechte — und so vieler anderer Fächer — automatisch für den Exterminismus verhaftet, sein Gehirn wird dafür geöffnet, daß es von den Traditionen und Bedürfnissen der Megamaschine besetzt werden kann, also für den falschen sozialen Gesamtgeist. Erst wer den ganzen Kodex intus hat, ist dann schöpferisch befugt, darf Kleinigkeiten ändern. Das mag in Ordnung sein in Zeiten einer aufsteigenden lebenspositiven Kultur. In dieser Zeit endgültiger zivilisatorischer Krise aber ist es untragbar. Die Gesellschaft muß aufhören, diese ganze Struktur, dies Recht und diesen Staat zu reproduzieren.

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Schließlich ist die neue Struktur damals, als das Abendland anfing, auch nicht vom römischen Palatin* aus gestiftet worden, so sehr Kaiser wie Diokletian und Konstantin vorgesorgt haben für das Danaergeschenk** in Form der kirchlichen Hierarchie analog zur Reichseinteilung. Die Substanz kam von Menschen, die sich jenseits Roms gestellt hatten. Die Regel des Benedikt hat zuerst ihren Ort in einer Grotte gehabt; gewiß gab es auch Vermittlungen, auch einen Bischof von Rom.

Bei dem heutigen Stand des Wissens werden schon Gesellschaften von wenigen tausend Menschen eine ungeheure Kraft, also auch Störkapazität konzentrieren. In solcher Größenordnung ist es noch möglich, die Selbstbeschränkung im unmittelbaren Kontakt miteinander und mit der jeweiligen Heimat zu üben. Alles körperlich, seelisch und geistig Lebensnotwendige kann bis auf einige Ergänzung und einigen Austausch von Menschen in Intensität und Fülle an diesem Ort versammelt sein. Nur so eine andere Gesellschaft wird eine annähernde Kreislaufwirtschaft haben und eine Wissenschaft-und-Technik, die sozial verantwortlich und lebensverantwortlich ist, statt von den Dämonen der Gier und des Ruhms beherrscht zu werden.

Die Kontraktion von der großen Ellipse auf den kleinen Kreis auf einen Weltkreis und auf viele organismisch koordinierte kleine Kreise zugleich ist anthropologisch und ist ökologisch notwendig. Es kommt darauf an, diesen Entwurf zu pflegen, innerlich aufzubauen und das wieder dichtere Leben zu lernen, wie es in alten Gesellschaften war, jetzt aber auf der Basis einer anderen Bewußtheit. Niemand weiß genau, wie es sein wird, aber es läßt sich wissen, daß es an einem solchen Ort, auf einer höheren Ebene der Spirale, eine andere Lösung für jene menschlichen Urprobleme geben wird, die sich jetzt, weil es ohne einen Sprung nicht mehr weitergeht, als Stufen des Exterminismus äußern. 

Wir sind ja in der expansiven Phase immer schneller vor diesen Urproblemen geflohen. Gerade da müssen wir hindurch. Dazu müssen wir die Kräfte und Gestalten wiedergewinnen, die wir auf der anderen Seite des Spaltes verloren haben, weil wir sie noch nicht integrieren konnten (wir waren nicht souverän genug und ließen uns nicht die Zeit dazu bei unserem hektischen Aufstieg bis hierher). Diese Aufgabe ist uns jetzt gestellt und sie bestimmt den Ort. 

* (d-2008:) Palatin: Pfalzgraf (im Mittelalter); Stellvertreter des Königs (im frühen Ungarn) <lat> ; aber: Paladin 
** (d-2008:) Danaergeschenk, das: verderbenbringendes Geschenk (nach dem von den Danaern [=Griechen] vor Troja zurückgelassenen hölzernen Pferd)

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Natürlich erhebt sich nun noch dringlicher die Frage nach dem Subjekt der Bewegung, nach der "ausgewand­erten" neuen Gesellschaft, die sich dort konstituiert, nach dem "Fürsten einer ökologischen Wende" — kurz nach dem sozialen Organ der Umkehr, ja des Heimwegs der Menschheit. Die Versuchung ist groß, gleich wieder unmittelbar politisch zu werden, zumal wir unleugbar in Eile sind, in einem Wettlauf mit den Trägheitskräften der Todesspirale. Die Versuchung ist größer, seit die von der Russischen Revolution geschaffene Struktur neuerdings ein helleres als das blutrote Licht der Sterne von 1917 auszusenden beginnt. Tatsächlich ist über den Paradigmenwechsel zum <New Age> metapolitisch-abstrakt genug geredet, oft genug auch bloß geschwafelt worden. Praktisch wird das "Neue Denken" genau dann, wenn sich politische Mächte finden oder konstituieren, die zum Beispiel eine Politik der Abrüstung daraus entwickeln und d.h. zuerst im eigenen Umkreis die Möglichkeit und den Konsens dafür herbeiführen.

Wahr ist, daß das "Neue Denken", die neue Subjektivität sich erst einmal ansammeln muß. Aber es kommt darauf an, daß dies mit einer von vornherein politischen Intention geschieht. Sonst fügt sich die Verinnerlichung erneut dem Status quo, wie das nach, dem Fürstensieg über die Bauern und im Gefolge des Dreißigjährigen Krieges deutsche Tradition geworden ist. Dies zu vermeiden im Blicke, wende ich mich zunächst der Frage nach der Herausbildung der Subjektivität zu, die so eine rettende Instanz aus den Individuen heraus tragen könnte, denn die entscheidet über die Qualität der neuen sozialen Macht, die wir brauchen. 

Über eine Neuordnung wird mit dem Menschenbild der Bewegung entschieden, die sie herbeiführt.

 

     Aufstieg der Kundalini  —  Politik der Liebe       

 

Wir können uns fragen, warum der menschliche Geist bisher, von Ausnahmen abgesehen, dabei stehen­geblieben ist, sich in intelligente Material­anhäufungen und Machtstrukturen zu entäußern — hat er doch in der Liebe, in der Kunst und Philosophie, schließlich in der Anbetung des Absoluten immer wieder darüber hinausgewollt. 

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Er erreicht zuweilen diese höheren Ebenen, aber er hat sich dort noch nicht stabilisiert. Wir vermögen schon individuell, erst recht noch im sozialen Ensemble nicht von dorther zu leben. Wilber hat daher <Halbzeit der Evolution> konstatiert.

Aber könnte nicht der erste Schritt auf der zweiten Hälfte des Weges, der Eintritt in die zweite Halbzeit zugleich einen entscheidenden Sprung bedeuten, erst einmal das Verhängnis wenden? Das schließt ja die Vorstellung keineswegs aus, im Gegenteil, daß wir von etwas wie einem Ziel her geführt werden bzw. an sich von etwas geleitet werden, das wir für uns erst noch gewinnen müssen.

Der gute Ausgang kann nicht primär davon abhängig sein, daß wir schon frei sind. Es wird genügen, was wir für diese eigentlich gemeinte Dimension noch kaum ernsthaft beherzigt haben: "Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen." Wir haben Anteil an der höchsten Intelligenz — lassen wir uns von ihr erst einmal an den Zugang leiten, der, wenn wir dem Einblick des Christus und so vieler anderer Meister folgen, Liebe heißt.

Wir mögen hören, der Appell habe schon zweitausend und mehr Jahre nichts bewirkt. Doch was beweist das? Die Verkünder mögen Vorläufer gewesen sein. Jedenfalls zeigt schon ihre bloß Existenz die Menschenmöglichkeit einer Politik des Offenen Herzens. 

Die Evolution mag jetzt viele an diesen Schritt herangeführt haben. Und außerdem ist es diesmal mehr als ein Appell. Es gibt eine Praxis, es gibt sogar Praktiken — ich sage es trotz der verfluchten Neigung unserer Zivilisation, selbst noch ihrer Dissidenten, an sich neutrale Techniken sogleich manipulativ einzusetzen —, um uns durchaus entlang unserer eigenen vitalen Interessen, also nicht nur altruistisch, an die Pforte heranzutasten, die gefühlsmäßige Ausgangs­basis für eine soziale und politische Transformation zu verbessern.

Die Gesamtstimmung, die sich in einer kritischen Phase sozialer Entwicklung durchsetzt, gibt den Ausschlag dafür, was eine Gesellschaft für Wahrheit hält, wenn sie nach der neuen Lösung sucht bzw. — strenger formuliert — wie dicht sie damit an das objektiv Rechte und Notwendige, Wahre und Schöne heran­kommt. 

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Daß in einer letzten Instanz die Wahrheit, die das Ganze ist und erkennt, daß also Liebe zur Gottheit der Herzensliebe vorausgeht, sie überwölbt, steht dem nicht entgegen, sondern wirkt aus dem Urgrund, den wir in uns haben, mit, auch dann, wenn wir es nicht in voller Klarheit wissen. Und vom Herzen her, vom Kontakt mit den anderen Wesen her, sehen wir auch in den absoluten Dingen klarer.

Ich finde es überaus bemerkenswert, daß Lewis Mumford in seiner <Transformation of Man> (deutsch <Hoffnung oder Barbarei: Die Verwandlungen des MenschenY) von 1956 durchgängig dieselbe Perspektive hat: auf eine allmählich vordringende Politik der Liebe als Herzstück der Aufgabe, ein neues Selbst zu schaffen. 

Mumford, der mehrere Male den ganzen Stoff der Weltgeschichte, gerade ihre materiell-technische Seite, durchgeackert und ein alles andere als esoterisches Rettungs­konzept entworfen hatte, kam zu dem Schluß:107

Liebe hat wie der Verstand nur langsam an Wirkung in der organischen Welt gewonnen; da sie erst spät in dem Drama auftrat, das der Mensch selbst geschrieben hatte und inszenierte, erfüllt sie erst einen kleinen Teil seines Denkens, Lernens und Tuns. Doch in der kommenden Verwandlung des Menschen wird die Liebe das zentrale Element der Integration sein, Liebe als erotisches Begehren und als Zeugungskraft, Liebe als Leidenschaft und ästhetisches Genießen im Betrachten des Schönen und in seiner Neuschöpfung, Liebe als Kameradschaft und nachbarliche Hilfe, Liebe als elterliche Fürsorge und als Opfermut und schließlich Liebe mit ihrer wunderbaren Gabe, das geliebte Objekt über alles zu stellen, es zu verherrlichen und zu verklären. Ohne Steigerung unserer Liebesfähigkeit in all ihren Möglichkeiten können wir kaum hoffen, die Erde und alle Geschöpfe, die sie bewohnen, vor den gefühllosen Mächten des Hasses, der Gewalt und der Zerstörung zu bewahren, die sie jetzt bedrohen. Und wer wagt von Liebe zu sprechen ohne eine Philosophie, die den Menschen in ihren Mittelpunkt stellt?

Mumford meint hier zweifellos den Menschen als leidendes, und sich freuendes Individuum, nicht als Stufen- oder Schaltkreis­repräsentanten bzw. -adepten (sh. Anmerkung 109, S. 511*) — ohne dies letztere auszuschließen, aber es kommt auf seine Priorität an, sonst fallen die Konsequenzen techno- bzw. zuletzt neurokratisch aus, und die Psychopharmaka-Dompteure halten die Befreiung auf, während sie vorgeben oder sich vormachen, daß sie sie fördern. 

* (d-2008:) Die Anmerkung 109 steht aber auf der Seite 509. - Einer der wenigen bibliografischen Fehler des Buches.

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Mumford fährt fort: 

Das Idealbild des Menschen, das diesem Stadium der Entwicklung entspricht, ist in der Vergangenheit nie verwirklicht worden, weder biologisch noch sozial; es ist nicht der Hirnmensch, nicht der Muskelmensch noch der Nervenmensch, nicht der reine Hindu, der reine Mohammedaner, der reine Christ noch der reine Marxist oder der reine Techniker, nicht der Mensch der Alten und auch nicht der Mensch der Neuen Welt. Die Einheit, die wir erstreben, muß alle diese Teilmenschen anerkennen und sie liebend einschließen in ein Selbst, das fähig ist, sie zur Ganzheit zu transzendieren. Eine Lehre der Einheit, die nicht mit der Liebe als Symbol und Trägerin dieser organischen Ganzheit auftritt, kann kaum hoffen, ein geeintes Selbst oder eine geeinte Welt zu schaffen; denn im emanzipierten Intellekt allein kann diese Verwandlung nicht vollzogen werden.

Mumford ist kein Marxist, aber er ist, wie ich schon andeutete, in einem bestimmten Sinne ein konsequenterer Materialist als Marx, wird zumindest der monistischen Weltauffassung, für die sich Engels so deutlich ausgesprochen hatte, besser gerecht als die beiden Freunde selbst. Er hebt Marx, hebt insbesondere den historischen Materialismus in ein "unitarisches" Weltbild auf. So könnte er der materialistischen Linken, wenn sie ihn denn mit Fleiß studieren wollte, den Weg weisen nicht nur zu einer ökologischen Gesamtperspektive, sondern, wie ich eben zeigte, auch bis an die Schwelle der spirituellen Praxis, die sich mehr und mehr darauf konzentriert, diese allseitige Liebesfähigkeit zu entwickeln, von deren Steigerung nach Mumford alles abhängt.

Ich werde diese Möglichkeit des Eintritts in den spirituellen Bereich kurz an einem der individuellen Erfahrung relativ zugänglichen Konzept verdeutlichen, das mit den aus Indien stammenden Begriffen Kundalini-Yoga, Chakra und Tantra umschrieben ist.108 Tantra ist, übrigens nur im engeren Sinne, die Bezeichnung für die spirituelle Liebeskunst des alten Indien. Auf die anderen beiden Begriffe komme ich sofort. Das Konzept hat den großen Vorteil, das Bindeglied zwischen dem "durchschnittlichen" und dem "überbewußten", dem "vitalen" bzw. "profanen" und dem "spirituellen" Bereich zu betönen und sogar in dem mittelsten, dem Herzchakra, zu orten. Dieses Bindeglied ist die Liebe, und es geht dabei, wie gesagt, um die gefühls­mäßige Qualität der rettenden Bewußtheit, als eine maßgebliche Bedingung dafür, daß wir es überhaupt versuchen können, unsere Massenproduktion und unsere Machtstrukturen fahrenzulassen.

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Kundalini ist der indische Name für die sogenannte Schlangenkraft, für unsere als eingerollt am unteren Ende der Wirbelsäule liegend und von dort mehr oder weniger weit und intensiv aufsteigend vorgestellte bzw. erlebte erotische Lebensenergie (bei uns hat besonders Wilhelm Reich mit diesem Konzept praktiziert — sein Orgon-Begriff meint ungefähr dieselbe Kraft). Voll aufgerichtet, steht die Kundalini-Schlange mit dem Kopf im Logos, so daß diese Idee die dialektische Polarität von Eros und Logos, Sexualität und Geist als Faktum voraussetzt.

Und zwar hat die Kundalini, unsere Lebensenergie, die Tendenz, durch eine Reihe von sogenannten Chakras bis in den Scheitel des Kopfes aufzusteigen (die Chakras werden als aufeinander aufbauende Knotenpunkte psychophysiologischer Energie­umformung in unserem Zentral­nerven­system verstanden). Das ist in der spirituellen Kultur Indiens besonders ausgenutzt und kultiviert worden, aber es haben wohl alle alten Hochkulturen damit gearbeitet.

Eingebettet in eine umfassende Philosophie und Ethik wurden vielerlei Praktiken entwickelt, um die Kundalini zu einem rascheren, intensiveren und vollständigeren Aufstieg als gewöhnlich anzuregen, ja zu trainieren. Die Sache selbst ist bioelektrisch bzw. biopsychisch gegeben, und es hat wohl fast jeder Mensch, insbesondere jeder schöpferische Mensch eine vitale Erfahrung von dieser Aufstiegsbewegung durch das Rückenmark bis hinauf in die Großhirnrinde.109

Die Chakras sind entlang unserer Wirbelsäule und dann weiter hinauf bis ins Gehirn angeordnet, wie es nebenstehendes Schema wiedergibt. Je nachdem, auf welcher Höhe dieser Stufenleiter wir hauptsächlich leben, bis wohin wir unsere Kräfte von unten nach oben mit Hilfe gewisser von oben ausgehender Lichtblicke integriert haben, können wir mit ihrer Hilfe unsere Lebens­philosophie, unsere Art und Weise, in der Welt zu sein, kennzeichnen.

Danach unterscheiden sich nicht nur Individuen sowie biographische Stufen ein und desselben Menschen, sondern auch Kulturen (Zivilisationen) und deren Epochen. Vieles deutet darauf hin, daß wir nach der in dieser Lehre aufbewahrten "Anthropologie und Erkenntnistheorie der Buddhas" im gesellschaftlichen Durch­schnitt, der sich in den herrschenden Sitten, Gesetzen, Institutionen niederschlägt, erst beim Gebrauch unserer Kräfte über das dritte Chakra angekommen sind.

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In Wahrheit scheinen wir sie auch auf diesem Niveau noch gar nicht bewältigt zu haben, so daß nämlich Selbst­verwirklichung noch vornehmlich als kompensatorischer Machtgebrauch sich äußert.

Hier kommt es nicht auf Feinheiten an, sondern auf das Prinzip des Aufstiegs zu umfassenderer, eigentlich menschlicher Bewußtheit, um die es jetzt realgeschichtlich geht — weniger auf die Transzendenz ganz oben. Dieser Fokus kommt sehr schön durch in einer Akzentuierung für die Praxis der "Pforten"-Öffnung, die Margo Naslednikow110 anbietet, indem sie sich auf das 3., das 4. und das 6. Chakra, die es zu öffnen gelte, konzentriert.

In dem 3., dem Hara, fassen sich natürlich, insofern wir die Lebensprobleme auf den ersten beiden Chakra­ebenen einigermaßen bewältigt haben, die Probleme aller drei "vitalen" Energiezentren zusammen. Das Thema im Hara, im Körperschwerpunkt, ist also "Bewahrung des Lebens: der Körper". Hier alles offen und harmonisiert zu haben, ohne asketische Vergewaltigung und ohne gierigen Exzeß der Lebenskräfte, ist die Bedingung für die Gesundheit jedes weiteren Aufstiegs. Diesem Zentrum entspricht also der Selbst­bewahr­ungsinstinkt, und im Hinblick darauf, daß unsere Versorgung, unser Status und unsere Selbst­verwirklichung zuerst entscheidend von der Mutter abhängen, mit der wir anfangs eine Welt bilden, können wir bis hierher sozusagen autistisch, narzißtisch bleiben, nach dem Motto "Jeder ist sich selbst der Nächste".

Fürs Gesellschaftliche, für die Beziehung mit anderen sorgt das Herz. Fragt das Hara "Wer bin ich?", so fragt das Herz "Mit wem bin ich?", und da der erste in diesem Sinne Andere meist der Vater ist, haben wir hier nach rückwärts oft mit ihm bzw. mit der symbolischen Väterwelt unser Problem.

Und schließlich haben wir für die Übereinstimmung mit unserer Umwelt im weiteren Sinn das Gehirn als Sitz folgerichtigen logischen Denkens (linke Hälfte), der Intuition (rechte Hälfte), des Gedächtnisses usw. Es fragt "Wo bin ich, was ist passiert?", und seine freilich mit dem 5., dem Sprachchakra verbundene Leistung ist eben die Objektivität, für die das 6. Chakra, das sogenannte Dritte Auge steht.

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Das Kundalini-Schema    

Das Kundalini-Schema  

Die beiden kurvenförmigen Linien, die mit der Wirbelsäule aufsteigen, korrespondieren mit Sympathikus und Parasympathikus bzw. linker und rechter Gehirnhälfte. Wilber fügt zur Erklärung hinzu, die Lokalisierung der Chakras sei nicht symbolisch, sondern tatsächlich zu verstehen. Indem er sich weniger auf die Funktion als auf die repräsentierten Kräfte bzw. Energien konzentriert, ordnet er dem untersten 1. Chakra Materie, dem 2. sexuelle Energie, dem 3. die "Bauch"-Reaktionen (Emotion, Kraft, Vitalität), dem 4. Liebe und Zuneigung, dem 5. diskursiven Verstand, dem 6. höhere mental-physische Kräfte, dem 7. Transzendenz zu. (Ansonsten legt sein Buch innerhalb des 7. Chakras noch eine Unterscheidung nahe, äußerlich festzumachen vielleicht an dem Unterschied zwischen Scheitelpunkt im engeren Sinne und der gezeichneten Kalotte, so daß es dann 8 Chakras wären und sich der "Grundton" in der integralen "Oktave" wiederholen würde. 

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       Für die drei "Pforten" verwendet Margo Naslednikow

Für die drei "Pforten" verwendet Margo Naslednikow an anderer Stelle111 das nebenstehende Tripel-Symbol und erläutert: Der Mond repräsentiert das Ajna-Chakra oder Dritte Auge, den (für von außen kommende Information) empfänglichen Pol; die Sonne (Kreis) repräsentiert das Herz, welches das Höhere mit dem Niederen harmonisiert und einigt; das Kreuz repräsentiert das Hara, in dem Horizontale und Vertikale sich ausgleichen. 

Der entscheidende nächste Schritt dürfte die Öffnung des Herzens samt vollzogener "alchimistischer" Vermählung von Herz und Hara sein, wenn man dieser ganzen Modell­vorstellung folgen will. Denn davon hängt ab, wie wir von unserem instrumentellen Verstand, wie wir überhaupt von unserer Vernunft Gebrauch machen.

Im Grunde genommen ist unsere bisherige "vitale", "profane" Position, die sich von unten her im Hara zusammenfaßt, nicht "irdisch" (wie Leary sie nennt112), sondern noch "tierisch", "tierhaft". Wie gesagt, ist Anthropozentrismus-Egozentrismus die naturwüchsige Haltung des Hirntiers Mensch. Und das "Überbewußt­sein" bzw. die spirituelle und schließlich die göttliche Ebene ist nicht "nachirdisch", sondern eben eigentlich menschlich.

Die erste Gestalt dieser eigentlich menschlichen Grundposition hatten Aufklärer wie Tschernyschewski "vernünftigen Egoismus" genannt, und das war, wenn auch mit dem unvermeidlichen rationalistischen, abstraktionistischen Akzent, richtig gedacht. Und ohne Zweifel kann uns die psychosomatische und neuroelektrische Euphorisierung die Befindlichkeit verbessern, um uns zu dieser höheren Strategie, die selbst­verständlich auch rational artikuliert werden muß, vorzuarbeiten. Wir können besonders dann, wenn ein liebevoller sozialer Gruppenkontext mitträgt, unsere Abwehr, unser Festhalten an den beschränkten, kurzsichtigen, angst­bestimmten Verhaltensmustern lockern und unser Mißtrauen in die menschliche Mitwelt zurücknehmen.

Denkinhaltlich sind gar keine Wunder von uns verlangt. Offenbar gilt aber für den "vernünftigen Egoismus", was Brecht über den Kommunismus gesagt hat: Er sei das Einfache, das schwer zu machen ist. 

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Wegen der Ängste, die entgegenstehen, sind hier wirklich die therapeutischen und meditativen Techniken der Weg, besonders die körperorientierten tantrischen mit ihrer Intention, Eros und Logos übers Herz miteinander zu verbinden. Leary hat auch gezeigt — und man könnte da gestützt auf die matriarchalen Forschungen über den Weg der Göttin noch einiges hinzufügen —, daß und warum gerade diese körperliche, somatische Sphäre (der 5. Schaltkreis) der natürliche Eingang in die spirituellen Bereiche ist (was andere Einstiege nicht ausschließt). Es braucht, um den Freiraum für die entsprechende Praxis zu sichern und die Ergebnisse zu stabilisieren, mehr soziale Assoziation, spirituelle Kommunen, um dem Menschen auf dem neuen Niveau das Schutzbedürfnis zu befriedigen.

Ich nahm schon vorweg: Uns regieren aufs Ganze gesehen noch die nicht zu Ende, nicht von den höheren Ebenen her integrierten Hara-Energien. Genauer gesagt: Erst unsere zivilisationsbestimmenden Eliten sind da angekommen — soweit wir Eliten nicht nach dem Grad umfassenderer Bewußtheit, sondern nach der Kapazität für mächtigen Verstandesgebrauch bemessen, soweit wir sie in Physikern, Politikern, Managern, Ingenieuren, Soziologen, Priestern, Therapeuten usw. zählen. Die Mehrheit läßt ihre Kräfte immer noch vornehmlich über die ersten beiden Chakras (für "Brot" und für "Spiele" sozusagen) laufen. Da hat es genügt, den einen Schritt weiterzugehen, um patriarchal aristokratisch zu werden, die Bedürfnisse nach Nahrung und Sexualität auszubeuten und die etwa verfügbaren höheren Mächte dafür zusammenzuziehen, um alles zu beherrschen.

Beim 3. Chakra — da baut sich der Charakter auf in der jugendlichen Gegenidentifizierung zur väterlichen Autorität und zu den Mitmenschen als Konkurrenten um Besitz, Status, Selbstdurchsetzung. Im individuellen Leben sind das die dritten sieben Jahre, in denen wir es der Welt beweisen wollen und uns von den Eltern abstoßen. Planetarisch beweisen wir's Gottvater ("Bedecke deinen Himmel, Zeus!") und erst recht der Göttinmutter Erde. Diese" Unreife ist der eigentliche Gehalt hinter der vielfachen Feststellung, wir seien psychisch, moralisch, sozial, institutionell hinter unserer Wirklichkeitsmacht zurückgeblieben. Jede Gesellschaftsverfassung muß diesen Entwicklungsstand berücksichtigen — aber muß sie auch darauf gegründet sein? Unsere ist es.

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Dennoch bleibt es die Hauptsache, darüber hinauszukommen, daß die psychophysischen Energien des Menschen über dieses 3. Chakra kanalisiert werden, und die Antwort wäre, wie schon angedeutet, das Kräfteverhältnis von Herz und Hara umzukehren, die an sich hoch­entwickelten Hara-Kräfte vom Herzen her zu steuern. Wir sind geboren zu liebender Erkenntnis.

"Amor Dei intellectualis" ist Spinozas Formel für diese Botschaft unserer Erbinformation gewesen. Wir sind geboren zum Gebrauch unserer Energien über alle (potentiellen, zu entwickelnden, bei einer lebensrichtigen Kultur vielleicht in allen oder doch fast allen zu entfaltenden) Energiezentren der Kundalini-Schlange, unseres erotischen Bewußtseinskörpers. Dafür brauchten wir "Schulen", Liebes- und Erkenntnisschulen — alles andere würde sich finden und ordnen.

Daß wir uns jetzt von diesen Computern dirigieren lassen, hat vor allem damit zu tun, daß wir nicht unser ganzes Wesen, unseren ganzen Bewußtseinsleib als Organ der Kommunikation benutzen. Wie es scheint, ist unser Neuerwerb, das Frontalhirn, deshalb großer Datenspeicher und -verarbeiter, weil wir dort ganz unerleuchtet sind, so daß es dem viel weiter unten konzentrierten Machtwillen als Sklave gehorchen muß. Gehorchte es dem Herzen, so wäre auch dann schon alles anders, wenn wir dort oben noch keinen unmittelbaren Zugang zu den neuroelektrischen, genetischen und quantenmechanischen Realitätsebenen hätten.

Vom Machtwillen gesteuert weiß der Verstand nur, was wir ihm als Resultat gewaltsamer Weltbefragung von außen zukommen lassen (nur manchmal und trotz unseres Mißbrauchs infolge natürlicher Gnade ein wenig mehr). Die Gottheit spricht deshalb immer noch bloß in Scharaden zu uns, und wir geraten aus dem Häuschen, wenn wir auf einen ihrer geringsten Schliche kommen. 

Kernfusion — der Sternzustand, mit dem sie ihre Emanation beginnt, die wollen wir in unserer haarsträubenden Macher-Unvernunft auf diesen Planeten holen, der in der kurzen Phase seiner Tragfähigkeit für biologisches Leben ist, für das die kosmische Strahlung ausgeschlossen sein muß.  

Vom Herzen her aber könnten wir erkennen, daß "göttliche Neugier" (unsere vornehmste Ausrede) ein Selbstbetrug ist, ein eitler Widerspruch in sich — die Gottheit kann wesensgemäß weder gierig noch neugierig sein.

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Von der Herzebene her können wir Hirn und Hara in ein weit besseres Verhältnis bringen und unsere Existenz entdämonisieren. Denn die unreflektierte Naturkraft, die wir im Hara darstellen und deren Spitze die Funktion unseres Gehirns als Waffe ist — in ihrem natürlicherweise eigennützigen, selbstsüchtigen Vorgehen haben wir jenen uns zur Megamaschine treibenden Dämon, von dem Mumford sprach. Es steckt in uns sonst keine andere Kraft als in jedem Tier, nur daß unser Eigenwille, unsere Partikularität, Endlichkeit, unser Wille zur Selbstdurchsetzung und Selbst­behauptung soviel besser bewaffnet ist. Das spezifisch Böse kommt noch hinzu, jedoch bloß als Beschleuniger und Verstärker; ebenso das Suchtverhalten. Und es ist durch die ganze Geschichte bewiesen, daß sich die Macht nicht selbst kontrollieren kann, sondern mit dieser Intention eher noch einen weiteren Trigger spielt.

Kontrolle unserer Kräfte und Mächte aber vom Herzen her zu organisieren, das ist bisher institutionell nicht gelungen, dem stand die bei dem bisherigen Aufstieg offenbar unvermeidliche Körperfeindlichkeit sogar in den spirituellen Ansätzen selbst entgegen, der Geist der patriarchalen Askese, bei dem die Liebe nur ein weiteres Machtmittel ist, weil diese alchimistische Hochzeit zwischen Herz und Hara vom falschen, unteren Pol her geschieht und dann die äußerste Perversion ist. Meistens steckt eine egozentrische Gier nach Erleuchtung dahinter, quasi die indische Variante dessen, was Horst Eberhard Richter den <Gotteskomplex> nennt.

 

In dem New-Age-<Magazin 2000> hat kürzlich jemand in diesem Geist einen wütigen Text seines Gurus Narayanananda gegen Margo Naslednikow zitiert. Die Meinung war, sie betrüge gutgläubige Adepten, wenn sie ihnen durch den Eros hindurch Befreiung verspräche. Der Guru und sein Schüler fauchten furchterregend. Aber sind nicht derartige Heilige durch die Jahrtausende in Indien Legion gewesen, während der Aufstieg des Menschen dort stagnierte? Da ist ganz offensichtlich ein Ungenügen, und zwar selbst beim Buddha, der sich in seiner Weibflüchtigkeit sehr von dem chinesischen Laudse unterscheidet. Möglicherweise ist in den folgenden zwei Zeilen, die ich bei einer Puja zu seiner Verehrung kennenlernte, das letzte Geheimnis von Buddhas Heiligkeit ausgesprochen:

Die Gier nach Lüsten hat er überwunden
und geht nicht ein mehr in den Mutterschoß.

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Vielleicht geht es bei der Erlösung von dem Rad der Geburten mehr um ein Weg vom Weib als um ein Hin zu dem anderen kosmischen Schoß? Und Entkörperlichung, gar in der Liebe, wird uns gewiß nicht zur Wiedereingliederung in die Natur verhelfen.

In Rainer Langhans' "Theoria diffusa", die um dasselbe Thema ringt, befremdet mich eben diese Fluchthaltung, diese Fortschrittsperspektive weg vom "äußeren", hin zum "inneren" Gegengeschlecht. Es ist was völlig anderes, wenn in einem Prospekt der Margo Naslednikow steht: "Du wirst entdecken, daß Du Dich mit einem Partner ekstatisch fühlen kannst, ihn jedoch nicht dazu brauchst." Eines ist, die Besessenheit von dem anderen Körper zu überwinden, ein anderes den Sex. Mit Langhans muten wir der Frau, wenn wir dennoch mit ihr kommunizieren wollen, eine Blockade zu, die den natürlichen Gestus des Eros im Grunde gewaltsam unterbricht. Warum denn wirklich? Fürchten wir Männer so sehr, sonst wieder physisch übermächtigt und zurückgeholt zu werden? Aber so ist an dem Aufstieg etwas faul — es ist eine Neuauflage des Aufstiegs ins spirituelle Patriarchat hinein.

Ich denke, Europa hat in diesem Punkt eine bessere Lösung als der asketische indische Yoga, und zwar aus den vorchristlichen keltischen, germanischen und slawischen Zeiten unterschwellig bewahrt. Unsere Epen aus der Ritterzeit sehen die beiden auch im Bett als einander Gehilfen zur Gottheit an. Unsere Romantik war dicht am Tantra der Liebe. Bei Novalis gibt es dieses nur scheinbar naive Märchen von Hyazinth und Rosenblüthchen, dem lieben Jungen und dem lieben Mädchen. Dann kommt von fernher ein finsterer Asket und macht den Jungen dem Mädchen abspenstig und unheimlich. Aber eine wunderliche alte Frau im Walde wirft des Gurus Buch ins Feuer. Sie schickt den Hyazinth dahin, wo die Mutter aller Dinge, die verschleierte Jungfrau Isis wohnt, und er findet auf der langen Reise unter dem Schleier der Göttin die Geliebte wieder. Ein Distichon des Novalis, abseits von dem Märchen, fügt hinzu:

Einem gelang es — er hob den Schleier der Göttin zu Sais,
aber was sah er? er sah — Wunder des Wunders — sich selbst.

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Und ein letztes: "Die Liebe ist der Endzweck der Weltgeschichte, das Amen des Universums." Das Rosenblüthchen braucht den Hyazinth. Noch mehr aber braucht der Mann die Göttin, die ihn initiiert. Mann und Frau müssen diese Freiheit erlernen, sich nicht mehr gegenseitig geschlechtlich auszubeuten.

Mag jetzt auch ein gewisser Pendelausschlag in der Gegenrichtung zum Patriarchat den Mann erschrecken (in der Frauen­bewegung ist einiger kehrseitiger Sexismus virulent) — es spricht dennoch alles für eine Gewichtsverlagerung zum Weiblichen hin. Gehen beide Geschlechter je ihren Weg der Individuation, der Integration, so werden sie sich mehr denn je wiedertreffen, werden sich vielleicht das erste Mal finden. Es gibt da eine Zone, in der das Menschen­gemeinsame — ohne den Geschlechtsunterschied, der durch alles geht, zu verwischen oder gar auszulöschen — zu tragen beginnt, das wechselseitige Projizieren und Beschuldigen nachläßt, die Geister einander ergänzen können. Die von Walter Schubart ersehnte Heimkehr des Eros zu den Göttern könnte eine Chance bekommen.

Novalis' Lösung war gewesen, die geistige Gestalt der Geliebten von vornherein mit in sein Herzklopfen hineinzunehmen. Er hat exakt beschrieben, wo der moderne Mann von den Maschinen, von Wissenschaft und Technik hingezogen wird, und wie er ganz anders als geistig-homoerotisch darauf antworten sollte. In einem Brief von 1797 meint er:

Ich leugne nicht, daß ich mich vor dieser entsetzlichen Verknöcherung des Herzens — vor dieser Seelenauszehrung — fürchte! Die Anlage ist unter den Anlagen meiner Natur. Weich geboren, hat mein Verstand sich nach und nach ausgedehnt und unvermerkt das Herz aus seinen Besitzungen verdrängt. Sophie gab dem Herzen den verlorenen Thron wieder. Wie leicht könnte ihr Tod dem Usurpator die Herrschaft wieder geben! der dann gewiß rächend das Herz vertilgen würde. Seine indifferente Kälte habe ich schon sehr empfunden — aber vielleicht rettet mich noch die unsichtbare Welt, die bisher in mir schlummerte.113

 

Er hatte wohl nie das Gefühl, daß die Sinnlichkeit ihn zurückzöge bei seinem religiösen Versuch, sich "einen eigenen Weg in die Urwelt zu bahnen". Da hat die deutsche Romantik eben Rückhalt in dem besten besonderen Teil europäischer Spiritualität gehabt, in den Bereichen der Keltischen Weißen Göttin (des Robert von Ranke-Graves, wenn man's lesen will). 

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Der Einweihungsweg von Wolframs Parzival schließt auch den Eros nicht aus. Trevor Ravenscroft hat in seinem Gralsbuch schön verdeutlicht, daß die Expeditionen in unseren Epen auf den Kreis angelegt sind, der zu Ihr zurückführt. Es hat bei uns früh starke weibliche Individualität, starken weiblichen Geist gegeben.

Dagegen ist die rein patriarchale Spiritualität des asketischen Yoga-Weges, auf dem der Mann zusätzlich Verweiblichung sucht, um seine Herrschaft zu vollenden, hier jetzt nicht angesagt. Außerdem ist sie unter unseren Bedingungen ein Verstärker des Rationalismus, keine Medizin dagegen. Sie hat mit dem unglücklichsten Strang in dem Erbe unserer mittelalterlichen Mönche zu tun. Und gesellschaftlich gesehen, geschichtlich gesehen, fehlt uns jetzt nicht Erleuchtung pur, uns fehlt die Macht der Liebe, und deren sozialer Auftritt hängt nicht vom Eingang in die göttliche, sondern vom Eingang in die menschliche Mitte, die Herzmitte ab. 

Margo Naslednikow läßt dort mit Recht den spirituellen Bereich beginnen, und ich sehe sie zugleich als die erste eigentlich menschliche Ebene an. Wir sollen den Körper nicht nur mitnehmen, sondern geradezu als Fahrzeug nutzen für unsere Reise nach innen, ohne uns daran zu verlieren und aus den Sensationen eine Droge zu machen. 

Es gibt wirklich gute Gründe dafür.

Unterm Strich fällt an der conditio-humana auf, daß sie einen depressiven Einschlag hat. Von Buddha bis Hegel ist der Zusammenhang von Geist und Leid, ist das unglückliche Bewußtsein der Kontrapunkt des Denkens gewesen. Von daher die "revolutionäre Rolle des Bösen in der Geschichte", die "nicht der Ort des Glücks" ist, der ganze Satanismus des Fortschritts. Und seit Hegel so sprach, hat sich diese Befindlichkeit noch einmal überschlagen. 

In welchem Maße unsere ganze Zivilisation eine <Anleitung zum Unglücklichsein> ist!*

Durch Leiden Freude — und wenn die Musik zur Freudenhymne durchbricht, heißt das noch lange nicht, sie erfüllte auch das Leben des Komponisten. Stärker als jede andere Spezies stehen wir unter dem Druck des Ungenügens und ziehen uns abwehrend zusammen. 

Bleiben wir unglückliche Tiere, entgehen wir der Apokalypse kaum. Und die Maßnahmen, mit denen wir sie hinausschieben wollen, werden die Welt noch häßlicher machen: Bunkerbauen, Horten von Lebens- und Verteidigungsmitteln, Sparen — was für Tugenden! Dabei kommt die Knappheit erst mit der zupackenden Lebensweise auf! 

* (d-2013:) Erfolgssachbuch von wikipedia  Paul_Watzlawick ,1921-2007 

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Es ist bestimmt wichtig, was sich jetzt in den Wissenschaften in der Richtung systemischen, ganzheitlichen, nichtdualistischen Denkens ändert, wichtig vor allem für die Wissenschaftler, die die Weisheit des Dau von den eigenen Koryphäen bestätigt sehen möchten, um sich leichter darauf einlassen zu können. Aber nicht die Physik hat das abendländische Weltbild geschaffen, sie hat nur heftig daran mitmultipliziert in einer zunehmenden sekundären Autonomie. Jetzt ist der Paradigmenwechsel in der Physik vor allem deshalb hoffnungsvoll, weil er zeigt, wie das motivationale Fundament aufreißt, auf dem die wissenschaftliche Priester­schaft der Megamaschine en masse gleichwohl noch immer weitermacht.

Für die Umkehr von nekrophiler Wissenschaft zu biophilem Wissen braucht es hauptsächlich einen anderen Durchgang als den durch nunmehr dem Dau analoge mathematische Modelle, die wir, falls wir nicht selber Mathematiker und Physiker sind, kaum so dringend brauchen, um uns die innere und die soziale Welt neu einzurichten. Außerdem kommen sie fast automatisch ins Angebot, aus existentiellen, nur bedingt in der Wissenschaft tradierten Gründen. Ich will gleich hinzufügen, daß es mit der Re-Vision der Politik bis zu einem gewissen Grade dasselbe ist. Physiker oder Politiker — wir versuchen uns rational davon zu überzeugen, daß wir vom Rationalismus (Abstraktionismus) Abschied nehmen müssen, aber nicht gleich von der Physik, nicht gleich von der Politik.

Gut, aber die eigentliche Frage ist, ob der Mensch seine Befindlichkeit, sein Daseinsgefühl in der Welt verbessern kann, die Atmosphäre seiner Kommunikation mit ihr, ob er sein Leben von der Vorherrschaft der Negativität befreien, ob er seine Fähigkeit zum Glücklichsein erhöhen kann. Wenn ich im folgenden Jean Gebsers hochintellektuelle Idee des homo-integralis aufnehme, dann interessiert sie mich nicht nur auf ihre philosophischen, sondern auch auf ihre Lebensqualitäten hin, auf unsere (meine) Fähigkeit, eine glücklichere Figur zu machen (auch wenn ich dies dann nicht noch einmal wiederhole). Wie froh die Botschaft, wie freundlich das Universum ist, entscheidet sich in uns.

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Kurzum, was wir — genügend viele! — als nächstes erreichen könnten und erreichen müßten, das ist keineswegs die höchste Erleuchtung, sondern die Liebe, allerdings eine erkennende und das soziale Ganze in sich einschließende Liebe. Das ist der "kleine" Sprung von der Regulation der Kräfte übers 3. zu der übers 4. Chakra, ein Weltverhältnis durch die Herzmitte des Hirntiers, das wir sind — noch geht halt auch unsere Herzkraft meistens durch den Willen zur Macht. 

Vom Herzen aus hätten wir dann unsere Welt neu einzurichten, nicht so bedürftig, nicht so arrogant, nicht so eifersüchtig, nicht so gierig, nicht so neugierig. Und dann mit mehr Glück und mit mehr Ruhe weiter. Das dürfte der Schlüssel zu der anstehenden Reintegration des gesellschaftlichen Bewußtseins sein. 

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