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3.3  Axiome eines Rettungsweges

 

 

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Heute hat die Wissenschaftssprache den Begriff des Axioms okkupiert. Danach sind Axiome mathematische Sätze, aus denen alle übrigen in einer Theorie möglichen Aussagen ableitbar sind; und die Eleganz verlangt, daß kein Satz zuviel Axiom genannt werde. Ich benutze das Wort hier im ursprünglichen, weniger strengen Sinne. Bei den alten Griechen war ein Axiom ein Grundsatz von Wert und Wichtigkeit, der nicht bewiesen werden mußte, weil er unmittel­bar einleuchtend war. Ich hoffe, die folgenden Sätze haben etwas von diesem Evidenz­charakter, in denen ich das Bisherige zusammenfassen und den letzten, vierten, direkt politischen Teil in seinem Stellenwert einordnen will. 

1. Die Chance:  

"Vernichtet zu sein oder zu sein" — Selbstmord oder geistige Neugeburt — ist zur aktuellen Alternative der Menschheit geworden. Der vielmillionen­fache Sprung in eine neue Bewußtseinsverfassung ist ihre einzige Chance. Zugleich ist die ökologische Krise ihrerseits eine einzigartige Chance für einen solchen Sprung, der uns auch ohne sie schon aufgegeben war. 

Und wo vor allem soll sich dieser Sprung ereignen, wenn nicht in Europa, wo die selbst­mörderisch gewordene Kultur ihre Wiege hatte? Und wo anders eher als in Deutschland nach den zwei besonders von ihm ausgegangenen Katastrophen dieses Jahrhunderts?

Die Transformation, eine Tiefenverwandlung des Bewußtseins, eine neue Integration der menschlichen Wesenskräfte, ist der grundlegende Vorgang unserer Epoche. Wir versuchen, unser Selbstbewußtsein zu erweitern und zu vollenden, uns aus den Bedingungen unserer Geburt und Sozialisation zu befreien, um doch noch "einen neuen Himmel und eine neue Erde" zu schaffen, d.h. ein liebevolles neues Gesamtverhältnis von Mensch und Erde, Mann und Frau.

Kulturen sind auf Tiefenstrukturen im menschlichen Bewußtsein gegründet. Man kann diese Tiefenstrukturen mit Galtung neutral "Kosmologien" nennen. Traditionell sind sie als "religiös" bezeichnet worden. Jedenfalls ist die Rede von Bewußtseins­verfassungen, die bis in den Ur- und Grundbestand unseres Genotyps, in unseren anthropologischen Kern rückgekoppelt sind. Eine neue Kultur setzt eine neue Bewußtseinsverfassung voraus, in diesem Sinne eine neue "Religion".

Ganz ähnlich wie damals im mittelmeerischen Imperium der Römer sind jetzt in der atlantischen, westlichen Metropolis schon jene Kräfte spürbar, die eine neue, höhere Bewußtseinsverfassung schaffen bzw. eine höhere Bewußtseinsebene erreichen, um die Kultur von daher neu zu begründen.

 

2. Aufklärung nach Innen: 

Diesmal wird es freilich keinen neuen verdinglichten Gottesbegriff geben, keine erneut vergötzbare anthropo­morphe Gestalt. Der Geist, stellt sich heraus, kommt nicht von oben, sondern von innen. Als ein Aspekt der Evolution, ihr innerer Leitstrahl, ist er — und war er immer — mit unserem Genotyp gegeben. 

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Er ist der Gestalt-, der implizite Ordnungsaspekt unserer Natur und der in uns entfalteten Gesamtnatur, ob wir es wissen oder ob wir es nicht wissen. Aber solange wir es nicht wissen und unsere Kultur nicht auf die bewußte Kommunion damit gründen, solange nicht alle daran teilnehmen und von dorther eins sind, so sehr wir uns durch unsere individuellen Genotypen voneinander unterscheiden mögen — solange stören wir mit unserem Erkennen und Handeln auf begrenzte Zwecke hin die natürlichen Gleichgewichte.

Der Weg der Rettung beginnt damit, die zivilisatorische Krise in ihrem Wesen, in ihrer ganzen Tiefe und in ihrer bei positivistischer Trendberechnung erbarmungs­losen Aussichtslosigkeit zu erfassen. Die materiellen Trägheitskräfte sind ungeheuer, und zwar historisch beispiellos. Es ist, als wollten wir uns mit Tonnen Blei an den Füßen aus einem Schiffbruch retten. Allzuviel New-Age-Optimismus, im Mercedes oder per Flugzeug zu allerhand Workshops unterwegs, vergißt geflissentlich den schnöden Massenfaktor unterm Allerwertesten. Dann ist es leichter, den Schatten des Kreuzes nicht wahrzunehmen, der über allem liegt.

Wir haben die Wirkungslosigkeit der Umweltkosmetik und den makabren Charakter des ökologischen Ablaßhandels erfahren. Wir ahnen den einen verhängnis­vollen Zusammenhang, der das ganze innere Milieu unseres Gesellschaftskörpers bestimmt. Es ist auch klar, daß wir da — obwohl auf neue Weise — etwas sehr Altem begegnen, daß das Verhängnis immer mit uns war. Nur worin es besteht, davon sehen wir immer noch am liebsten weg: nach außen und auf andere Schuldige und Verantwortliche als uns selbst. 

Unser Verbrauch ist in seiner Größenordnung unhaltbar. Um zu begreifen, daß wir ihn herunterschrauben müssen, muß die Logik der Selbst­ausrottung voll ans Licht, sonst reicht der Antrieb nicht für eine spirituelle Mutation, die mit dem Verzicht auf den bisherigen Lebensstil verbunden sein muß; andernfalls bleibt sie ein Privatvergnügen.

Inzwischen sind alle unsere erlernten Lebens- (ich meine Selbstbehauptungs-) grundsätze und -gewohn­heiten und unsere zugehörigen politischen Spiele unvereinbar mit unseren Lebensinteressen. Andererseits ist es unser abgründig Bösestes gerade nicht, das sich in der ökologischen Krise äußert. Wir machen uns mit unserer Normalität kaputt. 

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Die Erde hält die "Menschen, wie sie nun mal sind" nicht mehr aus. Die Kalamität liegt so sehr im Ganzen, daß wir nur an irgendeiner unserer schönsten Errungen­schaften ordentlich festhalten müssen, um uns schon de facto so zu verhalten, daß alles beim Alten bleiben muß, soll diese eine Blüte nicht verlorengehen. Und wie oft wollen wir gefühlsmäßig lieber zugrunde geh'n als auf irgendein wohler­worbenes Kulturgut auch nur im Gedanken­experiment zu verzichten. Was soll gerettet werden, unser Welt-Ich oder unsere Welt? Das macht den Unterschied von Tod und Leben, jetzt aber nicht mehr nur spirituell, sondern auch physisch.

 

3. Rettung ist möglich: 

So zweckmäßig es ist, unser Ausgeliefertsein für den Fall zu erkennen, daß die Megamaschine weiter mit uns durchgeht — wir müssen nicht untergehen. "Wenn", so Lewis Mumford,

menschliche Kultur tatsächlich durch neue Vorgänge im Geist entsteht, sich entwickelt und erneuert, dann kann sie durch die gleichen Prozesse verändert und umgewandelt werden. Was der menschliche Geist geschaffen hat, das kann er auch zerstören. (Er) weiß aus eigener Erfahrung ..., daß es viel leichter ist, sich vom System loszulösen und dessen Mittel selektiv anzuwenden, als die Verfechter der Überflußgesellschaft ihre fügsamen Anhänger glauben machen wollen. 
   Ist auch keine unmittelbare und vollständige Rettung vor dem Machtsystem möglich, am wenigsten durch Massengewalt, so liegen doch die Veränderungen, die dem Menschen Autonomie und Initiative wiedergeben werden, in der Reichweite jeder einzelnen Seele, wenn sie erst einmal aufgerüttelt ist. Nichts könnte dem Mythos der Maschine und der enthumanisierten Gesellschafts­ordnung, die er hervorgebracht hat, gefährlicher werden, als ein stetiger Entzug des Interesses, eine stetige Verlangsamung des Tempos, eine Beendigung der sinnlosen Gewohnheiten und gedankenlosen Handlungen.
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So weicht das Vertrauen in die Organisationszwecke, -ziele und -pläne dem Gefühl: Wir wissen gar nicht, was wir tun, wir können nichts mehr verantworten. Niemand, der irgendwo in den Waben der Megamaschine arbeitet, kann noch guten Gewissens seine tägliche Pflicht absolvieren. 

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Es wäre lächerlich, sich darauf herausreden zu wollen, daß gerade die eigene kleine Unterfunktion, isoliert genommen oder so wie wir sie oberflächlich moduliert betreiben, nicht schädlich sei. Niemand kann zweien Herren dienen.

Entscheiden kann sich der Umschwung nur in der abertausendfachen persönlichen Begegnung und Ausein­and­er­setzung, nicht zuletzt mit dem eigenen welt-, d.h. megamaschine­angepaßten Ich. Die Fronten verlaufen nicht so sehr zwischen als vielmehr in den Menschen, und die Bewußtseinsspaltung in Richtung Aussteigen und Überlaufen, in Richtung Verrat und Verlangsamung der institutionellen Aktivitäten ist der erst einmal wichtigste Vorgang.

Konfrontation gehört als Moment dazu, aber wo dann das intime Gespräch gewagt wird, kann die Lebens- und Liebesorientierung hervor-, die Todes- und Machtorientierung zurücktreten. Dann ändern sich nicht nur häufig die Bilder, die wir voneinander haben, sondern es verschieben sich auch Gewichte. Die Armee der blauen und weißen Kittel geht in Auflösung über.

 

  4.  Wissen, was nicht mehr genügt:  

Wir lieben die tröstlichen Ausflüchte, selbst wenn sie ganze Wochenenden, etwa an den Bauzäunen, kosten, wo der Einsatz nichts mehr bringt — von geringerem Ablaß ganz zu schweigen. Die die Gefahr erkannt haben, brauchen vor allem die richtigen Verzweiflungen, d.h. sie müssen wissen, was nichts nützt, damit sie ihre Kraft nicht in folgenlosen oder mitunter sogar gegenläufigen Aktivitäten verschleißen. An den Symptomen entlang gibt es keinen Rettungsweg, und wer auch jetzt noch daran überhaupt erst einmal oberflächlich aufwacht, darf kein Lob mehr ernten. Weiter, zum Kern! 

Auf den Rettungsweg führt nur, sich geistig und physisch Schritt für Schritt von der Megamaschine und ihren Machtknotenpunkten zurückzuziehen und den Dissens auch um sich herum erkennen zu lassen. "Laßt die Toten ihre Toten begraben."

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Noch befangener sind meistens jene, die schon immer auf ihr Denken stolz waren. Alle Ideologien des bürgerlichen Zeitalters — selbst die "illegitimen" wie Anarchismus, Feminismus, sogar Ökologismus — sind angesichts des wahren Charakters der ökologischen Krise (als vom Machtwillen des bürgerlichen Individuums verursacht) mindestens unzulänglich

Die drei genannten denunzieren zwar die Macht und ihren Mißbrauch, geben auch einige Hinweise, wie man Machtkonzentrationen vermeiden könnte. Aber der Machtwille kann — wegen seines Schubs aus den Persönlichkeitstiefen — nicht politisch begrenzt werden, es sei denn, er würde zuvor kulturell, und d.h. primär spirituell begrenzt. 

Insbesondere müssen die Kinder von Geburt auf anders behandelt werden, als es eine Leistungsgesell­schaft tut. Sie brauchten eine Art Isolierung von der "Welt", wie der kleine Parzifal

Die mit den Ideologien verbund­enen Utopien bedeuten alle mehr oder weniger, daß wir auch in der neuen Situation wieder nach "einem Staat suchen, der zu uns paßt", d.h. auch unsere alten Vorurteile mitbestätigt und unseren Verhaltens­modus begünstigt. Alle unsere überlieferten Staatsideen sind Ich-Krücken und (Gegen-) Machtansprüche, die wir verabschieden sollen.

 

5. Sackgasse Gegengewalt 

Die transformatorischen Kräfte sollen nicht in erster Linie (noch dazu meist negativen, protestierenden) direkten Einfluß auf die Herrschenden und den Macht­apparat nehmen wollen, sondern auf das Bewußtsein der Menschen ohne Unterschied ihrer Zuordnung.

Druck auf den politischen Bereich muß dort die Energien mit den wirklichen Problemen beschäftigen, muß also von den exterministischen Heraus­forderungen ausgehen und Kräfte abziehen von den "normalen" Geschäften zur Reproduktion der Megamaschine. Sabotage aber ist zwar eine Möglichkeit, den eigenen Übergang auf neue Positionen zu artikulieren und die Widersprüche in der Megamaschine zuzuspitzen, zeigt jedoch noch nicht den Weg der Rettung, führt sogar zu neuen Strategien der "Härtung", lenkt Energien an die Einbruchstellen.

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Wir müssen wissen, daß Modelle à la "Herr der Ringe", Endkampfphantasien für "weiße" gegen "schwarze" Machtmagie, auf Projektion beruhen und von Grund auf falsch, ja für die Sache der Ökologie verderblich sind. Wir müssen viel mehr mit der Ohnmacht als mit der Macht der Apparate rechnen. Es ist ahnungslos, anzunehmen, unsere Herrschenden stünden böse über der Welt und hätten das Heft in der Hand, aus dem ihnen in Wirklichkeit zwingender als uns diktiert wird, solange sie dieselben Spielregeln anerkennen, von denen auch wir noch größten­teils geleitet sind. 

Es gibt keine andere positive Möglichkeit als den Versuch, den Gegner "mitzuerlösen", "den Wolf zu umarmen". Wo wir so nicht hinreichen, müssen wir das Geschehen hinnehmen. Je mehr Zeit wir für unsere eigentliche Arbeit der Verwandlung am uns erreichbaren Menschen, zuerst an uns selbst, gewinnen, desto wahrscheinlicher interveniert biophile Energie zwischen dem exterministischen Finger und dem Auslöseknopf.

Es ergibt sich aus dem Charakter der Selbstausrottungslogik, daß ihr mit Gewalt gar nicht beizukommen ist. Terror trainiert die Mechanismen des Notstands­staates, und er spielt nicht nur taktisch, sondern grundsätzlich im Exterminismus mit. Er bestätigt die moralischen und technischen Prinzipien der Todesspirale, übrigens ganz parallel zu dem New-Age-Science-Fiction-Kitsch in den Kinos, wo stets mephistophelisch veräußerlicht und dualistisch personifiziert wird, was zwischen den zwei Seelen in jeder Brust ausgetragen werden muß.

Dennoch wird sich "Gegengewalt" vom antiimperialistischen Terrorismus der RAF bis zum Ökoterrorismus "revolutionärer Heimwerker" intensivieren. Dabei werden sich Rechts- und Linksprofile überschneiden (um so leichter, als auch linker Terror Autoritarismus voraussetzt). Der Terrorismus ist jetzt ein unvermeidliches Symptom, das das Versagen des Staates in seinen Urfunktionen, den Verfall seiner Legitimität anzeigt. Die Regierungen führen, entwickeln, verwalten ihre Völker in den Untergang. 

Für Menschen, die die Lage klar erkannt haben und deshalb tendenziell auch immer mit dem Terrorismus sympathisieren, falls sie nicht resignieren wollen, liegt in einem spirituellen Rettungsweg die einzige ernsthafte Alternative zur Gegengewalt.

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  6. Der Schlüssel   

Die Selbstzerstörung, als ein Vorgang ausschließlich menschlichen Ursprungs, ist das Ergebnis unseres Erfolgs in der Natur­beherrschung. Der Nutzen, das Produkt der Ausbeutung, hat sich in ganz bestimmten Knoten angesammelt: Wissenschaft, Technik, Kapital und Staat, einschließlich Militär und Massenmedien, Schulen und Gesundheitswesen. Sie sind zu einer einzigen Zentralmacht verkoppelt, die uns auf ihren Kurs festlegt und sich doch von nichts anderem nährt als von unserer lebendigen Energie, und auf unsere Loyalität angewiesen ist. Ausgezogen in der Rolle des Top-Parasiten, der seinen Nutzen verfolgt, finden wir unsere Psyche nun als Anhängsel der Megamaschine vor, die uns in dieser verlorenen Position festzuhalten sucht.

Was sind das für unmittelbare Zwecke, deretwegen wir unsere Psyche nicht zu ihrer eigentlichen Rolle kommen lassen, Organ der Einheit von Mensch und Bios, Mensch und Erde zu sein, oder wenigstens unsere eigene Einheit als Körper-Seele-Geist aufrecht­zuerhalten? Diese Zwecke gehen offenbar weit über das tägliche Brot hinaus. Es sind unsere kompensatorischen Selbst­definitionen, unsere Ich-Identitäten, die immer wichtiger wurden, je höher die kulturelle Pyramide gedieh. Wir sind ja mehr und mehr zu Nichts geworden vor dem Getriebe der Welt, die wir gemacht haben. Die Termitenkönigin ist alles — solange wir uns nicht anders entscheiden und gewisse Risiken, hierzulande einstweilen kaum das des Verhungerns, auf uns nehmen, die unser Ich, unser Selbstbild betreffen.

Die Stärkung unseres wahren Selbst ist der Schlüssel zur Auflösung der Megamaschine. Wir müssen etwas dafür unternehmen, die ursprüngliche natürliche Person, den einmaligen Genotyp in uns wiederzufinden, wieder­zubeleben und in die Verantwortung hineinzuwachsen, die dieser Instanz zugefallen ist, seit sie den Anstoß gab, unseren Verstand schöpferisch in die Welt hinein zu entäußern. Es heißt, nicht alles hinge von uns ab, es müsse uns "von drüben" auch etwas entgegenkommen — Gnade. Die ist aber ein Bewußtseins­feld, von uns mit aufgeladen. Einer Gesellschaft von depressiven Junkies kommt keine Gnade entgegen. Schon ein mittelgroßer Begriff von Freiheit könnte helfen!

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7. Was ist wirklich?  

 

Da die Logik der Selbstausrottung aus einem anthropologischen Dilemma folgt, ist sie auch nur aus dieser Wurzel überwindbar.

Kein äußerliches Herumpfuschen wird diese übermotorisierte Zivilisation verbessern, die sich ganz deutlich in der letzten versteinerten Phase der Materialisierung befindet; nur die neue Transformation, die bereits im menschlichen Geist begonnen hat, wird einen wirklichen Wandel herbeiführen.140

Das Wesen des Menschen, das sein ganzes Weltverhältnis einschließt, ist eben nicht ein zusätzlich zu berücksichtigender Faktor, sondern die Wurzel, zu der wir auf dem Weg der Rettung zurückkehren und von wo wir neu beginnen müssen.

Jetzt ist eine große Spaltung über den Begriff der Wirklichkeit im Gange. Politische Realitäten, militärische Realitäten, wirtschaftliche Realitäten, alltägliche Realitäten und die entsprechenden Gegenzüge — wie real sind sie tatsächlich? Wenn das "materielle Sein" der Menschen als Rädchen und Schräubchen, Programmierer und Wächter der Megamaschine ihr Bewußtsein bestimmt, und wenn das alles oder auch nur das Wichtigste ist, womit wir bei uns zu rechnen haben, so ist der Punkt der Nimmerwiederkehr längst überschritten. 

Mit jenem Realismus, der sich an "historische Gesetze" oder statistische Wahrschein­lichkeiten hält, gibt es keine Rettung.

Wir müssen etwas anderes für wirklicher halten als die technischen und selbst die Sozialstrukturen. Wohl wird nur eine andere Gesellschaft einen zuträglicheren Gebrauch von Wissenschaft und Technik machen, aber diese andere Gesellschaft setzt einen anders gepolten Menschengeist voraus. Die gegebene Bewußt­seinsverfassung, bei der der abstrakte Verstand des Ichs unser wahres Selbst im Schlepptau hat, mußte zur Megamaschine führen. Die Ressentiments, die mit diesem Typus verbunden sind, seien es soziale, nationale, antiimperialistische oder welche wir wollen, sind Teil des Problems, nicht der Lösung.

Es braucht jetzt keine Christen oder Buddhisten usw., sondern ein paar Millionen Menschen wie Jesus oder Buddha. Jede(r) Einzelne, der oder die den Geist des nächsten Zeitalters, den Geist des Homo Integralis, schon ein wenig entwickeln konnte, hat nur eine begrenzte Kapazität und Reichweite. Es braucht tatsächlich eine "kritische Masse" von halbwegs verwandelten oder sich verwandelnden Individuen. Bisher waren es immer zu wenige. Elite hin oder her, es kommt jetzt genau auf diejenigen an, die sich angesprochen fühlen, wo Christus sagt: Ihr seid das Salz der Erde, Ihr seid das Licht der Welt. Den Anruf zu vernehmen, ist noch keine Anmaßung, vielmehr der erste Schritt auf dem Wege der Nachfolge.

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8. Empfänglich werden 

 

Aber stochern wir nicht im Nebel? Unser Herz mag fordern, es müsse, wo eine Logik der Selbstausrottung am Werk ist, auch eine Logik der Rettung wirken — "in uns ist alles". Hier hilft nichts anderes, als daß wir uns ganzheitlich um ihre Art und Richtung bemühen: denkend, fühlend, meditativ uns die menschlichen Möglichkeiten in Körper, Seele, Geist vergegenwärtigen. Wir können nichts als uns empfänglich machen für die Erfordernisse des natürlichen Gleichgewichts und die Möglichkeiten der menschlichen Natur, sich da wieder einzufügen, d.h. aktiv die bisherige Position und Praxis zu korrigieren.

Wir müssen der ständigen Verführung zum Konkretismus (Aktionismus) — anti dies und anti das — jedenfalls soweit stand­halten, daß uns für das Wesentliche, den inneren Weg auf eine andere Grundposition, Kraft und Zeit und Mittel bleiben. Ohne Kontakt zu der Ursprungsebene sowohl des Katastrophenschubs als auch der Rettungskräfte kann Politik die Krise nur verlängern und verschlimmern.

Selbst auf den tieferen Ebenen des exterministischen Schubs kann der direkte Zugang noch zu kurz greifen. Erst eine gelebte Bereitschaft, das Industrie­system hinter sich zu lassen, auf die monetaristische Freiheit zu verzichten, die olympische Konkurrenz und die expansive Selbstverwirklichung aufzugeben, dem andern Menschen sich jenseits des Ich-Krampfs zu öffnen, letztlich von der Persönlichkeit, von der Sucht, sich einen Namen zu machen, Abschied zu nehmen — erst alles das zusammen führt wenigstens auf die Schwelle. 

Erst indem wir alle die heiligen Kühe unserer kulturellen Identitäten laufen lassen, gewinnen wir die Spontaneität für eine neue Figur und Geste des menschlichen Zusammenhalts.

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9. Imperativ des Glücks 

 

Nicht die Individualisierung wird verschwinden, aber der um seine Identität besorgte Individualismus. Wir bringen die Kommunion nicht zustande, die den Krieg des Menschen mit dem Menschen, die Konkurrenz der patriarchalen Egos beenden würde. Wir gehen sogar für unsere an sich unverwechselbare natürliche Person von konkurrierender Knappheit aus, nicht von Fülle. Es fehlt uns an Bestätigung, gerade weil wir uns nicht überfließen lassen. Der angstvolle Drang, das zu kompensieren, gibt unserer Kultur den friedlosen Charakter. Der Rückzug von der Megamaschine wird nur gelingen als Rückzug auf die eigene Mitte, als deren "Eroberung", die Ankunft dort. Darauf bezieht sich Einsteins Wort, nicht die Atombombe sei das Problem, sondern das Herz des Menschen. 

Nur wer sich selbst genug ist, so daß ihm alles Notwendige zufließt, kann aufhören, Jäger zu sein.

Nicht entbehren kann der Mensch, der seine eigene Mitte finden will, den anderen Menschen: als Spiegel, mehr: als Freund, mehr: als Geliebten, mehr: als Gehilfen zur Gottheit. Hier ein Gleichgewicht zwischen Abhängigkeit und Freiheit, Bedürftigkeit und Selbstgenügsamkeit zu finden, ist die endlich unentrinnbar gewordene Aufgabe der Kultur. In der Erfahrung, daß die Anderen die Hölle seien, wie Sartre sagte, erscheint der Kern der Tragödie der Individualität. Wir fürchten im Anderen uns selbst, denn schließlich sind wir, ehe wir uns in allem übrigen wiedererkennen, hier wirklich auch das Gegenüber mit.

Deshalb hängt die Heilung der Kultur davon ab, ob es gelingt, in ihren Mittelpunkt die Kommunion von Liebe her und auf Liebe hin zu sichern. Das ersparte soviel kompensatorischen Tatendrang nach außen. Es wäre die Schwerpunktverschiebung, wenn im Verhältnis zu den Anderen, um deretwillen wir immer auch Welt verändern, die Liebe dominierte statt des Kriegs (der Macht, der Konkurrenz, des Mißtrauens).  

* (d-2015:)  A.Einstein bei detopia     wikipedia  Jean-Paul_Sartre  1905-1980

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Nur ist es unmöglich, die Welt so einzurichten für unser Ich wie es ist. Sie kann nur so eingerichtet werden, wenn wir, jede(r) selbst und ohne die Liebeskultur schon als Bedingung vorauszusetzen, das Egozentrum transzendieren, d.h. lernen, vom Selbst her Ich zu sein.

Diese Umordnung der Individualität ist der Weg. Was sich ändert, sind nicht die Elemente der mensch­lichen Existenz, sondern ihr Zusammenspiel, die Richtung ihrer Bewegung, der Tonus der Energie. Das unglückliche Bewußtsein ist die Normalverfassung des rationalen (linkshirnig zentrierten) Egos. Die ist melancholisch anstatt freudig. Aus der rechten Hirnhälfte dagegen, aus der von altersher "die Götter" sprechen, erwächst uns, wenn wir sie nur zu Wort kommen lassen, ein anderes Temperament, ein positives, das auch ganz andere Energien mobilisieren kann. Die übliche Depression nährt sich ja selbst.

Wenn wir eine gute Gesellschaft wollen, so ist, ein glückliche(re)s Bewußtsein zu erlangen, der Imperativ hinter dem Kategorischen Imperativ. Wir kommen weder praktisch noch im Verstehen an die Ursachen heran, wenn wir nicht anstatt aus Abwehr aus Urvertrauen handeln lernen. Auf diese so häufig und weitgehend verschüttete Quelle müssen wir zurück, sie müssen wir pflegen. Nur glücklich können wir "richtig" sein. 

Bloß pflichtgemäß werden wir nur Eingriffe finden, mit denen wir doch wieder die Harmonie der Welt stören: von Konfuzius bis Kant nur Aufschub des über uns Verhängten, nur Aufschub der Lösung, nur neue Barrieren gegen das Glück — und immer "Samiel hilf!!". Umkehr der Herzen muß vor allem Öffnung der Herzen sein. Es geht also um eine soziale Praxis, die unsere Liebesfähigkeit entwickelt.

 

10. Achse des Weges  

 

Weil der Mensch mit sich und nicht mit der Welt beginnen muß, mit dem Mittelpunkt, nicht mit der Peripherie der Kugel, ist Meditation die Achse des Rettungs­weges — Meditation als inneres Handeln in der ganzen Vielfalt der Möglichkeiten.

* (d-2013:)   wikipedia  Kategorischer Imperativ  „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

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Alles, worin wir uns versenken, wird Meditation, nicht zuletzt die Liebeskommunion; es kann auch Arbeit sein, die wir als unserem Wesen gemäß vollbringen — alles, was wir mit ganzer Seele wirken. Meditation führt in unseren Psychischen Innenraum, aus dem allein die neue Kultur hervorgehen kann. Sie kann uns instandsetzen, unsere alltäglichsten Angelegenheiten rückzubeziehen auf die implizite "heilige" Ordnung, die mit der Existenz des Selbst, mit den Erhaltungs- und Entfaltungsbedingungen der Person gegeben bzw. gefordert ist.

Meditation ist die innerste Tendenz aller der jetzt praktizierten Selbsterfahrungsmethoden, die sich auch dann durchsetzen wird, wenn hier oder dort Vermarktung und Trivialisierung noch überwuchern. Die spirituelle Erneuerung in dieser einen Welt und Menschheit von heute überschreitet jede Kirchengrenze, jede Dogmatik. Hinter aller Verschiedenheit der Wege und Formeln scheint die eine Wahrheit auf, der wir uns annähern. Das Gesetz der menschlichen Existenz selbst bezeichnet den Punkt, wo sich die Wege treffen. Es geht um eine soziale Praxis, die dem linkshirnigen Verstand, der als Werkzeug unerläßlich bleibt, die usurpierte Führung über den historischen Prozeß wieder entzieht. Dieses Werkzeug hat funktionelle Autonomie erlangt und verfügt in Gestalt der Megamaschine über einen Faktor positiver Rückkopplung, so daß sich gerade seine Überfunktion, seine Okkupation der Gesamtregelung erweitert reproduziert. Vielleicht ist dies die letzte Fassung des klassisch unter dem Namen Entfremdung behandelten Problems.

Dann ist Stimulierung der Rechtshirnfunktionen zwecks Unterordnung des Verstandes unter diese zugleich fundamentalere und höhere Regulation das Kardinalproblem, Meditation der Königsweg der Rettung, ihre Ausbreitung durch die ganze Gesellschaft, nicht zuletzt in ihren jetzt noch exterministischen Eliten, die erste politische Strategie.

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11. Reise nach innen  

 

Unser Bewußtsein steht auf der Grenze zwischen der inneren und der äußeren Welt. Bisher hat der Mensch die Erkenntnis und Veränderung der Außenwelt perfektioniert, wie es in der Logik der Evolution gelegen hat — das Auge blickt nach außen, nicht nach innen. Der "objektive Beobachter" des Außen muß zum "Zeugen" des eigenen Innen konvertieren, und das innere Erkennen und Handeln erweist sich glücklicher­weise als ein letztlich genußvoller Prozeß, insbesondere dann, wenn, wie in den letzten beiden Jahrzehnten, die asketische Obsession beim Aufstieg zum höheren Bewußtsein überwunden wird.

Die Reise nach innen ist in doppelter Hinsicht der Schlüssel auch zu praktischen Antworten auf die megamaschinelle Entfremdung. Wo wir der Megamaschine bisher unsere Energie gegeben haben, entziehen wir ihr nun den besten, motiviertesten Teil davon, erneuern sie nicht mehr so vehement wie bisher, lassen sie tendenziell verhungern. Und zugleich verändern wir das Kräfteverhältnis zwischen unseren eigenen entfremdeten Kräften und besetzten Gebieten, also unserer Sklaven- und Patienten­natur einerseits und unseren freien, überschüssigen Energien andererseits, ja wir konstituieren die letzteren erst als unabhängig, auf unbesetzten Gebieten unserer Geistnatur.

Politik als Machterwerb innerhalb der Megamaschine bleibt also ein Weg der Sklaverei und des Verrats an unserer Erstgeburt. Sobald wir dem Problem auf den Grund gesehen haben, können wir das Reformieren völlig denen überlassen, die sich noch damit begnügen, den Kollaps des zivilisatorischen Apparats hinaus­schieben zu wollen. Darin werden sie ohnehin ihr Mögliches tun.

Wir haben eine andere Arbeit. Wahrhaft ökologische Politik geht den indirekten Weg, der in Wahrheit viel direkter ist, weil die Psyche die Quelle der sozialen Übel ist. Wir werden uns, wo immer wir uns dennoch für den Erhalt von irgend etwas einzelnem engagieren, stets bewußt bleiben, daß das Problem zwar an dieser Stelle kenntlich und daher in gewissem Maße vermittelbar, aber für sich genommen nicht zu lösen ist.

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12. Rettungspolitik: Grundeinstellungen 

 

 1. 

Auf dem Wege der Rettung wird sich allmählich eine neue spirituelle Autorität herausbilden. Ich nenne sie eine <Unsichtbare Kirche>, die allen offensteht, der alle angehören mit den für die neue Welt freien Anteilen ihres Bewußtseins. Sie existiert als horizontales, multilaterales Netz. Sie verbietet sich jede direkte oder indirekte Konstituierung als kommandierende soziale oder politische Macht.

Die ökospirituelle Bewegung geht nicht auf unmittelbaren Erfolg aus, nicht auf zahlenmäßiges Wachstum, sondern baut auf die Ausstrahlung alles Lebens­richtigen, Biophilen, Liebevollen, mit ganzem Einsatz Vollbrachten, das sich in ihr ereignet. Intensität und Qualität, Bewußtheit und Schönheit ziehen mehr und mehr das ihnen in allen Menschen Zugeneigte an.

Macht überhaupt darf für eine ökologische Rettungspolitik nur "negativ", nur zur Begrenzung und Verhinderung des überhandnehmenden Unheils eingesetzt werden. Positive Zwecke kann sie nicht setzen, höchstens subsidiär stützen. Keine noch so wohlmeinende Tyrannis würde eine gute, heile Gesellschaft schaffen.

So wünschenswert und notwendig selektive und gezielte ökodiktatorische Einzelmaßnahmen sind, liegt der Engpaß doch nicht in der Vorbereitung der Gesetze und den Maßnahmen ihrer Durchführung, sondern in der Vorbereitung der Seelen. Soviel vom Ego freigegebenen Innenraum es gibt, der auf eine Neufiguration wartet, soviel wird über kurz oder lang auch institutionell und administrativ ausgefüllt werden.

 

  2.  

Wer die Wahrheit über die ökologische Krise, ihre Logik der Selbstausrottung, den Weg und die Politik der Rettung erkannt hat, muß sie als reinen Wein einschenken. Es gibt genug Menschen, die das gar nicht können oder wagen, weil sie sie nicht wissen oder wissen wollen. Wer zuerst fragt, ob er auch verstanden oder akzeptiert werden wird, hat die ganze Wahrheit selbst nicht angenommen.

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Tatsächlich ist das Problem, wie man unsere ökologische Argumentation an jene weitergeben soll, die wir in Richtung dessen beeinflussen wollen, was uns ökologisch "gut" zu sein scheint, selbst ein ökologisches Problem ... 
Ich glaube, daß ... unser größtes ökologisches Erfordernis die Verbreitung dieser Ideen ist ... 
Ist diese Einschätzung richtig, dann sind die in unseren Plänen angelegten ökologischen Ideen wichtiger als die Pläne selbst, und es wäre töricht, diese Ideen auf dem Altar des Pragmatismus zu opfern. 
Es wird sich auf lange Sicht nicht auszahlen, die Pläne mit oberflächlichen Argumenten ad hominem zu "verkaufen", die der tieferen Einsicht widersprechen oder sie verschleiern werden.
141

Gregory Bateson  

 

In der üblichen Minimalkonsens- und "Leute-Abholen"-Politik äußert sich immer noch machterwerbs­orientierte Politikasterei. Im Grunde ihres Herzens wissen die Menschen, was die Stunde geschlagen hat und könnten also auch ganz woanders "abgeholt" werden. Es kommt darauf an, ob wir als Funktionäre zu Wählern oder als Menschen zu Menschen sprechen wollen.

Wir brauchen jetzt die Massenmedien, voran das Fernsehen, als Organ jener letzten Aufklärung. Es gehört zu unserem Verhängnis, daß wir uns da eine Satanskirche halten (und sie womöglich noch von links verteidigen, weil die Zensur gegen den Gewaltkrimi auch irgendeinen kritischen Essay miterfassen könnte). Es würde sofort vieles Gewaltanbetende und Triviale weichen, wenn die Medien klar auf den sozialen Auftrag verpflichtet würden, der Selbst­verständigung über unsere Situation und der Verbreiterung des Zugangs zu der Praxis und den Praktiken der spirituellen Selbstveränderung zu dienen.

 

  3.  

Ökopolitik beginnt mit der Entscheidung, die apokalyptische Analyse und die Richtung der Rettung als in etwa korrekt anzuerkennen und sich auch praktisch daran zu orientieren (wer nicht "mit der Bergpredigt regieren" will, soll nicht beanspruchen, als ihr Anhänger zu gelten). Wenn wir nur fragen, was innerhalb der gewohnten Verfassung des Bewußtseins und der Institutionen das Beste und Machbarste wäre, kann es nicht zu einer ökologischen Rettungspolitik kommen.

Ökopolitik propagiert die langfristigen, allgemeinen und fundamentalen Interessen des Mensch-und-Erde-Systems Gaia, und sie organisiert den Prozeß der spirituellen Kraftansammlung um diese "rechtshirnige" Grundposition. Sie kann jetzt um so eher die Mehrheit der Gesellschaft ergreifen, als es bereits eine Vielzahl zerstörerischer Faktoren gibt, in denen es keinen Unterschied zwischen langen und kurzen Fristen mehr gibt. 

Das Haus brennt bereits, und es muß zuerst das Lebendige geschützt und gerettet werden. Die Verzweiflung darüber, daß nichts geschieht und dann die Einsicht in die prinzipielle Untauglichkeit der in den alten Institutionen geronnenen Bewußtseinsverfassung treibt fast von selbst zur Umkehr der Antriebs­richtung.

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  4.  

Eine Rettungspolitik kann nicht unter Vertretern besonderer Interessen ausgehandelt und kompromißfähig traktiert werden. Da die Regulierung der Sonderinteressen und ihres Verteilungskampfes aber die Hauptbeschäftigung der demokratischen Institutionen ist, sind sie zumindest ungenügend für die jetzige Hauptaufgabe des Staates. Die Lebensinteressen müssen absoluten Vorrang haben, und dies muß durch eine institutionelle Erneuerung gesichert werden.

Über den gerechten Ausgleich kann und muß nach Festlegung der notwendigen Schritte verhandelt und entschieden werden. Privilegierte Besitzstände, ohnehin stärker als andere in die Logik der Selbstausrottung eingebunden, müssen nicht reproduziert, andererseits auch nicht voll sozialen Ressentiments attackiert werden. Sie werden den allgemeinen Zusammenbruch der Zivilisation ohnehin nicht überstehen, sollten also in die Rettung investiert werden.

Völker wie unseres haben sich jetzt gerade darin zu bewähren, daß sie fähig werden, sich ohne schon völlig offensichtliche und unmittelbare Not von einem Lebensmodell zu lösen, das zwar lebensgefährlich, aber noch komfortabel ist und gewisse Kompensationen für die vornehmlich psychischen Verletzungen und Frustrationen bietet, die schon direkt spürbar sind. Wer immer zuerst nach dem unmittelbaren Vor- oder Nachteil fragt, und politisch stets zuerst danach schielt, ob nicht "der Gegner" etwas gewinnen könnte, wird mehr und mehr sein eigener Feind.

 

5. 

Zu ihrer Rettung braucht die in der industriellen Megamaschine befangene Gesellschaft eine Neuinstitut­ionalisierung. Wie die Bewußtseinsverfassung darf auch die politische Konstitution nicht länger um die Selbstsucht zentriert sein, wie es Prinzip der bürgerlichen Verfassung ist. 

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Das Abendland hat nicht das Gemeinwohl, sondern den Belagerungszustand institutionalisiert, in den es durch den Suchtcharakter der Bedürfnisse versetzt ist. Man muß sich über den totalitären Rückschlag nicht wundern. Solange die expansive Tendenz nicht vom Menschen selbst her beschränkt ist, muß das Gesetz mehr verbieten. Das kann es aber nur, wenn nicht schon die Gesetzgebung von vornherein dem Lobbyismus der Sonderinteressen ausgeliefert ist. Die Freunde des Status quo erinnern an die Freiheit des Individuums, aber sie scheinen eher juristische Personen wie BASF, Bayer, Farbwerke Hoechst usw. im Hinterkopf zu haben.

 

6. 

Die Souveränität, das eigene Leben und Verhalten mit der Naturgrundlage ins Lot zu bringen, muß weitestgehend dezentralisiert werden. Für jede das neue Bewußtsein entwickelnde Gruppe bzw. Gliederung muß diese Souveränität so weit wie möglich schon geschaffen werden, ehe sie gesamtgesellschaftlich abgesichert ist. Von hier aus muß der Gedanke einseitiger militärischer und industrieller Abrüstung vor allem auf die noch immer ausschlaggebende national-staatliche Ebene getragen werden. Als eines der reichsten und zugleich ökologisch bedrängtesten Völker haben wir Deutschen besonderen Grund, voranzugehen. Die innere Souveränität setzt voraus, auch die äußere in Anspruch zu nehmen für einen Alleingang hinaus aus den Strukturen des Verderbens. Voraussagen über die Reaktionen von Freund und Feind sind eitel — sie werden nichts anderes als das jeweils Befürchtete oder Erhoffte beweisen. Wir müssen es einfach tun, dabei zugleich auf solche übernationalen und letztlich weltweiten Funktionen drängen, die für die Restabilisierung des Systems Gaia notwendig sind. Es wird sich herausstellen, daß das lauter Probleme sind, die sich sowieso nicht im Interesse und mit den Methoden der alten herrschenden Mächte lösen lassen.

 

7.   

In der Bundesrepublik, einem der reichsten Länder der Welt, fehlt es nicht an materiellen Möglichkeiten, und es ist voll gerechtfertigt, sie auszunutzen, wenn es geschieht, um das Modell zurückzunehmen, das auf die übrige Menschheit drückt. Der Weg der Rettung eröffnet sich ohnehin nirgends primär von der Wirtschaft oder der sozialen Frage, auch nicht von den nationalen Interessen oder im Gegenteil von der internationalen Ebene, den Interessen des äußeren Proletariats her. Es hat keinen Zweck, sich hier zum solidarischen Stellvertreter der Verdammten dieser Erde in der Dritten Welt zu ernennen und ihre dortigen Probleme selektiv lösen zu wollen, anstatt in der Metropolis selbst das Modell zu ersetzen, das die ganze Welt ins Unheil stürzt.

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8.  

Boden, Werkzeuge, Gebäude, Geld für das andere Leben — hierzulande wird sich alles finden, sobald sich die Gestalt der Alternative herausschält.

Die traditionelle Umverteilungspolitik zugunsten der metropolitanen Unterklassen und Randgruppen, wie sie die Linke bevorzugt, bleibt Bestandteil unseres Verbrechens an der übrigen Menschheit und ein Beitrag zu unserem eigenen Verderben. Es ist klar, daß eine spirituell verpflichtete soziale Instanz auf Gerechtigkeit und vor allem auf den Schutz der Schwächsten drängen wird. Wir sollen jedoch nicht vergessen, daß die "armen Weißen" in der Metropolis lange nicht die Letzten sind und nahe genug am Sicherheitsnerv der Macht leben, um darauf zu drücken und für sich selbst einzustehen, sobald sie sich organisieren, ökologische Politik kann sich immer nur so für besondere Interessen einsetzen, daß sie in ihnen die allgemeinen verteidigt: Wer die soziale Gerechtigkeit verletzt, behindert die Rettung.

Entscheidend ist, welche geistigen und materiellen Ressourcen von der Diagonale des Verderbens abgeleitet werden können, d.h. die große Hinausverteilung von Menschen und Mitteln aus dem Arbeitsfeld der Megamaschine. Das neue Bewußtsein greift auch und gerade in den privilegierten Kreisen unserer Gesellschaft. Es kommt so ähnlich wie einst Augustinus von der Zugehörigkeit zur Civitas Dei sagte: Es seien manche draußen, die drinnen zu sein meinten, und manche, die scheinbar draußen stünden, seien in Wirklichkeit drinnen. Auch wo wir auf ökonomische Grenzen stoßen, äußern sich darin meist Grenzen geistigen Einflusses, die auch mit unserem eigenen Sektierertum zusammenhängen mögen.

Das, worauf es ankommt: wirkliche Begegnung mit Anderen, Freundschaft und Liebe, Schönheit und Ordnung eines Milieus, Weisheit und Kultur im Umgang mit Konflikten — all das hängt nur sehr bedingt von einem materiellen Standard ab, falls wir eine minimale Distanz zu unseren Gewohnheiten erlangen. So viele es ernstlich wollen und den Mut zueinander haben, so viele werden auch ihre Grundversorgung sichern können.

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  9.  Prinzipien einer neuen Kultur 

Wenn ich etwas wüßte, das mir dienlich wäre und meiner Familie abträglich, so würde ich es aus meinem Geiste verbannen. Wenn ich etwas wüßte, das meiner Familie und nicht meinem Vaterlande dienlich wäre, so würde ich suchen, es zu vergessen. Wenn ich etwas wüßte, das meinem Vaterlande dienlich und das Europa abträglich wäre, oder das Europa dienlich und dem Menschengeschlecht abträglich wäre, so würde ich es als ein Verbrechen betrachten.142

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Wie auch immer Ökonomie und Ökologie im allgemeinen aufeinander bezogen sein mögen: Eine industriell-kapitalistische Wirtschaftsgesellschaft ist unheilbar. Es gilt den Lebensprozeß, der jetzt in so viele vermarktete Funktionsbereiche ausein­anderfällt, wieder zusammenzuführen. Alle grundlegenden Reproduktions­funktionen — Nahrung, Behausung, Handwerk, Bildungs- und Gesundheitswesen — gehören in den lokalen (kommunalen und kommunitären) Zusammenhang zurückgegliedert. Wir müssen Boden, Werkzeuge, Häuser und den arbeitenden Menschen in "Stämmen zweiter Ordnung" wiedervereinigen.

 

Die Lebensfähigkeit neuer Gemeinschaften hängt von der Gemeinsamkeit der Vision und von der Zentrierung des Alltags um eine spirituelle Praxis ab, in der sich Eros, Logos und Arbeit versöhnen und überhöhen lassen. Der Zeitplan des täglichen Lebens hat sich in jeder hohen Kultur vom Sabbath her aufgebaut. So wird es auch in der neuen Kultur wieder sein — oder sie wird niemals zustande kommen. #

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  Rudolf Bahro 1987 Logik der Rettung 500 Seiten mit Grafiken  DNB Buch 1990