Die Matrix  #   4.2.   Start   Weiter

2  Die Matrix der politischen Umkehr

     Von Rudolf Bahro 1987

 

  

  Zwei Große Koalitionen und die Drei-Gliederung der Metropolen-Interessen  

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Im 3. Teil habe ich am Ende der <Axiome> eines Rettungsweges bereits zitiert, wie einer unserer größten Aufklärer, Montesquieu, mit dem eben berührten Problem des imperialen Metropolen-Konsenses umgehen wollte. So wie in den ersten Jahrhunderten nach der Zeitwende auch der ärmste Freie privilegiert war, wenn er das Glück hatte, römischer Bürger zu sein und dadurch im Konsens der Metropolis gefangensaß, ist jeder Bürger — zum Beispiel — der deutschen Bundes­republik privilegiert. 

Wir konnten uns den I. und II. Weltkrieg leisten*, um nun dennoch, wohin wir auch kommen, mit dem grünen Paß** Weltbürger erster Klasse spielen zu können. Die deutschen Arbeiter hatten sich nicht einfach geirrt, als sie Wilhelm II. 1914 das Recht gaben, keine Parteien mehr zu kennen, sondern nur noch Deutsche. 

Wiederholen wir uns vor diesem Hintergrund noch einmal jene Sätze des großen Franzosen (Montesquieu):

  1. Wenn ich etwas wüßte, das mir dienlich wäre und meiner Familie abträglich, so würde ich es aus meinem Geiste verbannen. 

  2. Wenn ich etwas wüßte, das meiner Familie und nicht meinem Vaterlande dienlich wäre, so würde ich versuchen, es zu vergessen. 

  3. Wenn ich etwas wüßte, das meinem Vaterland dienlich und das Europa abträglich wäre, oder das Europa dienlich und dem Menschen­geschlecht abträglich wäre, so würde ich es als ein Verbrechen betrachten.

Nach diesem Kriterium ist unser gesamter metropolitaner Status quo ein Verbrechen sondergleichen. Das Modell Deutschland, das Modell Europa ist der Welt zur Last geworden, und glücklicherweise — deshalb haben auch die anderen eine größere Chance — glücklicherweise endlich auch uns selbst.

Mit der Ökopax-Bewegung hat der Zusammenbruch des imperialen Konsenses begonnen. Wie Friedrich Dürrenmatts Bühnen­kaiser Romulus Augustus beginnen nun auch wir zu begreifen, daß "Rom" es nicht mehr wert ist, verteidigt zu werden, jedenfalls nicht in der vorgefundenen kulturellen Gestalt und politischen Verfassung. Anders als damals stehen nicht einmal Barbarenscharen ante portas.

Wir können uns nur selbst entbinden, bestenfalls die neuerdings so eindrucksvoll offerierte Hilfestellung aus dem Moskauer Gegenzentrum nutzen, um die nötige Transformation über die Bühne zu bringen. Eine günstigere internationale Situation als jetzt können wir schwerlich haben. Der konkurrierende Ostblock hat sich selbst die Frage schon annähernd ebenso gestellt, wie wir sie auch bei uns auf die Tagesordnung setzen müssen. Es gibt eine Konvergenz des neuen Denkens.

*(d-2011:)  also verursachen bzw. mitverursachen   ** gemeint ist (wohl) der normale BRD-Paß       wikipedia  Baron_de_Montesquieu  (1689-1755) 

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Wie aber bildet sich eine Mehrheit heraus, die bereit ist, der ökologischen Krise an die Wurzeln zu gehen? 

Das ist die Frage einer ganz bestimmten psycho­logischen Verschiebung und Neuorientierung im politischen Konsens, die seit etwa 25 Jahren im Gange ist, sich seit 10 bis 15 Jahren "grün" manifestiert und seit der Katastrophe von Tschernobyl erneut an Tempo gewinnt. Ausbreiten kann sich die Idee einer ökologischen Wendepolitik natürlich nur bei denjenigen, die bereit sind, gegen eigene Bequemlichkeit der Realität der Weltzerstörung ins Auge zu sehen und dann sich selbst als mitverursachend zu erkennen. Zwar sind alle auch Opfer, selbst die Antreiber des exterministischen Projekts. Aber von denen, die sich als Mittäter erkennen und das nicht mehr verantworten möchten, hängt es am meisten ab.

Der eigentliche Resonanzboden der Unheilszeichen sind sicher die Frauen. Aber ein Durchbruch setzt voraus, daß das wesentlich dickere Fell der techno­kratischen Elite beunruhigt wird. Das sind dann, von Fall zu Fall, persönliche Konversionen, bis es zu einer Massenspaltung dieser exterministischen Mönche kommt, die sich jetzt sichtlich vorbereitet. Gegenwärtig sammelt sich der Konsens für eine Rettungspolitik bereits in sehr vielen verantwortlichen Köpfen an, wenn auch die "Konzentration pro Kopf" noch nicht ausreicht, damit es schon zu einer individuellen oder gar korporativen Kristallisation kommen könnte. Damit es kein Mißverständnis gibt: Ich spreche, obwohl von sehr vielen Köpfen, dennoch von einer Minderheit, aber von einer qualifizierten Minderheit, die bald in der Lage sein wird, das träge Gros der bürokratischen und technokratischen Futteralmenschen in den Silos der Ämter, Kommando­zentralen und Institute aufzuscheuchen.

Aber dann wird es nicht mit irgendwelchen Maßnahmeplänen getan sein — es muß eine neue Gesamtstruktur her. Eine ökologische Wendepolitik vorschlagen, heißt einen neuen Staat, ja sogar den Staat neu vorschlagen. 

Ich habe ja gesagt, daß wir zuerst die Rechtssphäre und den Staat aus dem megamaschinellen Zusammenhang herauslösen müssen, um überhaupt an die materiellen Fundamente, an die materielle Dynamik auf der Diagonale des Verderbens heranzukommen. 

Wenn die Gefährdung der Gesellschaft durch den Kurs der Militarisierung, der Großtechnologie und der Massenproduktion zunimmt, treibt der Lebenswille der Bevölkerung doch einen Keil zwischen die gegebenen Staatsapparate, die formal zur Schadens­abwehr verpflichtet sind, einerseits und die kapitalistische Technostruktur, die Megamaschine im engeren Sinne andererseits.

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Die Ablehnung der Daimler-Test­strecke in Boxberg, der Sieg des neuen Bundschuh vor dem höchsten Gericht, ist ein Beispiel, und der zugehörige Glaubens­kampf in der örtlichen Bevölkerung ist nicht etwa ärgerlich, sondern vielmehr der eigentliche Grundtext des Umbruchs im metropolitanen Konsens. Schließlich ist nahezu ganz Deutschland (nämlich bis nach drüben) mit der exterministischen Nobelfirma in Stuttgart identifiziert, von den in der unmittelbaren Nähe überaus wirksamen materiellen Anziehungskräften des glänzenden Drachens ganz zu schweigen.

Es kommt darauf an, die gesamtgesellschaftlichen Regulierungsfunktionen, die an die große Ellipse der "Gesellschaft als Mega­maschine" entfremdet sind, in den kleinen Kreis zu verschieben, wo sie wieder vom lebendigen Geist abhängig sind und einer ständigen inhaltlichen Neubestimmung aus der freien Entscheidung der Allgemeinheit zugänglich werden. Diese Verschiebung verlangt zugleich, daß der Vorschlag einer ökologischen Rettungspolitik wirksam manifestiert wird, im Konsens um sich greift und zuletzt die Hegemonie in der sozialen Atmosphäre erlangt. 

Dann werden sich die faktischen Mächte teils beugen, teils anpassen, teils sogar an die Spitze zu stellen suchen, und die alten politischen Parteien, falls sie überleben, werden darum wetteifern, die politische Umkehr exekutieren zu dürfen. Die Crux liegt wirklich nicht "oben", die Crux liegt in dem Konsens, den der jetzige Kanzler eben doch viel mehr repräsentiert, als denen von uns lieb sein kann, die die Massen am liebsten als Opfer böswilliger Verführung sehen. Das Volk muß umlernen, um sich andre Repräsentanten zu verdienen.

Bei der Kritik an den herrschenden Institutionen sind deshalb gar nicht diese selbst der Adressat, sondern die noch damit identifizierten und noch nicht weit genug davon distanzierten Menschen, natürlich nicht zuletzt auch die in den verantwortlichen Positionen des ganzen Machtkomplexes von Wissenschaft-Technik-Kapital und Staat. Die Aufnahmebereitschaft steht in einem direkten Zusammenhang damit, wie sensibel nach innen, wie offen für Selbsterfahrung die unterschiedlichen Charaktere jeweils sind. 

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Aber den Ausschlag für das Tempo der Umgruppierung dürfte geben, ob es gelingt, für all die Bewußtheitspartikel, die sich schon auf äußeren Bahnen des bisherigen Konsenses bewegen oder schon herausgeschleudert wurden, einen neuen Fokus zu schaffen — aus diesen Partikeln selbst. Die Frage lautet, inwieweit sich nun doch allmählich Menschen entschließen, ganz dem Zug ihrer zunächst auch im eigenen geistigen Haushalt noch "minoritären" Neueinstellungen zu folgen, weil die immerhin schon ein qualitatives Übergewicht erlangt haben. Dieser Prozeß tendiert zu sozialen Zusammenschlüssen "am anderen Ufer".

Wir sprechen von den "neuen sozialen Bewegungen", die ja zunächst häufig aus der Umformung älterer Protesthaltungen hervorgingen, welche — wie kritisch auch immer — noch auf die Polarisierungsschemata der bürgerlichen Gesellschaft bezogen waren. Es gibt heute einen "neuen" Pazifismus, "neuen" Naturschutz, "neuen" Tierschutz usw., wobei das Neue größtenteils aus dem übergreifenden Kontext der beginnenden allgemeinen Transformation stammt, der den traditionelleren Engagements auch viel neues Blut zugeführt hat. Auf einmal finden sich zum Beispiel Tierschützer in einer seelischen Konfrontation mit dem gesamten politischen und psychologischen Status quo, weil der die Schlachthäuser, die Massentier­haltung, die Massentierversuche in höchst komplexer Weise deckt.

Auf dem politischen Felde, d.h. schon mit direktem Anspruch auf eine Gesamtveränderung, wollten zunächst die Grünen ein solcher Pfeiler am anderen Ufer sein. Ein weiterer waren und sind die Öko-Institute und Öko-Gesellschaften, -Kreise, -Vereine, die sich so vielerorts gebildet haben.

Wieder ein anderer sind die Alternativprojekte verschiedenster Art. Am weitesten reichen m.E. kommunitäre Zusammenschlüsse, die den Versuch unternehmen, den gesamten alltäglichen Lebens­zusammen­hang mehr oder weniger vollständig jenseits der Megamaschine neu aufzubauen.

"Ganz anders" und dennoch vergleichbar mit der Entwicklung auf dem Naturschutzsektor der bürgerlichen Gesellschaft rücken nun auch die älteren spirituellen Zirkel in den Zusammenhang des neuen Zeitalters ein, das sie, obwohl sie sozial häufig total in den Status quo eingebunden geblieben waren, schon immer mehr oder weniger antizipiert hatten. 

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In letzter Instanz werden kommunitäre Gemeinschaften, die ihren Arbeits- und Lebensalltag um eine undogmatische spirituelle Vision und Praxis herum organisieren, die am weitesten reichenden und stabilsten Initiativen sein.

Alles das sind Institutionen des neuen Zeitalters, und es ist überaus charakteristisch für die Umbruch­situation, in der wir uns befinden, wie viele Menschen progressiv "Spagat" machen, d.h. "mit einem Bein" probeweise in den neuen Zusammenhängen Fuß zu fassen suchen, während sie mit dem Standbein noch in der alten Kultur verharren. Da bereiten aber viele eine Schwer­punkt­verlagerung vor, und dann kehrt sich der Energiefluß nachhaltig um. Es kommt dann zu einer Ableitung auch ökonomischer Energien, finanzieller Energien aus den alten in die neuen Strukturen. Diese Rinnsale könnten nur fehlbewertet werden, wollte man sie quantitativ mit den Massenströmen der regulären Ökonomie vergleichen, weil ja der neue materielle Kulturzusammenhang, wie schon gesagt, um mindestens jene Zehnerpotenz "billiger" herauskommen und wieder Raum für Tiere, Pflanzen, Erde, Wasser, Luft und Feuer in deren eigener evolutionärer Richtung lassen muß.

 

Vor diesem Hintergrund einer psychologischen Kräfteverschiebung will ich nun anhand einer letzten Skizze das Machtproblem behandeln. Ich nenne das die "Matrix der politischen Umkehr". Ich will hier noch nicht von jener Rettungsregierung sprechen, die die letzte Konsequenz meines Gedankens auf politischer Ebene ist, sondern vorerst das Spannungsfeld betrachten, in dem sich die neue soziale Macht allmählich formiert. Und das führt auch nicht sofort an das machtpolitisch "letzte" Problem der Neuinstitut­ionalisierung heran, sondern mündet mit dem Ende dieses Kapitels in die Frage nach der Rettungsbewegung, die eine Rettungsregierung erst menschlich tragen und in ihrer Funktion beschränken kann. Der Rettungsregierung soll erst der allerletzte Abschnitt gewidmet sein.

Die Matrix der politischen Umkehr (vgl. übernächste Seite) bezieht sich mit dem (dreigeteilten) rechteckigen Block in der Mitte schematisch auf die Gesamtheit des politisch relevanten Bewußtseins in einem ökologisch angeschlagenen Metropolenland, wie die Bundesrepublik eines ist. 

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Die Matrix knüpft an die im I. Teil skizzierte Dynamik der sozialen Bewegung zum Auszug aus dem Industriesystem an, die ich dort im Anschluß an "Galtungs Weltschematik" angedeutet hatte. Sie betrifft den politischen Kampf um die Ablösung der Gesellschaft von der Diagonale des Verderbens, von dem Exterminismus der Megamaschine, die sich in Staat ("Etatismus") und Wirtschaft ("Ökonomismus") manifestiert. Und sie zielt in die Richtung jener Regenbogen-Gesellschaft, die mit den Pfeilern am anderen Ufer beginnt.

Man mag die Matrix der politischen Umkehr in Gedanken in jene frühere Skizze auf S. 43 einordnen. Dann hätte sie dort ihren Platz zwischen den beiden "Hakenpfeilen", läge also mit der oberen Kante, wo ich die "Große Koalition der Trägheitskräfte" hingesetzt habe, an der Diagonale des Verderbens an, während ihre untere Kante, die der "Anderen Großen Koalition", eben bei dem Regenbogen anläge. Außerdem korrespondiert die Matrix der politischen Umkehr mit dem Schema unserer Abspaltung vom Ursprung, das ich auf S. 239 im III. Teil gegeben habe, d.h. mit der Frage nach der Heimkehr der Gesellschaft an jenen "Ort", an dem sich die Kluft zwischen Mensch und Natur, Mann und Frau, Bewußtem und Unterbewußtem wieder schließen kann.

Die Waagerechte der Matrix ist die konventionelle Dimension der politischen Auseinandersetzung zwischen "links" und "rechts", zwischen "Fortschritt" und "Reaktion" auf dem Boden der bürgerlichen Gesellschaft, die sich als weithin konform mit dem Gesamt­charakter der kapitalistischen Formation erwiesen hat. Die Rettung vor der ökologischen Krise ist nicht in einem Machtkampf zwischen den alten politischen Fronten, nicht in irgendeiner "Schlachtordnung" auf dieser waagerechten Achse möglich, die nämlich mit der Diagonale des Verderbens parallel verläuft, wenn nicht mit ihr identisch ist. "Etatistisches" Rot und "ökonomistisches" Blau sind nicht Alternativen, sondern Teilmomente eines falschen Ganzen. Schon die Nazibewegung hatte recht mit ihrem alsbald überrollten und dadurch diskreditierten Ansatz, diese Schlachtordnung überwinden zu wollen.

Rettung ist überhaupt nicht möglich durch Kräfte, die in erster Linie irgendwelchen durch die Logik der bürgerlichen Gesellschaft vorgeschriebenen besonderen Interessen folgen und ihr Handeln in allgemeinen Angelegenheiten stets davon abhängig machen, wie ihre eigene Machtposition dabei herauskommen wird.

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Die Matrix der politischen Umkehr  

 

Die Matrix der politischen Umkehr  - Rudolf Bahro Logik der Rettung  Wie kann man die Apokalypse aufhalten  -

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Alle sind an der Bewahrung der gemeinsamen Lebensgrundlagen interessiert, aber alle erst in zweiter Linie! Da wir wissen, wie normal das ist (obgleich die Völkerkunde auch Gemeinschaften angetroffen hat, die nicht so total von dem Prinzip der Ich-Konkurrenz beherrscht sind), wird um so klarer, wie sehr wir eine kulturelle Massenbewegung zum Verlernen des patriarchalen Ego brauchen.

Die senkrechte Dimension der Matrix ist die der Bewegung, von der unser ganzer Gesellschaftskörper ergriffen ist und die in die Richtung "Grün" oder vielmehr "Regenbogen" zielt. Hier stehen sich die im bisherigen institutionellen Apparat verankerten Trägheitskräfte an der einen, in der Zeichnung oberen Kante, und die ökologischen Wendekräfte an der anderen, in der Zeichnung unteren Kante gegenüber. In Wirklichkeit haben wir natürlich eine Gemengelage über das ganze politische Bewußt­seinsfeld hin, und kaum jemand nimmt nur irgendeinen "offiziellen" Ort ein, den man ihm (oder ihr) zuschreiben könnte, kaum jemand fühlt nicht den Weltriß mitten durch die eigene Brust. Dies ist gerade der Vorteil der Situation, der eine nicht­antagonistische Form der Auseinandersetzung erlaubt, eine Unterordnung der unvermeidlichen und auch fruchtbaren Haß- unter die Liebesmomente des Umkehrprozesses. Während die Institutionen natürlich zunächst stationär sind, an der Diagonale des Verderbens festgewachsen, ist es dennoch undenkbar, daß sie nicht wenigstens punktuell immer wieder mitgerissen würden auch schon vor ihrer unerläßlichen Gesamtreformation.

Auf diese Grundorientierung für eine Andere Große Koalition bin ich zuerst im Frühjahr 1980 nach dem Gründungsparteitag der Grünen gekommen, und zwar in der Vorbereitung auf eine — Erste Sozialistische Konferenz, die dann in Kassel stattfand. Damals war ich noch nicht frei von der Intention, die grüne Perspektive der roten unterordnen zu wollen, wie ich es mitgebracht hatte. Ich wollte der radikalen Linken verständlich machen, daß Grün auf eine völlig neue politische Topographie quer zu den alten parteipolitischen Lagern auf der Rechts-Links-Achse hinauslaufen müßte. 

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Ich sagte den Linken, in Zeiten umfassender zivilisatorischer Krisen hätte man es generell weniger mit Klassen-, als mit "Geschichtsparteien" zu tun, mit einer (übrigens auch von "Generationskohorten" mitgetragenen) politisch-psychologischen Division in progressive, konservative und reaktionäre Kräfte. Die Welt ändern ("progressiv"); alles lassen, wie es ist, mit kleinen Verbesserungen ("konservativ"); die Uhr zurückdrehen ("reaktionär") — diese drei Grundhaltungen würden dann partei­konstitutiv, wögen schwerer als die natürlich nach wie vor mitlaufenden Klasseninteressen. 
   Aber:

Gegenwärtig erscheinen freilich selbst die üblichen Begriffe zur Kennzeichnung jener "Geschichtsparteien" seltsam verkehrt, weil wir eine Weltveränderung gegen sehr vieles von dem brauchen, was bisher Fortschritt hieß, weil wir vieles erhalten und manches wiederherstellen müssen, was historisch verlorengegangen ist. So reduzieren sich die "Geschichtsparteien" jetzt eigentlich auf zwei: Die eine will, an vielerlei Privileg und Machtgenuß gewöhnt, daß alles so weitergeht wie bisher. Man könnte sie den Block der Beharrungskräfte, den Block der Trägheitskräfte nennen. Träge Fortbewegung auf der einmal eingeschlagenen Bahn ... Die andere "Partei", der reformatorische Block, will — da hatte jemand den guten Einfall ..., den weisen sizilianischen Aristokraten Lampedusa zu zitieren — "alles radikal umwälzen, damit alles so bleibt, wie es ist". Dieser konservativ getönte Aphorismus ist jetzt überaus nützlich, insofern er wahrscheinlich kennzeichnet, wie die Mehrheit der Menschen, die jetzt die grüne Bewegung bilden, motiviert ist. Wir können uns darauf verlassen, und auch andere Leute schließen es gewiß nicht aus, daß bei einer radikalen Umwälzung wohl doch nicht alles ganz so bleiben wird, wie es ist.159

 

Vor diesem Hintergrund sprach ich dann von der Einen und der Anderen Großen Koalition. Theoretisch steckte natürlich darin schon der Abschied von der linken politischen Theorie mit ihrer Zentral! tat des Klassenkampfes und der angehängten "Berück­sichtigung der Umweltprobleme", und von dem linken soziologischen Schematismus und (eher vulgären) Materialismus überhaupt. Schon von drüben her hatte sich mir die "Systemfrage" im Westen nicht mehr im Geiste des marxistischen Revolutions­modells dargestellt, das vor allem die Frage des nationalen, des kolonialen, des imperialen Konsenses metropolitaner Bevölkerungen als ganzer abgedrängt und fürchterlich unterschätzt hatte. 

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Wer einmal in der Lage war, die hiesige Situation von außen zu betrachten — sei es von der "östlichen" Zweiten, sei es von der "südlichen" Dritten Welt her —, kann die metropolitanen Arbeiter nicht mehr für eine potentiell revolutionäre, weltbefreiende Klasse halten, und der wird auch skeptisch sein, was die Arbeiter von, sagen wir, VW do Brasil, in ihrer Klasseneigenschaft betrifft. Man kann nach wie vor überzeugt sein, daß der Kapitalismus weg muß (und ich bin es nicht nur aus ökologischen Gründen) — aber im Kampf zwischen Lohnarbeit und Kapital wird er nicht verschwinden.

Im Gegenteil, was hier noch von der sozialen Frage des 19. Jahrhunderts übriggeblieben ist, treibt ausschließlich dazu, die wohlstandsbürgerliche Existenz für alle Einwohner der Metropolis zu vollenden. Es geht nur um die Sitzverteilung auf der Megamaschine. Man braucht nicht die Augen zu verschließen vor den internen Ungerechtigkeiten, vor immer mal wieder "neuer Armut" und "neuer sozialer Frage" — die herrsch­enden Kräfte selber achten aus guten "Sozialversicherungs"-Gründen darauf, solchen Sprengstoff unterhalb der kritischen Masse zu halten. 

Jede interne sozialpolitische Lösung wird auf die wirklichen "Verdammten dieser Erde" (immer noch das Buch dieses Titels von Frantz Fanon!), auf das "äußere Proletariat" abgewälzt. Wie groß der Kuchen ist, den das imperiale Zentrum aus dem Weltmarkt herauswirtschaften kann und wie es dabei seine politische Dominanz sichert, ist letzten Endes auch für die Unterprivilegierten, für die armen Freien des Atlantischen Imperiums viel interessanter als die immer nur um Grade oder Bruchteile von Graden verschiebbaren Schnitte zwischen den Anteilssegmenten.

Nehmen wir an, das Rechteck in der Mitte der Matrix sei die Gesamtheit an politisch bedeutsamer sozialer Energie, an politischer Interessiertheit und Bewußtheit der Bevölkerung in einem Metropolenland, gerade auch in dem unseren — wie ist dieses Feld dann in der Senkrechten differenziert? Die Dreiteilung, die ich in das Rechteck eingezeichnet bzw. eingeschrieben habe (weshalb ich hier den Text nicht wiederholen muß), ist freilich schematisch und ohne Berücksichtigung der Gewichte erfolgt. Sonst müßte der mittlere Teil viel voluminöser oder gleich ganz den beiden anderen unterlegt sein: Der nationale und koloniale, oder zusammen­gefaßt der imperiale Konsens ist wahrhaftig immer noch dick genug! Er ist bei den Verteilungskämpfen um Geld, Macht und Einfluß ebenso tragend wie meistens noch bei den Kompromissen um die Umweltpolitik.

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Selbstverständlich sind die drei Momente meines Schemas auch in jeder individuellen Bewußtseins­verfass­ung präsent. Das Schema ist durchaus nicht in erster Linie korporativ gemeint. Jede(r) Einzelne partizipiert überall und wird sicherlich auch noch unter jedem bedeutsamen Gesichtspunkt irgendwo auf der Links-Rechts-Waagerechten seine Optionen haben. Oft ohne sich dessen allzu bewußt zu sein, unterscheiden sich die verschiedenen individuellen und kollektiven (bzw. korporativen) Subjekte eben in der Konfiguration und Gewichtung der drei Interessenbereiche, in der Art ihres Umgangs damit. Gerade auf dieser Grundlage, daß wir alle mit demselben Stoff befaßt sind, geschieht die neue Polarisierung zwischen ökologischer und exterministischer Politik, je nachdem, von welcher Kante, der unteren oder der oberen, wir an das ganze Puzzle herangehen.

In einem weitesten Sinne treffen wohl alle Interessen in der Entscheidung um den Konsens zusammen, der zwar von der imperialen Situation den Akzent hat, aber eben nicht auf Dauer darin befangen bleiben darf. Es ist wirklich ausschlaggebend, von welcher Kante her das alles auf die Funktionsfähigkeit und Lebbarkeit des Ganzen hin integriert wird. Setzt sich dabei die alte Große Koalition der Trägheitskräfte durch, oder bestimmt bereits die Andere Große Koalition für eine ökologische Wende? 

Jede(r) hat Zuordnungs­möglichkeiten zu beiden Varianten, so daß die Sache nicht auf eine Fifty-fifty-Konstellation hinauslaufen muß, sondern sich zumindest theoretisch zu hundert Prozent für eine neue Struktur entscheiden kann, in der dann die alten Konsensmomente ihren angemessenen Platz finden können, so weit sie nicht völlig out of date geraten sind und so ihren Anspruch auf Mitrepräsentanz verloren haben.

Dieses Strukturproblem sollen diese beiden auf die eine und die andere Kante aufgesetzten Dreiecke — das eine für die bisherigen exterministischen, das andere für die ökologische Rettungspolitik — symbolisieren. Mit der "spitzen" Verengung des jeweiligen Zugriffs auf die gegenüberliegende Kante zu ist natürlich nicht gemeint, daß irgendwelche Realitäten thematisch außer Betracht blieben. Die exterministische Politik ignoriert die Umwelt keineswegs, sie behandelt sie "nur" als abhängige Variable. Eine ökologische Politik wird den Verteilungskampf nicht ignorieren. 

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Themen als solche auszublenden oder nicht zu erwähnen, die einem von der eigenen Kante, der eigenen Ausgangsposition her nur zweitrangig bedeutsam erscheinen — das würde sich natürlich als Schwäche des jeweiligen Gesamtentwurfs bemerkbar machen. In Wirklichkeit geht es gar nicht um eine stets irgendwie vorgefaßte Einteilung in wichtige und weniger wichtige Dinge, sondern eben um ihre Integration entweder in die eine oder in die andere Perspektive. Ich bin allerdings sicher, daß — so unentwickelt diese Integration von der Regenbogenkante momentan noch sein mag — die Integration von der anderen, der Betonkante, schon prinzipiell unmöglich geworden ist; und gerade das schlägt auf die Legitimität des institutionellen Status quo zurück.

Allerdings, und jetzt kommt das Aufregende, vollzieht sich diese geistige Umgruppierung nicht bloß als unmerkliche Diffusion in voneinander isolierten Individuen. So atomisiert ist die Gesellschaft eben doch nicht, und sie assoziiert sich auch nicht bloß in den vorverfaßten institutionellen Kanälen. Sonst gäbe es ja das Spiel des Lebens nicht mehr. Innerhalb des dreigeteilten Rechtecks ist das sozialpolitische Feld in meiner Skizze gewissermaßen noch in Ruhe betrachtet, die Bewegung auf der senkrechten Achse, die Umakzentuierung zahlloser Bewußtseinspartikel mehr unterstellt als symbolisiert. Aber "umgeben" ist dieses Rechteck von bestimmteren politischen Kräften, die sich herausspezialisieren, um die verschiedenen Interessen schärfer zu artikulieren:

Oben von ganz links bis ganz rechts das Spektrum der politischen Parteien und Verbände (man möge die Vereinfachung hinnehmen), die die Demokratie der Verteilungskämpfer ausmachen; ihr Standort ist die Diagonale des Verderbens (Schemata S. 37 bzw. 43), ihre Wirkung exterministische Politik.

Unten — als Vorgriff, denn hier bildet sich die Realität erst in den Bewegungen heraus, noch handelt es sich um eine weitgehend unmanifestierte Tendenz, die aber schon mächtig ist und politisch mitspielt — der neue soziale Verbund einer Rettungspolitik, ihrer heraufkommenden Institutionen, der Corpus des Fürsten der ökologischen Wende.

Links und rechts die Bewegungskräfte, die sich von der regulären politischen Sphäre des rationalistischen Dämons, von den Disfunktionen des Industrialismus abgestoßen fühlen. 

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Gerade für Deutschland ist schon seit Anfang dieses Jahrhunderts nicht "Rot", sondern die Polarität von "Grün" und "Braun" für die Kräfte charakteristisch, die sich der Megamaschine entziehen möchten. Die links zu Grün und rechts zu Braun aus dem Quadrat hinausführenden Pfeile sollen andeuten, wovon (von welchen der drei Ebenen) und in welcher Richtung sich Bewegungskräfte abstoßen, darunter retardierend besonders auffällig bei Grün die sozialen, bei Braun die nationalen Ressentiments, die in die exterministische Politik zurückfließen. Wie man sehen kann, bin ich schematisch davon ausgegangen: Noch fließt erst "die Hälfte" der sozialen Bewegungsenergie in Richtung Andere Große Koalition, noch reagiert erst "ein Drittel" der sozialen Bewegungs­energie wirklich auf die ökologische Krise.

Was es mit Grün — ohne diesen Kontrast zu Braun — auf sich hat, wissen wir einigermaßen oder glauben es wenigstens zu wissen, während uns das Ausland nicht mit dem Verdacht in Ruhe läßt, es könne gar nicht sein, daß die Deutschen auf einmal eine auf die Rettung der Erde gerichtete Volksbewegung hätten, die auch kein bißchen braun gesprenkelt sei. Man kann ja dem distanzierten Beobachter nicht abverlangen, die linksgrüne Partei schon für den endgültigen politischen Ausdruck einer deutschen ökologischen Wende zu halten.160 Ich komme im Fortgang dieses Kapitels noch einmal auf die Problematik der linksgrünen Politik zurück. Aber noch wichtiger scheint es mir, zum Verständnis der ökologischen Wende die Geschichte des XX. Jahrhunderts in Deutschland hinsichtlich der braunen Problematik noch einmal neu zu lesen. Ich kann und will hier nicht ausführlich diese Arbeit leisten, muß aber meine Einstellung dazu andeuten — habe auch schon im 1. Kapitel dieses Schlußteils damit begonnen —, weil sie nicht unerheblich für meine politische Gesamtperspektive ist.

 

Auf dem grünen Parteitag im Dezember 1984 in Hamburg bin ich begreiflicherweise nicht besonders gut verstanden worden, als ich unter Hinweis auf diesen Hintergrund, und in einer insgesamt ziemlich aufgeregten Rede, sagte, die Grünen stiegen nach einem formell ähnlichen Muster wie einst die Nazis auf, reagierten — anders und unter veränderten Umständen — auf Probleme, die schon damals akut gewesen sind. 

Deshalb will ich nun in einem Exkurs dokumentieren, was ich dort dazu gesagt, zusätzlich schriftlich vorgelegt sowie kurz danach in einer Disputation zu diesem Thema entwickelt habe.

Andauernd wird in der Linken das braune Gespenst an die Wand gemalt, aber es soll bitte absolut nichts mit uns zu tun haben. Das ist zu einfach und ziemlich gefährlich. Mich hatte der Zusammenhang zuerst aus der Studie des linken Soziologen Otthein Rammstedt über <Soziale Bewegung> angesprungen. (Durch die DDR-Lesart des Antifaschismus war ich begreiflicherweise nicht besonders gut darauf vorbereitet, wenn ich von Sachen wie Christa Wolfs nicht gerade offiziellem Roman <Kindheitsmuster> absehe.) 

Werke von Hannah Arendt und Walter Laqueur sowie Carl Jungs Wotan-Aufsatz161 weisen in dieselbe Richtung. Nachträglich hat mich Jacques Ellul162, dessen Text ich erst später aufschlug, auch noch in meiner Sicht bestätigt.

Bemerkenswerterweise hat es nach dem Aufschrei auf dem grünen Parteitag und nach den unvermeidlich oberflächlichen Presseberichten weder in der regulären noch in der alternativen Öffentlichkeit irgendeine Auseinander­setzung mit meiner Intervention zu diesem Thema gegeben, wenn ich von einer lokalen Attacke, damals im Wormser Kreisverband der Grünen, absehe. Das Eisen war zu heiß.

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