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Ökosozialismus bleibt Exterminismus  

 

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Soeben, bei der Auseinandersetzung mit der Faschismusproblematik heute, habe ich mich darauf konzentriert, den Bewegungs­charakter von Braun hervor­zuheben, und dabei zugleich als selbstverständlich vorausgesetzt, daß meinen Lesern mehr oder weniger klar ist, wie hier die nationalistische Komponente funktioniert. In einem Metropolenland, das mitten im Zentrum des Weißen Imperiums steht, kann nationales Ressentiment nur dazu führen, daß das Wasser der Bewegung auf die Staatsmühle zurückgeleitet wird, und sei es mit anti­amerika­nischem Gestus. 

Hier hat mir also der Hinweis auf den dicken Strom genügt, der rechts aus dem zentralen imperialen Konsens zur braunen Bewegung hinaus, aber dann rasch an die Kante der exterministischen Politik zurückführt. Es spielen hier natürlich alle autoritären Charaktermomente samt ihren rebellischen Kopfständen mit. Würde ich annehmen, daß mein Buch in erster Linie im nationalistischen Milieu gelesen werden wird, hätte ich gewiß einiges mehr dazu zu sagen.

Wenn der Prozeß einer Umkehr in den Volkstiefen wirklich in Gang kommt, wird diesbezüglich im Alltag der Bewegung viel Gelegenheit und Notwendig­keit zum Nachholen sein. Dann wird es sich nicht so sehr darum handeln, die Finsternisse einmal mehr ans Licht zu zerren, sondern hilfreich zu ihnen hinab­zusteigen, um dort mit dem Drachen zu kämpfen, wo er tatsächlich sitzt und seine — sei's auch verqueren — Gründe hat. Auf gewissen Darstellungen tötet Georg den Drachen nicht, sondern fesselt ihn, um den Energien einen anderen als den bisherigen Kanal zu öffnen.

Wenn ich mich nun bei der Auseinandersetzung mit dem Ökosozialismus vergleichsweise viel ausführlicher auf den analogen Rückstrom konzentriere — auf jenen dicken Pfeil des Ressentiments, der links oben aus dem sozialen Interessenkampf zur grünen Bewegung hinaus und dann von dort aus rasch an die Kante der exterministischen Politik zurückführt —, so deshalb, weil ich weiß, daß hier das linke Denken am meisten blockiert. In puncto "Sozialpolitik" und "Sozialarbeit" in der Metropolis möchte die Linke einfach nicht wissen, was sie tut.

Um einem beliebten Mißverständnis zuvorzukommen: Selbstverständlich verlangt der Abbau der Mega­maschine aus vielerlei Gründen eine gerechte Lasten­verteilung und damit auch ein Stück an und für sich konventioneller Interessenpolitik. Er wird schon deshalb, weil er Millionen Arbeitsplätze und vor allem Lebensentwürfe betrifft, nur mit einem umfassenden sozialen Rahmenplan zu bewältigen sein: In diesem Sinne kann ich Oskar Lafontaine in erster Lesung zustimmen, wenn er in seinem Buch <Der andere Fortschritt> schreibt: "Wer heute die Abschaltung ganzer Industrie­anlagen verlangt und kein Wort über das weitere Schicksal der Arbeitnehmer verliert, die darin beschäftigt sind, handelt nicht ökologisch ..."165

Er wird ganz einfach so sein Ziel nicht erreichen. Ich weiß nur nicht, ob in Lafontaines Augen irgend etwas wirklich als Alternative zählt, das nicht darauf hinausläuft, den Betroffenen andere Arbeitsplätze im Industriesystem zu beschaffen, ganz konform mit Lothar Späths Politik im Nachbarländle. 

*(d-2015:)  O.Lafontaine bei detopia 

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Nehme ich Oskar Lafontaines Äußerung in ihrem vollen Zusammenhang, so läßt sie mich vielmehr voraussagen, daß er mit seiner "Verantwortungs­ethik" (auch er zieht sich auf diesen Gemeinplatz zurück) nicht einmal den ersten Schritt zu einer ökologischen Umkehr bringen wird. Im Kontext hängt sie nämlich hinter einem anderen Satz, und da mutet das Ganze wie eine unbeabsichtigte Selbstparodie an: 

"Die notwendigen Veränderungen müssen aber ohne große soziale Brüche vonstatten gehen. Wer heute die Abschaltung ganzer Industrie­anlagen verlangt und kein Wort über das weitere Schicksal der Arbeitnehmer verliert, die darin beschäftigt sind, handelt nicht ökologisch, da er unsolidarisch handelt." 

Und dann schiebt er — ganz Sozialarbeiter — die alte "Machtfrage" (Gewerkschaften versus Unternehmer­verbände) vor die Notwendigkeit des "ökologischen Umbaus", macht also alles von dem Karussell des Verteilungskampfes und von der Besitzstandswahrung der reichsten Unterklasse der Welt, de facto vom Erhalt der gewohnten Form des Lebensstandards abhängig. 

Nur marginal ist immerhin von der erneuten Bedeutsamkeit des Genossen­schafts­gedankens die Rede166, aber gerade den hat er nicht über die bisherige ökonomische Logik hinausgedacht; nichts von Eigenwirtschaft für die Subsistenz, von Selfreliance als vielleicht zentral für eine nach­industrielle Gesellschaft.

Der Clou von Lafontaines Argumentation — womit sie ausgesprochen unseriös wird — ist der Einsatz des Solidaritäts­begriffes. Niemand (den er um sein Konzept sammeln möchte) wird es wagen, sich "unsolidarisch" zu erklären. So rechnet er. Aber "ökologisch" von "solidarisch" abhängig zu machen, setzt voraus, "Ökologie" nur als Umsetzungsfrage zu behandeln und ihren prinzipiellen Gehalt zu streichen, während man das Wort zitiert — ein rechter Taschenspielertrick. Die ökologische Krise bedeutet doch wohl, daß wir aufhören müssen, sozialem Komfort irgendwelcher Art die Vorfahrt vor natürlichen Gleichgewichten einzuräumen. 

Vielleicht gibt Oskar Lafontaine nur vor, das begriffen zu haben.

Und selbst abgesehen von dieser grundsätzlichen Problematik: Habe ich nun pragmatisch das moralische Recht, oder habe ich es nicht, die Abschaltung sämtlicher Atomkraftwerke zu verlangen, auch wenn ich keinen Sozialplan für die dort Beschäftigten in der Tasche trage? 

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An den Verlautbarungen der Atomarbeiter kann ich ablesen, daß sie selbst so solidarisch sind, uns allen das "Restrisiko" einer Tschernobyl-Katastrophe vor der eigenen Haustür zuzumuten, und zwar nicht, um selbst überleben zu können (denn sie würden ja gar nicht verelenden), sondern für einen sogar im Maßstab des eigenen Landes privilegierten Standard. 

Und ich weigere mich, einen prinzipiellen Unterschied zwischen dem nuklearen Risiko und dem Risiko beispielsweise der Kohlenwasser­stoffchemie zu machen. Für die Arbeitsplatzbesitzer, mit denen ich solidarisch sein soll, steht (wenn man das politische Kräfteverhältnis einrechnet) im Vorhinein fest, daß sie nicht verelenden müssen, ja es ist gar nicht ausgemacht, ob sie nicht auch etwas zu gewinnen haben, wenn aus einem wirklich existentiellen Grunde ihre Routine zusammenbricht. 

Es heißt die ganze Bemühung um den Ökologiebegriff, die das Buch* sonst womöglich darstellt, zur Schreibübung zu degradieren, wenn man ihn am Schluß, bloß um die grüne Konkurrenz zu disziplinieren, einer Solidaritätsforderung unterordnet, die sich völlig auf die Gerechtigkeit zwischen uns Kahnfahrern in Richtung Wasserfall reduziert.

Niemand wird willkürlich soziale Brüche provozieren wollen, die nur zur Folge haben können, daß menschliche Energien an den alten Fronten verbraucht statt in die Neugestaltung der Verhältnisse einfließen werden. Aber ist es denn wirklich unmöglich, zu begreifen, daß die Erde keinen Kompromiß mit uns macht? Daß sich unser gesamtes Unternehmen Wohlstandsgesellschaft als eine absolut unsolidarische Veranstaltung erweist? 

Anders als Lafontaine ordnet Biedenkopf die Situation gedanklich richtig, wenn er dem ökologischen Umbau Priorität einräumt und dann wünscht, "während der Übergangszeit Auseinander­setzungen, Konflikte, Zwietracht und Not so gering wie möglich zu halten".167) 

Es ist eines, von einer ökologischen Rettungspolitik her die Probleme der sozialen Sicherheit und Verteilungs­gerechtigkeit ernstzunehmen: ein anderes, Kompromisse mit den politischen Vertretern des entgegengesetzten Projekts zu suchen. Es pflegt ja bei solchen Streitigkeiten nicht um die konkreten Fälle selbst zu gehen, sondern die werden zu Waffen einer konzeptionellen Auseinandersetzung. Die Kriterien sind einfach nicht mehr sicher, nach denen es solidarisch verdienstvoll ist, <Arbed Saarstahl> gerettet zu haben. 

Selbst die Lemuren wissen nicht immer, wann es ein Grab ist, das sie schaufeln. 

* (d-2011:) Bahro meint hier (noch bzw. weiterhin) das Sachbuch von O. Lafontaine.

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Nirgends in der ökonomischen Theorie ist Georgescu-Roegens Nachweis widerlegt oder auch nur ange­focht­en worden, daß Ökonomie und Ökologie prinzipiell und im Falle der kapitalistischen Ökonomie dramatisch unver­söhnlich sind.  

Die Ökonomie nicht unterordnen, sondern die Ökologie mit ihr "versöhnen", das heißt umgekehrt die Ökologie unterordnen zu wollen. Der Top-Parasit will weiterfressen dürfen, als wäre alles, was er eben neu über die Endlichkeit der Erde gelernt hat, doch nicht wahr — weil es eben undenkbar ist, daß der Mensch seine eigenen Interessen, Gewohnheiten, Bequemlichkeiten hintansetzt.

Bemerkenswerterweise sind die Ökosozialisten innerhalb und außerhalb der SPD resistent, den offen­sichtlichen Widerspruch auszuhalten. Sie müssen immer erst noch irgend jemandem wohltun und wollen einfach nicht merken, daß das ihre Verhaftung ist. Es wäre gut, sie würden — um es ein bißchen zu verfremden — mal die Studien über das Helfersyndrom in den Psycho- und in den ihnen noch näherliegenden Sozialarbeiterberufen lesen. 

Man hängt an dieser Rolle, in die sich das Ich geflüchtet hat — die Betroffenen, die in solchen Debatten immer als Objekte verantwortlicher Tätigkeit hin- und hergeschoben werden, sind ein Anlaß, und die ganze Sache bleibt auch dann noch politisch falsch und unecht, wenn zugleich noch wirkliches Gefühl mitschwingt.

Was bei dem regierenden Ökosozialisten Lafontaine wenigstens noch pragmatisch Sinn macht, wird bei den linken Grünen vollends irrational. Weil es, wenn sie Stahlstandorte verteidigen, auf sie gar nicht ankommt, ist um so offenbarer, daß es ihnen nur um sich selber geht. Sie wollen von den alten, von den Status-quo-Anteilen im Ruhrpott-Bewußtsein angenommen werden, sie halten die Kälte nicht aus. Da sind sie lieber selber auch noch Teil der ökologischen Krise, seelsorgerisch und sozial in diesem säkularisierten Protestantismus, der die ganze Ökopax-Bewegung ebenso trägt wie verdirbt. 

Es gilt als "nicht human", den Menschen aufzudecken, daß sie in Wahrheit die Bombe wollen, auch das Dioxin usw., indem sie auf militärische und industrielle Rüstung nicht verzichten zu können glauben. 

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Daher muß man "die Menschen da abholen, wo sie sind", anstatt ihnen — wie der Don Juan Matus dem Castaneda — den Schubs zu geben, der sie für einen Augenblick anhält. Diese Humanität ist es, von der Jung* sagt, "das so schön klingende Wort ›menschlich‹ bedeute(t) in seinem letzten Verstande nichts Schönes, nichts Tugendhaftes, nichts Intelligentes, sondern unteres Mittelmaß".168  

Sie ist zur Selbstschonung da, und sie wird uns nicht retten. Der Schubs allein läßt uns noch eine Chance.

Was ist das für ein kriecherisches Werben um den DGB, der als Organisation (und um deren gute Miene wird gebuhlt, nicht um Menschen geworben, die die Wahrheit verdienten) eines der Schlachtschiffe der Kaputtindustrialisierung ist?! 

Wie die Grünen auf einer ihrer letzten Bundeskonferenzen den Schulter­schluß mit der IG Metall demonstriert haben, das war geeignet, für die Menschen aller Lager den diametralen Gegensatz der Gesamtperspektiven zu verwischen, in den Lohnarbeiter­interessen einerseits, Lebensinteressen andererseits nun einmal geraten sind. 

Wenn dieser Gegensatz überwunden werden soll, dann durch einen Kampf im eigenen Bewußtsein, der nur behindert werden kann, wenn hinter den dort auftretenden Energien die "Besatzungsmächte" stehen, die die Organisationsapparate darstellen. Aber treibt die Leute nur zurück in die Einheitsgewerkschaft, zeigt ihnen, daß ihr überflüssig seid.

Da die industrielle Formation insgesamt das Problem, der Antagonismus der beiden industriellen Klassen demgegenüber sekundär ist, spielen die Lohn­arbeiter­interessen überall dieselbe lebensfeindliche Rolle. Im Osten war und im Süden ist das Unheil, das permanent von der industriellen Arbeit ausgeht, sogar unmittelbar verheerender, weil sie der bäuerlichen Mehrheit der traditionellen Gesellschaften den Boden unter den Füßen weggezogen hat und wegzieht. 

Der Mythos von der welthistorischen Mission des Proletariats bewahrheitet sich nur in seiner exterministischen Umkehrung. Die Akkumulation von Kapital und die Akkumulation von Lohnarbeit, das ist ein und derselbe exterministische Prozeß. Am Ende wird die Bourgeoisie für das Zerstörungswerk nicht mehr gebraucht. Der Faktor "Arbeit" allein genügt. 

*(d-2015:) C.G. Jung bei detopia 

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Im 19. Jahrhundert, als der Marxismus und die Arbeiterbewegung entstanden, konnte man — stillschweig­end eurozentrisch, nationalistisch und kolonialistisch — einfach übersehen, daß es zu Hause noch etwas anderes als die Verteilungskämpfe um den erarbeiteten Reichtum und den politischen Aufstiegskampf der modernen Plebejer, der zweiten industriellen Klasse, gab, nämlich den zivilisatorischen Konsens über den Fortschritt von Wissenschaft und Technik als Bedingung der allgemeinen Emanzipation. Auf dieser Grundlage sollte die innere Auseinandersetzung zwischen Bourgeoisie und Proletariat der reichsten, kapitalistisch entwickeltsten Länder das Menschheitsschicksal entscheiden. Über den Industrialismus waren sich die Kontrahenten einig, so daß sie gemeinsam die paar abgeschlagenen Romantiker verspotten konnten, die sich dem eisernen Strom entgegenstellten. 

Kaum noch ein Wanderer, der wie bei Goethe für Philemon und Baucis fechten wollte.

Die Idee der proletarischen Revolution, gestützt auf die ökonomische Analyse, war, daß das soziale Spektrum in der Mitte zwischen den beiden antagonist­ischen Klassen, die den Rest schon zur Parteinahme zwingen würden, auseinanderbrechen wird. Die nationale Kohäsion wurde, wie sich dann 1914 zeigte, verheerend unterschätzt. Allerdings waren Marx und Engels schon um 1880, Rosa Luxemburg und Lenin dann verstärkt am Anfang des 20. Jahr­hunderts auf die kolonial-imperialistische Korruption der proletarischen Mensch­heits­avantgarde gestoßen. 

Rosa Luxemburg hat in ihrer "Akkumulation des Kapitals" schon die später auch für die Frauenbewegung bedeutsame Feststellung getroffen, daß das Funktionieren des metropolitanen Reprodukt­ions­prozesses, damit Mäßigung oder Nachdruck der sozialen Kämpfe, von der Einbeziehung immer neuer "Peripherien" in die kapitalistische Ausbeutung abhängen.

Wenn der nationale Konsens im Falle der militärischen Niederlage oder des Krisendesasters schon mal momentan brechen konnte (aber wie stark war der Schlachtruf "Versailles!" auch in der deutschen Arbeiterbewegung der 20er Jahre) — der koloniale Konsens des homo occidentalis hat sich bisher als unanfechtbar erwiesen. Die überwältigende Mehrheit hält den Westen noch immer für die beste aller möglichen Welten. Jeder europäische Arbeiter kann draußen als Kolonialherr auftreten, notfalls halt als linker Volkserzieher. Und die sowjetischen bzw. osteuropäischen Spezialisten kennen dasselbe Problem. Alle "Entwicklungshelfer" sind Einflußagenten und Lockvögel für die Diagonale des Verderbens.

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Weiter die ökonomischen Interessen der metropolitanen Unterklassen zum Ausgangspunkt einer Politik zu machen, mit ihrer Forderung nach gut bezahlten Arbeitsplätzen im Industriesystem solidarisch zu sein, nachdem der Mythos von der welthistorischen Mission des Proletariats restlos über Bord ging, ist der moralische Bankrott der sozialistischen Linken, die Offenbarung ihrer Stellvertreter-Selbstsucht. Sie wollen um jeden Preis Politik machen, sie verfolgen ihr Projekt weiter so gut wie andere politische Kräfte auch — um sich nicht ändern zu müssen, um nicht "unpolitisch" erst einmal in ein persönliches Nichts zu fallen.

Um dieses Interesse kristallisiert sich eine Menge Kleingeisterei, Wehleidigkeit und Denkfaulheit. Sobald jemand konzeptionell verweigert, die Ansprüche irgendwelcher sozial Zukurzkommender aufzunehmen, wird ihm "Zynismus" vorgeworfen. Ich habe noch nie erlebt, daß dieser Vorwurf von den viel berufenen Betroffenen selber gekommen wäre. Verräterischerweise taucht dann als Krönung meist eines der häßlichsten Slangworte auf, alles andere als liebevoll gefärbt: "Der Malocher", der dies oder jenes angeblich sagt oder braucht. 

Diese ganze Mentalität hält das Bewußtsein der Menschen in jenem Sektor fest, wo der expansionistische Schub erzeugt wird. Die Stellvertretersorge ist dazu da, die Angst um die eigenen Brötchen (manchmal sind es symbolische) zu verstecken. Wer wäre auch abhängiger von der ökonomischen Stabilität als die Leute in den "tertiären" und "quartären" Sektoren!

Die Gewerkschaftslinken sprechen vornehmlich über ihre eigenen Machtansprüche bzw. Rollenwünsche, wenn sie, wie ich es erlebt habe, fähig sind, tagelang — hoffnungslos eingeschlossen in den Horizont der Kapitallogik — über die Interessen der Lohnabhängigen und Arbeitslosen zu debattieren, ohne sich auch nur mit einem Wort daran zu erinnern, daß die Formation als ganze, innerhalb deren sie avancieren sollen, das Unglück der übrigen Menschheit und alles nichtmenschlichen Lebens ist. 

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Selbst so kritische Leute wie Mike Cooley und seine Freunde mit ihren Rüstungskonversionsplänen (die nicht aufgehen können, aber sei's drum) scheinen nicht einmal ahnen zu wollen, daß Arbeiter und Ingenieure diese ihre sozialen Identitäten aufgeben sollten, anstatt sie via "Humanisierung der Arbeitswelt" und liebenswürdigerer Massen­produktions­programme ein bißchen zu reformieren und zu modernisieren. Sie suchen Wege, drinnen zu bleiben statt Wege nach draußen.

Genau so grundkonform sind alle alten betriebsräte-demokratischen und Selbstverwaltungskonzepte, die keineswegs den Menschen, sondern den Arbeiter als Produzenten zum Zentrum haben — auch hier von der Illusion zu schweigen, die tendenziell planetare Technostruktur, die in den Multis ihren adäquaten Ausdruck gefunden hat, ließe sich von unten selbstverwalten.

Das ganze Kreisen um Ökonomie, um Produktions- und Produzenteninteressen zeigt nur die Charakter­befangen­heit in der industriell-kapitalistischen Formation, in der europäischen Produktions­weise; und zur Abwechslung mit "Konsumenteninteressen" und "Verbraucherpolitik" ist es noch einmal dasselbe. Mit der industriellen Produktion im Mittelpunkt seines Weltbildes hat man die Verewigung der Lohnarbeit, des Waren­fetischismus, der Sach-Entfremdung mit im Gepäck und alle ihre lebensfeindlichen Konsequenzen nach außen und innen dazu.

In ihrem Sindelfinger Programm von Anfang 1983 hatten die Grünen noch Umwelt und Arbeit (in dieser Reihenfolge) gesagt, während sie in dem neuen "Umbauprogramm"-Entwurf für die Industriegesellschaft mit Johannes Rau Arbeit und Umwelt sagen. Es macht in Wahrheit keinen wesentlichen Unterschied, denn "Umwelt" ist in beiden Fällen als eine zwar zu "schonende", ansonsten aber abhängige Variable des Industrie­systems gedacht. Wer beflissen ist, dauernd nachzuweisen, daß Umweltschutz Arbeitsplätze schafft und dann noch zusätzlich alternativ zu den Realos ins "Umbauprogramm" schreibt, es solle nichts passieren, was gegen Lohnarbeiter­interessen geht, der sollte aufrichtigerweise das Präfix "Öko" fallen lassen.

"Ökosozialismus" konnte ein erster Schritt in einer Bewegung fort von dem Bodensatz der alten Lehre sein. Im nächsten Schritt mußte die "rote" Identifizierung fallen, oder man fiel damit zurück in die alte Position links neben der SPD, auf der man — wie ich in der Skizze andeute — immer halb zur Großen Koalition der Trägheitskräfte dazugehört. 

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Mangels Masse kann die radikale Linke in ihrem konventionellen Selbstver­ständnis niemals unabhängig von den "linken" Hauptkräften, bei denen sie Korrektiv sein möchte, handeln. Sie will immer die rote bzw. rosa Partei verbessern, bis sie "reif" wird, sich programmatisch was andienen zu lassen und sich ein bißchen nach links zu bewegen. Am schönsten machen es die Trotzkisten: Mal treten sie aus, mal treten sie ein beim Prinzipal, im Zweifel waren sie immer für unseren großen Arbeiterkanzler Schmidt als das kleinere Übel.   wikipedia  Helmut Schmidt *1918

Inzwischen waren die Grünen schon wieder genau so weit. Wahlziel im Januar 1987 war: die CDU-Regierung abzulösen. Nicht sich auf eigene Rechnung ans Volk wenden, um Bewußtheit zu fördern, sondern den großen Partner trimmen, um nachzuregeln, soweit es mit dem institutionellen Apparat der Megamaschine machbar ist. Ein vollständiger Rückfall in die alte Politikform, nur durch die veränderten Realitäten des grünen Kontexts ohne eigenes Verdienst gemildert. Leider, leider nur zeigt das Volk abnehmendes Interesse für den rot-grünen Mischmasch.

Nein, die radikale Linke hat die Chance, die sie durch die Grünen hatte, nicht wirklich genutzt, sondern ziemlich verdorben, noch über das hinaus, was sich inzwischen überhaupt als problematisch an der Existenz einer grünen Partei ansehen läßt. Ihrem Auftrag nach durften die Grünen mit einem guten Linksanteil beginnen, aber sie durften keine Linkspartei werden und bleiben. Gewisse Lernschritte, die ich in dieser Richtung sah, scheinen nur verbal, scheinen vor allem nicht von der Einsicht in die tiefere Notwendigkeit eines anderen Profils getragen gewesen zu sein. 

Ich sah im Geiste vor mir eine große Rochade der lebendigsten Menschen auf der Linken an die andere Kante auf der Senkrechten des ganzen politischen Feldes, ein Streben in den Mittelpunkt jenes "Ortes" der Anderen Großen Koalition, die angesichts der exterministischen Heraus­forderungen Politik von dem ökologischen Paradigma aus macht. Diese Rochade haben nur Wenige zustande gebracht.

Die Losung "sozial" in den grünen Programmen hat bis heute nicht den Geruch des Sozialstaats verloren, niemals den Bannkreis der Selbstausrottungslogik überschritten, war niemals von der neuen Regenbogen­gesell­schaft her gemeint (wenige Ausnahmen einzelner Menschen bestätigen die Regel). 

Die radikalen Linken, die in den Grünen Fuß faßten, waren keineswegs die einzigen, die in Wirklichkeit auf der Diagonale des Verderbens sitzen blieben, aber sie haben den Ausschlag gegeben. Die Menschen selbst hören sukzessiv auf, sich mit den ihnen aufgezwungenen Rollen als Arbeiter und Angestellte zu identifizieren und ihre Energien in diese alten Kämpfe zu stecken, die nur zu Lasten der Erde und auf dem Rücken der übrigen Menschheit ausgetragen werden können.

Dabei ist das Anbiedern bei der SPD und den Gewerkschaften, bei dem immer noch ein Reflex des Schutzsuchens eine Rolle spielt, wie er für das ganze zersplitterte Spektrum links von der regulären Regierungs-Linken typisch ist, inzwischen nur das Feigenblatt für eine soziale Anspruchspolitik der eigenen Klientel. Sie fordert vom Cäsar mehr Zubrot und bessere Spiele. Ein Mindest­einkommen soll die Reproduktion der "Scene" sichern; natürlich hatten die grünen Rechenkünstler in ihrem "Umbau­programm" großzügig an die ganze zivile Gesellschaft gedacht, und es kam eine Variante heraus, bei der wir alle arbeitslos weiter an unserem Pflasterstrand und an den etwas ferneren anderen Stranden rund ums Mittelmeer bequem aus dem Supermarkt leben könnten, ermutigt zu ein bißchen mehr von dem üblichen Protest und Widerstand, aber unverändert im kulturellen Habitus.

International betrachtet sind die Grünen in ihrer Sozialpolitik eine Lobby der metropolitanen Alternativ-Bourgeoisie, obwohl sich das nicht in einer offen kolonialistischen Ideologie niederschlägt. Die grüne Realpolitik straft die antikoloniale Programmatik Lügen, die ich mit dem linken mittleren, ohnehin nicht besonders starken Pfeil meiner letzten Skizze gewürdigt habe.

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