4.2.  

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  Von wo bricht der imperiale Konsens?   

 

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Wie schon gesagt: Ich hebe die Komplizenschaft von Arbeit und Kapital deshalb so hervor, weil die linke Ideologie so sehr dazu neigt, diese Realität zu verleugnen oder von ihr abzulenken. Jegliche Interessen­vertretungspolitik, die man, egal ob links oder rechts, an der oberen Kante des politischen Feldes machen kann, setzt den imperialen Konsens voraus, und sei es, um die Fahrkarten für den Einsatz in Nikaragua bezahlen zu können. Wir sind alle "römische Bürger".

Gewerkschaftsgesinnung funktioniert aktiv imperial, mag sie vom Standpunkt der internen Konstellation noch so legitim erscheinen. In den sozialen Kämpfen reproduziert die Metropolis bislang nur ihre Stabilität. Wer es ernst meint mit Ökologie und internationaler Solidarität, hat zwar dennoch das Interesse, in den gegebenen Umständen seine Existenz zu reproduzieren, kann sich aber nicht um dieses Interesse organisieren.

Welche Mühe macht sich die linke Theorie, die kapitalistische Ökonomie, etwa das Weltwährungssystem, krankzubeten! Andauernd ist Krise, am liebsten, wenn der Zuwachs stockt. Daß nur ja nichts zusammen­bricht, wegen der ärmsten Betroffenen natürlich. Dabei sind die kritischen Stellen — etwa das Nord-Süd-Gefälle in Europa selbst, der EG-Agrarmarkt usw. — alle regulär! Die westeuropäischen Ökonomien und besonders die bundes­deutsche prosperieren und rutschen gut in die nächste Welle der Innovation hinein, wie Lothar Späth es möchte.

Trotz des Konkurrenzdrucks aus Japan und auch schon aus einigen "Schwellenländern" droht hier weder ein Kollaps der internen sozialökonomischen Strukturen noch der Außenbeziehungen. Selbst an den beiden gefährlichsten Klippen, der Arbeitslosigkeit und damit der Belastung des Sozialstaats einerseits, der Verschuldung der Dritten Welt andererseits, wird das Schiff nicht zerschellen. Die langfristige Abstiegs­tendenz, die Johan Galtung gegenüber "Gelb bzw. Golden" wie Japan und dahinter China diagnostiziert, steht auf einem anderen Blatt. Sie hat mit dem Nachlassen der psychisch-kulturellen Antriebe zu tun, die die europäische Expansion getragen haben.

Jedenfalls würde die metropolitane Gesellschaft die Entfremdung, die bei all dem Fortschritt nur immer zugenommen hat, trotz der Folgen für die psychische Gesundheit durchaus noch eine Weile ungerührt ertragen, wenn nicht allmählich spürbar würde, daß es ans physische Leben geht. Insbesondere sollen wir nicht glauben, die Arbeitslosigkeit würde den Konsens sprengen. 

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Solange der Zufluß vom Weltmarkt groß genug bleibt, um das Existenzminimum zu finanzieren, wird sie politisch nahezu unspürbar sein, wird sich, genauer gesagt, nicht als solche bemerkbar machen, sondern auf dem Umweg über die "Immigration" in seelische Umkehr­prozesse.

Nur die Bedrohung durch die ökologische Krise und den nuklearen Militarismus stört den inneren Frieden, gefährdet den an sich überwältigenden Konsens, der auf der Identifikation mit der "demokratischen Industriegesellschaft" beruht. Ich sage "gefährdet", nicht mehr, denn noch lassen sich die Menschen nur allzu gern ablenken. Es ist möglich, und ein Oskar Lafontaine wirkt dabei mit, den Skandal der Fischvergiftung in der Saar zum Versagen eines ohnmächtigen Umweltministers umzufälschen, der freilich selber schuld ist, wenn er auf dieser Bühne, spielt. 

Das Problem besteht nicht nur nicht in dem Umweltminister, sondern auch nicht in dessen mangelnden Mitteln und Kompetenzen. Wie lange noch wollen wir bloß schneller und besser messen? Das Problem besteht auch nicht in der Einleitung des Cyanids, sondern in der Existenz der viel zu massenhaft produzierten Gifte. Und wirklich begriffen hat die Lage sowieso erst, wer in Sachen wie dem nächsten durch Späth subventionierten Neubau von Daimler-Benz, etwa in Rastatt, das fundamentalste Verbrechen erkennt, die Vermehrung der Grundlast, mit der wir uns die letzten Ausgänge verstopfen.

Die Mehrheit der Bevölkerung verharrt keineswegs geistig bewegungslos. Wir stehen potentiell auf der Schwelle: In dem Augenblick, in dem wir, während unsere "Klassenlage" gar nicht mehr ohne weiteres kenntlich ist, als Endsieger der Geschichte dazustehen scheinen, sollen wir uns von den Errungenschaften distanzieren, davon, daß es uns "noch nie so gut gegangen" ist? Denn es gelingt ja nicht mehr, die Übel zu isolieren. Da ist es eher erstaunlich, wie schnell das Klima in der Bundesrepublik — mehr als in den meisten vergleichbaren anderen Ländern — umgeschlagen ist.

Das setzt natürlich voraus, daß der Gewinn nur in einigermaßen ungestörtem Komfort — bei verdrängter Kriegsangst — bestanden hat und nicht in gelebter "Freiheit für etwas". Eine Bevölkerung, die in ihrer Mehrheit diese Freiheit gewonnen und jetzt bedroht fühlte, würde sich viel radikaler sowohl mit der ökologischen als auch mit der sozialen und politischen Sanierung ihres Gemeinwesens befassen.

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So haben wir einen Schwebezustand, der wahrscheinlich bereits eine andere Politik zuließe, wenn die Kanäle der Institutionen und der Massenkommunikation nicht von den traditionellen Macht- und Besitzstands­inter­essen verstopft wären.

Angesichts der psychologischen Veränderungen im Volke gibt es keine absurdere und erbärmlichere Strategie für die Ökopax-Interessen als die einer "Mehrheit gegen rechts", die die konventionellen Politiker in den Grünen praktizieren. Rot-grün oder vielmehr rosa-grün setzt voraus, daß man artig auf dem angestammten Platz links oben neben der SPD Platz genommen hat. Antiimperialismus und Antikapitalismus, worauf besonders die Ökosozialisten moralisch Wert legen, sind auf dieser Position, die nicht bloß mit dem imperialen Konsens rechnet, sondern ihn als Mutterboden des ganzen politischen Spiels zwischen links und rechts akzeptiert und pflegt, schlimmer als hohle Phrasen.

Die Menschen werden nicht auf die neuen Prioritäten, sondern auf die beiden alten Parteiprofile der SPD und der CDU hingewiesen. Nicht die Frage, wie wir uns auf der Achse zwischen Grün und Japan-Gelb (siehe S. 43) von der Diagonale des Verderbens abstoßen können, wird in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt, sondern die Alternative zwischen Rot und Blau (bzw. in unserem Lande Schwarz). So wie die FDP die Stabilität nach rückwärts absichert, sichern sie die Grünen nach vorwärts ab.

Bisher haben die meisten Aktivisten der Ökopax-Bewegung, auch die außerparlamentarischen, infolge ihrer Sozialisation auf der Linken nicht die Spur davon begriffen, daß die Sammlung der Kräfte für eine Rettungs­politik nicht auf der Position irgendeiner Gustav-Heinemann-Initiative zu haben ist, daß die Idee, die "guten Leute" um irgendeinen sozialdemokratischen Reformpolitiker zu sammeln (in den USA machen sie es ebenso mit dem Topos Demokrat gegen Republikaner), der eigentlichen Aufgabe direkt entgegengesetzt ist. Es ist nicht nur taktisch kurzsichtig, weil eine ökologische Wendepolitik und erst recht eine Abrüstungspolitik nicht mit knapp über 50 Prozent zu machen ist. Vielmehr wird die Bevölkerung durch das ganze Schema falsch sortiert. Ähnlich wie im Falle "Ost" und "West" stabilisieren sich da innenpolitische Blöcke aneinander, die einfach keine Alternativen sind. 

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Mit den üblichen Wählerfang-Methoden wird das Subjekt für eine Rettungspolitik um keinen Millimeter vorankommen. Im Paket einer rot-grünen Gesamt­politik würden die Lebensinteressen ebenso untergehen wie bei der "Bürgerblock"-Regierung, die wir gerade haben — weil es in Wirklichkeit zwei "Bürgerblöcke" sind.

Oskar Lafontaine hat inzwischen seine Einstellung in diesem Punkte weiterentwickelt. In seinem "Anderen Fortschritt" hatte er noch völlig konventionell gefragt: "Welche Wählerschichten und damit welche Parteien könnten nun die neue Politik verwirklichen?"169 Ihm ging es dort natürlich um Rosa und Grün, aber ich finde die Frage ganz abgesehen davon falsch gestellt. Die Niedersachsenwahl hat mit dem Fast-Null-Einfluß von Tschernobyl, während die Bevölkerung tiefer denn je berührt war, gezeigt, daß die Parteienlandschaft, einschließlich der Grünen, in Existenzfragen vollkommen irrelevant ist.

Lafontaine hat auch schon vor dieser Wahl sehr richtig davor gewarnt, mit einer geringfügigen Gewichts­verschiebung im Bundesrat Ausstiegspolitik machen zu wollen. Praktisch meint er also jetzt, der Ausstieg geht nur mit einer Großen Koalition, ob nun die Regierung diese Form hat oder nicht. Er verlangt eine Große Koalition etwas anderen Typs als des zunächst wahrscheinlichen auf der Linie Späth-Glotz. Es käme dann darauf an, was für Kräfte aus den verschiedenen politischen Lagern aufeinander zugehen.

Eine Kombination Biedenkopf-Lafontaine-Schily (letzterer "hellgrün" auf der Mitte zwischen links und Gruhl) wäre schon interessant, obwohl es einer Illusion anhängen hieße, selbst eine AKW-Ausstiegs-Regierung schon für eine ökologische Wenderegierung zu halten. Es wäre nur die erste Regierung, mit der zu diskutieren sich lohnen würde. Und sie wäre ein Struktursymbol. Lafontaines Erwägung über den Ausstieg aus der Kernenergie ist auf die ganze ökologische Problematik verallgemein­erbar.

Offen bleibt nur eine Kleinigkeit: 

Nimmt man sich eine Politik "von der anderen Kante" vor, die dann einen völlig anderen Typ von Großer Koalition bedeuten würde und schwerlich als ein Geschäft zwischen Parteien vorstellbar ist (jedenfalls dürfte das nicht dominieren) — oder geht es bloß um eine "mittlere" Kombination auf der alten Hauptachse? Denn einlassen muß man sich auf den Konsensumbruch in der Kernkraftfrage usw. natürlich auch aus der konventionellen Perspektive.

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Im allgemeinen ist es ja die Funktion der Erneuerer in den alten politischen Parteien, den Bewußtseins­wandel für die Machtkampf Strategie gegen die andere Mannschaft auszubeuten; manchmal verspricht es halt mehr fürs eigene Profil, zu schwere Brocken durch Kooperation mit dem "Gegner" zu neutralisieren. Immerhin kennzeichnet Lafontaine, indem er die rot-grüne Idee tendenziell fallenläßt, das Rechts-Links-Schema als sekundär. Ob das eine wesentlich veränderte Fassung seines "Anderen Fortschritts" ergibt, wo in der bisherigen Lesart die Wahrnehmung der Gefahr und die politische Antwort darauf entschieden weiter auseinanderliegen als die beiden Ufer der Saar?

Mit der "Mehrheit gegen rechts" jedenfalls ist Rot-Grün bloß die neueste Variante einer linken Denkfaulheit und vor allem -feigheit: Der Bodensatz des ganzen Linkseinheitsdenkens ist die Angst um den positionellen Komfort, und die wird dadurch kaschiert, daß man ja, falls eine rechte Wenderegierung durchzöge, nicht mehr so schön kämpfen könnte — hinter den Kathedern und Staatsschreibtischen. Die realen Interessen, die dahinter stehen, sind — soweit sie nicht gleich auf der falschen Seite zu Buche schlagen — historisch nahezu gewichtslos geworden.

Keine "Mehrheit gegen rechts" wird das Wettrüsten stoppen, die Megamaschine anhalten, die Verdammten dieser Erde von dem Druck des "guten Lebens" in Washington, London, Paris, Zürich und Frankfurt befreien oder auch nur entlasten und unserem Satanismus gegenüber Tier und Pflanze Grenzen setzen. Was Werner Raith für die römischen Unterklassen zeigte, daß sie niemals den außenpolitischen, d.h. den kolonialen, den imperialen Konsens gebrochen, die Versorgungs- und Verteidigungs­interessen der Metropolis vergessen hätten, gilt heute, wo das Gefälle ungleich größer ist, erst recht.

Wer es für wichtig hält, der Mehrheit der Bevölkerung klarzumachen, daß es die Amerikaner sind, die den Rüstungs­vorsprung haben (was freilich stimmt und absehbar so bleiben wird), muß einfach von dem schlichten Irrtum ausgehen, die metropolitanen Arbeiter ertrügen die Rüstungspolitik glatt gegen ihre grundlegenden Interessen. In Wirklichkeit ist es ein Konflikt der üblichen Art. 

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Es geht so wenig um Abrüstung wie um Nonprofit, es geht um "Güterabwägung", es geht um Mäßigung bei der Rüstung wie bei der Kapitalakkumulation. Es gibt bei der Bevölkerungsmehrheit keine trägeren Interessen als jene, die sie in ihrer Eigenschaft als "inneres Proletariat" im ökonomischen Sinne hat.

Ganz im Gegensatz zu der Marxschen Überzeugung, die Arbeiter seien keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, sondern stünden antagonistisch außerhalb, hat die Sozialdemokratie durch mehrere Generationen von Politikern gelernt: Die Arbeiter gehören dazu, und sie wollen dazugehören, wollen immanent ihre Klassenlage bis zur Unkenntlichkeit überwinden. Demgemäß stellt sie sich auch nicht mehr die Aufgabe, von den Verteilungskämpfen her etwa den Konsens und die bürgerliche Gesellschaft zu sprengen. Vielmehr will sie diesen Konsens erhalten und vollenden. Sie strebt nach der vollen Integration der Metropolis. Imperiale, koloniale, nationale Interessen gehören zu den Selbstverständlichkeiten, auf die sie sich positiv bezieht. Sie sind einfach die Außenseite der Pax Atlantica.

Es geht immer zuerst um die Größe des Kuchens, um die Sicherung der Versorgungskanäle, also auch um die präventive Verteidigung, dann erst um die Proportion zwischen den Anteilen und um die wohlkalkulierte und begrenzte innenpolitische Auseinandersetzung. Da die Lohnabhängigen die abhängige Variable im kapitalistischen Formationszusammenhang sind, wird ihre Risikobereitschaft unterm Strich sogar geringer sein als die des "bürgerlichen" Lagers. Ihre Interessen sind halt verletzbarer, vertragen weniger Diskontinuität, keine Opferkombinationen, kein Setzen auf Gewinne, die erst übermorgen zu erwarten sind. So unterscheidet sich die offizielle Linke hauptsächlich darin von der Rechten, daß sie — bis in die Trilaterale Kommission hinein, wo man nach der klügsten Sicherung des Zuflusses von draußen fragt — stets die "Allianz für den Fortschritt" betont.

Hier nun sind die grünen Realos, von Joschka Fischer bis zu den Ökosozialisten im Ruhrgebiet, mit ihrem Umbauprogramm ideologisch ganz vorn mit dabei. Der grüne hessische Minister gab eine Broschüre heraus, wie man — nach seinem Vorwort — "durch sinnvolle Einsparungs­maßnahmen, die keinerlei Komfort­verzicht bedeuten", den Trinkwasserverbrauch senken kann. 

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Es gäbe nämlich Beschaffungsprobleme, und es gäbe Naturverwüstung durch die Beschaffung. Im Haupttext wird dann festgestellt, es habe sich der Wasser­verbrauch in den letzten 30 Jahren verdoppelt, seit 1930 aber verfünf­zehnfacht. Die Vorschläge nun sollen den Verbrauch um 40 Prozent senken. Sie sind alle vernünftig. Jede Regierung wird jetzt Ähnliches empfehlen. Aber was steht als Botschaft auf dem Umschlag? "Hessen wird grün: durch sparsamen Verbrauch von Trinkwasser."

Die Wahrheit wird zugedeckt, die da lautet: "Wenn Ihr diesen Hinweisen folgt, wird Hessen ein wenig langsamer wüst." Woran Hessen kaputtgeht, läßt sich nicht ganz verbergen, aber schön unkenntlich unter­bringen: "Interessanterweise gibt es beim Wasserverbrauch ein Stadt-Land-Gefälle. Während etwa die Frankfurter annähernd 300 Liter am Tag verbrauchen (sagen wir: während soviel pro Kopf auf sie entfällt -R.B.), fließen in Helsa, einem Städtchen bei Kassel, im selben Zeitraum nur rund 100 Liter pro Einwohner in die Kanalisation" (gewiß auch, weil Frankfurt für Helsa "mitproduziert", ohne dort zu fragen - R.B).

Es soll ja niemand auf den Gedanken kommen, daß wir uns Frankfurt, d.h. diesen Typ städtisch-indus­trieller Infrastruktur und das heißt natürlich das ganze Industriesystem, nicht mehr leisten können. Die Funktion so einer grünen Politik besteht darin, den imperialen Konsens dort, wo er tatsächlich bricht, nicht an der linken Sollbruchstelle zwischen Arbeit und Kapital, sondern an den exterministischen Disfunktionen möglichst wieder zusammenzuschieben. In diesem Geiste plante das hessische Umwelt­ministerium unter Fischer denn auch ein Symposion "Chemiestandort Hessen — Perspektiven einer risikoarmen Chemie". Nur weil der Konsens doch zerfällt, weil sich schließlich auch dem abhängigsten Wasserexperten, IG-Chemie-Vertrauensmann, Bürger­meister oder Industriemanager aufdrängt, daß es alles nichts mehr nützt, kann so eine Veranstaltung dennoch die unter­schwellige Verzweiflung verstärken, obwohl das nicht in der Konzeption steht.

Ist es denkbar, daß sich so eine Konferenz geistig an der anderen Kante des sozialen Kräftefeldes konstituiert, daß sie von der Erkenntnis ausgeht, die chemische Massenproduktion als solche ist unverträglich mit dem Gewebe des Lebens? 

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Wenn ein Umweltministerium nicht die Institution ist, um in dieser Perspektive einzugreifen, können Menschen, die die Lage verstanden haben, doch nur an den Bedingungen arbeiten, um rettende Institutionen herbeizuführen. Und dafür sind Ministerien nicht der Ort, solange sie nicht unter dem Druck einer Volkserhebung gegen den Exterminismus stehen. In sich verlogener als mit "Perspektiven einer risikoarmen Chemie" kann man den doomsday-Konsens nicht pflegen. Das grüne hessische Umweltministerium propagierte die Logik der Selbst­ausrottung, während es vorgab, etwas zu retten.

Schon die Verzweiflung an dieser verderblichen Sanierungspolitik parallel zum Abgrund wäre — von hunderten solcher Experten eingestanden und öffentlich gemacht, zusammen mit der Weigerung, sich weiter dafür herzugeben — ein Lichtblick.

 

    Wie bricht der imperiale Konsens?    

 

Vorausschicken will ich: Ich sehe sieben verschiedene Möglichkeiten, in der ökologischen Krise mit dem imperialen Konsens umzugehen. Ohne mich mit allen befassen zu wollen, sollen sie doch wenigstens genannt sein:

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Mir hatte schon ein verhältnismäßig kurzer Blick auf den realexistierenden westlichen Sozialismus und Eurokommunismus genügt, um keinerlei Perspektive mehr damit zu verbinden (selbstverständlich meine ich die Konzepte, nicht die Menschen). Insbesondere die älteste, die deutsche Sozialdemokratie sah ich schon vor Jahren, als das noch nicht so unübersehbar war wie jetzt, historisch am Ende, so daß ich nie eine rotgrüne Perspektive hatte, obwohl es Momente gab, wo vorübergehend taktische Kombinationen möglich schienen. Zum Beispiel hätten sich die Grünen, was ich damals mit verhindert habe, durchaus auf die bedingungslose Tolerierung Oskar Lafontaines als SPD-Ministerpräsident an der Saar einlassen können.

Ich habe damals diese Souveränität nicht aufgebracht, weil ich mich durch die Entwicklung bei den Grünen, die ich mitbegründet hatte, in eine persönliche Krise verstrickt fand. Auf die grüne Bundes­delegierten­konferenz in Hamburg Ende 1984 zu holten mich noch einmal meine ältesten politischen Identitätsängste ein: Ja nicht ins andere Lager geraten! Sollte ich dabei mitgeholfen haben, dem "System" noch eine neue, für seine Zwecke innovative Partei zu stiften? 

Weil ich innerlich noch nicht von dem Parteiprojekt gelöst war, hatte ich Angst, mit den Grünen ans "System" verlorenzugehen, "gefressen zu werden", "im Sumpf zu landen". Vorder­gründig hätte ich über alle diese Formeln gelacht, aber sie hatten mich doch. Diese Stimmung hat auch den etwas rückfälligen, linksradikalen Gestus einiger Passagen in den vorhin zum Thema Grün und Braun herangezogenen Teilen meiner Hamburger Äußerungen mitbestimmt.

Abgesehen von der heute überaus unzweckmäßigen Dichotomie "Wir" und "Sie", die von Grund auf in jede sozialistische Erziehung eingeht, kannte ich an sich keine Berührungsängste mit dem, was ich für die andere Seite hielt. Das war es also nicht, sondern ich sah — sehr ichbetroffen —: Wir wollen das Weiße Imperium mitregieren, mitverwalten, wollen den Staat, wie er als Instrument der Selbstausrottungslogik nach innen und nach außen fungiert, mittragen. Wir wollen im Kampf die Seite wechseln. "Nie!"

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Meine Emotion hatte auch mit dem Andenken der Ulrike Meinhof zu tun. Je mehr ich die Grünen zurückfallen sah, desto stärker fühlte ich mich politisch auf die Nullposition geworfen, von der sie in diesen verzweifelten Terrorismus absprang. Tatsächlich bleibt man mit einer rein politischen Alternative zu dem vordergründig überwältigenden imperialen Konsens — falls man ihn nicht bedienen will — in einer abstrakten, moralistischen Kontraposition stecken, die einen Einschlag von Hysterie und Paranoia enthält. Ich habe also diesen Punkt Ende 1984 auf der Hamburger Bundeskonferenz der Grünen auch geschrammt. Ich sehe auch nicht, wie man (oder frau) dagegen gefeit sein könnte — es sei denn aufgrund einer theoretischen (nämlich anthropo­logischen) und spirituellen Perspektive, einer anderen, als sie auf der Linken üblich ist.

Wie denn politisch handeln, wenn man sich — nach der treffenden Quintessenz Günter Rohrmosers — geistig in der folgenden Lage sieht, die ja, wie man sich gerade überzeugen konnte, soweit erst einmal auch die meine ist:

Nachdem einmal erfolgreich durch marxistische, neomarxistische, anarchistische und kulturrevolutionäre Ideologie­kritik der Legitimitäts­anspruch der parlament­arischen Demokratie und des liberalen Rechtsstaats zerstört worden war, blieb als einzige politische Wahrnehmung nur übrig eine Gesellschaft, die sich verhält wie ein eingetragener Verein zur organisierten Ausbeutung der Natur (und anderer Gesellschaften -R.B.) mit dem Versprechen einer kontinuierlichen Steigerung des materiellen Lebensstandards, tendenziell für alle ihre Mitglieder. 170) 

Dominant — jedenfalls bei quantitativer Betrachtungsweise — ist das auch heute noch, ich nehme es eher noch umfassender unter meinem Exterminismus­begriff. Wer gar nicht bis zu dem Erkenntnisstand der Ulrike Meinhof über den imperialen Konsens vorgedrungen oder sicherheitshalber davor zurückgewichen ist, steht, glaube ich, nicht auf der Höhe der Fragestellung. Die ganze neueste Gewaltdebatte ist ziemlich unter Niveau, es werden nichts als alte Hüte hin- und hergeschoben. 

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Politisch allein, mit (Un-)Zweckmäßigkeitserwägungen, läßt sich Gewaltlosigkeit auch nicht begründen. Denn der Terror ist eine existentielle, eine spirituelle Option, welcher Qualität auch immer. Politikasterei reicht da nicht heran. Eine politische Partei ohne spirituelles Fundament kann es nur bis zu irgendeinem Opportunismus bringen. Fundamental­opposition oder imperialer Konsens ist das zentrale politische Problem, und seine Lösbarkeit hängt vom überpolitischen Charakter der Fundamentalopposition ab.

Dann allerdings ergibt sich auch realpolitisch ein neuer Zugang, den ich auch vor jener persönlichen Krise schon verfolgt hatte, nämlich das Zutrauen in die fundamentalen Gegebenheiten und Bedürfnisse der menschlichen Existenz selbst. Dieses Zutrauen ist auch die Voraussetzung für den anderen Zugang zum Imperialismus- und Faschismusproblem, den ich vorschlage. Andererseits erscheint mir in diesem Lichte der ökosozialistische Ansatz, sei es Lafontaines, sei es des entsprechenden Flügels in den Grünen, so oberflächlich und so aussichtslos wie nur möglich, wobei die inzwischen einigermaßen evidente Aussichtslosigkeit einer rot-grünen Option für Bonn und einer entsprechenden Kanzlerkandidatur noch das geringste Unglück ist.

Bisher konnte eine rücksichtslose Analyse auf die ärgerliche Alternative zulaufen: Entweder diese unerträg­liche Sozialdemokratie oder die RAF. 

Die ökologische Krise löst das Dilemma auf, das bisher in dem antiimperialistischen Terrorismus seine ebenso konsequente wie kurzschlüssige Lösung fand. In der ökologischen Krise schlägt der Imperialismus, der die stillschweigende Zustimmung der Mehrheit in der Metropolis hat, auf sein Zentrum, auf seinen Ausgangspunkt selbst zurück, und nur deshalb kommt es zur Spaltung im imperialen Konsens. Entsprechende Anteile in jedem einzelnen Bewußtsein, die bisher atomisiert und ohnmächtig bleiben mußten, weil sie keinen gesellschaftlichen Ausdruck finden konnten, werden endlich durch den Rückschlag organisiert.

So kann der exterministischen Politik von der einen eine ökologische Rettungspolitik von der anderen Kante des metropolitanen Bewußtseinsfeldes gegenübertreten. Sie ist nicht ausgrenzbar, da sie von dem auf "Werterhaltung" abzielenden Grundmotiv des imperialen Konsenses ausgehen kann. 

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Nach der Notstandsethik, wie sie Hans Jonas entwirft und die im Herzen der Ersten Welt ihren selbstverständlichen Standort hat, soll die ökologische Wende dem Menschen "die Unversehrtheit seiner Welt und seines Wesens gegen die Übergriffe seiner Macht ... bewahren".171) Das ist die Formulierung eines inneren Widerspruchs.

Gleichzeitig würde jemand wie Hans Jonas schwerlich irgendeine der Tatsachen leugnen wollen, die eine Ulrike Meinhof empört und zum Handeln getrieben haben. Mein Begriff des Exterminismus umfaßt all das mit, was sie bewegte: die Verelendung der halben Menschheit, die Vernichtung der Selbstbestimmung von Völkern, Gruppen, Individuen und das militärische, bürokratische oder kommerzielle Niederwalzen jedes Widerstandes durch die Megamaschine.

Jedoch rücken diese Tatsachen aus dem Blickwinkel einer metropolitanen Bevölkerung, die durch die Disfunktionen ihrer imperialen Existenz betroffen ist und sich in erster Linie selber retten will, das erste Mal in eine Perspektive, in der sie vernünftig-egoistisch "interessant" werden. Die Ökopax-Bewegung ist in ihrem Kern nicht altruistisch, sondern artikuliert das Eigeninteresse fundamentaler als der Imperialismus. Ein Populus Romanus hat natürlich dasselbe gute Recht, seine Existenz zu bewahren wie jede andere Population.

Die Perspektive einer ökologischen Rettungspolitk in der Metropolis hängt davon ab, wie schnell der Mehrheit klar wird, daß sie in ihrem eigenen Interesse das Imperium liquidieren und einen Ersatz für die imperiale Versorgungsgrundlage, für die kapital­getriebene Megamaschine schaffen muß. In Rom ist selbst die christliche Opposition erst im vierten Jahrhundert mit Augustinus dazu gekommen, auch das Benefit des Imperialismus geistig fahren zu lassen (reichlich hundert Jahre früher ist Tertullian mit der gleichen Forderung noch Sektierer gewesen). Für uns kämen wir mit diesem langsamen Rhythmus zu spät. Freilich, je sozialreformistischer, cityversessener und opportunistischer jemand links ist, um so mehr hängt er an der städtisch-industriellen Kultur und Subkultur.

Die Neue Linke war bereits von der Krise der Zivilisation, der industriell-kapitalistischen Gesamtformation in den Metropolen ausgegangen, hatte aber das ökonomistische Schema noch nicht abgestreift für den Weltmaßstab.

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Wo das innere Proletariat ausgefallen war, sollte nun das äußere den Kampf weiterführen. Alle diese immer noch am Marxschen Paradigma haftenden weltökonomischen Analysen von Frank, Wallerstein, Samir Amin fühlen der weltweiten Kapitalakkumulation den Puls. Unmittelbar deprimierend, ziehen sie ihr letztes Fünkchen Leben aus der Hoffnung, dieselbe "Entwicklung" könnte doch noch in die "richtigen" radikal linken Hände geraten, und alles könnte emanzipatorisch gut werden. Dabei hatten antiimperialistische, antikoloniale Revolutionen mit ihrer Perspektive, den Westen einzuholen und womöglich zu überholen, stets diese despotische, bürokratische Perspektive, und die Ursache liegt nicht in dem direkten politisch-militärischen und ökonomischen Druck des Westens allein.

Die Neue Linke hätte erkennen sollen, daß Antiimperialismus nicht antiimperial genug ist. Sie kam nicht dazu, und die Folge war dieses kopflose Konzept eines Guerillakrieges in den Metropolen. Es hatte direkte kontraproduktive Auswirkungen — die geistige und polizeimilitärische Aufrüstung bis weit in die zivile Gesellschaft hinein. Außerdem war die Stadtguerilla kulturell konform mit dem Gewaltsystem. "Krieg dem Krieg" ist eine Losung, die die nekrophile, exterministische Motivation ihrer Vertreter enthüllt. Es ist kein Zufall, daß es den faktischen Mächten so leicht fällt, Nutzen aus der Guerilla zu ziehen. Die Paranoia der Ohnmacht übertrifft noch die Paranoia der Macht, so ungleich die Wirkungsradien sind. Freilich wird die Metropolis den Terror nicht mehr loswerden, im Gegenteil, die ökologische Dimension wird das entsprechende psychologische Potential noch mehr anziehen als die antiimperialistische, zumal hier sehr viel mehr "klammheimliche Freude" anzapfbar ist. Doch das wird kein Weg der Rettung.

Paradoxerweise sind die Reste der neuen Linken, wenn sie dann auf die "angestammte" politische Position neben der Massen-"Partei der Arbeiterklasse" zurückfallen, dem imperialen Konsens besonders hoffnungslos ausgeliefert, weil sie wenig Zugang zum Volk besitzen und als kultureller Fremdkörper wahrgenommen werden, also immer ein Übersoll bringen müssen, um noch akzeptiert zu werden. 

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Seit der Neugründung der Kommunistischen Parteien nach der Russischen Revolution fällt die radikale Linke auch unbeschadet ihrer eigenen Fehler zunehmend aus dem metropolitanen Integrationsprozeß heraus und unter das Verdikt eines Antikommunismus, der viel unspezifischer ist, als das Wort vermuten läßt.

Der Antikommunismus ist ein Abwehrmechanismus des homo-occidentalis, der den Gegenschlag der ganzen von ihm heraus­geforderten nichteuropäischen Welt zu fürchten hat. Deutschland besonders hat sich diesen Gegenschlag aktiv ins Haus geholt. Die kommunistische Linke stellte sich in der Zwischen­kriegs­zeit direkt als Außenposten der Sowjetunion dar. Die radikale Linke der Nachkriegszeit identifizierte sich mit dem antikolonialen Befreiungskampf (Algerien, Vietnam usw.) oder mit China, Kuba usw., erschien also — sich selbst als heimatlos bezeichnend, wo die Arbeiter ihr Vaterland längst (wieder-)gefunden hatten — als Vorposten des äußeren Proletariats, und ihre Systemfeindschaft wurde von der Gesellschaft in diesem Sinne wahrgenommen. Zudem erschien ihre Haltung als ein Luxusprodukt, denn sie teilte ja weithin die privilegierte Ausgangsposition der metropolitanen Mittel- und Oberklassenherkunft.

Welches Handicap dies für die Grünen werden mußte, habe ich zwar von Anfang an gesehen — ich gab der <Bunte-Liste-Zeitung> Hamburg ein Interview, in dem ich ziemlich ausführlich (aber sie ließen die Passage aus!) <Über das Wahre am Anti­kommunismus>172) sprach —, habe dieses aber nicht in seiner vollen Tragweite erkannt. 

Jene Andere Große Koalition konnte sich schwerlich um eine politische Formation herum anlagern, die großenteils gegen alles zustande gekommen war, das den Kitt in dieser Gesellschaft ausmacht. Und woher hätte bei dieser Generation ohne traditionelles Hinterland jenes auch für einen oppositionellen Hegemonie­anspruch unerläßliche Gefühl der Gesamtverantwortung, der Verantwortung für das hiesige Ganze kommen sollen? 

Die Gesamtverantwortung für alles von dem hiesigen Ganzen Unterdrückte, Verfolgte, Verletzte und Zusammen­geschossene war zunächst die äußerste Möglichkeit. Nach der Niederlage des 68er Anlaufs konnte Grün für manche erst mal nur eine andere willkommene Waffe gegen die verhaßte Macht und die sie tragende Majorität sein.

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Andererseits warten die regulären Vorurteile begierig auf jede Bestätigung, daß man "so auf keinen Fall" grün sein dürfe. Dieser Faktor war stärker als das große und notwendige Thema. So konnten die Grünen über den initialen Impuls hinaus nicht viel erreichen. Jetzt sind sie als Impuls schon fast und als Ort einer möglichen sozialen Synthese schon ganz vorbei. Vielleicht ist das auch ein Hinweis darauf, daß es einer anderen, nicht partei­politischen Lösung bedarf, um die institutionelle Basis für ökologische Rettungspolitik zu schaffen. Politische Parteien dividieren das Volk oder verstärken schon vorhandene Fraktionierungen — während die Erhaltung der Erde eine gemeinschaftliche Aufgabe ist und allen besonderen Interessen den zweiten Rang zuweist.

Die Menschen in den Metropolen sitzen — allgemein-psychologisch gesehen — zumindest nicht stärker in den Gewohnheiten, Vorurteilen, Selbst­verständlich­keiten ihrer Kultur fest als andere Leute auch. Die eigentliche Falle sind die Privilegien, die sie genießen. Hinter dem faktischen imperialen (kolonialistischen und nationalistischen, in jeder Hinsicht ausbeuterischen) Charakter unserer Lebensweise steht keine besonders skandalöse/besonders bösartige Intention. In der Bundesrepublik äußert sich der imperiale Konsens heute — trotz wieder ansteigender faschistoider Tendenzen, die in den letzten Jahren auch in der jungen Generation vermehrt um sich greifen — nicht einmal besonders aggressiv. Soweit der materielle Standard zählt, ist es einfach ein ungeheurer Vorteil, hier zu leben, und man wird natürlich nur ungern an seine Unvertretbarkeit erinnert. Wenn nur die Neben­kosten nicht so gefährlich wüchsen... Das Allzumenschliche bringt uns um.

Abgesehen von unserer Tüchtigkeit ist auch nichts spezifisch Deutsches daran. Die spezifische Unbuß­fertigkeit der Nach­kriegs­deutschen ist da für die nächste Generation eher ein willkommenes Epiphänomen gewesen. Ja, hier gab es elften spezifischen Skandal! Selber nicht ganz so anti-autoritär, wie man sich wahrnahm, saß man wenigstens moralisch stark am Drücker. Aber die Empörung über andere Leute macht noch kein eigenes Projekt.

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So ist die radikale Neue Linke auf einer innenpolitisch imaginären "dritten Kante" gelandet: bei der abstrakten Negation auf dem verlorenen Posten als antiimperialistischer Stellvertreter für ein äußeres Proletariat, das bei näherem Hinsehen auch dafür kämpfte, zu den Fleischtöpfen Ägyptens aufzusteigen. Es war theoretisch konsequent, nicht bloß dem Staat, sondern gleich der bürgerlichen Gesellschaft den Krieg zu erklären. In der Tat ist die Tiefenidentifikation mit dem ganzen Stufenbau jener Selbstausrottungslogik der Grundstock des imperialen Konsenses. Wie wir darauf reagieren wollen, das ist die Frage.

Es ist ein allzu einfaches Kunststück, uns mit der Maschinenpistole im cartesianischen Ich zu verschanzen und die gesamte Realität der Metropolis einzig unter dem Gesichtspunkt ihrer Struktur, die als ganze die falsche ist, geistig zusammenzuschießen. So stehen wir gar nicht jenseits, im Gegenteil. Ulrikes letztes Konzept ist ein Extremfall der europäischen Kosmologie, eine Quintessenz des tödlich-nihilistischen männlichen Logos, der sich ebensogut der weiblichen Seele bemächtigen kann. Eine Politik der Rache und des Todes kann jenseits jeder Debatte über ihre Gründe und Zwecke nur selber Zeichen der Apokalypse sein, wer sie betreibt, gewiß nur ihr begleitender Dämon.

Die Psychologie des Terrorismus, die sich angesichts der exterministischen Legalität "alles erlaubt", kann gar nicht anders als spirituell aufgefangen werden, weil es in einer der Logik der Selbstausrottung verfallenen Gesellschaft keine legitime Instanz mehr gibt, die richten könnte. Der General­staats­anwalt zählt nicht. Terrorismus kann nur noch aus dem liebenden Gewissen abgelehnt und verworfen werden. 

Und da in letzten Dingen keine bloß individuelle Haltung bis zu Ende trägt, brauchen wir gerade hier eine Rekonstruktion der Gottheit. Es muß sich in der Krise und an der Krise selbst ein neues Wertsystem von überpersönlicher Gültigkeit und Verbindlichkeit herausbilden. Selbstverständlich wird darin wiedererscheinen, was die Menschheit in ihren besten Augenblicken spirituell erarbeitet hat. Nicht durchkommen wird dagegen alles, was nach moralistischer Restauration riecht.

Das neue Wertsystem wird aus der geistigen Anstrengung, Selbsterfahrung und Intuition derer neu geboren werden, die jetzt den Blick in den Abgrund nicht scheuen und weder die Garantie des Überlebens noch einen Sündenbock für den Fall des Untergangs brauchen. Der imperiale Konsens bricht an den exterministischen Disfunktionen der Megamaschine auf, aber er bricht daran allein noch nicht um. Daß uns auch nur eine Chance bleibt, hängt von denen ab, die bereit sind, die Funktion des Sauerteigs zu übernehmen, sich selbst zu transformieren, das gewohnte Leben hinter sich zu lassen und einen neuen Anfang zu setzen.

Da sich die zuletzt wichtigste Frage, wie die politische Energie für eine Neuordnung zusammenkommen soll, für mich am besten in der bereits erwähnten Denkungsart Antonio Gramscis (sein Begriff der Hegemonie, der sich auf das geistig-kulturelle Vorfeld der politischen Entscheidung, sein Begriff des Kollektiven Intellektuellen, der sich auf eine "Kommunistische Partei" als den neuen Fürsten bezieht) behandeln läßt — bei Neufassung ihres sozialen Inhalts, welchen Gramsci zumindest verbal noch "proletarisch" ausgedrückt hatte —, benutze ich für meine eigene Vision in dem folgenden letzten Kapitel das von dem Italiener geprägte Stichwort Ordine Nuovo.173

Wenn ich in der Kapitelüberschrift das spirituelle Fundament betone, dann nur, um etwas an sich Selbstverständliches dennoch hervorzuheben. Es gibt keine Kultur ohne spirituelles Fundament, wie sehr man es auch verleugnen mag. Jene europäische Kosmologie, die ich im II. Teil charakterisiert habe, ist auch ein spirituelles Fundament, das bisher gültige oder zumindest vorherrschende unserer nur sehr bedingt christlichen, jedenfalls nicht jesuanischen abendländischen Kultur. 

So ist also die allgemeinste These des letzten Kapitels, daß der Aufbau einer neuen Kultur mit dem spirituellen Fundament beginnt und auch bewußt so angegangen werden sollte. Dann ist eine Veränderung der Subjektivität eben das erste.174  Wohin sie führen müßte, habe ich in den Axiomen eines Rettungsweges angedeutet. 

Nun also zum Charakter der Rettungsbewegung, um schließlich die Forderung nach einer Rettungs­regierung aufzuwerfen und zu diskutieren.

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Logik der Rettung von Dr. Rudolf Bahro