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Basisgemeinden des ORDINE NUOVO     

 

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Die neue Ordnung existiert zuerst — obwohl auch Elemente im sozialen Status quo sie schon ankündigen mögen — in den Köpfen und Herzen, in den unbefriedigten Wünschen der Menschen. Ganz am Anfang mag sie nicht mehr sein als der undefinierte Fluchtpunkt, wo die Negativerfahrungen mit dem Status quo zusammenlaufen. 

So entsteht erst einmal der leere Platz, den — ohne, daß man es gleich einsähe — nur eine neue Ordnung wird ausfüllen können. Inzwischen wird sich das alte System mit Hilfskonstruktionen durchzumogeln suchen, die mit der Zeit als immer unverträglicher mit dem alten Verfassungsgeist erkannt werden. 

Dann erst kommt die Stunde der Revolution, der Reformation.

Genauer gesagt: 

Diese grundsätzliche Veränderung wird erst einmal von organisierten Minoritäten ins Auge gefaßt, die praktisch eine andere Politik entwerfen. Wie die Dinge liegen, kann das nicht weniger als eine Rettungspolitik sein, die zunächst einmal als alternativer Entwurf auftritt. Es muß ein neuer sozialer Anfang gesetzt werden, der zeigt, daß der Mensch für seinen Lebensunterhalt keinen großindustriellen oder bürokratischen Job braucht. 

Vor allem aber geht es um Orte, an denen sich eine Rekonstruktion Gottes ereignen kann. Daß wir uns von den Mustern der alten Kultur befreien und den Anruf an die Gottheit wieder wagen, darin liegt die letzte Chance nicht nur unserer Existenz, sondern auch der Emanzipation. Es sind solche Orte wie die, von denen gesagt ist, wo zwei in meinem Namen zusammen sind, da, bin ich mitten unter ihnen. 

Als Beethoven 1821 seine E-Dur-Sonate Maximiliane, der Tochter seiner geliebten Freundin Antonie von Brentano, widmete, schrieb er: "Der Geist, der die Bessern auf diesem Erdenrund zusammenhält, dieser ist es, der jetzt zu Dir spricht." Solchen Zusammenhalt müssen wir konkreter werden lassen, um in uns selber die Grundlagen des neuen Zeitalters aufsteigen zu lassen.

Die soziale Ordnungsfunktion muß völlig neu aufgebaut werden, von den neuen Lebenszusammenhängen her, die sich um jenen zentralen Strang einer meditativen Selbstveränderung herum entwickeln. Indem ich diesen Punkt hervorhebe, halte ich solche Zusammenschlüsse um ein Projekt der Subjektivität herum durchaus nicht für die einzigen Embryonen einer anderen Gesellschaft. Auch werden es Lebenszusammen­hänge verschiedener Art und Vollständigkeit sein, die sich um solche Kerne heraus­kristallisieren. Andererseits werden sich bisher "profane" Projekte von selber mehr nach innen wenden. Es ist hier absolut nichts vorzuschreiben, sondern wir wollen uns nur ein wenig vorstellen, was da als vielfältiges, vernetztes Archipel aus dem partiellen Chaos aufsteigen wird, welches mit dem Zerbröckeln und der wachsenden Abstoßungskraft der Megamaschine entsteht.

 

Negativ von den Katastrophen, positiv aber nur von solchen Neuanfängen kann der Anstoß zu der erforder­lich­en Neuinstitutionalisierung kommen. Mit einer Selbstregeneration des bestehenden Apparats, der so weit­gehend Fortsatz der Megamaschine ist, können wir nicht rechnen. Möglicherweise paßt er sich immerhin erheblich an, schon um nicht alle Initiative zu verlieren. Aber dazu werden die neuen gesellschaftlichen Kräfte nicht gebraucht, denn es gibt immer und in allen Lagern genügend reformistische "Realos". 

Wir sollen auch unsere eigene Organisation gar nicht antagonistisch dem Apparat gegenüber postieren, sonst werden wir nur angesteckt. Wir müssen sie hauptsächlich "hinten" aufbauen, als Rückhalt der neuen Lebens­zusammenhänge, als deren Organe nach innen, ohne vielfältigen Kontakt in alle empfangs­bereiten sozialen Bereiche auszu­schließen.

Da die Veränderung die Fundamente betrifft, steht nicht etwa weniger, sondern mehr als eine politische Revolution an. So ist der entscheidende Strang ihrer Vorbereitung nicht eine politische, in unserem Falle eine parlamentarische Opposition als Regierungspartei im Wartestand (wer die Grünen so in Ansatz bringt, kann sie zwar offenbar wenigstens vordergründig als so eine harmlose und konventionelle Kraft haben, dann aber ohne den Atem der Geschichte im Rücken), sondern eine immer deutlicher spirituelle, kulturrevolutionäre Umkehrbewegung fundamentaler Motivation.

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Soziale Bewegung ist generell ein Bewußtseinsbegriff. Bezeichnet werden, wenn man von Bewegung spricht, jene Anteile unserer psychischen Energie, die nicht von der Reproduktion des Status quo absorbiert und auch nicht in kompensatorischen Aktivitäten verbraucht werden. Ich habe früher den Ausdruck "Überschüssiges Bewußtsein" dafür geprägt und bin davon ausgegangen, daß so ein Überschuß zum Menschen schlechthin gehört, potentiell in jedem Menschen verborgen ist und in dem oder jenem Grade aktualisiert werden kann. Damit aus dieser Substanz wirkliche Bewegung wird, bedarf es einer Konstituierung, einer sichtbaren Praxis, die mit regelmäßigen Zusammenkünften beginnt und eben diese emanzipatorischen Tendenzen durch Anrufung, Austausch, Assoziation und aktive Einmischung in den sozialen Prozeß bestärkt.178) 

 

Basisgemeinden des ORDINE NUOVO — in Gestalt eines netzwerkartigen Verbundes von Gleichgesinnten und -empfindenden, die überall lokale Knotenpunkte kommunitären Zusammenlebens bilden — werden die erste Daseinsweise der neuen Kultur als einer wirklichen sozialen Formation sein. Keime nämlich gibt es viele — alle die teilweise ja auch schon quervernetzten Zusammenhänge der punktuellen Abwehrbewegungen, die verschiedensten kommunitären Projekte, die immer ausgedehntere therapeutische und spirituelle Szene; auch die Grünen gehören natürlich, wenn man es von der motivationalen Seite her betrachtet, dazu, so konventionell ihre Politik meist ist.

Aber noch ist das größtenteils eine Feierabend- bzw. Wochenendkultur, so daß die Lebensschwerpunkte der Teilnehmenden mindestens de facto immer noch in der Großen Maschine liegen. So viele Lehrer zum Beispiel sind engagiert — es würde für hunderte Freier Schulen reichen, die von den neuen Gemeinschaften getragen sein könnten. Und in den Projekten, im therapeutischen und spirituellen Bereich, fehlt die politische Orientierung, d.h. die Ausdehnung der psychischen Energie auf den gesamt­gesellschaftlichen, ja menschheit­lichen Plan. 

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Die Adepten und Kommunarden kandidieren nicht zugleich für eine Rettungspolitik, eine Rettungs­regierung. Politik wird denen überlassen, die zugleich als am wenigsten dafür qualifiziert angesehen werden. Der politische (anarchistische, libertäre oder wie er sich sonst nennt) und der spirituelle Flügel teilen weitgehend die individualistische Beschränktheit, oft aus eingewurzeltem Unverständnis dafür, daß der Totalitarismus gerade von der Atomisierung, der Anomie ausgeht, die die imperiale Megamaschine erzeugt.

Die wirkliche Alternative, die sich im Falle der Krisenzuspitzung wieder erst von ihrer ungünstigen Seite zeigen wird, wenn sie nicht von genügend vielen Menschen vorhergesehen und bewußt entschieden wird, ist, ob nachher isolierten Monaden eine "Volksgemeinschaft" übergestülpt wird oder ob wir uns, unserer sozialen Kapazitäten eingedenk, selber assoziieren und tragfähige Kristallisationskerne schaffen, die ein Angebot an die ganze alte Gesellschaft sind.

"Utopie" meint also nicht Papiere und wieder Papiere (es gab ja in den letzten Jahrhunderten nie einen Mangel an utopischer Literatur), sondern Entwürfe in den eigenen Alltag hinein, vor allem das Wagnis des Zusammenrückens, das Riskieren der bisherigen Bindungen (die ja davon nicht unbedingt kaputtgehen müssen) und das Öffnen für eine Vielzahl und Vielfalt neuer Begegnungen.

Über die relativ zufälligen und unverbindlichen Wochenenden und Workshops hinaus kann sich die Subjektivität der Rettung nur sozial stabilisieren und manifestieren, wenn wir unsere Lebens­zusammen­hänge darauf gründen und die Experten, die jetzt noch als Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft Geld für ihre therapeutischen Dienste kassieren (und in Maßen auch kassieren müssen, weil die Struktur halt noch nicht anders ist), da mit hineinziehen (was nicht heißen muß, ihre Mobilität auf Null zu bringen). 

Also, die neue Subjektivität muß den Alltag wagen, muß suchen, dem täglichen Zusammenleben Schönheit, einen rituellen Rahmen und ein spirituelles Zentrum zu geben. Wir können es zuletzt nur in realen Beziehungen lernen, tiefer miteinander zu kommunizieren, unsere Wünsche einzubringen, unsere Bedürfnisse auszuleben und zu begrenzen. Nur so kann die Gestik, die Gestalt der neuen Kultur, jene soziale Skulptur hervorgehen, von der Joseph Beuys zu sprechen liebte.

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Es wird nichts bringen, weiter die beliebten "kleinen Brötchen" zu backen. Ich bezweifle die Gültigkeit der Erfahrungen, die solche Bescheidenheit als Ausfluß einer endlich erlangten Weisheit erscheinen lassen. Den Spatzen in der Hand, den können wir fast immer haben, aber wozu? Es mag etwas länger dauern und zeitweise durch kältere Zonen führen, wenn man die Taube auf dem Dache will. Jedenfalls kann das Scheitern einer Wohngemeinschaft oder der Frust einer Kommune, die den alternativen Individualismus und die Regellosigkeit als Geschäftsgrundlage angenommen haben und keiner gemeinschaftlichen Vision anhängen, höchstens beweisen, daß tatsächlich keine Quadratur des Kreises geht.

Die wirkliche Assoziation ist gefragt, derjenige anfangs vielleicht kleine Lebenskreis, der zugleich beansprucht, "Kulturkristall" zu sein (so nennt es Dieter Duhm in seinem <Aufbruch zur neuen Kultur>): eine ganze neue Gesellschaft in nuce. Die wächst nicht von Außenkriterien her (zu wieviel Prozent wir uns in den ersten Jahren noch an dem großen Supermarkt der Arbeit und des Reichtums beteiligt sehen; sämtliche Brücken abzubrechen, vollständige Dissoziation dürfte ohnehin nicht die optimale Strategie sein), sondern aus der Ausrichtung der inneren Energie auf die Gemeinschaft und ihr geistiges Projekt, das die Reichweite der ganzen Erde haben muß.

Unsere Bescheidenheit ist verlangt, um unsere praktische Reichweite richtig einzuschätzen und nicht in Perfektionismus und Doktrinarismus zu verfallen, also die Spannung zwischen Sein und Sollen bzw. Wollen auszuhalten und der Möglichkeit je konkreten Scheiterns und Mißlingens ins Auge zu sehen — nicht aber, um uns auf weniger als das menschheitlich Notwendige auszurichten, das ja identisch sein müßte mit dem menschlich, dem individuell und zwischenmenschlich Notwendigen. 

Es kann die einzelne Gemeinschaft "selfreliant" (d.h. mit der Zeit auch materiell ganz auf eigenen Beinen gehend, aber durch mancherlei Austausch mit andern verbunden) so zu leben streben, daß sie sich vorstellen könnte, in analogen (natürlich nicht etwa identischen) Zellen könnte die ganze Gattung organisiert sein, verantwortlich für Gaia, als in gemäßem Kontakt mit Tierwelt, Pflanzenwelt und Mineralreich, mit den Urelementen Erde, Wasser, Luft und Feuer.

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Unter der Oberfläche greift das Bedürfnis nach solchen Zusammenschlüssen um sich, und zudem war Deutschland immer "bündisch", war unsere Atmosphäre fruchtbar für das Thema Individuum — Gemeinschaft — Gesellschaft. Es gibt einen tradierten Resonanzboden. Es kommt ganz darauf an, was wir heute daraus machen. Welcher Unfug, die Sache unter "Ideologie des imperialistischen Zeitalters" abzuhaken.

Gerade in Deutschland, etwa in unseren klassischen und romantischen Zeiten, war die soziale Reflexion viel enger mit der kommunitären Utopie verbunden, als uns geläufig ist und als jeweils dem allgemeinen Bewußtsein aufging. Die Idee, "ein Elysium zu gründen", hat zum Beispiel Schiller und Beethoven verbunden. Hölderlins Hyperion entwirft eine kommunitäre Subjektivität. Susette Gontard, seine Diotima, hatte noch einen anderen Freund, Wilhelm Heinse, dessen "Ardinghello" gleichfalls in eine — allerdings ästhetisierend-elitäre — Kommunevision mündete. 

Und vor lauter Germanistik wird kaum je gesehen, wohin eigentlich Goethes <Wahlverwandtschaften> zielen. Die dort behandelten Themen, Probleme und Konflikte machen den intimen Grundstoff jeder Kommunebildung aus, gar erst, wenn man den Roman mit der Atmosphäre des Zweiten Faust in Beziehung setzt. Und was war mit den Freundeskreisen der Romantik, etwa mit Schuberts Freundeskreis, den Harry Goldschmidt so eindrucksvoll beschrieben hat?

Freilich war es immer dieselbe Geschichte: Das bürgerliche Individuum sehnt sich über die Vereinzelung und über die Kleinfamilie hinaus, aber es riskiert zuletzt nicht einmal die "Zweierbeziehung" wirklich; die Abstoßungskräfte erweisen sich als stärker.

Aber ich bin ganz überzeugt, das hat mit einem bestimmten Menschenbild und Selbstkonzept, nicht mit dem Menschen zu tun, viel mehr mit Persona und Persönlichkeit als mit natürlicher Individualität. Es hat mit der Selbstbeschränkung des Energieflusses zu tun, der der abstrakten Selbstverwirklichung des Helden (der Heldin) geopfert wird.

Am ehesten haben es daher die Salons der Damen (Rahel Varnhagen, Henriette Herz) zu Gemeinschafts­bildung gebracht, so verhalten auch der Eros sich geben mußte. Bei Franz Schubert, der viel Weibliches hatte, schuf die Kunst entsprechende Momente der Vereinigung.

Zum Ausleben, leider, hat die Gesellschaft, hat die Konvention den Freiraum nicht geboten. Wie die Weltbürger­lichkeit an der Nation, mußte die Kommune damals noch an der Familie scheitern, d.h. in beiden Fällen schon an den entsprechenden Verinnerlichungen. Gerade Goethe in seinen <Wahlverwandt­schaften> ging wenigstens in seiner Imagination weiter, indem er die Idee der Familie ausdehnte bis zum Zerspringen. Zwischen seinen Vieren — welcher Reichtum an Beziehung und Aktivität! Und heute sind wir Millionen in annähernd ebenso privilegierter Situation. Das Individuellste und das Kommunitäre können sich verschränken, sobald die Menschen aufhören, mit sich zu geizen und vorsichtig jedem Nein auszuweichen, das ihnen begegnen könnte. 

Ist doch die alles zerstörende Eifersucht ein Mangelphänomen, ein Suchtphänomen, ein Minder­wertigkeitskomplex.

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