4.3.   

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detopia-2018:  Ich finde den Begriff der U. Kirche immer noch doof, obwohl er etwas Selbstverständliches ausdrücken will. Hier hat Bahro - obwohl ein Sprachmeister - 'sich vergriffen'. Ein bißchen aber können wir heute den Begriff rehabilitieren und sagen: Bahro hatte eben doch recht, denn die an sich einfache Aufgabe (irgendwas Kleines dazu beizutragen, damit es morgen noch essen und trinken und Atmung gibt), scheint für alle und jeden zu schwer zu sein. Niemand findet sich und will eine Stunde Freizeit dafür hergeben (außer so 100-200 Leute im ganzen Land). Daher ist das "spirituelle Fundament" eben doch ganz wichtig. Ohne dem geht es nicht, aber wir suchen das Fundament noch. Theoretisch müsste es ja dort liegen: Die ewige Existenz einer fröhlichen Menschheit auf Erde müsste heute die Herzen erheben und zum Mittun 'animieren'. Ja, mehr noch: Gott würde mit dem letzten Menschen auch irgendwie verschwinden (weil niemand mehr von ihm was weiß). Also müssten alle Christen (z.B.) scharenweise bei der "Unsichtbaren Kirche" mitmachen. -- Aber nichts passiert. Und weniger noch: Ich habe eine Sammlung von Aussprüchen von Kardinälen und Bischöfen ab 1960, worin sie sich über die Erdbevölkerungsvergrößerung lustig machen. -- 

 

 

         

Unsichtbare Kirche weltweit  

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Im weitesten Sinne ist die Umkehrbewegung als ganze — und dem Wesen des Problems entsprechend übernational — der Fürst der ökologischen Wende; an sich gehören ihr alle Bewußtseinsanteile an, alle sozialen und politischen Energiemomente, die sich in Richtung auf die andere Kante, die Andere Große Koalition bewegen, indem sie über enge und selbstsüchtige Identifikationen hinausreichen. Aber hier spielt der Unterschied zwischen Bewußtsein und Bewußtheit, hegelianisch gesprochen zwischen dem Ansichsein und dem Fürsichsein des Bewegungsgeistes, doch eine sehr wesentliche Rolle. 

Ja, es geht um eine solche Bewußtheit, die sich nicht einmal gegen die noch über ihren Auftrag unaufge­klärten Elemente des Prozesses setzt, sondern alles zu integrieren vermag. Noch einmal hegelianisch gesprochen: Es geht um An- und Fürsichsein dieser Bewußtseinskräfte in Bewegung. Das war es, was sie damals gemeint haben, als sie sich verschworen — Hegel, Hölderlin und Schelling — für Vernunft, Freiheit und die Unsichtbare Kirche, auf das Losungswort "Reich Gottes!" hin.

In dieser Kopplung von (objektiver) Vernunft, in der "die Substanz Subjekt wird", mit der Freiheit, hat Europa, wie ich schon einmal erwähnte, einen neuen Zugang zu den Topoi von "Kirche" und "Gottesstaat" geschaffen. Dadurch, daß hier die bis in die Tiefen ihrer selbst bewußte Individualität eingebracht wird, kann die "Gemeinschaft der Heiligen" Unsichtbare Kirche werden, ein freier, nichthierarchischer Zusammen­schluß. 

Und wenigstens intentional hat das auch in der Idee der Kommunistischen Partei als eines "Kampfbunds von Gleichgesinnten" gesteckt — als die noch nicht mit dem Wechselbalg des "demokratischen Zentralismus" verkuppelt war, der die ungeheure Lücke kitten soll zwischen revolutionärer Zweckbewußtheit ("Gut ist, was der guten Sache nützt") und der wahren Transparenz und Selbsteinsicht, jener umfassenden spirituellen Bewußtheit, die ich als "Subjektivität der Rettung" bezeichnet habe.

Das Schlimmste an der dunklen Phase, die die kommunistische Parteiidee bei ihrem Durchgang zunächst durch das Schattenreich der westlichen Metropolis, nämlich durch die staatsstärksten der kapitalistisch "unterentwickelten" Länder — wie Rußland und China — durchlaufen hat, war (und ist zum Teil noch) die Emanzipationsheuchelei. Lenin hatte noch klar gesagt, hier werden erst die Grundlagen des Sozialismus und der realen, mehr als bürgerlichen Freiheit geschaffen. Er sprach von Diktatur auch über die Arbeiterklasse und verhüllte nicht, daß das innerparteiliche Fraktionsverbot selbst die Kommunisten zu Parteisklaven machen konnte. Später aber hat man — was freilich schon in seiner Epoche angelegt war — immer schamloser das Erwünschte als erreicht auszugeben versucht.

Die italienische Fürstin Vittoria Alliata hatte, als sie im Orient ihrer weiblichen Identität nachging, in den 70er Jahren das Drusenoberhaupt Kamal Dschumblat, Führer der libanesischen Sozialistischen Fortschrittspartei und Träger des Leninpreises, interviewt.179  Was er sagt — und was selbst noch für die oberflächlich individualisierte, demokratische westliche Welt mehr als ein Gran Wahrheit enthält —, besticht vor allem durch die schwarz-weiße Aufrichtigkeit, mit der er seine Sicht der Realität und dementsprechend des Rettungsfürsten gibt. Er spricht in Gegenwart seiner Getreuen.

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Monsieur Dschumblat, wer sind die Drusen?

Die Drusen sind die Erben uralter — ägyptischer und griechischer — Weisheit, verbunden mit einem gewissen muselmanischen Gnostizismus. Sie haben 5000 Jahre Geschichte hinter sich, seit der Mensch Mensch ist und die Wahrheit über die vollkommene Einheit des Kosmos sucht. Ihre Religion ist nicht irgendeine Volksreligion, sondern eine esoterische Geheimlehre, eine philosophische und moralische Weisheit, die ontologische Suche nach dem reinen Wesen der Welt.

Aber welchen Stellenwert hat heute die Religion, Monsieur Dschumblat?

Wenn alle Religionen der Welt heute eine große Krise durchmachen, so deshalb, weil der Mensch auf der Suche nach einem universalen Credo ist.
Die Kirche flüchtet sich, um modern zu sein, zu den Massen: an die Stelle der göttlichen Gnade setzt sie die Gnade der Massen. Aber es ist eine Utopie zu glauben, die Massen könnten sich der schweren Probleme, die sie bedrohen, bewußt werden. Ebenso wie es utopisch ist, an eine Herrschaft des Volkes zu glauben, an eine demokratische Vertretung, alles Dinge, die eine wirksame Unterscheidung zwischen Gut und Böse voraussetzen — wozu die Massen überhaupt nicht in der Lage sind.

Die Massen wollen gut essen, sie wollen Radio, Fernseher, Auto und jeden anderen Komfort haben; sie wollen den Reichtum, und wie die Reichen sind sie nur armselige Sklaven des Geldes. Nur eine wahrhaftige Elite kann die Welt erneuern: Individuen, die den hohen Auftrag der Evolution erkennen und sich nicht vom Mythos des Geldes, des Fortschritts, der Demokratie und des Sozialismus blenden lassen; Menschen mit einem scharfen Verstand, die sich zu einer uneigennützigen Sicht der Dinge empor­schwingen, in dem Wissen, daß Glück etwas Innerliches ist und nichts mit der Anhäufung von Gegenständen zu tun hat und daß die Gesellschaft für den Menschen geschaffen werden muß und nicht der Mensch für die Gesellschaft ...

Wer schlägt sich nicht erst einmal an den Kopf und sagt: So ist es? 
Dschumblat fährt fragend fort:

... Ach, wer wird wohl der Held sein, der sich eines Tages erheben und die Umkehr einleiten wird?
Und wie müßte dieser Mann sein?
Nötig wäre ein Mann, der Gerechtigkeitsempfinden, Nächstenliebe und Mut besitzt. Er müßte Diktator sein, um Reformen durchzusetzen, die demokratischen Systeme bieten keinerlei Hoffnung mehr. Die Massen setzen sich aus Individuen zusammen, die sich aufgrund ihres vergangenen Karmas voneinander unterscheiden; vielen fällt das Denken schwer, und nur wenige verstehen den tiefen Sinn des Lebens. Die Gleichheit ist eine Absurdität. ..
Aber Sie sind doch der Führer der libanesischen Linken?

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Mein Streben richtet sich auf die Gleichheit in der Armut. Wenn alle reich würden, wäre das eine schreckliche Katastrophe. Wie Jesus Christus sagte, kann man nicht gleichzeitig Gott und dem Geld huldigen. Wofür ich eintrete, ist ein wirklich menschlicher Kommunismus, der einzige, der diesem teuflischen Prozeß Einhalt gebieten kann, der die Welt zugrunde richtet. Marx hat nicht begriffen, daß der Mensch, da seine Bedürfnisse begrenzt sind, auch nur über begrenzte Mittel verfügen soll, um sie zu befriedigen ...

 

Dschumblat hat damals schon die weltanschauliche Öffnung in Rußland bzw. der Sowjetunion vorhergesehen, weil er Antennen für das starke linksseitige bzw. rechtshirnige Potential dort hatte. Er erwähnte als Indiz: "Schon haben die parapsychologischen Studien in der UdSSR einen großen Sprung nach vorne getan und die interpretative Armut des historischen Materialismus verringert ..."

Die übliche materialistische, säkularistische Ideologie, in der man sich im Westen von links bis rechts völlig einig ist, gibt keinen archimedischen Punkt her, um Dschumblats Position aus dem Gleichgewicht zu bringen. Spricht man intimer mit westlichen Politikern und politischen Menschen, so stellt sich ihr Demokratismus als eher noch viel heuchlerischer (im Vergleich zu dem der "Realsozialisten") dar. Sie teilen nämlich fast durch die Bank zwar nicht die Einsicht in die Notwendigkeit der Armut (diese wohl zu unterscheiden von Elend und selbst Entbehrung), aber die Einschätzung der "Massen" — und man braucht sich ja auch nur kurz ihren öffentlichen Umgang mit dem Volk in den Wahlkämpfen anzusehen, um es evident zu haben, wie sie alles daransetzen, seine Dummheit, Kurzsichtigkeit, Versicherungsmentalität, Neidhammelei, Rachsucht, Habgier, Subalternität anzusprechen, auszubeuten, fortzuzeugen.

Eine andere Perspektive als bei Dschumblat ergibt sich nur auf der allerdings noch unerlösten, uneingelösten Entwicklungslinie abendländischer Spiritualität, dann nämlich, wenn man nach der Lichtseite der individualistischen abendländischen Kosmologie fragt. Falls es idealtypisches Ziel des abendländischen Entwurfes ist, eine Republik der Könige (und Königinnen!) zu stiften180 — dann muß man/frau sich nur noch darüber klarwerden, daß selbst König und Königin bereits ein Abfall von der Bestimmung des Menschen sind, insofern diese Gestalten schon Militarismus und Subalternität, insofern sie schon das von Laudse apostrophierte "erbärmliche Großtun von Räubern" mit repräsentieren. 

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In Hölderlins "Eichbäumen" werden sie denn u. a. auch angesprochen: "und ergreift, wie der Adler die Beute, mit gewaltigem Arme den Raum. ..." Deshalb wohl hat auch er selbst noch gefordert, sie sollten erwachen, die Könige (und Königinnen), erwachen offenbar in seine "Unsichtbare Kirche" hinein und auf sein "Reich Gottes" zu.

Da war eine Gemeinschaft entworfen, unter den Dreien damals in Tübingen, die auf der Grundlage der Individualität erstehen sollte. Zwar nahmen sie gewiß nicht an, es wäre im Augenblick alle Subalternität zu überwinden, aber ihr Bund war unterwegs von dem alten Ordens- und Logenkonzept, das immer — wie auch bei Dschumblats Drusentum — esoterisch und insofern "weißmagisch" war ("schwarzmagisch" sind dann immer die andern, versteht sich) und der Idee eines gesellschaftsoffenen Bundes, der keine Zugangsschranken errichtet. So weicht diese Dichotomie zwischen den "Eingeweihten" und den "Massen" auf, und der Führer und Diktator wird teils aufgelöst in ein Kollektiv, das, wenn auch nach Bewußtheit abgestuft, im Prinzip die Letzten einschließt, teils wird er in seiner Funktion relativiert, enttotalisiert, d. h. das Diktatorische wird zum sektoriellen Moment, betrifft nur kritische Bereiche und Aspekte des Verhaltens, in denen die individualistische Selbstsucht das allgemeine Wohl verletzt).

Wenn — asiatisch gesprochenalle immer auch schon "Buddha sind", d.h. an sich an dem Bunde partizipieren, den etwa Schillers und Beethovens Freudenode feiert, muß niemand ausgeschlossen bleiben oder sich — wie es im Liede heißt — "weinend hinausstehlen".

Strukturell genau so war dann die Idee angelegt, die Marx, Lenin und Gramsci mit ihrer Konzeption der "prolet­arischen" Kommunistischen Partei als dem neuen Fürsten, als dem Kollektiven Intellektuellen verfolgten. Gewiß, wie noch diese von dem hochsensiblen Gramsci geprägte letztgenannte Formel verrät, war die Vision rationalistisch, abstraktionistisch, intellektualistisch verengt; überdies waren die Frauen nur als Gleiche, nämlich "wie Männer", eingeschlossen. Der Vernunftbegriff, der einging, war nicht auf die Integration aller subjektiven Wesenskräfte, nicht auf die Individuation, nicht auf die Liebe gerichtet. 

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Die Drei in Tübingen hatten den breiteren Zugang gehabt. Auch war charakteristisch, obwohl nicht so gemeint, daß Lenin in seinem Parteibegriff der Bewußtheit die Spontaneität als das zu Überwindende entgegensetzte.

Mit seiner Kritik an der Spontaneität hat Lenin gewiß nicht hauptsächlich — wie man bei dem Wort vermuten könnte — die Impulsivität verwerfen wollen. Vielmehr zielte sie gegen das Moment der sozialen Trägheits­kräfte, gegen das gewohnheitsmäßige Weiterstricken am Status quo selbst noch in der Bewegung, die die neue Epoche heraufbringt. Aber schon wegen der rationalistischen Fassung des Bewußtheitsproblems, wegen seiner revolutionär-utilitaristischen Engführung auf den Zweck eines politischen Durchbruchs zu war die Impulsivität, war das Lebendige des Geistes dann doch asketisch eingeschnürt.

Lenin hatte zwar nicht an Hölderlin und Schelling angeknüpft, aber immerhin direkt an Hegel, hier jedoch nicht an den glühenden jungen Mann der "Phänomenologie des Geistes", sondern an den der zum System geronnenen "Wissenschaft der Logik". Bei Rosa Luxemburg, bei Karl Liebknecht und bei Antonio Gramsci, auch bei Leo Trotzki ist die Parteiidee ein breiterer und tieferer Fluß gewesen. Dennoch war der Leninsche Durchbruch kein Zufall. Dennoch waren die eben Erwähnten alle vier in einem weitesten Sinne Leninisten, auch Rosa, obwohl die immer des "Spontaneismus" beschuldigt worden war, weil sie die Rigidität des Leninschen Konzepts als tödlich für die Arbeiterbewegung empfand.

Was bis in das heutige sowjetische Wiederanknüpfen — mit den Worten Glasnostj (für Transparenz, Offenlegung der Vorgänge für den Einblick und die Einsicht) und Neues Denken — von Lenins marxistisch-hegelianischem Grundkonzept blieb, das ist sein Losungswort Bewußtheit, Bewußtheit, Bewußtheit! Dort kann der ganze ursprüngliche Reichtum der Idee, den schon Gramsci weitgehend wiedergewonnen hatte, neu einströmen.

In dem Tübinger Triumvirat aus der französischen Revolutionszeit war ja die Quintessenz einer vieltausend­jährigen Bestrebung präsent. Um in die Wirklichkeit einzugehen, hatte dieser Fluß Canons durchbrechen und dann die Mühen der Ebenen durchstehen müssen. Schon Hölderlin selbst ließ in seinem Hyperion, den französischen Revolutionsterror vor Augen, seinen Helden die Illusion beklagen, mit einer Räuberbande ein Elysium gründen zu können.

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Die Frage bleibt, ob das Volk, ob die Menschheit ein Organ wie die "Kommunistische Partei" oder vielmehr die "Unsichtbare Kirche" braucht, um in Vernunft und Freiheit das Gottesreich auf Erden erreichen zu können. Das ist keine spezifisch russische oder gar bloß bolschewistische Frage (wissen wir immer noch nicht, daß die Russische Revolution ein Menschheitsereignis war, wie die chinesische auch eins ist?), sondern die Grundfrage der westlichen Zivilisation selbst, von Plato bis Augustinus, von Augustinus bis Joachim di Fiore, von Joachim di Fiore bis Thomas Müntzer, von Thomas Müntzer durch die Jahrhunderte der bürgerlichen Revolution bis ins Jahrhundert der "proletarischen" Revolution.

Für das, was bei dem modernen Gottesstaat herauskommen soll und was also der Verbund dafür inkarnieren muß, hatten wir in Westeuropa früh eine wunderbare Formel, von diesem Joachim di Fiore gefunden. Er fand sie in dem Augenblick, als sich Papst und Kaiser (Friedrich II, der von Palermo) auf den letzten Anlauf vorbereiteten, die Grundlagen der augustinischen Konzeption von der Civitas Dei als dem Christusreich zu zerstören, indem sie im Kampf um die Weltherrschaft den Menschen zeigten, daß es nicht um Erlösung ging, sondern um Macht.

Kurz zuvor trat in Calabrien der erleuchtete Mönch hervor. Joachim hatte die Vision von drei aufeinander­folgenden Reichen. Das Erste Reich war das Reich des Vaters, des eifersüchtigen Gottes Israels, das Reich des Alten Testaments. Kontrolle von oben. Das Zweite Reich war das Reich des Sohnes, des Christus als des brüderlichen Gurus, das Reich des Neuen Testaments. Das Dritte Reich, das Joachim kommen sah, das war das Reich des Heiligen Geistes, der ausgegossen sein sollte gleichermaßen über alle. Nach dem Osterreich des wiederauferstandenen Christus das Pfingstreich, aus dem Prinzip einer mystischen Demokratie. Sie würden den Konsens über das allgemeine Wohl nicht so sehr suchen müssen — sie würden ihn haben.

Joachims Vision ging damals als Samenkorn in die Erde. Die Franziskaner — ihr verfolgter Flügel — haben es weitergepflegt. Sie ist auf Eckhart gekommen, auf Müntzer gekommen, auf unsere klassische Philosophie und Dichtung in ganz Europa. 

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Ihre bewußte Wiedergeburt im Kommunismus der Gegenwart hat Ernst Bloch vollzogen. Aber mit Marx schon begann offenbar — nach dem liberalistischen Kehraus aller sentimentalen Werte, den er zusammen mit Engels im Kommunistischen Manifest als Ergebnis des Manchestertums konstatiert hatte — die Wiederherstellung der alten Idee des Gottesstaates, natürlich auf einem neuen Niveau, obgleich auch bei ihm und seinen Nachfolgern ein letztes Mal patriarchal, und immer noch zu kollektivistisch (dies am wenigsten bei Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht).

Man sieht jetzt erst, was für eine Erfindung das war, dieses System mit der Partei als, verkappt, einer geistlichen Instanz an der Spitze — nachdem diese neueste Staatsidee sich zuerst als ihre eigene Karikatur ereignete, gewissermaßen mit dem Großinquisitor vor dem Christus ins Leben getreten war (aus sehr realmaterialistischen Gründen, denn spätestens seit Hobbes war ja das satanische Prinzip in seinen beiden Aspekten als Machthybris und Kapitalakkumulationsgier ins schlecht Unendliche hinein zur erklärten Verfassungsgrundlage des Westens geworden; durch den ungeheuren Hirseberg, der da aufgehäuft wurde, mußte sich der Geist erst neu hindurchfressen).

Mit dieser Parteiidee von Marx und dann mit der Leninschen Praxis ("Bewußtheit versus Spontaneität") kommt — nachdem der Kirche der Gottesstaatsgedanke kaputtgegangen war — anfangs bis zur Unkenntlichkeit verkleidet, von Grund auf das. Substantielle daran für die Menschheit wieder. "Proletariat" war bei Marx sowieso nicht die wirkliche Arbeiterklasse, sondern das war ein Name für eine neue Art von "Gemeinschaft der Heiligen", vorteilhafterweise zunächst rein weltlich eingeführt. "Arbeiter" waren die, die die welt­historische Mission trugen. Und was war die Mission? Was heißt letztlich allgemeine Emanzipation? Das ist eine Befreiung, die nicht ohne spirituelle Konsequenz gedacht werden kann, nicht ohne die Entdeckung und Erfahrung der Gottheit in uns.

Wir sehen, daß das sozusagen eine List der Geschichte war, dieser kommunistische Anlauf. Übrigens war ja der Kommunismus des 16. Jahrhunderts noch spirituell, der des 19. Jahrhunderts in Frankreich wieder.  

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Sie wußten, wie unser Thomas Müntzer, der Bauernführer, wußte, daß da über dem Thema der sozialen Gerechtigkeit noch eine höhere Oktave mitschwang. Jetzt ist es also so weit, daß die aufgeklärten, die bürgerlich befreiten Menschen wieder mit der Gottheit ins Gespräch kommen wollen und auch müssen. Und nun ist natürlich die internationalistische "proletarische" Kommunistische Partei nicht genug. Nun ist das die Larve, die gesprengt (im sowjetischen Osten) oder der evolutionäre Vorgänger, der abgelöst sein will (im Westen). Herauf kommt eine Unsichtbare Kirche weltweit, zunächst synkretistisch, d.h. in dem sich erst einmal mischt, was sich verbinden will, aber die Anläufe konvergieren. Am Ende von "Der Mensch im Kosmos" hat Teilhard de Chardin den Konver­genzpunkt des Geistes, der sich um den Planeten zusammenschließenden Noosphäre den Punkt Omega genannt!

Ich sehe dem überparteilichen Verbund in unserem Lande schon zehntausende Menschen mit mehr oder weniger Fasern ihres Herzens angehören. Vielleicht käme "Unsichtbare Gemeinde" der Sache noch näher als Unsichtbare Kirche. Es gibt durchaus eine Analogie zu dem, was ganz am Anfang der Christenheit mit der "Gemeinschaft der Heiligen" gemeint war und — ich leugne es nicht — auch mit jenem "Kampfbund der Gleichgesinnten", den Kommunisten wie Anarchisten ursprünglich im Sinne hatten statt solcher Apparatparteien. Oder wollen wir von einem offenen Orden sprechen? Oder wie Brecht nüchtern und bewußt ernüchternd von einem Verein? Ich bin überzeugt, daß die Idee des Bundes aktuell ist.

Wenn wir es wollen, können wir alle Glieder dieser letzten Kirche, dieser neuen "Gemeinschaft der Heiligen" sein. Die Zugänge jedenfalls sind offen. Es gibt keinen Logenzauber, keine Aufnahmeriten, wenn auch die eine oder andere, heute aber kaum noch esoterische Form der Einweihung, der Einführung durch einen bestimmten Menschen oder eine bestimmte Gruppe. Initiation als Ritus hat leicht etwas Repressives. Heute ist wohl der Prozeß, den C.G. Jung Individuation genannt hat, die angemessene Initiation, geht es doch gerade nicht ums Erwachsenwerden in die überlieferte Kultur hinein, sondern um eine zweite Geburt des Erwachsenen in eine andere. 

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Nicht so sehr "Einweihung" in irgendwelche, mag sein vorhandene, Psi-Geheimnisse tut not, sondern daß sich allerdings möglichst viele Menschen wieder einer Aufgabe weihen, einem Auftrag, der über sie hinausgeht und dem gegenüber das jeweils "momentane" Befinden vielleicht doch nicht so ausschlag­gebend ist. Sehr viele psychische Turbulenzen haben zwar nicht in ihren Wurzeln, aber in ihrer Ausprägung und Durchschlagskraft mit dem Mangel an verbindlichem, voll verantworteten Engagement zu tun.

Es wird jedenfalls eine offene Verschwörung, und wir können uns nur wünschen, daß die Zugehörigkeit sich noch etwas verbindlicher ausdrückt — in der Art der Empfänge zum Beispiel, die wir einander bereiten —, die Solidarität sich selbstverständlicher und unverborgener äußert. Wir brauchen insbesondere "intern", d.h. in unserem weltweiten Netzwerk, mehr Kommunismus als in der Apostelgeschichte des Lukas, nach der sie "alles gemeinsam hatten". Wenn es wirklich zu einer vollständigen Entbürokratisierung der Kommunisten im "realexistierenden Sozialismus", zum Rückzug der Parteien dort von der Staatsmaschine, zur Spiritualisierung ihrer Programmatik und Praxis käme, wie es sich als Tendenz in dem Erscheinen Michail Gorbatschows ankündigt, und wenn dann Moskau, dieses Dritte Rom, nicht papistisch agieren würde ... 

Ich will den Satz nicht vollenden, denn es ist kaum auszudenken, welche glückliche Wendung die Geschichte am Ende des 20. Jahrhunderts nehmen könnte.

Für das Werden dieses Bundes aber sollen wir auf allen Ebenen der sozialen Kommunikation (lokal, regional, landesweit, kontinental, weltweit) und in allen Verbänden fachlicher und sachlicher Zusammenarbeit bewußt etwas tun. Wir brauchen ein permanentes "Treffen der Wege", und wir brauchen Mission, und zwar "innere Mission", jeweils bei uns zu Hause vor allem (nicht zu verwechseln mit Missionarismus als fanatischem oder verlockendem Predigertum). 

Wie Christus, Matthäus zufolge, in der Bergpredigt sagte: "Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es denn allen, die im Hause sind." Es wird vor allem die alltägliche Praxis, in der sich die Subjektivität der Rettung formt, dieses Licht sein.

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       Religiöser Totalitarismus ?     

 

Es wird ja wohl einen Aufschrei geben: Am Ende der Moderne und nach dem gescheiterten braunen Millenarismus in Deutschland die grüne Utopie einer neuen Reformation, neuer Klostergründungen, einer Unsichtbaren Kirche? Und die Perspektive des Gottesstaates, des Heiligen Reichs wieder aufnehmen?

Ich kann nicht anders, ich sehe die ökologische Krise in diesem Licht.  

Aber ich will mich in einem letzten Exkurs gerne diesem Aufschrei stellen.

Seit meiner Verhaftung wegen der <Alternative> bin ich mit nichts mehr aufgefallen als mit meinem vierwöchigen Aufenthalt in der inzwischen aufgelösten Kommune des Bhagwan Shree Rajneesh in Oregon. Wer mir das alles übelgenommen und wer alles sich um meine Reputation gesorgt hat! Und wer alles Verständnis für die persönliche Problematik hatte, die doch dahinter gesteckt haben muß! Ich hatte jedenfalls keine Not.

Da ich schade finde, daß das Experiment den Keim so rascher Selbstzerstörung in sich trug, will ich dem mit ein paar Worten nachgehen. Vielleicht sollte ich klüglich nicht daran erinnern, daß mir Rajneeshpuram 1983 als der wichtigste Ort der Welt erschien und zwar, obwohl mir schon Verschiedenes auffiel, was hoffentlich korrigiert werden würde. Indessen war die Kommune ein Versuch genau an jenem "Ort" (dem weiter vorn charakterisierten), an dem er unternommen werden muß, an der Stelle jenes Spaltes, jenes Weltrisses in uns, und sie meinte jenen kleinen Kreis, in dem Gemeinschaft und Gesellschaft jenseits der großen modernen Ellipse wieder zur Deckung kommen können. 

Was an einem solchen "Ort" geschieht, ist auch bei unbefriedigendem Ausgang unvergleichlich viel wichtiger und lehrreicher als jede neueste Umdrehung etwa der rot-grünen Brauchwasser-Umwälzpumpe. Für mich war schon damals nicht ausgeschlossen, daß Rajneeshpuram scheitert, aber davon hing meine Einstellung überhaupt nicht ab. Die Grünen habe ich seinerzeit, als sie meine Äußerung für einen Ausrutscher hielten, gegengefragt, ob sie im Ernst glauben, das Parlament, in das wir gerade eingezogen waren, sei ein wichtigerer Platz?

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Wo hat denn nun — denn sonst hätte das Experiment nicht so unvorhergesehen platzen können — der innere Entwurf, den Bhagwan Shree Rajneesh selbst repräsentierte, nicht gestimmt? Die subjektive Seite muß gewesen sein, daß sich der Erleuchtete über seinen eigenen Machtanspruch vorgemacht hat, der sei gar nicht vorhanden. Es ist verrückt, eine bereits verhältnismäßig große Gesellschaft von ein paar tausend Menschen, die sich eben erst auf einen Weg gemacht haben, so zu behandeln, als gehörte der Machtaspekt nicht zu den elementaren anthropologischen Gegebenheiten, als sei er quasi überhaupt nicht existent, zumindest überhaupt nicht relevant. Rajneeshpuram hat den beliebten spirituellen Kurzschluß ad absurdum geführt, der da lautet, der politische Bereich sei irreal und also zu vergessen. Nichts anderes als Politik hat die Kommune von innen gesprengt.

Bhagwan wollte die Verantwortung für seine Schöpfung nicht tragen, die er selbst so eingerichtet hatte, daß sie entgleisen mußte, daß die Sannyasins durch eine hohe psychische Barriere daran gehindert waren, ihrerseits die Verantwortung auf sich zu nehmen. Nicht in dem kuriosen Terror selbst liegt das Problem, sondern in einer Vorvereinbarung über den Ausschluß der Verantwortlichkeit für alle sozialen Angelegen­heiten. Die Struktur, die Bhagwan eingerichtet hatte, hätte so erfunden werden müssen, um experimentell zu zeigen, wann der Machtwille unaufhaltsam durchdreht. Es war jedes Gegensteuern institutionell ausgeschlossen. Selber unerreichbar, hat er eine Stellvertretung mit aller Vollmacht eingesetzt, die sich noch dazu auf ihn als eine unerreichbare Instanz verborgener Weisheit berufen konnte. Er ließ eine devotionale Religion gründen, die er gar nicht wollte. So hat er mindestens den Beweis geliefert, daß Erleuchtung an und für sich keine soziale Kompetenz, keinen sozialen Auftrag, keine soziale Struktur impliziert: nicht von vornherein.

Es haben sich in Rajneeshpuram überhaupt alle abgehakten, ausgeklammerten Probleme durch die Hintertür wieder bemerkbar gemacht, u.a. auch die von Bhagwan in seinem Buch "Vorsicht Sozialismus" vertretene halb vulgärmarxistische, halb prokapitalistische Entwicklungsideologie für arme Länder. Sonst wären die Auto­paraden nicht gewesen.

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Keine spirituelle Qualifikation erlaubt es, in Sachen einer Ethik und Politik bei den zwischen zwei Weltzeitaltern der Bewußtseinsentwicklung in Bewegung gekommenen Kräften inhaltlich alle fünfe gerade sein zu lassen. Der reiche Mann, auch er, braucht vielleicht durchaus momentan einen Guru, aber keinen "Guru des reichen Mannes", wie Bhagwan sich eben nur halb ironisch selbst charakterisierte.

Aber mit welcher Vehemenz, in welcher Reinkultur, in welcher Komprimierung von Raum und Zeit genau das zentrale Problem, das Machtproblem aufbrach: das unterstreicht, was das Experiment in jedem Falle wert war. Mir scheint bewiesen, daß es fruchtbarer sein wird, nicht vorzugeben, daß das Ego alsbald verschwände und irgend jemand "leeres Bambusrohr" des Universums sei.

Morris Berman hat anknüpfend an Gregory Bateson ausführlicher die Frage aufgeworfen, ob denn dessen "Lernen III" — womit die spirituelle Transformation, bei der Lehrer-Schüler-Verhältnisse im Spiel sind, gemeint ist — unweigerlich zu totalitären Sozialstrukturen führen muß.181 Ich bin sicher: das muß nicht sein. Dann gilt es jedoch, für die Sozialstrukturen damit zu rechnen, daß das machtwillige Ich bis in die schönsten Erleuchtungszustände "überleben" kann und summa summarum in einer Bewußtseinskommune erst einmal noch viel mehr, viel "qualifizierter" auf die Bühne springen wird als irgendwo sonst. 

Hier ist Steiners Dreigliederungsidee ausgezeichnet: Das soziale (wirtschaftliche) und das rechtliche (staatliche) Leben müssen gegenüber dem Geistesleben relativ autonom und gegen jede Willkür sicher verbindlich auf Konsensbasis geregelt werden, in einer Perspektive auf den "Gottesstaat" hin um so mehr! In einem sauberen meditativen Klima sollte es doch möglich sein, klar zwischen hauptsächlich ich-besorgtem negativem Ressentiment und am "Weltselbst" orientierter Kritik zu unterscheiden, so daß letztere nicht gleich vorsorglich als Ausweichmanöver diskriminiert werden muß oder kann.

Wir müssen streng auseinanderhalten: hier die rein personale Beziehung zwischen zwei Menschen, von denen der eine ein spiritueller Meister, der andere sein Schüler sein mag, dort die gesellschaftliche Organisation. Auseinanderhalten muß ja nicht Gegensatz bedeuten. Der Erwachte kann den Schlafenden nicht fragen, ob er geweckt werden will (freilich: wird der Buddha in uns je vollständig schlafen? wie kämen wir dann auf den Meister?). 

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Aber welcher Mißbrauch dieses Gedankens, ihn auf den Aufbau einer Stadt anzuwenden und das Wecken auf andere Schlafende zu delegieren. Eine kleine Gruppe kann anders experimentieren als eine große. Rajneeshpuram war schon eine kleine Gesellschaft, und die hat ihr Recht nicht bekommen. Zwischen den Dreizehn des Abendmahles ist "Demokratie" ein Nonsens — aber schon die Apostel­geschichte ist nicht frei von einem despotischen Beiklang.

Wiederum: je mehr die Megamaschine selbst ihren universalistischen Despotismus etabliert — hier die Huxleysche <Schöne Neue Welt> der "sanften" Kontrolle und in den ärmeren Ländern eher die Orwellsche Diktatur des Großen Bruders —, desto bedrohlicher malt sich ängstlichen Geistern ausgerechnet die totalitäre Gefahr, die von jedem dagegengesetzten spirituellen Konzept auszugehen scheint. Manche hatten unterschwellig soviel mit Bhagwan Shree Rajneesh zu schaffen, daß sie sich um die paar tausend freiwillig dort in Rajneeshpuram und in einigen europäischen Zentren versammelten Westler und deren Selbst­bestimm­ung gesorgt haben, als läge das Reich des Bösen plötzlich dort und als wäre der Horror der Selbst­mord­kommune von Jonestown nicht nur eine Blase mehr auf dem Sumpf dieser dekadenten Zivilisation, sondern ihr eigentlicher Kern. 

Selbst die schlimmste denkbare Entwicklung in Rajneeshpuram hätte dem, was die Vereinigten Staaten apokalyptisch zu bieten haben, nicht viel hinzugefügt.

Es gibt da eine gemeinsame Voraussetzung der Sektenpfarrer und der linken "Emanzipatoren": ihren festen Glauben an die Verführbarkeit der kleinen Männer und kleinen Frauen, die sie doch gern weiter unter ihrer eigenen seelsorgerischen Zuständigkeit hätten. Es gibt den festen Betreuerglauben an die Unaufhebbarkeit der Subalternität des Menschen durch ihn selbst. Nach manchen Zwangsvorstellungen hätte noch ein Johannes seine Autonomie verspielt, als er sich Jesus anschloß. Sie meinen, den Pluralismus der fürs Ganze blinden Sonder­interessen "kritischrationalistisch" in Schutz nehmen zu müssen gegen die finsteren Theokraten von Platon bis Hegel. Nur keine Gesamtsicht, nur keine übergreifende Ordnung, gar für das linke kritische Individuum!

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Ich las ein Büchlein spätfrankfurterischer Linker aus Freiburg (aber die "Frankfurter" Benjamin, Fromm und Marcuse müßten ihnen auch schon ziemlich suspekt sein) — da bricht direkt die Paranoia aus. Wegen der drohenden bhagwanesischen "Diktatur der Freundlichkeit" (so der Buchtitel) überlegen sie sich, wieder auszuwandern wie einst die Lehrer wegen des Nazismus. Daß der Bhagwan nicht etwa Euer Schatten ist, wie Ihr ihn seht?! Daß Ihr nicht etwa Angst um Eure cartesianische Festung habt, nicht etwa präventiv das Zusammengezogene Eurer Existenz verteidigt?

Nur deshalb, weil es tatsächlich eine Bereitschaft gibt, sicherlich nicht nur verschattet, sondern auch direkt, sich einer überväterlichen Instanz an den Hals zu werfen, können wir uns unmöglich verbieten, über eine spirituelle Praxis nachzudenken, die eine Umkehr tragen würde, und über Staat und Fürst einer ökologischen Wende. Es ist — u.a. von Hannah Arendt — so viel über die Bedingungen gesagt worden, die den Rückfall in den alten Konformismus nahelegen. Aber nichts ist geeigneter, diese Bedingungen zu erhalten, als der Defaitismus unserer spätrömischen Intelligenzija. Auf lange Sicht wird die Individualität diesmal standhalten. Der neue spirituelle Aufbruch ist gerade ihre Stunde, freilich zuerst der Prüfung.

Die Lehre von Rajneeshpuram ist drastisch, aber das Experiment ist im ganzen "gut gescheitert" und hat die Befürchtungen letzten Endes gerade nicht bestätigt. Es ist klar, wir können nicht aus der Polarität zwischen unserer Individualität und unserer Teilhabe am Ganzen heraus. Wem Politik vom Ganzen her nur verdächtig ist, der bastelt geistig mit an der nächsten Fehlbesetzung der zentralen Position, und zwar aus Angst um die tatsächliche Schwäche des "immer gegenüber" konstituierten Ichs. Dabei ist doch unsere Individualität leidend, wünschend, hoffend mit vorausgesetzt, wo wir uns den Zustand des Einsseins, des Unabge­trennt­seins, des individuellen Nichtseins, des Aufgehens in ein Ganzes als existentielles Moment leisten.

Da wir eine Kultur hochgradigen Getrenntseins haben, also eine, die den Pol der Individualität und Endlichkeit verabsolutiert, liegt es allerdings nahe, die Sache bloß umzudrehen: entweder-oder, entweder Isolation oder Regression. Muß das sein? Sollten wir nicht versuchen, die Polarität anzunehmen und als das Thema der Kultur zu betrachten? 

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Die verschiedenen notwendigen Momente einer insgesamt vernünftigen Welthaltung sollten je ihre Stunde haben. Wir brauchen jetzt allerdings ganz dringend einen Durchgang am anderen, "universalistischen" Pol, jedoch ohne das Kind (die Individualität) mit dem Bade auszuschütten. Und wir müssen eine soziale Verfassung finden, die das Gleichgewicht unserer Bewußtseinstendenzen fördert und so den Schwerpunkt setzt, daß wir auf dem Trip, den unsere Existenz nun einmal bedeutet, nicht aus der humanen Rolle fallen.

Teilhard de Chardin hatte in seinem <Phénomène Humain / Der Mensch im Kosmos> angesichts von National­sozialismus und Kommunismus die politische Frage so zugespitzt:

<Massenbewegungen>! Doch es handelt sich nicht mehr um Horden, die fluchtartig aus den Wäldern des Nordens und den Steppen Asiens hervorbrechen. Sondern — wie man richtig gesagt hat — um die "Menschenmillion", die sich nach wissenschaftlichen Methoden zusammengeschlossen hat. Die Menschenmillion auf den Paradefeldern schachbrettförmig angeordnet. Die Menschenmillion in der Fabrik standardisiert. Die Menschenmillion motorisiert... Als Ende dann die grauenhafteste Versklavung in den Ketten des Kommunismus und des Nationalsozialismus! Der Kristall statt der Zelle. Der Termitenbau statt der Brüderlichkeit.

Statt des erhofften jähen Erwachens des Bewußtseins die Mechanisierung, die, wie es scheint, unvermeidlich aus der Totalisierung hervorgeht ... Angesichts einer so gründlichen Verkehrung der Regeln der Noogenese (der Geistwerdung im Menschen — R.B.) behaupte ich, daß wir nicht mit Verzweiflung antworten dürfen — sondern nur mit einer neuerlichen Prüfung unser selbst. Wenn eine Energie toll wird, stellt der Ingenieur keineswegs ihre Kraft in Frage. Nimmt er nicht einfach seine Rechnung nochmals vor, um heraus­zufinden, wie man sie besser lenken könnte? 

Ist das moderne Totalitätsprinzip nicht eben deshalb so ungeheuerlich, weil es vermutlich das Zerrbild eines wundervollen Gedankens ist und der Wahrheit ganz nahe kommt? 182)

Und seine Hoffnung setzt Teilhard auf die Person und die Kräfte der Persönlichkeitsbildung sowie auf die tendenzielle Konvergenz des Persönlichen — da das Universum selbst persönlich und personbildend sei. Er spricht von jenem "unwider­stehlichen Instinkt" in unseren Herzen, "der uns jedesmal zur Einheit zieht, sobald sich unsere Leidenschaft für irgendein Ziel begeistert"183, und hält für eine vermeidbare Perversion, daß nun dabei und deswegen die Person vom Kollektiv absorbiert werden müßte. Daß es bisher so kam, gehe auf die Unvollkommenheit, die Beschränktheit zurück, in der wir bisher erst lieben gelernt hätten.

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Ich hatte mich schon einmal — in meiner "Alternative" — auf diese Frage bezogen, ob das moderne Totalitäts­prinzip nicht Zerrbild eines wundervollen Gedankens sei: weil ich wußte, daß zumindest der Kommunismus etwas anderes gemeint hatte, als dann zunächst herausgekommen war. Neulich las ich eine Ironie Ernst Jüngers über Martin Heidegger184, dem es seinerzeit mit dem Nationalsozialismus ähnlich gegangen war. Jünger fand, "Heidegger habe sich für seinen politischen Irrtum deshalb nicht entschuldigen wollen, weil er von seinem Standpunkt aus eher hätte erwarten müssen, daß Hitler wiederauferstünde und um Verzeihung bäte, ihn, Heidegger, irregeführt", nämlich um die mit der Bewegung eigentlich gemeinte metaphysische Wahrheit betrogen zu haben. 

Ich halte die Frage nach dem Positiven, das vielleicht in der Nazibewegung verlarvt war und dann immer gründlicher pervertiert wurde, für eine aufklärerische Notwendigkeit, weil wir sonst von Wurzeln abge­schnitt­en bleiben, aus denen jetzt Rettendes erwachsen könnte. Antifaschismus, der nichts weiter als Gefahren­abwehr ist, bedeutet vor allem, uns von dem größeren Teil des Potentials abzusperren und es der Bestimmung durch die scheinbar ferngehaltenen Geister gerade erst preiszugeben. Die Vorbedingungen, die wir zu unserer Sicherheit stellen, formieren mit an dem, was wir nicht wollen.

Falls es zutrifft, daß Kulturen überhaupt religiöse Fundamente haben, kann eine neue Kultur jedenfalls nicht darauf gegründet werden, daß "Religion Privatsache" sei — ein Prinzip, das aus dem Zusammenbruch der Christenheit im späten Mittelalter hervorgegangen und verständlich ist. Genau wie im Falle des Staates, wo mit dem Prinzip einer verbindlichen Ordnung so oft der von Grund auf falsch eingeordnete Apparat verteidigt wird, so daß Ordnung selbst suspekt erscheinen muß, stoßen wir hier auf das Mißverständnis, es sei die "Freiheit der Kinder Gottes" bedroht, wenn dieses bürgerlich-individualistische Prinzip in Frage gestellt wird. Zudem irritiert das Wort "Religion", weil sein Sinn von der Kirche entstellt worden ist. So weit ich sehe, ist in der Tendenz zum Treffen der verschiedenen Wege, darunter auch des christlich-mystischen, schon etwas in Gang gekommen, um ohne Auslöschung des je Besonderen und Individuellen die eine neue Kosmologie entstehen zu lassen.

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In unserer modernen Erkenntnistheorie, nach Kant, aber an dessen unmittelbaren Nachfolgern vorbei, ist es nun ausgemacht, daß wir von alledem nicht wirklich wissen können, was wir indessen wirklich sind. Wir haben in unserem Körper, der auch das Ganze ist, nämlich alles Psychische einschließt, das Organ. Aber der Rationalismus erlaubt uns nur, den abstrakten Verstand zu benutzen, der an und für sich ein nützliches Organ jenseits von Gut und Böse ist. Gerade zur Weisheit der Natur haben wir mit diesem diskursiven Instrument keinen Zugang. Dabei ist es so selbstverständlich, daß Mensch und Natur aufeinander hingeordnet sind. Die Frage, wie wir überhaupt etwas wissen können, ist neben ihrer Klugheit auch völlig blödsinnig, weil — wie die Hildegard von Bingen wußte — "alles, was in der Satzung Gottes steht, einander Antwort gibt".185  

Dieses Faktum können wir nur ausnützen, indem wir uns vom anderen, dem Verstand entgegengesetzten Pol unserer Psyche aus sensibilisieren. Dann kann uns, im Grade, wie wir unsere Fixierung auf die speziellsten Schichten unserer Existenz überwinden und diese Schichten zeitweilig hinter uns zu lassen lernen, die gesamte implizite Ordnung bis zurück an den Beginn des Lebens innerlich präsent sein.

Vielleicht werden wir den Urschauder nicht in dem Grade wieder lernen, daß er uns leiten oder zurück­halten könnte. Vielleicht brauchen wir eine noch einmal zweckrational begründete Ethik des Verzichts, die sich auf Wissen um die späteren Rückschläge unseres Machtgebrauchs begründet (Hans Jonas). Wenn aber eine solche Ethik gegen den ansonsten ungebremsten herostratischen Schub arbeiten muß, wird es bestenfalls zu einem zeitweiligen Zittern der Hand, zu gewissen Verzögerungen des Vormarsches kommen. Ein im Grunde kirchlicher Moralismus, der es freilich auch wegen immanenter Korruption nicht aufgehalten hat, als es entstand, wird jetzt nicht ausreichen.

Die extreme europäische Konfrontation von Intellekt und Körper, Mensch und Erde, damit auch männlicher und weiblicher Seele, ist ein nicht durch abstraktes Denken (allein) lösbares Problem (dann wäre es einfach, es wird jetzt viel Richtiges darüber gedacht, gesprochen und geschrieben, und das ist auch wichtig).

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Wir haben es mit der angstbestimmten Physiologie der Psyche zu tun (wenn man Reich darin folgt), und die Angst ist in unserer Kultur deshalb mächtiger als in anderen Kulturen, weil zur impliziten Ordnung das Gesetz der Nemesis gehört: Wir haben heftiger eingegriffen, verletzt, ge- und zerstört, müssen uns mehr gegen den Rückschlag wappnen.

Je mehr wir lernen, was wir alles nicht notwendigerweise sind, desto sensibler werden wir für das eigentlich natürlich und sozial Notwendige. Entidentifizierung und Resensibilisierung sind weitgehend dasselbe. Was wir zuerst gewinnen, ist natürlich nicht die Große Freiheit, sondern die Bewußtheit über unsere vielen Verhaftungen und Abhängigkeiten vom Nächsten wie vom Ganzen.

Die Art, in der über das Erfordernis der Ich-Aufgabe gesprochen wird, verdunkelt leider oft den wesentlichen Punkt. Stellen wir uns die verschiedenen Buddhas vor — sagen wir Laudse, Christus, Buddha selbst (es war übrigens Bhagwan Shree Rajneesh, der die verschiedenen Individualitäten von, wie ich schätze, zwanzig solcher Meister ausführlich in seiner eigenen Person Revue passieren ließ, indem er sie in seinen zahllosen Vortragsreihen in Poona vergegenwärtigte, ja jeweils verlebendigte) —, so fällt gerade auf, daß sie ihren individuellen Genotyp aufs äußerste herausgebracht haben, gereinigt von den Beimengungen, die gerade nicht ihrem Inbild entsprachen, sondern diese ringsherum aufgestellten Abwehrmechanismen waren, aus denen wir alltäglicherweise Ich sagen.

Das "Selbst", das inzwischen einigermaßen wohlvereinbart diesem Ich gegenübergestellt wird, enthält, als einen Aspekt, auch den Inbegriff des individuellen Genotyps, mit dem wir geboren sind und in dem uns dieses ganze meditativ erschließbare Reservoir evolutionärer Erfahrung und Zugehörigkeit mitgegeben ist.

In Zeiten ruhiger Entwicklung und einer stabilen Kultur ist es weniger dringlich, auf den ungeformten, plastischen Grundbestand unserer Existenz zurückzugehen, obwohl es immer gut war, wenn "Heilige" existierten, die einen mehr oder weniger unmittelbaren Kontakt dazu unterhielten. Wo aber die Tradition versagt, die Kultur gar exterministisch wird wie jetzt, liegt in diesem Kontakt die entscheidende und zugleich die meistversprechende Reserve einer Erneuerung und Regeneration. 

Wir gehen damit nicht auf irgendeinen früheren Kultur- oder gar einen kaum faßbaren Naturzustand zurück, sondern hier und jetzt auf unsere natürliche Kapazität, Potenz und Plastizität.

All das zieht nach sich, die Transformation nicht als einen Kampf zwischen getrennten objektiven Mächten hier des Lichts und dort der Finsternis zu sehen. Vielmehr wird es nur soviel Umkehr geben, wie Individuen umkehren. Die implizite Ordnung wird nicht mittels einer neuen quasi-kirchlichen oder staatlichen Instanz befehlen, sich von der Megamaschine zurückzuziehen und innerhalb der großen alten Gesellschaft die neuen kleinen anderen Republiken zu bauen. Sondern der Geist wird von Mensch zu Mensch seinen Weg der Diffusion nehmen. 

Ohne Millionen individueller Entscheidungen kann auch eine vorstellbare "ideale" Ökotyrannis, "um das Schlimmste zu verhindern", nichts ausrichten. Ein starker Staat könnte einiges verhindern, einen neuen kulturellen Anfang stiften kann kein Staat, auch keine Theokratie.

Die größte Chance gegen einen religiösen Totalitarismus und gegen Totalitarismus überhaupt werden gerade diejenigen haben, die ihn am wenigsten fürchten und deshalb wagen, spirituell zu vertrauen, vor allem sich selbst zu vertrauen und auf dieser Basis auch dem jeweiligen Nächsten. 

Die Linke insbesondere sollte sich einen ganz bestimmten Aspekt des Leninschen Scheiterns vergegen­wärtigen: Es ist nichts Gutes herausgekommen bei dem Satz "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser". Der Volksmund weiß seit ewig um das Phänomen der Resonanz: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. 
Auf welche Seelenkräfte wollen wir bauen?! 

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Logik der Rettung - Wer kann die Apokalypse aufhalten? 1987 von Rudolf Bahro