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5. Die Effizienzrevolution und der Faktor 10

 

 

 

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Ohne den Auszug aus den Festungen euroamerikanischen Wohlstands bleibt ökosoziale Rettung eine Farce. Der Verzicht auf das kleine Auto und viele andere Luxusgüter dürfte unvermeidlich sein. Große Teile des Industriesystems müssen stillgelegt werden. 

Der Rückbau des derzeitigen Wirtschafts­volumens bedarf einer sorgfältigen und detaillierten Planung sowohl regional wie zentral. In der Folge ist das zwangsläufig mit starken Eingriffen in die wirtschaftlichen Eigentums­verhältnisse verbunden. Erst dann wird Ökomodernisierung etc. effektiv greifen können. 

Mann und frau wird also versuchen müssen, mit minimaler Industriegrundlast viel materielle Lebensqualität zu bewahren. Dies setzt für die verbleibende umstrukturierte Wirtschaft auch eine sozial-technische Effizienzrevolution voraus, wobei es hier um Effizienz und Intelligenz im Gebrauchen von Produkten und Technologien geht, nicht um die Geldmenge, die sich auf den Bankkonten von Firmeneignern und Aktienbesitzern stapelt. 

Im Ganzen brauchen wir einen neuen sozialkulturellen Organismus, in dem sich die alten Gesellschaftsmuster lösen. Der Bezug des Menschen zur Arbeit, zum Wissen, zur Liebe etc. sollte sich auf einem neuen Fundament betten, sehr viel autonomer gegenüber gesellschaftlich herausgebildeten Strukturen werden und damit einen Wandel in Gang setzen.

Die Grundlast unserer Konsumgesellschaft müßte binnen weniger Jahrzehnte ungefähr auf ein Zehntel der heutigen Durchsätze an Material reduziert werden. Beim Energieverbrauch im Bereich der Stromerzeugung kann die Reduktionsquote wahrscheinlich geringer ausfallen wegen der solaren Alternativen. Sie wird aber auch bei etwa 10 bis 20 Prozent des heutigen Verbrauchs ankommen müssen.

Der Faktor Zehn in der Industriegrundlast ist ein Maß, das mindestens erreicht werden sollte, eine Senkung darüber hinaus ist wünschenswert. Es handelt sich um eine Näherungsgröße, die nicht schematisch auf jeden Lebenssektor übertragbar ist. Für Obst, Gemüse und Getreide besteht z.B. eher wachsender Bedarf, speziell wenn Bananen, Apfelsinen und anderes nicht mehr aus dem Süden eingeführt werden. Dies trifft auch auf Holz zu. Soweit industrielle Struktur im Verlauf der Verarbeitung etc. unbedingt erforderlich ist, dürfte hier nur mehr Ökoeffizienz in Anwendung kommen. 

Auf der anderen Seite wird es auch Totalverbote geben müssen. Etwa die Produktion von FCKWs und insbesondere auch der riskanten Ersatzstoffe muß weltweit vollständig eingestellt werden, und hier gibt es bereits jetzt einen beträchtlichen Fortschritt zu verzeichnen. Man wird nicht jedes Jahr Hunderte neue chemische Verbindungen in die Produktion einführen können, deren langfristige Gefährdungspotentiale kaum oder gar nicht geklärt sind. Darüber hinaus müssen ganze Industriezweige, wie der Rüstungssektor, abgewickelt werden.

Für jede Stoffgruppe wird es spezielle grobe Reduktionsstärken geben, die in die Ökosteuern hinein zu vermitteln sind. Diese Steuern sollten auch in erster Linie bei den Ausgangsstoffen ansetzen und erst dann korrigierend Spezialgebiete betreffen. Sie müssen insgesamt so konzipiert sein, daß sie als verläßlicher Bestandteil für den Rückbau der Industriegesellschaft wirken.

Perspektivisch sollten wir davon ausgehen, daß zehn Milliarden Menschen oder mehr gleichwertige Bedürfnisse in Anspruch nehmen, daß die Differenzen in der Lebenshaltung zwischen den Reichsten und Ärmsten in der Welt nicht immer weiter auseinanderklaffen, sondern sich auf einem nachhaltigen Niveau allmählich annähern. Sicher braucht man in Tropenregionen keine Heizungen wie in Europa und hierzulande sind Moskitonetze überflüssig. So ist also die Annäherung regionsspezifisch. 

Darüber hinaus gilt prinzipiell: Indigene Naturvölker sollten in keiner Weise dazu bewegt werden, ihre ursprüngliche Lebens­weise aufzugeben. Gerade sie sind gegenwärtig mit einem hemmungslosen Ausrottungsfeldzug durch die Weltmächte konfrontiert, z.B. in Brasilien. Tropenhölzer, neue landwirtschaftliche Flächen, Erze, Gold etc. sind wichtiger als Menschenleben. Den einzigen Menschen, die heute noch im ökologischen Gleichgewicht mit der Natur leben, brauchte man lediglich ihren Lebensraum belassen.

 

Von der Gleichwertigkeit der Ansprüche aller Erdenbewohner geht auch Friedrich Bleek aus. In seinem Buch <Wieviel Umwelt braucht der Mensch?> kommt er ganz analog zu meinen Ausführungen zu dem Schluß, die vermögenden Wirtschaften in der Welt müßten im Mittel ungefähr um den Faktor Zehn dematerialisiert werden, um die globalen Stoffströme zu halbieren.39

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Derzeit werden 80 Prozent aller industriellen Güter von etwa 20 Prozent der Weltbevölkerung genutzt. Allerdings setzt er für diese Reduktion einen Zeithorizont von gut fünfzig Jahren an und beschreibt den hypothetischen globalen Verbrauch in einer graphischen Darstellung noch hundert Jahre weiter fort. Zu jenem fernen Zeitpunkt sind die Stoffströme gegenüber heute global um 95 Prozent reduziert. Sicher eine vage, aber durchaus notwendige Vorausschau.

Die Frage ist jedoch, ob die zeitliche Dehnung auf 50 Jahre nicht zu lang ist, um eine globale Halbierung anzustreben. Rechnen wir, daß die "Entwicklungs"-Länder tatsächlich auf das von Schmidt-Bleek zugestandene Wachstumspotential kommen, also die Stoffströme sich dort kurzzeitig mehr als verdoppeln, was im Bereich des Wahrscheinlichen liegt, so bleibt aber auch zu berücksichtigen, daß die Hälfte der heutigen Grundlast global nicht ausreicht, um die Erdgleichgewichte dauerhaft zu wahren. 

 

Zudem wird man fragen müssen, ob die Zuwachsraten der Weltbevölkerung nicht noch mal eine starke Erhöhung der Stoffströme mit sich bringen dürften. Leben 2050 mehr als 10 Milliarden Menschen auf der Erde, wird ein großer Teil der Reduktion von Stoffströmen, wie sie Friedrich Schmidt-Bleek vorschlägt, durch den Menschenzuwachs wieder zunichte gemacht werden, nicht zuletzt, wenn man sich noch mal die Annahme vor Augen hält, alle Menschen bewegen sich auf ein ungefähr gleichartiges Wohlstandsniveau zu. Sollte die Schere zwischen armen und reichen Völkern 2050 noch immer weit auseinander ldaffen, wird selbst dann die Situation noch kompliziert genug sein. 

Vermutlich kommt unsere Katastrophenfahrt so oder so in Gang, und die Frage ist nur, wie lange man braucht, bis alles kippt.

Völlig richtig ist jedoch die Annahme von Schmidt-Bleek, daß der Faktor Zehn nicht mit Verbesserungen an den bestehenden Technologien zu erreichen ist. An erster Stelle steht der Abbau der Technosphäre, die Ökoeffizienz muß über diese mindeste Sicherheitsgrenze hinausführen. 

Wenn ich davon ausgehe, diese Entwicklung sollte in den Grundzügen in etwa drei Jahrzehnten erreicht sein, dann ist klar: Die Politik darf nicht länger im Tiefschlaf verharren. Sie muß klare Startsignale geben. 

Mancher mag einwenden, der hier vorgeschlagene Schnitt sei zu radikal. 

Zukunftsforschung darf sich aber nicht nach der Trägheit richten, in der fast alle Politiker und die Bevölkerungsmehrheit verharren. Sie ist dazu verpflichtet, unbequeme Wahrheiten auch auszusprechen.

 

Die eben geführte Grundlastdiskussion ist natürlich dadurch, daß sie sich auf zwei, drei Parameter beschränkt, höchst abstrakt. Eigentlich müßte das Ganze auf die Vielzahl der Gefährdungs­potentiale aufgegliedert und dann am Schluß wieder zusammengerechnet werden. Daran wird aber auch der verwegenste Rechenmeister scheitern, weil zu viele weiße Flecken unser Wissen zieren. Selbst bei bekannten Gefahren sind die Wechselwirkungen in der gesamten Bilanz sehr schwer erfaßbar. Damit sind unsichere Ausgangsdaten durch die Komplexität der Zusammenhänge die Regel. Gewiß kann man hier jetzt erst mal festhalten, daß in der Studie <Zukunftsfähiges Deutschland> bis 2010 empfohlen wird, Kohlendioxid um 35%, Schwefeldioxid und Ammoniak um 80-90% zu reduzieren. Für 2005 ist des weiteren angegeben, auf synthetischen Stickstoffdünger und Biozide in der Landwirtschaft gänzlich zu verzichten u.a.40

Das sind gewiß wichtige Anhaltspunkte, aber sie können unserem Frontalangriff auf die Grenzen der Naturgleichgewichte nicht ausreichend gerecht werden, so notwendig es ist, zu konkreten Empfehlungen zu kommen.

Klar ist allerdings auch, hier gibt es umfassenden Forschungsbedarf, und eine Enquete-Kommission des Bundestages sollte dazu arbeiten, natürlich auch andere Institutionen oder Einzelpersonen. Mehr Präzision ist insbesondere notwendig, um die materiell-soziale Basis nachhaltiger Gesellschaften konkreter zu bestimmen und nicht wie üblich mit sehr nebulösen Vorstellungen und widersprüchlichen Fakten zu hantieren. Die aussichts­reichsten Vermittler sind dabei wohl konkrete Zukunftsmodelle.

Mit jedem Jahr, in dem der Status quo fortgeschrieben wird, summieren sich die zivilisatorischen Risiken zu immer riskanteren Altlasten. Zieht sich die politische Unbeweglichkeit noch jahrelang hin, könnte am Ende auch ein Faktor Zwanzig oder Faktor Dreißig bei der Materialgrundlast stehen oder gar kein Faktor mehr, sondern nur noch Sodom und Gomorrha. Mit jedem verschenkten Jahr wird diese Perspektive wahrscheinlicher.

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 Marko Ferst - Wege zur ökologischen Zeitenwende - Reformalternativen und Visionen für ein zukunftsfähiges Kultursystem -  2002