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21  Neue Lebensformen in ihrer Entwicklungslogik

 

 

 

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Bezogen auf die Gesamtgesellschaft und die Bundespolitik mögen ausgereifte Optionen für eine ökologische Zeitenwende vorläufig nur geringe Chancen haben. Dies darf aber nicht dazu führen, sich auf die bloße Kritik dieses Zustandes und geringfügige Veränderungs­forderungen zu beschränken. Es gilt, eine Vielzahl von Türen zu öffnen, es wenigstens zu versuchen. Manche Tür will erst gesucht sein.

Ein Beispiel dafür sind ökoalternative Siedlungen. Am leichtesten mögen unmittelbar noch autofreie oder autoarme Siedlungen umsetzbar sein, obwohl schon dies schwierig genug ist. Man muß eben mit den Anforderungen rechnen, die so eine untergehende Industriegesellschaft an ihre Insassen stellt. Aber es gilt auch, Weiterreichendes abzustecken. So gibt es gerade in Ostdeutschland viele Gegenden auf dem Lande, wo bereits bebaute, aber vor sich hin gammelnde Flächen Plätze für ökoalternative Lebenssiedlungen abgeben könnten, ohne damit die Landschaft erneut weiter zu zersiedeln. 

Im Kern geht es darum, Menschen, die verstehen, daß unsere heutige Existenzweise ein einziges Todesnetz ist, den Freiraum zur Verfügung zu geben, wenigstens zu versuchen, mit neuen Lebensformen zu experimentieren. Dabei wird es sinnvoll sein, sehr unterschiedliche Varianten zu tolerieren. Wohl ginge es aber auch darum, die Werte des "Seins" über die des "Habens" zu stellen, also um eine sozial­psychologische Veränderung der Gesellschaft. All dies wird nicht im Schnelldurchgang zu gewinnen sein, das braucht Reife und ein gut durchdachtes Herangehen, womöglich mehrere Anläufe.

Für den Wandel der inneren menschlichen Verfassung bietet ein stärker gemeinschaftlich ausgerichtetes Leben in der Regel einen günstigeren Ausgangs­punkt. "Es entsteht der Raum, in dem wir unsere egozentrischen, ichverkrampften, macht- bzw. ohnmachtorientierten Tendenzen, Inszenierungen, Spiele abbauen bzw. erst einmal bewußt wahrnehmen und im günstigsten Fall durch rituelle Formen geschützt behandeln können", schreibt Rudolf Bahro.159)

 

Der Mensch ist die längste Zeit seiner Existenz an Kleingruppen gebunden gewesen. Die Familie als ein Produkt, das unmittelbar mit der Entstehung des Patriarchats verknüpft ist und gegenwärtig als kleinste systemerhaltende Zelle der kapitalistischen Kultur, als Festung für das patriarchale Ego dient, bedarf zumindest einer Öffnung nach außen. Für die Daseinsweise des Menschen spielt der Kontrast zwischen der anonymen Massengesellschaft und der auf sich verwiesenen Kleinfamilie eine problematische Rolle. Seelische Konflikte und Fehlentwicklungen des Verhaltens begünstigt das.

Gemeinschaftliches Leben, wie es hier gemeint ist, bedeutet einen freiwilligen Zusammenschluß mehrerer Personen zu einer lockeren Wohn- und Wirt­schafts­gemein­schaft, die der Isolierung des Einzelnen in den herkömmlichen Existenzformen begegnen will. 


Die emotionale wie tätigkeitsbezogene Überlastung der Kleinfamilie soll entschärft werden. Die Kindererziehung durch einen größeren Kreis von Bezugs­personen vermindert die übermäßige Inanspruchnahme, mit der die Eltern konfrontiert sind, insbesondere die Mutter. Das patriarchale geschlechtliche Arbeits­teilungsmuster kann effektiver aufgehoben werden. Etwa die stark frauenbezogene Erziehung läßt sich besser abbauen.

Rein praktisch ist zwischen mehreren Familien unproblematisch ein kommunitäres Band knüpfbar. Ziemlich schnell bekommt man und frau dabei aber wieder Brüche hinein. Nicht zuletzt bringt die teils erforderliche Geschäftigkeit in der heutigen Zeit schnell Spannungen auf, aber auch unterschiedliche Wertvorstellungen etc. können dafür sorgen. Die Freiheit des einzelnen darf aber die Freiheit der anderen nicht in Frage stellen

Sehr schnell kann Gemeinschaft zur nervenaufreibenden Angelegenheit geraten, im Streitgeflecht kollektiver und individueller Interessen. Zu starke soziale Kontrolle und die Selbstaufgabe des einzelnen sollten keine wünschenswerten Ergebnisse sein. Schnell bilden sich auch unproduktive Rangordnungen heraus, selbst wenn es ausdrücklich nicht gewollt ist.

In einer zukünftigen Gesellschaft sind jedoch sehr unterschiedliche Formen von Kommuneleben denkbar, so auch neue Formen des Zusammenlebens in der Nachbarschaft, im Freundeskreis, die vermutlich eine stärkere Anziehungskraft haben, weil die Bindungsmöglichkeiten flexibler sind als festergefügte Modi des Beisammenseins. Nicht zuletzt spiegelt die starke Zunahme an Singlehaushalten einen Trend wider, der darauf hinweist, daß ein selbstbestimmtes Leben auch große Freiräume braucht, die andere Formen des Zusammenlebens sehr schnell einschränken. 

Gemeinschaftsleben kann Menschen nicht aufgedrängt oder gar von irgendwem verordnet werden. Es wird angebracht sein, Gemeinschaft so zu gestalten, wie es den gegenwärtigen und projektgebundenen Lebensnotwendigkeiten entspricht. In verschiedenen Phasen eines gesellschaftlichen Wandels kann es angemessen sein, die strukturellen Beziehungen der Gemeinschaft zu verändern. 

Momentan scheint es mir nicht primär darauf anzukommen, daß möglichst viel Materielles aufgebaut wird. Die Ausgangsbedingungen dafür sind insbesondere durch die Bodenpreise wenig günstig. Selbst ansatzweise wirtschaftliche Autarkie für ökologisch verantwortbares Arbeiten läßt sich ebenfalls nur schwer umsetzen. 

Der Schwerpunkt dürfte mehr auf der Selbstveränderung liegen. Jedoch zeichnet sich die Möglichkeit ab, die materiellen Hürden könnten künftig niedriger ausfallen. Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf hatte 1991 in einer Vorlesung in der Humboldt-Universität zu Berlin definitiv zugesagt, die Start­bedingungen für kommunitäre Alternativen aus Staatsmitteln zu stützen.160) 

Rudolf Bahro, der ihn in seine Vorlesungsreihe eingeladen hatte, insistierte auf diese Fragestellung hin in der anschließenden Diskussion. So entstand daraufhin der Text von Bahro <Über kommunitäre Subsistenzwirtschaft und ihre Startbedingungen in den neuen Bundesländern>, und es kam dann vom 12. bis zum 14.6.92 das Treffen "Neue Lebensformen" auf dem Hof Frohberg bei Schönnewitz* zustande, wo Staatssekretär Hermann Kroll-Schlüter sich dem Anliegen widmete. 

*  (d-2013:)  gutfrohberg.de      wikipedia  Kroll-Schlüter  *1939     spiegel bericht 1992 

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Aus dieser Initiative entwickelte sich das Lebensgut Pommritz. Inzwischen existieren dort ein eigenes Bildungszentrum, eine Bäckerei, eine Käserei, und auch ökologischer Landbau wird betrieben. Dabei ist es gewiß kein konfliktfreier Raum. 

In Schöneiche, am östlichen Rand von Berlin, entstand nach der Einheit Deutschlands die ökologische Siedlung <Landhof>. Die Berliner Zeitung titelte: "Kompost-Klo und grüne Dächer". Hier wurde das Problem Wohnungsnot mit ökologischem Bauen verbunden. Die finanzielle Situation aller beteiligten Familien war ungünstig, daran konnte auch das Kommunal­parlament nicht vorbei. Die Kirche stiftete das Land in Erbpacht. Später kamen Fördermittel vom Bundes­bauministerium dazu.161)

Die Initiative zur Gemeinschaftsbildung in verschiedenen Formen sollte auf jeden Fall auch an vielen anderen Orten Schule machen. Die konkreten Ergebnisse werden aufscheinen lassen, wieviel Illusion dem anhaftet und wo sich Substanz entfaltet. Die angestrebte Variante, die in dem Papier zu den Startbedingungen aufgezeigt ist, die kommunitäre Praxis mit Hilfe staatlicher Aufwendungen für Land, Gebäude und Arbeitsmittel unter Gewährung von ABM-Stellen umzusetzen, wirft aber Fragen auf. 

Festzuhalten gilt:  

Nicht zuletzt das Beispiel Pommritz zeigt, es gibt eventuell weiterführende Wege. Dafür lohnt es sich, konkretere Überlegungen vorzunehmen, als Angebot an eine Politik, die den Versuch wagen will, zeitgemäße Wegmarkierungen mit zu setzen. Für den Normalverdiener ist es jedoch schwer, überhaupt erst den Grund und Boden zu bezahlen, den man und frau für eine Wohngelegenheit in ländlicher Gegend braucht, selbst wenn die Preise dort tiefer liegen als im städtischen Raum. So wäre es denkbar, daß hier staatliche Instanzen den Engpaß überbrücken, indem sie die Anlage ökologischer Kommunesiedlungen fördern. Jedoch darf das nicht zu einer weiteren großräumigen Zersiedlung der Landschaft führen. 

Darüber hinaus muß gewährleistet sein, die Möglichkeiten dieses alternativen Ansatzes für jeden und jede zugänglich zu machen und nicht nur für Vorzeigeprojekte. Dieser Schritt wäre als Nächstes zu vollziehen. 

Wie soll nun aber die Förderung jener Siedlungen aussehen? 

Das jeweilige Bundesland könnte dafür bestimmte geeignete Gebiete ausmachen und zum Verkauf bieten, sagen wir, zu einem Solidarpreis von zehn Prozent des gegenwärtigen Marktwertes. Jeder volljährigen Person würden in diesem Rahmen bis zu 500 m2 Boden zustehen. In Verbindung damit kann zusätzlich vorhandene Bausubstanz verkauft werden, so sich dies als zweckmäßig erweist. Über Sonderkredite mit günstigen staatlichen Konditionen sollte ökologisches Bauen oder Sanieren gefördert werden.

An diesen Kauf knüpfen sich aber Bedingungen auf beiden Seiten. Stünde etwa ein erneuter Verkauf an, so besitzt der Staat Eingriffsrechte, damit auch hier der Solidarpreis gewährt bleibt. Der Verkaufsvertrag verpflichtet die neuen Besitzer, kein motorisiertes Fahrzeug zu halten. Wenn es innerhalb einer größeren Menschengruppe sinnvoll erscheint, sich einen Wagen zu leisten, so würde dieser mit einer jährlichen Zusatzsteuer belegt.

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Außerdem müßte es ein Stromverbrauchslimit geben. Wird dieses überschritten, erfolgt eine exponentielle Zusatzbesteuerung pro mehr verbrauchter Kilowatt­stunde. Die Höhe sollte so bemessen sein, daß sich der Verbraucher von vornherein darum bemüht, diese Besteuerung zu vermeiden. Über weitere oder abgewandelte Regelungen lohnt es sich nachzudenken. Wie das rechtlich gestaltet werden kann, muß man natürlich austarieren. Insgesamt sollten die Regelungen so geformt sein, daß für den konsumorientierten Bürger dieses Angebot an Bauland völlig unakzeptabel erscheint. Es muß aber Raum bleiben für die Kreativität der Bewohner.

Von Seiten staatlicher Instanzen ergibt sich die Verpflichtung, einen effektiven Anschluß an Nahverkehrsmittel sicherzustellen. Etwaige Vorschriften, die eine effektive ökologische Gestaltung der Kommunesiedlungen behindern, müßten so weit wie möglich unwirksam gemacht werden. Zum Beispiel wird eine dezentrale Pflanzenkläranlage oft die bessere Bilanz zeitigen als der Anschlußzwang an eine Großkläranlage. Im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten sollten ökologisch orientierte Arbeitsplätze geschaffen werden, sofern die scheinökologische Hürde wenigstens in Ansätzen überwunden werden kann.

Über die bisherigen Regelungen hinaus gäbe es auch tragende Wertevorstellungen. Sie sind keine Verpflichtung, aber wünschenswerte Prinzipien. Das betrifft den Wandel der menschlichen Bewußtseinsverfassung, den Abbau habenbestimmter Tendenzen im Menschen und einer mehr gemeinschaftlich orientierten Lebensweise gegenüber Abkapselung in der Kleinfamilie. Dazu gehört außerdem Sparsamkeit im Sinne ökologischen Schutzes. Sicher verbleibt zwischen den sofort realisierbaren Maßnahmen und fundamentalökologischer Notwendigkeit eine beträchtliche Differenz. Solange die ganze übrige Gesellschaft sich selbstmörderisch organisiert, sind solche Erfordernisse aber auch in den gesellschaftlichen Zwischenräumen nur begrenzt umsetzbar.

Wichtig ist, daß ökologische Kommunesiedlungen nicht von der Gunst der jeweils Regierenden in ihren Existenzbedingungen abhängen. Das wäre völlig unakzeptabel. Auch ohne aufmerksam hinzusehen, kann man feststellen, wieviel Kleingeisterei an manchen Orten das politische Klima in Deutschland bestimmt. Diese Siedlungen müssen also vor subtiler Repression seitens des Staates sicher rechtlich geschützt werden. Regierungen wechseln eben auch mal, und was die eine Partei für zukunftsweisend erkannt hat, muß bei einer anderen noch lange nicht angekommen sein.

Aufbauend auf der Idee ökologischer Lebensstandorte stünde natürlich auch die Frage nach einem sozialökologischen Wirtschaftssektor und dabei eingeschlossen die nach ökologischem Landbau, der einen solchen Namen auch verdient. Dieser Sektor wird sich stark auf Bedürfnisse der umliegenden Region orientieren. Er bedarf eines anderen inneren Maßes als der heutige Turbokapitalismus und wird sich in vielen Fällen nicht nach dem Diktat des gegenwärtigen Marktes rechnen. Rechnen muß er aber wohl mit den Eckdaten der Material- und Energiereduktion, die eine zukunftsfähige Weltordnung verlangt. Der Stoffdurchsatz muß allmählich auf unter ein Zehntel sinken. 

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Eine ganze Technikentwicklung, die seit dem späten Mittelalter mehr und mehr ausgefallen ist und durch die weltumspannende Massenproduktion endgültig abgewürgt wurde, wäre mit dem Horizont des heutigen Wissens neu zu entwerfen. Die sozialökologische Regionalwirtschaft könnte teilweise durch einen öffentlichen Beschäftigungssektor gefördert werden. In anderen Fällen genügt eine Anschubfinanzierung. Die günstigsten Varianten muß man von Projekt zu Projekt abwägen und gegebenenfalls korrigieren. 

Um durch die Begrenzung der Energienutzung alternative Produktion nicht zu erschweren, wäre denkbar, daß man davon ausgeht: Sobald eine der erwerbs­fähigen Personen nicht mehr konventionell arbeitstätig ist oder bei mehreren keine Vollbeschäftigung vorliegt, fällt diese Begrenzung weg. Auf diese Weise kann man zunächst unmittelbare Subsistenzproduktion der Gefährdung entziehen. Für weitergefaßte Regionalwirtschaft muß es dann Sonder­regelungen geben. Diese kann man nicht zum häuslichen Bereich addieren.

Das alles sind natürlich nur behelfsmäßige Konstruktionen für die heutigen Umstände, und es steht immer die Frage, ob einem intelligentere Verfahrensweisen einfallen. Praktisch muß es darum gehen, so wenig wie möglich bürokratische Aufwände zu erzeugen, jedenfalls nur soviel, daß Mißbräuche abgewendet werden. Die aufgeführten Regularien machen selbstverständlich nur Sinn, wenn daraus strategische Politik wird, die Sache im großen Rahmen gedacht wird, denn es ist wenig zweckmäßig, drei einzelne Ökobauern auf ihren Stromverbrauch hin zu überprüfen etc.

Alle Ideen, die über ökoalternatives Wohnen hinausgehen, sind natürlich einstweilen nur im Schutz geförderter Maßnahmen oder auf Kosten der eigenen sozialen Substanz umsetzbar, oder andere günstige Konstellationen kommen vorteilhaft hinzu. Das ist ganz klar. Eine Politik der ökologischen Zeitenwende heißt aber: Brücken bauen ans andere Ufer. Da kann der eine oder andere Pfeiler vorab schon mal ganz nützlich sein.

Was sich hier zunächst unter den Stichworten "ökoalternative Siedlungen" und "sozialökologische Regionalwirtschaft" nur als ein zweiter Weg neben dem zentralen von solarer Energiewende, dem ökologischen Umbau des Steuersystems und der grünen Effizienzrevolution etc. andeutet, würde in einem fort­geschrittenen Stadium der ökogesellschaftlichen Transformation zu einem zentralen Segment heranwachsen müssen. Die gesamte Infrastruktur der Industrie­gesellschaft wäre auf die Erfordernisse der ökotopianischen Zukunftsgesellschaft zuzuschneiden und in vielen Teilen rückzubauen. 

Wir werden mit einem Bruchteil an großindustrieller Produktion gegenüber heute auskommen müssen, wenngleich sie dort, wo sie sinnvoll ist, den neuen Gegebenheiten gemäß weiterentwickelt werden muß. Das Lebensgut Pommritz*, die Kommune Niederkaufungen* oder der Lebensgarten Steyerberg etc. aus den je unterschiedlichen Erfahrungen, die dort gewonnen wurden, kann man auch für den Fortgang auf der politischen Ebene Schlüsse ziehen.

Verwiesen sei hier auch auf Karl-Heinz Meyer, der in seinem Buch <Zukunftswerkstatt Gemeinschaftsprojekte> versucht hat, einen Überblick über ökologisch-alternative Kommunen zu erarbeiten. Einen recht analogen Anspruch hat Ulrich Grober in seinem Buch <Ausstieg in die Zukunft: Eine Reise zu den Ökosiedlungen, Energiewerkstätten und Denkfabriken> umgesetzt.*

*  (d-2013:)   wikipedia / LebensGut     kommune-niederkaufungen.de      U.Grober bei Detopia  

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Des weiteren zu empfehlen ist das <Kommunebuch>. Dort werden u.a. die Alltagerfahrungen in Gemeinschaftsprojekten ausführlich beschrieben. Zu guter Letzt sei noch auf den Band <Apokalypse oder Geist einer neuen Zeit> von Rudolf Bahro u.a. aufmerksam gemacht. Er enthält auch Texte, die im Zusammen­hang mit dem Lebensgut Pommritz entstanden sind. 

 

In Mecklenburg-Vorpommern etablierte z.B. die rot-rote Koalition auf Initiative der PDS einen öffentlich geförderten Beschäftigungssektor. Dieser würde sich auch für die Förderung eines sozialökologischen Wirtschaftsektors eignen. Das setzt natürlich voraus, man ist sich über den grundlegenden Unterschied zwischen herkömmlichen Umweltschutz und dauerhafter Bewahrung der Weltökologie im klaren. Dennoch dürfte der Weg vom Wort bis zur Praxis ein langer sein. Ob überhaupt solche Optionen eine Rolle spielen, wird davon abhängen, wie weit die politischen Akteure diese Idee aus sich selbst heraus weiter vorantreiben.

Zu erfolgreichem Vorgehen gehört sicherlich auch die Resonanz aus der Bevölkerung, von Menschen, die Interesse an einer ökoalternativen Neuorientierung haben. Das setzt auf der anderen Seite auch eine öffentlichkeitswirksame Publizität der Regierung voraus. Wenn man von den hier angedeuteten Möglichkeiten nur aus irgendwelchen Amtsblättern erfährt, die dem Normalsterblichen nur durch Zufall in die Hände geraten können, wird das sicherlich nicht gelingen. 

Gewiß, ohne eine gründliche Vorarbeit kann die Idee nicht praktisch werden, aber wo ein Wille ist, könnte auch ein Weg sein. Gelänge es, in irgendeinem Bundesland ökoalternative Lebensplätze zu schaffen, und das auf eine Weise, die ausstrahlende Wirkung erlangt, so könnten diese Initiative bald auch andere Länder übernehmen, in denen die Grünen oder die PDS mit in der Regierung sitzen, wenngleich man in der Vergangenheit sehen konnte, in Sachsen wurde der erste zögerliche Schritt getan. Die Farbenlehre ist also so sicher nicht, es kommt immer auf einzelne Menschen an, die bereit sind, etwas weiter zu denken.

 

Wechseln wir die Perspektive und nehmen wir einen längerfristig orientierten Zeithorizont in Augenschein, dann sollte auch über größer angelegte Experimente nachgedacht werden, die auf internationaler Kooperation gründen. Es ginge darum, eine ganze Region modellhaft unter allen realisierbaren sozialen, geistigen und technischen Bedingungen zu gestalten, die eine ökotopianische Ordnung abverlangen würde. Sicher kann man viele Rahmen­bedingungen nur schwer künstlich herstellen. Dieses Experiment wäre natürlich auch ein Forschungs­gegenstand allererster Güte, insofern man hier wichtige Erkenntnisse für die in Teilen vorweg­genommene Neugestaltung der Gesellschaft sammeln könnte. 

Dies gilt wohl auch gerade dann, wenn der Mensch mit seinem zivilisatorischen Ballast die Kurve nicht mehr bekommt und Stück um Stück seine Lebens­grund­lagen verliert. Dünn besiedelte Gebiete etwa in Rußland, wo man nicht allzusehr mit bestehenden Besitzständen zu kämpfen hat und zudem viele technische Errungenschaften noch nicht als Standard gelten, könnten recht günstige Ausgangsbedingungen für das skizzierte Megaexperiment abgeben. 

Ohne jahrelange Vorbereitung und eine sehr umfassende Stützung, unter anderem auch finanzieller und forschungspolitischer Art, ist so etwas natürlich eine völlige Illusion. 

Für den Flug zum Mond oder die Erfindung der Atombombe wurden in der Vergangenheit gigantische Kapazitäten eingespannt. Um diese Größenordnung geht es, allerdings mit dem Unterschied, wir müßten uns verabschieden von den geistigen Haltungen, die dabei als erobernd-aggressiver Impuls Pate standen.

In einem solchen Zusammenhang kann es dann auch nicht mehr um ein kleines Institut gehen, das ökologische Zukunftsforschung betreibt. Da ist dann ein ganz anderer Rahmen, ein ganz anderes Ausmaß an Forschungskapazität gefragt. Sicher muß das logistische und gesellschaftstheoretische Ambiente tiefgründiger ausgelotet werden, wie etwa in den Sozialutopien von Robert Havemann* in seinem Buch <Morgen> oder Ernest Callenbach* in <Ökotopia>.

Manches wird man verwerfen, manches in eine neue Synthese bringen müssen. Auch meine eigenen Überlegungen gehören auf den Prüfstand. Vieles andere wird mit auf die Waagschale zu legen sein, wo bereits jetzt schon weiter gedacht worden ist. Aber man sollte sich diese Denkprovokation einfach leisten. Der übliche Opportunismus in der Naturfrage hilft uns jedenfalls nicht weiter. Er bürgt nur für die Sicherheit unseres tragischen Untergangs.

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