Vorwort zur 1. Auflage 1954 

Vorwort 1957   Einleitung 

Es klingt wunderbar,  aber ich billige alles, was ich lese. 
Denn ich weiß wohl, wie verschieden  die Dinge gefaßt werden können. 
==> Leibniz

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Eine eindringliche Mahnung soll dieses Buch sein, aber keine Anklage. Wer dürfte auch Kläger sein, wenn die Sünden hundert und Hunderte von Jahren zurück­liegen und wenn sie als solche zum Teil selbst heute noch nicht erkannt wurden; ja, wenn solche Fehlleistungen in der Entwicklung des Menschen geradezu gefordert erscheinen. Denn immer noch ist für den unzulänglichen Menschen der Umweg oft der kürzeste Weg, um das Ziel zu erreichen.

Prometheus — der Erfinder — wurde zum Vergewaltiger; der Wohltäter zur Geißel, der Aufbauer zum Vernichter; so lief der Optimist Gefahr, zum Nihilisten zu werden. Also keine Anklagen — nur Feststellungen. Und dennoch wird diese Darstellung bisweilen zur Kampfschrift werden, in der nicht mit der Klarinette geblasen wird, wenn es nötig erscheint, in die Posaune zu stoßen.

Leben ist Einwirken auf die Umwelt. Diese zu ändern, ist der Zwang, dem jeder Organismus unterliegt. Und die Rückwirkung des veränderten Milieus auf den Gleich­gewichts­störer kann nicht ausbleiben. Sie kann Förderung und Hemmung dieses Lebewesens bedeuten. Dies gilt für alle Organismen, für den Menschen ebenso wie für Bakterien. Der Hexenring zeigt uns, wie ein Pilz gezwungen ist, immer wieder dem Boden auszuweichen, den er sich selbst verdorben hat. So muß der Ring sich immer weiter dehnen. Auch beim Menschen kommt es zu solchen Hexenringen.

Man muß die Menschen zur Angst aufrufen, damit sie etwas zu ihrer und ihres Planeten Rettung tun. Immer dramatischer und bedrohlicher gestaltet sich die Entwicklung der Menschheit, ebenso wie auch die Umbildung ihres Wohnsitzes. Schon wird die Katastrophe sichtbar und läßt erschrecken über die Eile, mit der sie sich nähert. Wer gestern die Gefahr noch stark übertrieben hat, dem muß man morgen schon recht geben.

Nun steht der Mensch betroffen. Wie konnte es kommen, daß die Natur sich auflehnt gegen ihn, die so geduldige Natur, die jede Vergewaltigung und Mißhandlung bisher willig hinzunehmen schien? Auf der ganzen Bühne der Menschheit wird plötzlich offenbar, daß ein Egoist, eine Gewaltnatur, vor allem aber ein Unfähiger sich angemaßt hat, die Welt zu verbessern mit einer Engstirnigkeit, die zur Vernichtung seiner eigenen Heimstätte und rückwirkend zu seinem eigenen Untergang führen muß.

Der Mensch als Korrektor der göttlichen Natur? Überall hat er eingegriffen, um die Natur zum Zinsen zu zwingen. Gefragt wurde sie nicht. So hatte sie auch nicht zu antworten. Sie hatte dem Menschen zu fronen; dafür war sie geschaffen. Und nun bricht der Aufstand der versklavten Umwelt los.

Man braucht nur das Schicksal der Natur und die denaturierende Rückwirkung auf den Menschen abzuschreiben, und man kommt zu einem gewaltigen Drama, das mit dem Mißbrauch der Naturkräfte beginnt, sich steigert mit dem, was heute schon der Mensch aus sich gemacht hat und durch das veränderte Milieu aus sich hat machen lassen und das schließlich seinen Abschluß findet in dem Schicksal, in das unsere Enkel hineinlaufen.

Aber die Schilderung dieses Dramas soll uns nicht als Verzweifelte vor den Abgrund führen, sie soll die, welche eine Sendung in sich fühlen, aufrufen zur Besinnung, die zu einer Umprägung des Menschen führt und zur rettenden Tat. Wenn es mir gelungen sein sollte, in diesem Buch schwerwiegende Probleme, die heute die ganze zivilisierte Welt angehen, eindringlich an den Leser heran­zubringen, so ist sein Zweck erfüllt. 

Nicht um die Lösung all dieser Fragen geht es hier, sondern um das Aufzeigen der Problematik unserer Zeit. Und nicht, wie man über die Einzelfragen denken muß, soll hier dargetan werden, sondern wie man darüber denken kann.

Die Überfülle der behandelten Probleme muß mich für meine Ausführungen Leser wünschen lassen, die dem obenzitierten Ausspruch von Leibniz nicht zu ferne stehen. 

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Vorwort zur 2. Auflage 1957 und 3. Auflage 1960

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Die zweite Auflage mußte erhebliche Änderungen und Erweiterungen erfahren. Habe ich bisweilen in der ersten Auflage gefürchtet, etwas zu düstere Farben aufgetragen zu haben, so mußte ich schon nach einem halben Jahr erkennen, daß ich oft zu ängstlich war. Manche Zahlen — in der ersten Auflage schon erschreckend und aufrüttelnd genug — mußten im Sinne einer Steigerung zum Katastrophalen geändert werden. 

Manche Erfahrung, die uns in der letzten Zeit nicht erspart blieb, schien beachtenswert genug, um hier eingeschoben zu werden. Der rastlose Mensch ruht nicht, immer Neues zu ersinnen, nicht nur um seine Gesundheit zu fördern, sondern auch um sie zu untergraben. Auch hier waren Ergänzungen nötig, obwohl ich mir in dieser Hinsicht starke Zurückhaltung auferlegte und nur wirklich imponierenden Unfug für würdig hielt, erwähnt zu werden.

Mancher wird sich gegen die Vorstellung einer Welt, wie sie hier dargestellt ist und dargestellt werden mußte, zu schützen versuchen, er wird einiges als über­trieben bezeichnen und vor allem, er wird die für die Zukunft gezogenen Folgerungen ablehnen. 

Für solche gibt es eine gute Medizin. Sie mögen sich in das Jahr 1930 zurückversetzt denken — also nur um 26 Jahre. Wäre ihnen damals ein Buch unter die Hände gekommen, in dem die heutigen Zustände geschildert wurden, diese Welt der Maschine und des Motors, des Lärms auf der Straße und in der Luft, des Gestankes, der giftigen Gase und der Vergiftung aller Lebensbereiche — der Leser hätte darin nicht nur eine törichte Übertreibung, sondern den Ausfluß einer zügellosen Phantasie gesehen.

Auf der anderen Seite aber und trotz allem bekenne ich freudig, daß mich manches Geschehen und Erleben der letzten Zeit in meinem Vertrauen in die Entwicklung der Menschheit bestärkt hat. Dazu zählt vor allem dies, daß allenthalben die Industrie mit Ernst am Werk ist, um die von ihr geschaffene tote Welt mit einem lebendigen Ethos zu erfüllen.

Mancherlei Anregungen und Korrekturen, die ich in der zweiten Auflage verwertet habe, verdanke ich Zuschriften von Lesern.*

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Einleitung 

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Mit dem Jahre 1914 versank eine Welt der oberflächlichen Ruhe und Stabilität. An ihre Stelle traten Unrast, Umwertung, Gärung, Explosions­bereitschaft und oft geradezu chaotisches Werden und Vergehen. Die Inkubationszeit einer überstürzt entwickelten Technik und Zivilisation war vorbei. Die Krankheit kam zum Ausbruch und begann nun die infizierten Völker in heftigsten Fieberanfällen zu schütteln. Oswald Spengler deutete die Zeichen als Abschluß, Untergang und Tod. Sein starker Pessimismus ließ nur Wegweiser gelten, die in den Abgrund wiesen.

Vom anderen Ufer aber hören wir Nietzsche, der »eine gesunde freie Zukunft« kündet, wenn man nur »die Griesgrämigen und Pessimisten zum Aussterben bringt«. So gibt der Genius jedem der beiden ein anderes Gesicht von der Zukunft. Je nach Veranlagung, Geisteshaltung und Temperament wird man dem einen oder dem anderen zuzustimmen geneigt sein. Doch hat man sich darüber klar zu sein, daß es sich hier immer um eine gefühlsmäßige Entscheidung handelt, nicht um ein durch Wissen unterlegtes Urteil.

Welcher Arzt vermöchte auch den Ausgang einer komplizierten Krankheit, die er und seine Kollegen nur aus den Annalen kennen, mit Sicherheit voraus­zusagen? Hier aber handelt es sich um einen krankhaften Prozeß mit einem solchen Reichtum an Komplikationen, daß er für den einzelnen niemals überschaubar sein wird. Jedes Urteil über den Ausgang, woher es auch kommt, wird unbeweisbar bleiben und muß sich der Gefahr der Einseitigkeit stets bewußt sein.

Um den Geist einer Epoche zu erfassen, muß man ihn in möglichst vielen seiner Äußerungen kennenlernen. Und nicht nur dies: Um das Heute zu verstehen, muß man wissen, wie es sich um das Gestern verhielt, und wie dieses zu jenem hinüberführte. Nicht das Sein, sondern das Werden gibt uns die Schlüssel zum Verständnis. So drängt unsere Erkenntnis häufig zur Historie, ohne die uns diese unendlich vielgestaltige, reich facettierte, tausendfältig schimmernde, kaleidoskopische Welt unfaßbar und allen Gesetzen entbunden zu sein scheint. Man erinnert sich dabei an Jakob Burckhardt: Nicht klug zu werden für ein andermal, sondern weise zu werden für immer — darin liegt der Lohn des Geschichtsstudiums.

Zwei Emanationen des menschlichen Geistes treten uns entgegen, klar voneinander zu unterscheiden, ja geradezu Antipoden und dennoch aufs innigste miteinander verknüpft und einander ständig beeinflussend: Kultur und Zivilisation. Beiden muß nachgegangen werden, wenn man hoffen will, wenigstens andeutungs­weise die Richtung zu erkennen, in der die Menschheit heute dahinzieht, und was man von diesem Marsch zu halten hat.

Es liegt in der Natur der behandelten Materie, daß der erste Teil des Buches die präziseste Darstellung erfahren konnte. Hier handelt es sich um die Einwirkung des Faktors Mensch auf die verschiedenen Ausschnitte der Natur. Im zweiten Teil dagegen muß dem Einfluß außerordentlich schwer überschaubarer Ursachen-Komplexe auf den Menschen nachgegangen werden, wobei durch die vielfältige Resonanzmöglichkeit des Menschen eine weitere Komplikation eintritt. 

Infolgedessen werden sich da und dort in diesem Abschnitt subjektive Auffassungen stärker hervordrängen als im ersten. So mag es auch entschuldbar sein, wenn öfter als wirksamer Faktor der Sammelbegriff Zivilisation gesetzt wurde und gesetzt werden mußte, wo lebhaftes Interesse bestünde, die wirkenden Einzel­ursachen zu kennen. 

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