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Teil 1:  Der Mensch ändert seinen Lebensraum 

 

 

    Pseudokultur  

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Alle hier zu behandelnden Probleme münden schließlich aus in die Frage, wie sich der menschliche Geist mit ihnen auseinandersetzt, und welcher Art die Umprägung ist, die er dadurch erfährt. Das letzte Anliegen dieses Buches gilt somit der Kultur.

Was ist Kultur, was ist Zivilisation? Kultur ist die Art, die Welt zu erleben. Kultur heißt Streben nach Hinaufentwicklung, heißt Steigerung aller geistigen Fähigkeiten, ist edelster Kult an der Seele, ist Dienst an dem Gott in uns. Zivilisation dagegen ist Streben nach Beherrschung der Umwelt ohne Rücksicht darauf, ob dies geistige Förderung bedeutet oder nicht. Mikroskop und Röntgenapparat zählen ebensogut dazu wie Höllenmaschinen und Giftgas. Zivilisation ist Zweckmäßigkeit.

Kultur kommt wesentlich vom Gefühl her, Zivilisation ist ein Kind des Intellekts. Kultur charakterisiert das Geistesleben eines Volkes, Zivilisation verwischt es. Denn Kultur ist völkisch bedingt. Je mehr sie sich der Vervollkommnung nähert, desto mehr allerdings wird sie die Eigenfärbung des völkischen Geistes verlieren und einen allgemein menschlichen — nicht internationalen — Zug tragen. Die Zivilisation dagegen ist von Anfang an, soweit sie auf gleicher Stufe steht, gleichartig über die ganze Erde hin. Sie ist käuflich. Sie ist charakterlos, ethisch indifferent. Sie gründet immer auf materiellem Substrat.

Kultur ist Steigerung der Geistigkeit, die nach weiterer Vervollkommnung drängt. Hier entscheidet nicht das nach außen projizierte Können, sondern lediglich das innere Streben. Weshalb denn auch ein ursprüngliches Volk mehr Kultur haben kann als ein »hochstehendes«, das aber mit der Zeit gefühlslahm wurde und infolgedessen verharrt.

Kultur ist nicht ein Zustand, sondern das Streben nach einem höheren Zustand. Und dieses Streben muß einem Ziele gelten, das immer bereit ist, sich höher hinauf zu entwickeln und sich so der Erreichbarkeit zu entwinden, einem Ziele, das stets zu neuen Anstrengungen auffordert.


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Man darf allerdings nicht übersehen, daß es eine Sphäre gibt, in der eine scharfe Trennung von kulturellen und zivilisatorischen Bestandteilen dem Wesen der Dinge Gewalt antun würde. In dem, was man als hohe Lebensführung bezeichnen könnte, liegt vielfach eine so innige Verflechtung vor, daß man hier sehr wohl von einer kultivierten Zivilisation sprechen darf. Daß aber zum Beispiel das Badezimmer nichts mit Kultur zu tun hat, lehrt uns bereits die mikroskopisch kleine Waschschüssel in Goethes Schlafzimmer in Weimar.

Wo nun liegt die Gefahr der Zivilisation? Ist sie wirklich Antipode und Vernichter der Kultur? Und weiter, muß sie dieses sein? Muß sie dazu führen, daß der Mensch die Natur und sich selbst bis zu seiner eigenen Vernichtung denaturiert?

 

Jedes Werkzeug, auch das primitivste, ist ein Mittel, um die Umwelt besser zu meistern, und ist somit immer Ausdruck der Zivilisation. Aber auch heute noch neigt man dazu, die ersten Werkzeuge nicht der Zivilisation, sondern der Kultur zuzuschreiben. So sehr sieht man in ihnen nur das fördernde und vor allem das kulturfördernde Element, und so wenig wird man gewahr, daß grundsätzlich hier schon das Problem nicht nur der Zivilisation, sondern auch schon des Zivilisationsschadens einzusetzen beginnt. Man denke nur an den Pflug. Dieses reine Nützlichkeitsinstrument gilt, sehr zu unrecht, geradezu als Exponent kulturellen Schaffens. Man muß die Reihenfolge umdrehen: Nicht die Kultur hat den Pflug geschaffen, sondern der Pflug ermöglichte die Seßhaftigkeit, und diese wieder förderte des Menschen Besinnlichkeit und die Möglichkeit kulturellen Strebens. Somit kann Kultur erst auf dem Boden der Zivilisation gedeihen — wenigstens in unserem Klima.

Gewaltig ist die Macht, die die gesteigerte Zivilisation über die Seele des Menschen gewonnen hat. Die vor hundert Jahren einsetzende überstürzte Entwicklung der Technik führte zu einer Nutznießung der zivilisatorischen Errungenschaften ohne geistige Inbesitznahme. Mit der Technik wurde der Mensch stärker dem Materiellen verhaftet, er wurde unmagischer. Aber immer bleibt die Frage offen: Mit der Technik oder durch die Technik? Hatte der unmagischere Mensch besondere Fähigkeiten, die Technik zu fördern, oder hat die Technik erst ihren Schöpfer verwandelt? 

Wohl ist es so: Die Werke der Technik geben dem Menschen eine unheilvolle Kompliziertheit, die nur im Verwickelten und Unnatürlichen besteht, nicht aber in der Vertiefung. Sie machen den Menschen bereit zur Vermassung. Die Zivilisation drängt zur Nützlichkeitsschätzung, und diese verdrängt die Ehrfurcht. Hier liegt die Wurzel der geistigen Erkrankung der gesamten Welt. Alles strebt nach dem Nützlichen. Schon die Kinder in den Schulen werden darauf dressiert. Man vergißt dabei, daß das Nützliche nie das Große und Erhabene ist. Aber auch hier wieder: Ist die Zivilisation Ursache? Muß sie zur Ehrfurchtslosigkeit führen?


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Der Mensch hat die Maschine erdacht. Man muß sich aber empfindlich gemacht haben für das Fließende, nicht scharf Faßbare aller biologischen Vorgänge, die jedem starren Schema, jeder scharfen Grenzziehung spotten, um zu verstehen, wie sehr das Menschenwerk, die Maschine, eine Welt außerhalb der Natur, ja dieser entgegenlaufend, darstellt. Die Maschine ist höchste Präzision bei äußerstem Zwang; sie ist immer ohne Konzession. Die Natur dagegen pocht überall, im Großen wie im Kleinen, auf den »Unbestimmtheitsrand«, und an Stelle des unbarmherzigen Zwanges finden wir Bedingtheiten, die selbst bei den Elektronen von einer Freiheit des Handelns sprechen lassen. Daß der dauernde Umgang mit der Maschine, dieser Inkarnation der Starrheit, des Unnachgiebigen, des Unplastischen, unser Denken, das geradezu das Prinzip des Beeinflußbaren, des Plastischen in höchster Form repräsentiert, gefährden kann, ist nicht abzuleugnen.

Solange wir vor unserer Technik anbetend und staunend niederknien, muß uns dies eine Bestätigung sein, daß die Technik sich zu schnell oder die Ethik sich zu langsam entwickelt hat. Der materialistische Geist hat beides gesteigert: den Eilmarsch der Technik und die Schwunglosigkeit und das gleichgültige Vegetieren ethischer Regungen. Was wird das Ende sein? Untergang der Kultur? Man denkt an Spengler und Hartmut Piper.

Es ist ein bizarrer und zugleich auch ein überheblicher Gedanke, daß die Menschheit Hunderttausende von Jahren gebraucht hat, um kulturfähig zu werden, daß sie aber dann nur eine einzige Kultur, nur eine einzige Frucht zeitigen konnte, um dann wiederum Hunderttausende von Jahren hinzudämmern oder zugrunde zu gehen.

Weltanschauungen werden als Fortschritt geboren, sie werden im Verlauf der Zeit bis in ihre letzten Konsequenzen verfolgt, um schließlich infolge Motiv­schwund immer weniger ergiebig zu sein und daher als langweilig beiseite gelegt zu werden. Mittlerweile aber haben sich schon aus neuen Spannungen neue Gedanken, neue führende Ideen entwickelt, die nach einer Pause des Sichbesinnens und Ruhens zu neuer Explosion treiben. Freilich dürfen wir dabei nicht übersehen, daß heute auf der ganzen Welt düstere Prophezeiungen eines kulturellen und völkischen Untergangs zu hören sind, daß man fürchtet, vom Tag her zu kommen und in die Nacht hineinzulaufen. Man glaubt zu spüren, daß die Kultur zu versickern beginnt und das Ende sich vorbereitet. Kurz, die ganze Welt, Europa, Amerika, Asien, Sieger wie Besiegte, sie alle sind heute schicksalverbunden. Alle leiden an der Zivilisation — wohl ihnen, daß sie leiden —, und viele von ihnen glauben, daß das Ende schicksalhaft mit kultureller Hochleistung verbunden sei. Man denkt an Hegels Ausspruch: Erst in der Dämmerung beginnt der Vogel der Minerva seinen Flug.


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Kulturelle Hochleistung!? Hochleistung in einer völlig atonal gewordenen Welt? In dieser Welt, die zerrissen ist und mißtönig, feindlich jedem Zusammenklang. Die moderne Musik spielt dazu auf. Auch bei ihr kann niemand unterscheiden, ob falsch gespielt wird oder ob es so gemeint ist. Denn in der modernen Musik wie auch in unserem Leben ist es meist so gemeint, nämlich: mißtönig und gemütsleer.

Wie ist es? Hat die Vergangenheit ihre in die Zukunft weisende Kraft so sehr eingebüßt, daß ein logischer Zusammenhang so schwer erscheint? Wer trägt die Schuld? Das zu schwache Gestern oder das zu gewalttätige, arrogante Heute? Oder der schnelle, durch Kriege geförderte Durchbruch einer Zeitwende?

Jedes Zeitalter hat sein Leitmotiv. Unsere Generation lebt in der Welt des Unvorstellbaren. Im Großen unvorstellbar die vielen Millionen von Milchstraßen, im Kleinen unvorstellbar die Welt des Atoms mit Billionen Schwingungen seiner Teile in der Sekunde und einer Lebensdauer der im Atomkern vorkommenden Mesonen von einer milliardstel Sekunde; und die Wirkung der Spurenstoffe, die, wie z.B. bei Crocin, schon als einzelnes Molekül Entscheidungen herbeizuführen vermögen, nämlich in einer Verdünnung von 1:250 Billionen, das sind 1 Gramm auf 250 Millionen Tonnen oder 1 Gramm auf einen vollbeladenen Güterzug, der dreimal um den Äquator geht. 

Das Acetylcholin wirkt noch in einer Verdünnung von 1 Gramm auf 50 Millionen Hektoliter. Ein millionstel Milligramm eines Lipoidreizstoffes, den die Tuberkelbazillen produzieren, reicht aus, um eine typische Entzündung nach Injektion hervorzurufen. Eine noch um das Vierzigfache feinere Dosierung genügt bei Wuchsstoffen. Mit 1 g Wuchsstoff lassen sich vierzig Milliarden Pflanzen — astronomische Zahlen — zu schnellerem Wachsen bringen. 

Dies alles läßt sich denken, aber nicht vorstellen. Wenn aber bei alledem die Vorstellung ausschaltet, darf man sich dann wundern, wenn die Welt des Künstlers an Lebendigkeit einbüßt? Es gilt für alle Menschen: Dem Augenmenschen, den die Renaissance geboren hat, folgt nun ein Geschlecht, das im Denkbaren, aber im Nichtvorstellbaren lebt. Die gegenständliche Welt gilt als subaltern.

Mag man auch Entschuldigungen solcher Art vorbringen, das eine bleibt bestehen: Die vermeintliche Hochleistung unserer Kultur ist eine Fehlleistung, und dies schon seit langer Zeit. Wenn sich aber unsere Kultur heute in einer unsicheren, zweifelhaften, bedenklichen und wenig entwicklungsfähigen Lage befindet, liegt dies daran, daß der geistige Stoffwechsel zu gering, der Puls zu matt, der Vorwärtsdrang zu kraftlos ist? 


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Wohl kaum. Mag es doch wenig Zeiten gegeben haben, die so energiegeladen waren wie die unsere, wenn auch das allzu viele Theoretisieren Verdacht erregen kann. Wo aber ist dann der Krankheitskeim zu finden? Wird etwa unsere Energie, wird unser Streben zu sehr von Dingen absorbiert, die außerhalb der Kultur liegen, von Dingen der Zivilisation und der Technik? Oder aber liegt die Ursache der Krisis viel tiefer? Sind wir mit unserem kulturellen Streben auf falschem Wege?

Es trifft beides zu. Verhängnisvoll aber ist nur das zweite, das In-die-Irre-Gehen unseres kulturellen Bemühens. Wir wenden uns daher gleich der Frage nach der tiefsten Ursache der Krisis zu, der Frage, ob unsere Kultur überhaupt noch einen solchen Ehrentitel verdient, oder ob sie zur Scheinkultur geworden ist.

Seit der Renaissance ist der Mensch nur den optischen Eindrücken und immer wieder nur diesen nachgelaufen. Man glaubte, wer Kunst hat, hat in gleichem Maße Kultur, und man war sicher, daß die Kunst genügt, um den Menschen vorwärtszubringen. Kultur besteht aber nicht nur aus den Emanationen der Künste. Mag die Menschheit auf diesem Gebiete sogar einige Zeit weniger oder gar keinen Erfolg haben — was schadet dies, wenn sie dafür an Güte des Herzens zu gewinnen vermag? Hier liegt die Tiefe aller Kultur. Aber gerade hier sind Fortschritte seit Jahrhunderten überhaupt nicht sichtbar geworden. Hier liegen die Quellen des »Kultur-Katers«. Goethes Worte gelten noch heute ebenso wie früher: »Die Menschen sind nur dazu da, einander zu quälen und zu morden; so war es von jeher, so ist es, so wird es allzeit sein.«

Sollen die Menschen nun wirklich immer nur aus Henkern und Delinquenten, beides gleich armselige Kreaturen, bestehen?

Die Frage ist nicht, ob die Kunst in die Irre geht, sondern viel mehr, ob die Menschen, ob die Völker in ihrem Streben nach Menschenwürde endlich da beginnen, wo die Wurzel zu allem liegt: bei einer von Güte geleiteten Ehrfurcht vor der Schöpfung. Kann die Menschheit sich hierzu entschließen, dann wird es gleichgültig, ob wir in einer Epoche leben, in der die Technik in erhöhtem und die Kunst in geringerem Maße entwicklungsgeladen ist. Dann wird die Zivilisation keine Gefahr mehr sein und kann dem Menschen nur nützen.

Bisher galt nur der Ästhet. Ethik — das war allemal nur eine dialektische Angelegenheit. Die heimliche Liebe der Menschen ist die Renaissance geblieben.

Oder ist das alles vielleicht am heutigen Tage bereits überholt? Gilt es nur noch von gestern? Fühlt man nicht überall schon, daß man bei einer Umprägung des Menschen angelangt ist?


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Sprechchöre und Propaganda sollten das Individuum auslöschen und der Masse Wucht verleihen. Über die ganze Erde hin erlebte man eine Höchstinflation der Menschenwürde und des Menschenwertes. Die Herrschaft der Ehrfurchtslosen schien angebrochen zu sein. Und Spengler, der in allen großen Kulturen nur ebenso viele Niederlagen sah, schien recht zu behalten. Recht zu behalten damit, daß eine Kultur jeweils nichts anderes ist als eine modische Bemühung des Menschen ohne tieferen Sinn; daß es nur eine Ethik der Nützlichkeit und des Übereinkommens gäbe. Dann aber wäre ein jedes Fühlen einer inneren Berufung nur ein frommer Selbstbetrug. Dann lebten wir in einer Welt, die keine andere Betrachtung verdiente als eine nihilistische, eine Welt, regiert von dem Gott des Zufalls, auf den Thron erhoben vom Pessimismus.

Die Kreatur aber ist zum Optimismus geboren. Sie will am Leben bleiben. Dem Menschen allein ist es gegeben, diesen Lebenswillen zu bejahen oder zu verneinen, sich zu entscheiden für Abgrund und Untergang oder für Zukunftserwartung und für Freude an Bewährung, sich zu entscheiden für Quantität und Masse oder für Qualität und Persönlichkeit.

Die Wissenschaft ist vorausgegangen, sie hat den Gedanken der Quantität zu Ende gedacht und wieder die Qualität anerkannt. Die Menschheit aber zögert noch. Denn außerhalb der Wissenschaft wird die Quantität nicht auf direktem Wege zu überwinden sein, sondern nur durch eine neue Religiosität. Es gibt keine geistige Erneuerung in der Welt, die nicht mit einer starken religiösen Bewegung einhergeht, ja, von dieser auszugehen scheint.

  

  Technik, die große Verführung  

 

Der Neid der Götter hatte Prometheus gestraft, weil er den Menschen das Feuer und damit die Anfänge der Technik brachte. Was für ein prometheisches Geschenk aber steht am Anfang der Neuzeit, der geradezu explosiven Entwicklung der gesamten Naturwissenschaften und damit auch der Technik, die vor etwa 150 Jahren einsetzte

Es war die schlichte Erkenntnis von der Bedeutung des Metermaßes und der Waage. Erst als der Mensch begriffen hatte, daß man die Kräfte der Natur nur beherrschen könne, soweit man sie zu wägen und zu messen imstande sei, ja, als er sogar den elektrischen Strom in Quantitäten zu zerlegen vermochte, erst jetzt konnte die triumphale Entwicklung einsetzen. Immer mehr reifte aber auch jetzt in ihm der Drang, sich außerhalb der Gemeinschaft unseres Planeten zu stellen. 


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Es genügte ihm nicht mehr, nur passiv mitzuspielen wie die anderen Geschöpfe, da wo er sich zutraute, zu dirigieren, Herr zu sein über die Kräfte der Natur, sie zu lenken nach seinem Willen, die Erde zu seiner Wohnstätte, zu seinem Planeten umzugestalten. Das alles vermochte das Wägen, das Messen, kurz: die Analyse. In materialistischer Überspitzung glaubte man, daß sich alle Qualitäten durch Analyse schließlich zur Quantität wandeln lassen. Die Welt geht restlos auf in der Zahl — das war die große faszinierende Idee des vorigen Jahrhunderts, eine Idee, die einen ungeheuren Impuls gab und dennoch falsch war.

Der Biologe eliminierte den Begriff des Lebens. Existierten doch für ihn nur noch Dinge, die zerlegbar, atomisierbar waren. Das Leben aber ließ sich weder messen noch zerteilen; also wurde es einfach geleugnet. Real waren dem Menschen nur noch die Dinge, auf die man mit dem Finger deuten und die man dem Reagenzglas überantworten konnte. Diesem sollte letzte Weisheit entsprießen. Ja, der Mensch empfand sich selbst lediglich als ein skurriles Abenteuer des Protoplasmas, als ein sinnloses Produkt des Zufalls.

Wissen ist Macht!1) Diese Formel war zeitgemäß, sie war vom Zeitgeist verlangt. Denn jetzt war Macht letzter Sinn des Lebens geworden.

Der Zeitgeist — das war der große, der geniale Geisteskranke, der sich auf allen Gebieten der Naturwissenschaft (trotz der gewaltigen Fortschritte) bemerkbar machte.

Wenn auch diese materialistische, mechanistische Denkweise mit der Wende des Jahrhunderts in Wissenschaft und Technik abzublassen und langsam zu verstummen begann, der breiten Masse stand der Kampf dieser Mentalität mit einer schon deutlich an die Oberfläche drängenden, sich erneuernden Religiosität noch bevor. Daß diese als Gegenspieler und Erbe des Materialismus bereits zu spüren war, holte aus ihm vor seinem Zusammenbruch noch die schärfsten Akzente heraus. So mußte es zu einem letzten Aufgipfeln kommen, das die Entwertung der Menschenwürde in nacktester Brutalität zeigte.

Das Evangelium der Masse hieß: Ausrichtung, Gleichschaltung, Lenkung. Dies sind Begriffe, die mit dem Fortschreiten einer nicht verantwortungsvoll gelenkten Technik und mit der Vermassung zu lauten Schlagworten werden mußten.

Sie enthalten und verbergen ein Negatives; es heißt: Niederdrücken und Vernichten der Persönlichkeit. Man wünschte einen Menschentypus, der aus groben Muskelbündeln bestand, bestückt mit ergiebigen Fortpflanzungsorganen und dirigiert von einem Geist, der vor keinem von oben diktierten Verbrechen zurückschreckte. 

1) Das Wort stammt von Bacon.


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Wohl wurde verkündet, daß der Weg nach Athen führe, wo Kräfte des Geistes und des Körpers in gleichem Maße gepflegt und zu harmonischer Einheit ausgebildet würden. Aber man marschierte geradewegs auf Sparta los, und man langte dort an, zwar mit exemplarischen Muskelpaketen auf dem derben Knochengestell, aber mit erstaunlich bescheidenem Geist, ein Riese an Kraft und Dummheit. Der Individualität aber den Nackenschuß! Die Masse lebte in einem Rauschzustand dahin. So mußte es schließlich kommen, daß der Materialismus bei seinem Scheiden die Türen zuschlug, daß die Welt erzitterte.

Heute dürfen wir vielleicht hoffen, daß die Zeit, in der die Technik dem ehrfurchtlosen Menschen eine zwingende Verführung war, überwunden ist. Denn die Technik ist eine Verführung immer nur für den, der verführt sein will.

Es gibt keine zu bewertende Zivilisation und Technik an sich. Ist sie doch Menschenwerk und trägt des Menschen Züge: die der »entfesselten Mordsucht« nur dann, wenn sie von mordsüchtigen Menschen geschaffen ist. Wohl ist es richtig, daß die in schnelle Entwicklung geratene Technik unaufhaltsam nach einer Art Verselbständigung strebte und daß ihr die Ethik nur selten mahnend oder gar hemmend den Weg vertrat. Erst im Schatten der Atombombe kommt die Ethik nun in Panikstimmung.

Der Gebrauch der Technik ist ein sittliches Problem. Der verantwortungsvolle Mensch produziert eine verantwortungsvoll sich äußernde Technik. Sie ist Maßstab dafür, ob der Mensch taugt und was er wert ist. Wenn er sich nicht in Demut vor der Natur neigt, dann werden alle seine Bestrebungen, die kulturellen wie die zivilisatorischen, in die Irre gehen.

Gewiß, es ist gar nichts dagegen einzuwenden, daß man die »Technik einspannt«, wie man früher einen »Ochsen eingespannt« hat. Voraussetzung dabei ist aber, daß man auch dem Ochsen gegenüber die nötige Verantwortung, den Ruf der inneren Kultur fühlt.

Daß die Kultur nicht erst sekundär durch eine verfehlte Technik morbid wird, sondern daß sie selbstherrlich den Weg zur Dekadenz zu wählen vermag, zeigen uns die Azteken, die Maya und die Benin. Hier hat sich bei einer im Primitiven verharrenden Technik eine intensive, nur auf das Ästhetische gerichtete Kultur entwickelt. Ist nun diese Kultur, die nicht unter dem Einfluß von Maschinen und anderen technischen Fortschritten gelitten hat, besonders stark vergeistigt? Es lohnt, dieser Frage nachzugehen.

Der Name der Benin, eines westafrikanischen Negerstammes, läßt schon erschrecken. Bekannt sind ihre schönen Bronzen und ihre Elfenbeinschnitzereien. Bekannt aber auch ihre schön geformten goldenen Opfergefäße, über und über mit verkrustetem Menschenblut bedeckt, Zeugnis ablegend von den Menschen­schlächtereien, die bei den Benin jedes Fest begleiten mußten. Ohne Zivilisation vereinte dieser Stamm einen hohen Kunstsinn mit einer von uns als bestialisch empfundenen Roheit.


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Eine ähnliche Diskrepanz finden wir bei den Azteken. Mit wenig Gewehren und Männern vermochte Cortez das ganze Volk zu vernichten; denn den Azteken fehlte jeglicher Sinn für Technik. Nicht einmal die Umwandlung des Bogens zur Armbrust war ihnen gelungen. Gleiches gilt auch für ihre Nachbarn, für die Maya und die Peruaner. Die 7000 km Straßen, die die Inkas gebaut haben, können zum Teil heute noch von unseren schweren Lastwagen benützt werden, und doch — das Rad blieb den Inkas unbekannt. Ist das nicht seltsam? Diese »Autostraßen« waren nur für die Schnelläufer gebaut, die im Nachrichten­dienst standen, für Truppen und Marschkolonnen und für Sänftenträger, die die Hoheiten zu befördern hatten.

Wir ersehen daraus: Diese Kulturen, wie sie Azteken und Inkas aufweisen, waren von Technik unabhängig. Und ganz allgemein kann man feststellen, daß in den Subtropen die Kultur von der Technik immer relativ wenig beeinflußt war. In den gemäßigten Zonen dagegen ist die Technik aus der Kultur gar nicht mehr wegzudenken. Der Ingenieur ist ein typisches Gewächs der gemäßigten Zonen.

Waren nun die Azteken und die Inkas dümmer als ihre Eroberer? Keineswegs, viel eher könnte man von einem Defekt sprechen. Das, was den Azteken fehlte, war die Analyse. Zur Technik braucht man in gleichem Maße Analyse und Synthese. Ihnen war nur die Synthese gegeben — daher der Unverstand für alles, was Maschine ist. Es fehlte der Begriff der Zweckmäßigkeit.

Geradezu unfaßlich aber ist dies: Die Azteken lebten auf einer Landzunge, beiderseits vom Weltmeer umgeben. In der Mitte des an sich schmalen Gebietes lag auf einer Insel eines größeren Sees ihre Hauptstadt Tenochtitlan. Fünf lange Dämme stellten die Verbindung mit den Ufern her. Von Hunderten von Booten wurde der See täglich befahren. Immer wieder erfuhren die Bewohner Tenochtitlans die hemmende und fördernde Wirkung des Windes. 

Und doch, das Segel hatten sie nicht erfunden. Ja, als Cortez angesegelt kam, vermochte sich ihr untechnisch denkender Gehirnapparat nicht einmal zu erklären, wie das zuginge, wieso die Schiffe sich ohne Ruderschlag fortbewegten. Die einzige Geistestat, zu der sie sich aufraffen konnten, war: Sie hielten die Spanier für Götter, um bald mit Staunen zu erleben, welche schlechte Allüren diese Götter zeigten, wie ordinär menschlich sie sich benahmen und welch exemplarischer Gemeinheiten sie fähig waren.


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Die Eroberer fanden bei den Azteken eine hohe Kultur der Schönheit neben einem völlig in die Irre gegangenen, im Alten verharrenden Ritus, der das öffentliche Hinschlachten von Menschen zum ständigen Kult machte und keinerlei Bedenken trug, die Tafel des Kaisers Montezuma alltäglich mit Kinder­fleisch zu versorgen.

Was der Mensch in seinem Innersten erstrebt, das stellt er vor sich auf den Altar, es anzubeten. Die Götterbilder der Azteken waren zusammengesetzt aus Blutgier und Angst. Auch bei den Maya spielten die Menschenopfer (erlesene, unberührte Jungfrauen) eine große Rolle.

Hier also wie bei den Benin: Unfähigkeit, zu einer höheren Zivilisation zu gelangen, und daneben ein hochentwickeltes Kunstgewerbe. Hieraus folgern wir, daß sich da, wo sich keine höhere Zivilisation entwickeln konnte, wo sich der Mensch nicht der Maschine versklavte, er sich doch keineswegs freier und geistiger entfaltete. Im Gegenteil, die künstlerische Betätigung auf dem Boden einer oberflächlichen, vielleicht erst im Laufe der Zeit verflachten Kultur ohne Zivilisation erweckt viel eher den Eindruck einer krankhaften Entwicklung.

Es ist so, daß das analytische Denken nicht nur die Wissenschaft vorwärtstreibt und Grundlage für alle Technik ist, sondern daß auch die Förderung aller rein menschlichen Probleme durch die Analyse eine Vertiefung erfährt. Der Bastler, der Grübler, der Besinnliche und der faustische Mensch, sie sind Verwandte, die ohne Zusammenhang von Analyse und Synthese nicht möglich sind. Es liegt somit in der Analyse ebensowenig etwas grundsätzlich Verdammenswertes wie in der von ihr geförderten Zivilisation. Entscheidend ist immer nur, ob die Verantwortung Schritt hält mit der Umgestaltung des Milieus, ob der Mensch trotz allem in Ehrfurcht der Natur verbunden bleibt.

Kein Zweifel, hätten die Azteken und die Benin die Maschine schon weit entwickelt, so würden wir nicht zögern, einen ursächlichen Zusammenhang zu konstruieren zwischen ihrer fortgeschrittenen Technik und ihrem moralischen Tiefstand. So aber müssen wir konstatieren: Die Kultur bedarf nicht des schlechten Umgangs mit einer fehlgeleiteten Technik, um zu verkommen. Sie ist selbstherrlich.

Wer vermag zu glauben, daß die Menschheit seelisch gewinnt, wenn man ihre Zivilisation auf eine primitivere Stufe zurückschraubt, wenn man ihr dadurch die Möglichkeit nimmt, auf diesem Gebiete Mißbrauch zu treiben mit ihren geistigen Fähigkeiten? Wird die Menschheit besser, wenn man ihr Dampfmaschinen und Elektromotor wegnimmt? Die Zivilisation und im besonderen die Technik verlangen gesteigerte Verantwortung. Sie stellen den Menschen vor die Alternative, sich zu bewähren oder an seinen Werken zugrunde zu gehen.


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Die obengenannten Völker führen uns aber auch noch eindringlichst vor Augen, daß Kunst nicht identisch ist mit Kultur. Wüßten wir nichts von ihren grausigen Sitten, die nicht etwa Auswirkung einer augenblicklichen Haßorgie waren, sondern die bereits zum festen Ritus und somit zur Selbstverständlichkeit geworden waren, hätten wir nur Kenntnis von ihren Prunkbauten und dem hohen Stand ihres kunstgewerblichen Handwerkes, so kämen wir hier genauso wie bei den Benin in Versuchung, ihnen eine hohe Kultur zuzuschreiben. Alles, was nur mit ästhetischem Maßstab angegangen werden kann, versagt also, will man ein Volk einstufen in seinem kulturellen Streben.

Was aber muß man auf den Tisch legen, das als Indikator dienen könnte? Die Azteken setzen in Erstaunen durch ihre Museen, ihre luxuriösen Bäder, durch ihre Prunkbauten und ihre wohlorganisierte Post. Die Maya haben die Länge des Jahres genauer bestimmt, als dies dem Gregorianischen Kalender gelang. Sie differierte mit unseren heutigen Berechnungen nur um etwa 7 Sekunden gegenüber 30 Sekunden des Gregorianischen Kalenders. Sie konnten den Spaniern, die noch nach dem Julianischen Kalender rechneten, nachweisen, daß sie etwa 10 Tage im Verzug seien. Wenn nun all dies nicht zählt, was gilt dann bei der Beurteilung der Kulturhöhe? Die Antwort ist eindeutig. Es kommt einzig und allein auf die Dinge an, aus denen ein Drang erschlossen werden darf, das Göttliche im Menschen zu steigern, mithin also auf das Vorhandensein der Überzeugung einer inneren Sendung. Ob sich dies innerhalb des Bereichs der Kunst äußert oder außerhalb derselben, ist belanglos.

Bei all dem wollen wir nicht übersehen, daß die gewaltige Entwicklung der Technik in der Tat an dem Fundament der Kultur zu rütteln vermag und sie auf ihre innersten Werte und ihre Zuverlässigkeit prüft. Ist hier etwas morbid, so wird es sich jetzt offenbaren. Dieser Art wird die Technik zum Prüfstein und zum Gewissen der Kultur. Sie verhindert, daß die Menschen allzulange in Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit dahinleben, und sie läßt sie drohende Katastrophen schneller voraussehen.

Der Mensch ist Teil der Natur. Er steht an oberster, verantwortungsvoller Stelle unter allen Geschöpfen. Nun hat er sich eine eigene Welt der Unnatur geschaffen: die Welt der Technik. Sie kann zu ernster Gefahr für ihn werden, wenn er sie nicht zu erfüllen vermag mit einem höchsten Ethos.

Zwerghaft der Mensch — gigantisch sein Werk. Darin liegt eine psychische Bedrohung. Er vermißt sich, die von ihm geschaffene Welt mit der göttlichen Natur in Konkurrenz zu setzen.

»Die Technik bleibt Diener des Menschen«das war gestern noch die Gewissensberuhigung. Daß dieser getreue Diener bisher schon häufig seinen Herrn nachhaltig zu beeinflussen vermochte, wurde als harmlose Selbstverständlichkeit hingenommen und nachgesehen. Daß sich aber dieser Diener heute anmaßt, seinen Herrn auf Herz und Nieren, auf Körper und Geist untersuchen zu lassen, um ihm schließlich das Prädikat auszustellen: »Bei Überschall­geschwindigkeit nur sehr bedingt tauglich«, ist ein Novum. 

Die Technik desavouiert ihren eigenen Schöpfer und ist schon dabei, sich nach einem brauchbareren Typ, nach dem Menschen von morgen umzusehen.

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