( Klimabuch )  Teil 1   Start   Weiter

  

Klima, Kultur und Technik  

 

 Von Reinhard Demoll 1957

 

 

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Mildes, gleichförmiges Klima wirkt nicht besonders anregend. Treibend, aufrüttelnd und fördernd sind vielmehr Temperaturen um 15°C mit täglichen Schwankungen um einige Grade, so wie wir sie in Gegenden finden, in denen Stürme nicht selten, starke Winde häufig sind. In solchem Sinne besonders begünstigte Länder sind der nördliche Teil Europas und Nordamerikas.

Der tägliche Temperaturwechsel ebenso wie der jahreszeitliche wirkt aktivierend und ruft die Abwehrkräfte immer wieder wach. Dadurch bleiben sie erhalten. Denn Fähigkeiten, die nicht immer wieder geübt werden, gehen verloren. Wenn ein Muskel nicht bewegt wird, verkümmert er, und wenn in der Nahrung einige Zeit der Milchzucker ferngehalten wird, so verliert der Organismus die Fähigkeit, den Milchzucker zu spalten und zu verdauen. Denn er vergißt, was nicht ab und zu repetiert wird. 

Nicht nur unser Gehirn hat ein Gedächtnis — allen Zellen des Organismus kommt es in primitiver Form zu. Und nicht nur unser Gehirngedächtnis ist ein Hochverräter, auch das der Körperzellen und Organe ist höchst unzuverlässig. Ganz allgemein: Wechsel der Milieubedingungen ist dem Menschen günstig; der Körper verlangt nach ihm.

Zwischen dem ausgeglicheneren Klima der Subtropen und dem immer wechselnden der gemäßigten Zonen scheint mir jedoch ein ganz scharf umrissener Unterschied besonderer Art in der Wirkung auf die Völker zu bestehen. Die Behaglichkeit der Subtropen war der Beschaulichkeit und damit der Entstehung einer Kultur günstig, wobei noch im besonderen die größere Volksdichte die Entstehung einer Schrift gefördert haben mag. (Südchina, Indien, Mesopotamien, Arabien, Ägypten, Mittelmeerländer, Azteken, Maya, Peruaner.)

Die gemäßigten Zonen folgten in großem Abstand und mehr oder weniger gefördert durch die Kultur der Subtropen. Faßt man nun aber die Entwicklung von Technik und Zivilisation ins Auge, so ergibt sich ein anderes Bild. War erst einmal eine gewisse Kulturstufe erreicht, aus der die Naturwissenschaften und im Gefolge davon eine höhere Technik und Zivilisation herauszuwachsen vermochten, dann machten die Völker der gemäßigten Zonen das Rennen. Mit dem Wachsen der technischen Kenntnisse und Fähigkeiten wurden von diesen nun die Herausforderungen ihrer rauhen Natur aufgenommen, und der Kampf wurde mit Zähigkeit durchgefochten.

Jedenfalls wurden auch in den gemäßigten Zonen alle kriegstechnisch wichtigen Erfindungen gemacht, und vor allem, sie wurden hier auch aufs sorgfältigste ausgebaut. So mußte es kommen, daß überall auf der Erde (in Asien, Nordafrika, Südeuropa, Zentralamerika) an den kulturell älteren Ländern der Subtropen die Länder der gemäßigten Zonen vorbeiwuchsen und sie in schneller Entwicklung der Technik überholten. Am drastischsten wird uns dies von Japan vorgeführt, das in den letzten 100 Jahren das um 2000 Jahre ältere China wie im Sturme überflügelte; dasselbe gilt für England. Warum ist Dover heute nicht spanisch, Gibraltar aber englisch, obwohl Spanien der erste Weltbeherrscher war? An den Bodenschätzen liegt es nicht.

Erst waren die Subtropen die Geber. Als sich die Technik entwickelte, wurden sie bald zu Empfängern.

 

    Von der heilsamen Angst   

Der vielbeschäftigte Mensch hat wenig Zeit, Angst zu haben — viel zu wenig. Gelegentlich liest er in Zeitschriften von Dingen, die ihn mit Sorge um seine und seiner Kinder Zukunft erfüllen. Vor allem fühlt er die katastrophale Vermehrung der Menschen wie einen Alpdruck. Wer beginnt mit der Zurückhaltung? Unangenehme Gedanken. Unangenehm und peinlich um so mehr, als man zugleich auch von Erosion des Humus und damit von Verminderung der Ernährungs­basis liest. Hungern doch heute schon zwei Drittel der Menschen. Wird der Chemiker helfen können? Überall Versteppung, Verwüstung, Verkarstung, verbunden mit rapid sich steigernder Wassernot. Und dies alles hat der Mensch selbst verschuldet. 

Aber auch die Natur scheint sich gegen uns verschworen zu haben, um das Vernichtungswerk zu vollenden: unser Klima wird wärmer. Dadurch wird der Wassermangel noch fühlbarer.

Die Wirkung solcher Aufsätze in den Illustrierten hält nicht lange, meist nur bis zur nächsten Nummer, an. Und diese liegt schon bereit. Immerhin, mancher wird dann doch eher den Fanfaren folgen, die in den letzten Jahren von Buchtiteln ihm entgegentönten.


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Schon nach dem ersten Weltkriege hatten sich die Auslagen in den Buchhandlungen völlig verändert. Hatte man damals nicht plötzlich den Eindruck, daß die Menschen nur noch in Kontinenten denken konnten? Unser Planet war geschrumpft. Früher gab es überhaupt noch keine Kontinente, nur einzelne Länder Europas, und dann in anderen Erdteilen einige Gebiete, isolierte Landfetzen, Lagerstätten von Gold, Silber, Kupfer, Diamanten, Kohle usf.

Seitdem die Griechen in ihrer kleinen Welt, die um das Ägäische Meer herum lag, die Vorherrschaft an die Römer abtreten mußten, nahm die Bühne des politischen Schauspiels ständig an Größe zu. Schließlich wurde der Atlantische Ozean eingefügt und zuletzt auch der Stille Ozean mit seinen gewaltigen Dimensionen. Seine Ufer wurden lebendig und traten trotz der Weite des Raumes miteinander in lebhafte Beziehung. Nicht Inseln, Halbinseln und Länder stießen jetzt zusammen — jetzt waren es Kontinente geworden: Asien, Afrika, Australien, Amerika und im Hintergrund als emsiger Regisseur: Europa. Man ahnte die Wucht der Kontinente.

Heute finden wir wieder andere Werke in den Auslagen der Buchhandlungen. Jetzt geht es weniger um die hohe Politik; jetzt richtet sich von Tag zu Tag das Interesse immer mehr dem Verhalten der zwei größten Partner zu: Mensch und Natur.

Aber was vermag schon der Mensch? Muß der Mächtige nicht seine Ohnmacht bekennen, wenn aus kosmischen Ursachen unser Klima sich ändert?

Wie sind hier die Aussichten? Wird unser Klima sich zum Guten oder zum Schlechten wenden? Hat es sich in den letzten 100 oder 1000 Jahren bereits geändert, haben die Niederschläge stetig zu- oder abgenommen, oder kann man mehrere periodische Schwankungen erkennen? Und wenn ja, können überhaupt, im ganzen genommen, auf unserer Erde die Niederschläge sich gleichsinnig ändern, oder handelt es sich hierbei immer nur um lokal begrenzte Verschiebungen? Die Antwort hierauf ist sehr eindeutig. Die Eiszeit traf die ganze Erde. Eine Senkung der Temperatur um ein geringes führt schon zu einer Senkung der Verdunstung, damit zu einer stärkeren Wärmeausstrahlung während der Nacht durch infrarote Strahlen und letzten Endes zu einer Verlangsamung des Wasserkreislaufs in der Natur.

Man kennt die Ursache der Eiszeit nicht. Man weiß aber, was es für die Erde bedeuten würde, wenn die Sonne ihre Temperatur ändern würde. Wäre sie statt 6000° nur 5000° heiß, dann gäbe es auf der Erde kein Wasser mehr in flüssiger Form. Alles wäre zu Eis erstarrt. Wäre sie 7000° heiß, dann gäbe es nur noch Wasserdampf. Nun, die Sonnenwärme hat sich sicher nicht geändert. Aber die Ausstrahlung von der Sonnenoberfläche aus kann sich ändern. Die Sonnenflecken sind Ausdruck solcher kurzfristiger Änderungen.


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Außerdem aber werden zwischen der Sonne und der Erde durch die Atmosphäre namhafte Teile der Strahlung herausfiltriert. Wäre dem nicht so, dann würden die Pflanzen verbrennen, und die Tiere müßten, da ihnen nur der zum Atmen unbrauchbare Ozon zur Verfügung stünde, der sich aus dem Sauerstoff gebildet hat, zugrunde gehen. Diese Filter aber können sich ändern. Und wenn sie es auch nur in geringem Grade tun, so können allein schon dadurch Dürrezeiten oder Kälteperioden entstehen.

Was prophezeien nun die Meteorologen, die Zoologen und Botaniker, ausgehend von den Beobachtungen der letzten Dezennien? Änderungen auf weite Zeiträume interessieren uns in diesem Zusammenhang nicht, sondern nur die Frage: Wird es wärmer oder kälter, trockener oder feuchter?

Die Meteorologen stellen fest, daß sich die Menge der Niederschläge in den letzten 100 Jahren nicht geändert hat. Da aber trotzdem die Gletscher auf der ganzen Welt, in den Alpen ebenso wie in den Kordilleren — nur nicht die Vulkangletscher Nordamerikas —, erschreckend zurückgehen, muß die direkte Verdunstung erheblich zugenommen haben. In Graubünden sind in der Zeit von 1895 bis 1940 die Gletscher um 25% abgeschmolzen. Seit 30 Jahren sind sie überall stark im Schwinden. Mittels Echolot kann die Tiefe der Gletscher gemessen werden. Bei einigen fand ein Fallen des Spiegels bis zu 15 m in ein bis zwei Jahren statt. 

Die Pasterze — der große Gletscher im Glocknergebiet — hat seit Beginn seines Rückganges (1856) rund 1 km an Länge, 200 m an Breite und bis zu 100 m an Mächtigkeit eingebüßt; das ergibt ein Drittel der Gesamtmasse. Dieser Verlust wird imponierend, wenn wir uns vorstellen, daß damit eine Eismauer hätte errichtet werden können, die 2 m breit und 10 m hoch ist und die um den ganzen Äquator geht. Schon steigt das Niveau der Meere als Folge des Schwindens der Gletscher alljährlich um 1,5 mm. Das Meer thesauriert das Wasser. Die Abflüsse der Gletscher, dieser größten Wasserspeicher, liefern das Wasser zu einer Zeit, in der es von der Vegetation in besonderem Maße gebraucht wird (im Frühsommer). Die Entgletscherung wird schwere Folgen haben. Sie ist ein Aufruf, so weit als irgend möglich Wasserspeicher zu bauen.

Der Golfstrom ist wärmer und zugleich mächtiger geworden, wie Messungen in den letzten zwanzig Jahren an der Küste von Florida und Mexiko ergeben haben. Das wirkt sich bereits deutlich aus. Untersuchungen haben eindeutig ergeben, daß der ganze Nordpolarkreis wärmer wird; die Expedition des russischen Eisbrechers »Sedow«, der 1930 ausfuhr, konnte dies bestätigen. 


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Nicht nur Norwegen verspürt diese Klimaänderung, noch mehr äußert sie sich in Grönland, Spitzbergen und Alaska. Die Gletscher schmelzen ab, die Eisbarrieren ziehen sich zurück. Spitzbergen kann bereits völlig umfahren werden. Seine mittlere Wintertemperatur ist z.T. von -4° auf +3° gestiegen. In Grönland wird die polare Tierwelt durch den Wechsel von Regen und Glatteis bedroht und flüchtet nordwärts. In Kanada rückt die Baumgrenze seit 50 Jahren stetig nach Norden vor.

Die Grönländer erhalten jetzt regelmäßig Besuche, die ihnen früher unbekannt waren, erwünschte und mißliebige — wie dies die Besuche so an sich haben: die Makrele, die sie als neuartige Delikatesse lebhaft begrüßen, und den Menschenhai. Der Kabeljau, der sich noch vor 40 Jahren bequemen mußte, zur Laichzeit von Grönland nach Island zu schwimmen, um die für seine Hochzeit günstige höhere Wassertemperatur zu finden, kann heute auf diese weite Wanderung verzichten. Denn zu Hause in Grönland findet er seit etwa 1920 auch schon die gewünschte Temperatur. (Abbildung 1.)

Die an der Biskaya liegenden Großbetriebe, die die Sardinen eindosen, sehen ihre Objekte davonschwimmen nach dem Norden, nach Island. So bleibt ihnen keine andere Möglichkeit, als neue Betriebe in Island zu eröffnen. Der Kabeljau und die Sardinen tragen ein außerordentlich fein reagierendes Thermometer mit sich herum. In Europa gehen wärmeliebende Pflanzenschädlinge des Mittelmeergebietes immer weiter nach Norden.

Das eine steht fest, daß wir einem Temperaturanstieg entgegengehen. Die stärkere Verdunstung führt dann zu einer Verringerung der Grundwasser­stände.

Die Ursache der stärkeren Verdunstung und Erwärmung hat man in der Vermehrung der Kohlensäure der Luft durch die Industrie zu finden geglaubt, so wie Svante Arrhenius vermutete, daß umgekehrt die Eiszeiten die Folge von Kohlensäureverarmung der Atmosphäre waren, eine Hypothese, die heute aufgegeben ist. Die Kohlensäure hält die Erdwärme zurück und läßt die Sonnenstrahlen durch. In gleichem Sinne, aber in viel stärkerem Maße, wirkt der Wassergehalt der Luft.1)

H.C. Willett nimmt einen Zusammenhang zwischen dem 80jährigen Rhythmus der Sonnenenergie mit unserem Klima an. Er kommt zu dem Schluß, daß die Gletscher bald wieder vorrücken werden. Andere lehnen diese Prognose und ihre Voraussetzungen ab, obwohl mancherorts das Tempo des Gletscher­rückgangs sich zu mindern scheint.

1)  Immerhin könnte eine weitere starke Zunahme der Industrie den Kohlensäuregehalt der Luft auf das Doppelte steigern.


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Jetzt wird die Wissenschaft mit Unterstützung der UNESCO diesen Problemen nachgehen, sie wird versuchen, die Ursachen der Erwärmung festzustellen, und sie wird veranlassen, daß den Veränderungen der Eismassen der Antarktis erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt wird. Vor allem eilt es hier festzustellen, ob dieser gewaltige »Eisschrank« unseres Planeten auch in den Abschmelzungsprozeß mit einbezogen wird. Dies ist von größter Bedeutung. Hier würde ein Eisschwund von 10% die Meere bereits um 5 m ansteigen lassen.

 

    

Abb. 1.  
Die grönländischen Kabeljau sind isländischen Ursprungs. Die mit dem Irmingerstrom nach Westgrönland gedrifteten Fischlarven wuchsen unter Grönland auf und zogen, nachdem sie die Geschlechtsreife erreicht hatten, nach Island zum Laichen zurück. Nach dem Laichen zogen viele Kabeljau wiederum auf die grönländischen Weiden. Heute ist die Wanderung zwischen Island und Grönland, die durch Kabeljaumarkierungen belegt werden konnte, nur noch gering, da die Temperaturen des Wassers seit etwa 1920 ein Laichen auch unter Grönland ermöglichen. Die Daten geben Ort der Markierung und Wiederauffindung der Tiere an.

 

Gehen wir zurück in frühere Jahrhunderte. Lassen sich hier Anhaltspunkte gewinnen für eine stetige Änderung des Klimas, oder hat man eher an gleichmäßige oder auch an ungleichmäßige periodische Schwankungen, an einen Wechsel zwischen wärmeren und kälteren Zeiten zu denken? Handelt es sich um solche immer wiederkehrende periodische Schwankungen, dann wird die Industrie mit ihrer CO2-Produktion sicher ebensowenig an der neuerlichen Erwärmung schuld sein wie an den früheren.

Ist die Ursache dafür jedoch in der stärkeren Luftbewegung in unserer Atmosphäre zu suchen, die zu stärkerer Verdunstung führt, so bleibt die Frage offen, wodurch diese hervorgerufen ist.


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Man hat an den Jahresringen von California sequoia, diesen amerikanischen Baumriesen, die über 3000 Jahre alt sein können, eine Periodizität von Klima­schwank­ungen abgelesen. Danach hätte alle 1020 Jahre gleiches Klima bestanden. Andere wieder glauben, einen Rhythmus von 800 Jahren, wieder andere von 1800 Jahren annehmen zu müssen. Die meisten aber lehnen einen zeitlich gebundenen Turnus ab. Von 4000 bis 2000 v. Chr. lagen die Temperaturen höher als heute.

Eine Prüfung dieser Hypothesen läßt zunächst erkennen, daß es aus früheren Zeiten überhaupt kaum wirklich beweiskräftige, zeitlich präzis zielende Symptome gibt. Wirklich tragfähig sind vor allem Feststellungen, die man an Gletschern machen konnte. Um das Jahr 1000 zeigten die Gletscher ein Minimum der Ausdehnung. In Grönland wurde um diese Zeit Viehwirtschaft getrieben, wo einige hundert Jahre später der Boden ständig gefroren war. Im 16. Jahrhundert waren in Österreich noch Bergwerke in Gang, die später wieder aufgegeben werden mußten, weil die Gletscher vorrückten und darüber hinweggingen. 1600 bis 1850 dehnte sich die »Kleine Eiszeit« aus.

Alle übrigen Indikatoren sind mit großer Vorsicht zu bewerten. Man hat auf die Völkerwanderung hingewiesen, die die Folge einer Dürrezeit sein sollte. Aber weder die Goten noch die Vandalen, weder Tschingis Chan noch Timur Lenk, weder Attila noch Napoleon hatten Hunger, als sie zu ihren Eroberungszügen aufbrachen; wohl aber Appetit; Appetit auf Macht.

Vor etwa 600 Jahren trank man Wein, der in Ostpreußen gewachsen war. Damals allerdings hatte man noch keinen Kaffee, keinen Tee und keinen Tabak; so hielt man sich an ein gärendes, unmögliches Getränk aus Trauben, mischte es mit viel Gewürzen, süßte es reichlich mit Honig und trank es warm. Von Wein kann hier somit nicht gut gesprochen werden.

Wohl waren die Edelkastanien früher weit über Mitteleuropa verbreitet. Der Getreidebau in den Alpentälern stieg viel höher hinauf (bis auf 1700 m) als einige hundert Jahre später.

Malaria war in Mitteleuropa und England endemisch, und zwar in England im 7., dann wieder im 12. und 16. Jahrhundert. Sie blieb aber in Deutschland stellenweise bis vor 100 Jahren heimisch, also auch noch zur Zeit der stärksten Vergletscherung.

Vor dem 5. Jahrhundert v. Chr. war die Malaria in Athen noch unbekannt, vor dem 4. Jahrhundert v. Chr. noch in Rom. Aber auch hier können wir nicht annehmen, daß es früher an den hohen Temperaturen in Griechenland und Italien gefehlt hätte. Die Schlafkrankheit hat sich erst in den letzten 100 Jahren ungeheure Gebiete Afrikas erobert, Flächen, die Mitteleuropa um ein Vielfaches übertreffen. 


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Und auch hier geschah dies nicht, weil sich das Klima geändert hätte, sondern nur, weil die übertragende Fliege erst mit Hilfe moderner Vehikel verbreitet wurde. Zum Teil fuhr sie mit dem Auto in bis dahin gesunde Gegenden. Warum sollte die aufblühende Schiffahrt der Griechen nicht auch erst zur Verbreitung der Malariamücke nach Griechenland und später nach Italien geführt haben?

Es ist also möglich, daß das Auftreten der Malaria mit Klimaschwankungen nichts zu tun hat, möglich auch, daß die Tatsache, daß die Orangen und Zitronen, die man zur Zeit der Römer in Italien nur als Zierpflanze kannte, weil ihre Früchte nicht ausreiften, über Klimaschwankungen nichts aussagt, daß sich hier nicht das Klima, sondern daß sich die Pflanzen verändert haben unter der kultivierenden Hand des Menschen. Denn nach beiden Hypothesen hätte es um 200 bis 400 n. Chr. warm sein müssen. Warum haben die Orangen diese Wärmeperiode nicht ausgenützt? So wenig eindeutig all diese Tatsachen auch sein mögen, als sicher aber kann gelten, daß das Mittelalter eine Wärmeperiode erlebte, und weiter, daß ums Jahr 1800 bis 1850 ein Kältemaximum das Anwachsen der Gletscher bedingte.

Es darf nicht verschwiegen werden, daß manche Anzeichen so gedeutet werden könnten, als läge der Höhepunkt der Dürrezeit bereits nicht mehr in allzu weiter Ferne. Doch läßt sich Zuverlässiges hierüber nicht sagen. Jedenfalls sind die Sorgen um ein Trockenerwerden des Klimas »berechtigt«. (Dammann.)

Wie aber, wenn wir uns wirklich auf dem Wege zu einer neuen Trockenzeit befinden? Wenn die Niederschläge seltener, unergiebiger und jahreszeitlich ungünstiger verteilt, das Grundwasser spärlicher, die Temperaturen aber höher sein werden? Müßten wir dann nicht erst recht alles tun, um die drohende Dürrezeit zu überstehen? Müßte uns dann nicht erst recht jeder Baum, jeder Strauch und jedes Waldstück als eine Kostbarkeit im Kampfe gegen die Ungunst des Klimas erscheinen? 

Und müßte uns dann die allenthalben durch die »ordnende« Menschenhand verursachte ständige Senkung des Grundwasserspiegels nicht solchen Schrecken einjagen, daß wir künftig jedes mutwillige Attentat auf das Grundwasser als das bestrafen, was es ist, als ein Vergehen an der Zukunft des Volkes? Und wenn die Gletscher, diese gewaltigen Wasserspeicher, immer mehr schwinden, muß dies nicht ein Ansporn sein, sie weitmöglichst durch künstliche Wasserspeicher zu ersetzen? Durch Wasserspeicher, so groß, daß diese zugleich ein Schutz gegen katastrophale Niederschläge werden.

Möge die Angst bei allen Verantwortlichen wachsen. Aber nicht durch eine von Sensationslust diktierte, übertriebene und einseitige Darstellung sei sie gesteigert. Zahlen mögen belegen, wo wir heute stehen, Zahlen, die sicher zum Teil schon wieder überholt sind, wenn der Leser dies Buch in die Hand nimmt. 

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