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Fluss und See wird zur Kloake   

 

 

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Jeder Mensch, jeder Betrieb, jede Gemeinschaft braucht Wasser und entläßt es wieder als gebrauchtes, meist als verbrauchtes, verunreinigtes Wasser. Mit fortschreitender Massierung der Menschen ist der Bedarf an gutem Wasser außerordentlich gestiegen, während gleichzeitig infolge der Zunahme der Verunreinigung das zur Verfügung stehende Reinwasser immer mehr reduziert wurde. So bedingt die fortschreitende Zivilisation einen Mangel an Reinwasser sowie Zunahme von Fischsterben, von Verödung und bedrohlicher Verseuchung der Flüsse. Man muß aber zugeben, daß auch ohne Zutun des Menschen Katastrophen im Wasser entstehen können.

Wieso aber kommt es im Wasser so leicht zu Massensterben der Wassertiere infolge Ersticken, bei den luftatmenden Tieren dagegen so gut wie nie? Wenn auch heute infolge der fortschreitenden Industrialisierung die Vergiftungskatastrophen im Wasser erheblich zugenommen haben, so geht doch auch jetzt noch die stärkste Bedrohung des Lebens der Wassertiere von dem sehr labilen Sauerstoffhaushalt des Wassers aus. Und diese Labilität wird wiederum bedingt durch den langsamen Ersatz des Sauerstoffes aus der Luft.

Innerhalb des Wassers ist der Sauerstofftransport nach der Tiefe zu praktisch gleich Null, falls nicht Strömungen zu Hilfe kommen.

Im Thüringer Wald wurde die tief einschneidende Saale durch eine 80 m hohe Mauer gestaut. Ein herrlicher Fjord von 30 km Länge, eingebettet in Nadelwald, ist entstanden, die sogenannte Bleilochsperre. Bald nachdem der Stau fertiggestellt war, trat im Herbst ein katastrophales Fischsterben ein. Über dem ganzen See lag ein Schwefelwasserstoffdunst. In dem Turbinenhaus kam es zu schweren gesundheitlichen Schädigungen beim Personal. Vorher schon mußte das Baden verboten werden, weil man feststellte, daß durch das Aufwühlen des Wassers aus 1 und 2 m Tiefe Schwefelwasserstoff frei wurde, der zur Betäubung und Vergiftung der Badenden führte. Die Schuld trugen industrielle Abwässer. 


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Der fließenden Welle hätten diese nicht geschadet. Denn diese vermag immer wieder Ersatz für den verbrauchten Sauerstoff zu schaffen. Anders aber im Stausee. Hier ist schnell alles aufgezehrt, und nur in der allerobersten Schicht macht sich der Nachschub von Sauerstoff von der Oberfläche her bemerkbar. Weiter in der Tiefe dagegen werden alle organischen Schwefelverbindungen, die bei diesen Abwässern in beträchtlicher Menge anfallen, nicht mehr oxydiert, sondern zu Schwefelwasserstoff reduziert.

Es konnte sein, daß der See bis zum Herbst hin völlig gesund erschien und seinen Charakter als Faulgrube unter einer normalen sauerstoffhaltigen Oberflächen­schicht verbarg. Nur im Turbinenhaus zeigte sich, daß das in mittlerer Höhe abgezogene Wasser mit Schwefelwasserstoff angereichert war. Der Herbst aber brachte es an den Tag, was in der Tiefe vorging. Ward in den ersten kalten Nächten das Oberflächenwasser abgekühlt, so sank es infolge seiner größeren Dichte langsam in die Tiefe. Damit begann die vertikale Vollzirkulation, die so lange andauerte, bis im Winter der See von oben bis unten eine gleichmäßige Temperatur von 4° erreicht hatte.

Im Bleiloch war nun die sauerstofführende oberste Schicht so bescheiden, so klein an Masse gegenüber der Mächtigkeit der darunterliegenden schwefelwasserstoffhaltigen Wassermassen, daß die mit der Vollzirkulation in die Tiefe verfrachteten Sauerstoffmengen keine Rolle zu spielen vermochten gegenüber dem nun an die Oberfläche dringenden Schwefelwasserstoff. Daher das Absterben aller Fische und aller Fischnährtiere und die schnelle Umwandlung zu einem völlig toten See. Nur Schwefelbakterien vermochten dort noch zu leben. Die Schwefelwasserstoffausdünstung wurde so intensiv, daß selbst die über dem Steilufer gelegenen Ortschaften stark darunter litten und die Sommerfrischler schon nach den ersten kalten Tagen schleunigst die Gegend verließen.

Nun ist zu beachten: Hier, bei der Bleilochsperre, wirkte sich die Vollzirkulation im Herbst katastrophal aus. Nehmen wir aber nun mal an, wir hätten einen See vor uns, der nicht in so starkem Maße belastet ist, einen See, in dem nur etwa ein Fünftel des Wassers Schwefelwasserstoff enthält, während das viel größere darüberstehende Wasservolumen noch gesund, also sauerstoffhaltig ist: dann kann die Herbstzirkulation im entgegengesetzten Sinn wirken. Jetzt kann der nach der Tiefe verfrachtete Sauerstoff ausreichen, um den ihm begegnenden Schwefelwasserstoff restlos zu oxydieren und unschädlich zu machen. Man kann im Hinblick auf das Schicksal, das dem See im Herbst zuteil wird, die Vollzirkulation mit einer Fieberkur vergleichen. Das Fieber, das für den nicht allzu schwer Erkrankten Heilung bedeutet, bringt den Todkranken um. Und die Bleilochsperre war ein solcher Todkranker. 


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Wir werden aber auch noch Patienten der anderen Kategorie kennenlernen, solche, die jeden Herbst eine Erholungskur durchmachen, um dann im Frühjahr jeweils wieder von neuem rückfällig zu werden. Besonders zahlreich finden wir Kranke dieser Art in der Schweiz.  

Denkt man an die Schweizer Seen, so tauchen Erinnerungsbilder herrlicher Landschaften vor uns auf, in denen tiefblaue Seen eingebettet liegen. Und es mag uns geradezu vermessen erscheinen, an der Klarheit, der Reinheit und Gesundheit dieser Seen Zweifel auszusprechen. Und doch ist die Liste derer, die schon bedenklich krank sind, erschreckend lang. Es zählen dazu der Murtener See, der Hallwiler See, der Baldegger See, dann ein ziemlich hoffnungsloser Kandidat, der Rot-See; aber auch der schöne Zuger See und — wohl besonders überraschend — Teile des herrlichen Luganer Sees und schließlich der Patient, der am meisten Sorge bereitet, weil am meisten Menschen an seiner Gesundheit interessiert sind, der Züricher See. 

Ein Krankheitssymptom tritt bei all diesen Seen im Herbst oder im Frühjahr teils verbreitet, teils nur in den einzelnen Buchten auf. Der See blüht, und die Blüte ist blutrot bis weinrot. Verursacht wird sie durch das Aufsteigen einer Rotalge. In Erinnerung an die Schlacht am Murtensee, in der die Burgunder 1476 in den See geworfen wurden, nannte man diese Seeblüte, die am Murtensee zum erstenmal schon 1825 auftrat, Burgunderblutalge. 1898 beobachtete man sie auch am Züricher See. 1948 trat sie besonders stark am Zuger See auf. Der Südteil des Sees war intensiv weinrot gefärbt. In den Buchten waren die Algenmassen bereits am Absterben. Das Rot wich hier schnell einem mißfarbigen weißlichen Grau.

Dieses Symptom, wie auch manches andere, ist das Alarmzeichen, daß der See krank ist, daß die Oberfläche ein falsches Bild von dem im übrigen Teil des Sees sich abspielenden Prozeß gibt, daß das Etikett, das man sieht, nicht mehr mit dem Inhalt der Weinflasche übereinstimmt. Der Züricher See ist in der Tiefe zu einem Faulbecken geworden. Für die Zukunftsaussichten ist es aber meiner Ansicht nach weniger bedenklich, daß in der Tiefe Sauerstoff fehlt, als daß oben, etwa bei 10 bis 20 m Tiefe — dem Bereich, in dem die Organismen sich am lebhaftesten entwickeln —, ein bedenkliches Sauerstoffminimum existiert.

Wohl bedingt der Schwefelwasserstoff in der Tiefe, daß der See kein Felchen-Ei mehr auszubrüten vermag. Wenn die Felchen im Herbst laichen, so sinken ihre Eier in die Tiefe und schweben hier über dem Boden. Der Faulschlamm des Züricher Sees aber läßt sie sofort an Sauerstoffmangel ersticken.


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Besonders bedeutsam aber ist die Rolle, die der See für die Trinkwasserversorgung spielt. Diese ist heute zwar noch nicht gefährdet. Die weitere Zunahme des Sauerstoffminimums in 20 m Tiefe könnte hier aber plötzlich eine veränderte Lage schaffen und es nicht mehr erlauben, auch weiterhin in 30 bis 40 m Tiefe dem See das Wasser für die Wasserleitungen zu entnehmen. Die künstliche Entkeimung des Seewassers macht zwar weitgehend unabhängig von dem hygienischen Zustand des Rohwassers. Wenn sich aber das obere Sauerstoffminimum noch weiter verschlechtert, dann werden durch die absterbenden Organismen, wenn sie schon in dieser Zone in stinkende Fäulnis übergehen, widerliche Geschmacksstoffe gebildet, die es weiterhin unmöglich machen werden, das Seewasser als Trinkwasser zu verwerten.

Die Verunreinigung ist heute noch nicht so groß, daß ihre Produkte innerhalb der Wasserleitung eine bedenkliche Aggressivität entfalten. Der Akzent liegt aber auch hier auf dem Wort: Noch nicht. Dagegen macht sich bereits eine starke Außenkorrosion der Seeleitung bemerkbar.

Jeder Patient möchte vom Arzt erfahren, warum er krank ist und wie die Sache wohl weitergeht, vor allem, ob er wieder gesund werden kann. Die erste Frage ist leicht zu beantworten. Seit an beiden Ufern des Sees die Bahn gebaut wurde, haben sich die Vororte der Stadt Zürich immer mehr den Ufern entlang nach Osten hin vorgeschoben und ausgedehnt. Heute gehen die Abwässer von etwa hunderttausend Einwohnern, teils gar nicht geklärt, teils nur ungenügend vorgeklärt, in den See. Der See wurde als bequeme Kläranlage angesehen, die zu verarbeiten hat, was man ihr auch immer zuzumuten Lust hat. Ein Fluß wäre mit dieser enormen Belastung schon kaum fertig geworden. Viel weniger aber vermag dies ein schmaler, aber tiefer Seeschlauch zu leisten.

Aber auch im Bundesgebiet gibt es bereits genügend Seen, die Besorgnis erregen und die dem Sommerfrischler noch kerngesund zu sein scheinen.

Selbstreinigung der Gewässer; —— daß eine solche Möglichkeit besteht, wurde damals, als diese Erkenntnis zum erstenmal erwachte, mit größter Befriedigung von Gemeinden und Industrie vermerkt. Fühlte man sich doch jetzt berechtigt, dem Vorfluter jede Verunreinigung zuzumuten. Man wollte es nicht wahrhaben, daß diese Selbstreinigung nur bei mäßiger Belastung und bei genügendem Sauerstoff abzulaufen vermochte, daß das Gewässer auf Überlastung genauso reagiert wie der Magen, daß es nämlich dann völlig revoltiert und jede Verdauung ablehnt. Statt daß, wie normal, durch Oxydierung eine Mineralisierung erfolgt, führt bei Überbelastung der Weg der Zersetzung ohne oder mit zuwenig Sauerstoff zur stinkenden Fäulnis und zur Faulschlammbildung mit hochgiftigen und sehr offensiven Stoffen, vor allem zu Schwefelwasserstoff.


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Der Arzt muß seinen Patienten genau kennen, um ihm sagen zu können, was er sich zumuten darf. Ebenso muß der Abwasserbiologe die Gewässer auf weite Strecken hin überblicken können, will er mit Sicherheit entscheiden, was dem betreffenden Vorfluter an bestimmter Stelle noch an Abwasser zu dem bereits vorhandenen hinzugefügt werden darf, ohne den Patienten zu überlasten. Statt vom Patienten würden wir hier besser von dem Rekonvaleszenten sprechen. Dies ist der Zustand, der beinahe für alle unsere Flüsse zutrifft, bis sie sich ins Meer ergießen. Immer werden ihnen neue Abwassermengen zugeführt, während sie noch mit der Verdauung der bisherigen Belastung zu kämpfen haben. Belüftung der Flüsse, der Kanäle und Staue wird immer dringlicher.

Überall nehmen Fischsterben zu und ebenso die Ölpest; diese wird bedingt durch die Zunahme der Schiffahrt, durch Kokereien, Schwelereien, Gaswerke und Ölraffinerien. Bei Rheinberg (Kreis Moers) brannte im Sommer 1952 der Altrhein lichterloh. Er war von Teerprodukten überzogen. Die in der unteren Elbe gefangenen Fische sind ungenießbar. Sie schmecken nach Phenol. Der Rhein, die Weser, ebenso die österreichische Traun erhalten täglich Hunderte und Tausende von Tonnen Salze zugeleitet. Die Chloride sind nicht abzubauen und machen das Wasser vieler Flüsse selbst zum Bewässern unbrauchbar, zumal bei Trockenzeiten, wenn die Bewässerung nötig ist, die Salzkonzentration am höchsten ansteigt. Die Werra führt dann bis zu 1% Chlorsalze. Wenn auch die Pflanzenwurzeln gegenüber gelösten Stoffen weitgehend ein Wahlvermögen zeigen, so versagen sie doch bei zu hohen Konzentrationen. Außerdem wird der Boden durch Chlorsalze ausgepowert. Calzium, Kalium und Phosphor werden ausgeschwemmt.

Immer mehr Flüsse werden zu »Opferstrecken«, in denen nicht nur die Fischerei geopfert wird, sondern auch die Gesundheit des Landes. Das verschmutzte Wasser des Flusses kann nicht mehr dem Gemeingebrauch und der Bewässerung dienen und auch nach Uferfiltration nicht mehr als Trinkwasser verwendet werden. Drei Viertel der Wassermenge der Saar ist Abwasser (Säuren, Öle, Fette, Phenole, Kohlenschlamm bilden wesentliche Anteile).

Selbst das Meer wird heute »verunreinigt«, und zwar an der Südspitze Englands und an der Einfahrt zum Bristol-Kanal so stark, daß das Baden unmöglich gemacht worden ist. Wenn die Tankdampfer in Bristol gelöscht haben, dann werden bei der Ausfahrt noch in Küstennähe die Öltanks geflutet. Ein großer Tanker gibt dabei bis zu 200 t Öl ab. 1953 gingen mehr als 400.000 t Öl und ölhaltiger Schlamm ins Meer. Fische sterben, weil ihre Kiemen verkleben, Fischbrut, die an der Oberfläche lebt, geht in Massen zugrunde; Muschelbänke werden vernichtet. 


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Die Fischer können die Netze nicht mehr auswerfen, weil diese durch den Ölüberzug die Fängigkeit verlieren, und die Wasservögel gehen zu Tausenden elend zugrunde, weil ihre Federn durch das öl zusammenkleben und dadurch die Tiere flugunfähig werden. Sie verhungern und erfrieren. Diese ölrückstände, die zu einer klebrigen Schmiere werden, bedecken das Wasser, überziehen die Haut der Badenden und rufen Hautentzündungen hervor; sie durchtränken die Badeanzüge — eine zähflüssige ekle Masse. An der Nord- und Ostseeküste werden die Zustände schon sehr bedenklich, »ölfreier Badestrand«, so annoncieren schon englische Badeorte. Es sind aber nicht mehr viele, die zu dieser Reklame berechtigt sind. Auch an der Riviera muß an manchen Orten dem Badenden, wenn er den Fluten entsteigt, eine Flasche Benzin und ein Lappen gereicht werden, auf daß er sich von dem Bad wieder reinigen möge. (Die Säuberung der Rückfront übernimmt pflichtgemäß die Badefrau.) 

Man hat festgestellt, daß in der Mitte des Atlantischen Ozeans ausgeschüttete Ölrückstände mit erheblicher Geschwindigkeit bis an die europäische Küste treiben, und daß man sie noch nach Monaten erkennen kann. Diese »beständigen« Öle halten sich jahrelang. 32 Nationen trafen sich 1954 in London, um über Abhilfe zu beraten. Es sollte »soweit als möglich« jedes Ablassen von öl und ölrückständen verboten werden. Da aber die nötigen Vorkehrungen, die es ermöglichen würden, alles Öl zurückzuhalten, weder auf den Schiffen noch in den Häfen getroffen sind, hat man sich begnügt, das Ablassen des Öls in bestimmten Zonen des Meeres zu verbieten. Nur zehn Staaten sind dieser Abmachung beigetreten; seit 1958 einige mehr. Doch fehlen heute noch in der Liste: Rußland, USA, Polen, Italien u.a. Unter den Mächten, die nicht beigetreten sind, befinden sich auch die Meeresströmungen, die das Öl aus den erlaubten Zonen schnell in die verbotenen befördern.

»Das Übel rührt von der falschen, aber weitverbreiteten Meinung her, daß ein Teil der menschlichen Gemeinschaft berechtigt ist, aus Bequemlichkeit oder wirtschaftlichem Vorteil weitreichende Notstände zu verursachen, die Welt um sich herum zu verwüsten und die Anmut, die Lieblichkeit seiner nachbarlichen Umgebung zu zerstören.«

Zu diesem traurigen Ergebnis kommt eine Kommission des Britischen Transportministeriums in ihrer Schrift über die Ölverschmutzung des Meeres.

Heute aber ist es nicht nur der Fisch und das unhygienische Bad, das den Menschen interessiert, sondern das Wasser selbst als der wichtigste Rohstoff aller Lebewesen. Denn nicht nur an Trinkwasser, sondern auch an Brauchwasser besteht in Industriegebieten so starker Mangel, daß mancherorts jede weitere Entwicklung dadurch bereits abgestoppt ist (Magdeburg, Greiz, Zwickau, Riesa u. a.).


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Wie aber: Abwasser kann verrieselt und verregnet und dabei wieder gereinigt werden. Auf diese Weise wird auch das Grundwasser angereichert. Zur künstlichen Beregnung kann ferner Bach- und Flußwasser Verwendung finden. Sind hier nicht noch ungeheure Wasserquellen gegeben?

Zunächst muß hier eine betrübliche Feststellung gemacht werden. Unsere Flüsse sind zum Teil heute schon so stark mit Salzen belastet, daß dieses Wasser auf die Dauer vom Boden nicht ertragen wird. Man braucht dabei nicht nur an die besonders versalzenen Flüsse Rhein, Neckar und Weser zu denken. Überall da wird die Versalzung des Bodens durch Bewässerung zum ernsten Problem, wo wenig Niederschläge fallen. Denn je mehr Regen, desto mehr Salz wird in die Tiefe bis ins Grundwasser abgeschwemmt und von diesem fortgeführt. So ergibt sich die seltsame Verquickung: Künstliche Bewässerung mit salzreichem Flußwasser wird auf die Dauer um so bedenklicher, je geringer die Niederschläge und je größer somit die Wassernot ist, zumal, da bei Niederwasser die Flüsse ein viel konzentrierteres Salzwasser führen. Oder umgekehrt, je mehr es regnet, um so unbedenklicher kann man künstlich bewässern, um so überflüssiger ist die künstliche Bewässerung aber auch. 

Ausgesprochene Dürregebiete kommen somit für Bewässerungen mit Flußwasser häufig nicht in Frage. Künstliche Bewässerung kann immer nur eine Ergänzung der Niederschläge in mäßigen Grenzen darstellen (100 bis 200 mm p. Saison). Für die Verregnung von Abwässern liegen die Verhältnisse nicht viel anders. Hier muß außerdem noch eine ganze Reihe von Kautelen beachtet werden, will man segensreich wirken. Vor allem aber müssen hier die hygienischen Forderungen erfüllt sein. Diese beziehen sich auf Schutz der Menschen und des Viehs gegen Typhus, Paratyphus, Ruhr, Kinderlähmung, epidemische Gelbsucht, Tuberkulose, Milzbrand, Maul- und Klauenseuche und Wurmparasiten.

Drei Stufen hat der zivilisierte Mensch hinsichtlich der Behandlung der Abwässer bis jetzt durchlaufen. 1. Etappe: Zunächst war es die Sorge des Hausherrn, allen Unrat aus dem Innern des Hauses zu entfernen — unbekümmert um das Wohl des Nachbarn. 2. Etappe: Die Gemeinde nahm sich der Angelegenheit an und sorgte dafür, daß der Unrat aus dem bebauten Teil der Gemeinde weggeschafft und irgendeinem Gewässer zugeführt wurde — unbekümmert um das Wohl der Nachbargemeinden und insbesondere der Unterlieger. Dadurch wurden die Vorfluter unterhalb der Städte oft in stinkende Kloaken umgewandelt. 3. Etappe: Jetzt nimmt der Staat sich der Sache an und befiehlt, daß die Abwässer gereinigt werden — sofern die Mittel hierfür aufzubringen sind — und sofern infolgedessen sein Machtwort gilt.


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Und nun stehen wir vor der 4. Etappe: Jetzt greift die mächtigste Behörde ein — die Wassernot. Sie fordert, und sie wird erreichen, daß die erforderlichen Mittel auch wirklich bereitgestellt werden und daß überall die Reinigung soweit wie irgend möglich vorangetrieben wird. Sie wird durchsetzen, daß das Wort Abwasser nur noch einem vorübergehenden Zustand, nicht mehr einem Dauerzustand gilt.

 

 

  Der Chirurg bei der Arbeit   

 

Fanatismus ist die bequemste Art, Probleme zu lösen. Man folgt stur einer Idee und läßt keine Bedenken aufkommen. Man erteilt das Wort nur dem, der zustimmt. Es gibt bevorzugte Gebiete, auf denen der Fanatismus gedeiht. Eingriffe in die Natur zählen dazu. 

Wir wollen versuchen, gleichermaßen das Für und Wider mitreden zu lassen.

Jeder von uns wünscht sich die Natur so natürlich wie möglich: unberührt, unverändert durch den Menschen. Und doch wünscht auch jeder, satt zu werden und Nutzen zu ziehen aus den zivilisatorischen Errungenschaften. Der Mensch mußte in die Natur eingreifen, und er wird noch viel gewaltigere Operationen als bisher schon geschehen an der Natur vornehmen müssen um der immer steigenden Zahl der Einwohner willen.

Wo ist nun die Grenze? Wie weit darf der Ingenieur gehen? Wo schneiden sich die beiden Kurven, die Kurve, auf der der Nutzen des Eingriffes eingetragen ist, den solche Umbildungen bringen, und die Kurve, die den Schaden an der Landschaft und an dem Klima darstellt? Wo ist das »Halt«, bei dem die Schäden zu überwiegen beginnen?

Jeder Fall liegt verschieden. Nur das eine läßt sich generell sagen: Wenn der Mensch nicht um des Geldes willen Operationen plant und durchführt, wenn er immer nur die Gesundheit des Landes zu fördern trachtet, dann wird er auch seinem Namen Ehre machen und als »homo sapiens« ans Werk gehen. Dies gilt allgemein und für alle Eingriffe des Menschen. Aber wir müssen hinzufügen: Die Gesundheit des eigenen Landes darf nicht gefördert werden auf Kosten des Nachbarlandes.

Der Zivilisation ist die zwingende Tendenz inhärent, in die Extreme zu führen, auf welchem Gebiet dies auch sein mag, besonders deutlich aber bei der Verwendung des Wassers.


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Läßt man der Zivilisation ungehemmt ihren Lauf, dann wird dem Acker immer mehr Nahrung erpreßt, während man gleichzeitig alles tut, damit der kostbare Humus möglichst schnell in das Meer abgeschwemmt wird; dann wird der Bedarf an Reinwasser immer größer, während gleichzeitig das Angebot brauchbaren Wassers infolge Verschmutzung stetig abnimmt; dann wird jeder Wassertropfen kostbar, während man fortfährt, durch Dränieren, durch Begradigungen und Kanalisierungen dies wertvolle Gut so schnell wie möglich außer Landes zu schaffen und dem Meer zuzuleiten; dann werden dieselben Gebiete ebenso unter Dürre wie unter Hochwasser, unter Wassernot wie unter Wassersnot leiden. Dann wird eine eisige Bora mit glühenden Wüstenwinden wechseln.

So wird die Wasserwirtschaft geradezu zum Prüfstein werden für die Steigerung des Verantwortungsgefühls des Menschen.

Bisher sahen wir uns gezwungen, viel Negatives vorzubringen, Folgen mangelnder Kenntnis und vor allem Folgen eines schmalspurigen Denkens ohne Umsicht und ohne Neigung, die Auswirkung der Maßnahmen in ihrem vollen, weitreichenden biologischen Umfang zu erfassen, und daraus die Konsequenzen zu ziehen. Aber auch über gewaltige Leistungen durchaus positiver Art kann nun berichtet werden, über Erfreuliches, zur Zuversicht Aufrufendes, über Ergebnisse tiefer Einsicht und des Wunsches, mit der Natur zu arbeiten und nicht gegen sie.

Unser Planet ist klimatisch nicht ideal konstruiert, und der Mensch hat alles getan, um ihn von einem idealen Zustand noch weiter zu entfernen. Nun steht die gewaltig angewachsene Menschheit vor folgenden Problemen, die gelöst werden müssen: Zu wenig Wasser, zu ungleiche Verteilung des Wassers, zu starke Extreme in der Wasserführung und als Folge davon: ungünstige Veränderungen des Klimas, Entstehung von Wüsten und Vergrößerung der bestehenden Wüsten. Dazu kommt noch das Problem der fortschreitenden Verschmutzung der Gewässer, das um so dringlicher wird, je mehr sich das Reinwasser verknappt.

Die stärksten Niederschläge finden wir in den Tropen: im nördlichen Teil von Südamerika und in Mittelamerika bis zum 20. Breitengrad. Ferner im äquatorialen Bezirk von Afrika von 20° südlicher Breite bis 15° nördlicher Breite. Und schließlich auf den Sundainseln. Die Erwartung, daß hier die Verdunstung prozentual am höchsten sei, trifft nicht zu. Trotz der hohen Temperatur ist sie prozentual am geringsten, weil die Luft gesättigt ist mit Wasserdampf.

Das Resultat ist daher: Überschuß an Wasser in den Tropen. Dieser Überschuß kommt jedoch nur in einem einzigen Fall den wasserhungrigen Subtropen zugute. Orinoko, Amazonenstrom, Niger, Kongo und Sambesi bleiben innerhalb des tropischen Regengürtels. Nur ein Fluß läßt die Fülle seiner Wasser, die ihm die Tropen schenken, einem subtropischen und regenarmen Gebiet zugute kommen: der Nil. Auf diesem Weg durch ein Wüstengebiet verliert er durch Verdunstung 97 bis 98 % seines Wassers.


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Überschuß an Wasser gibt es außerdem noch da, wo infolge niederer Temperaturen die Verdunstung minimal ist: im Norden Nordamerikas, im Norden Europas und in Sibirien. Aber in diesen Zonen nützt das Wasser nicht viel, da bei Kälte nichts wächst. Alle übrigen Länderstriche haben keinen Überfluß, häufiger dagegen Mangel, zum Teil das ganze Jahr, zum Teil zu bestimmten Jahreszeiten.

Für diese Zonen liegen also zwei Probleme vor: 1. Wie geht man mit dieser Mangelware möglichst vernünftig um? 2. Läßt sich aus den Gebieten mit Überschuß für diese Gebiete Wasser herbeischaffen? Diese zweite Frage gewinnt immer mehr an Bedeutung.

Heute ist das Denken in Kontinenten auch auf wasserwirtschaftliche und klimabeeinflussende Maßnahmen übertragen worden. Man kann nicht darüber berichten, ohne auf den Pionier auf diesem Gebiete, auf Sörgel, hinzuweisen. Seine Afrikapläne mögen später vielen anderen Mut gemacht haben, gewaltige, beinahe phantastische Entwürfe anzugehen, auszuarbeiten und teilweise auch durchzuführen.

Letzten Endes münden alle hier aufgeführten Probleme in die Frage aus: Läßt sich das Wasser besser verteilen, und zwar nicht nur innerhalb kleiner Gebiete, sondern auch in kontinentalen Ausmaßen? Kann man ganze Flüsse ablenken und ihnen einen völlig veränderten Lauf aufzwingen? Werden wir dazu kommen, jedem Fluß an seiner Mündung die Frage vorlegen zu können: Was hast du geleistet? Hast du das Wasser da abgegeben, wo es nötig war, oder bist du für den Menschen ein unnützes Gebilde, weil der Mensch dich durch Verschmutzung, Verölung und Versalzung hierzu verurteilt hat? Werden wir es erreichen, daß der Fluß nicht mehr dazu da ist, das Wasser dem Meer zuzuleiten, sondern vor allem es zurückzuhalten und sinngemäß zu verteilen?

Und wenn die Erde umorganisiert ist, wenn in den geographischen Atlanten die Flußläufe keine Ähnlichkeit mehr mit denen erkennen lassen, wie wir sie gelernt haben, wenn die Erde solcherart durch den Menschen eine verbesserte Auflage erfahren hat, und wenn die Zahl der Menschen aber dann nicht mehr zunimmt, sondern wenn sie stark abnimmt? Und wenn damit das Interesse an rationellster Auswertung des Bodens und des Wassers verlorengeht? Wie viele hervorragende Bewässerungssysteme alter Zeiten sind schnell verfallen, als die Einwohnerzahl zurückging. — Doch wollen wir angesichts der kühnen Projekte solche Gedanken den Pessimisten überlassen.


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Sehen wir uns um, was der Mensch zur Verbesserung der Wasserverteilung bisher geleistet hat, was er projektiert hat, um es auszuführen, und welchen Wunschträumen er bereits eingehender nachgegangen ist, deren utopischer Charakter lediglich durch den Mangel an Geld bedingt ist.

 

Wenden wir uns zunächst den USA zu. Wie alles, so vollzog sich hier auch die Vernichtung — gesteigert durch die Ungunst des Klimas (Abb. 3 und 4) —, dann aber auch die Wiederherstellung eines normalen Wasserhaushalts in überdimensionierten Ausmaßen. Am bekanntesten wurde in dieser Hinsicht das Tennessee-Tal. Geradezu klassisch ist die Art zu nennen, wie der Mensch vorging, um die Natur zu stören und zu vernichten und sich selbst jede Lebens­möglichkeit zu nehmen. Klassisch aber auch, wie hier mittels der Technik das Land gerettet wurde.

Unbekümmert um die entstehenden Folgen wurden hier Wälder geschlagen, das Grundwasser vermindert und durch intensiven Ackerbau ohne Vorsichts­maßnahmen die Hangflächen der Erosion ausgesetzt. Die Fruchtbarkeit schwand mit dem abgeschwemmten Humus, und die Hochwasserschäden wuchsen von Jahr zu Jahr. Es ließ sich errechnen, wie schnell dieses ganze Gebiet sich durch Abschwemmungen des Humus in eine unfruchtbare, unbewohnbare Wüste umgewandelt haben würde.

Schon vor 1933 hatte die Wissenschaft sich intensiv mit dem Problem beschäftigt, wie die Hänge bewirtschaftet werden könnten, ohne der Gefahr der Erosion ausgesetzt zu sein. Man stellte Messungen an, die belehrten, wie das Anpflanzen von Staudenpflanzen (Mais, Kartoffeln, Hackfrüchte) die Erosion begünstigt, wie sich Grasstreifen, die zwischen die den Höhenlinien folgenden Ackerfurchen eingeschaltet waren, segensreich auswirkten. Denn man war sich klar, daß die Errichtung von 26 großen und vielen kleinen Stauseen nur eine begrenzte Zeit Hilfe bringen konnte, wenn nicht gleichzeitig alles getan würde, um eine schnelle Verschlammung der Stauräume zu verhindern durch Bekämpfung der Erosion und durch Wiederherstellung gesunder Grundwasser- und Ablaufverhältnisse, die eine weitgehendste Wiederaufforstung forderten. Man war sich klar geworden, daß man eine Hochwassergefahr nicht dadurch beseitigt, daß man das Wasser schnell ableitet, sondern dadurch, daß man dafür sorgt, daß Katastrophenhochwasser nicht mehr entsteht. Das Unheil begann bereits auf dem Acker. Hier mußte man auch mit den Sanierungsmaßnahmen einsetzen. Hier, schon im Niederschlagsgebiet, hat die gesunde Wasserwirtschaft zu beginnen, nicht erst im Bach und Fluß.

Heute, nach 20 Jahren, ist das Tennessee-Tal gerettet, mit elektrischer Energie reich gesegnet (10 Milliarden Kilowatt jährlich) und durch geregelte Schiffahrts­möglichkeit gefördert. Die Stadt Chattanooga wäre 1946 unter Hochwasserfluten verschwunden und völlig zerstört worden, wenn damals das Tennessee-Rettungsprojekt nicht schon fertiggestellt gewesen wäre. (Abb. 5.)


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Hier das Doppelgesicht der Zivilisation: Erst werden durch Raubbau solche Katastrophen, wie man sie früher nicht kannte, heraufbeschworen, dann wird — für viel Geld — in imponierender Weise das Rettungswerk durchgeführt.

Trotz der bedeutenden Dimensionen des Tennessee-Tals, gemessen an europäischen Verhältnissen, wirken die Zerstörung und der Wiederaufbau dieser Gebiete doch nur wie ein kleines Schulbeispiel gegenüber dem stark bedrohten Gebiet des Missouri und auch des oberen Mississippi. Hier waren gewaltige Planungen gefordert. Anstoß für das Riesenprojekt gaben einmal die immer wieder auftretenden verheerenden Überschwemmungen des Mississippi nach seiner Vereinigung mit dem Missouri, bedingt durch die rücksichtslosen Entwaldungen im Missourigebiet; außerdem aber auch die infolge der Dürre bedrohliche Steigerung der Winderosionen, durch die der umgebrochene Prärieboden in erschreckender Weise sich minderte. 800 Millionen Tonnen Staub (Humus) wurden jährlich bis über 2000 km windverfrachtet.

Mit der Durchführung des Projekts wird aber noch mehr erreicht werden als nur Verhütung von Überschwemmungen und von Winderosionen: Das kontinentale Klima dieses Gebietes wird gemildert durch Auffüllen des Grundwassers und durch Bewässerungsanlagen, die ihrerseits wieder die Vegetation fördern und dadurch wiederum die Feuchtigkeit erhöhen. Dieses Gebiet der Dürre mit seiner dünnen Besiedlung (z. T. zwei Einwohner auf 1 km2) wird zu einem normal fruchtbaren Land werden, letzten Endes dadurch, daß das Wasser weitgehend zurückgehalten wird. 

Betragen doch die Wasserschwankungen des Missouri heute noch bis zu 12 m, obwohl schon mehrere der geplanten 90 Stauseen fertiggestellt sind. Dies bedeutet immer noch eine starke Gefährdung der Schiffahrt. Der Südwesten der Missouri-Ebene kann heute schon in seiner Gesamtheit als eine Bewässerungs­landschaft bezeichnet werden.

Zu den Stauen und Bewässerungssystemen kommt noch eine intensive Aufforstung. 1942 wurden bereits 140 Millionen Bäume angepflanzt — ein Anfang.

Was die Bewässerung vermag, zeigen Erfolge in USA. Noch vor nicht langer Zeit, aber noch vor dem Bau von Bewässerungsanlagen, zahlte man in Arizona für den Hektar 60 Cents; heute 7000 Dollar. In der Mohave-Wüste stiegen zur gleichen Zeit die Preise von 2,5 auf 10 000 Dollar. Fünf Millionen haben sich seit dieser Zeit dort angesiedelt.


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Aber das gute Ende ist noch fern. Hat man doch die erschreckende Feststellung gemacht, daß im Südwesten und im Mittelwesten das Grundwasser weiter im Schwinden ist. Die Einwohnerzahl steigt, die Industrie stellt ständig neue Forderungen, die das Grundwasser nicht mehr zu erfüllen vermag. In Küstennähe schiebt sich bereits Meerwasser unterirdisch weit ins Land hinein. 1955 entströmte eines Tages der Wasserleitung von New Orleans Meerwasser. Allenthalben, im Mississippi- und im Missourigebiet, fällt das Gesundheitsbarometer des Landes, d.h. das Grundwasser, immer mehr.

Und welches Rezept wird man dem Patienten verschreiben? Speicherseen von gewaltigen Dimensionen müssen gebaut werden. Sie haben mit den Flußstauen nichts zu tun. Ob sie elektrischen Strom liefern, ist hier unwesentlich. Wesentlich aber ist allein, daß sie die eine große Aufgabe erfüllen, das Land zu retten, vor dem Untergang zu retten, durch Hebung des Grundwassers und Schaffung von Bewässerungsmöglichkeit über ein ganzes Trockenjahr hinweg. Oder sollen diejenigen recht behalten, die erklären: »Amerika scheint seine Schlacht um das Wasser endgültig zu verlieren!«

Das interessanteste, weil vielgestaltigste, insofern auch imponierendste Projekt, das weitgehend schon gefördert ist, betrifft die Westküste von Nordamerika. Hier wird mutig die Konsequenz daraus gezogen, daß die nördlichen Länderstriche einen Überfluß an Wasser, die südlichen ein Zuwenig davon haben.

Schon im Sacramento- und San-Joaquins-Tal macht sich dies bemerkbar. Der Sacramento fließt von Norden nach Süden. Ihm direkt entgegen kommt der San Joaquin River. (Abb. 7.) Kurz vor der Einmündung in die Bucht von San Franzisko vereinigen sich die beiden. Das Tal des Sacramento ist viel weniger breit als das des San Joaquin. Der Fluß ist wasserreich. Während eine Wassernot dort nicht besteht, war man in dem Tal des San Joaquin mit seinen überaus fruchtbaren, ausgedehnten Obstplantagen von jeher auf Erbohrung des Grundwassers angewiesen. Als aber immer mehr Bohrlöcher entstanden, wurde man mit Schrecken gewahr, daß man die Grenzen der Leistungsfähigkeit des Grundwassers überschritten hatte. Der Obstgarten Nordamerikas ging seiner Vernichtung entgegen.

Seit 1951 ist jede Gefahr beseitigt. Das Zuviel des Sacramentowassers darf nicht mehr unnütz in das Meer abströmen. Auch nicht seine Frühjahrshochwässer. Diese werden durch den Shasta-Damm in einem gewaltigen Speicher (5,5 km3) zurückgehalten. Nur ein Teil des verfügbaren Wassers wird während der Vegetationsperiode zur Bewässerung des Sacramento-Tals benötigt. Die Hauptmenge bleibt frei, um den unteren Teil des Joaquin-Tales wieder zu einem der fruchtbarsten Landstriche zu machen. Da das Sacramentowasser hierfür ausreicht, kann nun in dem oberen Teil jenes Tales das Wasser des San Joaquin restlos der Bewässerung dienen, so daß auch hier wieder die früheren Erträge erreicht werden.


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Um das Sacramentowasser dem großen Hangkanal (Delta-Mendota Channel) zuzuführen, muß es durch ein Pumpwerk 60 m hoch gehoben werden. Die Energie hierfür liefert das Shasta-Kraftwerk. Im oberen Teil des San-Joaquin-Tals wurde ein intensives Bewässerungssystem ausgebaut. Bei Friant wird der Fluß gestaut und das Wasser in einen Bewässerungskanal geleitet, der das ganze obere Tal im Osten entlangzieht.

Im Gebiet des Zusammenflusses beider Flüsse ist durch Überbeanspruchung des Grundwassers — wie weiter oben schon angeführt — schließlich Meerwasser nachgedrungen. Ein Kanal, der vom Pumpwerk nach Westen bis zur Mündung zieht, soll der Wiederherstellung gesunder Grundwasserverhältnisse dienen.

Die Rettung des San-Joaquin-Tales ist geglückt. Aber im Süden davon liegt ein Küstenstrich, der durch Los Angeles und Hollywood jedermann bekannt ist, und zwar bekannt als üppigster, paradiesischer Garten. Wohl besitzt dieser Küstenstrich fruchtbarsten Boden, aber er ist weitgehend auf künstlich zugeführtes Wasser angewiesen — eine richtige Treibhausschönheit. Regen kennt man dort kaum.

1300 km weiter im Norden strömt Wasser ungebraucht im Überschuß ins Meer ab. Dazwischen liegt das Sacramento- und San-Joaquin-Tal.

Zunächst lieh man sich vom Ovens River das Wasser aus. Dieser Fluß hat aber nur eine geringe Wasserführung, viel zu gering, um Los Angeles und die ganze Umgebung mit Wasser zu versorgen. Zur Ergänzung hatte man aus dem Gebirge noch einige Leitungen angelegt. Aber diese Quellen gingen mit ihrer Schüttung zurück, während der Wasserbedarf in die Höhe schnellte. Nun wandte man sich dem 400 km im Osten fließenden Colorado zu. Der Parker-Damm bot die Möglichkeit der Überleitung. Doch verursachte sie mancherlei Schwierigkeiten. Die Ingenieure aber taten alles, um das Paradies zu retten. Der feine Sand der Wüste vermochte stellenweise das gewaltige Gewicht des Kanals nicht zu tragen. Man goß Öl in den Sand und konnte nun diesem Ölkuchen den Kanal ruhig anvertrauen. Mit Hebewerken, Sammelbecken, Umwegen und Tunnels von insgesamt 136 km Länge wurde die 3000 m hohe Gebirgsmauer überwunden. Der Kanal wurde auf diese Weise 1300 km lang. 1936 war die Zuleitung fertig.

Der Wasserbedarf aber steigt weiter. Der Colorado hat jedoch unterdessen mehrere Liebhaber gefunden. Denn er fließt ja durch ein ausgedehntes Dürreland. Hier war an eine weitere Ergänzung nicht zu denken.


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Also ging der Blick nach Norden. Dort fließt nördlich des Mt. Shasta der kurze, aber sehr wasserreiche (300 m3/sec) Klamath R. dem Meere zu. Durch einen 250 m hohen Damm soll der Fluß in der Nähe der Mündung aufgestaut werden. Von hier würden dann 200 m3/sec durch einen Tunnel dem Sacramento zugeführt und dann weiter über die Wasserscheide gepumpt werden, die den San Joaquin vom Ovens trennt, und damit dem Gebiet von Los Angeles zugute kommen. Allerdings, 3 Milliarden Dollar verschlingt dieses Projekt. Es ist aber von maßgebender Seite darauf hingewiesen worden, daß dies »nur« ebensoviel ist wie die Summe, die der Koreakrieg in 20 Tagen benötigte. Hier aber werden dadurch 800.000 h fruchtbaren Bodens gerettet.

Aber der Ingenieur macht am Klamath R. noch nicht halt. Der Blick richtet sich noch weiter nach Norden auf den Columbia R. Doch man ist allenthalben wach geworden und weiß, was für einen Schatz das Wasser bedeutet. Wenn nun ein Staat Wasser im Überfluß hat, ein anderer aber unter Dürre schwer leidet, ist hier die Regierung in Washington ermächtigt, einzugreifen? Leiden doch die Vereinigten Staaten auch im ganzen darunter, wenn einzelne Staaten verelenden. Der Columbia River hat erneut dieses Problem lebendig werden lassen, das schon beim Colorado eine Rolle spielte. Denn der Columbia R. ist Grenzfluß zwischen Washington und Oregon, und das Wasser soll nach Kalifornien abgeleitet werden. Die Juristen der Universität Kalifornien beschäftigen sich lebhaft mit der rechtlichen Seite des Projektes.

1500 km Luftlinie sind es vom Columbia R. bis Kalifornien. Es kostet viel Geld, den Überfluß des Nordens nach dem darbenden Süden zu bringen. Aber das Wasser lohnt. Wasser ist der kostbarste Stoff — da, wo er fehlt.

Afrika! Was ließe sich schon an solch einem Weltteil verbessern, der in seinen mittleren Partien ein Klima aufweist, das dem Weißen gestattet, nicht anders als ambulant seine Geschäfte dort zu betreiben? Ein Weltteil, der zum großen Teil aus Wüsten besteht, von denen die Sahara eine Ost-West-Ausdehnung von nahezu 5000 km aufweist. Wüsten aber können wachsen wie Karzinome; durch das eigene Gift, durch die glühenden Trockenwinde vernichten sie das angrenzende gesunde Land. Verspürt man doch den heißen Wüstenwind, oft beladen mit feinsten schwachrosa gefärbten Staubteilchen — als Schirokko bekannt — bis über die Alpen. Glücklicherweise liegt das Mittelmeer dazwischen und nimmt ihm seine extreme Trockenheit, die sonst ganz Südeuropa gefährden würde.


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Und doch, gerade dieser Erdteil hatte es Sörgel — dem Pionier großräumiger Wasserwirtschaft — angetan, Afrika mit seinen wasserreichen Flüssen, dem Niger, dem Kongo, dem Sambesi und dem Nil, um nur die größten zu nennen. Sie alle entspringen in der niederschlagsreichen tropischen Zone, und sie verlaufen auch alle mit Ausnahme des Nils innerhalb dieses Regengürtels. Aber sie sind nicht nur wasserreich, meist fließen die Quellflüsse auf Plateaus, die etwa iooom hoch sind. Die Abstürze erfolgen dann häufig über Terrassen und bieten sich zur Ausnutzung der Kraft geradezu an. Man erwartet, daß Zentralafrika etwa 40% der elektrischen Energie der ganzen Erde liefern kann — wenn nicht sogar 50% und darüber1. (Abbildung 8.) 

 

 

 

Es ist also doch wohl zu verstehen, daß Sörgel Afrika besonders interessant fand, wobei er Europa und Afrika zu einer Einheit zu verbinden bestrebt war. Zunächst sollte durch eine Staumauer bei Stanley Pool (370m u.d.M.) der wassergewaltige Kongo gestaut werden, so daß das Kongobecken im Norden nach dem Tsadsee überfließt. (Besser wohl würde man von Stanleyville einen Hangkanal zum Tsadseebecken führen.) Dadurch würde dieser sonst dem Untergang geweihte, meist nur 2 m tiefe (größte Tiefe 7 m) See nicht nur gerettet, sondern auf ein Vielfaches seiner Größe gesteigert werden.

Strub-Roeßler konnte die Abflüsse und damit die Höhe des einstigen Tsadmeeres bei etwa 360m u.d.M. ermitteln, woraus die Umgrenzung festgestellt werden konnte, die das Meer vor noch etwa 20.000 Jahren gehabt haben muß. Die Wiederherstellung der eingegangenen Gewässer Mittel- und Nordafrikas muß (nach ihm) ihren Ausgang nehmen: erstens von der teilweisen Umleitung des Niger in sein ursprüngliches Bett und zweitens von der Auffüllung des Kongomeeres. (Abb. 9.)

1)  Der Amazonenstrom hat von dem Fuß der Anden bis zum Meer ein Gefälle von weniger als 0,005 %.  


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Der Niger nahm bis vor etwa 12 000 Jahren von Timbuktu aus den Lauf in nördlicher und dann in westlich-südwestlicher Richtung, wobei er vier mächtige Becken in Seen verwandelte und sich dann nahe des 18. Breitengrades in den Atlantik ergoß. Mit dem Verschwinden dieser Seen und der Schrumpfung des Tsadmeeres (Tschadsee) begann die Verwüstung Nordafrikas.1) 

 

Hier findet Strub die völkerverbindenden Arbeitsprogramme Europas mit der Möglichkeit, Siedlungsraum für einige hundert Millionen Menschen zu schaffen.

Das Mittelmeerprojekt von Sörgel sieht eine Absperrmauer bei Gibraltar, zwei Staumauern zwischen Afrika und Sizilien und zwischen Sizilien und dem Festland (bei Messina) und eine bei Gallipoli vor. Da das Mittelmeer weniger Wasser aus den Flüssen erhält, als es verdunstet, kann man seinen Spiegel absinken lassen, und zwar im westlichen Teil um 100, im östlichen Teil um 200 m. Diese Höhendifferenzen gestatten, Kraftwerke von ungeheurer Leistung zu errichten; das von Gibraltar könnte allein 20mal soviel PS liefern wie der gesamte Niagarafall. Durch diese Absenkungen würden große Flächen fruchtbaren Landes gewonnen und Europa mit Afrika durch eine Landbrücke verbunden werden. Aber gegen dieses Projekt bestehen mancherlei schwerste Bedenken.

1)  Die Sahara der Altsteinzeit muß ein »Paradies gewesen« sein. H. Weis.


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Vor 25 Jahren kam der Franzose Savornin zu der Annahme, daß sich unter der Sahara 500 m tief ein gewaltiges Grundwasserbecken von der Größe ganz Frankreichs hinziehe. Neuere Untersuchungen lieferten teilweise eine Bestätigung. Daraufhin wurde von der französischen Regierung mit der Schaffung von Oasen durch Bohrbrunnen begonnen. Insgesamt sollen 200, nach anderen Angaben sogar 1500 solcher Brunnen und damit ebenso viele Oasen angelegt werden, eine jede so groß, daß sie 1000 Menschen Lebensmöglichkeit bietet. Starke Energiequellen wären hierfür nötig.

Der Schatz des Grundwassers, die »Savorninsche Flasche«, hat sich aber als nicht unerschöpflich und als nicht sehr ausgedehnt erwiesen. Neue Bohrungen haben bereits zum Absinken des Grundwassers geführt. Es würde also jede neue Oase von den schon bestehenden Brunnen zehren. Das bedeutet: Man ist bereits bei einer Überbewirtschaftung angelangt. Das ausgedehnte Grundwassermeer hat eine Tiefendimension von nur 20 m.

Bis jetzt ist die Bilanz des Kampfes mit der Wüste negativ. Tausende wandern jährlich aus, um nicht zu verhungern. Die Wüste wird menschenleer, auch da, wo früher Rinderzucht betrieben wurde und Krokodile die längst versiegten Gewässer bewohnten. Der Trans-Sahara-Autoverkehr kann nicht darüber hinwegtäuschen. Die Wüste wächst. Vorderhand ist sie mächtiger als die Technik.

Im Osten und Süden Afrikas werden die verfügbaren Wasserkräfte geprüft und ihr Ausbau erwogen. Ein großes Nilprojekt soll in 20 Jahren fertiggestellt sein. Es liefert nicht nur Energie. Auch die Bewässerungsmöglichkeit soll dadurch so gesteigert werden, daß statt nur einer Ernte wie bisher zwei bis drei zu erwarten sind, und daß überdies das zu bebauende Land sich in Ägypten um ein Viertel und im Sudan um die Hälfte vermehrt. Durch die Staue am Victoria-, Kioga- und Albertsee einerseits und durch die im Gebiet des Blauen Nils andererseits können regionale Unterschiede der Niederschläge ausgeglichen werden. Das gewaltigste Projekt ist das bei Saad el Ali. Hier können 165 Milliarden m3 Wasser gestaut werden (mehr als dreifaches Fassungsvermögen des Bodensees und fünffaches des Boulder-Dammes, des bisher größten Staubeckens). Eine Verschlammung ist nicht vor 500 Jahren zu erwarten. Hiermit will sich Ägypten wasserwirtschaftlich unabhängig machen vom Sudan, falls die Verträge eines Tages nicht mehr gelten. Der Stau reicht 150 km in sudanesisches Gebiet hinein, so daß die Stadt Wadi Haifa mit etwa 50 000 Einwohnern 60 m tief unter Wasser käme. Eine Umsiedlung wäre nur eine Geld-


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frage. Bedenklicher ist, daß die etwa 4000 km2 große Oberfläche (der Bodensee hat eine Fläche von 540 km2) jährlich 10 Milliarden m3 Wasser verdunsten würde. Dies könnte in der Wasserführung des Nil spürbar werden (eine Minderung von 300 mVsec). (Abb. 10 und 11.)

Die Dungstoffe des Blauen Nil fallen infolge der Stauung des Tanasees nicht mehr so reichlich an. Der Tanasee wird allmählich verschlammen.

Unter dem Nil zieht auf 900 km in einer Tiefe von 100 bis 300 m ein gewaltiger Grundwasserstrom hin, der genutzt werden kann.

Etwas eigenartig liegen die Verhältnisse in dem ehemaligen Paradies der Menschen, in dem Zweistromland. Nur solange die Bewässerungsanlagen instand gehalten wurden, funktionierte das Paradies. Nachdem Timur Lenk in großen Teilen dieses Gebietes die Menschen mit einer erschreckenden Gründlichkeit ausgerottet hatte, verfielen die Anlagen. Jetzt sollen sie wieder erstehen. 11 Staue am Tigris und 3 am Euphrat sind geplant. Außerdem will man Eintiefungen des Geländes von bedeutenden Dimensionen, die in der Nähe der beiden Flüsse liegen, in die Wasserwirtschaft mit einbeziehen. Die Hochwässer sollen dort z. T. aufgefangen und soweit als möglich aufbewahrt werden. Allerdings muß man damit rechnen, daß hier viel durch Verdunstung und Versickerung verlorengeht.

Mit diesen Stauen soll in erster Linie eine Flutkontrolle erreicht werden. An zweiter Stelle steht der Ausbau eines Bewässerungssystems, dem auch Entwässerungsmöglichkeiten angeschlossen werden sollen. Die bebaubare Landfläche würde von 3,25 Millionen Hektar auf 5,5, also rund um zwei Drittel steigen. Die Elektrizitätsgewinnung spielt vorderhand eine untergeordnete Rolle.

Ungewöhnlich sind die Hindernisse, die sich diesem gewaltigen Projekt entgegenstellen. Geld — spielt keine Rolle. Das öl liefert die erforderlichen 3 50 Millionen Pfund. Aber die Bauern sind in zu geringer Zahl vorhanden, um diese Produktionsmöglichkeiten auch wirklich auszunützen. Und noch mehr als die Zahl der Bauern (etwas über 3 Millionen) fällt ihre Rückständigkeit ins Gewicht. Wären sie mit den entsprechenden Bebauungsmethoden vertraut, oder dürfte man wenigstens sicher sein, daß sie für die Technik einer rationellen Landwirtschaft aufgeschlossen werden können, dann schiene dieser Gesamtplan viel eher verheißungsvoll. So aber besteht die Gefahr, daß man für große Summen ein kostbares Instrument schafft, das hinterher von niemandem gespielt werden kann. Man wird hier zögernd vorgehen müssen und immer eingedenk sein, daß der Minimumfaktor durch die Zahl und die technische Aufgeschlossenheit der Bauern gegeben ist. Auch hier kann Geld im Überfluß verhängnisvoll werden.


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Vor 300 Jahren noch war Rußland stark bewaldet. Heute dehnt sich im Südosten der Sowjetunion ein Gebiet von rund 3 Millionen km2 aus, das aus Steppe, Halbwüste und Wüste besteht. Es hat die Form eines Dreiecks, dessen Spitze sich über den Dnjepr vorschiebt und dessen Basis von der Nordgrenze Afghanistans bis über die Hungersteppe, also bis zur Wasserscheide der nach Sibirien abfließenden Gewässer führt. (Tafelbild 13.) Der Winter ist hier niederschlagsarm; der Sommer bringt nur den Landstrichen westlich des Kaspischen Meeres etwas mehr Niederschläge. Die hohen sommerlichen Temperaturen bedingen eine schnelle Verdunstung. 

Wohl hat man nördlich des Aralsees und des Kaspischen Meeres in einer Tiefe von 300 m ein ergiebiges Grundwasserbecken festgestellt. Die Zahl der bisher erbohrten 700 Brunnen soll auf 3000 erhöht werden. Wenn auch damit erheblich mehr Vieh gehalten werden kann, so ist diese Maßnahme doch nur als recht bescheiden zu bezeichnen, gemessen an dem, was durch optimale Wasserversorgung des ganzen Gebietes erreicht werden könnte.

Man hat daher mit umfassenden Projekten dieses Problem angegangen. 1950 stimmte das Ministerkabinett der Ausführung eines Planes zu, der neben der bereits begonnenen Aufforstung große Staue vorsieht, die es gestatten, weite Gebiete zu bewässern, Großteiche mit Wasser zu versorgen und Energie zu liefern. Mit Hilfe der zwei Staudämme, des einen am Wolgaknie, dessen Stau bis nahe an Kasan heranreichen wird, und des zweiten bei Stalingrad, wird eine Bewässerung von über 12 Millionen ha durchgeführt werden können. Auch die Aufforstung wird dadurch sehr begünstigt.

Nun senkt sich aber der Spiegel des Kaspischen Meeres immerzu, in den letzten 15 Jahren wieder um 1,2 m. Dieser Prozeß wird durch die Verwendung des Wolgawassers zum Bewässern und zum Ausfüllen von Großteichen erheblich beschleunigt werden. Man konnte also nicht an den Ausbau des Projekts gehen, ohne sich zu vergewissern, wie dem Kaspischen Meer Ersatz für den Ausfall von Wolgawasser geboten werden kann. 

Dies hat sich als möglich erwiesen, allerdings auf Kosten des Aralsees, und zwar dadurch, daß der Amu Darja in seinem Unterlauf gestaut und ein Teil seines Wassers dem Kaspischen Meer zugeführt wird (Turkmenen-Kanal). Der Verlust für den Aralsee aber wird noch größer, und der Gewinn für das Kaspische Meer gemindert dadurch, daß ein namhafter Teil des Flußwassers schon vorher zur Bewässerung der Sandwüste Kara-Kum südwestlich des Amu Darja verwendet werden soll. Nördlich des Amu Darja gestattet ein Stauen des Serafschan, 400.000 ha zu bewässern. Schließlich wird auch dem oberen Syr Darja Wasser entnommen, um 300.000 ha Baumwollkulturen zu bewässern. 8,3 Millionen ha fruchtbares Land hofft man so zu gewinnen. Die starken Bewässerungen würden das Schrumpfen des Aralsees klimatisch wohl ausgleichen. Aber die fortgeschrittenen Arbeiten am Turkmenen-Kanal wurden 1953 nach Stalins Tod unterbrochen und bis heut nicht wieder aufgenommen.


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Energiegewinnung, Umwandlung von Halbwüsten in gutes Weide- und Ackerland, Anlage von Schiffahrtswegen und Milderung des Kontinental- und des Wüstenklimas, all das soll erreicht werden durch bessere Verteilung des vorhandenen Wassers. Aber es bleibt die harte Tatsache bestehen, daß eben doch schließlich zu wenig Wasser vorhanden ist, wenn auch die Verkleinerung des Aralsees nicht so sehr bedenklich ist.

Hier setzt nun der grandiose Plan von Davydov ein. Das Wasser, das in Sibirien im Überfluß dem Nordpolarmeer zuströmt, soll dorthin gelenkt werden, wo jeder Kubikmeter kostbar ist, in das Gebiet des Aralsees und des Kaspischen Meeres, um die Hungersteppe fruchtbar zu machen.

Während die Wiederaufforstung Südrußlands bzw. die Bildung großer Waldschutzstreifen bereits im Gange ist, hat der Plan Davydovs nach wiederholter Prüfung durch die verschiedensten Stellen immerhin schon eine offizielle Genehmigung durch das Ministerium für Kraftwerke gefunden. Damit besteht Aussicht, daß er in das Regierungsprogramm aufgenommen wird, wenn auch ein baldiger Baubeginn nicht zu erwarten ist.

Am Ob soll unterhalb der Einmündung des Irtysch ein Staudamm, dessen Krone 78 Meter unter dem Meeresspiegel liegt, einen Stausee von 250.000 qkm Fläche erstehen lassen — etwa 45x so groß wie der Bodensee. Tobolsk müßte wohl eingedämmt werden. In gleicher Weise soll der Jenissei unterhalb der Einmündung der Steinigen Tunguska gestaut werden und sein Wasser, soweit es nicht an der Staumauer durch die Turbinen läuft, in den Obsee hinübergeleitet werden. Ein Drittel des Wassers beider Flüsse sollte dann nach Süden, dem Aralsee zufließen, um dort insgesamt etwa 60 Millionen Hektar Land fruchtbar zu machen und Energie zu liefern. Hierzu ist es notwendig, die Wasserscheide zwischen Sibirien und dem Aralseegebiet, die Turgaischwelle (120 m hoch), zu überwinden. Der Spiegel des Ob-Jenissei-Sees liegt etwa 70 m u.d.M. Der Kanal müßte somit am höchsten Punkt 80 m tief ins Gelände einschneiden. Bei einer mittleren Breite von 300 m (!) ergibt dies ein der Dimension nach bisher von Menschen noch nie vollbrachtes Werk.

Man hofft damit im Aralseegebiet für 100 Millionen Menschen neuen Siedlungsraum zu gewinnen. Es ist nicht zu bezweifeln, daß damit das Klima von ganz Südrußland günstig beeinflußt wird und daß bis nach Mitteleuropa die Trockenheit der Ostwinde gemildert werden kann.


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Wird unser Planet solch tiefgreifende Operationen ohne deutliche Reaktionen hinnehmen? Wenn in der Sekunde 20.000 m3 Wasser nach Süden statt nach Norden fließen, wenn also die Masse in Richtung des Äquators in gleicher Weise vermehrt, wie sie in Polrichtung vermindert wird, werden dann die feinsten Messapparate nicht feststellen, daß die Erdumdrehung sich ändert, wenn auch nur um Bruchteile von Sekunden? 

Und wenn der Süßwasserzufluss zum Nördlichen Polarmeer so wesentlich gemindert wird, muß dann nicht das Fehlende durch Zustrom von Meerwasser ersetzt werden, und zwar durch Wasser des Golfstroms? Damit würde nicht nur Sibirien, sondern auch Nordeuropa ein milderes Klima erhalten. Möglich, daß dann Südostgrönland an Wärme ebensoviel verloren geht, wie Europa und Sibirien gewinnen. Eine Klimaverschiebung in grandiosem Ausmaß.

Die bisher nach Norden fließenden Wassermassen des Ob und Jenissei kommen bisher von Orten höherer Rotationsgeschwindigkeit und bewegen sich nach solchen von geringer Geschwindigkeit. In Zukunft würde das Gegenteil der Fall sein. Auch dadurch könnte unser Planet gestört werden. Doch würde hier durch den verstärkt zuströmenden Golfstrom, der von Südwest kommt, ein Ausgleich geschaffen werden.

Aber auch wenn unsere Uhren dann innerhalb mehrerer Tage um eine Sekunde fehlgehen sollten — auch die Ausnützung der Energie von Ebbe und Flut würde die Rotationsgeschwindigkeit mindern —, der gigantische Plan von Davydov würde sich weit über die direkt betroffenen Gebiete hinaus segensreich auswirken.

Schließlich muß aber noch an eine andere Auswirkungsmöglichkeit gedacht werden. Im Verein mit der Aufforstung wird das Davydovsche Projekt Südrussland niederschlags­reicher machen. Auch das Schwarze Meer und damit das Mittelmeer würden dies verspüren. (Von manchen bestritten.) Wie sich dies an der Enge von Gibraltar und gegenüber dem hier anprallenden Golfstrom auswirkt, kann wohl auch von Fachleuten nicht mit Sicherheit vorausgesagt werden. Möglich, daß eine Verstärkung des Tiefenstroms, der von Ost nach West fließt, zusammen mit der entstehenden Saugwirkung des Polarmeeres den Golfstrom in stärkerem Maße nach Norden abbiegt und das Mittelmeer kühler werden läßt.

Ein solches Riesenwerk hat meist zahlreiche, durch Atombomben verwundbare Stellen. So wäre seine Durchführung auch im Sinne einer Friedens­garantie zu begrüßen. Je mehr derartige Projekte in kontinentalen Ausmaßen durchgeführt werden, um so zwingender wird dem Menschen die Schicksals­gemeinschaft aller vor Augen geführt.

Neuerdings plant man, auch die zum Eismeer abströmenden Flüsse, die Petschora und die Wytschegda, durch Staue zu zwingen, nach Süden über den Kamafluß der Wolga ihre Wasser zuzuleiten. Doch sind diese Wassermengen gering gegenüber denen, die durch den Davydovplan gewonnen würden.

Eine Klimaverschiebung ist zugunsten des nun eisfreien Hafens von Wladiwostok bereits dadurch erreicht worden, daß die kalte Strömung aus dem Ochotskischen Meer durch einen Damm, der den Nordteil der Insel Sachalin mit dem Festland verbindet, verhindert wird, in das Japanische Meer einzudringen.

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