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Ausverkauf der Bodenschätze   

 

 

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Schlagen wir im Brockhaus nach, was man 1929 unter Mangelware verstand, so stellen wir fest, daß es anscheinend damals diesen Artikel noch gar nicht gab. Und noch weniger vor 50 Jahren. Damals lebte man ohne Mangelware und ohne Engpässe unverantwortlich glücklich dahin. Denn daß eine nicht vorhandene Ware einen Engpaß bilden kann, auch das war Brockhaus im Jahre 1929 noch nicht bekannt. 

Heute aber ist es nicht nur der Magen von zwei Drittel aller Menschen, der täglich den Mangel an Ware, den Fett- und Fleischengpaß, verspürt, sondern ebenso auch die Industrie.

Man ging daher dazu über, eine Bestandsaufnahme unserer Bodenschätze aufzustellen, und man mußte mit Sorgen erkennen, daß manche Lager wichtiger Substanzen schon bei heutigem Bedarf nur noch eine begrenzte Lebensdauer haben werden. Die beängstigend schnelle Vermehrung der Menschen nimmt aber keine Rücksicht auf Schwinden und Verschwinden wichtiger Bodenschätze — wenigstens heute noch nicht. Je mehr Menschen, um so hinfälliger unsere Lage.

Schließlich werden alle konzentrierten Lager von Bodenschätzen aufgebraucht sein und die betreffenden Stoffe hinterher, für uns nicht mehr gut greif- und faßbar, in der Welt zerstreut sein, oder aber auch, sie werden, chemisch umgewandelt und zersetzt (Kohle, Benzin usw.), ihren Wert für die Menschheit verloren haben.

Beginnen wir mit dem Holz

Dieser Urstoff ist dem Menschen unentbehrlich geworden. Was produzieren die Wälder jährlich, und was wird verbraucht? Nur etwa die Hälfte aller Wälder — in Afrika nur ein Drittel — ist zugänglich und kann bewirtschaftet werden. Diese bewirtschafteten produzieren 2400 Millionen m3. Der Einschlag beträgt aber nur 1400 Millionen m3. Also: kein Raubbau. Allerdings kommt zu dem Menschen noch ein anderer, unkontrollierbarer Konsument: der Waldbrand. 


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In Nordamerika, wo das Wach- und Meldesystem vorzüglich ausgebaut ist, muß man dennoch jährlich mit gewaltigen Verlusten rechnen. 1944 wurden 100.000 km2 durch Brand vernichtet, eine Fläche, die ungefähr Bayern entspricht. In Chile vernichten die Waldbrände jährlich etwa zehnmal soviel Holz, als der Einschlag beträgt. Und die Schädlinge vernichten noch mehr als das Feuer.

Ein anderer Feind: Die Vernichtung der Waldbestände durch die Zivilisation wird weitergehen. Vor allem aber wird der Bedarf enorm steigen. Man kalkuliert, daß in USA der Bedarf an Zellstoff- und Papiererzeugnissen pro Kopf der Bevölkerung pro Jahr bis zum Jahr 1975 von 175 kg auf 242 kg gestiegen sein wird. Dazu kommt die Zunahme der Einwohner. 

Sehr viel ausschlaggebender aber wird das Anwachsen des Bedarfs bei primitiven Völkern sein, die heute nur 9, zum Teil nur 1 bis 2 kg pro Kopf und Jahr benötigen. Wenn der Neger und der Polynesier dereinst auch hinter einer überdimensionierten Zeitung verschwindet, wenn er wünscht, Morde, Skandale, Katastrophen und Hochzeiten Prominenter wohl illustriert vorgesetzt zu bekommen, so wird der Wald dies sehr stark zu verspüren bekommen. Wohl lassen sich in den Tropen Eukalyptuswälder in 10 bis 15 Jahren aus dem Boden stampfen. Aber wie lange wird der immer abgeerntete Boden seine Liefersoll erfüllen können?

Die Produktion von Nadelhölzern verhält sich zu der von Laubhölzern wie 7:12. Der Weltverbrauch besteht aber zu 85% aus Nadelholz. Aber immerhin, über die Hälfte der Wälder steht noch in Reserve, und mit dem Bewirtschafteten wird sparsam umgegangen. Dafür sorgen die Förster. Der Wald läßt sie zu konservativen Konservatoren werden.

 

Die Kohlenvorräte der Bundesrepublik werden in 100 Jahren, die der Welt in 250 Jahren — andere geben 400 und auch 1800 Jahre an — erschöpft sein. Präzisere Schätzung ist nicht möglich. Der Bedarf steigt enorm.

Im Jahre 1900 lieferte die Kohle 97% der Energie. Heute etwa 50%. Man darf aber nicht vergessen, daß die Kohle nicht nur Energiespender ist, sondern auch Ausgangsmaterial für viele eminent wichtige Stoffe. Dies läßt den Schwund der Kohlenlager viel bedenklicher erscheinen als die Minderung der Energiequelle.

Die Erdölreserven in Nordamerika betragen 4 ½ Milliarden Tonnen. Die von Westeuropa 200 Millionen Tonnen. Die Sahara scheint auch namhafte Mengen zu bergen. An Erdgas sind in der USA etwa 6300 Milliarden m3 vorhanden.

All diese Reserven werden etwa in 100 Jahren erschöpft sein. 


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Auch hier gilt die Hauptsorge nicht dem Erdöl als Energiequelle, sondern der Bedrohung der weitverzweigten Petrochemie. Und auch hier kann man kaum hoffen, daß der Erfindergeist des Menschen in namhaften Mengen Erdöl künstlich wird herstellen können. Energiebeschaffung macht keine Sorgen. Ausnützung der Atom- und Strahlungsenergie der Sonne werden Ersatz liefern. Aber der Rohstoff Kohle und Erdöl wird der Chemie fehlen.

Wenn auch die Kohlenlager noch Hunderte von Jahren, die Erdöllager noch 100 Jahre aushalten werden, wir können, wenn wir die verschiedenen anderen Bodenschätze und ihre bedenklich kurze Lebensdauer hinzunehmen, uns doch des peinlichen Gedankens nicht erwehren, daß wir in das Zeitalter der Erschöpfung der Bodenschätze eingetreten sind.

Phosphor ist für alle Organismen lebenswichtig. Man hat die Vorräte für unerschöpflich gehalten. Die Produktion der Lebensmittel ist gestiegen, nicht aber auch ihre Qualität. Im Gegenteil. Schon wird auf ein Absinken der Vollernährung infolge Verschlechterung der Nahrung hingewiesen. Ohne Phosphor kein Leben für die Pflanze. Sie duldet hier keinen Ersatz. Sie besteht auf Phosphor.

Phosphordüngung ist also unerläßlich. Sechs Kilogramm Phosphor müssen pro Kopf und Jahr dem Acker zur Verfügung stehen. Die abbauwürdigen, d. h. mindestens 5% Phosphor enthaltenden Erze betragen rund 500 Milliarden Tonnen. Rechnet man in den nächsten Hunderten von Jahren mit einer Bevölkerung von 10 Milliarden — in 200 Jahren werden schon 18 Milliarden erwartet —, so kann man mit einer Lebensdauer der Phosphorvorräte, falls die Erze durchschnittlich 10% enthalten, von etwa 800 Jahren rechnen. Dies ist eine lange Zeit; wenn sie aber den Hungertod der Menschheit bedeutet, doch beängstigend kurz. Wenn man also heute liest: Phosphor macht uns keine Sorgen, so klingt dies etwas egoistisch.

Daß der kernphysikalische Aufbau des Phosphors aus Aluminium uns dann alljährlich 20 bis 30 Millionen Tonnen produziert, bleibt als Hoffnung vorderhand bestehen.

Wenn die Bauxitlager in 100 Jahren erschöpft sind, wird Magnesium an Stelle von Aluminium treten. Magnesium und Brom ist in beliebigen Mengen aus dem Meer zu gewinnen.

Eisenerz wird etwa noch 500 Jahre reichen bei gleichbleibendem Verbrauch. Im Hinblick auf die Geschichte der Menschheit eine kurze Zeitspanne. Und dann? Flucht in die Bronzezeit? Die Kupferminen sind aber dann auch schon erschöpft.

Eine steigende Nachfrage liegt auch bei Quecksilber vor. Vor allem sind es neue Verwendungsmöglichkeiten, die dazu führen. Die Lager in Rußland (im Donezgebiet), ebenso die in Kalifornien, sind bereits nahezu erschöpft. Der Bedarf aber steigt ständig.


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Den Kupferreserven gibt man eine Lebensdauer von nur 70 Jahren. (Die Antarktis ist noch nicht erforscht.) Dem Zink gibt man nur noch 35 Jahre. Zitrusfrüchte brauchen Spuren von Zink, sonst verkümmern Blätter und Früchte. Ein verzinkter Nagel in den Baum geschlagen, schützt bereits vor dieser Krankheit.

Kobalt — es wurde schon davon gesprochen (p. 40) —, das in großen Teilen Australiens als Minimumstoff erkannt ist, belehrt uns, wie plötzlich die Nachfrage nach einer Ware um das Vielfache ansteigen kann. An Kobalt werden aber nur 12 bis 13 000 Tonnen im Jahr gefördert.

Groß aber wird die Nachfrage werden nach Substanzen jeder Art, die nicht durch des Menschen Tätigkeit mit der Zeit radioaktiv werden. So wird alles zur Mangelware werden. Man hat daher in England vorgeschlagen, gewaltige Lager zu errichten, in denen die dort aufgestapelten Vorräte vor Radiumbestrahlung geschützt bleiben. Der Ernst der Situation erhellt auch daraus, daß nun schon mehrfach bewiesen wurde, daß nach Atomexplosionen in Nevada im Bundesgebiet radioaktive Niederschläge von erheblicher Intensität erfolgten. Dabei ist zu bedenken, daß es sich bisher nur um ganz vereinzelte Explosionen handelte und daß bei Häufung, selbst bei mäßig langen Halbwertzeichen, eine Summation eintreten wird.

Wo aber gehen alle die Kostbarkeiten oder die, die es in 100 Jahren sein werden, hin? Und gehen sie unwiederbringlich, nicht mehr faßbar dahin? Zum Teil werden sie von der Zivilisation verschlungen: als Maschinenteile, als Installation jedes Hauses, als Röhrensystem, das die Eingeweide jeder Stadt bildet, kurz, sie gehen nicht ganz verloren und können als Altmetall usw. zum Teil wiedergewonnen werden. Andere Teile gehen in die Luft, und die gewaltigsten Mengen gehen mit dem Abwasser ins Meer, in die Mündungsgebiete der großen Flüsse.

Die Lager in der Erdrinde werden aufgezehrt; mit Geigerzählern könnte man ihren Weg bis in die Schelfgebiete verfolgen. Hier in den Schelfgebieten, die noch zu dem Kontinentalblock gehören, die meist nur 50 bis 100, höchstens 200 m tief sind, findet man eine höhere Konzentration der wertvollen Mineralien vor allem dann, wenn Flüsse einmünden. Daher die größere Fruchtbarkeit der Schelfgebiete. Hier gibt es dann Sammler verschiedener Stoffe; so vor allem die Tange. In der Sargassosee erreicht die Durchsichtigkeit des Meeres die höchsten Werte, weil hier trotz der hohen Temperaturen eine ausgesprochene Organismenarmut herrscht; denn die gewaltigen frei schwebenden Tangmassen haben alle Nährstoffe und alle lebenswichtigen Mineralien an sich gerissen und gespeichert.


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Wenn man schon eines Tages darangehen muß, das Meer als Lieferanten der verschiedenen Spurenstoffe heranzuziehen, so wird man sich wohl in erster Linie der Sammler im Meer bedienen. Nicht nur Pflanzen, auch Tiere haben sich zu Spezialisten ausgebildet. So wie es Gold- und zahlreiche Jodsammler gibt, so haben sich andere Organismen auf andere Elemente verlegt. Schon hat man die Größe des Bestands der großen Tangfelder an den Küsten zu erfahren versucht. Dem Meer soll wieder abgefordert werden, was ihm der Mensch und die Natur haben zukommen lassen.

Man kann wohl sagen, wir stehen mitten im Ausverkauf unserer Bodenschätze. Wohl wird man noch da und dort abbauwürdige Lager entdecken können (Antarktis). Zur Zeit ist dies aber schon in die angegebene Lebensdauer einkalkuliert. Man wird in der Not auch manche bisher als nicht abbauwürdig angesehenen Erze verarbeiten — Eisenerze unter 5% Eisengehalt — aber auch dies kann nur die Agonie etwas verlängern. Schließlich wird man in größere Tiefen der Erdrinde vorstoßen. Alle bisher gegebenen Zahlen beziehen sich auf das Vorkommen innerhalb 1200 m Tiefe. Hier bleibt also noch die Möglichkeit, auf neue Ausbeute zu hoffen, sofern es gelingt, in Tiefen unterhalb 1200 m Arbeitsmöglichkeit zu schaffen.

Der gründlichste und umfassendste Bericht über den Umfang unserer Bodenschätze, der Paley-Bericht (1952) kommt zum Resultat, daß bis zum Jahre 1975 kein Grund zu Sorgen vorhanden ist. Sorgen macht aber, daß über diesen Zeitpunkt hinaus auf den 700 Seiten nichts gesagt wird.

 

     Die moderne Arche Noah   

 

Den Chinesen war schon sehr früh das Pulver bekannt. Es blieb aber dem Europäer vorbehalten, einen imponierenden Unfug damit zu treiben, ein sachlich und rationell arbeitendes Mordinstrument daraus zu machen und alle Möglichkeiten auszuschöpfen, die die explosiven Stoffe boten. Wie fühlte er sich berauscht, aus der Ferne nur im Hinsehen Kreaturen damit auslöschen zu können. Diesem Machtgelüste vermochte er nicht zu widerstehen. Dazu die perverse Lust an der Agonie größerer Geschöpfe. Man schoß, um »umzulegen«. Da, wo Gewinnsucht mit im Spiel war, können wir mildernde Umstände zubilligen. Das Ergebnis ist leider beidemal dasselbe: Brutale und vom egoistischen Menschen höchst kurzsichtig betriebene Ausrottung vieler Tierarten.

Am widerlichsten war das Gemetzel in den Prärien von Nordamerika. Zu Millionen wurden die Bisons niedergeschossen, häufig mit Maschinengewehren. Es gab Jäger, die sich rühmten, pro Stunde von demselben Platz aus 60 Tiere und darüber getötet zu haben.


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Erst wurde die Südherde, aus etwa drei Millionen Tieren bestehend, vernichtet; dann wandte man sich der etwa ebenso großen Nordherde zu. Vielfach ließ man die erlegten Tiere an Ort und Stelle verludern. Man schoß nur aus Lust zu vernichten, »dem Knaben gleich, der Disteln köpft«. Nach drei Jahren (1883) waren nur noch einige hundert versprengte Tiere übriggeblieben. Am 1. Januar 1889 wurde Bestand aufgenommen, und es ergab sich die traurige Bilanz, daß in Nordamerika nur noch 835 Stück gezählt werden konnten. Jetzt begann man die Tiere zu schonen und ließ ihnen alle mögliche Fürsorge angedeihen. Gewissenhaft berichteten die Zeitungen über die Zunahme der Kälber und das Schicksal der einzelnen Kühe und Stiere. Aber erst mußten sie Raritäten wert erhalten; ist diese Voraussetzung erfüllt, dann allerdings ist jede Kuh interessant und zeitungsreif.

Der europäische Wisent war schon vorher bis auf wenige hundert Stück, die sich hauptsächlich in Polen und im Kaukasus hielten, zusammengeschmolzen. Auch diese Reste werden heute sorgsam betreut, und man hofft — auch durch Kreuzung mit der amerikanischen Art —, den Bestand zu retten und zu vermehren.

Es ist selbstverständlich, daß viele Wildtiere der Zivilisation weichen oder wenigstens ausweichen mußten, selbstverständlich, daß der Löwe schon zur Blütezeit des alten Griechenland dort seine Lebensbedingungen nicht mehr fand, daß die Bären allmählich aus Mittel- und Westeuropa verschwanden, daß die Urwildpferde sich schon im Mittelalter nach Osten zurückziehen mußten, wo die letzten Urwaldwildpferde (der Tarpan) vor 70 Jahren in Südrußland auf Hetzjagden ausgerottet wurden, und es ist verständlich, wenn auch nicht selbstverständlich, wenn in Europa der Ur- oder Auerochse, der Vorfahr des Hausrindes, den Siegfried noch im Odenwald zusammen mit dem Elch und Wisent jagte, mit fortschreitender Besiedlung Deutschlands sich nicht mehr zu halten vermochte. 

Aber all dies entschuldigt nicht die brutale Vernichtung vieler Tierarten aus Mordlust und schamloser Habgier.

Vor 100 Jahren berichtete ein Schiffer: »Um 12 Uhr ging ich mit 40 Mann ans Land. Wir umringten die Meerwölfe, und in einer halben Stunde hatten wir 400 von ihnen erschlagen. Andere töteten in acht Tagen 2000 Stück.« Gemeint sind See-Elefanten (Elefantenrobben), früher in allen Meeren verbreitet, heute vor dem Aussterben. Ein großer Bulle liefert 1000 kg Tran; Grund genug, die wehrlosen Tiere auszurotten.

Im Frühjahr erscheinen auf den Inseln im Beringmeer, besonders auf den Pribylow-Inseln, die Bärenrobben, mächtige, bis fünf Zentner schwere Tiere, deren wunderbar samtartiger Pelz den kostbaren Alaskaseal liefert. 


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Im Jahre 1803 wurden auf diesen Inseln 800.000 solcher Felle verbrannt, um den Preis in die Höhe zu treiben. 1872/73 zählte man nach genauer Schätzung auf den Pribylow-Inseln immerhin noch trotz starker Dezimierung einen Bestand von nahezu fünf Millionen Tieren. Jetzt aber setzte der Vernichtungsfeldzug in bedrohlichster Form ein. 1905, als die Herden schon ungeheuer zusammengeschmolzen waren, wurden dort 30.000 tote Junge gefunden. Sie waren verhungert, weil man ihre Mütter erschlagen hatte. 1914 schätzte man den gesamten Bestand noch auf höchstens 200.000 Stück. Jetzt erst wurden Schonmaßnahmen ergriffen. Von Seiten der Regierung von USA, von England und von Japan, wurden Kreuzer zur Bewachung der Inseln ausgeschickt. Aber die Sealräuber hatten sich ebenfalls stark bewaffnete Schiffe zugelegt. Es kam zu richtigen Seegefechten.

In letzter Stunde erst begannen sich die Schonmaßnahmen von Seiten der USA bemerkbar zu machen. Die Bewachung wurde verstärkt. Seit 1912 durften nur noch junge Bullen, sogenannte Junggesellen, geschlagen werden, und auch diese nur in beschränkter Zahl. 1920 war der Bestand wieder auf über eine halbe Million gestiegen, und 1930 überschritt er bereits die erste Million.

Vielfach trägt die Eskimomaid blütenweiße Pelzhosen, die von den Jungen der Sattelrobbe stammen. Nun aber werden seit Jahren bis 500.000 dieser nur sechs bis sieben Wochen alten reizenden Pelzklumpen jährlich totgeschlagen und kommen als white coat in den Handel. Bald werden die Eskimodamen sich nach einer anderen Mode umsehen müssen. Statt wie bisher in Weiß müssen sie sich künftig so, wie heute schon die größere Zahl der Eskimo, mit dunklen Pelzen, die weniger rauch und daher dem weiblichen Geschlecht weniger angepaßt sind, zufriedengeben. 

Darin liegt nichts Tragisches. Aber wenn die Jungen totgeschlagen werden, fehlen auch bald die Alten. Und was ist der Eskimo ohne Robben? Ohne ihr Leder, ohne ihren Pelz, ohne ihr Öl und vor allem ohne ihr Fleisch? Wovon soll er im Winter leben? Ist er doch jetzt schon häufig genug zum Hungern gezwungen. Wird aber seine Seehundjagd noch weniger zuverlässig und weniger ergiebig, dann hat man mit den Robben nicht nur die Hosen der Eskimodamen, sondern gleich den ganzen Eskimo umgebracht. Denn heute sind bereits alle Robben gefährdet, zum Teil schon dem Aussterben nahe. Ihr Verhängnis ist in erster Linie ihr hoher Trangehalt. Dazu der Wert des Pelzes.


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Der große Wal wird aussterben. Im Nördlichen Eismeer ist das Vernichtungswerk abgeschlossen. Der Reichtum des Südpolarmeeres an Walen wurde erst spät entdeckt. Mit großen Tranfabriken, bis zu 15.000 Tonnen, und zahlreichen Zubringern (Fangschiffen), unter Zuhilfenahme von Hubschraubern und Ultraschall (man hat sogar schon die Verwendung von Wasserstoffbomben vorgeschlagen), wird der Wal jetzt mittels Explosivharpunen, neuerdings mittels elektrischen Stroms (200 V Wechselstrom, 60 bis 90 Ampere) getötet und zum Mutterschiff gebracht; in einer halben Stunde ist ein Wal von 50 bis 90 Tonnen abgespeckt, das Öl ausgelassen und alles in Dosen und Fässern verpackt. Die großen Schiffe zwingen zu Massenschlächterei, damit sie sich gut rentieren. Die Zubringer müssen täglich eine große Zahl von Walen (50 und mehr) anbringen. Das ist ihre Pflicht. Denn auch beim Massenmord kennt man den Zwang der Pflicht und auch den des Gewissens — mit umgekehrten Vorzeichen.

Vor der Jahrhundertwende wurden pro Jahr etwa 630 Wale erbeutet, 1932 waren es 43.000, also nahezu 70mal soviel.

Nun hat man ausgerechnet, wie schnell der Wal sich fortpflanzt. Er wirft jedes zweite, oft auch nur jedes dritte Jahr ein Junges. Zwillinge sind Ausnahmen. Man hat den gegenwärtigen Bestand geschätzt und daraus errechnet und international festgelegt, daß nicht mehr als 16.000 Blauwaleinheiten in der Saison getötet werden dürfen, um die Art nicht zu gefährden. Etwa zwanzig Expeditionen fahren aus. Eine einzige davon hatte in einer vergangenen Fangsaison einen Rekord von 2500 Walen zu verzeichnen.

Hier kalkuliert der Mensch gefährlich scharf, wie weit er mit seiner brutalen Zinsforderung der Natur gegenüber gehen darf, ohne das Kapital anzugreifen. Ob seine Kalkulation auf die Dauer stimmt und ob, falls sie irreleitend ist, rechtzeitig eine Korrektur eingeschaltet werden kann, wird die Zukunft lehren. Rechnet man, daß irgendeine Naturkatastrophe den Walbestand vermindern kann — allein eine Zunahme der Schwertwale, der grimmigsten Feinde der Wale, vermag die Kalkulation umzustoßen — und daß nicht nur jede Fangexpedition den anderen den Rang abzulaufen bestrebt ist, sondern daß auch die Länder sich gegenseitig zuvorzukommen versuchen, so sehen die Lebenserwartungen der Bartenwale, als Arten gesehen, sehr düster aus. Der Mensch ist intensiv mit seiner Ausrottung beschäftigt. Denn man kann bei diesen Tieren beinahe alles zu Geld machen. Die Aktien stehen hoch. Darin sieht der Mensch eine Rechtfertigung seines Tuns. 

Und doch — können wir nicht ganz beruhigt sein? Wurde doch eine Kommission gegründet, die über den Wal zu wachen hat. Eine Walfangkommission, und dazu noch international, dazu konnte man die Wale nur beglückwünschen. 1954 hat diese Kommission beschlossen:

1. Der Blauwalfang wird im Nordatlantik auf fünf Jahre gesperrt. Sehr gut. Aber Island und Dänemark ließen wissen, daß sie sich an dieses Verbot nicht halten werden.


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2. Der Blauwalfang ist im Pazifik zwischen 20° und 66° nördlicher Breite für fünf Jahre untersagt. Man sollte denken, die Schonzeit läge vor allem im Interesse von USA, von Kanada und von Sowjetrußland. Aber siehe da, gerade diese drei Staaten erklärten, daß sie diese Bestimmung für sich nicht als bindend anerkennen würden.

3. Die Fangboote sind auf eine festgesetzte Zahl zu beschränken. Aber die Sowjets und Panama bauen ohne Hemmung Boote und fahren nach wie vor mit so vielen aus, als ihnen gut dünkt.

Es lebe die Kommission. Die Wale aber werden sterben. Werden doch die neuen schwimmenden Trankochereien bereits so gebaut, daß sie nach Ausrottung der Wale leicht zu Tankschiffen umgebaut werden können. Vorsorglich!

 

Bei diesen Beispielen handelt es sich um repräsentativ große Tiere. Wer aber regt sich über die unzähligen kleinen und kleinsten Tiere auf, die der Mensch vernichtet hat? Sie sind keine Zeitungsnotiz wert, mögen sie also dahingehen (Tafelbild 12). Selbst um das kostbarste Pelztier, um das echte Chinchilla, kümmert man sich nur in den Ländern, für die es einst wichtigster Devisenspender war, aber wohl nie mehr sein wird. Hier kamen die Schutzmaßnahmen vielleicht schon zu spät. Zu konsequent wurde hier der Vernichtungsfeldzug von den Indianern durchgeführt. Im Frühjahr stellten sie hoch oben im Gebirge, wo die zwei edelsten Chinchillaarten in Erdhöhlen, ähnlich unseren Murmeltieren, leben, vor jeden Eingang eine Falle. Erst wurden die weniger mißtrauischen jungen Tiere gefangen. Schließlich aber kamen auch, vom Hunger getrieben, die alten zum Vorschein und liefen in die Falle. Erst wenn auch die letzten erbeutet waren, stieg der Indianer ins Tal, verkaufte die Felle, vertrank den Erlös und stieg wieder hinauf, um sein Werk an anderer Stelle fortzusetzen.

106 Säugetierformen hat der Mensch seit Christi Geburt ausgerottet.

Unter die Kategorie des Mordes fällt auch die Massenvernichtung der Singvögel auf ihrem Zug durch die Mittelmeerländer. Es ist ein dummer und ein heimtückischer Mord zugleich. Wie kann man so wichtige Helfer gegen Insektenplagen vernichten, wie kann der Staat einen so kurzsichtigen Egoismus zulassen. Heimtückisch und roh ist die Art, wie diese lieblichen Freunde des Menschen ins Netz gelockt werden. Aber schuld am Rückgang der Singvögel haben auch die, bei denen die Vögel nisten, bei denen sie jedoch viel zu wenig Gelegenheit dazu finden, weil man Busch und Hecke nicht mehr aufkommen läßt, da jeder Quadratmeter als Acker genutzt werden soll. 

In den letzten 60 Jahren haben die insektenfressenden Singvögel um 90 Prozent abgenommen. Wann werden sie zum letztenmal singen?


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Wie viele Vögel und auch andere Tierarten mögen ein Opfer der Insektengifte werden? Monokulturen führten zu einer Massenvermehrung der Schädlinge. Diese werden jetzt mit Insektengiften zu Myriaden getötet. Die Insektenvertilger aber gehen beim Genuß solcher sterbenden und daher leicht zu erbeutenden Tiere ebenfalls zugrunde. Der erschreckende Rückgang der Störche in der allerletzten Zeit wird zum Teil darauf zurückgeführt. Dazu kommt, daß fast ein Drittel der Störche, vor allem Jungtiere, an Hochspannungsleitungen verunglücken.

Wie ein grausiger Aprilscherz mutet es uns an, wenn man hört, daß in allen Gebieten Afrikas, in denen die tierische Schlafkrankheit vorkommt, alles Großwild, viele kleine Säugetierarten und ebenso die größeren Vögel radikal ausgerottet werden sollten. Denn in deren Blut lebt der Erreger dieser Krankheit, jedoch ohne dem Wild zu schaden. Man müsse daher diese Reservoire ausschalten; zugleich würde damit der Überträgerin, der Tsetsestechmücke, jede Nahrung entzogen werden. Sie würde aussterben — so argumentierte man —, und dann könne man unbedenklich in diesen Gebieten Viehzucht treiben. 

Eine ebenso naive wie ungeheuerliche Idee. Aber die Wirtschaft befahl, und der Mord begann. Allein 1945 wurden in Südrhodesien 27.000 Stück (im ganzen 230.000) Großwild niedergestreckt. Da brachten eben noch in letzter Minute nach jahrelangen Vorarbeiten zwei Engländer ein Mittel heraus, das die Haustiere gegen die tierische Schlafkrankheit immunisiert. Man atmete auf; und doch — es bleibt die Angst vor den Menschen, die allzu rigoros »wirtschaftlichen Gesichtspunkten« folgen.

Die Mode setzt Unvernunft voraus. An Trabanten hat es ihr daher nie gefehlt. Erbarmungslos gibt sie ihre Befehle. Und diese Befehle werden befolgt, solange die Liebe regiert und der Liebhaber zahlungsfähig ist. Dies bekamen die Chinchillas zu verspüren, die Paradiesvögel, die Karettschildkröten und manche anderen Tiere. Moschusliefernden Tieren werden in peinlicher Weise die Drüsen ausgedrückt, auf daß mit dem gewonnenen Parfüm dem angedufteten Manne sein Denken verwirrt wird und seine Wünsche in bestimmter Weise ausgerichtet werden. Wie ein Amerikaner sagte: Die erste chemische Kriegführung ging von der Frau aus. Die Nachfrage nach Parfümen wuchs, als nach Aufkommen der Syphilis und zügellosen Sitten das gemeinsame Baden und dann aber auch das Waschen außer Mode kam. Jetzt galt die Devise: Parfüm gegen Parfüm.

Aber viel tiefgreifender als all dies ist die Zurückdrängung und, häufig genug über weite Strecken hin, die Ausrottung vieler Kleinorganismen. Hier liegt keinerlei Absicht des Menschen vor. Oft ist er selbst betrübt, wenn er feststellen muß, daß die gesetzten Veränderungen, z.B. die Trockenlegung eines Moores, eine große Zahl interessanter Insekten und Spinnen hat verschwinden lassen. Wem wäre es nicht schon aufgefallen, daß die Reihe unserer Tagfalter sich immer mehr lichtet? Diese und allenfalls noch die Käfer werden vom Laien beachtet. Die Verarmung der Natur betrifft aber alle Gruppen. An Stelle der Vielgestaltigkeit tritt die Massenvermehrung einzelner Arten, denen durch Monokulturen, durch Dränieren des Bodens und andere zivilisatorische Eingriffe — oft über die Veränderung der Flora und durch Behinderung und Vernichtung ihrer natürlichen Feinde — besonders günstige Bedingungen geschaffen wurden.

Massenbildung einzelner Arten, durch Zurückdrängen vieler anderer erkauft — dies ist der Prozeß, der immer weiterläuft und eine moderne Arche Noah zu einem immer kümmerlicheren Unternehmen, verglichen mit der ehemaligen Arche, werden läßt.

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