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     Der entwertete Kontinent   

Von Reinhard Demoll 1957

Man soll das Gleichgewicht nicht stören. -Koran-

 

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Um ein interessantes Wasserjagdtier einzuführen, wurde die Bisamratte aus Amerika nach Böhmen gebracht. Was würde man heute darum geben, könnte man sie wieder ausrotten. Man hat 1859 in einem Park bei Geelong (Staat Victoria) in Australien einige Kaninchen ausgesetzt. Sie hatten sich bald so sehr vermehrt, daß man dem Dingohund, dem einzigen echten Raubtier Australiens, das Frettchen, das Wiesel, den Hermelin und den Fuchs zu Hilfe schickte, auf daß sie gemeinsam der Kaninchen Herr würden.

Aber auch diese Raubtiergesellschaft vermochte nichts gegen die Plage, rottete aber verschiedene andere Tiere aus. Sie alle erwiesen sich ohnmächtig gegenüber der Fruchtbarkeit dieser Nager. Australien bleibt dem Kaninchen reserviert. Dieses hat die Viehhaltungsmöglichkeit um ein Viertel reduziert, in manchen Gegenden um sehr viel mehr. Die Bekämpfung dieser Nager hat wesentlich höhere Summen verschlungen, als durch den Verkauf der Felle erlöst wurde. 1953 begann man die Kaninchen mit einem Virus zu verseuchen. Der Erfolg war gewaltig, aber nicht hundertprozentig. Etwa ein Prozent überstand die so mörderische Myxomatose. Und von diesen Überlebenden geht bereits ein neues, resistentes Geschlecht aus. Die Sterblichkeit beginnt schon erheblich zurückzugehen.

Die Entwertung des Kontinents wird bleiben. Es soll aber nicht versäumt werden, darauf hinzuweisen, daß auch die dort zu sehr intensivierte Monokultur der Schafe als Naturfeind Nr. 1 bezeichnet werden kann. Zur Zeit werden verwilderte Pferde und Esel zur Landplage in Australien. Es werden Abschußzahlen bis zu 8000 genannt.

In USA hat man 1852 den Spatz eingeführt in der Meinung, er würde sich als billiger Straßenreiniger erweisen und den Pferdekot auffressen. Der Spatz war aber anderer Ansicht, hielt sich nicht an die vorgeschriebene Diät, sondern zog die Kornspeicher vor; jetzt wäre man ihn gern wieder los. Während man damals strenge Schonvorschriften zugunsten dieses kostbaren Vogels erlassen hatte, wurde schon einige Jahre später von der Behörde jeder vorgelegte Spatzenkopf mit einem Cent belohnt. Aber auch dieses Fiasko vermochte dem Spatz seinen international erworbenen Nimbus nicht zu rauben. 1872 führte man ihn in Buenos Aires ein, auf daß er einen dort heimisch gewordenen Spinner auffressen möge. Der Spatz aber kümmerte sich auch hier nicht um die Wünsche der hohen Regierung, sondern vertrieb nützliche Singvögel und machte sich dadurch recht bald mißliebig. Nicht viel anders war es in Australien und Neuseeland.

Man hat das Schaf in Australien eingeführt, und gar seltsam war die Auswirkung: Die Emus fraßen die Weizenfelder leer. Früher hatte sich der Dingohund als wolfsartiger Räuber vor allem an die Emus gehalten und so dafür gesorgt, daß sich dieser straußenartige Vogel nirgends allzu stark zu vermehren vermochte. Als dann das Schaf in Australien erschien, wurde damit dem Dingo eine sehr viel bequemer zu erreichende Fleischquelle eröffnet. Was sollte er jetzt noch lange hinter dem flinken Emu herlaufen, bis sich das gehetzte Wild endlich ergab. Wie leicht wurde es ihm doch jetzt mit den Schafen gemacht. Die Emus aber konnten sich von nun an so ungeheuer vermehren, daß sie von den nahrungsarmen Steppen in die fruchtbaren Küstenländer ziehen mußten, um ihren Hunger zu stillen. Hier fielen sie in großen Herden über die Weizen- und Maisfelder her, bis man Militär aufbot, das mit Maschinengewehren wieder Ordnung in der Natur herzustellen vermochte.

Zweckmäßig waren derartige Überpflanzungen meist nur dann, wenn es sich um Haustiere und um Kulturpflanzen handelte. Diese wurden von jeher vom wandernden Menschen mitgenommen und so über die ganze Welt verbreitet, soweit die klimatischen Bedingungen es zuließen.

Die Spanier brachten Amerika das Pferd, den Esel, das Kamel, ferner das europäische Rind, das Schaf, die Ziege und das Schwein, den Hund und die Bettwanzen und holten sich dafür etwas, was mehr wert war als all das geraubte Gold: den Mais aus Mexiko und die Kartoffel aus Chile und Peru. Auch die Biene und den Feldhasen erhielt Amerika aus Europa und gab den Truthahn, die Tomate und die Kakaopflanze dafür.


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Die Raupe des Seidenspinners wurde unter Kaiser Justinian 550 von Mönchen in ausgehöhlten Stöcken aus China herausgeschmuggelt und nach Europa gebracht. So entgingen die Schmuggler der Todesstrafe, die China auf Ausfuhr des Seidenspinners gesetzt hatte. Die Hausratte kam 1755 von Europa nach Amerika. Die Bettwanze hatte mit ihrer Verschleppung nach Amerika ihre Karriere noch keineswegs abgeschlossen. 1666 wurde sie von Kanada nach England gebracht, das bis dahin dieses Tierchen noch nicht kannte. Allerdings wurde es 150 Jahre vorher schon einmal in London gesehen, vermochte sich aber damals nicht einzubürgern. Der Floh wurde erst in neuerer Zeit Kosmopolit. In Neuseeland nennt ihn der Maori heute noch den kleinen Fremdling. Der Sandfloh kam 1872 aus seiner Heimat Brasilien nach Angola, 1906 nach Madagaskar und von da nach Indien und in den Mittelmeerraum; die Laus hingegen soll schon zur Zeit der Menschwerdung insofern zu dessen Kulturfähigkeit einen wesentlichen Beitrag geliefert haben, als das Entlausen die Fingerfertigkeit steigerte (?). (Vielleicht üben deshalb die Affen so fleißig!)

Die Termite kommt. In La Rochelle (Westküste Frankreichs) kämpft man schon seit einigen Jahren gegen sie an. Keine Mittel werden gespart. Aber der Feind ist so gefährlich, weil er immer in Deckung arbeitet. Er höhlt die Balken von Häusern aus, unsichtbar, unhörbar. Schließlich bleiben nur papierdünne Außenwände, und das Haus kracht zusammen.

Die Hausfrau öffnet eine große Truhe, in der sie kostbare Stoffe aller Art verwahrt hatte. Sie sind weg, spurlos verschwunden. Nur in einer Ecke ist ein kleines Loch. Man rückt die Truhe vor. Jetzt erkennt man, daß dieser kleine Kanal sich im Parkettboden fortsetzt. Er führt hier in die Tiefe, in das Gebälk, in das Mauerwerk, in den Boden, auf dem das Haus steht. Man hat befallene Häuser abgebrannt. Aber in den verkohlten Balken blieben die Tiere zum Teil lebendig.

Jetzt sind sie auch in Hamburg. Man hat aus La Rochelle Hilfe erbeten, da dort schon Erfahrungen gesammelt wurden. Man denkt daran, die Häuser zu vergasen und mit einem Giftwall zu umgeben, der tief genug in den Boden geht. Die Zentralheizung ermöglicht diesen Tropen- und Subtropenbewohnern den Winter zu überstehen. Darin liegt die Gefahr. Jetzt ist Hamburg wieder termitenfrei.

In Australien wurde vor der Jahrhundertwende der gewöhnliche stachelige Kaktus eingeführt, den man in Kalifornien seiner Stacheln wegen als lebendigen Gartenzaun anpflanzt (Opuntia inermis und stricta). Dieser Kaktus, »prickly-pears« genannt, vermehrte sich aber in Australien so erschreckend schnell, daß bald weite Strecken fruchtbaren Landes — in Queensland 1925 allein 60 Millionen acres — davon überdeckt wurden und der ganze Kontinent gefährdet schien. 


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Die jährliche Ausbreitung betrug etwa eine Million acres. Als keinerlei Maßnahmen den immer bedrohlicher werdenden Wucherungen Einhalt zu bieten vermochten, wandte man sich hilfesuchend an Botaniker. Diese beobachteten, welche Feinde in Amerika dem Wuchern der Opuntien Einhalt gebieten, und erkannten als wirksamsten aller Feinde einen Schmetterling bzw. dessen Raupe aus Argentinien (Cactoblastis cactorum)! Es wurden nun Eier dieses Schmetterlings in Australien eingeführt, und bald konnte man feststellen, daß die Gefahr beseitigt war. 1932 waren 90 Prozent des befallenen Gebietes wieder frei.

In Hamburg wurden im Laufe der Zeit etwa 500 mit Schiffsladungen eingeschleppte Tierarten festgestellt. Nur 5% davon zeigten die Fähigkeit, sich in dem neuen Klima durchzusetzen. Würde man Tierversuche dieser Art in großem Stil durchführen, so könnte man feststellen: Es gibt Tiere, die ganz scharf auf eine bestimmte Umwelt eingestellt sind, deren Organismus mit anderen Bedingungen nicht fertig zu werden vermag, und es gibt Tiere, deren Naturell mit sich reden läßt, Tiere, die imstande sind, auf die verschiedensten Klimas sinngemäß zu reagieren. Die Hitze der Kordilleren macht die dort eingeführten Schafe unfruchtbar. Auf den Philippinen legt die Gans keine Eier, auf dem Hochplateau von Bogota nur sehr wenige. Hier hebt sich allerdings die Fruchtbarkeit schon nach wenigen Generationen wieder bis zur Norm. Das Kamel geht in feuchtem Klima zugrunde. Es bedarf der Trockenheit und des Salzes. Ähnlich sind die Lamas an das Klima der Anden angepaßt. Sehr empfindlich gegen Änderung ihres gewohnten Klimas sind die Affen der feuchtwarmen Urwälder Südamerikas.

Und das andere Extrem — das sind die Kosmopoliten, deren Organismus die glückliche Fähigkeit hat, auf die verschiedensten Umweltbedingungen jeweils die richtige Antwort geben zu können. Sie kommen am Pol wie auch am Äquator fort. Damit ihnen die Kälte nicht zu viel Wärme entzieht, werden sie in der Polargegend größer und ziehen ihre Extremitäten etwas ein, werden also kurzbeiniger und kurzschwänziger bei großem Rumpf.

Groß ist die Zahl der Fremdlinge unter den Pflanzen. Mit jeder Schiffsladung werden Samen aus anderen Ländern verfrachtet. In jedem Güterbahnhof, jedem Hafen und jeder Markthalle sind sie zu finden. Unter dem Getreidekehricht der Malzfabrik Solothurn und in der Umgebung wurden 300 eingeschleppte Arten festgestellt, in dem Wollkehricht einer Kammgarnfabrik 220 Arten. 


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Arosa hat seit Erstellung der Poststraße und Entwicklung zum Höhenkurort 110 neue Arten aufzuweisen. Nach Kriegsende wurde die Libysche Wüste bei El Alamein grün. Ein üppiges Gras, das in großen Büscheln wächst und bis zu zwei Meter hoch wird, bedeckt heute das Land vom Niltal bis zur großen Syrte, nahezu 1000 km. Was Wüste war, ist jetzt gutes Weideland. Der Samen wurde von Truppen, vermutlich mit Pferdefutter, eingeschleppt, und zwar von Australien. Es handelt sich um eine Oionopodiazee, die in der australischen Wüste verbreitet ist. Seltsam, daß sie sich so gut entwickeln konnte ohne den Schutz des Menschen, der sonst unerläßlich ist, um zu verhindern, daß die ersten Triebe gleich abgeweidet werden. Aber sie war jahrelang geschützt durch die noch jetzt bestehenden ausgedehnten Minenfelder, die sich bis 150 km ins Innere erstrecken. Heute hat sich der lebenspendende Teppich schon weit über die Minenfelder hinaus ausgebreitet und liefert dem Vieh der Nomaden ein vorzügliches Futter. Nun hat sich die Regierung von Ägypten dieses Gottesgeschenkes angenommen. Man möchte wissen, welche Art von diesen Gräsern am geeignetsten ist, um den Kampf mit der Wüste — wenigstens an besonders günstigen Stellen — durchzuführen.

»Luftveränderung« im weitesten Sinne bekommt Pflanzen und Tieren oft so gut, daß sie eine vorher nicht vorhandene Vitalität zeigen. Vielleicht hat auch diese Oionopodiazee eine solche Protoplasmaaktivierung erfahren.

1940 kam ein gefährlicher Baumschädling, ein Kleinschmetterling (Hyphantria cunea) aus Nordamerika nach Ungarn. Hier legt er doppelt soviel Eier und hat im Jahr drei Generationen, in seiner Heimat dagegen nur zwei.

Ein Borkenkäfer aus Ostasien, der seit 1952 in Europa eingeschleppt wurde, bedroht bei uns alle Laubbäume, auch die Obstbäume und die Weinrebe.

Unsere Teichwirtschaft leidet häufig unter Wasserpest (Elodea canadensis), einer Unterwasserpflanze, die den Teich wie mit einem dichten Filz auszufüllen vermag. Diese Pest kam 1863 von Kanada über Irland nach England und Holland, wo man sie in botanischen Gärten kultivierte. Aber sie brach bald von hier aus und überwucherte Kanäle, Teiche und Flachseen in ganz Europa.

Die Pest Nr. 2, die Wasserpest der Tropen (Eichhornia), hat ebenfalls eine weltweite Wanderschaft hinter sich. Sie stammt aus dem tropischen Südamerika, wurde von dort als Zierpflanze für Aquarien in Florida eingeführt, befreite sich aber bald aus der aufgezwungenen Klausur und verbreitete sich in ganz Florida. Im botanischen Garten in Buitenzorg, wo alle tropischen Gewächse gezüchtet werden, interessierte man sich für diese »Zierpflanze« und ließ sich 1894 Exemplare aus Amerika kommen. Aber auch sie erwies sich würdig des Namens »Pest« und verseuchte bald das ganze tropische Asien.


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Bisweilen hat diese Eichhornia einen scharfen Konkurrenten in der Pest Nr. 3, einem schwimmenden Farn (Salvinia auriculata). Auch diese Pflanze kam früher nur im tropischen Amerika vor. Jetzt ist sie auch in Asien weit verbreitet. 1939 wollte ein Dozent in Colombo seinen Studenten die Pflanze zeigen, und da sie sich Ceylon noch nicht erobert hatte, ließ er einige Exemplare aus Kalkutta kommen. Seitdem verseucht diese Pest auch Ceylon, wo sie sich in den Reisfeldern so sehr ausgebreitet hat, daß man nun gewaltige Summen aufwenden muß, um sie einzudämmen.

 

    Wettlauf zwischen Mensch und Schädling   

 

Das Spulwurmweibchen produziert in seinem kurzen Leben etwa 60 Millionen Eier. Wenn nur vier Generationen lang alle Eier sich zum geschlechtsreifen Tier entwickelten, dann würde im vierten Jahr die Masse der Spulwürmer, zu einer festen Kugel geformt, bereits mehr als das Volumen unseres Planeten erreichen. Aber auch wenn von den 60 Millionen nicht, wie zu erwarten, nur ein Männchen und ein Weibchen zur Fortpflanzung kämen, sondern zwei oder drei oder gar vier Paare, und dies über einige Jahre hin fortginge, so würde man überall von einer gewaltigen Spulwurmverseuchung sprechen, von einer Kalamität.

Häufig erlebt man Störungen in der Natur durch plötzliches Überhandnehmen von Insektenschädlingen. Wird dann im Verlauf der Kalamität das Futter für den Schädling knapp und haben sich die natürlichen Feinde mittlerweile genügend vermehren können (Tachinen, Schlupfwespen), so folgt ein Massensterben, und die Schädlinge werden wieder zu seltenen Exemplaren, während im Jahr vorher noch die Natur von ihnen vollständig beherrscht zu sein schien.

Auf verschiedene Weise sorgt der Mensch dafür, daß der Schädling günstige Lebensbedingungen findet, so daß er dauernd eine größere Individuenzahl erreicht, oder daß ihm dann und wann, begünstigt durch die Witterung, solche Explosionen gelingen. Förderlich für die Schädlinge sind: I.Monokulturen (für manche hat ein großer Acker schon die Wirkung einer Monokultur), 2. Vorratslager, 3.Hemmung, Fernhaltung oder Vernichtung der Feinde, 4. Untergraben der Gesundheit des bedrohten Organismus.


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Der Mensch ist durchaus nicht gewillt, einen namhaften Prozentsatz der Ernte und der Vorräte auch weiterhin den Schädlingen zu überlassen und immer wieder deprimiert, feststellen zu müssen, daß der alte Satz noch seine Gültigkeit hat, daß wir nur ernten, was uns die Schädlinge übriglassen. Mit allen Mitteln sucht er daher wieder »Ordnung« in die Natur zu bringen und das gestörte Gleichgewicht wiederherzustellen. Den jährlichen Verlust durch Schädlinge beziffert man in Deutschland auf 5 Milliarden D-Mark.

Manche Schädlinge, die leicht gesehen werden, wie die Kartoffelkäfer, werden abgelesen, außerdem auch chemisch bekämpft, Maikäfer werden geschüttelt und eingesammelt.

Seitdem das Flugzeug eine gleichmäßige Bestäubung der Fluren und auch der Wälder ermöglicht, hat die chemische Bekämpfung einen gewaltigen Aufschwung genommen. Sie wirkt sofort, sie wirkt summarisch, sie wirkt brutal. Sie trifft nicht nur den Schädling, sondern auch alle möglichen nützlichen Organismen und bisweilen diese stärker als die anderen. Statt die Ordnung wiederherzustellen, wird in solchen Fällen oft das Gleichgewicht in der Natur nur an anderer Stelle wieder empfindlich gestört.

In Obstbetrieben hat in letzter Zeit die Rote Spinne bedenklich zugenommen. Man kennt die Ursache. Sowohl das Spritzen mit Karbolineum als auch mit Kontakt­insektiziden hat ihre Feinde vernichtet, vermochte ihr selbst aber nichts anzuhaben. Hier ist also eine selektive, eine gezielte Wirkung vorhanden. Nur ist schlecht gezielt. Der Schuß trifft den Falschen. »Für die Zunahme der Spinnmilbe im Obstbau ist das DDT mitverantwortlich«, da es die Fruchtbarkeit der Milben steigert. (Löcher.)

Die Blutlaus nimmt überhand, weil ihr wichtigster Feind, die Blutlauszehrwespe, empfindlicher gegen die Kontaktmittel ist als die Blutlaus selbst. In Amerika schützt man die Ulmen vor dem Ulmensplintkäfer durch Besprengen mit DDT-Emulsion. Da aber dadurch die natürlichen Feinde der Blattläuse und Milben auch abgetötet werden, muß noch ein anderes, kräftigeres Gift hinzugegeben werden. Um die Käfer, die Blattläuse und Milben zu treffen, wendet man Gifte an, die alle anderen Kerbtiere mit vernichten und die das Bodenlaboratorium mit seiner ganzen Organismenwelt auf die Dauer sterilisieren.

Auch der Boden kann schwer geschädigt werden. Die Insektizide wirken nicht nur auf die Würmer, Insekten, Spinnen usw., sondern auch auf Bakterien und Urtiere. So wird das lebende Bodenlaboratorium vergiftet, ganz gleich, ob das Mittel über die Baumkronen oder über dem Bodenraum zerstäubt wurde. Eine Erholung findet etwa innerhalb eines Jahres statt. Wenn aber DDT und andere Gifte jedes Jahr wieder angewandt werden? Schließlich wird es auch hier zu einer völligen Umwandlung der Bodenfauna kommen. Viele Organismen verschwinden völlig, einige wenige werden sich anpassen, im Endergebnis eine Verarmung des Bodenlaboratoriums an Arten.


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Was dies bedeutet, ersehen wir aus der Feststellung, daß schädlingsgefährdete Waldgebiete sich stets durch eine gering ausgebildete Bodenfauna kenntlich machen. Sind aber nicht die richtigen Köche in dieser Küche am Werk, dann kann man auch keinen robusten Baum erwarten.

Man will die Pflanzen unterstützen, indem man ihre Feinde mit DDT angeht. Aber man trifft auch ihre Freunde. Überdies leidet die Pflanze bisweilen selbst direkt unter dieser ihr zuteil gewordenen Hilfe. Sie wird geschwächt in ihrer Resistenz gegenüber dem Feind (Weizen gegen Rostpilz). So hält man ihr einen Schild vor um den Preis, daß sie die eigene Abwehrfähigkeit einbüßt. Es ist aber besser, der Organismus überwindet eine Schädigung aus eigener Kraft als mittels Arznei.

Bekämpfung der Schädlinge mit chemischen Mitteln soll sofort Hilfe bringen. Dies fordert größte Umsicht und Kenntnisse des ganzen Biotops, in dem die Anwendung geschieht. Entbehrt werden kann sie heute aber, lokal angewendet, keineswegs. Man denke nur an den Kampf mit den Fliegen, deren Bedeutung als Überträger von Krankheitskeimen (Viren, Bakterien und Parasiteneier) immer noch nicht genügend berücksichtigt wird.

Nun aber die Frage: Schaden die Insektizide dem Vieh und dem Menschen? Bei Insekten wirken sie erstaunlich schnell. Nach kurzer Berührung mit den Beinen beginnen die Fliegen zu taumeln, fallen auf den Rücken, zappeln etwas und verenden. Dies mag Veranlassung gewesen sein zu der verhängnisvollen Schlußfolgerung: Wer nicht sofort umfällt, ist überhaupt nicht betroffen. Zu den Nichtbetroffenen zählte also das Vieh und der Mensch. 

Nicht betroffen ist auch der Säugling, obwohl er nachgewiesenermaßen mit der Kuhmilch das Gift aufnimmt. Aber er fällt deshalb noch nicht auf den Rücken und ist nach kurzem Zappeln tot. Also: völlig unschädlich!? 

Beim Vieh hat man seltsame Erkrankungen festgestellt. Die »Virus-X«-Krankheit und ebenso die »Rinderkrankheit (Hyperkeratosis), ist durch Vergiftung mit Insektiziden bedingt.

Immer mehr passen sich die Insekten an die Gifte an, immer stärkere Gifte müssen entwickelt werden.1) 

1) Der Nicht-Biologe könnte hier vielleicht fragen: Wenn sich schon die Insekten und Pilze so schnell anpassen, warum nicht auch die Menschen und das Vieh ? Die niederen Tiere haben eine viel höhere Vernichtungsziffer, vor allem aber, sie haben in 100 Jahren nicht 3 Generationen wie der Mensch, sondern hunderte und tausende.


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Die Mutter aber legt ihr Kind an die Brust und ahnt nicht, daß selbst dieser Lebensquell immer bedenklicher wird, da die Mutter solche Gifte (Insektizide) mit der Nahrung in sich aufgenommen hat. Inwieweit Neugeborene besonders empfindlich sind, weiß man nicht. Man weiß aber, daß eine Speicherung in allen lipoidreichen Organen stattfindet (Schilddrüse, Nebenniere, Lunge, Gehirn). Und man hat zu bedenken, daß das Baby zunächst keine andere Nahrung als diese vergiftete Milch zu sich nimmt. Aber auch bei Erwachsenen konnte man im Fettgewebe eine Speicherung von DDT feststellen. Im Bundesgebiet wird DDT nur noch selten im Stall angewendet.

Immer härter muß unser und auch schon unserer Kleinsten Organismus werden »im Nehmen«, sonst wird er »ausgezählt«. Immer schwieriger werden für den Arzt die Diagnosen trotz der Verbesserung der technischen Hilfen, denn immer häufiger treten rätselhafte Krankheitsursachen auf. Das ist zivilisationsbedingt.

Isotopenmarkierung hat die große Gefährdung, der der Mensch sich mit giftigen Insektiziden aussetzt, erkennen lassen. Wird das Saatgut auch nur mit minimalsten Mengen behandelt, so ist das Gift noch im Erntegut nachweisbar.

Wird der Wald mit Insektiziden gespritzt, so werden auch die Beerenfrüchte getroffen. Wer kann auf dem Markt kontrollieren, ob er vergiftete Beeren einkauft? Gibt es denn noch Lebensmittel, die auf dem Wege bis zur Küche und zum Teller nicht der Gefahr der Vergiftung ausgesetzt sind?

Zitrusfrüchte werden mit Kontaktgiften behandelt. Diese dringen in die Schale ein und bleiben Gift. Aber die Schale wird haltbarer; die Frucht sieht besser aus. Dies ist entscheidend. Meist wird Einschlagpapier mit einem tief eindringenden Gift getränkt.

Zwar ist die deutliche Kenntlichmachung solcher als »verfälscht« zu bezeichnenden Früchte vorgeschrieben; doch wird die Vorschrift nicht immer befolgt. Abwaschen hilft hier nicht viel, da das Gift in die Gewebe eindringt. So wird die Zitronenschale in den Kuchen gerieben, und die Kinder lernen ein neues Gift kennen. Bei all diesen Konservierungsmitteln stellt sich oft erst nach Jahren eine Allergenwirkung heraus.

Äpfel werden mit Arsen »konserviert«, wobei pro kg ein Vielfaches des Giftes verwendet wird, das pro Tag ärztlich verschrieben werden darf.

Nicht überall ist die Verwendung von Kontaktinsektiziden zum Schutze der Getreidevorräte verboten, obwohl man weiß, daß die Backwaren aus solchem Getreide sehr schädlich sein können. Das Gift wird im Körper gespeichert.

Der Arzt verabreicht dem Patienten nur unter strengsten Kautelen Gifte. Die Pestizide, auch die hochgiftigen, werden jedem in die Hand gegeben.


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Der Erfolg: In jeder Markttasche trägt die Hausfrau verschiedene Gifte in die Küche, mit denen Felder und Wälder gespritzt wurden.

Diese DDT-Gifte sind sehr stabil. Eine Kumulierung ist daher im Boden und im Organismus möglich. Die sekundären Abbauprodukte sind oft noch giftiger als der Ausgangsstoff. Sie können Krebs erzeugen.

Die sogenannten Pestizide (anorganisch und organisch) treffen beim Menschen den Fermentstoffwechsel, sie treffen die Haut, das Herz, die Nieren, die Leber, das Gehirn, das Gefäß- und das Nervensystem; d. h. sie treffen den Menschen in all seinen Organen und Funktionen. Man hat in menschlichen Leichen DDT-Mengen festgestellt, die auf einmal gegeben, tödlich wirken würden (Heupke). In USA wurde bei 98% der Untersuchten im Unterhautzellgewebe DDT gefunden. Unter 32 stillenden Frauen hatten 30 eine DDT haltige Milch.

Im Einzugsgebiet einer Wasserleitung hatte man den Wald mit einem Maikäfergift bestäubt. Ein Regenguß schwemmte das Gift bis ins Grundwasser. Das Leitungswasser wurde nun infolge seines widerlichen Geschmacks unbrauchbar. Die Herstellerfirma des Giftes beeilte sich daraufhin, mitzuteilen, daß sie bereits in der Lage wäre, ein ebenso starkes, aber völlig geschmackloses Gift zu liefern. Welch beruhigende Aussichten, in Zukunft so völlig ahnungslos von einem gut und unverdächtig schmeckenden Trinkwasser vergiftet zu werden.

Im Tennessee-Tal trat unter dem Vieh ein Sterben auf, das zu schwersten Verlusten führte. Die Ursache war lange nicht zu erkennen. Auch hier sprach man von einer X-Krankheit. Sie wird durch ein Gift hervorgerufen, mit dem die Bretter und Pfosten der Ställe bestrichen werden, um sie vor Insekten zu schützen. Auch hier: Man schießt auf den einen und trifft auch die, die man schützen möchte.

Gott hat die Pflanzen erschaffen. Der Mensch aber erteilt ihm heute eine schlechte Zensur. Denn alle Gemüse, alles Obst, die Blumen, die Kartoffeln, das Saatgut, alles wird gespritzt, damit es nicht von Pilzen befallen wird; gespritzt mit einem »harmlosen Gift«, das auf Menschen und Tiere nur »mäßig schädigend« wirkt. Nur »mäßig giftig«! Aber wozu auch solche Betrachtungen, die nur die merkantilen Interessen stören. Hat nicht der Alte Fritz schon seinen Soldaten in der Schlacht zugerufen: »Kerls, wollt ihr denn ewig leben?« Stirbt auch der Mensch etwas früher, der gespritzte Apfel lebt dafür länger und läßt sich besser verkaufen.

Und der Arzt hat noch mehr zu tun und steht vor einer neuen Krankheit.

Gewiß, man muß danach trachten, die Lebensmittel vor schnellem Verderb zu schützen. Im Hinblick auf die heute schon zu kurze Tischdecke für die immer zunehmende Bevölkerung der Erde ist dies kategorisch gefordert.


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Ein Drittel der Ernteerträge geht zugrunde. Man muß aber aus dem Dilemma herauskommen, in dem wir uns heute befinden: Mehr Lebensmittel, jedoch um den Preis der Selbstvergiftung; Hoff charakterisiert dieses Dilemma: »Der Mensch, aus Angst zu verhungern, vergiftet sich lieber.« Vor allem hat man auch hier auf die Gefährlichkeit von Stoffen mit kumulierender Wirkung zu achten. Immer ist es die Spätwirkung, die schleichende Schädigung, die zu einer Unterschätzung der Bedenklichkeit führt. Dazu gehören vor allem die Agentien, die Krebs auslösen. (Alles, was die Sauerstoffversorgung der Gewebe schädigt, kann zum Krebs führen.)

Es ist zu hoffen, daß die Fabrikgifte immer mehr ersetzt werden durch Gifte, die die gesunde Pflanze z.T. selbst zu ihrem Schutz bildet. Also: weniger Gifte erfinden, als vielmehr die naturgegebenen finden, zumal diese meist für den Menschen unschädlich sind.

Für alle Konservierungsmittel, die oberflächlich aufgebracht werden, sollte man bestimmte Forderungen stellen: Entweder müssen sie so flüchtig sein, daß sie schon verdampft sind, wenn die Ware in die Hände des Konsumenten kommt, oder sie müssen leicht abwaschbar sein, das heißt auch, daß sie nicht in die Gewebe eingedrungen sein dürfen. Das Bundesgebiet hat nun ein neues Nahrungsmittelgesetz. Wir danken es den Nitritwürsten und den gepanschten Weinen, wenn es scharf genug wurde. Gegen die Spritzgifte schützt es allerdings nicht.

Eine grundsätzliche bessere Bekämpfungsart ist die durch Begünstigung der natürlichen Feinde der Schädlinge. Diese biologische Kriegsführung gegen den Schädling ist oft sehr wirkungsvoll. Häufig ist sie die einzige erfolgversprechende Methode. Beispiele haben wir schon erwähnt: Kampf gegen die in Australien eingeführten Kakteen durch die Raupe von Cactoblastis cactorum. Solche Importe schädlicher Pflanzen, bei denen die wichtigsten Parasiten nicht mit eingeführt wurden, gaben den stärksten Anstoß zur Ausbildung dieser Methode. Im Wald spielt sie die Hauptrolle.

Nach Hawaii wurde um die Jahrhundertwende eine Zikade (die Fulgoride Perkinsiella saccharicida) eingeschleppt. Als Schädling des Zuckerrohrs beeinträchtigte sie die Zuckerernte sehr stark. Man brachte mehrere Fulgoridenfeinde aus Australien in das befallene Gebiet, die bald der Kalamität ein Ende machten.

In dem Staatsinsektarium im Sacramento-Tal (Kalifornien) werden ständig millionenweise Raubinsekten, vor allem Marienkäferchen gezüchtet, deren Larven zur Bekämpfung von Obst- und Zitrusschädlingen ausgesetzt werden. Der wichtigste Schädling ist die Wollschildlaus (Icerya Purchasi). Sie wurde 1886 aus Australien eingeschleppt und fand in dem Obstparadies des St.-Joachims-Tals so günstige Bedingungen, daß sie sich rapid ver-


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mehrte und bald allen Plantagen der Untergang drohte. Allenthalben begannen die Farmer die Bäume umzuhauen und die Obstzucht aufzugeben. Nachdem man als den Hauptfeind des Schädlings den Marienkäfer, Novius cardinalis, erkannt und ihn in gewaltigen Mengen gezüchtet und ausgesetzt hatte, war nach wenigen Jahren die Gefahr völlig beseitigt, und die vorher mit weißen Krusten überzogenen, kahlen, unheilbar scheinenden Bäume trugen im Jahre 1889 bereits wieder reiche Früchte.

Man züchtet auf Pferdefleisch Männchen der schädlichen Dasselfliege, sterilisiert sie durch Bestrahlung und läßt sie dann in solchen Massen fliegen, daß die meisten Weibchen sich einem solchen impotenten Männchen vermählen, und dadurch für die Fortpflanzung ausschalten. (100%iger Erfolg gegen die Goldfliege auf Curacao. Jetzt auch gegen Tsetse-Fliege, Erreger der Naganaseuche, angewandt.)

Neuerdings besteht die Hoffnung, daß es gelingt, durch künstliche Hormone die Entwicklung der Schädlinge zu überstürzen oder zu hemmen und ein Schlüpfen in ungünstiger Jahreszeit zu erzielen. Aber hier besteht die Gefahr, daß alle Insekten getroffen werden.

Audi Viren müssen im Kampf gegen Schädlinge helfen. Gelegentlich unter diesen auftretende viruskranke Exemplare werden gesammelt, pulverisiert und verstäubt und damit der ganze Bestand der Schädlinge infiziert. Auf solche Art wird die so schädliche Alf alaraupe und der in USA auftretende Japankäfer in Schranken gehalten. Die Viren wirken spezifisch, d.h. sie treffen nur den, der gemeint ist. Ein Immunwerden des Schädlings konnte bis jetzt auch bei häufigem Bestäuben nicht festgestellt werden.

Die San-Jose-Schildlaus kam vor etwa 80 Jahren von China nach Kalifornien. Sie vermehrte sich rapid und wurde der Schrecken aller Plantagenbesitzer, da sie beinahe jede Obstbaumart befiel. Hier mußte wiederum die Chemie helfen. Allerdings konnte nicht verhindert werden, daß der unliebsame Gast sich mittlerweile über die ganze Erde verbreitete.

Vielfach macht der Anbau unter nicht zusagenden Bedingungen die Pflanze widerstandsunfähiger. Solche befallene Schwächlinge können dann für den Parasiten ein Sprungbrett abgeben, um von hier mehr und mehr auch die Gesunden zu befallen. Auf gesundem Boden wächst die gesunde Pflanze, die imstande ist, die meisten Parasiten selbst abzuwehren.

Die Mittel, mit denen der Züchter gegen Parasiten vorgeht, führen oft dazu, daß die Parasiten sich ändern, und zwar nicht in Richtung der Wünsche des Menschen. So wie in der Humanmedizin das Penicillin und die Sulfonamide immer mehr Versager aufweisen, weil die Bakterien sich daran zu gewöhnen beginnen bzw. weil besonders resistente Gruppen überleben und die anderen verdrängen, so beobachtet man auch bei den Pflanzenschädlingen Wandlungen, die den Züchter zu einem dauernden Wettlauf zwingen, um mit den Bekämpfungsmitteln den sich ständig ändernden Schädlingen immer wenigstens eine Spanne voraus zu sein. 


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Gibt es doch schon Fliegenstämme, die gegen das sonst so sicher wirkende DDT immun sind. Sie halten 1000fache Mengen aus. Außerdem beginnen sie die Berührung mit dem Gift zu meiden. In Israel ist die Stubenfliege seit 5 Jahren mehr oder weniger resistent geworden. Sie hat aber zugleich die Gewohnheit angenommen, außerhalb der Häuser zu übernachten. Blutsaugende Mücken fliegen in Afrika nur noch zum Saugen in die Häuser, setzen sich aber nur außerhalb dieser todbringenden Räume zur Ruhe. Die Erreger der afrikanischen Viehseuche, der Naganaseuche, passen sich den Giften, die erst so wirksam waren, bereits wieder an. In Südamerika sind einige Stämme der Mücke, die Malaria überträgt (Anopheles), giftfest geworden. Auch gegenüber der Züchtung neuer Pflanzenrassen, die sich resistent erwiesen bei Befall mit bestimmten Parasiten, mußte der anfängliche Optimismus bald seine Stimme dämpfen und zugeben, daß auch hier der Parasit nicht gehindert werden konnte, den Wettlauf um die Existenz mitzumachen. Man hatte Weizensorten gezüchtet, die gegen Schwarzrost resistent waren. Man war zufrieden und glaubte sich ein gutes Stück weiter, als plötzlich eine sehr lebenskräftige Pilzrasse auftrat, die alle Illusionen wieder zerstörte.

»Das Tragische bei der Resistenzzüchtung liegt aber darin, daß sich fast regelmäßig nach einiger Zeit neue Biotypen bilden, die sich nicht nur hinsichtlich ihrer Aggressivität, sondern auch in anderen Eigenschaften unterscheiden.« (W. Brouwer.)

Überall wird geklagt, daß die Schädlinge — besonders gilt dies für die Obstschädlinge — gegen chemische Gifte immer widerstandsfähiger werden. Immer kehrt in den Berichten wieder: Wir müssen intensiver und häufiger spritzen. Bereits seit Jahren totgeglaubte Schädlinge sind plötzlich wieder da, vermehren sich ungeheuer und erweisen sich als sehr viel widerstandsfähiger gegenüber den Bekämpfungsmitteln als ihre Vorfahren. Ebenso plötzlich treten neue Krankheiten auf, denen gegenüber die vom Menschen betreuten Pflanzenbestände völlig wehrlos sind. Eichen sterben z. Z. in USA und in der Poebene durch eine Pilzkrankheit.

Immer wieder neue Alarmnachrichten: Schädlinge, die bisher bedeutungslos waren, vernichten die Ernte. Schuld tragen Monokulturen, verminderte Widerstandskraft der Pflanzen, Verschleppung von Schädlingen in andere Gegenden oder Schädigung der Nützlinge, die bisher die Schädlinge in Schach hielten. Auch Viruskrankheiten nehmen auf der ganzen Welt in erschreckender Weise zu. Bekannte Viren befallen Kulturpflanzen, die bisher von ihnen verschont blieben, und viele Viren, die bisher unbekannt waren, treten in katastrophaler Form auf.


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Immer wieder zeigt sich, daß »der physiologische Zustand der Wirtschaftspflanze Voraussetzung für die Entstehung von Massenvermehrung der Schädlinge ist«. (Zwölfer.)

Unnatürlichkeiten überall.

Schädlinge werden resistenter, ihre Feinde aber werden durch das Spritzen ausgerottet, Vögel werden vergiftet, und bei den Menschen stellen sich Erscheinungen ein, die vermutlich auf die Spritzgifte zurückzuführen sind. Die Welt wird in Gift getaucht. Unendlich viele Kerftiere (Insekten und Spinnen) werden ausgerottet. Einige Schädlinge werden trotzdem triumphieren. Triumphiert auch der Mensch? Wird er giftfest werden in dieser Welt des Giftes, so wie manche Insekten es schon geworden sind?

Sind alle Insekten einer Gegend vergiftet, und kein Getier ist mehr da, um die Obstbäume zu befruchten, so muß der Mensch das Bestäuben der Blüten selbst übernehmen: 2 Gramm Pollen werden jeweils in eine Pistole geladen und auf die blühenden Bäume abgeschossen.

Überall ein Wettstreit unter den zwei Züchtern: hier die Natur, dort der Mensch. Wer kann es besser? Wer hält zeitlich den Vorsprung? Es liegt in der Natur der Sache, daß hier der Züchter im Vorteil ist. Kann sich doch der Parasit erst anpassen, wenn eine neue Form, der er sich anpassen soll, bereits vorliegt. Ein Handicap zugunsten des Menschen.

Wohl uns, wenn unsere Züchter die Länge, die sie dem Feinde voraus haben, immer halten können. Einzelne klare Siege sind immerhin zu verzeichnen. Die Reblaus, die in 1 j Jahren in Frankreich 600 000 ha Rebengelände vernichtete und einen Schaden von 13 Milliarden Goldfranc verursachte, hat durch Resistenzzüchtung und fremde Unterlage, auf die die einheimischen Sorten aufgepfropft werden, ihren Schrecken eingebüßt.

Versuche haben gezeigt, daß Fische, die mit Hautparasiten befallen sind, diese völlig verlieren können, wenn sie unter günstigen, die Gesundheit fördernden Bedingungen gehalten werden, während eine abgespaltene Kontrollgruppe, die unter den vorher gegebenen Verhältnissen verblieb, bald mit Hautparasiten über und über bedeckt war. Also ohne chemische Bäder oder sonstige spezielle sanitäre Eingriff e vermag sich die Haut gegen Parasiten zu wehren. Dies gilt zwar durchaus nicht allgemein. Aber in vielen Fällen gehört zum Hautparasiten auch eine in ihrem Widerstand geschwächte Haut. Dies mag eine grundsätzliche, aber bisher zuwenig beachtete Tatsache sein. Züchtung eines kerngesunden Organismus ist aber keineswegs identisch mit Züchtung auf eine ganz spezielle Resistenzfähigkeit.


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Bisweilen beruht die Erreichung einer Resistenz nicht auf Neuzüchtung, sondern auf dem Hervorholen früherer Eigenschaften, die die Pflanze verloren hat, seit sich der Mensch ihrer angenommen hat. Die Wildkartoffel enthält ein Fraßgift, das sie gegen den Kartoffelkäfer schützt. Unsere Kartoffel hat diesen wertvollen Schutz verloren. Versucht man ihr jetzt wieder durch Einkreuzen der Wildkartoffel beizubringen, was sie ehedem besaß, so ist dies keine Resistenzzüchtung, sondern die Wiederherstellung ihrer vollen Gesundheit, zu der die Bildung von Fraßgiften gehörte.

Solche Kartoffelzüchtungen werden durchgeführt, weil man erwarten muß, daß auch der Kartoffelkäfer bald immun werden wird gegen die Insektizide. Aber man züchtet nun der Kartoffel erheblich mehr von diesen Alkaloid-Glukosiden an, als die Wildkartoffel davon besitzt, auf daß die Wirkung auf die Kartoffelkäfer stark genug sei — und man hofft, daß eine solche Kartoffel für den Menschen, auch wenn ständig genossen, bekömmlich bleibt.

Höchstes Ziel aller Züchtungen muß immer ein gesunder Organismus sein. Neuerdings werden den Pflanzen, den krautartigen, dem Getreide, den Bäumen Insektengifte und Gifte zur Abwehr gegen Pilze in das Protoplasma hineingebracht; zum Teil werden sie den Wurzeln dargeboten, die sie aufnehmen und zu den Blättern transportieren, zum Teil läßt man sie durch die Blätter (vor allem durch deren Unterseite) eindringen, zum Teil wird schon das Saatgut mit dem Gift behandelt. Auch organische Phosphorverbindungen werden von den Wurzeln aufgenommen. Man kann Pflanzen giftig machen, ohne ihnen selbst zu schaden. Es gelingt mit Selendüngung, Weizen zu erzeugen, mit dessen Körnern man Ratten vergiften kann. Mit Spuren von Selen werden die Säugetier-Embryonen bereits schwer geschädigt (Augen und Gehirnmißbildungen).

Auch Antibiotika werden den Pflanzen eingerieben.

Wird dadurch die Pflanze gesünder? Wird ein Mensch gesünder, wenn man mittels Sulfonamiden, Penicillin und anderen Antibiotica dem Körper jede Abwehrtätigkeit abnimmt? Man befrage den Arzt, ob er es für wünschenswert hält, jede Erkältung, jede Infektion von dem Kinde sorgfältig fernzuhalten, so daß der Organismus nie in die Lage kommt, seine Fähigkeiten, mit Noxen fertig zu werden, zu üben. Gesundheit ist kein Zustand, sondern die Potenz, Schädigungen abzuwehren. Ein Organismus, dem man aber diese Potenz nimmt, indem man sie nie zur Anwendung kommen läßt, wird krank. Über Generationen fortgesetzt bedeutet dies: negative Selektion auf Gesundheit.

Solche Pflanzen, die ständig Gifte durch die Wurzeln, durch Schnittwunden in der Rinde oder durch Blätter in ihr Protoplasma aufnehmen, werden immer mehr zu Atrappen werden, die man mit den verschiedenen


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Mixturen gefüllt hat. Sie werden ihre Vitalität mehr und mehr einbüßen. Vor den Schädlingen werden sie wohl geschützt sein, aber eines Tages werden sie offenbaren, daß sie wehrlose, schwerkranke Geschöpfe sind. Der Pflanzenarzt wird seine Schützlinge nicht freimachen können von Parasiten und Krankheiten, wenn er nicht in erster Linie für gesundes Milieu sorgt, und dies heißt: für gesunden Boden.

Gesund und bekömmlich muß der Boden sein. Zwölfer hat darauf hingewiesen, daß die Kalamitäten, die durch Waldschädlinge hervorgerufen werden, häufig innerhalb eines großen Gebietes immer wieder an gleichen, für uns unsichtbaren Grenzen haltmachen. Hier also entscheidet die Bodenbeschaffenheit über Abwehr der Blatt- und Nadelschädlinge.

Auf gutem, gesundem Boden mit gutem Wasserhaltevermögen verlaufen die Funktionen der Pflanze anders als auf schlechtem, vergiftetem Boden. Je günstiger die Bedingungen, unter denen ein Wald heranwächst, um so weniger Wasser braucht er bei gleicher Leistung. 80-90% des Kohlensäurebedarfs der Pflanze entstammt der Bodenatmung durch Mikroorganismen. Ein vergifteter Boden atmet aber nicht.

Neben der nicht immer unbedenklichen Art, durch Chemikalien die Pflanzen vor Schädlingen zu schützen, sind bedeutungsvolle Fortschritte auf dem Gebiete der Züchtung zu verzeichnen. Einzelne Erfolge reichen um hundert Jahre zurück. Die Zuckerrübe besaß nur 2 bis 6 Prozent Zucker, als man sich für sie zu interessieren begann. Fünfzig Jahre später hatte man den Zuckergehalt bereits auf 18 Prozent hinaufgetrieben, und heute ist man vereinzelt bis auf 30 Prozent gekommen.

Die großen Erfolge Burbanks und der Wissenschaft müssen restlos anerkannt werden, wenn man sich auch hier klar sein muß, daß man von der Natur nicht unbegrenzt viel verlangen darf. Wenn Burbank kernlose Pflaumen von zwanzigfacher Größe herausgezüchtet hat und stachellose Kakteen, die im Wüstenklima gedeihen und die man dem Vieh verfüttern kann, wenn er überall Riesenobstsorten hervorbrachte, Weintrauben von 1 m Höhe und darüber, so wird man geradezu erwarten, daß die veränderte, oft überanstrengte Pflanze nach irgendeiner anderen Richtung hin ausweicht.

Sehr groß sind die Fortschritte der letzten 30 Jahre. Es ist gelungen, eine große Zahl von Nutzpflanzen in rationellerer Form heranzuzüchten. Man hat sie klimahart gemacht und schädlingsfest, hat ihnen unvorteilhafte Bestandteile weggezüchtet, hat erwünschte Stoffe in ihnen vermehrt und verstand es auf diese Weise, die produzierte Nahrungsmenge wesentlich zu steigern.


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Wenn Deutschland in den ersten Kriegsjahren 40 Prozent mehr Weizen erzielte als 10 Jahre zuvor und 70 Prozent mehr Roggen als vor 60 Jahren und 150 Prozent mehr Kartoffeln als vor 90 Jahren, so lag dies zu einem großen Teil daran, daß der Züchter die Pflanze tüchtiger, brauchbarer und ergiebiger gemacht hat (z. T. an der Düngung).

Nicht nur beim Obst und bei Gartenpflanzen hat die Kreuzung wertvolle Neuschöpfungen gebracht. Auch bei den Bäumen hat sich als Folge von Bastardierung neben vielen Fehlschlägen auch sehr Wertvolles ergeben. Nicht selten tritt ein üppigeres und schnelleres Wachstum ein. Die Bäume luxurieren.

Der Holzbedarf der ganzen Welt ist in den letzten Jahren gewaltig angewachsen. So mußte man darauf bedacht sein, die Produktion der Wälder immer noch weiter zu heben. Versuche, die sich über ganz Europa erstrecken, haben bereits bemerkenswerte Ergebnisse gezeitigt. Nicht die ortsansässige Kiefer entwickelt sich im Bayerischen Wald bis auf 600 m am günstigsten und vermag dem Schneedruck am besten zu widerstehen, sondern die Kiefer aus Ostpreußen. Und im Apennin zeigte sich nur die Kiefer polnischer und ungarischer Herkunft fähig, durchzuhalten und einen kräftigen Wuchs zu entwickeln. Alle übrigen kümmerten und gingen zugrunde.

Die Pflanze fragt nicht nur nach der Art des Bodens, in dem sie wurzelt. Sie ist auch sehr feinfühlend gegenüber ihren Nachbarn. Das Stiefmütterchen keimt bei Roggen zu 100 Prozent, dagegen ohne ihn nur spärlich, mit Weizen gar nicht oder sehr spät. Die Tollkirsche liefert in Nachbarschaft von Geißraute 18 bis 24 Prozent mehr Atropin. Auch Hafer und Beifuß wirken auf sie günstig. Umgekehrt wird auch der Hafer durch Tollkirsche und ebenso durch Schierling stark gefördert. (30 Prozent in der Entwicklung.)

Die Wirkung geht zum Teil von Wurzel auf Wurzel; zum Teil wirken Ausscheidungen von Blättern, die an die Luft abgegeben werden. Auch hier wieder imponiert uns die Natur, wie sie mit unvorstellbar geringen Mengen Wirkungen erzielt — wenn wir bereit sind, uns von ihr imponieren zu lassen.

Warum wird dies hier angeführt? Hat dies mit der Zivilisation das geringste zu tun? 

Allerdings; es ist eine wichtige Lehre für den Ordnungssinn des Menschen — für den übertriebenen. Hederich ist ein Unkraut und als solches »auszurotten«. Der Roggen keimt aber in seiner Nachbarschaft besser und entwickelt sich günstiger.

Die Götter verlangen ihre Opfergabe. Sie fordern einen Teil des Ackers als Hecke und einen Teil des Getreides als Unkraut.

Aber — die Kornrade muß man fernhalten. Ihr Samen macht empfänglich für Leprabazillen.

Nun nochmal die Frage, wie kann man dieser Giftküche entgehen? 

1. Man wende sich mit größerer Energie als bisher der biologischen Bekämpfungsmethode zu (inkl. Bakterien und Viren). 
2. Man erforsche eingehend die von den Pflanzen selbst gebildeten Schutzgifte, die z. T. für Menschen unschädlich sind. 
3. Man sorge für gesunden Boden mit günstigem Pegel des Grundwassers. 

Dann braucht man auf dem Acker keine Gifte.

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