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1.2. Zur Schlüsselrolle der Geschichte

 

 

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Eine die Zukunft einbeziehende, epochale Betrachtung der Geschichte gab es schon immer in der Geschichts­philosophie, die aber lange Zeit nicht als Zweig der Geschichte, sondern eher als Teilgebiet der spekulativen Philosophie galt. 

Die überlieferte Geschichte, die Historiographie oder gar die Chronologie, legte Wert darauf, sich von der Geschichtsphilosophie zu distanzieren. Der seriöse Historiker spekuliert nicht, sondern berichtet nur, was sich in der Vergangenheit so alles zugetragen hatte. Er interessierte sich hauptsächlich für die nationale, d.h. je nachdem für die deutsche, die französische oder englische, die römische oder griechische Geschichte.

Die Geschichte von Nationen oder Völkern wurde vor allem als politische Geschichte, d.h. als die Geschichte der Dynastien und Potentaten, der Feldherren und Machthaber gesehen. Es ging um deren persönliche Machtkämpfe, um deren Kriege und Eroberungen. Sicherlich suchte man dabei auch die Ursachen und Beweggründe für diese Ereignisse aufzufinden und darzustellen. Wenn die Massen aber überhaupt in Erscheinung traten, dann höchstens als Chöre, die die Leitmotive aufnehmen und untermalen. 

Ein gewisses Interesse wurde auch den "höheren" geistigen Bereichen — den Religionen und Philosophien, der Literatur und Kunst — entgegen gebracht. Aber schon die Wissenschaft und Technik wurden höchstens am Rande erwähnt, die Wirtschafts- und Gesellschafts­strukturen blieben weitgehend ausgespart. Die Klassenkämpfe, die sozialen Bewegungen, aber auch das Verhalten der Menschen im Alltag traten kaum in den Gesichtskreis des zünftigen Historikers.

In der Regel erschien der geschichtliche Ablauf als naturnotwendig und unvermeidlich, d.h. eindimensional. Ein Ereignis, das der geschicht­lichen Vergangen­heit angehörte, hatte so gut wie keinen Bezug zur Gegenwart oder gar zur Zukunft. Nur weil die Vergangenheit "tot" war, konnte sie angeblich objektiv betrachtet werden. Die Zukunft überließ man voller Verachtung den Philosophen und Soziologen oder gar wilden Spekulationen von Ideologen und Utopisten.

Selbstzufrieden verwies der Historiker darauf, daß wir mittels unseres Gedächtnisses und der Überlieferung mit den Toten von gestern Kontakt aufnehmen können, daß wir aber schon nicht wissen, was die Lebenden von heute denken und tun — zu den Ungeborenen von morgen sei der Zugang gar total versperrt. Mit dieser Haltung machten sich die zünftigen Historiker mehr oder weniger bewußt die uralte Auffassung zu eigen, daß es nichts Neues unter der Sonne gäbe.

Nun hat die Geschichtswissenschaft selber begonnen, diese Schranken abzubauen. Der moderne Historiker interessiert sich nicht nur zunehmend für die Gegenwart als "Zeitgeschichte", sondern schenkt nun auch dem täglichen Leben des einzelnen, den Bewegungen der Massen, der Entwicklung der Technik und dem Fortschritt der Wissenschaft in Vergangenheit und Gegenwart größere Beachtung. Selbst ein gelegentlicher vorsichtiger Blick in die Zukunft ist nicht mehr tabuisiert; qualitative Veränderungen werden für möglich gehalten.

Damit nähert sich die moderne Geschichtsschreibung anscheinend der bereits erwähnten Geschichts­philosophie, die sich schon immer über das, was man Universal­geschichte nennt, Gedanken gemacht hat. So fragte man sich etwa, ob die Geschichte aus sich wiederholenden Kreisläufen bestehe, ob die Evolution spiralenförmig vor sich gehe oder ob der Fortschritt geradlinig ablaufe. Freilich erliegt der Geschichtsphilosoph nicht selten der Gefahr, nun seinerseits den Geschichtsprozeß allzusehr zu vereinfachen, ihn nur als die Wiederkehr des gleichen oder als die Einbahnstraße des Fortschritts zu deuten.

So hat etwa hat Oswald Spengler in der Weltgeschichte die ewige Wiederkehr unabhängiger Kulturen gesehen, die einander in der organischen Aufeinander­folge ihrer Phasen ähneln. Für ihn hat es bisher acht solcher unabhängigen Kulturkreise gegeben; er meinte, wir selber könnten noch das Aufblühen einer neunten — der russischen — Kultur erleben. 

Hingegen ist für Karl Marx die Geschichte ausschließlich eine fortschreitende Entwicklung von Wirtschafts­systemen und Gesellschafts­formationen. Für ihn reduziert sich die Weltgeschichte auf die einander folgenden "asiatischen, antiken, feudalen und modern-bürgerlichen Produktionsweisen". Der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft würde naturnotwendig die höhere sozialistische und schließlich kommunistische Phase folgen.

* (d-2015:)  detopia:  O.Spengler   K.Marx   A.Toynbee 

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Eine Synthese von Kreislauf- und Fortschrittstheorie versuchen Denker wie Arnold Toynbee oder Alfred Weber herzustellen. Im Gegensatz zu Spengler betonen sie auch die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Hochkulturen. 

Toynbee sieht den weltgeschichtlichen Fortschritt vor allem im Weiterwirken des Christentums als der höchsten Universalreligion. 

Alfred Weber betont die relativ lineare Entfaltung der wissenschaftlich-technisch-organisatorischen "Zivilisation", die er der in sich ruhenden, wenig Fortschritt aufweisenden geistigen "Kultur" gegenüberstellt.

 

Angesichts der "Megakrise" unserer Tage wird immer deutlicher, daß selbst die phantasievollsten Denker allzuoft der Versuchung unterlagen, Systeme zu entwickeln, die zu begrenzt sind, um allen heute denkbaren zukünftigen Entwicklungen Rechnung zu tragen. 

Hier geht es darum, zwar die mögliche Ziel­gerichtetheit der Geschichte zu berücksichtigen, zugleich aber ihre Vieldeutigkeit und Widersprüchlichkeit auszuloten. Selbst das Moment der Über­raschung darf nicht ausgeklammert werden. 

Wenn uns die Geschichte auch nicht den Schlüssel zur Zukunft liefert, so öffnet sie doch einen Spaltbreit das Tor zu den möglichen Zukünften.

Die Menschheitsgeschichte ist also pluralistisch als das Mit- und Nebeneinander verschiedener Prozesse zu sehen. Sicherlich gibt es Kreisläufe innerhalb bestimmter Kulturen, andererseits aber auch den Fortschritt und die Evolution bestimmter Zivilisationsprozesse, die über die jeweilige Kultur hinausreichen.

Im Ablauf der Jahrtausende entdecken wir einen großräumigen und langfristigen Prozeß der Beharrung und des Wandels. 

Will man etwas über das Jahr 2000 oder gar das Jahr 3000 aussagen, so muß man den Blick nicht nur um tausend oder zweitausend Jahre zurückwenden, sondern muß um 5000, 10.000 oder gar 100.000 Jahre zurückgehen. Ebenso wichtig wie die geschriebene Geschichte sind also auch die Zehntausende von Jahren der sogenannten Vorgeschichte.

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Auf die vielleicht 100.000 Jahre währende erste Kulturphase der Sammler, Jäger und Fischer im Altstein­zeitalter folgt eine wohl keine 10.000 Jahre anhaltende zweite Phase der Ackerbauern und Viehzüchter in der Jungsteinzeit (Neolithikum). Das Nahrungsangebot blieb knapp, indessen die Bevölkerung schon damals über die Nahrungs­mittelschranken hinauszuwachsen begann. Aber der Mensch entdeckte nun, daß Ackerbau und Viehzucht ihn reichlicher ernähren als die Jagd und der Fischfang. Den Übergang von der einen Stufe zur anderen nennt man die "neolithische Revolution", die vor etwa 10.000 Jahren stattfand. Die Zahl der Menschen um 7000 v.Chr. wird auf etwa zehn Millionen geschätzt — sie verdoppelt sich dann innerhalb eines Zeitraumes von zunächst 2500 und später nur noch tausend Jahren, so daß bei Christi Geburt weltweit etwa 160 Millionen Menschen lebten.

 

Die Bevölkerungszunahme, die Intensivierung der Arbeit und die beginnende Arbeitsteilung gehen Hand in Hand mit dem Kampf um die Jagdgründe, um die Äcker und Weiden. Arbeitsteilung bedeutet in jener Vorzeit vor allem Teilung der Arbeit zwischen dem Mann, der jagt oder fischt, und der Frau, die die Kinder gebiert, nährt und die Nahrung zubereitet, d.h. den Haushalt versorgt. So entsteht das Patriarchat, jene Familienform, in der der Mann zum Eheherrn wird. Noch leben die Familien aber innerhalb von Gemeinschaften wie Sippen, Stämmen und Gentilgenossenschaften.

Dort, wo die Natur den Menschen reichlicher versorgt wie vor allem — aber nicht nur! — in den Tropen oder wo Familienplanung den Bevölkerungsdruck ausgleicht, bleiben die Menschen Jäger oder Fischer, Ackerbauern oder Viehzüchter. So kennen nach den Berichten der Ethnologen 47 Prozent der niederen und 25 Prozent der höheren Jägerstämme noch nicht jene Organisation, die wir Staat nennen. Noch bis in unsere Tage leben manche Stämme wie die Zuni- oder Comanche-Indianer, die Zadruga-Bauern in Jugoslawien, die Berg-Arrapesh Neuguineas, aber auch die Eskimos ohne jede staatliche Zwangs­organisation friedlich und kooperativ zusammen.

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Erst mit der Entwicklung der Landwirtschaft wachsen der Handel und das Handwerk, entstehen die ersten Städte. Erst mit den Städten und den Kämpfen zwischen diesen, aber auch mit der Unterwerfung eines Stammes durch einen anderen bildet sich das heraus, was wir den Staat oder das Reich nennen, also eine Zwangs- und Gewaltinstitution, die für Ruhe und Ordnung, d.h. für Unterordnung im Inneren und für Schutz nach außen gegen den Feind sorgt. Im Verlauf dieser Entwicklung verdrängen immer stärker die sich vergrößernden hierarchisch-autoritär aufgebauten Hochkulturen oder Zivilisationen die kleineren genossenschaftlich-solidarischen Gemeinschaften.

Die Stadt, der Staat und das Reich sind also "Errungenschaften" der ersten Hochkulturen oder Zivilisationen, die sich seit etwa 4000 v.Chr. in Ägypten, Mesopotamien, dem Industal, dem Huang-Ho-Tal, ferner als Maya-Zivilisation in Mexiko und in Form von zwei unterschiedlichen Zivilisationen in Peru und schließlich als Inselzivilisationen in Minos oder Kreta entfalten. Von diesen acht Hochkulturen sind die ersten vier Fluß- und Bewässerungs­gesellschaften; für sie prägte Marx den Begriff der "asiatischen Produktionsweise". Schon in diesen ersten Hochkulturen geht die Arbeitsteilung weiter als im Neolithikum. Entsprechend stark ist das Bedürfnis nach "Ordnung", d.h. Über- und Unterordnung und deren religiös-ideologische Legitimation entwickelt. Den primären folgen die sekundären Hochkulturen in Mexiko und Peru, in Persien, Indien und China. Zu ihnen sind aber auch die Sklavengesellschaften Griechenlands und Roms zu zählen.

Im Abendland wird dann jede Art von Fortschritt mit dem Untergang der klassischen griechisch-römischen Kultur und dem Ende der Antike total und radikal unterbrochen. Diese Epoche, das sogenannte Finstere Zeitalter, währt von etwa 300 bis 800 unserer Zeitrechnung. Gleichzeitig geht im Osten der Kulturprozeß ohne erhebliche Unterbrechungen weiter. Dort entstehen die tertiären Hochkulturen Chinas, Indiens, des Islam und von Byzanz.

In Europa erwächst aus dem Finsteren Zeitalter oder Frühmittelalter der hochmittelalterlich-christliche Feudalismus, den man als eine für den Westen typische vierte Kulturstufe deuten kann.

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Im Schoße dieses europäischen Feudalismus bildet sich zunächst noch langsam, dann aber stets rascher in den Städten die bürgerliche Gesellschaft, die für das Ende des Mittelalters und den Beginn der Neuzeit so charakteristisch ist und die man als eine fünfte Kulturstufe bezeichnen könnte. Mit bislang unvorstellbarer Geschwindigkeit entwickelt sich hier dann der moderne Industriekapitalismus, der die Voraussetzungen für eine ganz neuartige, moderne Weltkultur und -gesellschaft schafft.

Bis zum Einbruch der Moderne — wenn man will, der sechsten Kulturstufe — verlief die soeben angedeutete gesellschaftliche Entwicklung so langsam und zähflüssig, daß man überspitzt alle früheren Kultur- oder Zivilisationsstufen als weitgehend statisch oder stationär kennzeichnen kann. Zugegeben, die sogenannte "höhere" geistige Kultur, d.h. etwa die Religion, Philosophie und Kunst, erreichte schon früh dramatische Höhepunkte. Das tägliche Leben der großen Massen blieb hiervon jedoch weitgehend unberührt. In der agrarischen Produktionsphase vegetierten sie am Rande der Existenz dahin; die Fortschritte in der Wissenschaft und Technik blieben äußerst bescheiden.

Diese statische Menschheitsepoche war arm an echtem materiellen Fortschritt, hingegen war sie reich an Erfindungen, die der Unterdrückung und Vernichtung des Menschen dienten. So stehen etwa die "Errungen­schaften" der Tortur in krassem Gegensatz zur Sterilität der Medizin oder Hygiene. Gepflegt und entwickelt wurde vor allem die Kunst des Krieges — sie galt unvergleichlich mehr als die Kunst des friedlichen Lebens.

Sind wichtige Erfindungen und Entdeckungen wie das Schießpulver oder die Buchdruckerkunst für das Ende des Mittelalters und den Beginn der Neuzeit typisch, so erfolgt der größte Umschwung erst mit der Industriellen Revolution. Sie geht Hand in Hand mit den politischen Revolutionen im 18., 19. und 20. Jahr­hundert, die ihrerseits der modernen Demokratie zum Durchbruch verhelfen.

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Die sechste Zivilisationsstufe steht im Zeichen der Demokratisierung und einer sich überstürzenden Dynamik und Expansion der modernen Naturwissen­schaft und Technik in den westlichen Industrieländern. Nun erst steigt das Wissen des Menschen um seine Umwelt und um sich selbst sprunghaft an. Mit der Verwissenschaftlichung und mit der Erschließung neuer Energiequellen und Technologien wächst die Leistungsfähigkeit von Industrie, Handel und Verkehr. Dank der modernen Medizin vermehrt sich die Bevölkerung immer rascher. Der Lebensspielraum des Menschen weitet sich aus; es gelingt ihm aber nicht, ihn konstruktiv auszufüllen. Infolge der Arbeitsteilung verselbständigen sich nämlich die Produkte des Menschen und gewinnen Macht über ihn. Das hat Schiller anschaulich beschrieben:

"Der Genuß wurde von der Arbeit, das Mittel vom Zweck, die Anstrengung von der Belohnung geschieden. Ewig nur an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch selbst nur als Bruchstück aus ... Anstatt die Menschheit in seiner Natur auszuprägen, wird er bloß zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner Wissenschaft."  

Die Entfremdung der Arbeit des Menschen, seine Degradierung zum Objekt und zur Ware beschäftigten Hegel und insbesondere Marx. Mit Marx verstehen wir hier unter Entfremdung nicht jegliche Form der Entmenschung und der Unterdrückung, Gewalt und Ausbeutung, die, wie wir wissen, in allen Hochkulturen stets vorhanden waren. Entfremdung steht für eine anonyme Macht, die einer Gesellschaft in einer bestimmten Entwicklungsstufe ihren Stempel aufdrückt. Sie ergibt sich erst aus der überragenden Rolle von Geld und Kapital oder von Machtpolitik und Bürokratisierung im bürgerlich-kapitalistischen bzw. im postkapitalistisch-etatistischen System.

Der Markt wurde zu einer solchen anonymen Macht, von der nicht nur die Arbeiter, sondern auch die Kapitalisten immer abhängiger wurden. Nicht mehr unmittelbare Nachfrage bestimmte die Produktionsweise, sondern der Absatz zu möglichst hohen Preisen. An die Stelle von persönlichen Beziehungen zwischen Arbeitern, Unternehmern und Konsumenten trat die Macht des Geldes und des Kapitals, das immer mehr zum Kuppler zwischen Menschen und Menschen wie auch zwischen Menschen und ihren Leistungen wird.

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Überspitzt formuliert hat bereits Shakespeare die Rolle des Geldes in der Frühphase des Kapitalismus angeprangert. Im <Timon von Athen> heißt es:

Gold?... Soviel hiervon macht schwarz weiß,
häßlich schön, schlecht gut, alt jung,
feig tapfer, niedrig edel ...
Ja, dieser rote Sklave löst und bindet geweihte Bande,
segnet den Verfluchten: er macht den Aussatz lieblich,
ehrt den Dieb und gibt ihm Rang,...
dieser führt der überjährigen Witwe Freier zu; sie,
von Spital und Wunden giftig eiternd, mit Ekel fortgeschickt,
verjüngt balsamisch zur Maienjugend dies.
Verdammt Metall, gemeine Hure du der Menschen
die die Völker törst.

Goethe läßt sein Gretchen sagen: "Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles, ach wir Armen!"
Und an anderer Stelle, auf die Marx verweist, heißt es bei Goethe:

Wenn ich sechs Hengste zahlen kann,
sind ihre Kräfte nicht die meinen?
Ich renne zu und bin ein rechter Mann,
als hätt' ich vierundzwanzig Beine.

Die Bedeutung der Entfremdung durch Geld und Kapital hat Marx gründlich analysiert, aber auch überschätzt. Trotz Shakespeare, Goethe und Brecht (der einmal gefragt hat: "Er ist ein Mensch, was ist sein Preis?") ist bis auf den heutigen Tag nicht alles käuflich. Nur wenige Mütter würden ihren Säugling verkaufen, selbst wenn sie einen horrenden Preis dafür bekämen. (Oder kündigt die In-vitro-Fertilisation mit dem Leihmütter­mißbrauch hier einen Wertewandel an?)

Auch gibt es noch Frauen, die sich nicht prostituieren, und Künstler, die ein Werk um seiner selbst willen schaffen. Nicht jeder Politiker, Publizist oder Wissenschaftler verrät seine Überzeugung für bares Geld. Wäre die Kommerzialisierung im Kapitalismus total, so hätte auch Marx sein "Kapital" nicht schreiben und publizieren können.

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Daß es noch Inseln nicht entfremdeter Integrität gibt, erklärt sich vielleicht daraus, daß sich ethische Normen aus vorkapitalistischer Zeit nicht über Nacht verändern lassen.

Dennoch ist das Tempo des Entfremdungsprozesses besorgniserregend. Selbst in den Demokratien werden materielle und ideelle Güter zur Ware auf dem sogenannten freien Markt: unabhängig von ihrem Gebrauchs­wert. Hinzu kommt, daß sich Geld und Kapital in Macht und Einfluß umsetzen lassen. Staat und Politik werden unmerklich kommerzialisiert, ohne daß dieser Prozeß Abscheu erregt oder gegen Gesetze verstößt. Es gibt auch in den Demokratien zahllose Möglichkeiten, Parteien legal zu finanzieren oder Sachverstand einzukaufen. Korruptionsskandale, die hin und wieder die Gemüter erregen, sind nur die Spitze eines Eisbergs, der ohne nennenswerte Folgen wieder im Meer der Gleichgültigkeit der entfremdeten Gesellschaft verschwindet.

Seit es Hochkulturen gibt, haben Menschen individuell oder kollektiv einander bekriegt. Im Laufe der Geschichte ist der befriedete Raum größer geworden und hat sich bei uns in der Neuzeit bis zum Territorial­staat erweitert. Mit dem erwachenden National­bewußtsein der Völker verwandelt sich der Territorial­staat häufig in den Nationalstaat, der sich nur in steter Auseinander­setzung und im Kampf mit anderen Staaten behauptet. Entgegen optimistischen Erwartungen im 18. und 19. Jahrhundert hat sich die Konfrontation der Staaten im 19. und 20. Jahrhundert, d.h. im Zeitalter des Imperialismus, sogar verschärft, um in die Katastrophe des Ersten Weltkriegs zu münden. Aus heutiger Sicht ist dessen Ausbruch im Jahre 1914 der Beginn einer teils latenten, teils akuten Krise der europäischen Kultur, die bis heute anhält und immer mehr die ganze Welt erschüttert.

Diese von Europa ausgehende Krise bleibt in ihren frühen Manifestationen auf den Westen beschränkt, da die tertiären Hoch­kulturen etwa in Asien im landwirtschaftlich-handwerklichen Produktionsstadium stecken­geblieben und nicht zur bürgerlichen oder gar industriell-kapitalistischen Entwicklungsphase vorgestoßen waren.

Selbstverständlich blieben die sogenannten primitiven Stammesgesellschaften oder Naturvölker, von denen die Ethnologen an die 700 kennen, von all diesen modernen Entwicklungen lange Zeit verschont. Das Eindringen unserer modernen kapitalistischen Industriekultur mit ihren Krisen in die alten Zivilisationen und schließlich auch in die übriggebliebenen Stammesgesellschaften ist vor allem eine Erscheinung des 20. Jahrhunderts.

Hieran ändert zunächst auch die russische Oktoberrevolution von 1917 nichts. Zwar spaltet sie die Welt nun in einen im wesentlichen immer noch kapitalistischen und in einen sogenannten sozialistischen oder besser etatistischen Sektor. Diese heute oft als Erste und Zweite Welt bezeichneten Systeme stehen jedoch nach wie vor in einem merklichen Gegensatz zu dem Rest der Welt, von dem man gern als der Dritten oder auch der Dritten und Vierten Welt spricht. Das Verhältnis dieser vier Welten zueinander ist eines der großen Themen von heute und morgen.

Was bisher auf wenigen Seiten angedeutet wurde, zeigt, daß es kaum gelingen dürfte, die Universal­geschichte des Menschen auf einen einfachen Nenner zu bringen. Wer wollte angesichts solcher Widersprüche und Gegensätze, bei diesem Vorwärts und Zurück gar noch behaupten, daß die Geschichte eine Theodizee, d.h. der Gang einer weisen und gütigen Gottheit durch die Welt, sei, eines Gottes, der uns geraden Weges zur besten aller möglichen Welten führt?

Gleicht ihr bisheriger Verlauf nicht eher einer Odyssee, jener Irrfahrt des Odysseus, die ihn so lange seiner Heimat fernhielt? Landete dieser schließlich in seinem heimatlichen Ithaka, wo ihn seine treue Penelope für alle Unbill entschädigte, so wissen wir noch nicht, ob den Irrfahrten des Menschen­geschlechts je ein ähnlich glücklicher Ausgang beschieden sein wird. Jedenfalls genügt es nicht wie Penelope auf das glückliche Ende zu warten; für eine bessere Zukunft müssen wir uns aktiv einsetzen.

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Ossip Flechtheim 1987 Ist die Zukunft noch zu retten?