Teil 2 

Die 7 existentiellen Herausforderungen 

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1. Rüstungswettlauf und Krieg

       Von Ossip Flechtheim 1987

 

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Es klingt wie eine Banalität, wenn hier der Krieg als größte Herausforderung an unsere Gegenwart gewertet und abgehandelt wird. Täglich steht es in den Zeitungen; es füllt die Nachrichtensendungen, schreckt nicht nur Bürger, sondern auch Politiker, die ihn hervorrufen oder abwenden können: Im Gegensatz zu früheren Epochen der Menschheitsgeschichte wissen wir heute, daß der globale Krieg, ganz gleich wie er ausgeht, niemandem etwas Positives bringen kann. 

Das war nicht immer so.

Im Laufe der Menschwerdung über Hunderttausende von Jahren hinweg schien die kriegerische oder kämpferische Auseinander­setzung wichtige Funktionen zu erfüllen. Um das Überleben der Gattung oder zumindest seiner Gruppe zu sichern, war der Mensch stets darauf angewiesen, für sich und seine Nachkommen Nahrung, Kleidung und eine Behausung zu beschaffen. Als gesellschaftliches Wesen brauchte er einen bestimmten Lebensraum, den er unter Umständen durch andere Gruppen gefährdet sah. Mangel an Raum oder Nahrung mögen Mißtrauen gegenüber einem Fremdling erzeugt oder zumindest verstärkt haben: Er konnte ihn schließlich nicht nur seiner Nahrung berauben, sondern ihm auch das Leben nehmen.

Die bewußte Erfahrung der Sterblichkeit ist in der Evolution des Menschen sehr früh anzusetzen und unterscheidet ihn vom Tier. Solche Urängste mögen zur Entstehung eines Feindbildes beigetragen haben.

Obwohl die Ethnologie uns belehrt, daß es in der sogenannten Vorgeschichte des Menschen primitive Gemeinschaften gab, die so friedlich waren, daß sie den eigenen Untergang einer kriegerischen Auseinandersetzung vorzogen, reicht der Krieg als Mittel der Sicherung der Gruppe doch weit in die Geschichte zurück.

Insbesondere in den großen Zivilisationen und Hochkulturen scheint der Krieg eine so zentrale Rolle zu spielen, daß er aus dem Bewußtsein der Eliten und der Massen nicht wegzudenken ist. Der griechische Philosoph Heraklit sprach poetisch aus, was vor und nach ihm schon so viele dachten:

Der Krieg ist der Vater aller Dinge,
Aller Dinge König,
Die einen erweist er als Götter,
Die andern als Menschen,
Die einen zu Sklaven,
Die andern zu Freien.

Ursprünglich waren körperliche Kraft und persönlicher Mut für den Ausgang der Kämpfe ausschlaggebend. Solange die Waffe nur ein Hilfsmittel für den körperlich Stärkeren war, war der Krieg eine Art Wettkampf zwischen wehrfähigen Männern, die die schwächeren Mitglieder ihrer Gruppe schützten. Im Laufe der Jahrtausende spaltete sich die kriegführende Gruppe in Herrscher und Beherrschte auf, wobei zunächst die Herrscher als Feldherren ihre Gefolgschaft selber anführten und dabei ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten. Erst in einem späteren Stadium blieben sie als Territorialherren mehr und mehr im Hintergrund und ließen ihre »Landeskinder« für sie kämpfen. So heißt es bei Friedrich Schiller ironisch:

Aber wenn sich die Fürsten befehden, 
Müssen die Diener sich morden und töten. 
Das ist die Ordnung, so will es das Recht.

In dem Maße, wie Herrschaft Selbstzweck wurde und die Herrschenden anfingen, auf Kosten der Untertanen Macht und Ruhm, Land und Geld zu erwerben, verlor der Krieg seine ursprüngliche Schutzfunktion, ohne daß dieser Funktionswandel den Beteiligten bewußt wurde.

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Mit der Gründung von Städten und Reichen entstanden Zwangs- und Gewaltinstitutionen, das heißt Staaten, die ihre Macht nach außen behaupten oder sogar mehren und gleichzeitig die Untertanen im Innern gefügig halten wollten. So wurde aus der ursprünglichen Schutz­funktion immer mehr eine Form der Machtbehauptung und Expansion.

An dieser Haltung hat sich bis heute nichts geändert, obwohl zumindest in der Ersten und Zweiten Welt einst Theorien verfochten wurden, die den Krieg zwischen Staaten ablehnten. Amerikanische Demokraten verkündeten im 18. Jahrhundert die Unverein­barkeit von Demokratie und einem ständigen militärischen »Establishment«, und die Vereinigten Staaten haben in der Tat bis zum Ersten Weltkrieg keinerlei Armee von Bedeutung gehabt. Auch zu Beginn der Französischen Revolution wurde der Krieg nur den »Palästen« erklärt, den »Hütten« sollte der Friede beschert werden, und es war der »Landesvater«, der auf der Guillotine endete. Aber schon allzu bald wurden Revolution und Nation gleichgesetzt. 

So entstand entgegen der ursprünglichen Utopie von der Weltdemokratie der demokratische Nationalstaat, für den der Krieg wieder zum Mittel der Politik wurde.

Zur gleichen Zeit, da sich eine militant-nationale oder gar nationalistische Demokratie herausbildete, veränderte sich der inzwischen erstarkte Kapitalismus. Zwar hatten die frühen Verfechter des Freihandels erwartet, daß die freie Konkurrenz auf dem Weltmarkt dem Krieg als einem Störfaktor des Welthandels den Garaus machen und den Weltfrieden herbeiführen würde, doch übersahen sie dabei, daß man auch mit der Produktion und dem Handel von Waffen gute Geschäfte machen kann. In Wirklichkeit entstand in den industriell entwickelten Ländern, auch wenn sie demokratisch verfaßt waren, eine Synthese von Monopolkapital und Militär, die zu imperialistischen Kriegen führte.

Auch in dem Machtbereich, den wir heute die Zweite Welt nennen, hofften die Kommunisten ursprünglich auf eine sozialistische Weltföderation, die jede Form des Krieges überwinden und dialektisch »aufheben« würde. Mit dem Sieg Stalins und seiner Theorie vom »Sozialismus in einem Lande« setzte sich jedoch schon in den zwanziger Jahren die Ideologie von der »Verteidigung des Vaterlandes aller Werktätigen« gegen alle anderen angeblich imperialistischen Staaten durch.

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Ein solches Vaterland brauchte wieder eine möglichst starke Rote Armee. Fazit: Sowohl im Westen als auch im Osten hatte der »Vater Staat« seine Kinder wieder fest in der Hand. Damit waren beide Welten erneut auf die alten Ideologien, von denen sich ihre Bürger nie ganz befreit hatten, zurückverfallen.

 

Während etwa im 18. Jahrhundert, vor der Französischen Revolution, die Kriegführung noch in den Händen von Berufssoldaten oder Söldnern lag und auf einen von der übrigen zivilen Gesellschaft isolierten, eng begrenzten Sektor beschränkt blieb, begann mit der Demokratisierung und der allgemeinen Wehrpflicht der Geist der »Landesverteidigung« zunehmend alle Bereiche der modernen Massen- und Klassengesellschaft zu durchdringen. Dem Vaterland zu dienen war der Preis, den die Völker für ihre schwer erkämpften Bürgerrechte zu zahlen hatten. 

Selbst die ältesten Demokratien vermögen heute angesichts der Erfordernisse eines totalen und globalen Krieges immer weniger dem Schicksal umfassender Militarisierung der Politik, Gesellschaft und Kultur zu entgehen. Von der Einschränkung der Freiheitsrechte über die Geheimhaltung von Erfindungen bis zur Erziehung der Jugend im Geiste der Wehrhaftigkeit reicht diese neue Form der demokratischen »Gleichschaltung«. Solange man sich von außen bedroht fühlt, kann man leicht das Einfrieren der bestehenden Herrschafts- und Besitzordnung als notwendigen Schutz der »Volks­gemeinschaft« vor dem äußeren Feind rechtfertigen. Ähnelt die Friedenszeit einem latenten Kriegszustand, so sind alle Völker bereit, den Gürtel enger zu schnallen, ihren Führern blind zu vertrauen, den Burgfrieden zu wahren. 

In einer gefährdeten Festung liegt es nahe, jede oppositionelle Forderung, wenn nicht sogar jede kritische Regung, als Landes- und Hochverrat zu proklamieren.

Ob für ein Land eine Gefährdung von außen wirklich besteht und welches Ausmaß sie tatsächlich hat, ist nur in den seltensten Fällen eindeutig festzustellen. Außer Zweifel steht, daß Eliten oder herrschende Klassen oft vorgaben, von außen bedroht zu sein, wenn sie in Wirklichkeit im Innern schwerwiegende Probleme mit nach oben strebenden Kräften hatten.

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Die Machthaber waren dann oft versucht, deren Stoßkraft auf den äußeren Feind abzulenken. Der Krieg hat somit den Klassenkampf überlagert und verdrängt — eine Erscheinung, die auch als Bonapartismus charakterisiert wird und im 19. und 20. Jahrhundert besonders deutlich zu beobachten ist. Auch 1914, beim Eintritt des Deutschen Reiches in den Ersten Weltkrieg, war die Ablenkung nach außen ein wichtiges Moment.

Daß der Mensch auch heute noch solchen Täuschungsmanövern ausgesetzt ist und ihnen häufig Glauben schenkt, beweist, wie schwer es ihm fällt, sich von Institutionen und Traditionen zu lösen, die einmal zweckdienlich waren oder es zumindest zu sein schienen. Bis in unser Jahrhundert hinein genießt der »Vater Staat« die Aura des Schutzherren, für den erforderlichenfalls zu sterben und zu töten vornehmste Bürgerpflicht ist. Hierin unterscheidet sich der kapitalistisch-demokratische Staat der Ersten Welt kaum vom »real-sozialistischen« autokratischen Staat der Zweiten oder von den verschiedenen Mischformen der Dritten Welt. Überall wird der Krieg als letztmögliche Form der Beilegung von Konflikten zwischen Staaten bis heute bejaht oder zumindest mit dem, was der Jurist als »dolus eventualis« oder bedingten Vorsatz bezeichnet, in Kauf genommen.

Selbst wenn man davon ausgeht, daß noch im 19. Jahrhundert die Zivilbevölkerung eines kriegführenden Landes durch ihre Armee weitgehend geschützt war, so brachte die wissenschaftlich-technische Revolution es mit sich, daß stets mehr Waffen entwickelt wurden, deren Zerstörungs­kraft immer tiefer ins Land hinein reichte. Schon im Ersten Weltkrieg wurden an den Fronten Millionen von wehrpflichtigen Männern getötet und verstümmelt. Im Zweiten Weltkrieg dagegen wurde auch die wehrlose Bevölkerung im Innern der kriegführenden Länder geopfert. Waren im Ersten Weltkrieg »nur« fünf Prozent der Getöteten Zivilisten, so stieg die Zahl im Zweiten Weltkrieg auf 48 Prozent, im Koreakrieg auf 84 Prozent und im Vietnamkrieg auf 92 Prozent.

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So ungeheuerlich auch die Zerstörung in allen früheren Kriegen war, so schien das Überleben der Menschheit nicht in Frage gestellt. Erst der Einsatz von Atombomben in Hiroshima und Nagasaki brachte die große Wende: Mit der Verfügbarkeit von Nuklearwaffen und ihrer ständigen Vervollkommnung sind die Supermächte in der Lage, sich gegenseitig auszulöschen und alles Leben von der Erde zu tilgen. Damit hat der Krieg seine traditionelle Rolle als Mittel der Politik verloren. Das gilt unbestreitbar für jede atomare Auseinandersetzung zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt. Alles spricht aber auch dafür, daß ein Krieg, der als konventioneller Krieg zwischen den Supermächten und ihren Alliierten beginnt, über Nacht in einen atomaren Krieg umschlagen kann. Damit verwandeln sich die Streitkräfte der Supermächte endgültig und offenkundig aus Instrumenten relativen Schutzes zu Mitteln der totalen Vernichtung.

Über die unvorstellbare Zerstörungskraft der A- und H-Bomben ist so viel geschrieben worden, daß wir uns auf einige wenige Angaben beschränken können. 

Es soll etwa 50.000 atomare Sprengköpfe geben. Eine einzige sowjetische SS-20-Mittelstrecken­rakete hat eine Zerstörungskraft von 45 Hiroshima-Bomben. Schon heute kann die Sowjetunion jede amerikanische Großstadt von über 100.000 Einwohnern 28mal, die USA jede sowjetische Großstadt 34mal zerstören.

Von einem einzigen U-Boot könnte in einer einzigen Nacht über Europa 30mal mehr Vernichtungskraft abgeladen werden als die 1,6 Millionen Tonnen Sprengstoff, die während des Zweiten Weltkriegs als Bomben über Deutschland abgeworfen wurden. Das wäre 2400mal die Wirkung der Bombe von Hiroshima. In der Bundesrepublik lagern mehr als 4000 Atombomben und einige tausend Tonnen Giftgas. Die meisten Atombomben und Giftgasgranaten haben eine Reichweite von höchstens 30 Kilometern. Bei ihrem Einsatz würden sie also unser eigenes Land zerstören.

Trotz dieser bereits jede Vorstellungskraft sprengenden Zahlen ging die Aufrüstung aufgrund ihrer Eigendynamik, die sich anscheinend der Steuerung weitgehend entzieht, unter dem Schleier der Abrüstungs­verhandlungen selbst während der Entspannungs­politik auf beiden Seiten munter weiter.

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Damals bestand noch die Hoffnung, daß erfolgreiche Verhandlungen zu einem Rüstungsstopp und echten Abrüstungs­schritten führen könnten. Daß dies nicht geschah, mag unter anderem auch daran liegen, daß immer mehr Menschen an einer wachsenden Rüstungs­wirtschaft teilhaben.

Der militärische Bereich ist bei weitem der größte Sektor wissenschaftlicher Forschungsarbeit in den entwickelten Ländern. Jeder fünfte Wissenschaftler und Ingenieur ist 1980 mit einem Kostenaufwand von etwa 35 Milliarden Dollar für militärische Zwecke eingesetzt worden. 500.000 hochqualifizierte Wissen­schaftler und Ingenieure arbeiten an militärischen Forschungs­aufträgen. Die Zahl derer, die an der Herstellung von Spezialwaffen und in der Rüstungs­industrie arbeiten, beträgt weit über fünf Millionen. Rund 25 Millionen gehören den bewaffneten Streitkräften der Staaten an, zehn Millionen dienen in paramilitärischen Verbänden, vier Millionen Zivilisten sind für die Militärapparate der Welt tätig. Direkt oder indirekt beschäftigen diese somit etwa 50 Millionen Menschen.

Diese zunehmende materielle Abhängigkeit von der Rüstung macht es dem Durchschnitts­menschen so schwer, den Funktions­verlust oder gar Widersinn der Landesverteidigung in ihrer überlieferten Gestalt einzusehen. Ganz besonders schwer haben es damit die Militärs und die sich mit ihnen identifizierenden Politiker und Publizisten, Staats- und Kirchenideologen, deren Leben jeden Sinn verlieren würde, wenn Armeen von der Bildfläche verschwänden und der ewige Friede ausbräche. Da in einem kapitalistischen System die Aufrüstung den Arbeitern Beschäftigung zu garantieren scheint und den Unternehmern tatsächlich einen idealen Absatzmarkt und hohe Profite sichert, glauben beide ebenfalls an die Landesverteidigung. 

Vor dem fatalen Zusammenspiel von Militärs und Rüstungsindustrie hat General Eisenhower in seiner Abschieds­botschaft mit dem Hinweis auf den »military and industrial complex« gewarnt.

Anschaulich schildert diese Zusammenhänge auch die vatikanische Wochenzeitung <Osservatore de la Domenica>: »Es werden Kriegswaffen hergestellt und verkauft, weil die Regierenden ihr Prestige wahren wollen, weil die Militärs immer modernere Waffen fordern, weil die Industriellen immer mehr verdienen und die Gewerkschaften jeden Arbeitsplatz sichern wollen.«

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Die Wirtschaftskrise der siebziger Jahre trug im Westen das ihre dazu bei, diesen Trend zu verstärken und den Befürwortern der Rüstung zusätzliche Argumente zu liefern. Da es den Managern und Wirtschaftsführern wie auch den Politikern und Militärs unmöglich erschien, das kapitalistische System in Richtung auf eine Frieden, Wohlfahrt und Umwelt fördernde Produktion »umzurüsten«, wählten sie die kurzfristige und leichtere Lösung der kontinuierlichen Aufrüstung.

Favorisiert die kapitalistische Wirtschaftsstruktur den Rüstungswettlauf, so zeitigt im »Realsozialismus« das politische System der Diktatur die gleiche Wirkung. Entspannung und »Ent-Rüstung« können zur Liberalisierung und Lockerung der Autokratie und zum Abbau der Bürokratie rühren. Daher stößt auch hier die radikale Abrüstung auf den Widerstand von Teilen des »Establishment« und der »vested interests«. Zwar mögen die Manager der für den Massenkonsum arbeitenden Wirtschaftszweige der Abrüstung durchaus positiv gegen­überstehen, doch dürfte der Widerstand bei den Militärs, aber auch bei so manchen Parteiideologen und -bürokraten, der am Status quo klebt, erheblich sein.

Die Gründe, warum beiden Blöcken Abrüstung so schwerfällt, mögen ganz verschieden sein. Da jedoch beide in Waffen ersticken und den Atomkrieg fürchten, weichen sie auf Unterstützung der sogenannten Stellvertreterkriege aus. Dabei profitieren sie von vorhandenen Spannungen in der Dritten Welt, für die sie zwar nicht immer die Alleinverantwortung tragen, die sie aber gern dazu nutzen, ihren Einflußbereich in der Welt zu erweitern. 

Wenn es eines Beweises bedarf, daß lokale, konventionelle Kriege auch nach Hiroshima nicht von der Bildfläche verschwunden sind, veranschaulichen die folgenden Zahlen das ganze Ausmaß dieses Grauens:

Istvan Rench zählt für die Zeit von 1945 bis 1982 148 Kriege auf. Nach einer anderen Quelle habe es seit 1945 127 militärische Konflikte mit 32 Millionen Toten und Verwundeten gegeben. Die Gesamtdauer dieser Konflikte habe 369 Kampfjahre umfaßt.

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Nur 60 Tage seien laut Georg Leber ohne Krieg gewesen! In 126 kriegerische Auseinandersetzungen seien 88 Staaten verwickelt gewesen. Stand bis 1976 Asien mit 17 Kriegen an der Spitze, so wurde 1979 Afrika der Kriegskontinent Numero eins. 1986 wurden 37 Kriege geführt — mehr als je zuvor!

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben die USA, wie das Brookings Institute in Washington meldet, in 200 Fällen Gewalt angewendet, die Sowjetunion 190mal. Die Sowjetunion hätte in 26 Fällen ihr Territorium oder ihren politischen Einfluß vergrößern wollen, wie etwa in der Kubakrise 1962, beim Einsatz sowjetischer Truppen in mehreren afrikanischen Staaten und bei der Intervention in Afghanistan. Zu den Einsätzen der USA nach dem Zweiten Weltkrieg gehörten das Eingreifen von Truppen im Libanon 1958, die Intervention in der Dominikanischen Republik 1965 und vor allem der Vietnamkrieg. Etwa 1700 amerikanische »Militärberater« seien in 53 verschiedenen Staaten im Einsatz. Seit etwa 30 Jahren sei es üblich, Militärberater in jene Länder zu entsenden, die Rüstungsmaterial erhalten hätten. In Saudi-Arabien seien 441, in Ägypten 323, in El Salvador 56 Experten im Einsatz. (Wie viele es in Honduras sind, ist nicht bekannt.) Die Mehrzahl der Berater sei in Südostasien und in der Nahostregion tätig. Soweit die Informationen des Verteidigungs­ministeriums der USA.

In West und Ost, Nord und Süd verschlingt die sogenannte Verteidigung unvorstellbare Summen. Die Rüstungsausgaben sollen von zehn Milliarden Dollar 1900 bzw. 70 Milliarden Dollar 1950 auf an die 900 Milliarden Dollar im Jahre 1986 gestiegen sein: 100 Milliarden mehr als 1985 und sechs Prozent des Bruttosozialprodukts der Welt! Wie schon 1969 der rumänische Delegierte auf der Abrüstungskonferenz ausführte, sind seit 1900 vier Billionen Dollar für militärische Zwecke ausgegeben worden, was allein ausgereicht hätte, alle Menschen auf der Welt mit Nahrung zu versorgen und deren Wohnungsprobleme zu lösen.

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1979 verschluckte die Rüstung in einer einzigen Sekunde eine Summe, mit der man ein Tagesheim für 75 Kinder hätte einrichten oder zehn Brunnen in den Entwicklungsländern für 100 Familien hätte bohren können. 1980 hatten die weltweiten Militärausgaben eine Größenordnung von annähernd 110 Dollar pro Kopf der Weltbevölkerung erreicht. Dieser Betrag entspricht dem gesamten Einkommen der Hälfte der Weltbevölkerung. Er sei das Wache dessen, was die OECD-Länder im Jahr 1980 an offizieller Entwicklungshilfe geleistet hätten. 

1981 erklärte die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi, für die Kosten einer einzigen Kontinental-Rakete könnte man 200 Millionen Bäume pflanzen, eine Million Hektar Agrarland bewässern, 50 Millionen unterernährte Kinder der Dritten Welt nähren, eine Million Tonnen Dünger kaufen, eine Million kleine Bio-Gasfabriken bauen, 65.000 Gesundheitszentren und 340.000 Volksschulen errichten. (Trotz dieser Anklage zögerte Frau Gandhi allerdings nicht, Indiens Nuklear­potential weiter auszubauen!)

Die USA und die Sowjetunion sind in einer großen Modernisierungsphase ihrer strategischen Arsenale. Die Rüstungsausgaben der Nato betrugen 1985 49,4 Prozent der Weltausgaben, davon die der USA 30,9 Prozent und die der Verbündeten 18,5 Prozent. Den Verteidigungs­haushalt der Sowjetunion schätzte SIPRI (Stockholm International Peace Research Institute) auf 146 Milliarden Dollar. Andere Schätzungen belaufen sich für den Warschauer Pakt für 1984 schon auf 272 Milliarden Dollar gegenüber 348 für die USA, bei der Bevölkerung stünden 1985 390 Millionen des Warschauer Pakts 637 der Nato gegenüber, das Bruttoinlandsprodukt betrage hier 6430 Milliarden Dollar gegenüber 2760 beim Warschauer Pakt.

Der Rüstungsetat der USA beläuft sich für 1986/87 auf 290 Milliarden Dollar. Die USA und die Sowjetunion sind die beiden Nationen mit den höchsten Rüstungsausgaben. Es folgen Saudi-Arabien, Großbritannien, Frankreich und die Bundesrepublik. 80 Prozent aller Ausgaben für Rüstung entfallen auf die NATO und den Warschauer Pakt. Allein der Waffenexport der Industrie­länder in der Zeit von 1974 bis 1978 belief sich auf 80 Milliarden Dollar. Für 1985 bis 1989 sieht der Fünfjahresplan der Reagan-Administration Rüstungsausgaben in Höhe von 1,9 Billionen Dollar vor — das sind 1,7 Millionen DM für jede Minute!

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Nur als Kuriosum sei noch erwähnt, daß man schon 1955 versucht hat, die Kosten eines Dritten Weltkrieges zu berechnen. Ein Fregattenkapitän gab die Kosten für den Ersten Weltkrieg mit 39,6 Milliarden und für den Zweiten Weltkrieg mit 383 Milliarden Dollar an. Die Ausgaben für einen neuen Krieg würden — so vor mehr als 30 Jahren — 1,5 Billionen Dollar betragen, falls er unter ähnlichen Umständen geführt würde wie der Zweite Weltkrieg. Da ein neuer Krieg aber erfahrungsgemäß das Zehnfache des vorigen verschlinge, würde er die Vereinigten Staaten vier Trillionen Dollar kosten!*

Wir wissen heute, daß die »Kosten« eines neuen Weltkriegs überhaupt nicht mehr in Geldbeträgen auszudrücken sind. Die Verkrüppelung oder gar das Ende der Menschheit läßt sich nicht in Dollar oder D-Mark umrechnen.

Angesichts des Weltwaffenarsenals sollte es sich wohl erübrigen, von militärischer Über- oder Unterlegenheit zu sprechen. Möglicher­weise haben die Verantwortlichen aller Länder — zu ihrer Ehre sei das angenommen — diese gigantische Entwicklung nicht geahnt oder nicht bewußt herbeigeführt. Viel Unheil hat ihnen die Eigendynamik von Wissenschaft, Technik und Industrie beschert.

Da sie nicht fähig zu sein scheinen, diese Entwicklung rückgängig zu machen, versuchen sie ihr mit vorsintflutlichen oder besser vornuklearen Argumenten beizukommen. Sie sprechen von der Erhaltung des Gleichgewichts der Kräfte, von Verteidigungs­bereitschaft und notwendigem Zivilschutz oder gelegentlich sogar von einem Sieg in einem begrenzten Nuklearkrieg. Gleichzeitig geben sie des öfteren zu, daß die Menschheit einen atomaren Krieg nicht überleben kann.

Schon 1962 erklärte die deutsche Bundesregierung: »Ein Krieg, der in unserem Zeitalter nuklearer Waffen in Europa ausbräche, würde in der Tat eine unvorstellbare Katastrophe für die ganze Menschheit bedeuten. Das deutsche Volk könnte, einen solchen Krieg kaum überstehen.« 1977 hat der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt gemeint, die Bundesrepublik sei nur »um den Preis ihrer totalen Zerstörung« zu verteidigen. Und der frühere Verteidigungsminister Leber formulierte: »Ein moderner Krieg unterwirft und besiegt nicht, er rottet aus.«

*(d-2015:) Also im Deutschen Billionen bzw. 1000 Milliarden. (In den USA-Billion ist eine BRD-Milliarde.)

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Aber auch Chruschtschow hat 1963 zugegeben, die Folgen eines A- und H-Bombenkrieges würden sich während der Lebensdauer vieler Menschen­generationen geltend machen; sie würden Krankheit und Tod verursachen und zur Verkrüppelung des Menschen­geschlechts rühren. Der amerikanische Senator Cranston hält drei Milliarden Tote bei einem Atomkrieg für möglich. In der nördlichen Hemisphäre würde alles menschliche Leben ausgelöscht werden; es sei nicht ausgeschlossen, daß die ganze Menschheit aufhören würde zu existieren.

In seiner Neujahrsansprache von 1982 schilderte Johannes Paul II. das »gigantische Ausmaß« eines nuklearen Konflikts:

»Wirksame ärztliche Hilfe wäre [bei einem Atomkrieg] unmöglich, ganz abgesehen von der massenhaften Vernichtung menschlichen Lebens und noch nie dagewesenem Leid der Überlebenden. Die Nachrichten­wege und die Versorgung mit Lebensmitteln und Wasser würden völlig unterbrochen. Man könnte in den ersten Tagen die Gebäude nicht mehr verlassen, um Hilfe zu leisten, ohne sich der Gefahr tödlicher Strahlung auszusetzen. Der gesellschaftliche Zerfall nach einem solchen Angriff wäre unvorstellbar.«

Daraus würde logisch folgen, daß man allen Beteiligten, nicht zuletzt den Soldaten gegenüber, offen zugeben müßte, daß jegliche militärische Aktion in dem Moment vollkommen sinnlos wird, in dem der Krieg ausbricht. Im Gegensatz zu früheren Kriegen, während derer sich die vorhergehenden Kriegsvorbereitungen »bewähren« konnten und eventuell zum Sieg führten, würde der Atomkrieg nachträglich beweisen, daß alle vorher getroffenen militärischen Maßnahmen widersinnig waren. Die einzig rationale Reaktion auf einen geplanten oder zufälligen Kriegsausbruch wäre die sofortige Kapitulation aller Beteiligten.

Diese simplen Tatsachen können sich die Kriegsherren vielleicht denken, aber sie können sie nicht aussprechen, da dadurch unvermeidlich eine Lähmung des sogenannten Verteidigungswillens einträte. So erklärt sich der abstruse Ausspruch des ehemaligen Generalinspekteurs der Bundeswehr Foertsch: »Kampf in aussichtsloser Lage bis zum Letzen — eine Forderung an die Soldaten, die zu allen Zeiten und auch in der Zukunft gilt.«

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Aber auch ein Generalinspekteur Altenburg möchte den Krieg retten, indem er uns glauben machen will, daß sogar Westeuropa einschließlich der Bundes­republik ohne Atomwaffen erfolgreich »verteidigt« werden könnte!

Aus diesen abgrundtiefen Widersprüchen heraus haben die Verantwortlichen eine Doppelzüngigkeit der Sprache entwickelt, die die Schizophrenie ihrer Haltung widerspiegelt und mit der sie sich selbst und ihre Völker zu beruhigen hoffen. 

Versuchen wir, diese Schizophrenie Punkt für Punkt ans Licht zu bringen: 

Das Wort »Krieg«, der eigentlich nicht stattfinden darf, aber auf den hin gerüstet wird, ist oft tabu. Man spricht lieber vom Ernstfall oder Verteidigungsfall und vom Verteidigungs­ministerium. Wenn aufgerüstet wird, so geschieht dies nur, um die Abrüstung vorzubereiten. Um den Gegner »abzuschrecken« (wobei Schrecken das deutsche Wort für Terror ist), betont man die eigene Stärke. Im gleichen Atemzug behauptet man, der Gegner sei in wichtigen Bereichen überlegen, man müsse »nachrüsten«. Man ist also stark und schwach zugleich, je nachdem, ob man gerade beruhigen oder beunruhigen will.

Schizophren ist auch die gelegentlich erhobene Forderung nach Zivilschutz. Für die 6000 sogenannten Verantwortlichen steht der Bunker von Dernau bereit, wobei vergessen wird, daß die Insassen, sollten sie wider Erwarten den Bunker heil verlassen, kein Volk und keinen Staat zum Regieren mehr vorfinden würden. Für die Masse der Bevölkerung wäre im dichtbesiedelten Mitteleuropa Bunkerbau sinnlos, trotzdem werden diesbezügliche Maßnahmen immer wieder in Aussicht gestellt. 

In den weiträumigen USA ist der Bunkerbau, wenn auch kein Schutz gegen den Atomkrieg, so doch ein gewinnträchtiges Unternehmen geworden. Ganze Landstriche sind unterbaut, mit Lebensmittelvorräten versehen, und die jeweiligen Besitzer, die einander kennen, sind bewaffnet, um sich im »Ernstfall« anderer Schutzsuchender erwehren zu können.

Wenn die Rüstungsindustrie oder die militärischen Führer eine neue Rüstungsrunde vorbereiten, entdecken sie im Gegner das absolut Böse, während die eigene Lebensform makellos dasteht.

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So erinnert man sich der weltrevolutionären Parolen des Kommunismus von 1917 oder 1920, aber auch der imperialistischen Aggressivität des Weltkapitalismus in der Tradition von Hitler. Schon am nächsten Tag wird verkündet, daß eine Verständigung der Großmächte not täte und zu erreichen sei, wenn nur der Gegner den ersten Schritt täte.

 

Zu dieser allgemeinen Schizophrenie gehört auch der Verdrängungs­mechanismus derer, in deren Hand das Schicksal der Menschheit liegt. Einem Bericht von »Time« zufolge bleibt der Präsident der USA auf Schritt und Tritt in Kontakt mit einem Stabsoffizier mit einem dicken schwarzen Aktenkoffer, der das »Ei« genannt wird und der versiegelte Umschläge mit einer Reihe sogenannter Auslösebefehle enthält. Etwa ein Dutzend Codewörter wie TANGO, ECHO, BRAVO, NOVEMBER würden, falls der Präsident sie an das Pentagon übermittelt, einen Teil des amerikanischen Atomarsenals auf vorher festgelegte sowjetische Ziele lenken.

Sicherlich ist Gorbatschow ähnlich ausgestattet, auch wenn die Presse das nicht berichtet. Es ist schwer, sich vorzustellen, wie ein normaler Mensch ein solches Leben auf Dauer aushalten kann. Entweder muß er die unheimliche Begleitung verdrängen, oder er tröstet sich mit der Beruhigungspille, dem roten Telefon, das angeblich in Aktion treten soll, bevor die Auslösebefehle erteilt werden. Sicherlich wissen die Machthaber beider Seiten, daß sie anders als in früheren Kriegen auf die eine oder andere Art selber zu Leidtragenden würden. Dies ist einer der Gründe, warum ein US-Präsident oder ein General­sekretär der UdSSR im Gegensatz etwa zu Hitler vor dem Äußersten zurückschrecken müßte.

In den Köpfen ihrer Berater spukt zudem die Vorstellung, daß nur ein »Gleichgewicht der Kräfte« den Kriegsausbruch verhindert. Jede Seite müsse etwa die gleiche Anzahl gleichwertiger Waffen besitzen, um zu verhindern, daß die andere mit einem Erstschlag die eigene Zweitschlag­kapazität zunichte macht. Dieses Gleichgewicht bleibt darum ewig labil, weil jede Seite die eigene Rüstung ständig vorantreibt und »verbessert«, als handle es sich heute noch bei nuklearen Sprengköpfen um Gewehre oder Kanonen, die man zählt, weil von ihrer Anzahl Sieg oder Niederlage abhängt.

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Angesichts des ungeheuren Overkill-Potentials ist es seit langem schon völlig gleichgültig, ob der eine den anderen zehn- oder zwanzigmal vernichten kann. Hinzu kommt, daß die militärische Szene so komplex und unübersichtlich ist, daß sogenannte Fachleute jederzeit nach der jeweiligen Interessenlage Überlegenheit oder Unterlegenheit beweisen können, solange sie unter Politikern und beim Publikum Dumme finden, die sich auf derartige Zahlenspiele einlassen. Man wundert sich geradezu, daß der Westen, auf seine Kavallerie verzichtet hat, selbst auf die Gefahr hin, daß einige russische Kosakenregimenter auf den Ruinen von Berlin oder Paris die rote Fahne aufpflanzen und erklären könnten, sie hätten den Krieg gewonnen.

Aber selbst wenn man die überholte Beweisführung der Militärs einen Augenblick lang ernst nehmen wollte, kann man von den unvorein­genommenen Experten der verschiedensten Friedensforschungs­institute erfahren, daß keine Seite wirklich überlegen ist und die andere besiegen oder vernichten könnte, ohne selber tödlich getroffen zu werden. Möglicherweise läßt sich bei genauester Kalkulation herausfinden, daß etwa der Warschauer Pakt über mehr Panzer verfügt als die NATO, wobei die Frage nach der Qualität dieser Panzer überhaupt nicht gestellt wird. 

Neutrale Fachleute neigen zu der Auffassung, daß der hochindus­trialisierte Westen dem Osten auch in der Waffentechnik qualitativ überlegen ist. Dies mag einer der Gründe sein, wieso in den Vereinigten Staaten der Minister Caspar Weinberger und wohl auch das sogenannte Verteidigungs­ministerium davon ausgehen, daß sogar ein vielleicht doch lokalisierbarer Atomkrieg mehrere Wochen oder gar Monate von den USA geführt und schließlich gewonnen werden könnte. Laut »Washington Post« seien schon etwa 20 Milliarden Dollar für ein Befehls-, Kontroll- und Kommunikations­system ausgegeben worden, das einen längeren Atomkrieg überstehen soll!

Reagans SDI (Strategie Defence Initiative) und sein Programm für einen »Krieg der Sterne« stoßen immer unverhohlener auf Kritik in den eigenen Reihen. Sachverständige bezweifeln, daß Weltraumwaffen alle sowjetischen Atomraketen vernichten könnten, bevor sie die USA erreichen.

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Zudem ist die Sowjetunion dabei, ein Gegenprogramm zu entwickeln, so daß das Wettrüsten verstärkt weitergehen und die Kriegsgefahr nur noch mehr wachsen würde. Die im Rahmen von SDI im Weltraum geplanten Laserwaffen würden Atomraketen weder unwirksam noch überflüssig machen. Der Einsatz dieser Laserwaffen würde bedeuten, daß sie durch Auslösung großflächiger Brände in städtischen Gebieten zur Massenvernichtung einsetzbar wären. Der dadurch erzeugte Rauch könnte eine mehrmonatige Klimaveränderung hervorrufen, d.h. einen sogenannten »Laser-Winter«.

Schon vor mehreren Jahren hatten detaillierte Studien einen sogenannten nuklearen Winter vorausgesagt. Der durch die Explosion von Bomben in die Atmosphäre geschleuderte Staub und der bei nachfolgenden Flächenbränden entstehende Rauch würden zu Temperaturstürzen führen — bis zu 30 Grad Celsius. Selbst ein auf die nördliche Halbkugel begrenzter Atomkrieg ließe die nukleare Nacht wohl über die gesamte Erde hereinbrechen. Günstigstenfalls könnte eine selbst geringfügige klimatische Störung von einem Jahr aufs andere die Überlebenden in Hunger und Elend stürzen.

Soviel zum rein militärischen Aspekt des Ost-West-Konflikts. 

 

Es spielen aber in diesem Konflikt auch nichtmilitärische Faktoren eine außerordentlich wichtige Rolle. Wie bereits angedeutet, strebt keine der beiden Supermächte die militärische Eroberung der Welt an. Darin unterscheiden sich beide grundsätzlich von der vor-atomaren Expansions­politik eines Hitlers. Wieweit der eine oder der andere Block echt friedfertig oder auch kriegsbereit ist, läßt sich objektiv schwer feststellen. Viel spricht dafür, daß in der Politik beider Blöcke beide Haltungen bis zu einem gewissen Grad vorhanden sind. Für die meisten Menschen im Westen scheint es klar zu sein, daß die NATO keinen Angriffskrieg mit dem Ziel einer militärischen Eroberung vorbereitet. Es erübrigt sich daher, dies hier im einzelnen nachzuweisen. Notwendig ist hingegen aufzuzeigen, daß die Sowjetunion nicht so aggressiv und vor allem nicht so stark ist, wie im Westen immer wieder gefürchtet wird.

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Die geschichtliche Erfahrung seit 1945 lehrt uns, daß die Sowjetunion bei lokalen Konflikten mit Partnern der NATO stets vor dem Äußersten zurück­geschreckt ist, weil sie fürchtete, daß es zu einem Weltkrieg kommen könnte. Sie hat auch das Scheitern ihrer Versuche, in Berlin Boden zu gewinnen, hingenommen und hat die in Jalta mehr oder weniger festgelegten Grenzen respektiert.

Was die Interventionen in der DDR 1953, in Ungarn 1956, in der CSSR 1968 oder auch den Druck auf Polen anbelangt, so ging es dabei um die Aufrechterhaltung des Status quo innerhalb des eigenen Bündnissystems, nicht aber um hegemonistische Ausdehnung. Diese Interventionen machen zudem deutlich, daß das Lager des realen Sozialismus keinen monolithischen Block mehr darstellt und daß die Sowjetunion sich auf die CSSR oder Ungarn, Rumänien oder gar Polen kaum wirklich verlassen kann. Von einer Vormachtstellung der UdSSR innerhalb des kommunistischen Lagers kann schon gar nicht die Rede sein, seit Jugoslawien unter Tito 1948 mit Moskau brach, seit Albanien sich verselbständigte und seit China (wo soviel mehr Kommunisten leben als in der Sowjetunion!) sich mit dem Bruderland entzweite.

Es ist daher wenig plausibel zu unterstellen, daß die Sowjetunion in dieser internationalen Konstellation heute westliche Länder überrumpeln oder auch nur ernstlich »erpressen« würde, wenn diese rein militärisch gesehen Schwächen zeigten. Ihre Erpreßbarkeit hängt nicht so sehr von der Anzahl ihrer Waffen ab als von der Widerstandskraft und Widerstandswilligkeit ihrer Bevölkerungen. Vielleicht wäre die Sowjetunion versucht, in der Bundesrepublik oder in Italien zu intervenieren, wenn es dort ganz starke, moskautreue kommunistische Parteien gäbe, die dauernd um »brüderliche Hilfe« bäten. 

In Wirklichkeit kann sie sich nicht einmal mehr auf die eurokommunistischen Parteien verlassen. Die italienischen oder spanischen Kommunisten fühlen sich in erster Linie als Italiener oder Spanier und sind keineswegs bereit, der Moskauer Parteilinie blindlings zu folgen. In der Bundesrepublik erhält die Deutsche Kommunistische Partei ganze 0,2 Prozent der Wählerstimmen, und in Moskau dürfte niemand daran zweifeln, daß die überwältigende Mehrheit der Bundesbürger ihre politische Unabhängigkeit und Zugehörigkeit zum »Freien Westen« der Zusammenarbeit mit Moskau vorzieht.

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Auch in der Dritten Welt, in der die Sowjetunion den Vietnamkrieg angeblich gewann, ist ihre Position immer noch erheblich schwächer als die Position der westlichen Industriestaaten, die mit ihren multinationalen Korporationen, dem Weltwährungsfonds und ähnlichen kapitalstarken Institutionen den Weltmarkt und den internationalen Kapitalmarkt beherrschen, von dem die Länder der Dritten Welt ja vollkommen abhängig sind. Sogar der Ostblock ist aufgrund seiner technischen Rückständigkeit von diesem Weltmarkt nicht unabhängig.

Die sogenannte Dominotheorie war seinerzeit davon ausgegangen, daß mit der Niederlage der USA in Vietnam der Kommunismus Asien Stück für Stück erobern würde. Weder Indien noch Pakistan sind bis auf den heutigen Tag dem Kommunismus erlegen, und selbst in Afghanistan, wo eine regierende kommunistische Partei die Russen zu »brüderlicher Hilfe« ins Land rief, haben sie nicht Fuß fassen können. Anläßlich seines Indienbesuchs im November 1986 sprach der sowjetische Generalsekretär von einem beabsichtigten baldigen Rückzug, falls auch die Westmächte zur Nichteinmischung bereit wären. Alles in allem ist die Sowjetunion trotz bescheidener Erfolge immer noch relativ isoliert: Sie hat die Vereinigten Staaten und Westeuropa, aber auch Japan, China und große Teile der Dritten Welt gegen sich.

 

Aber selbst gesetzt den Fall, größere nicht-kommunistische Länder würden freiwillig oder unfreiwillig ins kommunistische Lager überwechseln, so würde das für die Sowjetunion neue Probleme schaffen, vor denen sie sich schon heute fürchten dürfte. Ein wiedervereinigtes kommunistisches Deutschland, aber auch ein kommunistisches Frankreich oder England würden die Position der Sowjetunion im eigenen Lager schwächen. Schon Lenin sah voraus, daß sich das Machtzentrum des Kommunismus nach einer erfolgreichen Weltrevolution von Moskau nach Berlin, Paris oder London verlagern würde, eine Entwicklung, mit der der Weltrevolutionär damals durchaus einverstanden war. 

Jedoch sind die Weltrevolution und der Weltkommunismus, die unter Lenin und Trotzki einmal eine echte Weltbewegung waren, längst zu einer Ideologie, ja zu einem reinen Ritual verblaßt, das zwar immer noch zelebriert wird, aber wenig weltverändernde Ausstrahlungskraft besitzt.

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Schließlich wäre noch auf die Argumente jener einzugehen, die uns glauben machen wollen, wir hätten äußerstenfalls die Wahl: »Rot oder tot.« Sie unter­stellen dabei, daß der Mensch bereit sein muß, um der Freiheit willen nicht nur zu sterben, sondern auch zu töten, denn überleben könne man in einem Schreckens­system nur als Sklave. 

In Wirklichkeit ziehen heute Millionen Menschen das Überleben in kommunistischen Diktaturen, in denen es in der Tat zu wenig Freiheiten gibt, die aber mit dem hoch­stalinistischen Terrorregime von vor 1953 nicht gleichzusetzen sind, dem Heldentod vor. Deshalb muß es zwar jedem einzelnen überlassen bleiben, ob er eine solche Existenz akzeptieren kann oder ob er lieber Hand an sich legen will; es kann aber niemandem das Recht zugebilligt werden, im Interesse einer vagen Freiheit das Leben von Millionen oder gar der Menschheit aufs Spiel zu setzen.

Zwar mag für Intellektuelle die Beschränkung der politischen, geistigen und wissenschaftlichen Freiheit in einem kommunistischen System unannehmbar sein. Deshalb haben sie aber kaum das Recht, andere zu ermuntern, einen atomaren Holocaust zu riskieren.*

Hinzu kommt, daß das, was heute immer noch unter »rot« verstanden wird, von dem politischen System Chinas über das Regime der Sowjetunion bis zu der sogar von Franz Josef Strauß positiv bewerteten Regierungsform Ungarns reicht. 

Strauß, der sich nicht genug tun konnte, die rote Barbarei zu denunzieren, kam des Lobes voll von einer Reise nach Ungarn zurück. Er erklärte, Kadar erfreue sich auch bei den normalen ungarischen Bürgern einer »beträchtlichen Popularität«. Nach den Erfahrungen des Aufstands von 1956 beschreite er einen ungarischen Weg. Dies bedeute, dem Bürger in seiner Bewegungs­freiheit »eine totalitäre Beeinflussung zu ersparen« und marktwirtschaftliche Konkurrenz­elemente in das sozialistische System einzufügen. Es existiere dort ein Mittelstand, der über eine »individuelle Sphäre« verfüge.

*(d-2015:)  Vielleicht eine Kritik an W. Bukowski,  u.a.?

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Noch weniger abschreckend wirkt in diesem Zusammenhang das Gespenst der »Finnlandisierung«. In Finnland hatte es in der Tat zwischen den beiden Weltkriegen eine starke kommunistische Partei gegeben, deren Existenz die Sowjetunion 1939 verlockte, Finnland anzugreifen. Als die sowjetischen Truppen auf den erbitterten Widerstand des finnischen Gegners stießen, verzichtete die Sowjetunion auf die totale Besetzung des Landes, die bei Einsatz aller Kräfte möglich gewesen wäre, und begnügte sich mit gewissen Gebietsabtrennungen.

Obwohl Finnland im Zweiten Weltkrieg an Deutschlands Seite einen sogenannten »Fortsetzungskrieg« gegen die Sowjetunion führte und wiederum verlor, begnügte sich die Sowjetunion auch danach mit Gebietsabtretungen ähnlichen Umfangs und Reparationszahlungen. Im Gegensatz zu vielen osteuropäischen Staaten verlor Finnland jedoch seine politische Selbständigkeit nach 1945 nicht. Man mag heute in Finnland noch einige diplomatische Rücksichten auf die Sowjetunion nehmen, wirtschaftlich, politisch und kulturell ist das Land jedoch durchaus selbständig geblieben. Finnland ist alles andere als eine kommunistische Diktatur — es ist eine westliche Demokratie mit einer eher sozial-kapitalistischen als kommunistisch-etatistischen Wirtschaft.

Dennoch oder vielleicht auch gerade deswegen profitiert es erheblich von seinen ausgezeichneten wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zur Sowjetunion. Dieser besondere Status Finnlands beruht nicht zuletzt darauf, daß die Führer der Sowjetunion wissen, auf wieviel Widerstand sie im Falle einer militärischen Okkupation oder politischen Annexion bei der finnischen Bevölkerung stoßen würden. 

Ob es in das gängige Rußlandbild westlicher konservativer Politiker paßt oder nicht, es fällt der heutigen Sowjetunion paradoxerweise leichter, mit einem kapitalistischen Finnland gute politische Beziehungen zu unterhalten als mit einem kommunistischen China.

All dies — die Finnlandisierung, die Ungarisierung oder gar die Sowjetisierung — sind im Augenblick und auf absehbare Zeit wenig wahrscheinliche Entwicklungen, die, sollten sie dennoch stattfinden, verglichen mit dem nuklearen Inferno als das kleinere Übel anzusehen wären

Es ließe sich jedoch auch eine aktive Friedenspolitik denken, die nicht zu einer Sowjetisierung, Ungarisierung oder Finnlandisierung West- und Mittel­europas, sondern zu einer Lösung führen würde, die man als Österreichisierung Mittel- und Westeuropas bezeichnen könnte.

Wie eine solche Friedenspolitik im einzelnen aussehen könnte, wird später noch genauer ausgeführt werden. Sicherlich muß der Rüstungswettlauf gestoppt und der Ost-West-Konflikt entschärft werden. Europa, vor allem aber Deutschland, müßte entmilitarisiert und neutralisiert werden (Österreichisierung),

Methoden der zivilen und sozialen Verteidigung müßten entwickelt und in die Praxis umgesetzt werden. Schließlich wären die Vereinten Nationen und andere globale Organisationen auszubauen und zu stärken. Am Ende dieses Prozesses stünde eine Weltföderation abgerüsteter Staaten.

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