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2  Bevölkerungsexplosion und Hunger

      Von Ossip Flechtheim 1987

 

 

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Im Chinesischen steht das Wort <Ho-Ping> zugleich für Frieden und Nahrung für alle. Ein globaler und totaler Krieg würde neben allem anderen auch die Ernährungs­grundlage der Erdbewohner vernichten. Der Weltfriede ist daher die unabdingbare Voraus­setzung für die Ernährung der Weltbevölkerung. Ebenso unabdingbar ist die Forderung, daß sie sich nicht ins Unendliche vermehrt.

Jahrtausendelang verlief die Bevölkerungskurve relativ flach. Die Erdbevölkerung im Jahre 7000 v.Chr. wird auf etwa zehn Millionen Menschen geschätzt. Es dauerte 2500 Jahre, bis sie sich auf etwa 20 Millionen verdoppelte. Etwas schneller, aber verglichen mit heute noch in unglaublich langsamem Tempo stieg sie weiter an, bis sie 900 n.Chr. 320 Millionen zählte. Zwischen 900 und 1700, also in einem Zeitraum von 800 Jahren, verdoppelte sie sich wiederum; sie stieg von etwa 320 Millionen auf ca. 600 Millionen. Für die nächste Verdoppelung von 600 Millionen auf 1,2 Milliarden, die zwischen 1700 und 1850 erfolgte, brauchte sie nur noch 150 Jahre. In weiteren 100 Jahren, also bis 1950, stieg sie von 1,2 Milliarden auf 2,5 Milliarden. Im Sommer 1986 hatte sie fünf Milliarden erreicht.

Es wird geschätzt, daß sie im Zeitraum zwischen 1950 und 2000 auf 6,1 Milliarden anwachsen wird, von denen 80 Prozent in den Entwicklungs­ländern leben werden. Die FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN) rechnet für das Jahr 2025 mit einer Weltbevölkerung von etwa 8,2 Milliarden, von denen rund 83 Prozent in der Dritten Welt leben werden. Nach einer Schätzung der Weltbank würde die Bevölkerungszahl im Jahre 2050 auf zehn Milliarden Menschen angestiegen sein, falls Gegenmaßnahmen der Bevölkerungskontrolle greifen werden. Sonst müßte man sogar mit zwölf Milliarden Menschen auf der Erde rechnen. Im günstigsten Fall also beliefe sich die Zunahme der Weltbevölkerung in einem Vierteljahrhundert noch immer auf etwa zwei Milliarden.

Die Ursache für dieses Wachstum in den letzten 300 Jahren liegt vor allem im allmählichen Absinken der Sterberate in den westlichen Industrieländern bei zunächst unverändert hoher Geburten­rate. Mit den Fortschritten in der Medizin und Hygiene beschleunigte sich das Wachstum der Bevölkerung nicht nur in den Industrieländern, sondern vor allem auch in jenen Gebieten, die wir heute als Dritte Welt bezeichnen. Dort hat die Bevölkerung besonders nach dem Zweiten Weltkrieg so rasch zugenommen, da nunmehr die Sterberate nicht wie früher in Europa allmählich, sondern spektakulär abgesunken ist. Mit Recht spricht man daher von einer Bevölkerungs­explosion nach 1945. Heute werden von zehn Kindern neun in der Dritten Welt geboren. Die Geburtenrate bleibt relativ hoch, da religiöse Traditionen die inzwischen perfektionierte Geburtenkontrolle oder Familienplanung erschweren oder unmöglich machen und da die Geburtenziffern als Folge des verbesserten Gesundheitszustands und der größeren Fruchtbarkeit der Frauen ansteigen.

Dennoch scheinen sich die schlimmsten Befürchtungen mancher Bevölkerungsstatistiker, die noch 1983 ein Anwachsen der Menschheit auf über zehn Milliarden bereits für das Jahr 2000 und nicht erst, wie die Weltbank meint, für das Jahr 2050 voraussagten, nicht ganz zu bestätigen. Anfang 1985 erklärte der Generalsekretär der UNO Perez de Cuellar in einem Bericht, daß zwar der Bevölkerungszuwachs in Afrika drei Prozent erreicht habe und noch weiter steige und daß in Westasien die Zahl der Menschen nach wie vor um zwei Prozent wachse. Eine schrittweise Verlangsamung des Bevölkerungswachstums halte dennoch im Weltmaßstab an. Diese Entwicklung ist hauptsächlich auf den Stillstand oder stellenweise auch auf den Rückgang der Geburtenziffern in den entwickelten Industriegebieten der Ersten und Zweiten Welt zurückzuführen. Die minimale Verringerung der Zuwachsrate in der Dritten Welt von 2,5 Prozent auf 2,4 Prozent wirkt sich natürlich kaum auf die Bevölkerungs­explosion als solche aus.

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Horst Bieber hat in der <Zeit> vom 10.8.1984 die Voraussetzungen formuliert, die einen echten Rückgang der Wachstumsrate der Weltbevölkerung bewirken könnten:

 

Auch unter günstigsten Bedingungen, die weiterhin ungeheuere Anstrengungen voraussetzen, wird es noch geraume Zeit dauern, bis sich die Bevölkerung der Dritten Welt ähnlich stabilisiert haben wird, wie das heute bereits in den entwickelten Industrie­ländern der Fall ist. Daß eine solche radikale Wende in den Entwicklungsländern nicht ganz unmöglich ist, beweisen die Erfolge der Familienplanung in China und Thailand. In China ist in der Tat die Wachstumsrate dank den Bemühungen von Partei und Staat von 2,4 Prozent auf 1,2 Prozent gesunken. Während man dort mit diktatorischen Maßnahmen vorgeht, ist es in Thailand Mechai Viravaidya, dem erfolgreichsten Familienplaner der Welt, mit seinem Team gelungen, die Bevölkerung ohne Gewaltanwendung für die Familienplanung zu gewinnen. Innerhalb von acht Jahren ist die jährliche Bevölkerungszuwachsrate von 3,5 Prozent auf 1,9 Prozent gesunken.

»Familienplanung ist der Schlüssel zu jeglicher Entwicklung«, meint Mechai. »Aber nun müssen wir einen Schritt weitergehen und den Leuten eine Verdienst­möglichkeit schaffen.« Diese Entwicklung, die unter der Parole »Kohl und Kondome« läuft, ist Mechais 16.000 Freiwilligen zu verdanken; als Motor dient die mittlerweile auf 600 Mitarbeiter angewachsene Organisation »Population Development Association« (PDA). Die Ideen kommen von Mechai; der Geldgeber für die ersten Schwerpunkte im Nordosten Thailands ist die Deutsche Welthungerhilfe, die ihre Spendengelder kaum besser hätte anlegen können.

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In China und in Thailand macht sich Geburtenkontrolle bezahlt, und zwar im doppelten Sinne des Wortes. Wer sich zur Familienplanung entschließt, hat spürbare wirtschaftliche Vorteile. So wird althergebrachten Vorstellungen, daß mehr Kinder mehr Alterssicherung bringen, wirksam entgegengearbeitet und der fehlerhafte Kreislauf durchbrochen, wonach die Bevölkerungsexplosion die Armut vergrößert und wachsende Armut wieder dazu führt, daß mehr Kinder in die Welt gesetzt werden.

Armut ist kein ganz eindeutiger Begriff. Man spricht von subjektiver und objektiver, von relativer und absoluter Armut. Wenn die wichtigsten Nahrungsmittel fehlen und die Menschen hungern oder verhungern, wenn sie obdachlos sind und ohne ausreichende Kleidung frieren oder erfrieren, dann herrscht objektive und absolute Armut, wie sie es wohl seit Urzeiten gegeben hat. Wir unterstellen freilich, daß sich im Neolithikum die Menschen nicht als arm empfunden haben, wenn sie genügend Nahrungsmittel fanden, um ohne Schwierigkeiten zu überleben. Im Verlauf der Entwicklung sind in den Hochkulturen die Ansprüche jedoch gewachsen, so daß sich der Begriff »Armut« relativierte.

Zwar verschwand die absolute Armut nicht, denn immer wieder gab es Mißernten, Klimakatastrophen und Hungersnöte; doch bildeten sich Oberschichten heraus, deren Reichtum die Armut der Massen in neuem Licht erscheinen ließ. Selbst wenn ein Sklave, ein Leibeigener oder später ein Proletarier nicht gerade verhungerte oder erfror, so empfand er sich gemessen am Lebens- und Bildungsstandard der Ober- und Mittelschichten bis in unser Jahrhundert hinein als arm.

Während der lange andauernden Konjunkturphase nach dem Zweiten Weltkrieg schien es zeitweilig, als ob der zum Sozialkapitalismus fortentwickelte Hoch­kapitalismus allen sozialen Schichten in der Ersten Welt einen Lebensstandard sichern würde, der subjektive und objektive Armut ausschloß. Selbst die Mehrheit der Arbeiter hatte nun genug Brot und Butter, ja sogar einen Kühlschrank, einen Fernsehapparat oder auch ein Auto. Parallel dazu verbesserte sich der Lebensstandard der breiten Massen in der Zweiten Welt, so daß auch dort objektive Armut zu einer Randerscheinung wurde.

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Um so erschütternder wirkt in letzter Zeit die Verschlechterung der Lage in den unterentwickelten Ländern, die wir euphemistisch Entwicklungsländer nennen. Laut einem Bericht der Weltbank von 1981 stehen 19 kapitalistischen und sechs planwirtschaftlich orientierten Industrieländern 96 unterentwickelte Länder gegenüber, wobei diese Zahlen die Kleinstaaten unberücksichtigt lassen. 75 Prozent der Weltbevölkerung leben heute in der Dritten Welt oder Zweidrittelwelt. Sie verbrauchen nur 30 Prozent der Weltproduktion an Getreide für menschliche Ernährung. Dort hungern 450 bis 540 Millionen Menschen, 30 bis 40 Millionen verhungern jährlich. Mehr als 40.000 Kinder sterben täglich den Hungertod.

Während 15 Prozent der in den USA gekauften Lebensmittel im Abfalleimer landen, muß ein Viertel aller auf der Erde lebenden Kinder verhungern; 1,2 Milliarden Dollar wurden pro Tag für militärische Zwecke ausgegeben, während zugleich täglich 100.000 Menschen verhungerten. In Afrika hatte die Hungersnot ihren Höhepunkt in den Jahren 1983 bis 1985 erreicht, um dann etwas abzuklingen. Die Welternährungs­organisation (FAO) warnte jedoch im Herbst 1986 vor einer neuen Hungerkatastrophe. Im Jahr 2010 würde die Lage schlimmer sein denn je. Nur vier afrikanische Länder würden noch einen Nahrungsmittel­überschuß erwirtschaften. In der Ersten Welt beträgt heute das jährliche Durchschnitts­einkommen pro Kopf der Bevölkerung 10.600 Dollar, in Osteuropa und der Sowjetunion 4850 Dollar, in Afrika dagegen 650 Dollar und in Indien, Indonesien und Südostasien nur 320 Dollar.

Die Dritte Welt ist mit über einer Billion Dollar an die Erste Welt verschuldet, und ihre Zinszahlungen übersteigen im allgemeinen ihre Gewinne aus Exporten, wogegen die Gläubigerbanken einen jährlichen Profit von 100 Milliarden Dollar ausweisen. Eine solche Bilanz ist nur möglich, weil die Preise für Rohstoffe und Agrarprodukte, die die Entwicklungsländer ausführen, auf dem Weltmarkt fallen, wogegen die Preise für die Industriegüter, die die Entwicklungsländer einführen, stetig steigen.

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Dieser immer unerträglichere Zustand ist das Resultat einer jahrhundertealten Kolonialherrschaft, die nach dem Zweiten Weltkrieg als politische Herrschaft beseitigt wurde. Im Bereich der Wirtschaft hat sich die neo-kolonialistische Abhängigkeit jedoch eher noch verstärkt. Die bäuerliche Masse wird wie zu Kolonialzeiten ausgebeutet. Nach wie vor fördern die Industrie­staaten nur jene landwirtschaftliche und industrielle Produktion, die ihre eigenen Bedürfnisse befriedigt. 

Gemeinsam mit den neuen parasitären Eliten und Bürokratien in den jungen Staaten — die sich ihrer eigenen Basis gegenüber ähnlich verhalten, wie einst die Kolonialherren ihnen gegenüber — nutzen die Unternehmer die billigen Arbeitskräfte aus. Diese Ausbeutung trägt dazu bei, daß die verzweifelten Bauern ihr Land verlassen und in die Städte strömen, während weite anbaufähige Landstrecken brachliegen. In den Städten mangelt es jedoch an Arbeitsplätzen, so daß sich dort Massenarbeitslosigkeit ausbreitet. Gab es in der Dritten Welt 1980 erst 22 Städte mit über vier Millionen Einwohnern, so waren es 1985 schon 28.

Hinzu kommt, daß bei der Entkolonisierung die Aufteilung in die den alten Kolonien entsprechenden Staaten die gewachsenen Stammesgemeinschaften zerschnitt und innerhalb mancher dieser neuen Staaten rivalisierende Gruppen zurückließ. Es kam daher in vielen Fällen nicht zur Bildung einer neuen Nation mit einer entwicklungsfähigen Wirtschaft, sondern zu kriegerischen Auseinander­setzungen innerhalb der neuen Staaten und zwischen ihnen, die deren potentielle Produktivkräfte in Destruktivkräfte verwandeln und den ehemaligen Kolonialherren neue Absatzmärkte für ihre Rüstungsgüter liefern.

Die »Universität für den Frieden« der UN in Costa Rica verlautbarte 1986, daß die Entwicklungsländer selber immer mehr am Rüstungswettlauf teilnehmen. 1965 entfielen sechs Prozent der militärischen Ausgaben der Welt auf die Entwicklungsländer — 1982 waren es bereits 20 Prozent. Zugleich ist die Zahl der waffenproduzierenden Länder in der Dritten Welt jetzt auf (allein) 22 gestiegen, die »schweres Gerät« herstellen. Rüstungsexporte gehen sowohl in die vom Bürgerkrieg zerrissenen Länder als auch in die übrigen neuen Staaten, die sich ähnlich wie ihre Vorbilder in Ost und West in einem ständigen Rüstungswettlauf befinden, der ihre Ressourcen verschlingt.

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Obwohl eine wachsende Zahl von Entwicklungsländern der Gruppe der blockfreien Staaten beigetreten ist, gelingt es ihnen oft nur vorübergehend, sich aus dem Ost-West-Konflikt herauszuhalten. Immer wieder unterliegen sie dem Einfluß der Supermächte, die, statt miteinander Krieg zu führen, ihre Konflikte durch Stellvertreter militärisch austragen lassen (Stellvertreterkriege). Selbst dort, wo es dem einen oder anderen Land gelingt, wirklich neutral zu bleiben und ein Minimum an Einheitlichkeit zustande zu bringen, hat die Zeit von der Unabhängigkeit an bis heute nicht für eine Modernisierung und Alphabetisierung ausgereicht; die zur Bekämpfung der Armut unbedingt notwendig sind. Überdies vertreiben Dürrekatastrophen und Bodenerosionen ganze Völkerstämme aus ihren Heimatgebieten, die sich in landwirtschaftlich nicht mehr verwendbare Wüsten verwandeln. Wo der Boden noch fruchtbar ist, gehört er oft wenigen Großgrundbesitzern, die ihn für Monokulturen mißbrauchen, deren Erzeugnisse in die Industrieländer exportiert werden und deren Erlös dann nur den Privilegierten zugute kommt.

In den verschiedenen Ländern der Zweidrittelwelt kann die Armut größer oder kleiner sein. In den 25 ärmsten Ländern, die oft als Vierte Welt bezeichnet werden, beträgt das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf 100 Dollar oder weniger. Von jenen entfallen auf die industrielle Produktion zehn Prozent oder weniger. Auch können in der Zweidrittelwelt noch immer erst 40 Prozent der Erwachsenen lesen und schreiben. In Afrika sind 73 Prozent Analphabeten, in Asien 46 Prozent und in Lateinamerika 23 Prozent. Am anderen Ende der Skala finden sich die sogenannten Schwellenländer wie Mexiko, Brasilien oder Argentinien, Südkorea oder Taiwan, von denen zu Recht oder zu Unrecht erwartet wird, daß sie in naher Zukunft zu Industriestaaten »aufsteigen«. 

Für solche Schwellenländer ist als Folge der wachsenden Industrialisierung eine starke Abwanderung der Landbevölkerung in die städtischen Ballungszentren besonders typisch, in denen sich riesige Elendsviertel auftun. Mexiko City hat jetzt 18 Millionen Einwohner, im Jahre 2000 werden es 31 Millionen sein. Die Einwohnerzahl von Säo Paulo und Shanghai wird auf je 26 Millionen, von Tokio auf 24, von Peking auf 23, von New York und Rio auf je 20 Millionen für das Jahr 2000 geschätzt.

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Daß auch in den Schwellenländern Massenarmut existiert, läßt Zweifel am Sinn der üblichen Aufteilung der Länder der Dritten und Vierten Welt nach dem Durchschnitts­einkommen oder Bruttosozialprodukt aufkommen. Selbst dort, wo die Durchschnitts­zahlen eine eindrucksvolle Höhe erreichen, ist damit nichts über die Verteilung der Einkommen zwischen den verschiedenen Schichten und Klassen ausgesagt. Diese Zahlen verschleiern den Umstand, daß sich eine kleine Minderheit von Aktionären der Multis, von Großgrundbesitzern, inländischen Unternehmern und Spekulanten, Zivil- und Militärbürokraten das weitaus größte Stück des Kuchens abschneidet, während die Masse der Kleinbauern, Arbeiter und Arbeitslosen so gut wie leer ausgeht.

So ist es möglich, daß etwa in der Megalopolis Mexico City Millionen Menschen hungern, während das laut Bruttosozial­produkt vielleicht ärmste Land der Welt im Norden Indiens, nämlich Bhutan, mit nur einer Million Einwohnern eine so ausgeglichene Sozialstruktur besitzt, daß dort Armut und Elend unbekannt sind. Wie wir aus eigener Erfahrung wissen, gibt es neuerdings auch in den reichsten Industrieländern eine bedrohlich wachsende Massenarmut, so daß das Armutsproblem in allen Teilen der Welt akut wird und letzten Endes global angepackt werden muß.

In der Zweidrittelwelt verschlechtert sich die Situation so rasch, daß weitreichende und radikale Maßnahmen keinerlei Aufschub mehr dulden. Welche Maßnahmen zu ergreifen sind, darüber gehen die Meinungen im Westen freilich weit auseinander. Einigermaßen einig ist man sich in der Ersten Welt nur darüber, daß die Problematik der Dritten Welt zwei Seiten hat. Einerseits gibt es die sogenannte Entwicklungshilfe von außen, andererseits die von den Entwicklungsländern selber betriebene Entwicklungs­politik. Beidemal stehen sich bei aller Vielfalt der Meinungen und Interessen zwei unvereinbare Standpunkte gegenüber.

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Die in der Ersten Welt tonangebenden Eliten neigen — wie erwähnt — dazu, die Tradition des Kolonialismus und Imperialismus insofern fortzusetzen, als sie die unterentwickelten Länder als »Juniorpartner« in ihre im wesentlichen unveränderte kapitalistische Weltwirtschaftsordnung zu integrieren suchen. Sie rechtfertigen diese ihre Politik mit der Behauptung, daß die Vorteile der Industrialisierung früher oder später auch bis zu den Unterschichten durchsickern werden, wie das im 19. und 20. Jahrhundert in der Ersten Welt der Fall war. Daß diese Art der Hilfeleistung den Hunger nicht besiegt, sondern eher dazu beigetragen hat, die Armut zu vergrößern, belegen die bereits genannten Zahlen über Hunger und Elend in der Dritten Welt.

Im einzelnen wird gegen die traditionelle Entwicklungshilfe eingewandt, daß sie mit durchschnittlich 0,36 Prozent des Bruttosozial­produkts eines jeden Geberlandes schon quantitativ zu gering sei. Sporadische reine Lebensmittellieferungen in Hungergebiete würden sich auf längere Sicht sogar negativ auswirken, da sie zur Passivität der Bevölkerung verführten. Die Konsumgewohnheiten des Westens würden angepriesen und von den neuen Eliten aufgegriffen, was zur Verschwendung von Rohstoffen, Kapital und Arbeit führe. Schließlich würden typisch westliche Hochtechnologien und Lebensgewohnheiten »exportiert«, die die Massen materiell und psychisch überfordern und die, wie wir heute wissen, das ökologische Gleichgewicht der Welt bedrohen. Hinter dem Pathos großer Worte über Hilfeleistungen verberge sich ein sehr nüchternes Entwicklungs­geschäft.

Demgegenüber fordern Vertreter der Dritten Welt nicht nur einen größeren Umfang und neue Formen der Hilfsmaßnahmen, sondern auch andere Träger und eine total veränderte Verwendung der Entwicklungshilfe innerhalb der sogenannten Empfänger­länder. Die Unabhängige Kommission für Internationale Entwicklungsfragen (Nord-Süd- oder Brandt-Kommission) hält etwa zusätzliche 30 Milliarden Dollar für notwendig, was die finanzielle Belastung der Geberländer auf 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts erhöhen würde. Der ehemalige österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky spricht sogar von einem Hilfsprogramm von 100 Milliarden Dollar. Überdies dürfen finanzielle Zuwendungen keine untragbaren Schuldenlasten mehr aufbürden.

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Sie müssen zu niedrigsten Zinssätzen oder gar zinsfrei gewährt werden, und eine Weltbehörde, in der die Entwicklungsländer maßgeblich vertreten wären, muß garantieren, daß die Gelder zur Befriedigung der Grundbedürfnisse der Bevölkerung verwendet werden. Dabei wären die ärmsten Länder an erster Stelle zu berücksichtigen.

Die Landwirtschaft hätte dann Vorrang vor der Industrialisierung. Sie würde arbeitsintensiv betrieben mit dem Ziel, die Entwicklungsländer von Einführen aller Art immer unabhängiger zu machen. Das würde weitgehende Agrarreformen voraussetzen. Im Verlauf dieser »landwirtschaftlichen Revolution« müßten Millionen Landlose Land erhalten und die Bauern von Hörigkeit und Zinsknechtschaft durch in- und ausländische Großgrundbesitzer befreit werden. Allen müßte die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse garantiert werden — nicht nur ihrer Ernährung und Versorgung mit Trinkwasser, sondern auch Gesundheits­dienste, Wohnraum und Bildung.

In vielen Gegenden müßten sie lernen, mit den den Verhältnissen angepaßten Kleintechnologien umzugehen, hat doch der Boden oftmals durch frühe, exportorientierte Ausbeutung (Monokulturen) gelitten und muß wieder für diversifizierten Anbau nutzbar gemacht werden. Häufig sind in von Erosion bedrohten Gebieten neue Bewässerungsanlagen nötig. Eine solche Umstellung kann der einzelne Bauer oft nicht aus eigenen Kräften bewältigen. Deshalb sollten sich die Bauern freiwillig zu Genossenschaften oder Kooperativen zusammenschließen und von der fachlichen Beratung staatlicher, vor allem aber auch nichtstaatlicher Hilfsorganisationen Gebrauch machen.

Gleichzeitig mit einer auf Autarkie ausgerichteten, diversifizierten Landwirtschaft sollte das örtliche Handwerk wiederbelebt werden. Auf diese Weise würde die Werkzeug- und Kleinindustrie neue Impulse erhalten und nach und nach an die Stelle der Multis treten. Eine derartige Entwicklung setzt voraus, daß der Binnenhandel gefördert und auf Export von Industriegütern und Import von Luxusgütern verzichtet wird. Damit Spekulationsgewinne unmöglich gemacht und Profite beschnitten werden, wäre eine Preiskontrolle lebenswichtiger Grundprodukte und Dienstleistungen nötig.

Eine solche umfassende Wirtschafts- und Gesellschaftsreform kann um so eher demokratisch durchgeführt werden, je stärker und qualifizierter die sie tragende Basis ist. Deshalb gehört zu den dringendsten sozialen Reformen eine Alphabetisierung. Die Förderung des Bildungswesens sollte jedoch keinesfalls dazu mißbraucht werden, unsere westlichen Kulturtraditionen dem Süden aufzuzwingen. Im Gegenteil sollten die südlichen Völker ihre eigenständige Kultur entkolonialisieren und kritisch weiterentwickeln, bis nicht nur die wirtschaftliche und politische, sondern auch die kulturelle Vorherrschaft der Ersten Welt beendet ist.

Wenn einmal eine echte Entkolonisierung erreicht sein wird, wird auch die viel zitierte neue Wirtschaftsordnung nicht länger nur eine Wunschvorstellung sein. Man dürfte dann nicht mehr von Entwicklungshilfe des Nordens für den Süden sprechen. Der Begriff erinnert zu sehr an die Überlegenheit gütiger Spender gegenüber dankbaren Empfängern. Treffender wäre dann die Bezeichnung »internationaler Lastenausgleich«, da die drei Welten einander nähergerückt und zu gleichwertigen, voneinander abhängigen Partnern geworden sein werden. 

Schon heute zeichnen sich ja gemeinsame Probleme wie die Weltkriegsgefahr, die Erschöpfung der Rohstoffquellen und eine den gesamten Planeten bedrohende Zerstörung der Umwelt ab.

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