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3. Bedrohung und Zerstörung der Umwelt

 

 

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Jahrtausendelang war es die Natur, die den Menschen beherrschte und bedrohte. Klimatische Unbilden und Mißernten, Überschwemmungen, Seuchen und Raubtieren war er hilflos ausgeliefert. Von den vier apokalyptischen Reitern der Bibel — Krieg, Pest, Hunger und Tod — versinn­bildlichte nur einer, nämlich der Krieg, die gewalttätige Auseinandersetzung des Menschen mit dem Menschen, die übrigen drei hingegen seine Ohnmacht gegenüber der Übermacht der Natur.

Aus dieser Notlage heraus erwuchs das Bedürfnis, mit der Natur in Harmonie zu leben. Mit der Entwicklung von Landwirtschaft, Handel und Handwerk wurden bescheidene Fortschritte in der Nutzung ihrer Reichtümer möglich; der Naturhaushalt als Ganzes geriet jedoch bis zur Neuzeit nicht aus dem Gleichgewicht. So eindrucksvoll auch die künstliche Umwelt des »homo faber« und »zoon politikon« verglichen mit der schwachen Ausrüstung des vorgeschichtlichen Menschen war, bedrohte seine Produktion von Gütern und Dienstleistungen jedoch nicht seine physische Umwelt.

Erst mit der Industriellen Revolution im 18. und 19. Jahrhundert verkehrte sich das Verhältnis von Mensch und Natur. Nun war es der Mensch, der begann, sich die Natur »Untertan« zu machen. Dank dem technisch-wissenschaftlichen Fortschritt, der mit der Entwicklung eines kapitalistischen Wirtschafts­systems Hand in Hand ging, war er nunmehr imstande, Pest und Hunger zu besiegen und den Tod wenigstens hinaus­zuzögern. Zugleich vollzog sich eine Entzauberung der Welt, die ihm unversehens jene Demut raubte, die die Religion naiven Gläubigen gepredigt hatte. Aus dem gottesfürchtigen wurde der »faustische« Mensch, der in seinem Arbeitseifer der Natur nicht nur immer mehr Güter und Dienstleistungen abrang, sondern in seinem neuen Irrglauben auch die Natur für unerschöpflich hielt.

Rückblickend lassen sich zwei Phasen des modernen Industriezeitalters unterscheiden, eine dem Menschen dienende und eine ihn tödlich bedrohende. Von der Erfindung des Webstuhls und der Dampfmaschine bis zur Nutzung der Kernenergie empfand der Mensch den industriellen Fortschritt als eine Art Geschenk, das ihm kostenlos in den Schoß fiel. Für die Opfer, die ihm dieser Fortschritt auch schon damals abverlangte, machte er, wenn überhaupt, nur das Wirtschaftssystem verantwortlich. 

War es nicht nur eine Frage der Zeit, bis mit Hilfe von Reformen oder gar Revolutionen alle Menschen an den Segnungen der Zivilisation teilhaben würden? Statt dessen wurde ihm 1945 die Atombombe »beschert«. 

Anfangs tröstete man sich damit, daß der atomare Holocaust vermieden werden könne und daß die friedliche Nutzung der Atomkraft eine neue Periode des Überflusses einleiten würde. Inzwischen hat das Atomzeitalter diese fatale Illusion widerlegt und kundgetan, welch hohen Preis der Mensch heute für den technisch-industriellen Fortschritt zahlen muß. Die Natur rächt sich quasi über Nacht. Sie macht überall bisher unsichtbare Grenzen des Wachstums sichtbar und bringt dem Menschen schlagartig zum Bewußtsein, daß seine Abhängigkeit von ihr keineswegs aufgehört und daß er seine Macht ungeheuer überschätzt hat. Nun kündigt sich eine Verknappung der Rohstoffe, Erosion des Ackerbodens, Verschmutzung von Luft und Wasser an, da sterben Wälder, da droht eine unkontrollierbare Klimaveränderung.

Diese tiefgreifenden Belastungen des Haushalts der Natur hatten schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg einige wenige Fachleute erkannt. 

1948 waren in den USA zwei Warnrufe ergangen, die aber in Europa ungehört verhallten: Fairfield Osborn veröffentlichte <Our Plundered Planet> und William Vogt schrieb <Road to Survival>. 

Von einer <Umweltkrise> oder gar <Ölkatastrophe> spricht man bei uns aber erst seit dem Ende der sechziger oder dem Beginn der siebziger Jahre. Seit dieser Zeit ist — wie Herbert Gruhl hervorhebt — das Wort <Umwelt> eines der am häufigsten gebrauchten Modewörter geworden. 

Der 1979 publizierte Band von Meyers Enzyklopädischem Lexikon enthält neben einem Sonderbeitrag von Gruhl bereits ein Dutzend Stichwörter zu diesem Thema. Sie reichen von Umwelt über Umweltbelastung, Umweltbiologie, Umweltbundesamt, Umweltfaktoren, Umweltforschung, Umwelthygiene, Umweltkrankheiten, Umweltmedizin, Umweltpsychologie und Umweltschutz bis zu Umweltschutztechniker.

*  (d-2010:)   F.Osborn bei detopia    W.Vogt bei detopia     H.Gruhl bei detopia 

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Gruhl verweist darauf, daß die Entdeckung der Umwelt als Lebensbasis gleichzeitig mit der schockierenden Erkenntnis erfolgte, ...

»daß unsere Erde ein Raumschiff ist, welches sich selbst versorgen muß. Eine solche Überlegung mußte sich fast über Nacht aufdrängen, als die Menschen ihre ersten Raumschiffe in den Weltraum schickten. Diese konnten zu ihrer Heimatbasis zurückkehren. Die Erde aber hat keine Heimatbasis; sie wird immer von dem leben müssen, was sie an Bord hat... 
Sich mit der Umwelt beschäftigen heißt darum heute:  eine Bestandsaufnahme des Inventars der Erde und der dem Menschen verbleibenden Möglichkeiten vornehmen ... Es entstand eine neue Wissenschaft, die <Ökologie> als die Lehre vom Haushalt der Natur oder besser von den Wechsel­beziehungen zwischen den Lebewesen untereinander und mit ihrer Umwelt«.

Unter dem Eindruck der von der Ökologie aufgezeigten Bedrohungen haben Wissenschaftler seit Beginn der siebziger Jahre der Öffentlichkeit ökologisch orientierte Weltmodellrechnungen oder Globalanalysen vorgelegt. 

Die erste Studie dieser Art war der Bericht an den Club of Rome zur Lage der Menschheit mit dem Titel <Die Grenzen des Wachstums>. Er stammt von Denis Meadows und seinen 15 Mitarbeitern und wurde gleich nach Erscheinen zum Bestseller in der ganzen Welt.

Die Autoren versuchen, die folgenden fünf entscheidenden weltweiten Trends vorauszuberechnen: die beschleunigte Industrialisierung, das rapide Bevölkerungs­wachstum, die weltweite Unterernährung, die Ausbeutung der Rohstoffreserven und die Zerstörung des Lebensraumes. 

Nach Meinung der Verfasser würde schon jede dieser Entwicklungen für sich genommen, ganz zu schweigen von ihrer kumulativen Wirkung, im Lauf der nächsten 25, 75 oder 100 Jahre (in bezug auf den Zeitraum widersprechen sich die Voraussagen) zu einer Weltkatastrophe rühren, die nur vermieden werden könnte, wenn die Menschheit auf ein exponentielles Wachstum in diesen Bereichen verzichten und einen ökologischen und wirtschaft­lichen Gleichgewichts­zustand verwirklichen würde.

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Seither sind an die zwanzig derartige Modelle erstellt worden. Zu den wichtigsten zählt der Bericht <Global 2000>, der im Auftrag von Präsident Carter von Regierungsstellen der USA und mehr als hundert Experten erarbeitet und 1980 veröffentlicht wurde. Er zeichnet im ganzen ein düsteres Bild von dem Zustand der Erde und den Gefahren für ihre Bewohner, die sich erst im nächsten Jahrhundert nach und nach bemerkbar machen werden. Schon heute sollten daher alle Nationen der Welt unter Führung der USA gezielt zusammenarbeiten, um eine solche Entwicklung zu verhindern.

Im einzelnen führt <Global 2000> an, die Welt werde für Naturkatastrophen anfälliger, und die meisten Nationen würden von ausländischen Energiequellen abhängiger werden. Die Wirkung der steigenden Kohlendioxyd-Konzentration, der Erschöpfung des Ozons in der Stratosphäre, der zunehmenden Abgabe komplexer, persistenter Giftchemikalien an die Umwelt würde immer bedrohlicher werden. Dies sind nur einige mehr oder weniger willkürlich herausgegriffene Warnungen des Berichts.

Ferner wird überzeugend vorausgesagt, daß die Spannungen, die zu Kriegen führen könnten, sich verviel­fachen werden. So wird u.a. ausgeführt, daß 148 von den 200 größten Flußläufen der Erde zwei, 53 Flüsse sogar drei bis zehn Anrainerstaaten haben, die auf deren Süßwasser angewiesen sind. So könnten sich etwa Konflikte um den Plata, den Euphrat oder den Ganges leicht verschärfen.

<Global 2000> bestreitet nicht, daß Ansätze zum weltweiten Umweltschutz in manchen Ländern vorhanden sind; aber so ermutigend diese Entwicklungen auch sein mögen, seien sie noch lange nicht ausreichend. Im Gegensatz zu früheren Global­analysen wird hier eine Vielzahl von Teilmodellen verwendet, die zu verschiedenen Zeitpunkten isoliert entwickelt wurden, die aber, wie manche Kritiker meinen, nicht genügend aufeinander abgestimmt sind. Dennoch hat auch »Global 2000« über die Vereinigten Staaten hinaus weiteste Verbreitung gefunden.

(d-2018:) Global 2000 bei detopia

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Besonders anspruchsvoll ist schließlich das sogenannte Globus-Modell angelegt: Es soll als Hilfsmittel zur Abschätzung der Folgen politischen und wirtschaft­lichen Handelns im Weltmaßstab dienen. An diesem Modell arbeiten am Wissenschafts­zentrum in Berlin seit Jahren Wissenschaftler unter Leitung von Karl W. Deutsch. Dieses Unternehmen zeichnet sich dadurch aus, daß 25 der mächtigsten oder repräsentativsten Nationen in die Globalanalyse einbezogen werden, wodurch das empirische Fundament besser abgesichert sein soll als bei früheren derartigen Bemühungen.

wikipedia  Karl_W._Deutsch  1912-92

Von Umweltschäden und Umweltschutz spricht man heute immer lauter — bei den Grünen, Roten, Schwarzen usw. Streitet man sich dabei intensiv über den Schutz der Umwelt, so besteht große Übereinstimmung über die wichtigsten Schäden. Dem Jahresband »Aktuell '86« zufolge ist 

»die Umwelt-Bilanz der Jahre 1984 bis 1985 geprägt von fortschreitendem Waldsterben in Europa, bedrohten Böden und Gewässern, galoppierendem Artensterben und immer neuen Nachrichten über die Schädlichkeit von chemischen Substanzen. Bei den bisher größten Umweltkatastrophen in Brasilien, Mexiko und Indien kamen mehr als 3000 Menschen ums Leben; allein in Bhopal (Indien) starben durch ausgetretenes Giftgas innerhalb weniger Tage 2500 Menschen, Zehntausende wurden verletzt«.

Dagegen ist es sehr still um die Bedrohung und Schädigung der Umwelt durch die Aktivitäten des Militärs. Die Arbeits- und Forschungsstelle Militär, Ökologie und Planung spricht in diesem Zusammenhang von einem alltäglichen Krieg.  Die Situation spitze sich zu: 

»Mit Beginn der achtziger Jahre wurde eine gigantische Umrüstung der NATO eingeleitet. Um <bedrohungsgerecht> gerüstet zu sein, werden weitere Milliarden verbaut, Hunderte Hektar Wald gerodet, gigantische Manöver veranstaltet, Tausende Tonnen Munition und Waffen gehortet, die Intensität der Tiefflüge gesteigert, sowie unvorstellbare Mengen Ressourcen verschwendet

Die Bundeswehr sei....

»einer der größten Verursacher der Umweltbelastung. 13 Truppenübungsplätze, 241 Standortübungsplätze, ein immenser Rohstoffverbrauch, ein riesiges Militärstraßen-Grundnetz, Tief- und Tiefstfluggebiete und jährliche Manöverschäden unbekannten Ausmaßes u.a.m. sind die andere Seite der Medaille...

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Sämtliche in der Bundesrepublik stationierten Streitkräfte benötigen in großen Mengen Waffen und Munition, sei es zu Manöverzwecken oder zur Deponierung für den Kriegsfall. Diese Waffen werden bedenkenlos auf geheimen Wegen in und durchs Land gebracht. Während der Transporte gibt es oft schwere Unfälle... Mindestens 750 der 8500 Städte und Gemeinden sind Militärstandorte. Das Militär besitzt 9900 Liegenschaften und 1600 Schutzbereiche. Es gibt wohl keinen Kreis in der Bundesrepublik, in dem nicht Militär stationiert ist.

Schon zu sogenannten Friedenszeiten befinden sich in der Bundesrepublik 725.000 ausländische Soldaten mit Personal und Angehörigen... Die Bundesrepublik ist der NATO-Staat mit der größten Manöverdichte. Hier finden jährlich 60 Großmanöver mit bis zu 130.000 Soldaten sowie 5000 kleinere Übungen statt... Bayern ist das flächengrößte Bundesland; allein 6,6 Prozent seiner Fläche stellt es als Truppenübungsplatz zur Verfügung ... 

Fast jede Woche stürzt über der Bundesrepublik ein Militärflugzeug ab. Allein über 250 Starfighter, aber auch schon hochmoderne Tornados stehen auf der Verlustliste. Nicht nur Piloten sind die Opfer, sondern auch völlig unbeteiligte Menschen ... Etwa 120.000 militärische Flüge finden im Tiefflug statt, d.h. bis zu 75 m Tiefe. Zwei Drittel der Bundesrepublik sind Tieffluggebiet. Tiefflüge sind, wenn überhaupt, nur für den Angriffsschlag auf gegnerisches Gebiet (auch auf die DDR!) geeignet... >Der durch Tiefflieger verursachte Lärm ist tausendmal schlimmer als der Geräuschpegel in Industriegebieten und im Straßenverkehr.< Gesundheitliche Schäden durch Tiefflüge, vor allem bei Kindern, sind wissenschaftlich nachgewiesen ...

Die Umweltverschmutzung durch den militärischen Luftverkehr — insbesondere durch den Tiefflug — steigt an. Jährlich geht ein giftiger Regen von über zwei Milliarden Liter verbrannten Treibstoffes auf Wälder und Natur nieder. Die schützende Ozonhülle der Erde wird weiter verdünnt... Durch militärischen Luftverkehr wird auch die Tierwelt ganz extrem stark belastet. Insbesondere wild lebende Tiere zeigen Alarm- und Fluchtreaktionen, die den tierischen Organismus zu überlasten drohen. Dies gilt vor allem für Vögel, die zudem durch die ständige Okkupation ihres natürlichen Lebensraums und durch Kollisionen gefährdet sind...

Auf den Schlachtfeldern der Rüstungsforschung leiden und sterben Tiere bei militärischen Tierversuchen. Um noch weiter verfeinerte Tötungs­mechanismen und -methoden zu erforschen, werden Tiere bei lebendigem Leib angeschossen, bestrahlt oder vergiftet«.

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Wie immens die ökologischen Kosten im Weltmaßstab schon heute sein dürften, läßt eine weitere Studie erahnen, die nur die bereits in der Bundesrepublik entstandenen Umweltschäden in Mark und Pfennig errechnet. Lutz Wicke, wissenschaftlicher Direktor beim Umweltbundesamt, kombiniert verschiedene statistische und ökonomische Methoden. Volkswirtschaftliche Verluste, die sich nicht in Geldbeträgen ausdrücken lassen, bezieht er in seine Berechnungen nicht einmal mit ein. Trotzdem kommt er zu dem Ergebnis, daß die Belastungen der Luft, des Wassers und des Bodens sowie die Lärmschäden sich pro Jahr auf mindestens hundert Milliarden DM belaufen. 

wikipedia  Lutz_Wicke 1943-2017

Diese »absolute Untergrenze« der »ökologischen Schadensbilanz« stelle etwa sechs Prozent des gesamten Bruttosozialprodukts dar. Die Luftver­schmutzung allein richte einen Schaden von jährlich 48 Milliarden DM an. Die durch sie verursachten Gesundheitsschäden würden bis zu sechs Milliarden DM betragen. Die Unkosten durch Lärm belaufen sich auf 33 Milliarden DM, durch Bodenzerstörung auf fünf Milliarden DM, durch Gewässerverschmutzung auf 18 Milliarden DM. Für das Waldsterben müssen bis zu neun Milliarden DM angesetzt werden. Die psychosozialen Kosten der Umweltzerstörung zu beziffern, habe Wicke gar nicht versucht.

Er fordert eine radikale Intensivierung des Umweltschutzes. Der Nutzen von Umweltschutzmaßnahmen sei mindestens dreimal höher als die Ausgaben. Waldschäden im Wert von etwa 250 Milliarden DM ließen sich durch Luftreinhaltungsmaßnahmen im Werte von 80 Milliarden DM verhindern. Ein »luftreinhalte-politisches Gesamtpaket« würde höchstens 80 Milliarden DM kosten, im Verlauf mehrerer Jahre aber ökologische Ersparnisse von über 250 Milliarden DM erbringen. Im einzelnen schlägt Wicke verbesserte Umweltkontrollen wie automatische Meßgeräte für Firmen, die Abwässer in Flüsse leiten, Haftung von Industriefirmen für ökologische Schäden, Lärmabgaben für laute Automobile und Tempo-Limits für Personenkraftwagen ohne Katalysator vor.

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Die Einwände, die sich auf untragbare umweltbedingte Kostenerhöhungen, dadurch beeinträchtigte internationale Wettbewerbsfähigkeit oder Verluste von Arbeits­plätzen beziehen, seien falsch. Gäbe es heute bereits etwa 440.000 »Umweltschutz-Arbeitsplätze«, so könnten in den nächsten fünf bis zehn Jahren ohne weiteres mindestens 250.000 bis 300.000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden. Das aktive CDU-Mitglied Wicke tritt für eine »soziale und ökologische Marktwirtschaft« ein, die zu einem »zweiten grünen Wirtschaftswunder« führen könnte. Kritiker haben gegen ihn eingewandt, daß sein Programm ohne Gebote, Verbote und Kontrollen, d.h. also ohne erhebliche staatliche Eingriffe nicht durchführbar sei.

Ein ökologisches Umbauprogramm wurde auch von der Bundestagsfraktion der Grünen erarbeitet. Es bezieht sich auf einen Zeitraum von vier bis acht Jahren und wird von den Autoren als »radikales Reformpapier« bezeichnet. Es soll einen Weg zwischen der bloßen ökologischen Reparatur im Sinne der Altparteien und einer utopischen Vision des Ausstiegs aus der Industriegesellschaft weisen. Die Studie zeigt daher sowohl Schritte zum Abbau bestimmter Industrien wie der Atomwirtschaft, der Rüstungsbetriebe und bestimmter Produktionslinien der chemischen Industrie auf, aber darüber hinaus befürwortet sie auch Maßnahmen zum Aufbau neuer Industriestrukturen (Sanierung der Naturgrundlagen, dezentrale Energiewirtschaft, Recycling-Wirtschaft). Bestimmte Industriezweige sollen umgestellt werden, um umweltverträglicher zu produzieren (sanfte Chemie).

Als Instrumente des Umbaus sind unter anderem gesetzliche Produktions- und Betriebsverbote, Umweltverträglichkeitsprüfungen für neue Produkte und Produktionsverfahren sowie ein System von ökologisch begründeten finanziellen Belastungen und Entlastungen vorgesehen. Sonderabgaben sollen einen Anreiz für Schadstoffverminderung und Umstellung der Produktion bieten.

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Geplant sind so die Verdreifachung der bestehenden Wasserabgabe, eine Grundchemikalien-, Verpackungs- und Schadstoffabgabe, eine Abgabe auf Stickstoff-Dünger und auf den LKW-Güterverkehr. Aus diesem Finanzaufkommen solle dann die Einführung umweltverträglicher Technologien gefördert werden.

Seit Tschernobyl wird die friedliche Nutzung der Atomenergie immer radikaler in Frage gestellt. Die Folgen dieser Katastrophe lassen sich überhaupt noch nicht absehen. Westliche Wissenschaftler sind zunächst davon ausgegangen, daß die Zahl der vorzeitigen Todesfälle zwischen 2000 und 75000 liegen könnte. Der amerikanische Fachmann für medizinische Physik, John Gofman, geht hingegen so weit zu behaupten, über eine Million Menschen könnten in den nächsten 70 Jahren auf der ganzen Welt an Krebs oder Leukämie erkranken und die Hälfte von ihnen sogar sterben. Kein Wunder, daß nunmehr nicht nur die Grünen, sondern auch die SPD den Ausstieg aus der Atomenergie fordern. Namhafte Institute und Wissenschaftler beschwören immer verzweifelter die Gefahren der vielen Tschernobyls, die über Europa verstreut unser aller Leben gefährden. Meinungs­verschieden­heiten bestehen noch nach wie vor über den Zeitpunkt und das Tempo der Umstellung. Während manche Grüne alle Atomkraftwerke sofort abschalten wollen, sehen andere Kritiker eine Übergangszeit von zehn oder mehr Jahren vor.

Es herrscht vor allem Uneinigkeit über die Auswirkungen eines Verzichts auf Kernenergie. Manche vielleicht sogar aufrichtigen Gegner einer radikalen Umstellung prophezeien den totalen Zusammenbruch der modernen Industriegesellschaft oder zumindest eine unvorstellbare Krise. Dagegen sprechen jedoch die detaillierten Untersuchungen unparteiischer Fachleute. Der Leiter der Energieabteilung im Deutschen Institut für Wirtschafts­forschung Ziesing hält den Ausstieg für durchaus verkraftbar. Seiner Meinung nach müßte ein Haushalt mit Elektro-Speicher-Heizung im Monat etwa DM 20,- mehr für seinen Stromverbrauch bezahlen. Insgesamt würden sich bei einem Ausstieg die Brennstoffkosten um etwa 7,8 Milliarden DM pro Jahr erhöhen.

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Nach allem klingt es durchaus glaubwürdig, wenn die <Gewerkschaft Nahrung, Genuß, Gaststätten> anführt, daß auch ein sofortiger Ausstieg keine gefährliche Verknappung der Energiequellen oder deren untragbare Verteuerung bewirken würde. Sogar am bisher kältesten Tag seien in der Bundesrepublik noch 40 Prozent Überkapazität an Energie erzeugt worden. Und selbst wenn dem nicht so wäre, sollten wir bereit sein, »das Risiko einer kurzfristigen Energie­knappheit einzugehen«

Unter keinen Umständen darf man jedoch die Zahl und vor allem die Macht derer unterschätzen, die trotz aller Risiken an dem bisherigen technischen Fort­schritt in den wesentlichen Punkten festhalten wollen.

 

Fazit: 

In der ökologischen Diskussion zeichnen sich zwei gegensätzliche Standpunkte ab. Die einen vertrauen dem technischen Umweltschutz, der im Rahmen der bestehenden Gesellschaftsordnung die schlimmsten Umweltschäden mildern will. Die anderen fordern nicht nur Reparaturen, sondern radikale system­überwindende Reformen.

Die Verfechter des technischen Umweltschutzes unterstellen, daß der Mensch sich daran gewöhnt hat, nur an den naheliegenden, kurzfristig erreichbaren Vorteil zu denken. Es fehle ihm an Phantasie, sich Katastrophen, die erst morgen eintreten, heute schon vorzustellen. Opfer und Kosten, die nicht sofort sichtbare Vorteile zeitigen, scheue er. Folglich finden die kurzfristigen, lokal begrenzten Schritte, die nur den Charakter von Reparaturen haben, mehr Unterstützung als die langfristig globalen, die entscheidende Veränderungen der Lebens­gewohn­heiten und Werthaltungen erfordern. 

Unternehmer sind mehr und mehr bereit, umweltfreundliche Investitionen zu tätigen, solange sie Gewinne bringen. Arbeiter nehmen hin, daß ihre Arbeits­plätze umweltfreundlichen Zwecken dienen, wenn sie nur erhalten bleiben. Der Durchschnittsbürger will vor Lärm und Schadstoffen geschützt sein. Der Urlauber möchte in sauberen Flüssen und Seen baden. Dennoch bleiben selbst die Ausgaben und Aufwendungen, die man für ökologische Reparaturen bereitstellt, bisher allzu bescheiden, wenn nicht unzureichend. Unternehmer und Arbeiter, Politiker und Bürokraten können sich eine Wirtschaft ohne Wachstum nur schwer vorstellen. Das bedeutet, daß die Quantität von Produktion und Konsum immer noch Vorrang vor der Qualität hat und daß der gewohnte technische Fortschritt grundsätzlich nicht in Frage gestellt wird.

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In den letzten Jahren wächst die Zahl derer, die erkennen, daß Reparaturen, auch wenn sie noch so sorgfältig durchgeführt werden, die ökologischen Schäden nicht auf Dauer beseitigen können. Für eine umfassende Sanierung der Umwelt sind langfristige, globale und systemverändernde Struktur­reformen, die eine radikale Umstellung der Lebens- und Konsum­gewohnheiten aller Schichten zur Voraussetzung haben, unvermeidlich. 

Schließlich mag sich doch die Erkenntnis durchsetzen, daß sich alle Menschen nicht nur angesichts der Kriegsgefahr, sondern auch angesichts der streikenden Natur — wenn auch in unterschiedlicher Position — in einem Boot befinden. Auch die Machthaber und Wirtschaftsführer, die bisher auf Kosten der Schwächeren ökologische Probleme nur unter Profitgesichtspunkten angingen, mögen einmal umlernen.

Diese knappe und unvollständige Skizze der ökologischen Problematik gilt in vieler Beziehung für alle drei Welten. Die Zweite und die Dritte Welt teilen trotz ideologischer Unterschiede noch den Glauben an die Segnungen der modernen Großtechnologie. Sie verschwenden ihre Kräfte darauf, die Erste Welt einzuholen und zu überholen. Fasziniert von dem hohen Lebensstandard im Westen sehnt man sich im Osten nach dem Tag, an dem jeder Bürger sein Auto und seinen Kühlschrank besitzen wird. Gleichzeitig wird es auch dort immer schwieriger, die ökologischen Schäden zu verdrängen oder zu übersehen. Waldsterben oder Verpestung der Luft machen vor Landes- oder Systemgrenzen nicht halt.

Zwar sind es im »realen Sozialismus« nicht Profitinteressen, die langfristig wirksame ökologische Maßnahmen verhindern; doch ist das Management der staatlichen Wirtschafts­unternehmen darauf aus, die Planziele zu erfüllen oder über sie hinauszugehen. Die Wirtschaftspläne sehen immer noch die Steigerung der Produktion ohne Rücksicht auf ökologische Folgen vor. Allerdings gibt es auch dort erste Anzeichen für ein neues Umweltbewußtsein, das die Systemunterschiede relativieren würde.

Überall müssen die Menschen erkennen, daß Vergeudung und Verschleiß keine Befriedigung mit sich bringt, sondern der Kompensation psycho­log­ischer Verelendung dient. Immer neue, künstlich geweckte Bedürfnisse führen nicht zu wahrem Lebensglück. Der Mensch wird erst dann zum »homo humanus«, wenn die Befriedigung seiner materiellen Grundbedürfnisse nur die Basis bildet für die Entwicklung geistiger Werte und psychischer Qualitäten. Qualität muß an die Stelle von Quantität treten, Informationen an die Stelle von Propaganda. So gesehen haben die Autoren von <Grenzen des Wachstums> recht, wenn sie sagen: »Keine blinde Opposition gegen Fortschritt, aber Opposition gegen blinden Fortschritt.« 

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