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4. Wirtschaftskrise und Überplanung

       Von Ossip Flechtheim 1987

 

 

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Der bedeutendste Kritiker des Kapitalismus, Karl Marx, war im 19. Jahrhundert von der einzigartigen Entwicklung der Produktiv­kräfte im bürgerlichen Zeitalter noch ungeheuer beeindruckt. So begeisterte er sich: 

»Unterjochung der Naturkräfte, Maschinerie, Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschiffahrt, Eisenbahnen, elek­trische Telegrafen, Urbarmachung ganzer Weltteile, Schiffbarmachung der Flüsse, ganze aus dem Boden hervor­gestampfte Bevölkerungen — welches früheres Jahrhundert ahnte, daß solche Produktions­kräfte im Schoß der gesell­schaftlichen Arbeit schlummerten?« 

Sobald die Fesseln des Kapitalismus vom revolutionären Proletariat gesprengt sein würden, dachte Marx, würde die neue sozialistische Gesellschaft zu einer Ära des Überflusses werden, der allen Menschen gleichermaßen zugute käme.

Marx' Hoffnung auf eine revolutionäre Umwälzung beruhte auf der Annahme, daß die für den Frühkapitalismus typische Verelendung der Massen sich derart steigern würde, daß den Proletariern nur noch die Entmachtung der Kapitalisten übrigbliebe. Statt dessen entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahr­hunderts der Hochkapitalismus, der den Frühkapitalismus ablöste, das Proletariat am wirtschaftlichen Aufschwung teilhaben ließ und die Klassen­gegen­sätze milderte. 

Rückblickend können wir feststellen, daß der Hochkapitalismus zwei Phasen durchlief: 

In der ersten Phase, die etwa 100 Jahre währte, wiederholten sich die für das System so typischen Krisen immer wieder. Trotzdem stieg damals die Zahl der Beschäftigten dank der ständigen Erweiterung der Märkte im Mutterland und in den Kolonien weiter an. Zudem verbesserte sich in den westlichen Industrieländern die soziale und wirtschaftliche Lage der Arbeiter, die sich politisch und gewerkschaftlich organisieren konnten. Im Hochkapitalismus hatten sie nun mehr zu verlieren als nur ihre Ketten; zumindest waren es vergoldete Ketten.

Die zweite Phase, deren letzte Ausläufer noch bis in die siebziger Jahre unseres Jahrhunderts hinein spürbar waren, könnte man die Hoch-Zeit des Hoch­kapitalismus nennen. Sie schien jene Marxisten Lügen zu strafen, die bereits nach dem Ersten Weltkrieg und dann während der großen Weltwirt­schaftskrise in den frühen dreißiger Jahren das Ende des Kapitalismus gekommen wähnten. Tatsächlich haben die enormen Rüstungs­anstrengungen der kriegführenden Staaten im Zweiten Weltkrieg und der spätere Wiederaufbau in Mitteleuropa dazu beigetragen, daß der Hochkapitalismus eine nie gekannte Blüte erlebte. 

Auto und Flugzeug, Raumfahrt und Fernsehen, Computer und Kunststoffe wurden zu Massenartikeln. Der Kuchen, von dem sich jeder ein Stück abschneiden konnte, wuchs immer rascher. Rohstoffe, Energie und Arbeitskraft schienen unerschöpflich, und der Konsum kannte keine Grenzen. Unter diesen Umständen waren die Kapitalisten durchaus bereit, einen Wohlfahrtsstaat und eine "soziale (wenn auch immer noch kapitalistische!) Marktwirtschaft", d.h. einen Sozialkapitalismus, hinzunehmen. Auch schuf dieser Wohlfahrtsstaat im Bereich der sozialen Dienstleistungen eine wachsende Zahl von Arbeitsplätzen.

Dennoch hatte sich — und das hatte Marx richtig vorausgesehen — an gewissen Grundstrukturen des Kapitalismus nichts geändert; sie hatten sich im Hoch­kapitalismus eher verfestigt. Die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel blieb in den Händen der Kapitaleigner. Aus dem Konkurrenzkampf, in dem die Schwächeren unterlagen, gingen Oligopole, Monopole und schließlich die heute den Weltmarkt beherrschenden multinationalen Korporationen als Sieger hervor. Zwar profitierten die arbeitenden Schichten vom Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit, doch blieben sie lohn- und gehaltsabhängige »Arbeitnehmer«, deren Arbeitsplätze nur für die Dauer der Konjunktur gesichert waren.

In einem kapitalistischen System kann eine Hochkonjunktur jedoch nur so lange anhalten, wie sich immer neue Möglichkeiten für beschleunigtes Wachstum des Bruttosozialproduktes eröffnen und der Absatz sich entsprechend steigern läßt. Das verlangt den vollen Einsatz der modernen Technologie, was wiederum einen ungeheueren Raubbau an der Natur zur Folge hat. Als nach dem Zweiten Weltkrieg das Wirtschafts­wunder stattfand, war man sich dieses katastrophalen Hintergrundes noch kaum bewußt.

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Wie ein Fanal erhellte dann 1973 die Ölkrise die Grenzen des Wachstums. Die Verknappung lebenswichtiger Rohstoffe führte zu Preiserhöhungen, die u.a. den Konjunkturumschwung und den Übergang vom Hochkapitalismus zum Spätkapitalismus einleiteten. Für dieses letzte Stadium des Kapitalismus, in dem wir uns noch befinden, ist zunächst der Kaufkraftschwund der unteren Einkommensgruppen typisch. Selbst die Realeinkommen der Beschäftigten halten kaum noch mit den Preissteigerungen Schritt. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß die Schwellenländer in den Industrialisierungs­prozeß miteinbezogen werden. Die niedrigen Löhne, die dort bezahlt werden, schaffen zuwenig neue Kaufkraft, als daß sie den Kaufkraftschwund im eigenen Land und in den Industrieländern ausgleichen könnten. Nur die zahlenmäßig kleinen Eliten in den Schwellenländern profitieren vom Industrialisierungs­prozeß.

Führten die zyklischen Krisen im Hochkapitalismus zur Deflation, zu einem Rückgang nicht nur der Löhne, sondern auch der Preise, d.h. zu einer Steigerung des Geldwertes, so erleben wir im Spätkapitalismus ein paradoxes Nebeneinander von Stagnation und Inflation (Stagflation), d.h. von Beschäftigungs­rückgang und gleichzeitiger Teuerung. Diese widersprüchliche Entwicklung wird einerseits durch die vielfältigen arbeitssparenden Technologien wie etwa die Mikroelektronik und die Industrieroboter, andererseits durch die steigende Konzentration des Kapitals in wenigen Händen begünstigt. Die Unternehmen, die sich zu Großkonzernen zusammenschließen, brauchen weniger Arbeitskräfte und können die Preise dennoch hochhalten, da die preiskontrollierende Konkurrenz immer stärker ausgeschaltet wird.

Dies ist die wahre Ursache der Inflation und nicht die von Unternehmerseite immer wieder denunzierte sogenannte Lohn-Preis-Spirale. In Wirklichkeit haben wir es mit einer Preis-Profit-Lohn-Spirale zu tun. Diese wird durch die unproduktiven Staatsausgaben, die für den Spätkapitalismus typisch sind, noch vergrößert.

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Dabei handelt es sich um Subventionen an veraltete, konkursreife und oft umweltfeindliche Unternehmen, die weder ökonomisch noch ökologisch sinnvoll sind. Die Arbeitsplätze, vor allem aber auch die Besitzstände der Unternehmer sollen unter allen Umständen unangetastet bleiben. Anstatt Arbeiter umzuschulen und ökologisch notwendige Umstellungen zu fördern, zahlt der Staat lieber immer kärglichere Unterstützungen an Arbeitslose, die aus dem Produktionsprozeß ausgegrenzt bleiben. Diese geradezu widersinnigen Maßnahmen tragen zur Aufblähung der Bürokratie bei, die nach dem Peters'schen Gesetz schon an sich dazu neigt, immer stärker zu wachsen.

Besonders inflationsfördernd wirken sich die ins Unvorstellbare anwachsenden Rüstungsausgaben aus, die schon in Friedens­zeiten zum ökonomischen und ökologischen Ruin führen. All diese gigantischen Staatsausgaben können nicht mehr aus Steuermitteln gedeckt werden, zumal nur die niedrigen Einkommen relativ hoch besteuert werden, die Vermögen und Einkommen der Reichen jedoch alle möglichen Steuervergünstigungen genießen. So wächst der Schuldenberg der öffentlichen Hand ins Unermeßliche, was wiederum eine steigende Zinsbelastung zur Folge hat.

Diese dem westlichen System immanenten Gefahren werden voraussichtlich andauern und sich noch verschärfen. Reichtum und wirtschaftliche Macht konzentrieren sich in immer weniger Händen. Das bedeutet, daß sich die sozialen und ökonomischen Unterschiede vergrößern, daß die Reichen reicher und die Armen ärmer werden. Im Gegensatz zum Frühkapitalismus dürfte allerdings die Mittelschicht nicht von heute auf morgen verschwinden.

Binnen zehn Jahren ist in den USA die Zahl der Millionäre von 180.000 auf 638.000 gestiegen. Heute beträgt sie eine Million. Die Allerreichsten sind Mellon und Du Pont mit je drei bis fünf Milliarden Dollar, Hunt mit zwei bis drei Milliarden Dollar und Getty mit ein bis zwei Milliarden Dollar. Zu den fünf Spitzenmilliardären Frankreichs gehören drei Frauen: die Erbin des Kosmetik-Imperiums L'Oreal, die Chefin des Ölexplorations­konzern Schlumberger und die Mehrheitsaktionärin des Ökonzerns Shell France. Als die reichsten Deutschen gelten Krupp und Flick, letzterer mit einem Vermögen von vier Milliarden DM. 

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Was die Einkommen anlangt, haben 1985  146 amerikanische Manager ein Gehalt von einer Million Dollar oder mehr bezogen. An der Spitze standen der Chef der Holdinggesellschaft DWG Corp. mit 12,7 Millionen und der Chrysler-Chef mit 11,4 Millionen Dollar. In der Bundesrepublik verdienten 1983 die Vorstandsmitglieder der Bayerischen Motorenwerke rund 1,3 Millionen DM jährlich, d. h. 34,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Aber auch der Bundeskanzler kommt immerhin auf über 300.000 DM jährlich. Nicht viel niedriger sind die Bezüge der Ministerpräsidenten der meisten Länder und der Bundesminister. Die 250.000 Haushalte an der Spitze der Einkommenspyramide in der Bundesrepublik werden auf rund 360.000 DM jährlich geschätzt.

Nach der Berechnung amerikanischer Computer werden wir im Jahr 2000 von 175 amerikanischen und 125 europäischen und japanischen Großfirmen beherrscht werden. »Der Spiegel« berichtet über das größte Unternehmen der Welt, Exxon, wie folgt:

»Exxons Größe, Kraft und Herrlichkeit übertrifft alles, was Geschäftsleute bisher an Machtentfaltung zustande gebracht haben. Exxon mit seinen acht Kurfürsten ist ein Gemeinwesen von 177.000 Bediensteten, von denen 98 Prozent die Staatsangehörigkeit des Landes besitzen, in dem sie arbeiten. Von Exxons Familien würde eine Großstadt wie Bremen direkt und ein Land wie Dänemark indirekt leben. Exxon ist eine Veranstaltung von 110 Milliarden Dollar Umsatz, fast das Bruttosozialprodukt eines Landes wie Belgien, von 5,7 Milliarden Dollar Gewinn, dem Umsatzvolumen des Mannesmann-Konzerns... Die bei Exxon gestapelten Vermögenswerte sind nicht mehr in Zahlen auszudrücken. Mit dem konzentrierten Wissen einer Weltzentrale begabt, ist Exxon zudem imstande, 100 Regierungen seinen Willen aufzuzwingen, indem die Firma sich elastisch der Chancen von Legalität, Regierungsnähe und gesellschaftlicher Kooperation bedient.«

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Die Nettogewinne der 50 größten Industrieunternehmen der Welt stiegen 1983 um ein Fünftel. Die Profite der 23 aufgelisteten US-Konzerne nehmen zusammen­gerechnet sogar um 30 Prozent zu. Von den führenden deutschen Unternehmen rangierten Siemens als 29., VW als 31., Bayer als 36., Hoechst als 37. und BASF als 43. auf der Liste der größten fünfzig.

Gleichzeitig hungern in den USA an die 20 Millionen Bürger, 35,3 Millionen fristen ihr Dasein unter der Armutsgrenze. Seit Reagan Präsident wurde, sei die Zahl der Armen ständig gestiegen, allein im Jahr 1983 um 868.000. Heute leben im Schatten des Weißen Hauses in Washington D.C. 36.000, d.h. 33 Prozent aller schwarzen Kinder in Armut und haben in den nächsten zehn Jahren keine Aussicht auf Besserung.

1982 wurde festgestellt, daß in der Europäischen Gemeinschaft jeder neunte Einwohner unterhalb der Armutsgrenze lebt: acht Millionen in Spanien, je zehn Millionen in Italien und Großbritannien, und sogar in der Bundesrepublik Deutschland spricht man von einer »neuen Armut«. Heiner Geißler zufolge lagen schon 1974 rund zwei Millionen Haushalte mit 5,8 Millionen Menschen unter den Bedarfssätzen der Sozialhilfe. 1986 lebten 15 Prozent aller Bundesbürger an der Grenze zur Armut, beklagt der Caritas-Verband der Diözese Limburg. Die Zahl der Obdachlosen wird auf rund 200.000 geschätzt, genaue Angaben sind nicht zu bekommen — über die Existenz von 1,3 Millionen Rassehunden sind wir hingegen genauestens informiert.

 

Die Struktur des Spätkapitalismus erinnert an eine Art von Zweidrittelgesellschaft oder besser Dreiklassen­gesellschaft. An der Spitze steht eine immer reicher werdende Minderheit. In der Mitte hält sich der sogenannte Mittelstand, zu dem man heute auch die besser verdienenden Arbeiter rechnen kann. Diese beiden Gruppen zusammengenommen mögen in den entwickelten kapital­istischen Ländern etwa zwei Drittel der Bevölkerung ausmachen. Das letzte Drittel bilden die Arbeitslosen, Rentner und sonstigen Außenseiter, die aus dem Produktionsprozeß ausgeschieden sind und nicht nur objektiv, sondern auch nach ihrem Selbst­verständnis »marginalisiert« sind. Sie fristen ihr Leben als Randexistenzen und verelenden nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Sie gehen der für unsere Gesellschaft unerläßlichen Statussymbole — Besitz, Einkommen und Arbeitsplatz — verlustig.

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Da viele von ihnen die Hoffnung auf Reformen oder gar eine Revolution verloren haben, laufen sie Gefahr, im wörtlichen Sinne »asozial« zu werden. Voraussichtlich wird sich dieser Zustand unter den gegebenen Umständen nicht nur nicht verbessern, sondern eher noch verschlechtern.

Für die heutige katastrophale Situation auf dem Arbeitsmarkt ist allerdings nicht die kapitalistische Produktions­weise allein verantwortlich. Sie ging und geht Hand in Hand mit einem sich stetig beschleunigenden wissenschaftlich-technischen »Fortschritt«, der eine vom System fast unabhängige Eigendynamik entwickelt hat. Wir sprechen daher ganz allgemein von einer wissenschaftlich-technischen Revolution oder auch von einer ersten, zweiten und dritten industriellen Revolution.

Die erste industrielle Revolution vollzog sich in der frühkapitalistischen Epoche im 18. und 19. Jahr­hundert mit der Einführung der Maschine in den Produktions­prozeß. Für die zweite ist die Elektrifizierung, die Entwicklung der chemischen Industrie und die Revolutionierung des Transportwesens durch Auto- und Flugverkehr im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert typisch.

Seit dem Zweiten Weltkrieg dringt die Automatisierung in alle Wirtschaftszweige ein. Immer mehr arbeitssparende Maschinen werden in die Landwirtschaft und in die Industrie, aber auch in die Betriebsleitung und die Verwaltung eingeführt. In menschen­leeren Hallen werden auf elektronisch gesteuerten Taktstraßen Radioapparate, Kühlschränke oder Motorenblocks für Automobile in automatisierten Arbeitsgängen gefertigt. Wo früher Hunderte von Arbeitern notwendig waren, finden wir dann nur einige wenige Aufseher und Monteure für das Auswechseln schadhafter Teile.

Aber auch die Lohnabrechnungen für Arbeiter und Angestellte werden von Rechenanlagen oder Computern erledigt, die den Buchhalter überflüssig machen. Selbst im Bereich der Dienstleistungen werden immer mehr Arbeitskräfte durch Roboter und vor allem Computer verdrängt.

Im Laufe dieser Entwicklung hat sich die wirtschaftliche Tätigkeit immer mehr vom primären Agrarsektor und dem sekundären Industriesektor in den tertiären Sektor der Dienstleistungen verlagert.

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Selbst wenn sich dieser noch ausweiten sollte, dürfte eine solche Entwicklung die wachsende Arbeits­losigkeit kaum auffangen. Nur solche Dienstleistungen nehmen nämlich heute zu, für die eine individuelle Nachfrage seitens der kaufkräftigen und beschäftigten Zweidrittel der Gesellschaft besteht. Es wächst die Zahl der Steuerberater, der für das Kapital tätigen Anwälte, der Hotels und Reisebüros, vielleicht auch der Chauffeure, Haushälterinnen und Kindermädchen.

Während, wie schon erwähnt, zur Zeit des Hoch- und Sozialkapitalismus soziale Dienstleistungen auch für die breiteren Massen bereitgestellt und erweitert worden waren, werden Arbeitsplätze im Sozialbereich heute drastisch eingespart. Zum Schutz der bestehenden Besitz- und Machtverteilung schafft der Staat in dem Maße, wie er sich von der Demokratie weg und zum Polizei- und Militärstaat hin entwickelt, Arbeitsplätze bei der Polizei, bei den Gerichten und Gefängnissen und nicht zuletzt beim Militär.

Trotz dieses beunruhigenden Ausbaus des »Ordnungsapparates« läßt sich denken, daß das gegenwärtige Zweidrittelsystem mit einer stets wachsenden Arbeitslosigkeit noch eine Zeitlang so weiterbestehen kann. Es läßt sich aber auch nicht ganz ausschließen, daß die Repression wächst und in einen totalen Überwachungsstaat mündet. Während jedoch früher totalitäre Regime genug Möglichkeiten hatten, einen erheblichen Teil der Bevölkerung als Zwangsarbeiter zu beschäftigen, dürfte diese Art der »Arbeitsbeschaffung« im Zeitalter der Roboter nicht mehr so einfach sein. Man kann sich nur schwer vorstellen, daß die Mehrheit der Bevölkerung als Soldaten, Polizisten oder Gefangene ihr Leben fristet. 

Denkbar wäre hingegen eine öko­kapitalistische Wirtschaftsform, bei der die Reparatur der ökologischen Schäden neue Arbeitsplätze schaffen könnte. Allerdings dürfte ein solcher Versuch wenig Erfolgsaussichten haben, da ökologische Schäden, wie bereits beschrieben, nur langfristig behoben werden können und ökologische Reparaturen sich kaum vermarkten lassen. Wie sollte man für einen sauberen Rhein einen zahlungskräftigen Abnehmer finden?

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Es wäre möglich, die Verursacher nach dem sogenannten Verursacherprinzip zu besteuern. Eine solche Besteuerung würde jedoch die Gewinne verringern und daher auf erheblichen Widerstand der kapitalkräftigen Gruppen stoßen.

Nun behaupten die Anhänger des realen Sozialismus, ihr System hätte die größten Probleme der Megakrise unserer Zeit im Prinzip bereits gelöst. Davon kann jedoch keine Rede sein. Zugegeben, gewisse Mängel des kapitalistischen Wirtschaftssystems sind im Realsozialismus verschwunden. Es gibt kaum Arbeitslosigkeit oder Massenarmut, und der privatkapitalistische Profit entscheidet nicht über Investitionen. Die wirtschaftliche Ungleichheit mag geringer sein, dafür dürfte die Gesamtbevölkerung schlechter versorgt sein als die Zweidrittelbevölkerung im Westen, was sicherlich auch eine Folge bürokratischer Überplanung ist.

Jedenfalls sind dort wie hier die Machthaber vom Wachstumswahn besessen. Auch im Realsozialismus identifizieren sie menschlichen Fortschritt mit wissenschaftlich-technischen Errungenschaften und verwechseln Quantität mit Qualität. In beiden Systemen vergrößern sich die Wirtschaftseinheiten, hier die Konzerne und dort die staatlichen Unternehmen. Beide Systeme leben auf Kosten der Umwelt. Ihr Rüstungswettlauf beschleunigt in ganz besonderem Maße die Zerstörung der Natur. Trotz aller gegenteiligen Beteuerungen tragen auch die Länder des realen Sozialismus nicht entscheidend zur Sanierung der Dritten Welt bei, deren Verelendung ihrer Meinung nach nur die Folge imperialistischer Ausbeutung seitens der Ersten Welt sei.

Eine Bewältigung der ökonomisch-ökologischen Krise scheint also im Rahmen der bestehenden Systeme kaum möglich zu sein. Die von diesen Systemen verursachten Schäden nachträglich zu reparieren, reicht nicht aus. Es gilt darüber hinaus zu verhindern, daß sie in der Zukunft von neuem entstehen. Die im Westen um sich greifende Arbeitslosigkeit sollte natürlich beseitigt und zugleich sollten Bedingungen geschaffen werden, die jedem Menschen eine sinnvolle Beschäftigung gewährleisten.

Es müßte also ein Wirtschaftssystem so strukturiert sein, daß es diesen Aufgaben gewachsen ist und gleichzeitig Umweltschäden und Ausbeutung der Dritten Welt nach menschlicher Voraussicht nicht mehr zuläßt. All das zusammen­genommen bedeutet nichts weniger als einen qualitativen Sprung beider Systeme in eine neue Wirtschafts- und Gesellschafts­ordnung, die man als ökosozialistisch oder ökohumanistisch bezeichnen könnte.

In einer solchen neuen Wirtschaftsordnung müßte die Arbeitszeit bei egalitärer Einkommenspolitik systematisch verkürzt werden. Vollbeschäftigung ließe sich bei vermindertem oder selektivem Wachstum und einer ökologischen Kreislaufwirtschaft erzielen, die der Umwelt­verträglichkeit dient und nach den Grundsätzen der Erhaltung bzw. der Wiederverwertung der Ressourcen, der Dezentralisierung und der gebrauchswertorientierten Produktion wirtschaftet. Die Kontrolle wirtschaftlicher Macht einschließlich der Vergesellschaftung der großen Konzerne müßte Hand in Hand gehen mit einer gleichberechtigten Mitbestimmung der Arbeitenden, der Konsumenten und der Vertreter der Allgemeinheit auf allen Ebenen.

Diese Form der Selbstverwaltung müßte durch Investitionslenkung und demokratische Rahmenplanung ergänzt werden. Auch müßten industrielle Ballungszentren aufgelöst werden. In den Großbetrieben dürfte erheblich weniger Lohnarbeit geleistet werden; dafür könnten die Menschen einen größeren Teil der reichlich vorhandenen Freizeit in einem genossenschaftlich betriebenen Alternativbereich zubringen. Es wäre vorstellbar, daß sich in Ost und West eine Dualwirtschaft entwickelt, die ermöglicht, daß mehr Produkte in kleinen Eigenbetrieben hergestellt und Werkstätten sogar in private Wohnhäuser verlegt würden. Dadurch könnte auch der psychisch belastenden extremen Arbeitsteilung entgegengewirkt werden.

Allerdings läßt sich ein ökosozialistisches oder ökohumanistisches System nicht nur durch wirtschaftliche System­veränderungen erreichen. Ein grundlegender Wandel in der Politik, Gesellschaft und Kultur muß hinzukommen. Schließlich muß sich der Produzent und Konsument von einem egoistischen »homo oeconomicus« zu einem dem Gemeinwohl verpflichteten »zoon politikon« entwickeln.

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