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2.7. Krise der Familie und Identitätsverlust des Individuums

 

 

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Die früheste Umgebung des Menschen ist die Familie: Sie ist die soziale Gruppe, der er als hilfloses Kind angehört und in der er aufwächst, sie sichert sein Überleben. In allen Gesellschaften regelt sie die Fortpflanzung und sorgt für die Erhaltung der Art. Dennoch ist auch sie entgegen der Auffassung vieler Konservativer einem historischen Funktionswandel unterworfen, der in jedem Stadium seine positiven und seine negativen Seiten hat.

Im vorindustriellen Zeitalter lebten mehrere Generationen als Großfamilie zusammen. Ihr Wohnort, den sie so gut wie nie wechselten, war gleichzeitig ihr Arbeitsplatz. Ihr vererbter Status änderte sich kaum. Die Großfamilie war patriarchalisch strukturiert, d.h. Frauen und Kinder waren dem Eheherrn und Vater faktisch und juristisch untergeordnet; dennoch spielten sie eine lebenswichtige Rolle in Familie und Gesellschaft. Während der Mann die Ernte einbrachte, buk die Frau und Mutter das Brot und drehte »um die schnurrende Spindel den Faden«, wie es in Schillers <Glocke> heißt. 

Die jüngere Generation sorgte für die Alten, Kinderreichtum war für die Eltern eine Art Versicherung für ihre Zukunft. Da der Durchschnittsmensch seine ganze Energie brauchte, um sein täglich Brot zu erwerben, war die Familie auf engste Zusammenarbeit aller angewiesen. Es blieb ihr daher wenig Zeit und Kraft für die Pflege emotionaler Liebesbeziehungen, die heute immer wieder verherrlicht werden. Frauen und Kinder waren wohl in der Familiengemeinschaft geborgen, aber auch gefordert und in den Arbeitsprozeß mit eingespannt.

Mit der Verdrängung der vorindustriellen Agrargesellschaft durch die neue bürgerliche Industriegesellschaft wurde in den gehobenen bürgerlichen Schichten der Mann zum Alleinverdiener. Sein Arbeitsplatz war nun nicht mehr im Haus, und nur er vertrat die Familie gegenüber der Öffentlichkeit. Die Frau verlor ihre eigenständige Rolle; sie buk kein Brot mehr und spann und webte nicht mehr.

Als »Frau Professor« oder »Frau Stationsvorsteher« lebte sie im Schatten ihres Mannes und war voll und ganz zur »Hausfrau« geworden. Selbst die Kinder­erziehung wurde ihr oft von Kindermädchen und Schule abgenommen. Hatte sie zudem noch eine Haushälterin, so blieb ihr nur die Repräsentation und möglicherweise eine kulturelle Betätigung am Klavier oder vor der Staffelei. Ihre neugewonnene Freiheit verbrachte sie in ihren vier Wänden.

Diese altmodische Form der bürgerlichen Ehe setzte eine Geld- oder gar Liebesheirat voraus, wobei die Mitgift und das Erbrecht der Kinder stets eine wichtige Rolle spielten. Diese Ehe war unauflösbar, was zum Teil eine Folge der biologischen Schwäche der Frau und ihrer wirtschaftlichen Abhängigkeit vom »Ernährer« war. Oft war diese Ehe vom Ehebruch des Mannes überschattet und von Prostitution begleitet. Solange die kapitalistische Wirtschaft und damit auch die bürgerliche Gesellschaft prosperierten und ihre Wertvorstellungen und Verhaltensmuster auch von den Mittel- und Unterschichten akzeptiert wurden, diente die bürger­liche Ehe und Familie als Vorbild für alle.

Mit den wissenschaftlich-technischen Veränderungen, die ja auch den gesamten Lebensrhythmus bestimmen, verliert in unseren Tagen das Heim, das Zuhause immer mehr an Bedeutung. Nicht nur die Arbeitszeit, auch die Freizeit wird außerhalb der Wohnstätte verbracht, die mehr und mehr zur reinen Schlafstätte herabsinkt. Selbst die Mahlzeiten werden oft in Kantinen am Arbeitsplatz eingenommen. Ißt man noch zu Hause, so oft aus der Kühltruhe, so daß die Frau des Hauses immer weniger Hausfrau sein muß. Maschinen und Apparate übernehmen für sie die Hausarbeit. Damit ist ihr Weg zur Emanzipation geebnet. Ihr Einstieg in einen Beruf wurde ihr auch durch die lange Konjunkturphase nach dem Zweiten Weltkrieg erleichtert. Viele neue Arbeitsplätze entstanden, die die Frau trotz ihrer biologischen Schwäche ausfüllen kann. Schließlich verschaffte ihr die Erfindung der »Pille« größere sexuelle Unabhängigkeit, da durch sie die Kinderzahl kontrollierbar wurde. 

So verwandelte sich die Großfamilie in eine sich demokratisierende Klein- und Kleinstfamilie.

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Juristisch sind Mann und Frau heute gleichgestellt. Die Frau genießt alle bürgerlichen und politischen Rechte einschließlich des aktiven und passiven Wahlrechts. Beide Ehepartner sind nicht nur frei, eine Ehe einzugehen, sie haben auch die Freiheit, sie relativ leicht aufzulösen. Selbst die Kinder unterliegen nicht mehr einfach der Gewalt der Eltern. Zumindest theoretisch tritt an die Stelle der altmodischen Züchtigung die moderne psychologische Führung, die auf Zuneigung und Zuwendung beruht. Junge Leute machen sich heute früher selbständig. Das Mündigkeitsalter der Kinder ist von 21 Jahren auf 18 Jahre herabgesetzt worden.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß sich auch die älteste und konservativste Gemeinschaft, die Familie, den demokratischen Idealen von Freiheit und Gleichheit genähert hat.

 

Eine Gemeinschaft kann jedoch nur von Dauer sein, wenn Freiheit und Gleichheit mit Brüderlichkeit und Solidarität einhergehen. Das gilt besonders für eine so kleine und eng verbundene Gruppe wie die moderne Familie. Da sie ihre ursprünglichen Funktionen weitgehend verloren hat, bleibt ihr nur noch die emotional-geistige Bindung zwischen den Eheleuten und die liebevolle Erziehung der Kinder als Aufgabe erhalten. Solche intensiven Beziehungen kosten Zeit und Kraft und setzen eine einigermaßen humane Umwelt voraus. Unsere heutige krisengeschüttelte Gesellschaft bietet jedoch keine besonders günstige Umgebung für die Entfaltung von Liebe, Fürsorge und Verantwortung; sie fördert viel eher den Egoismus des einzelnen, der sich im Konkurrenz­kampf durchsetzen muß. Das immer raschere Arbeitstempo ermüdet so sehr, daß sich Ehepartner zu Hause oft nur noch vor dem Bildschirm entspannen. Die allgemeine Unsicherheit und die Arbeitslosigkeit schaffen Frustrationen, die sich auch in der modernen Familie oft in Aggressionen der Eltern gegen die Kinder, aber auch des Ehemannes gegen die Ehefrau entladen.

Diese negative Entwicklung läßt sich leicht anhand einiger Zahlen demonstrieren: 1960 kamen in der Bundesrepublik auf 10.000 Eheschließungen je fünf Ehescheidungen; 1983 waren es schon zwölf; d.h., die Zahlt hat sich mehr als verdoppelt. 1985 kamen in der Bundesrepublik 2,1, in der DDR sogar 3,1 Ehescheidungen auf je 1000 Einwohner.

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Nach einer Information des Deutschen Kinderschutzbundes von 1985 sind in der Bundesrepublik die Eltern von nahezu 600.000 Kindern geschieden, und 250.000 Kinder leben mit Eltern zusammen, die dabei sind, sich zu trennen. 40.000 Kinder werden als vermißt gemeldet, weil sie ihr Elternhaus verlassen haben. 250.000 Kinder leben in Obdachlosensiedlungen, und etwa 1,4 Millionen Kinder haben Eltern, die arbeitslos sind. Eine ebenso große Zahl wird von nur einem Elternteil erzogen.

Nach Informationen der Aktion »Das sichere Haus« werden in der Bundesrepublik jährlich etwa 30.000 Kinder zu Hause mißhandelt. Bis zu 1000 Kinder jährlich werden von ihren Eltern totgeprügelt. Die Dunkelziffer der Kindesmißhandlungen wird auf 400.000 geschätzt. Erschreckend hoch ist auch die Zahl der sexuell mißbrauchten Kinder. Bekannt wurden 1984  10.589 Fälle. Nach Schätzungen einer Berliner Rechtsanwältin liegt die Zahl sogar bei etwa 280.000 Mädchen und rund 20.000 Jungen, die von den Vätern oder männlichen Verwandten mißbraucht werden. Andere Experten sprechen sogar von 500.000 Fällen pro Jahr.

Trotz der beachtlichen Verbesserung der Rechtsstellung der Frau in den letzten Jahrzehnten sind Mißhandlungen und Verge­waltigungen der Ehefrauen noch keineswegs verschwunden. In der Bundesrepublik werden schätzungs­weise vier Millionen Frauen in allen Gesellschafts­schichten von ihren Männern mißhandelt und mißbraucht.

Diese Zahlen belegen, daß die Primärgruppe Familie, die sich wohl in gewissem Umfang demokratisieren und von alten Fesseln befreien konnte, von dem Ideal einer »heiligen Familie« noch weit entfernt ist. Ebenso wie andere Teile der Gesellschaft ist sie von der Megakrise unserer Zeit betroffen. Freilich kann sie sich nicht dadurch regenerieren, daß sie zu alten patriarchalisch-autoritären Strukturen zurückkehrt, wie es konservative Ideologen fordern. Sie muß ihre demokratischen Verhaltens­weisen weiterentwickeln, was möglich ist, wenn sowohl der Ehemann als auch die Ehefrau durch Arbeitszeit­verkürzung und Teilzeitarbeit von übermäßiger beruflicher Beanspruchung so entlastet werden, daß sie eine reifere Persönlichkeit entwickeln und ihre familiären Beziehungen intensivieren können.

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Da die alte Großfamilie überlebt ist, müssen die Nachteile der Kleinfamilie durch neue Formen des Zusammenlebens wettgemacht werden. Wohngemein­schaften oder genossenschaftliche Nachbarschafts­einrichtungen nach dem Vorbild der frühen israelischen Kibbuzim könnten richtungweisend sein.

 

In engstem Zusammenhang mit der Krise der Familie ist die Herausforderung des einzelnen Menschen zu sehen, denn in seinem individuellen Leben und Leiden spiegeln sich die Zustände und Mißstände seiner sozialen Umgebung wider; andererseits wirkt er mit Leib und Seele auf die Gesellschaft und Kultur, in der er lebt, zurück. Viel hängt davon ab, ob er seine Umgebung passiv erduldet oder ob er aktiv in das Geschehen eingreift. 

Die Psychologie beschäftigt sich mit der Charakterstruktur des modernen Menschen und entwickelt unterschiedliche, sich oft widersprechende Theorien über sein sogenanntes normales und abnormes Empfinden und Verhalten. Wir stützen uns hier auf Erkenntnisse, über die es unter Psychologen eine gewisse Übereinstimmung gibt, und beschränken uns auf die Problematik des Menschen von heute in der krisengeschüttelten Industrie­gesellschaft.

Gibt es in dieser kranken Gesellschaft nur anormale und kranke Menschen? Wahrscheinlich nicht, aber selbst wenn dem so wäre, ist der Begriff der psychischen Krankheit vieldeutig. Er reicht von depressiver Verstimmung bis zum Wahnsinn, wie der Laie sich ausdrückt, oder, fachlich gesprochen, von leichter Neurose bis zu paranoider Schizophrenie. Psychische Störungen können zudem heilbar oder unheilbar sein.

Vielleicht kann man über die Position und Funktion seelischer Erkrankung mehr erfahren, wenn man die Lebensstationen eines seelisch Kranken etwas genauer verfolgt. Besonders wichtig ist die frühe Kindheit und die Erziehung. Sind die Eltern, Lehrer oder sonstigen Erzieher autoritäre Persönlichkeiten, so werden sie das Kind zur Idealisierung der Autorität und zur Unter­drückung eigener kreativer Regungen anhalten.

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Im allgemeinen kann sich das Kind gegen Maßregelung, Mißhandlung und Unterdrückung nicht wehren; es verdrängt daher seine Auflehnung und identifiziert sich mit der unterdrückenden Autorität. Die Repression seitens der Erzieher wird als Liebe ausgegeben, die angeblich dem Wohl des Kindes dient. Ein solches Kind wird liebesunfähig und entwickelt seinerseits autoritäre Züge und im Extremfall einen sadistisch-masochistischen Charakter. An die Stelle von Geborgenheit tritt bei ihm die Angst vor dem Stärkeren, den Eltern, Lehrern, Vorgesetzten, Offizieren oder anderen Machthabern. Diese Angst setzt sich später unter Umständen in Aggressivität und Herrschsucht über Schwächere um.

Ein solcher Mensch paßt sich in der Regel an die vorgegebene Machtstruktur an. Er wird zum Radfahrer­typ, der sich nach oben bückt und nach unten tritt. Ein extremes Beispiel wäre Adolf Hitler, der als Kind von seinem Vater täglich geprügelt wurde. Er übernahm die Macht in einem Land, dessen »Landeskinder« seit eh und je Objekte einer autoritären Pädagogik und daher bereit waren, auch die unmenschlichsten Anordnungen pflichtgetreu zu befolgen. 

Obwohl der italienische Faschismus und der deutsche Nationalsozialismus als totalitäre und faschistische Systeme gleichgesetzt werden, gebärdeten sich die Italiener unter Mussolini nie so destruktiv und nihilistisch wie die Deutschen unter Hitler. Während in Deutschland Auschwitz und die »Endlösung der Judenfrage« auf unglaublich wenig Widerstand stießen, hat selbst ein Mussolini nie an solche Schreckenstaten gedacht. Für diese erstaunliche Variationsbreite ein und desselben Systems gibt es natürlich verschiedene Ursachen. Sicherlich hat die sprichwörtliche Kinderfreundlichkeit der Italiener und die Fortexistenz der Großfamilie in der z.T. noch vorindustriellen Gesellschaft eine wichtige Rolle gespielt.

Der von der autoritären Pädagogik geprägte Menschentyp ist auch heute, 40 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus, in der älteren Generation nicht ausgestorben, wenn er auch in unseren Tagen etwas in den Hintergrund tritt. Auch heute sind Wirtschaft und Politik noch stark autoritär strukturiert. Polizei, Armee und Gefängnisse benötigen immer noch autoritäre Persön­lichkeiten und stehen neuen demokratischen Erziehungsformen im Wege.

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Für die moderne Kleinfamilie ist autoritäre Erziehung sicherlich nicht mehr so typisch wie früher. Oft überlassen berufstätige Eltern ihre Kinder sogar ganz sich selbst. Das »Schlüssel­kind« wächst zum beziehungslosen, vereinsamenden, entfremdeten Erwachsenen heran, der auch in seinem Berufsleben immer weniger Kontakt­möglichkeiten hat. Der entfremdete Mensch wird nicht nur zur Ware auf dem »Arbeits­markt«, sondern auch zum Opfer seiner eigenen Arbeit. Er arbeitet nicht mehr, um zu leben, er lebt, um zu arbeiten. Am Fließband fühlt sich der Arbeiter nur noch als Rädchen in einer großen Maschine. In dem Maße, wie sich die Fabrikhallen von Menschen leeren und sich mit Robotern und Computern füllen, werden die wenigen übriggebliebenen Arbeiter selber zu Robotern. Wenn auch in den Büros die Angestellten verschwinden, um dann in ihren Wohnsilos wieder »Heimarbeit« zu verrichten, geht nicht nur der Kontakt zu Arbeitskollegen, sondern auch zu Vorgesetzten verloren.

 

Auch in der Freizeit fällt es dem entfremdeten Menschen immer schwerer, zwischenmenschliche Beziehungen zu seinen Mitmenschen herzustellen und zu pflegen. Unzureichender Wohnraum und Isolierung im Wohnsilo führen zu Kontaktlosigkeit selbst in der Nachbarschaft. Hinzu kommt der erbarmungslose Konkurrenzkampf, der das isolierte Individuum auch seinen Arbeits­platz kosten kann, sofern es noch einen hat. Da der Mensch von heute nicht mehr glaubt, wirklich schöpferisch tätig zu sein, geht ihm seine Identität und sein Selbstbewußtsein immer mehr verlorenen. Sein Selbstgefühl hängt um so mehr von Statussymbolen wie etwa beruflicher Anerkennung, Einkommen, Vermögen, Titeln und Orden, aber auch seiner Freizeitgestaltung ab. 

Aus Sucht nach Ersatzbefriedigung stürzt er sich in sinnlosen Konsum. Immer häufiger wechselnde Moden, für die eine fast kindische Reklame wirbt, zwingen ihn zu Verschleiß und lassen ihn nicht zur Ruhe kommen. Angst beherrscht sein Wachen und Träumen. In dem Maße, wie immer rascher die wissenschaftlich-technische Revolution das tägliche Leben verändert, wird die Gegenwart, die unsere Lebensform bestimmt, immer kürzer, dringt die Zukunft immer stärker auf sie ein. Zugleich scheint sie vielen immer weniger zu bieten. Zukunftsangst verdrängt die den Menschen tragende Zukunftshoffnung. Nicht zu Unrecht spricht der amerikanische Zukunftsforscher Alvin Toffler vom »Zukunftsschock«.

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Auf dem Höhepunkt seiner Fortschrittsgläubigkeit hatte der Mensch gehofft, den Tod, wenn nicht zu besiegen, so doch immer weiter hinauszuschieben. Heute bemächtigt sich der Menschen eine verstärkte Existenz- und Todesangst. Auf ein sinnentleertes Leben wirft der Tod wieder düstere Schatten. Der Kriegsmaschine des Staates und der wachsenden Umweltzerstörung, aber auch sprunghaft anwachsenden Erkrankungen (wie Krebs) fühlt sich das Individuum machtlos ausgeliefert. Es lebt nicht nur im Schatten der Atombombe, sondern auch in der Furcht vor dem sogenannten GAU, dessen Folgen seit Tschernobyl täglich spürbarer werden. 

 

Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit droht nicht nur der Tod des Individuums, sondern die Auslöschung der Gattung Mensch. Nun kann sich der einzelne nicht mehr damit trösten, daß er in seinen Kindern und Kindeskindern weiterleben wird und daß sein Beitrag zur Kultur und Geschichte der Menschheit erhalten bleibt. In unserem säkularistischen Jahrhundert scheinen auch überkommene Religionen oder Ideologien nicht mehr in der Lage zu sein, als Seelen­tröster das Vakuum zu füllen.

 

In der Bundesrepublik glauben nach einer Meinungsumfrage der Shell-AG 39 Prozent der Befragten zwischen 15 und 25 Jahren, daß die Welt durch einen Atomkrieg untergehen werde, 73 Prozent (bei den Erwachsenen sind es 55 Prozent) meinen, Technik und Chemie würden die Umwelt zerstören. Nach einer anderen Befragung erklären mehr als 70 Prozent der Jugendlichen zwischen acht und achtzehn Jahren, ihre größte Angst sei der Krieg. Ein Drittel erlebt diese Angst auch in seinen Träumen. Je jünger die Kinder sind, desto stärker ist ihre Angst. Die Eltern vermeiden es, mit ihren Kindern über die nukleare Bedrohung zu reden, wohl als Folge ihrer eigenen Angst. Nach einer Studie, die im »Kursbuch 72« erschienen ist, halten sich zwei Drittel der befragten Kinder im Alter von vier bis zehn Jahren für unglücklicher als die Erwachsenen; sie beneiden die Großen um ihr Recht, zu bestimmen und zu verfügen.

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Nach Untersuchungen des <Leipziger Zentralinstituts für Jugendforschung> bewerten 75 Prozent der 16- bis 25jährigen Jugendlichen ihre persönliche Zukunft positiv, die gesellschaftliche Zukunft bewerten dagegen nur 50 Prozent positiv. 

 

Wie reagiert nun der einzelne auf diese ihn bedrängenden Heraus­forderungen? 

Wer zum Pessimismus neigt, läßt sich von den düsteren Zukunfts­visionen, von denen er Tag und nacht nicht loskommt, überwältigen. Er verfällt in Depressionen, flieht in die Krankheit oder macht sogar seinem Leben ein vorzeitiges Ende. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden weltweit etwa 200 Millionen Menschen an Depressionen; in der Bundesrepublik sind es mehr als zwei Millionen Frauen und eine Million Männer. Einem Bericht des Caritas-Verbandes von 1985 zufolge ist jeder dritte Bürger der Bundesrepublik seelisch krank; knapp zwei Prozent der Bevölkerung benötigen psychiatrische Behandlung, einen Nervenarzt konsultierten 600.000, von denen ein Drittel in psychiatrischen Kliniken landet; eine halbe Million Menschen sollen medikamentenabhängig sein. 

Nach Auskunft der <Deutschen Gesellschaft für Selbstmord­verhütung> wählen in der Bundesrepublik an die 14.000 Menschen jährlich den Freitod. Mehr als 200.000 machen Selbstmordversuche. Alarmierend angestiegen sei die Selbstmordrate von jungen Menschen zwischen 15 und 20 Jahren. Für sie ist das Modewort no future bitterer Ernst. Bisher ist nicht geklärt, wieso Ungarn mit 0,46 auf Tausend und Finnland mit 0,25 auf Tausend die höchsten Selbstmordraten haben, während Griechenland mit 0,03 auf Tausend die niedrigste hat. 

Viel größer ist jedoch der Anteil der Bevölkerung, der dem Ernst der Lage auszuweichen und im Taumel des Genusses oder in der Hektik der Arbeit die bedrohliche Zukunft zu verdrängen sucht. Alkohol, Tabak und Drogen müssen helfen, die Angst zu besiegen. Auch dazu liefert die WHO aufschlußreiche Daten: 

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Es gäbe auf der Welt 48 Millionen Rauschgiftsüchtige, und ihre Zahl steige laufend an. Immer mehr jüngere Menschen seien betroffen. In der EG greifen 1,5 Millionen regelmäßig zu der harten Droge Heroin, darunter meist Jugendliche im Alter zwischen 17 und 25 Jahren. In Westeuropa sind 1983 rund 1500 Drogentote registriert worden. 50.000 bis 60.000 Heroin-Abhängige und 100.000 Haschisch-Konsumenten soll es in der Bundesrepublik geben. Die Zahl der Drogentoten sei hier allerdings von 623 im Jahre 1977 auf 361 im Jahr 1984 zurückgegangen. Weltweit wird am Drogenhandel etwa 100 Milliarden Dollar verdient. Nach einem Bericht des UN-Rates zur Suchtkontrolle hat die Drogenkriminalität ein solches Ausmaß angenommen, daß ganze Volkswirtschaften »gestört, rechtliche Institutionen gefährdet und selbst die grundlegende Sicherheit einiger Länder bedroht« seien.

Die internationale Arbeitsorganisation (ILO) stellt fest, daß der Alkoholkonsum zwischen 1960 und 1980 weltweit erheblich zugenommen habe, und zwar der Bierkonsum um 124 Prozent, der Verbrauch von Spirituosen um 50 Prozent und der von Wein um 20 Prozent.

Während früher der Alkoholismus als proletarisches Laster galt, sprechen heute auch Angestellte und sogenannte Führungskräfte im Betrieb fleißig dem Alkohol zu. Fünf Prozent der Mitarbeiter seien alkoholkrank. 15 Prozent der Jugendlichen unter 24 Jahren gehören zu den »Vieltrinkern«. 75 Prozent der weit über 100.000 Nichtseßhaften leiden angeblich unter dem Alkoholismus. Nach dem Drogenbericht der Bundesregierung von 1986 ist die Zahl der Alkohol­abhängigen in der Bundesrepublik in den letzten zehn Jahren um 500.000 auf 1,5 bis zwei Millionen angestiegen. Schreckenerregend ist eine Meldung aus den Vereinigten Staaten, wonach 500.000 Schüler zwischen zehn und 13 Jahren sich einmal wöchentlich betrinken und eine gleich große Anzahl zugibt, Kokain zu schnupfen.

Wiederum aus den USA erfahren wir, daß sich dort die gesundheits­schädlichen Auswirkungen des Rauchens jährlich auf 65 Milliarden Dollar belaufen. Eine Packung gerauchter Zigaretten verursache durch Arztrechnungen, vorzeitige Todesfälle und Arbeitsausfall zusätzliche Kosten von 2,17 Dollar. In der Bundesrepublik fordert die Volksdroge Tabak jährlich 140.000 Menschenleben, in Europa 500.000. Jeder vierte Tabakkonsument verkürzt durch seine Sucht sein Leben. Die Bundesregierung investiert jährlich zwei Millionen DM in Anti-Raucher-Kampagnen, die Tabakindustrie 300 Millionen in Werbung.

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Auch wer die Herausforderung von heute und morgen ernst nimmt, kann nicht 24 Stunden des Tages mit der Atombombe und der Umweltzerstörung leben oder ständig an das Elend in der Dritten Welt denken. Das würde jeden Menschen wenn nicht physisch, so doch psychisch ruinieren. Gerade wenn er dem Übel entgegenwirken will, muß er zeitweise abschalten und neue Kräfte sammeln. Besonders diejenigen, die sich politisch oder pädagogisch engagieren wollen, brauchen mitmenschliche Zuwendung, aber auch die Möglichkeit, ihre eigene Identität zu wahren und ihre inneren Ressourcen zu aktivieren.

Dadurch erhalten heute alte Praktiken der Selbstbeherrschung, Entspannung und Meditation einen neuen Stellenwert. —  Gruppentherapie, autogenes Training oder Yoga sind nicht mehr nur exzentrische Moden von Esoterikern, sondern wichtige Hilfsquellen für das Individuum, das sich von der Krise nicht überwältigen lassen will. So gesehen könnte selbst die Krise dazu beitragen, daß das Individuum seine latenten Fähigkeiten aktiviert und der homo-sapiens auf seinem steinigen Weg in die Zukunft dem <homo-humanus> einen Schritt näherkommt.

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Ossip Flechtheim 1987 Ist die Zukunft noch zu retten?