Teil 3

  Die Qual der Wahl

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1. Drei mögliche Zukünfte

 

       Von Ossip Flechtheim 1987

  

 

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Daß wir nicht bereits heute mit absoluter Sicherheit die Welt von morgen prognostizieren können, bedarf keiner weiteren Erläuterung. Der Plural "Zukünfte" hat also seine Berechtigung.

In der Futurologie hat man Szenarien und Modelle möglicher Zukünfte entwickelt und immer wieder heraus­zufinden versucht, welche die wahrschein­licheren sind. Auf Wahrscheinlichkeit allein können wir uns jedoch nicht beschränken. Wir wollen auch die weniger wahrscheinlichen, aber doch wohl möglichen Zukunfts­modelle in unsere Überlegungen miteinbeziehen. Nur so lassen sich am Ende Wege aufzeigen, die in eine weniger wahrscheinliche, aber doch mögliche und wünschenswerte Zukunft führen.

Verschiedene Autoren haben schon früh versucht, Modelle für mögliche Zukünfte zu entwerfen. So spricht Bertrand Russell von drei Möglichkeiten: 

Nach M. Markovic, einem Mitglied der jugoslawischen Praxisgruppe, bewegt sich das Schicksal der Menschheit zwischen zwei Polen: 

Der Engländer James Robertson entwirft fünf Szenarien: 

Wir selber haben schon vor längerer Zeit versucht, die Zukunft mit Hilfe von drei Szenarien zu erhellen. 

Im weiteren Verlauf dieser Analysen schien es sinnvoll, für die ersten beiden negativen Zukunftsmodelle je drei Varianten herauszuarbeiten, während das dritte Szenario die wünschenswerte Zukunft beschreibt. Die Reihenfolge stellt sich so dar, daß wir mit dem negativsten Szenario beginnen und dann alle mehr oder weniger wahrscheinlichen Varianten nach dem Ausmaß ihrer zerstörerischen Wirkung behandeln. 

Ganz anders wird das zweite Szenario angegangen. Hier unterstellen wir eine Entwicklung, die vom Mangelhaften zum Schlimmeren und Schlimmsten führt. In unserer Darstellung verfahren wir aber umgekehrt, indem wir mit der schlimmsten Variante beginnen und über die mildere Variante zur Gegenwart zurück­kehren. Bei diesem Szenario ist der Übergang von einer Variante zur anderen fließend; zum Teil überschneiden sie sich sogar. Dennoch hat jede Variante so viele ihr eigene Merkmale, daß wir sie gesondert abhandeln. 

Am Schluß entwerfen wir ein positives Szenario als eine mögliche und die einzig wünschenswerte Veränderung der Gegenwart.

 

   1. Szenario  

 

Das erste Szenario verdeutlicht in seinen drei Varianten sowohl den radikalen Bruch mit der Lebensweise von heute als auch mit der Existenzform aller voran­gegangenen Hochkulturen. Es unterstellt einen totalen Rückfall in die Barbarei. 

Am einfachsten zu formulieren, aber am schwersten vorstellbar ist seine erste, extreme Variante, die totale Auslöschung des Menschengeschlechts. Über die Mittel dazu verfügt es: Ein globaler oder totaler Krieg kann sehr wohl das Ende der Menschheit bedeuten. Aber auch die immer rascher fortschreitende Zerstörung der Umwelt läuft, wenn auch schrittweise, auf die gleiche Katastrophe hinaus.

Die zweite Variante wäre ein Rückfall in eine Art Steinzeitalter. Vielleicht könnten einige wenige Millionen Menschen einen Dritten Weltkrieg überleben. Sie müßten aber ein Nomadendasein führen. Um sich ein solches Leben konkret vorzustellen, bedarf es der Phantasie eines Aldous Huxley, der in seiner noch viel zu wenig bekannten Gegenutopie <Affe und Wesen> schreckenerregend beschrieben hat, wie die Krüppel, die einen Atomkrieg überlebt haben, dahin­vegetieren.

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Als dritte Variante jener Rückwärtsbildung könnte man sich den Anbruch eines neuen Finsteren Zeitalters vorstellen. Im Gegensatz zu den ersten beiden Möglichkeiten hat es diese Variante in der Geschichte bereits gegeben. Mit dem Ende des Römischen Reiches und mit der sogenannten Völkerwanderung, oder wie es im Englischen plastischer heißt: mit den "Barbarian Invasions", setzte für die klassische Kultur der Antike ein Auflösungsprozeß ein, den spätere Geschlechter als katastrophalen Verlust empfunden haben. Analphabetentum breitete sich aus, die Städte verfielen, und die Weltstadt Rom wurde zum schmutzigen Dorf.

Eine relativ fortgeschrittene, arbeitsteilige Ökonomie reduzierte sich wieder auf den Ackerbau; an die Stelle einer Geldwirtschaft trat der Tauschhandel. Philosophie, Literatur und Kunst mit ihren Spitzenleistungen gingen verloren, und es entstand ein Vakuum, das die neue Universalreligion, das Christentum, zunächst nicht füllen konnte. Die Pax Romana, die das für damalige Verhältnisse riesige Römische Reich im Inneren befriedet hatte, zerbrach — kriegerische Ausein­andersetzungen mit den eindringenden Barbaren, aber auch deren Kämpfe untereinander vollendeten den Kulturverfall.

Die Parallelerscheinungen in unserer heutigen Welt sind nicht schwer ausfindig zu machen. Trotz allen technischen Fortschritts zeigen sich schon hie und da Symptome des Verfalls. Weltstädte wie New York oder Mexico City verkommen, Gewaltsamkeit und Terror breiten sich aus. Randkriege dringen immer mehr ins Zentrum der Weltzivilisation vor. 

Wie schon ausgeführt, scheint die Fähigkeit zu abstraktem Denken abzunehmen, das Bild verdrängt die Schrift, und die Sprache verwildert. 

Man könnte sich vorstellen, daß sich diese Tendenzen in einem neuen Finsteren Zeitalter weiter verstärken. Verheerende Kriege könnten unsere Industrie­zentren zerstören und so der Dynamik der modernen Wissenschaft und Technik ein Ende bereiten. Eine allgemeine Brutalisierung und Bestialisierung wären die Folge. 

Möglicherweise wäre dann auch der Zerfall des Nationalstaates in kleinere und einfachere örtliche, provinzielle oder regionale Einheiten, die in manchem den primitiven Stammes- oder Feudalgesellschaften ähneln könnten, nicht aufzuhalten. 

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Die Kriegsführung mag sich nun auf den Kampf von Privatarmeen und -banden reduzieren, einen Kampf, der wiederum einfach ein Kampf um das nackte Überleben wäre. Macht und Herrschaft würden damit keineswegs verschwinden. Mit dem industriellen und technischen Niedergang würden sie sich sogar wohl wieder zu rohester Gewaltsamkeit zurückbilden.

Sollte ein neues Finsteres Zeitalter über unsere Zivilisation hereinbrechen, so wären die Verfalls­erschein­ungen wohl weltweit, da es kaum noch von der Moderne unberührte eigenständige Kulturkreise gibt. Eine Kulturerneuerung von außen durch die Zufuhr unverbrauchter Energien wird also immer unwahr­scheinlicher. 

Während nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches die antike Sklaverei verschwand und an die Stelle der total rechtlosen Sklaven Leibeigene und Hörige traten, die sich im Laufe der Zeit emanzipierten und eine neue Kultur entwickeln konnten, ist es fraglich, ob eine solche Aussicht für die unterdrückten und hungernden Massen der Dritten Welt besteht.

Die katholische Kirche als die damalige Universalreligion half das Finstere Zeitalter zu überbrücken, indem sie einige antike Kulturtraditionen in den Klöstern bewahrte, der Arbeit eine bis dahin unbekannte Würde verlieh und der sich regenerierenden abendländischen Kultur — nicht zuletzt in der Begegnung mit dem Islam, der seinerseits antike Philosophie und Naturwissenschaft übernahm und zu einer viel zu wenig bekannten Hochblüte entwickelte — eine neue Einheit bescherte.

Der Universalhistoriker Arnold Toynbee vertritt die Auffassung, daß Universalreligionen wie das Christentum auch heute noch den durch den Kulturverfall verunsicherten Bevölkerungen wieder Hoffnung auf eine bessere Zukunft bieten könnten. Während sich jedoch das Christentum am Ende der Antike über das ganze Römische Reich ausbreiten konnte, ist es heute in seiner Wirksamkeit im wesentlichen auf die sogenannte Erste Welt beschränkt. 

Aber auch die Säkular- oder Sozialreligion des marxistisch-leninistischen Kommunismus, die vielleicht noch eine Zeitlang in der Zweiten Welt als eine Art von Staatskirche das System bestimmen mag, hat für die meisten Menschen in der übrigen Welt ihre ursprüngliche utopische Kraft verloren.

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Andererseits ist der Marxismus-Leninismus trotz aller Dogmatisierung doch noch allzu diesseitig und rational ausgerichtet, um einer nach totaler Erlösung suchenden verzweifelten Menschheit den erhofften irrationalen Trost spenden zu können. Heute deutet manches daraufhin, daß der Islam als irrationale Heilslehre bei einem Teil der Weltbevölkerung wieder stärkeren Anklang findet. Ob aber angesichts der weltumfassenden Probleme eine doch nur eine Minderheit ansprechende Religion das bieten kann, was einmal ein amerikanischer Autor "The Promise of the Dark Age" (d.h. die Verheißung und Überwindung des Finsteren Zeitalters) genannt hat, bleibt mehr als fraglich.

  

   2. Szenario   

 

Das zweite Szenario ist nicht so einfach zu umreißen, da seine stark negativen Komponenten nicht auf den ersten Blick erkennbar sind. Es weist keinen absoluten und totalen Bruch mit der jahrtausendealten Entwicklungsgeschichte des homo-sapiens auf. Es geht dabei vielmehr um eine Veränderung der Gesell­schaft, die sich unauffällig, sozusagen hinter unserem Rücken vollzieht. Die erste Variante dieses zweiten Zukunftsmodells läuft auf einen totalen Überwach­ungsstaat hinaus, wie ihn sich Orwell in seiner Gegenutopie <1984> und Huxley in seiner <Schönen Neuen Welt> ausgemalt haben.

Dieser neue Typ eines Totalitarismus würde sich sowohl vom National-Sozialismus als auch vom Hoch-Stalinismus erheblich unterscheiden. Diese beiden Regime des klassischen Totalitarismus stimmten in ihrer Ideologie, Ökonomie und Außenpolitik zwar keineswegs überein, doch wurden in beiden die Massen ständig mobilisiert und terrorisiert. 

Das geschah vielleicht auch deshalb, weil in den dreißiger Jahren die technischen Mittel für eine totale, reibungslos funktionierende und stille Manipulation der Menschen noch nicht verfügbar waren. Der von Orwell erfundene Bildschirm zur Überwachung jedes einzelnen 24 Stunden am Tag war damals noch ein reines Phantasiegebilde. Heute ist er schon in Sicht, und morgen mag er Wirklichkeit werden. 

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Auch die von Huxley beschworene Manipulation durch Drogen und die biologische Konditionierung durch Gentechnologie rücken immer näher. Sollten sie mit den heute bereits vorhandenen Mitteln der Manipulation durch die Massenmedien kombiniert werden, so könnten in der Tat die Menschen so weit "eingeschläfert" werden, daß sie "freiwillig" auf jedes selbständige Denken und Handeln verzichten. Wer könnte auch auf Dauer einer Propaganda wider­stehen, die einem das Wort im Munde umdreht und, wie es schon heute versucht wird, den Krieg zum "Ernstfall" verharmlost oder die Überwachung als "Sicherung der Freiheit" ausgibt.

Diese Welt von morgen bestünde dann aus relativ zufriedenen Konsumenten oder gar glücklichen Robotern, deren Widerstands­wille ein für alle Male gebrochen wäre. Trotzdem würde ein solcher "sanfter Totalitarismus" doch noch gelegentlich Terror anwenden, um die letzten Reste von Nonkonformismus auszumerzen. 

Ob ein solcher totaler Überwachungsstaat außerdem noch einer relativ geschlossenen Ideologie oder auch nur leerer Rituale bedürfte, muß dahingestellt bleiben. 

Auch läßt sich schwer voraussehen, ob er ohne eine staatstragende Partei und ohne den Orwell'schen <großen Bruder> oder eine <strenge, aber gerechte> Staats­führung auskommen könnte. 

Jedenfalls würde diese erste Variante unseres zweiten Szenarios keinen einheitlichen, den Frieden sichernden Weltstaat einbegreifen, sondern darauf hinaus­laufen, daß sich die internationalen Gegensätze eher noch vertiefen. 

 

Die zweite Variante unseres zweiten Szenarios könnte man als <Neo-Cäsarismus> bezeichnen. Damit ist eine Gesellschaft gemeint, die in wesentlichen Punkten dem Cäsarismus der Spätantike ähneln würde. In der Antike hat sich der Übergang von der römischen Stadtrepublik zum Weltreich der Cäsaren schrittweise und ohne Vorausplanung vollzogen. Obwohl sich immer mehr Macht in immer weniger Händen konzentrierte und das Militär die zivilen Behörden verdrängte, wurde die republikanische Staatsform niemals offiziell abgeschafft. Sie nahm nur immer stärker die Züge einer despotischen Wahl­monarchie an.

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Der Neo-Cäsarismus weist eher autoritäre, technokratische und patriarchalische als totalitäre Züge auf. Es lassen sich neo-cäsaristische Szenarien durch­spielen, die auf etatistischer Wirtschaftsplanung oder auf der Hegemonie privater multinationaler Korporationen beruhen, wobei die wirtschaftlichen und politischen Einheiten immer weiträumiger und komplexer werden. Wirtschaft und Gesellschaft könnten hierarchisch und autokratisch von Politmanagern oder Monopolmagnaten, die sogar zu einer "Plutobürokratie" verschmelzen könnten, im Interesse der "Landesverteidigung", des technischen "Fortschritts" oder auch der Gewinn­maximierung geplant und verplant werden.

Wie im alten Rom würden auch bei uns die Republiken Züge der Wahlmonarchie annehmen. An die Stelle von republikanischer Schlichtheit träte der Luxus der Despoten. Diktatoren, Führer oder Cäsaren zögen mit Autokavalkaden durch die Lande. Auf Kosten der Steuerzahler würden sie eine aufwendige Repräsentation pflegen. Beim "Staatsbegräbnis" eines Präsidenten der "Republik" träfen sich die Großen wie einst die Fürsten und Könige. Die neuen Cäsaren kämen sogar zu Vereinbarungen ohne Konsultation der verfassungsmäßigen Gremien. 

Titel und Würden, Orden und Ehrenzeichen, alles Statussymbole, die der Republik widersprechen, würden noch begehrter werden, als sie es schon heute sind. Scheidet ein solcher Cäsar, was allzu selten geschieht, einmal aus seinem Amt aus, so kehrt er nicht als einfacher Bürger in seinen Beruf zurück, sondern genießt quasi monarchische Ehrungen und erhält höchste Bezüge. Auch die vielfältigen Privilegien der anderen hohen Staatsdiener würden nicht ab-, sondern ausgebaut.

Ähnlich wie einst die römischen Proletarier würden die deklassierten Massen, die an den Privilegien der oberen Schichten nicht teilhaben, mit Zuckerbrot und Peitsche in Schach gehalten werden. Wie der polnische Schriftsteller J. Lec es ausdrückt, "Panem et circenses — Immer weißeres Brot und immer blutigere Spiele"

Ob das Brot im Neo-Cäsarismus immer weißer wird, ist fraglich; aber sicherlich werden die Spiele immer blutiger werden. Die Frustrationen der Ausge­grenzten werden zunehmen, und die Herrschenden werden versuchen, sie auf den äußeren Feind abzulenken. Möglich ist natürlich auch, daß diese Ablenkungs­manöver scheitern und daß sich trotz aller Manipulation Widerstandszentren im Inneren der Reiche bilden.

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Da wir unterstellen, daß das neo-cäsaristische Regime zwar eine Militärdiktatur, aber kein totaler Überwach­ungsstaat mit einer umfassenden Ideologie sein wird, könnte es Freiräume gewähren, in denen Restbestände unabhängiger Organisationen und Institutionen wie etwa Kirchen oder Berufsverbände sich zu regenerieren suchen. Entwicklungen in den Militärdiktaturen Lateinamerikas oder in anderen Teilen der Dritten Welt, deren Zeugen wir heute sind, deuten in diese Richtung.

Eine neo-cäsaristische Zukunft kann man sich in allen vier Welten vorstellen. Für unsere westliche Welt wäre der Neo-Cäsarismus ein eindeutiger Rückschritt. Wie bereits ausgeführt, könnte die Demontage der Demokratie so weit gehen, daß nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Politik die breite Masse der Bürger allen Einfluß verliert. Alle Liberalisierungs- und Dezentralisierungs­tendenzen würden von der Bürokratie scharf bekämpft werden. Im Osten hingegen würde ein neo-cäsaristisches Regime vielleicht einen — wenn auch noch so bescheidenen — Schritt vorwärts bedeuten.

Die Sowjetunion hat sich bereits vom totalitären Hochstalinismus wegentwickelt, ohne zu einem totalen Überwachungsstaat zu werden. Die offizielle Ideologie ist zusehends verblaßt und kommt schon heute einem bloßen Ritual nahe. Zwar hat die politische Elite noch eine beachtliche Machtposition, doch beginnen andere Eliten sich zu verselbständigen und Mitspracherechte zu beanspruchen. 

Fast wäre man versucht anzunehmen, daß die Reformpolitik eines Gorbatschow den neo-cäsaristischen Rahmen sprengen und sich vorsichtig auf ein demokratisches System zubewegen könnte. Eine solche Entwicklung würde echte und dauerhafte Entspannung voraussetzen. Sollte es dagegen zu einer neuen Konfrontation der Weltmächte kommen, würden in West und Ost die Rüstungsindustrie und das Militär wieder Oberhand gewinnen und eine negative Konvergenz neo-cäsaristischer Prägung bewirken.

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Als dritte Variante unseres zweiten Szenarios könnte man sich vorstellen, daß die Welt von heute im Sinne von Robertson "wie gehabt" noch eine Weile fortdauert. Angesichts der gigantischen Herausforderungen ist der Status quo allen konservativen Illusionen zum Trotz jedoch äußerst labil. Er stellt nur ein Provisorium dar, das vielleicht noch einige Jahrzehnte, aber sicherlich kein Jahrhundert mehr anhalten wird. 

Die Welt von heute ist Schauplatz widersprüchlichster Kräfte und Tendenzen. Sie wird von einer Dynamik getrieben, wie die Geschichte sie noch nie gekannt hat. Vielleicht sieht es im Augenblick so aus, als ob die reaktionären und konservativen Kräfte gegenüber den progressiven und libertären Strömungen die Oberhand behalten würden. Der Weltkapitalismus scheint so erstarkt zu sein, daß widerstrebende Gruppierungen in der Dritten Welt sich nicht gegen ihn behaupten können und daß sogar der etatistische Osten zu weitgehenden Konzessionen bereit ist. 

Andererseits befindet sich dieser selbe Kapitalismus angesichts der sieben Herausforderungen in einer Dauerkrise, die zum ersten Mal den ihm und dem Etatismus zugrundeliegenden Industrialismus in Frage stellt. Immer wieder drängen daher ganz neue Kräfte an die Oberfläche, die der negativen Entwicklung eine positive Wende geben könnten.

  

   3. Szenario: 
Eine wünschens- und lebenswerte Zukunft   

Gelingt es der Menschheit, die hier skizzierten ersten beiden Zukünfte zu vermeiden, so hat das dritte Szenario, eine wünschens- und lebenswerte Zukunft, eine gewisse Chance, verwirklicht zu werden. 

Rüstungswettlauf, Umweltzerstörung und Ausbeutung der Dritten Welt stoßen auf wachsenden Widerstand. Ein neuer Mut zur Utopie ist spürbar, der aus christlich-pazifistischen, libertär-sozialistischen, ökologisch-humanistischen Quellen gespeist wird. Alle diese unterschiedlichen Gruppen streben nach einer Welt, in der man wohl noch mit Konflikten leben muß, diese aber immer mehr gewaltfrei austrägt. Sie alle wollen den Gegensatz zwischen westlichem Kapitalismus und östlichem Etatismus, zwischen technologischem Gigantismus im Norden und primitiver Rückständigkeit im Süden überwinden. Skeptisch gegenüber der überlieferten Staatsgewalt erstreben sie deren Abbau — u.a. durch die Übertragung von staatlichen Kompetenzen auf kleinere, sich selbst verwaltende Einheiten einerseits und eine den Frieden sichernde Weltföderation andererseits.

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In der Weltwirtschaft erscheint immer mehr Gleichheit ebenso unabdingbar wie mehr Freiheit in den verschiedenen nationalen, regionalen und lokalen Kulturbereichen. Schließlich soll nicht nur der Weltfrieden gewahrt, sondern den Bürgern auch ein erhebliches Maß an echter Autonomie gewährt werden. Das erfordert eine politische Organisation, in der sich stets wechselnde Mehrheiten und Minderheiten demokratisch und solidarisch zueinander verhalten und die veralteten Machtstrukturen durch neue Formen funktional-rationaler Leitung nach und nach ersetzt werden. An die Stelle des Gewaltmonopols des Staates bzw. der Staaten träte eine gewaltfreie Politik nach dem Vorbild von Gandhi oder M. L. King, die der genossenschaftlichen rational-funktionalen Leitung wie der Selbstbestimmung, d.h. der unmittelbaren, antizipatorischen und partizipatorischen Demokratie immer weitere Handlungsspielräume verschafft.

Die rational-funktionale Leitung trägt den größeren Kenntnissen und Erfahrungen der einzelnen Rechnung. Manipulation und Gewalt würden Aufklärung, Belehrung und Überzeugung Platz machen. Der rational-funktionale Leiter erteilt keine willkürlichen Befehle, sondern gibt sachgerechte Anweisungen, die dem Geleiteten einsichtig zu machen sind. Er genießt keine Privilegien aufgrund von Geburt, Status oder Vermögen, verfügt vielmehr nur auf Zeit über die für seine spezifischen Funktionen absolut unerläßlichen Mittel. Nach Beendigung seines Auftrags kehrt er wie der römische Staatsmann Cincinnatus an den Pflug zurück. 

Den Unterschied zwischen politischer Macht und rational-funktionaler Leitung hat schon Shakespeare in der ersten Szene des "Sturm" anschaulich beschrieben. Dort müssen Könige und Höflinge ihre Befehlsgewalt an den Kapitän und die Schiffsmannschaft abtreten. Zeitnäher und bescheidener wäre das Beispiel des Amtsarztes, der eine Impfung vorschreibt, oder des Polizisten, der den Verkehr regelt.

Die Gesellschaft der Zukunft würde weder stehende Heere noch bewaffnete Polizeitruppen, weder die Todesstrafe noch das Gefängnis benötigen. Wie noch zu zeigen sein wird, kann eine relativ stabile Gesellschaft mit humaneren Resozialisierungs­maßnahmen auskommen.

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Als ein Mittel, die Welt zu vereinheitlichen, könnte eine Weltwährung dienen, aber auch eine Weltsprache, die die unerläßliche Kommunikation erleichtern und die Kultursprachen nicht verdrängen, sondern ergänzen würde. Zur Humanisierung der Bevölkerung würde auch der Verzicht auf die Tötung und den Verzehr von Tieren beitragen. Der Mensch hat ja auch einmal auf den Kannibalismus verzichten gelernt. Eine vegetarische Lebensweise würde helfen, die noch hungernden Bevölkerungen angemessen zu ernähren. Die Tierzucht verschlingt ja heute ungeheure Mengen an Kalorien, die den Ärmsten der Armen, vor allem in der Dritten Welt, verlorengehen.

Eine solche Welt würde die vielbeschworenen "Grenzen des Wachstums" nicht so sehr als Bedrohung denn als Chance sehen. Wahrscheinlich müßte die Weltbevölkerung einige Jahrzehnte lang geplant und systematisch verringert werden. Vielleicht sollte sich in dieser Übergangsphase die Mehrheit der Menschen mit zwei Kindern oder gar nur einem Kind begnügen. Dafür würden die Elternpaare nicht isoliert wohnen und leben müssen, vielmehr in Großfamilien, Kommunen und Nachbarschaftsgruppen vereint sein. Jüngere Paare könnten sich aber auch, bevor sie einen Beruf ergreifen, mit ihren Kindern einige Jahre lang in ländlicher Umgebung ganz dem Familienleben widmen, um erst wieder, nachdem die Kinder selbständig geworden sind, in größere Städte zu ziehen und dort beruflich tätig zu werden. Die riesige Millionenstadt oder Megalopolis mit ihren Slums würde freilich nur noch in der Erinnerung fortleben. An die Stelle von Wolkenkratzern wären neue überschaubare Siedlungen getreten, so daß die Kluft zwischen Stadt und Land gemildert wäre.

Niemand würde bis zur Senilität oder Invalidität 50, 60 oder gar 70 Stunden in der Woche schuften. Das Recht auf Arbeit wäre mit dem Recht auf Faulheit, über das schon Marxens Schwiegersohn Lafargue geschrieben hat, so kombiniert, daß genug Arbeit und Muße für alle vorhanden wäre. Dabei würde den Schwerstarbeitern die kürzeste Arbeitszeit zugebilligt werden. Arbeitsloses Einkommen und Kapitalakkumulation wären verpönt. Die Einkommen und Verdienste hätten sich so angeglichen, daß es weder Bettler noch Millionäre oder gar Milliardäre gäbe. 

* (d-2015:) P.Lafargue bei detopia

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Kein Wunder, daß - um Erhard Eppler zu zitieren - niemand mehr über "eine Villa mit geheiztem Schwimm­bad" verfügen könnte. Vielleicht müßte auch der einzelne darauf verzichten, allein im Privatauto durch die Stadt zu rasen. Angesichts der Verknappung der Ressourcen könnte die alte sozialistische Parole "jedem nach seinen Bedürfnissen" einen neuen Sinn erhalten. Doch müßten die lebensnotwendigen Güter und Dienstleistungen allen Menschen unentgeltlich zur Verfügung stehen. Für den Nahverkehr, aber auch z.B. für Brot, Milch oder andere Grundnahrungsmittel würde ein Nulltarif gelten, über den heute schon viel gestritten wird.

An die Stelle der die Umwelt immer stärker bedrohenden Großtechnik wären umweltverträglichere kleinere und mittlere Techniken getreten. Man hätte auf jede Art von Verschleiß-, Verschwendungs- und Luxus­produktion verzichtet. Dafür hätten alle Produkte eine möglichst lange Lebensdauer. Wie schon öfter erwähnt, würde Qualität Quantität ersetzten. Die Menschen würden nicht leben, um zu arbeiten und immer mehr zu verdienen und zu horten, sondern um in einem ganz neuen Sinn produktiv zu werden — in der Arbeitszeit und in der Freizeit.

Selbst wenn trotz Roboter und Mikrochips die Arbeit noch kein reines Vergnügen wäre, so würde auf ihr doch nicht mehr der biblische Fluch lasten. Schon 1857 hatte John Stuart Mill erklärt, gerade eine Gesellschaft mit konstantem Kapital und gleichbleibender Bevölkerung könnte viel Spielraum gewähren "für alle Arten geistiger Kultur, für moralischen und sozialen Fortschritt".

In der Tat könnte sich der Mensch nunmehr ganz anders als bisher statt auf die Eroberung der Natur, auf die Entfaltung des Menschlichen konzentrieren. Die technische Leistung würde zurücktreten, und der einzelne würde mehr Zeit haben für die Pflege der Beziehungen zu seinen Mitmenschen. Soziale Dienste würden einen neuen Stellenwert gewinnen, und neue Berufe würden entstehen. Mancher könnte sich als Pädagoge oder Psychagoge, Therapeut oder einfacher "Gesellschafter" betätigen, wobei der Begriff des Gesellschafters an den alten Beruf der Gesellschafterin anknüpfen soll. Wer sich für Politik interessiert, würde nicht von der Politik, sondern für die Politik leben.

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Verborgene Talente könnten sich so entfalten, daß die Zahl der Künstler, Schriftsteller oder Philosophen beträchtlich anstiege. Neue Formen der Muße würden entdeckt werden. Der Mensch von morgen hätte ungeahnte Möglichkeiten zu spielen, zu sammeln und zu wandern, zu musizieren und zu malen, zu schreiben und zu dichten. So gewänne das sprichwörtliche "otium cum dignitate" (Muße mit Würde) einen neuen Sinn. Es wäre nicht mehr das Privileg der wenigen, sondern tägliche Lebenspraxis der vielen.

Wie der Amerikaner Lewis Mumford es formuliert, würde der Mensch der Zukunft eine Fülle von neuartigen Rollen kombinieren. Seine nicht von der Automation erfaßte Arbeit erhielte eine erzieherische Funktion, die Intelligenz und Gefühl mit einbezöge und den mechanischen Verrichtungen etwas von der Freiheit des alten handwerklichen Schaffens zurückgäbe. In einer solchen "Lebenswirtschaft" würde "Erziehung das Hauptgeschäft des Lebens" ausmachen. Diese Gesellschaft von morgen würde dann zu einer Art globaler "pädagogischer Provinz" werden. 

Außerdem würde der neue Mensch, wie ihn sich so nüchterne Wissen­schaftler wie Julian Huxley oder Haldane vorstellen, nicht nur ein neues Bewußtsein der Körperfunktionen entwickeln, sondern auch "Hypnose, Traum, Tanz und Besessenheit" als normale Lebensäußerungen ansehen. Der Dramatiker Jean Anouilh meint allen Ernstes, in der Zukunft könnte jeder zum Theaterspiel verpflichtet werden, um so seine Aggressionen abzureagieren.

Auch wenn es dem neuen Typ von Welt- und Zukunftsbürger gelingt, sich ein kreativeres und ausgewogeneres Verhältnis zu sich selbst und zu seiner Umgebung zu verschaffen, wird er damit nicht automatisch zum Übermenschen oder Genie. Zwar hat Trotzki den Durchschnitts­menschen von morgen mit einem Aristoteles, Goethe und Marx gleichsetzen wollen, und Bertrand Russell sah den Übermenschen der Zukunft hoch über Shakespeare thronen. Selbst der etwas bescheidenere Dennis Gabor hoffte auf einen "mozarteischen" Menschen. Für ihn war Mozart das Genie, dessen Kunst nicht aus Konflikten genährt wurde, sondern der aus Freude und zur Freude schuf.

Doch bleibt es mehr als zweifelhaft, ob zehn oder zwanzig Milliarden Genies die Welt von morgen bevölkern werden. Wenig spricht dafür, und vielleicht ist es gar nicht wünschenswert, daß die dritte Zukunft nur von einem Faust und Prometheus, einem Don Juan und Hamlet, einem Don Quijote (und Sancho Pansa!) gestaltet wird. Wenn sie sich wirklich in der Richtung entwickelt, die hier skizziert wurde, wird sie nicht im Zeichen des "großen Mannes" oder auch nur des Mannes stehen. Es wird eher eine Welt der Synthesen sein.

Mit dem Ende der Klassengesellschaft und der noch viel älteren patriarchalischen Gesellschaftsform kündigt sich eine neue Welt­gesellschaft an, in der Mann und Frau wirklich gleichberechtigt zusammen­wirken; in der sich eine Synthese des modernen faustischen mit dem dionysischen oder apollinischen Menschen anbahnt und in der die alten östlichen Kulturtraditionen mit denen des Westens eine neue Verbindung eingehen. 

So spricht einiges dafür, daß die Zukunft des Menschen — wenn er noch Zukunft hat — nicht die Leistung des zerstörenden, erobernden, bezwingenden einzelnen, sondern das Werk des genießenden, bewahrenden und pflegenden Mitmenschen sein wird.

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