Mario Kessler, 2007, Kapitel 4, Futurologie, Ökologie und Sozialismus, 1970-1998.

 

(1)  Futurologie eine Wissenschaft von der Zukunft?

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Ossip Flechtheim war nicht nur Historiker und Analytiker des Kommunismus, sondern auch der Mitbegründer einer nicht unumstrittenen wissen­schaft­lichen Disziplin: der kritischen Zukunfts­wissenschaft, oder, so die von ihm kreierte Bezeichnung, der Futurologie. 

Die Frage nach der Zukunft der Menschheit weise aber über den wissen­schaft­lichen Rahmen hinaus. "Wir treffen eine eminent ethische Wahl", schrieb Flechtheim 1983. "Rein logisch kann uns niemand beweisen, daß wir das möglichst humane Überleben der Menschen und der Menschheit seiner Vernichtung vorziehen sollten selbst wenn schon die Sprache andeutet, daß Werte wie Wahrheit und Gerechtigkeit, Friede und Freiheit, Mensch und Menschlichkeit, Natur und Zeit einen höheren Stellenwert haben als die entsprech­enden Unwerte. Wir können zeigen, daß die Maximierung der Werte das Leben der Menschheit bereichert, während die der Unwerte es letztlich vernichten muß. Aber auch dann kann niemand beweisen, daß das Sein dem Nichts, das Leben dem Tod vorzuziehen wäre. [...] Auch insofern läßt sich der Optimismus von Marx nicht als wissenschaftliche Aussage aufrechterhalten, so sehr wir an seinem Endziel als Gegenstand unseres Glaubens, unserer Liebe und unserer Hoffnung festhalten mögen."[1]

Die Futurologie, zumal in ihrer von Ossip Flechtheim und Robert Jungk vertretenen kritischen Variante, war nicht nur ein Produkt der Planungshoffnungen der frühen siebziger Jahre. Sie war mehr noch Ausdruck eines linken Krisenbewusstseins der Bundesrepublik jener Zeit, eine eigentümliche Mischung von moralisch fundierter Gesellschaftskritik und Sozialwissenschaft, von Ideologie und Utopie, die bei Flechtheim als Erweiterung von und als Ersatz für den klassischen Marxismus fungierte. In der Futurologie suchte Flechtheim einen spezifischen Beitrag zur Modernisierung des sozialistischen Denkens zu leisten.

Wir haben gesehen, dass die Anfänge dieser Überlegungen auf Flechtheims Jahre in den USA zurückgehen. Durch die Auseinandersetzung mit Gesellschaftsdenkern von Hegel, Marx und Engels bis zu Erich Fromm und Arnold Toynbee hatte sich für Flechtheim "schon in den vierziger Jahren ein Bild von der Geschichte des Menschen als einer Odyssee ergeben, deren exakter Ausgang zwar stets dunkel bleibt, die aber einen Vorblick auf die mögliche, wahrscheinliche und wünschbare Zukunft ermöglicht und erheischt."

Es wurde Flechtheim "immer deutlicher, daß eine gründliche Darstellung der Probleme der Zukunft nicht von heute auf morgen zu leisten wäre. Ich habe daher lange gezögert, meine Erkennmisse in Buchform vorzulegen."[2] Diese Sätze stehen am Anfang von Flechtheims Buch <Futurologie: Der Kampf um die Zukunft>, das zuerst 1970 erschien. Gewidmet war es Wolfgang Abendroth, "dem Freund, Kämpfer, Gelehrten."[3]

 

1  Futurologie eine Wissenschaft von der Zukunft?

 

In den USA existierte bereits eine Zukunftsforschung, die quantifizierend und operationalisierend vorging und Prognosen mittlerer Reichweite aufstellte. Doch in Europa befand sich, wie Robert Jungk schrieb, die Disziplin "in einem Frühstadium ihrer Entwicklung. Beinahe ebenso wie die Soziologie in ihren Anfängen harrt sie immer noch der akademischen Anerkennung."[4]

Flechtheims Aufsatzsammlung <History and Futurology>, die Erich Fromm gewidmet und der Jungks Vorwort vorangestellt war, betonte deshalb die gesellschafts­theoretischen Aspekte der Zukunftsforschung, stieß aber nur auf verhaltene Resonanz.[5]

Flechtheim ließ sich nicht beirren. 1969 schrieb er in einem von Jungk und Johan Galtung edierten Buch, die Futurologie könne entweder "als spezielle Herangehens­weise aller an der Zukunft orientierten Wissensgebiete dienen oder schließlich sich zu einer eigenständigen Disziplin entwickeln, die all diese futurologischen Gesichtspunkte zusammenfasst und verarbeitet."[6]

Beide Gesichtspunkte -- die Entwicklung der Futurologie als Wissenschaft von der Zukunft wie die Anwendung ihrer methodischen Verfahren auf allgemeine Analysen möglicher künftiger Entwicklungen -- sind Gegenstand von Flechtheims Buch <Futurologie. Der Kampf um die Zukunft>.

 

[1] Ossip K. Flechtheim, Zur Einführung, in: Ders. (Hg.), Marx heute. Pro und contra, Hamburg 1983, S. 38. 

[2] Ossip K. Flechtheim, Futurologie. Der Kampf um die Zukunft, Köln 1970. Die folgenden, in Klammern gesetzten Seitenzahlen beziehen sich auf diese Ausgabe, hier Zitat S. 9.

[3] So Flechtheim im Vorsatz des Buches. Abendroth hatte Flechtheim eine Abhandlung (Das Grundgesetz. Eine Einführung in seine politischen Probleme, Pfullingen 1966) gewidmet.

[4][ Robert Jungk, Foreword, in: Ossip K. Flechtheim, History and Futurology, Meisenheim 1966, S. IX. Zur Entwicklung der Zukunftsforschung vgl. Rolf Kreibich u.a. (Hg.), Zukunftsforschung und Politik in Deutschland, Frankreich, Schweden und der Schweiz, Weinheim/Basel 1991, mit einem Nachwort von Ossip K. Flechtheim, S. 397ff. (im Folgenden: Kreibich, Zukunftsforschung).

[5] Vgl. die Besprechungen von John H. Herz in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie, LIV, 1968, S. 119f f , von Bernard Cazes in: Futurum, 2, 1969, S. 130ff. (zuerst in: History and Theory, 6, 1967, S. 436ff), von Arnold Künzli in: Gewerkschaftliche Monatshefte, 17, 1966, S. 636ff, von Karl-Theodor Schuon in: Politische Vierteljahresschrift, 6, 1965, S. 448ff, und von Giselher Schmidt in: Die Zeit, Nr. 44/1966, der eine deutsche Übersetzung forderte. Diese gab es jedoch nicht.

[6] Ossip K. Flechtheim, Is Futurology the Answer to the Challenge of the Future?, in: Robert Jungk/Johan Galtung (Hg.), Mankind 2000, Oslo/London 1969, S. 264.

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Dies ist der Grundgedanke des Buches: "Futurologie, die mehr ist als Utopie, Technokratie oder Crisis management, muß versuchen, Prognostik, Planung und Philosophie der Zukunft zu einer neuen Einheit zusammenzufügen, wobei zur Zukunfts-Philosophie auch die Politik und Pädagogik der Zukunft gehören. Die Futurologie muß die fünf 'challenges', die die Menschheit bedrohen, beantworten sie muß ihren Beitrag leisten zur Eliminierung des Krieges und Institutional­isierung des Friedens, zur Beseitigung von Hunger und Elend und zur Stabilisierung der Bevölkerungszahl, zur Überwindung von Ausbeutung und Unterdrückung und zur Demokratisierung von Staat und Gesellschaft, zur Beendigung des Raubbaus und zum Schutz der Natur und des Menschen vor sich selber und zur Schaffung eines neuen kreativen Homo humanus." (S.9)[7]

Es gehe, so ergänzte Flechtheim im Vorwort zur Taschenbuchausgabe 1972, "um nicht mehr und nicht weniger als um die Bedrohung und Rettung des Kollektivs Menschheit heute und morgen ähnlich wie es die Medizin mit den Gebrechen und der Heilung des Menschen als Individuum zu tun hat. Wie die Medizin eine Krankheit diagnostiziert und diese in ihrem künftigen Verlauf prognostiziert, um eine Therapie durchführen zu können, so muß auch die Futurologie die Gefahren und Bedrohungen von heute und morgen diagnostizieren, prognostizieren und 'therapieren'. Mehr noch: Analog der Medizin, die dem Vorbeugen von Krankheiten einen immer größeren Wert beimißt, forscht auch die Futurologie nach Mitteln und Wegen zur Verhütung von Fehlent­wicklungen."[8]

Damit nahm er einige Ideen seines 1945 publizierten ersten Aufsatzes über die Möglichkeit einer Wissenschaft von der Zukunft wieder auf, und er benannte deren Prämissen: "1. Die Welt ist dynamisch, sie ändert sich in ihren Grundstrukturen, sie produziert Neues. -- 2. Gewisse Grundstrukturen des Wandels sind zumindest teilweise erkennbar. -- 3. Richtung und Tempo der Änderungen können hier und da in groben Zügen vorhergesehen werden. -- 4. Auch antithetische Prognosen und Projektionen haben ihren Wert; sie können zur Klarlegung von Problemen und Krisen beitragen und sogar teilweise richtig sein (Spezifizierung bezüglich Zeit, Raum, Gruppe usw. oder Grad der Wahrscheinlichkeit). -- 5. Innerhalb dieses Rahmens besteht Freiheit der Wahl und der Gestaltungsmöglichkeit. -- 6. Durch das Erkennen des Notwendigen, Möglichen und Gewollten wird die Zukunft mitgestaltet." (S. 16)

[7] In der gekürzten Taschenbuchausgabe (Frankfurt 1972, S. 7) ist dieses Zitat leicht verändert. Ähnlich wie Flechtheim schrieb Georg Picht von den „drei Grundformen, in denen sich das menschliche Denken vor Augen zu stellen vermag. Ich nenne sie Prognose, Utopie und Planung.“ Georg Picht, Prognose, Utopie, Planung. Die Situation des Menschen in der Zukunft der technischen Welt, Stuttgart 1967, S. 13. Für Jürgen Heinrichs waren Prognose und Planung hingegen vor allem „Projektionen, die vom heutigen Stand des Wissens und der Erfahrung ausgehen müssen“, doch dabei „versuchen, die Bedingungen für das Neue in den Blick zu bekommen.“ Ihr Ziel sei weniger, die Zukunft vorherzusagen, „als vielmehr, die jetzt notwendigen Handlungen zu bestimmen.“ Jürgen Heinrichs, Hunger und Zukunft. Aspekte des Weltemährungsproblems, Göttingen 1969, S. 26f. 

[8] Flechtheim, Futurologie, Taschenbuchausgabe, S. 8.

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Mit den technologischen Fortschritten der fünfziger und sechziger Jahre -- genannt seien nur Atomtechnologie, Raumfahrt, Rundfunk und Fernsehen sowie transkontinentale Überschallflüge -- hebt sich die erfahrbare Gegenwart des Menschen "immer stärker von der Vergangenheit ab, wird zunehmend auch von der ferneren Zukunft geprägt", so Flechtheim. (S. 29) <The future becomes present>, lautete ein griffiges Wort der sechziger Jahre, das insbesondere in Skandinavien aufgegriffen wurde.[9] 

In den vom Sowjetkommunismus und seiner Wirtschafts­planung geprägten Ländern war die Planung der Zukunft Wesensbestandteil der Politik. 1968 erhob ein Autorenkollektiv in der DDR die Forderung, die Gesellschaftsprognose als eine eigenständige Wissenschaftsdisziplin zu begreifen. Der Mensch sei ein Homo prognosticus, hieß es darin.[10] Prognostik sei der "Kompaß auf dem Weg in die Zukunft", hieß es in einer anderen DDR-Publikation.[11]

Es war indes der 1967-68 entstandene Richta-Report in Prag, der von Flechtheim wie von Jungk als Durchbruch einer Synthese von Zukunftsforschung und dem Willen zur Gesellschafts­reform gerühmt wurde.[12] Zunächst war die dem Osten inhärente Wirtschaftsplanung ein Hindernis für Vorstellungen von der Planbarkeit der Zukunft im Westen. Doch führten auch hier besonders die Atomtechnologie und der Beginn der Raumfahrt zur Frage, ob und inwieweit die Zukunft von der Gegenwart Besitz ergreife und somit geplant werden müsse.

Die wissenschaftlich-technische Revolution sei die vorerst jüngste Etappe in der Entwicklung neuzeitlichen Denkens und Handelns, das mit der Erkenntnis seiner Planbarkeit eine weitere, höhere Stufe erreiche. "Tausende von Jahren", schrieb der Soziologe Richard Behrendt, "haben statisch hierarchische Gesellschaftsordnungen die Überzeugung von der Machtlosigkeit des Menschen -- oder doch der meisten Menschen -- gegenüber Natur und Oberen im Diesseits und Jenseits gepflegt. Erst seit kurzem bahnt sich die Auffassung von dem Menschen als Schöpfer von Neuem an, die Auffassung, daß der Mensch nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht habe, sich immer weitere Ziele zu stecken, und daß er gerade damit seine Fähigkeit zu ihrer Verwirk­lichung stärken könne."[13]

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts sei, so Pierre Berteaux, durch eine Mutation der Menschheit geprägt, wie sie seit der neolithischen Revolution mit der Sesshaftwerdung des Menschen ohne Beispiel sei.[14] In diesem Sinne formulierte Flechtheim: "Wird zum erstenmal in der Geschichte nun der Raum zum Weltraum, treten Individuen und Gruppen in dichtere globale Beziehungen, so ist vielleicht noch wichtiger, dass nun auch die Zeit immer verfügbar wird. War die Zeit stets unangreifbar, unheimlich, tötend, so bleibt sie zwar immer noch ganz anders transzendent als der Raum. Sie nimmt aber doch auch wiederum eine neue Qualität an: Die Zukunft dringt immer mehr in die Gegenwart ein." (S. 34f.)

 

[9] Wahrscheinlich wurde es von Georges Gurvitch geprägt. Vgl. ders., The Spectrum of Social Time, Dordrecht 1964, S. 33. Zu der von sozialdemokratischen Regierungen in Skandinavien geforderten Zukunftsforschung vgl. beispielhaft den Länderbericht Schweden von Peter H. Moll und Henning Dunckelmann, in: Kreibich, Zukunftsforschung, S, 284ff.
[10] Vgl. Günter Heyden (Hg.), Gesellschaftsprognostik - Probleme einer neuen Wissenschaft, Berlin [DDR] 1968, bes. die Beiträge von Siegfried Grundmann und Adolf Bauer.
[11] Reinhard Göttner/Peter Fischer, Was soll, was kann Prognostik?, Leipzig etc. 1973, S. 40.
[12] Vgl. Robert Jungk, Prag hat seinen Brain-Trust, in: Die Zeit, Nr. 15/1968, sowie Flechtheims Vorwort von 1972 zur deutschen Ausgabe des Richta-Reports, zuletzt abgedruckt in: Ders., Vergangenheit im Zeugenstand der Zukunft, Berlin 1991, S. 502ff. Der Name bezog sich auf den Hauptautor Radovan Richta.
[13] Richard F. Behrendt, Dynamische Gesellschaft. Über die Gestaltbarkeit der Zukunft, Bem/Stuttgart 1963, S . 158.
[14] Vgl. Pierre Berteaux, Mutation der Menschheit. Diagnosen und Prognosen, Frankfurt 1963. Fritz Baade (Der Wettlauf zum Jahre 2000. Unsere Zukunft: ein Paradies oder die Selbstvemichtung der Menschheit?, Berlin 1960, S. 255f.) zog den Vergleich zur Abschaffung des Kannibalismus.

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Dass angesichts von wissenschaftlichen und technischen Umstürzen "die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Institutionen besonders eklatant hinter den Erfordernissen der Stunde Zurückbleiben, wird immer mehr zum Grundproblem unserer Epoche", so Flechtheim. (S. 36) 

Die Planung der Zukunft sei also kein rein technokratisch zu meisterndes Problem, sondern sei wichtiger Teil des Gesellschaftsdenkens. Damit unterschied sich Flechtheim grundlegend vom Herangehen etwa Herman Kahns und seines Hudson Institute, das die Planung der Zukunft als rein technisch-mathematisches Projekt bei unverändertem politischem Status quo ansah.[15]

Andererseits habe etwa Robert Heilbroner schon früh unterstrichen, dass die Gegenwart als Teil künftiger Geschichte und somit beide als Komponenten des Denkens über die Zukunft begriffen werden müssten.[16] "Der Geschichtsphilosoph erliegt freilich oft der Gefahr, den historischen Prozeß allzu vereinfachend als einheitliche Theodizee zu deduzieren, während die rein positivistische Geschichtsschreibung oder gar Chronologie leicht die Verbundenheit von Vergangenheit und Zukunft aus dem Auge verliert“, warnte Flechtheim. (S. 75) Doch die methodisch fortgeschrittene Geschichtswissenschaft der Gegenwart erkenne, dass ihr Gegenstand auch einen auf die Zukunft gerichteten Aspekt habe. Das Verhältnis des Historikers zur Zukunft müsse nicht nur agnostisch, es könne auch prognostisch sein, schrieb Karl Dietrich Erdmann: „Die Vergangenheit wird ein Modus der Zukunft, es gibt nichts mehr als Zukunft; unser Urteil ist in dieser Sicht nur dann sachgerecht, wenn es aus allen Zeiten das Element Zukunft hervorliest, das Tote zum Gerümpel wirft und sich selbst auf die Zukunft hin angelegt und entworfen sieht."[17] Die Geschichtswissenschaft könne, so Flechtheim, wie die Wissenschaft von der Politik, das Ihre zur Diskussion über die Zukunftsforschung beitragen.

Über Jahrhunderte hinweg sei die Gesellschaft durch eine nahezu gleichbleibende Technik und Produktionskraft charakterisiert gewesen, schrieb Flechtheim unter Bezug auf Franz Borkenau.[18] Auch war es lange Zeit "in der Regel nur eine winzige Minderheit, die in ihren expressiven Leistungen Trägerin des geistigen und Kulturprozesses im engeren Sinn war. Die großen Schöpfungen der Kunst und Literatur, der Religion und Ethik sollten so lange 'Theorie', d.h. 'Ideologie' oder 'Utopie' bleiben, wie die materiellen Voraussetzungen der Verwirklichung mehr oder weniger fehlten." (S. 81) In der Gegenwart seien diese Voraussetzungen jedoch gegeben. Der technische Fortschritt, so urteilte Flechtheim linear, ermögliche es, dass immer mehr Menschen an der Erschließung wie am Schaffen von Kultur teilhaben könnten.

 

[15] Vgl. z. B. Herman Kahn/Anthony J. Wiener, The Year 2000: A Framework for Speculation on the Next 33 Years, New York 1967. 
[16] Flechtheim bezog sich hier auf Robert L. Heilbroner, The Future as History. The Historic Currents of our Time and the Direction in Which they Are Teaching America, New York 1960. 
[17] Karl Dietrich Erdmann, Historische Prognosen - rückschauend betrachtet, in: Erich Beck (Hg.), Die Idee des Fortschritts, München 1963, S. 59. 
[18] Vgl. Franz Borkenau, Praxis und Utopie, in: Karl Marx. Auswahl und Einleitung: Franz Borkenau, Frankfurt 1956, hier S. 32.

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Eine solche gleichberechtigte Teilhabe an den materiellen und geistig-kulturellen Gütern -- dies seien „Grund- und Urwerte des Menschen“, ihre Verwirklichung sei „stets ein Vorstoß in die Zukunft, Antizipation einer besseren Welt, damit aber auch Sieg der Utopie über die Ideologie, ein Sieg, der aber immer wieder neu errungen werden muß.“ (S. 225) Diese konkrete Utopie, die Antizipation einer besseren Welt, sei mehr als ein bloßer Aufruf zum Handeln.

Als interdisziplinär orientierte Prognoselehre habe die Futurologie, wie Flechtheim detailliert ausführte, bereits Voraussagen auf verschiedenen Gebieten entworfen, die den üblichen wissenschaftlichen Verfahren an Genauigkeit und Sicherheit entsprechen. Im Bereich der Planungswissenschaften, die ihrerseits in der Entwicklung begriffen seien, sei die Futurologie in die Gruppe der angewandten Disziplinen einzuordnen. Ihre Bedeutung wachse insbesondere als Bestandteil einer Friedensplanung im Atomzeitalter. (S.247)

Damit sei das Problem allgemein-menschlicher Wertvorstellungen verbunden. Dass der Mensch im Atomzeitalter nur überleben könne, wenn er nach Frieden strebe, sei natürlich eine vorwissenschaftliche Annahme. Doch sei es eine Funktion der Futurologie, Möglichkeiten herauszufinden, inwieweit Wertentscheidungen Einzelner und besonders gesellschaftlicher Gruppen in Zukunft miteinander koexistieren oder kollidieren -- zumal in Konfliktsituationen.

Angesichts eines Wertepluralismus könne keine Wissenschaft, auch nicht die Futurologie, "eine Totalität kategorischer Imperative aufstellen: Als Wissenschaft kann daher auch die Futurologie nicht beweisen, dass der Mensch oder die Menschheit stets und überall dieses oder jenes tun oder unterlassen müßte." (S. 262) Doch müsse die Futurologie "um einen Wahrheitsbegriff bemüht sein [...], der am Gegebenen, Möglichen und Wünschbaren in Vergangenheit und Zukunft orientiert ist." (S. 263) Damit lehne sie den Anspruch der Machthaber, zu entscheiden, was richtig oder falsch ist, ab. Ob und wie die Futurologie über bloßen Fortschrittsglauben hinausgehe, sich in diesen Erkenntnisprozessen als selbständige Wissenschaft etabliere oder bis zu welchem Grade sie mit anderen Disziplinen verbunden bzw. ein Teil von ihnen bleibe, solle künftiger Entwicklung überlassen bleiben. (S. 265)

Die Zukunft dürfe keinesfalls dem Selbstlauf überlassen bleiben, dazu seien die Gefahren, die das Zusammenleben der Menschen bedrohten, viel zu drängend.[19] Dies seien "die physische Ausrottung der Menschheit oder eines großen Teils von ihr zusammen mit der Zerstörung des menschlichen Habitats; die Verelendung eines erheblichen Teiles der sogenannten Zwei-Drittel-Welt; die Repression der Menschen überall in der Welt; die Zerstörung der wesentlichen Lebensgrundlagen der natürlichen Umwelt der Menschheit; die psychische Deformierung des Menschen in Nord und Süd, Ost und West. Die Optimallösungen können mit den folgenden Schlagworten angedeutet werden: Institutionalisierung des Weltfriedens: Planung der Weltbevölkerung und Sicherung eines ausreichenden Lebensunterhalts für jeden Menschen; Humanisierung des Staates und Demokratisierung der Gesellschaft; Schutz der Natur vor dem Raubbau des Menschen; Fortbildung des Menschen zu einem kreativen Geschöpf und Schöpfer.“ (S. 312)

[19] Isaac Asimov warnte 1971 vor genau diesem Selbstlauf mit den Worten: „Die gute Erde stirbt“ - wenn nicht eine human orientierte Weltregierung nach planetarischen Lösungen sucht. 
Asimovs Essay erschien mit diesem Titel zuletzt in: Aufbau, 71, 2006, Nr. 9, S. 31. 

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"Das Versagen der Menschen bei der Lösung der ersten Aufgabe dürfte das Ende der Kultur für Jahrhunderte, wenn nicht endgültig, bedeuten. Von der Art und Weise, wie der zweite, dritte und vierte Aufgabenkreis gelöst werden wird, wird die Antwort auf die fünfte Frage weitgehend abhängen.“ Dabei habe die Menschheit nicht mehr allzu viel Zeit. Die Rettung des Homo humanus erfordere den massiven Einsatz aller humanen Mittel -- die Futurologie könne und müsse hierzu einen entscheidenden Beitrag leisten. (S.313)

Summarisch sah Flechtheim drei, in sich jedoch differenzierte Alternativen gesellschaftlicher Entwicklung für das Ende des 20. und den Beginn des 21. Jahrhunderts als möglich an: „Das erste und vielleicht nicht einmal unwahrscheinlichste Modell wäre in der Tat das Ende der Menschheit oder zumindest der Untergang der modernen Zivilisation als Folge verheerender Kriege. Das zweite Modell liefe dagegen auf eine relative Stabilisierung bürokratisch-technokratischer Regime der Rüstung und Raumfahrt hinaus, die mit dem Begriff NeoCäsarismus umschrieben werden könnten. Die dritte und vielleicht sogar wenigst wahrscheinliche Variante der Entwicklung im 20. und 21. Jahr­hundert wäre eine solidarische Weltföderation mit Planung der Zukunft der Menschheit im Dienste von Frieden, Wohlfahrt und Kreativität.“ (S. 37)

Auf diese Alternativen stoße man auch, wenn man idealtypisch die existenten Gesellschaftssysteme und ihre Entwicklungsperspektiven ins Auge fasse. 

  1. Die noch bestehenden vorkapitalistischen Gesellschaften dürften recht bald der Vergangenheit angehören; 

  2. Die „tradierte bürgerliche Demokratie“, für die eine „Hegemonie des Zivilsektors, Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit“ typisch seien, werde ,wohl an Gewicht eher verlieren“; 

  3. „Eine funktional stratifizierte Gesellschaftsordnung mit wachsender bürokratisch-technokratischer Zentralisierung und Militarisierung“, für die „das hervorstechende Beispiel“ das „bolschewistische Regime in Rußland“ biete, sei „alles andere als endgültig.“ Die Frage sei, ob sich eine Gesellschaft sowjetischen Typs eher zum vierten oder fünften System hin entwickele. Denn...

  4. ... sei eine „sozial-kapitalistische oder auch kollektivistische Gesellschaft mit voll entfalteter zentralistisch-bürokratischer Reglementierung und Militarisierung“ denkbar. Eine solche neocäsaristische Diktatur, ganz gleich, ob sie offen diktatorisch oder demokratisch bemäntelt auftrete, würde die noch vorhandenen sozialistischen Elemente der Sowjetgesellschaft zugunsten einer Ausbeuterordnung auslöschen. 

  5. suchte sich Flechtheim "eine abgerüstete klassenlose Weltföderation" vorzustellen, "die im Geiste eines weltweiten solidarischen Humanismus ihre Probleme gewaltfrei lösen würde; eine Annäherung hierzu würde eine Privilegien, Bürokratie und Militarismus abbauende sozialistische Demokratie darstellen." (S. 317)

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Diese Annäherung könne durchaus in mehreren Schritten erfolgen, schrieb Flechtheim und bezog sich erneut auf Harold Laskis <Revolution by consent>. (S. 383) Er erinnerte auch an Thomas Mann. Der Schriftsteller hatte im Mai 1950 in einer -- angesichts des Zeitklimas in den USA mutigen -- Rede in der Universität Chicago gemahnt: „Die bürgerliche Revolution muß sich ins Ökonomische fortentwickeln, die liberale Demokratie zur sozialen werden. Jeder weiß das im Grunde; wenn Goethe gegen Ende seines Lebens erklärte, jeder vernünftige Mensch sei doch ein gemäßigter Liberaler, so heißt das Wort heute: Jeder vernünftiger Mensch ist ein gemäßigter Sozialist."20

Unter den von ihm genannten Möglichkeiten, so Flechtheim, sei indes die Errichtung eines oder mehrerer neocäsaristischer Regimes die wohl wahrscheinlichste. Eine solche Ordnung könne auf privatkapitalistischer oder auf etatistischer Grundlage funktionieren.[21] Denkbar sei eine Zunahme des staatlichen Dirigismus in den kapitalistischen Ländern. Ein gleichfalls denkbares "Zurück zur liberalen Waren- und Konkurrenzgesellschaft hätte katastrophale Folgen." (S. 321) Würde der kapitalistische Westen oder der östliche Block diesen Weg gehen, wäre ein noch schnellerer Abbau der Demokratie die Folge

Zugleich würden Rüstung und Militarisierung nicht gestoppt, sondern überall verstärkt werden. Eine Auflösung der Militärblöcke sei indes als Konsequenz einer durchgreifenden internationalen Entspannung denkbar, hielt Flechtheim fest.[22] Doch auch die Erosion eines der beiden Wirtschaftssysteme würde das militärische Gleichgewicht, ohne für Frieden zu sorgen, zerstören. 

In jedem der beiden Fälle würde dann jedoch auch die Frage einer deutschen Wiedervereinigung neu aufgeworfen. Flechtheim vermochte sich vorzustellen, ohne dies zu prognostizieren, dass innerhalb eines abgerüsteten Europa eine Volks­abstimmung über eine Wiedervereinigung in etwa zwanzig Jahren -- Flechtheim nannte 1990 als möglichen Termin -- entscheiden könne. (S. 369) Er berief sich auf den Völkerrechtler Eberhard Menzel, der 1966 genau dies geschrieben hatte. Eine deutsche Vereinigung sei vielleicht zu dieser Zeit so Menzel, im Rahmen eines gesamt­europäischen Sicherheitssystems denkbar.[23] Mit ihren Intentionen waren Flechtheim und Menzel optimistischer als der Atomphysiker Leo Szilard, der für das Jahr 1985 den Wahlsieg einer nationalistischen Volkspartei in der Bundesrepublik in Rechnung stellte, die den Prozess der politischen Entspannung mit dem Osten verhindere.[24]

 

[20] Thomas Mann, Meine Zeit. Vortrag, gehalten in der Universität Chicago, Mai 1950, Amsterdam 1950, S. 34.
[21] Dass eine solche Ordnung ökonomisch längere Zeit funktionieren könne, bestritt bereits 1948 Guenther Reimann. Sie werde vielmehr zur totalen wirtschaftlichen Desintegration und zum Zusammen­bruch aller Gesellschaftsstrukturen führen. Vgl. Guenther Reimann, What is a Fascist Economy?, in: Feliks Gross (Hg.), European Ideologies. A Survey of Twentieth Century Political Ideas, New York 1948, S. 710.
[22] Für eine solche, schrittweise herbeizuführende Entspannung mittels Konversion der Rüstungsindustrie (d.h. ihrer Umwandlung in eine nichtmilitärische Ökonomie) plädierte u.a. Arthur I. Waskow, Looking Forward: 1999, in: Jungk/Galtung (Hg.), Mankind 2000, S. 85ff.
[23] Vgl. Eberhard Menzel, Deutschland und die Weltpolitik im Jahre 1985, in: Atomzeitalter, 1966, Nr. 3, S. 73f. In einer Umfrage der Zeitschrift europäische ideen (HeftlO-11/1975, S. 5f.) über die Chancen einer deutschen Wiedervereinigung meinte Flechtheim, diese sei erst möglich, wenn „einmal Staatsmänner in das Capitol und in den Kreml gelangen, die ein liberal-sozialistisches Europa nicht mehr als Bedrohung" empfinden würden. Dies setze indes eine politische Demokratisierung im Osten wie eine wirtschaftliche Demokratisierung im Westen voraus.
[24] Vgl. Leo Szilard, Die Stimme der Delphine. Utopische Erzählungen, Reinbek 1963, S. 75.

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Noch 1967 hatte Flechtheim den Gedanken, dass der Sowjetblock sich in Richtung Kapitalismus entwickeln könnte, entschieden verneint.[25] Er hatte damals an Walther Rathenau erinnert, der in den Tagen der deutschen Kriegsniederlage 1918 geschrieben hatte, binnen eines Jahrhunderts werde „der praktische Gedanke des Ostens so restlos verwirklicht sein, wie heute der praktische des Westens“ - die Russische Revolution werde das Prinzip der sozialen Gleichheit weltweit ebenso durchsetzen, wie die Französische Revolution die bürgerliche Rechtsgleichheit durchgesetzt habe.26 

Eine andere Aussage Rathenaus sei hier genannt. Im Mai 1919 hatte er geschrieben: „Nach einigen Jahrzehnten werden die Nachkommen der jetzigen russischen Diktatoren einige fest zusammenhängende Adelsklassen bilden, die, ohne sich organisch von neuen Kräften durchdringen zu lassen, über die Hunderttausende des Landes herrschen werden. Nein, Diktatur kann den wahren Sozialismus nicht bringen.“27

Welchem Wirtschaftsprinzip eine neocäsaristische Diktatur folgen werde, sei nicht entscheidend, so Flechtheim. In jedem Fall würden die Menschen ihrer persönlichen und politischen Freiheiten beraubt werden. Dieser Raub lasse sich sogar durch plebiszitäre und andere pseudodemokratische Rituale bemänteln. „Demokratische Formen mögen konserviert werden, würden aber wohl immer mehr zum schmückenden Beiwerk werden. Wie der klassische würde auch der moderne Cäsarismus ein nach-republikanisches und -demokratisches, wenn nicht gar auch hier und da ein post-faschistisches Regime darstellen. Auch wenn sich die neuen Cäsaren bei der Verlängerung ihrer Amtszeit gern auf ihre demokratische Legitimation berufen werden, wären sie nicht so sehr traditionale, sondern eher charismatische Führer einer Gesellschaft, die freilich doch noch zum Teil rational und legal strukturiert wäre.“ (S. 322)

25 Vgl. Ossip K. Flechtheim, Bolschewismus 1917-1967. Von der Weltrevolution zum Sowjetimperium, Wien 1967, S. 229. Dies hatte Georg von Wrangel (Wird der Ostblock kapitalistisch? Die kommunistischen Wirtschaflsreformen und ihre Bedeutung, München 1967) nicht ausgeschlossen. Schon lange vor ihm schrieb - von einer ganz anderen politischen Position her - Leo Trotzki (Verratene Revolution. Was ist die Sowjetgesellschaft und wohin treibt sie?, Zürich 1937, Neuausgabe Essen 1990) von der Möglichkeit der „Umwandlung der Sowjetbürokratie in eine neue Klasse“ (S. 285), die eine „bürgerliche Konterrevolution“ betreiben könne (S. 290).

26 Walther Rathenau, Der Kaiser. Eine Betrachtung, Berlin 1919, S. 55. Vgl. Flechtheim, Bolschewismus 1917-1967, S. 237.

27 Rathenau im Gespräch mit Lore Karrenbock, hier zit. nach Peter Berglar, Walther Rathenau. Seine Zeit, sein Werk, seine Persönlichkeit, Bremen 1970, S. 21 lf. Literarisch gestaltete wohl zuerst Michail Bulgakow in seiner meisterhaften Erzählung Hundeherz die Verwandlung kommunistischer Funktionäre in entseelte Despoten und neo-absolutistische Herrscher.

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Flechtheim stimmte Aldous Huxley zu, der in seinem Groß-Essay <The Brave New World Revisited> eine allmähliche Veränderung des Wesens der Demokratie im Sinne einer strukturellen Gewalt befürchtet hatte; „die wunderlichen altmodischen Formen - Wahlen, Parlamente, Verfassungsgerichtshöfe und alle übrigen - werden bleiben, aber die ihnen zugrunde liegende Substanz wird eine neue Art von gewaltlosem Totalitarismus sein. Alle die traditionellen Namen, alle die geheiligten Schlagworte werden genau das bleiben, was sie in der guten alten Zeit waren. Demokratie und Freiheit werden das Thema jeder Rundfunksendung und jedes Leitartikels sein - aber Demokratie und Freiheit in dem Sinn, den ihnen der Sprecher oder der Schreiber geben wird. Mittlerweile werden die herrschende Oligarchie und ihre gutgedrillte Elite von Soldaten, Polizisten, Gedankenverfertigem und Gehimmanipulatoren hübsch stille das ganze Werk so laufen lassen, wie es ihnen paßt.“28

Flechtheim schrieb, dass der begrüßenswerte Fortschritt in der Computer- und Kommunikationstechnologie, der ungeahnte Perspektiven eröffne, auch genutzt werden könne, um eine dauernde Manipulationsmaschine immer weiter zu perfektionieren.29 Sie könne die so beeinflussten Menschen dazu bringen, die eigenen Interessen nicht mehr wahrzunehmen. Der „Neokonservatismus“, für den in Deutschland Franz-Josef Strauß, aber auch Pasqual Jordan stünden, habe sich von der Gegnerschaft zur Massen­demokratie, die traditionell-konservative Zukunftsdenker wie Alexis de Tocqueville oder Friedrich List pflegten, losgesagt. (S. 46)

Insbesondere habe er auch die Technikfeindschaft des überlieferten Konservatismus überwunden. Stattdessen suchten die neokonservativen Wortführer modernste technische Errungenschaften in den Dienst ihrer Auffassungen zu stellen. (S. 16) Damit korrigierte Flechtheim auch die - ansonsten sehr hellsichtigen - damaligen Ansichten Karl Steinbuchs. Der renommierte Nachrichtentechniker hatte in seiner Streitschrift Falsch programmiert das Zurückbleiben der intellektuellen und akademischen Kultur der Bundesrepublik gegenüber den USA und sogar der Sowjetunion konstatiert, doch dafür einseitig die Technikfeindschaft der konservativen „Hinterwelt“, der herrschenden Eliten, verantwortlich gemacht, damit jedoch deren Flexibilität und vor allem ihre ökonomischen Interessen unterschätzt.30

 

28 Hier zit. nach der deutschen Ausgabe: Aldous Huxley, Dreißig Jahre danach oder Wiedersehen mit der „Wackeren Neuen Welt“, München 1960, S. 144. Noch zugespitzter formulierte Albert Camus: „Wenn wir die Rechtsbrüche und die vielfältigen Mißbräuche zusammenzählen, von denen heute die Rede war, können wir den Tag voraussehen, da sich in einem Konzentrationslager-Europa nur noch Gefängniswärter auf freiem Fuß befinden. Auch sie werden sich gegenseitig ins Gefängnis stecken müssen, bis nur noch einer übrigbleibt, der zum Oberaufseher ernannt wird, und so gelangen wir zur vollkommenen Gesellschaft, in der die Probleme der Opposition, dieser Nachtmahr aller Regierungen des 20. Jahrhunderts, endlich und endgültig erledigt sein werden.“ Albert Camus, Brot und Freiheit. Ansprache vom 10. Mai 1953 an der Arbeitsbörse von St.-Etienne, in: Ders., Verteidigung der Freiheit. Politische Essays, Reinbek 1968, Neuauflage 1993, S. 47.

29 Robert Jungk (Der Jahrtausendmensch. Bericht aus den Werkstätten der neuen Gesellschaft, München 1973, S. 217) sah hingegen in einer mit Computern ausgerüsteten Welt Chancen für eine echte Demokratisierung. Der Heimcomputer werde viel stärker als bisher die unmittelbare Teilhabe an Wahlen und anderen Entscheidungsprozessen ermöglichen. Zu hoffnungsvoll waren damals die Zukunftsforscher, wenn sie meinten, der Computer werde die riesigen Papiermassen beseitigen und somit umwelterhaltend wirken. Sie unterschätzten das Bedürfnis, beinahe jedes Wort nicht nur zu speichern, sondern auch auszudrucken. Zudem hat die von der Werbeindustrie produzierte Papierflut eine sintflutartige Dimension angenommen. Für eine optimistische Prognose vgl. A. L. Samuel, Die Abschaffung des Papierwustes, in: Robert Jungk/Hans Joachim Mundt (Hg.), Unsere Welt 1985, München 1965, bes. S. 311 und 313.

30 Karl Steinbuch: <Falsch programmiert. Über das Versagen unserer Gesellschaft in der Gegenwart und vor der Zukunft und was eigentlich getan werden müsste>, Stuttgart 1968, hier zit. nach der Münchner dtv-Ausgabe 1974, S. 20.

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Welche Formen des Widerstandes würden sich gegen diese Politik der Konservativen entwickeln?, fragte Flechtheim. Der Klassenkampf sei keineswegs überholt. Neben den traditionellen Klassengegensätzen entwickelten sich indes neue Widersprüche. So seien der Kampf um die Gleichberechtigung der Frau, namentlich in Entwicklungsländern, die ethnischen Gegensätze, aber auch ein verstärkter Nationalismus als Reaktion auf die kapitalistischen Integrationsbemühungen, nicht zuletzt das Ringen um ein umwelt­verträgliches Leben große Herausforderungen für die Dritte Kraft, für jene demokratischen Sozialisten jenseits von Kapitalismus und Sowjetsystem, die Flechtheim mit diesem Buch vor allem erreichen wollte. Dazu bedürfe es einer Verständigung darüber, was diese Dritte Kraft erreichen wolle und könne.

Selbst wenn im vorläufigen „Remis zwischen Kapitalismus und Kommunismus“ (S.349) die Gefahr des alles verschlingenden Atomkrieges gebannt wäre, könnten kleinere Staaten als Benachteiligte im System des Neocäsarismus zu drastischen, bisher unbekannten Formen der Kriegführung greifen. Sie wüssten um die Verwundbarkeit der entwickelten Länder und ihrer Infrastruktur. Flechtheim zitierte Johan Galtungs Befürchtung: „Sie wissen, daß zehn Lastwagen mit Dynamit in den Tunnels und auf den Brücken, die nach Manhattan führen, mehr ausrichten können als irgendwo sonst in der Welt. Der angestaute Haß kann stark genug sein, um dieses Wissen in die Tat umzusetzen.“ (S.325) [31]

Welche Rolle die Religion in künftigen Konflikten spiele, sei offen. Flechtheim warnte aber davor, sie im Zeitalter des Rationalismus und der Technikanbetung als bloßes, wenngleich überdimensionales Relikt der Vergangenheit zu sehen.[32] Im „Reich der Werte, der Stile, der emotionalen Bindungen“, das -- der auch von Flechtheim zitierte -- Robert MacIver als ersten Kulturbereich bezeichnete,[33] könne die Religion „zur hierarchisch gesteuerten Tröstung 

 

[31] Das Origmalzitat findet sich bei Johan Galtung, Über die Zukunft des internationalen Systems, in: Futurum, 1, 1968, S. 110. Galtung weiter: „In der menschlichen Geschichte gibt es viele Beispiele dafür, daß unterdrückte Gruppen auch ohne Siegesaussichten zu den Waffen gegriffen haben, um sich Gehör zu verschaffen, sich zu rächen oder ganz einfach, weil dies in einer ohnehin aussichtslosen Lage als das kleinste Übel erschien.“ Galtungs Beitrag ist auch abgedruckt in: Ossip K. Flechtheim (Hg.), Futurum, München 1980, S. 49ff. 
Der später als Reformkommunist hervorgetretene Dieter Klein bestritt den von Galtung und Flechtheim hervorgehobenen Nord-Süd-Gegensatz, der den Ost-West-Konflikt überlagern könne. Bei einer solchen Interpretation handele „es sich um einen imperialistischen Versuch, einen Keil zwischen die sozialistischen und die Entwicklungsländer zu treiben“ und um „eine Widerspruchskonstruktion“, die „den Tatsachen widerspricht.“ Dieter Klein (und Autorenkollektiv), Futurologie und Zukunftsforschung - untaugliches Mittel einer überlebten Gesellschaft, Berlin [DDR] 1972, S. 243. 
An anderer Stelle äußerte sich Klein aber schon damals nuancierter. Vgl. ders., Die Konflikte des Spätkapitalismus und ihre Entwicklungstendenzen - Aufgaben wissenschaftlicher Gesellschaftsprognose, in: Futurum, 2, 1969, S. 33ff., nachgedruckt bei Flechtheim (Hg.), Futurum, S. 93ff. Klein unterhielt zu Flechtheim persönlichen Kontakt und besuchte ihn sogar zu Hause. Mitteilung Prof. Kleins an den Verfasser vom 4. September 2006.

[32] Im Bolschewismus-Buch hatte Flechtheim ein allmähliches Wiederaufleben der Religion in der Sowjetunion konstatiert. Vor allem die nichtchristlichen Religionen, die nicht mit dem Stigma früherer Kollaboration mit dem Zarismus verhaftet seien, fänden wachsenden Zulauf, darunter Islam und Buddhismus. Vgl. Flechtheim, Bolschewismus 1917-1967, S. 159f.

[33] Robert MacIver und Charles H. Pages: <Society. A Textbook of Sociology>, London 1952, S. 105, 446, 498, 603. Davon unterschieden MacIver und Pages den zweiten Kulturbereich, der die Beziehungen des Menschen zu seiner natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt umfasse. In diesem Werk ist auch der Zusammenprall der Kulturen („clash of cultures“) erstmals benannt (vgl. S. 308, 579f)

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über die Ungerechtigkeit und zum 'Opium' gegen die Entfremdung“ werden, wie auch Kunst und Wissenschaft als zeitweilige Fluchtmöglichkeiten vor der Realität dienten. (S. 84) 

Als gesellschaftlicher Kraft sei der Religion ein Doppelcharakter eigen: Sie könne als Flucht aus der Realität dienen oder auch den Status quo rechtfertigen. Die religiösen Schriften und Leitsätze könnten Gewalt gegen so genannte Ungläubige zur Maxime des Handelns erheben und die Zivilisation gefährden. Doch könne die Religion auch in ganz anderer Weise auf die Gesellschaftskrise reagieren. Eine Krise liege dann vor, wenn die Disparitäten, Diskrepanzen oder Disproportionen entscheidende Funktionen einer Gesellschaft derart beeinträchtigen würden, dass nicht mehr von einem relativen Gleichgewicht, einer gewissen Symmetrie und Harmonie, einem Mindestmaß an Einheit und Harmonie gesprochen werden könne, wenn „die ganze sozialkulturelle Pyramide sozusagen auf dem Kopf bzw. auf der Spitze [steht], so daß das Equilibrium höchst prekär ist.“34

In Reaktion auf gesellschaftliche Krisenprozesse „verjüngt“ sich gegenwärtig das christliche Lager. „Zunächst im Protestantismus, nun aber auch schon im Katholizismus, machen sich radikale Reformbestrebungen bemerkbar, die die Religion und Theologie als Ideologie der Rechtfertigung überlieferter Besitz- und Herrschaftsordnungen und als Vertröstung der Zukurzgekommenen auf das Himmelreich ablehnen und statt dessen in ihr eines der Mittel der Humanisierung des Diesseits in der Gegenwart und Zukunft sehen wollen.“ (S. 379) Die „großen geschichtlichen Gegensätze“ wie Christentum-Islam oder Katholizismus-Protestantismus hätten sich nie aufgelöst, aber auch nicht mit einem endgültigen Sieg der einen oder anderen Seite geendet. (S. 140) 

Schon allein deshalb müsse auch die Zukunftsforschung mit der Religion als künftig geschichtsmächtiger Kraft weiter rechnen.35 Ebensowenig sei ein totaler Sieg des Kommunismus oder des Kapitalismus wahrscheinlich. 

Dies war ein Grundgedanke Flechtheims: Selbst wenn das eine oder andere System empfindliche Rückschläge erleide, blieben seine Wertvorstellungen im Denken vieler Menschen verankert, und daraus könne die unterlegene Seite Kraft zu einem neuen geschichtlichen Anlauf schöpfen. Offen sei, ob eine solch langfristig entstehende Ordnung die Vereinigung der negativen, repressiven Bestandteile oder eine qualitativ neue und humanere Synthese der besten Elemente beider Lager sei. Die Industrialisierung der Entwicklungsländer - vielleicht sogar Chinas - werde auf lange Sicht ohnehin nicht nach dem Schema Kapitalismus oder Kommunismus verlaufen, obgleich die Wirtschafts­gewaltigen und Ideologen der einen wie der anderen Seite dies wünschten. (Vgl. ebenda)

Immer wichtiger werde für die Richtung all dieser Entwicklungen die Rolle der geistig Tätigen. Ihre Zahl wachse in naher Zukunft rapide an. Da der geistige Schaffensprozess immer stärker mit den Produktionsabläufen verbunden sei, würden die Intellektuellen der Zukunft weit stärker unmittelbar auf strategische Entscheidungen Einfluss nehmen können und müssen. (Vgl. S. 377) 

34 Ossip K. Flechtheim, Die Krise unserer Kultur, in: Ders. (Hg.), Grundlegung der politischen Wissenschaft, Meisenheim 1958, S. 603.
35 Dies werde durch die Tatsache unterstrichen, daß der Sowjetkommunismus selbst viele religiöse Züge aufweise. Flechtheim (S. 319) verwies auf Thomas Mann, Meine Zeit, S. 29, der den Kommunismus als „neue Kirche“ bezeichnet hatte. 

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Flechtheim stimmte Arkadij Gurland zu, der diese wachsende Rolle der „rein ideologischen Stände“ betonte, die nicht losgelöst von Klassen- und anderen sozialen Verhältnissen existierten.36

Flechtheims Futurologie-Buch traf einen Nerv in der politischen Öffentlichkeit der Bundesrepublik jener Jahre. Im Zeitklima des kulturellen Wandels gewannen Stimmen, die ein Krisenbewusstsein artikulierten, doch nicht die Apokalypse beschworen, an Gehör.37 Auch die Idee des Dritten Weges und der Annäherungsprozesse beider Blöcke, so umstritten sie war und blieb, schien in einer Zeit der Verhandlungen zwischen Ost und West wenigstens diskutierbar. Die ersten vertraglichen Vereinbarungen beider deutscher Staaten und die Ablösung Walter Ulbrichts durch Erich Honecker in der DDR eröffneten im Westen Hoffnungen auf einen Wandel durch Annäherung, wie das populäre Wort lautete. Herbert Marcuses einst eher skeptisch aufgenommene These einer Konvergenz beider Supermächte schien nicht mehr ganz unwahrscheinlich.38

So wurde Flechtheims Buch im Westen meist positiv kommentiert. Christian Graf von Krockow benannte die mächtigen Interessen in Ost und West, die an einer Verewigung der bestehenden Lager und an der Fortdauer eines begrenzten Konfliktes zwischen ihnen interessiert seien. Aber auch die Establishments beider Seiten würden vielleicht eine Annäherung der Systeme nicht verhindern. Ob diese im positiven oder negativen Sinn erfolge - genau darum gehe es.39 

Robert Jungk verwies auf geschichtliche Situationen, "die zeigen, daß die Gegner, die meinen, von dem Sieg des einen oder des anderen hänge die Zukunft ab, in Wahrheit bereits beide die Schlacht verloren haben, weil am geschichtlichen Horizont etwas Drittes, weit Zukunftsträchtigeres, auftaucht." Nach dem Dreißigjährigen Krieg habe die europäische Aufklärung Katholizismus wie Protestantismus in der politischen Bedeutung überflügelt, heute könne dies mit Flechtheims futurologischer Idee vom Dritten Weg durchaus der Fall sein, schrieb Jungk enthusiastisch.40

36 A. R. L. Gurland, Zur Theorie der sozialökonomischen Entwicklung der gegenwärtigen Gesellschaft, in: Theodor W. Adorno (Hg.), Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft. Verhandlungen des 16. Deutschen Soziologentages, Stuttgart 1969, S. 59f.
37 Diese Veränderung des Zeitklimas, in dem Flechtheims Ideen endlich Gehör in der Öffentlichkeit fanden, hat Hermann Glaser, Kleine Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1945-1989, 2. Aufl., Bonn 1991, S. 341 f f , präzise geschildert. Rolf Kreibich benennt bereits das Jahr 1963 als wichtige Zäsur in der Zukunftsforschung der Bundesrepublik, da damals die von US-Präsident Kennedy verbreitete politische Aufbruchstimmung das Gefühl einer erfolgreichen Meisterung der Zukunft bewirkt habe. Vgl. Kreibich, Zukunftsforschung, S. 66f.
38 Bereits 1964 hatte Marcuse geschrieben: „Beide Systeme zeigen die allgemeinen Züge der spätindustriellen Zivilisation: Zentralisation und Reglementierung treten an die Stelle individueller Wirtschaft und Autonomie, Konkurrenz wird organisiert und rationalisiert, es gibt eine gemeinsame Herrschaft ökonomischer und politischer Bürokratien, das Volk wird durch die .Massenmedien* der Kommunikation, die Unterhaltungsindustrie und Erziehung gleichgeschaltet.“ Die - dennoch wichtige - Frage des Eigentums an den Produktionsmitteln sei demgegenüber zweitrangig, „solange die Produktion über die Köpfe der Bevölkerung hinweg zentralisiert und kontrolliert wird.“ Herbert Marcuse, Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus, Neuwied 1964, S. 89f.
39 Vgl. Christian Graf von Krockow, Ost-West-Konvergenz? Ein kritischer Literaturbericht, in: Futurum, 4, 1971, S. 75. Kritischer fiel hingegen die Besprechung von Hubert Rodingen (Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie, 58, 1972, S. 44lf.) aus, der Flechtheim entgegenhielt, Pragmatismus statt Utopie sei auch für die Analyse der Zukunft weiterführend.
40 Robert Jungk, Ist Futurologie ein Ausweg?, in: Freiburger Studentenzeitung, Sondernummer 1970: Futurologie und Zukunftsforschung, S. 42.

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Nüchterner wiesen Dietger Pforte und Olaf Schwenke auf Flechtheims Grundidee hin, wonach sich das Konzept einer kritischen Futurologie „inhumanem, undemokratischem Herrschaftsanspruch zu entziehen“ wisse.41 

Lob kam auch aus den Vereinigten Staaten: Alwin Toffler, der mit seinem Buch <The Future Schock> dort soeben einen ersten Bestseller der Disziplin gelandet hatte, würdigte Flechtheim, den „überaus höflich auftretenden deutschen Professor“, als „Gründungsvater der modernen Futurologie“ und propagierte, wie auch John Herz, seine Ideen in der amerikanischen Öffentlichkeit.42 Nicht nur Ota Sik schrieb zeitgleich mit Flechtheim über einen Dritten Weg, der die Gesellschaftssysteme in positiver Weise einander annähern und zudem die Kluft zwischen mikroökonomischen und makroökonomischen Entscheidungsprozessen verringern könne.43 

Vor allem war es der von Flechtheim als „beunruhigend und unbequem“ bezeichnete Bericht des Club of Rome, der einer breiten Öffentlichkeit aufzeigte, in welche Abgründe Wettrüsten, Umweltzerstörung und Unterentwicklung führten. Die Rolle des Erdöls als politischen Faktor analysierten aber weder dieser Bericht noch Flechtheim.44 

Innerhalb der Sowjetunion wie der DDR wurden Flechtheims Gedanken bemerkenswert unterschiedlich und keineswegs nur negativ beurteilt. 1967 hatte ein Prawda-Joumalist Flechtheim unter die „stillen Kreuzfahrer“ eingereiht, die auf leisen Sohlen das beabsichtigten, was den lautstarken Kalten Kriegern versagt geblieben war: die Aufweichung und schließlich die Zerstörung der Sowjetunion.45 Doch zwei Jahre später erkannte der Historiker Daniil Melnikow, ein Deutschland-Spezialist, dass „der bürgerliche Prognostiker, mag er auch ein überzeugter Anhänger des kapitalistischen Systems sein, genötigt [sei], harte Kritik an dem Konservatismus, der Voreingenommenheit und der Verantwortunglosigkeit der im Westen herrschenden Doktrinen und an dem verknöcherten politischen Denken der Politiker und Staatsmänner zu üben.“46 Dachte Melnikow hier wirklich nur an Politiker des Westens? Ein anderer Autor bezeichnete die Futurologie schlicht als die Wissenschaft des 20. Jahrhunderts.47

 

41 Dietger Pforte/Olaf Schwenke (Hg.), Ansichten einer künftigen Futurologie. Zukunftsforschung in der zweiten Phase, München 1973, S. 13.
42 Alvin Toffler (Hg.), The Futurists, New York 1972, S. 264. John Herz hielt im Frühjahrssemester 1973 am Graduate Center der City University of New York einen Kurs über Futurologie ab; vgl. Herz’ Vorlesungsnotizen in: SUNY Albany, John H. Herz Papers, Box 17, Folder: Lecture Notes on Futurology.
43 Ota Sik, Der dritte Weg. Die marxistisch-leninistische Theorie und die moderne Industriegesellschaft, Hamburg 1972. Sik wandte Methoden der u.a. von Horst Wagenführ initiierten interdisziplinären ökonomischen Zukunftsforschung auf sein Konzept des Gesellschaftswandels in Ost und West an. Vgl. zu Wagenführ auch Kreibich, Zukunftsforschung, S. 75ff.
44 Vgl. Ossip K. Flechtheim, Beunruhigend und unbequem (Rezension von Dennis Meadows u.a., Die Grenzen des Wachstums, Stuttgart 1972), in: Umwelt, Heft 4, 1972, S. 34ff.
45 N. Gribaöev, Tichye krestonoszy, in: Pravda vom 29. September 1967. 
46 D. Melnikow, Futurologie, in: Die Presse der Sowjetunion [Berlin-DDR], 1969, Nr. 82, S. 6.
47 S. Vladimirov, Futurologija: Nauka XX veka, in: NTO SSSR, 1968, Nr. 7, S. 22. Dies war die Zeitschrift der Wissenschaftlich-Technischen Gesellschaft der Sowjetunion. Futurologie, Ökologie und Sozialismus (1970-1998) 171 

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Georgij Schachnasarow bestritt hingegen den wissenschaftlichen Charakter bürgerlicher Zukunftsforschung, hob allerdings Flechtheims humanistische Position hervor.48 Auch Igor Bestushew-Lada, der führende Zukunftsforscher der UdSSR, unterschied deutlich zwischen Verteidigern des Kapitalismus wie Herman Kahn oder Anthony Wiener und kritischen Forschern wie Fritz Baade, Robert Jungk oder Ossip Flechtheim.49 Doch seien letztere keine Prognostiker in dem Sinn, daß sie mathematische oder natur­wissen­schaftliche Methoden bei der Erforschung künftiger Entwicklungen anwandten. Eher könne man sie als Autoren bezeichnen, die sich um das Zukunftsdenken in einem „fortschrittlichen“ Sinn bemühten.

Natürlich entwickeln Naturwissenschaftler oder mathematisch arbeitende Ökonomen ein anderes methodisches Instrumentarium als ein Sozialtheoretiker wie Flechtheim. Die verschiedenen Methoden der volkswirtschaftlichen Theorie, der Statistik, der Mathematik und Ökonometrie, so Input-Output-Analyse, lineares Programmieren, Operations Research oder Spieltheorie erfordern eine spezielle Ausbildung, über die ein Rechts- oder Politikwissenschaftler nicht verfugt. Dennoch bleibt es fraglich, ob ein Wirtschafts­wissenschaftler oder Mathematiker, ein Physiker oder Chemiker ohne die Verarbeitung sozialtheoretischer Schriften wie der hier besprochenen zu Fragestellungen über die Zukunft gelangen mag, deren hypothetische Antworten dann wiederum in neue interdisziplinäre, stets vorläufige Problemstellungen einfließen können. „Ständig weitergehende Expansion, immer größere thematische Differenzierung und steigender Einfluß - das sind in der Tat diejenigen Perspektiven, die sich abzeichnen, wenn wir die bisherige Entwicklung der Zukunftsforschung in die Zukunft projizieren“, meinte der Soziologe Helmut Klages.[50]

Igor Bestushew-Lada sah gerade in der UdSSR ein verstärktes Zukunftsdenken als dringendes Erfordernis. Doch nur der Marxismus-Leninismus sei zu einer wissenschaftlichen Prognose künftiger Entwicklungen imstande; daran ließ der sowjetische Autor keinen Zweifel. Dieser sei die theoretische Grundlage der sozialistischen Produktionsweise und eröffne „somit die breitesten Möglichkeiten für eine planmäßige Entwicklung der Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt.“51 Beinahe drei Jahrzehnte später sollte Bestushew-Lada Auszüge aus Flechtheims Futurologie in eine russische Quellensammlung zum Thema aufnehmen.52 

Jürgen Kuczynski nannte Flechtheim in der Ostberliner Weltbühne einen „ideologischen Feind“ und „zugleich einen Bundesgenossen im Kampf gegen Monopolkapital und Kriegstreiber.“ Flechtheims Buch könne Lesern in der DDR (wo es kaum beschaffbar war) nicht empfohlen werden, „es sei denn, um seine Äußerungen zu bekämpfen.“53 Frank Fiedler und Werner Müller, zwei Philosophieprofessoren der Leipziger Universität, lehnten zwar

48 Vgl. G. Ch. Sachnazarov, Fiasko futurologii (KritiCeskij oCerk nemarksistskich teorii obSCestvennogo razvitija), Moskau 1979, S. 343.
49 Vgl. I. Bestuzhev-Lada, Bourgeois „Futurology“ and the Future of Mankind, in: Toffler (Hg.), The Futurists, S. 194ff.
50 Helmut Klages, Die Zukunft der Zukunftsforschung, in: Emst Schmacke (Hg.), Zukunft im Zeitraffer. Düsseldorf 1968, S. 182f.
51 Bestuzhev-Lada, Bourgeois „Futurology“, S. 197.
52 Ossip K. Flechtgejm, Futurologija: Bor’b za buduäiee, in: I. V. Bestu5ev-Lada (Hg.), Vpered XXI vek: perspektivy, prognozy, futurologi, Moskau 2000, S. 247ff.
53 Jürgen Kuczynski, Futurologische Strömungen, in: Die Weltbühne, 66, 1971, S. 163.

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Flechtheims Futurologie-Begriff ab; der Marxismus-Leninismus allein sei „die Wissenschaft von der Zukunft.“54 Doch bestanden sie darauf, dass mit kritischen Zukunftsforschern wie Jungk und Flechtheim ein Dialog „von seiten der Marxisten-Leninisten gesucht und geführt werden muß, um ihr humanistisches Anliegen zeitgemäß und wirkungsvoll realisieren zu helfen.“55

Auch Alfred Bönisch, Professor am Institut für Gesellschaftswissenschaften, einer Einrichtung der SED, kam zu einem eher günstigen Urteil: „Flechtheim und andere bürgerliche Futurologen können durch ihre Appelle an die Öffentlichkeit, ihr Eintreten für Frieden und Abrüstung eine sehr positive Rolle spielen“, schrieb er.56 In ihren Dissertationen setzten sich Manfred Krautz und Dieter Grohmann sachlich und ohne übertriebene ideologische Polemik mit den Futurologen, darunter mit Flechtheim, auseinander.57 Ähnlich äußerte sich später ein sowjetischer Autor in den Philosophischen Wissenschaften, einer wichtigen Fachzeitschrift der Sowjetunion.58 Für Thomas Pfau blieb Flechtheim hingegen noch 1978 ein Stein des Anstoßes, da seine Schriften auf die Aufweichung des sozialistischen Lagers abzielten.59 

Die schärfste Kritik an Flechtheims Futurologie-Konzept blieb mit Claus Koch einem bundesdeutschen Publizisten Vorbehalten. Die „Botschaft der Futurologie“, schrieb dieser 1968 im Kursbuch, sei „die Botschaft des aufgeklärten, organisierten Kapitalismus im Schatten der Bombe“, sei eine „sozialtechnische Methode der Generalstrategie plankapitalistischer Krisenverhinderung“ wie auch die „ideologische Bestätigung einer Ordnung, die den Schleier des Neuen vorzieht, um alles beim Alten zu lassen.“ Als Komplizin des Kapitals habe die Futurologie, „auch wenn sie das nicht wahrhaben wolle, ihren Anteil an der Rechtfertigung und der Perpetuierung der organisierten Kriegs- wie Friedensverhinderung.“60 So treffend hätten dies sowjetische und DDR-Autoren kaum sagen können. Für Flechtheim stand fest, „daß eine Politik der Maximierung der Profite zugunsten einer Minderheit in den Industrienationen“ keinen Frieden oder Wohlstand, keine soziale Sicherheit und schon gar keine Hebung der Moral erbringen würde und „ein planloser, Rüstung und Raumfahrt forcierender technischer Fortschritt die Wiederherstellung des ökologischen Gleichgewichts“ erschwere.61

54 Frank FiedlerAVemer Müller, Zukunftsdenken im Kampf der Ideologien - eine Kritik der „Futurologie“, in: Rolf Kirchhoff (Hg.), Die marxistisch-leninistische Philosophie und der ideologische Kampf der Gegenwart, Berlin [DDR] 1970, S. 289.
55 Ebenda, S. 272 (Der Aufsatz erschien zuerst 1967 in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie). 
56 Alfred Bönisch, Futurologie. Eine kritische Analyse bürgerlicher Zukunftsforschung, Berlin [DDR] 1971, S. 216.
57 Manfred Krautz, Untersuchungen zur Futurologie im System des staatsmonopolistischen Kapitalismus Westdeutschlands, Diss., Technische Universität Dresden 1969; Dieter Grohmann, Futurologie und Ethik. Eine kritische Analyse philosophisch-ethischer Probleme in der bürgerlichen Zukunftsforschung, Diss. A, Universität Halle-Wittenberg 1977.
58 A. L. Gajsutis, Kritika futurologii O. K. Flechtcheima, in: Filosofskie nauki, 16, 1983, Nr. 4, S. 140 (Man beachte die unterschiedliche Transkription von Flechtheims Namen in den verschiedenen russischsprachigen Publikationen!).
59 Vgl. Thomas Pfau, Zur Kritik der sozialpolitischen Theorien des Ossip K. Flechtheim, Diss. A, Universität Halle-Wittenberg 1978.
60 Claus Koch, Kritik der Futurologie, in: JCursbuch, Heft 14, 1968, Zitate S. 2, 4 und 8. 
61 Ossip K. Flechtheim, Was denken die Futurologen über die Moral der Zukunft?, in: Rolf Italiaander (Hg.), Moral - wozu? Ein Symposium, München 1972, S. 263f.

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Es ermangele der Futurologie eines speziellen Gegenstandes, somit sei sie keine selbständige Wissenschaft, hielt Georg Lukacs fest. „Es gibt keine einheitliche Futurologie in dem Sinne, wie wir von einer einheitlichen Mathematik, Geometrie oder Physik oder Ökonomie sprechen können. In jeder gesellschaftlichen Wissenschaft ist ein futurologisches Element, das den Entwicklungsgesetzen der Wissenschaft entspricht.“ Gibt es denn futurologische Thesen und Verfahrensweisen, die in gleicher Weise in der Ökonomie wie der Astronomie angewandt werden können?, so Lukacs.62

Die Futurologie sei in der Tat eine neue Wissenschaft, deren Fragestellung sie von Einzelwissenschaften unterscheide, betonte Flechtheim. Ihre ureigene Fragestellung sei gerade, dass sie Möglichkeiten der Erkenntnis und Planung von Zukunft biete, aber natürlich keine Wunderrezepte gegen Probleme und drohende Gefahren bereithalte. Auf die Futurologie könne kaum mehr verzichtet werden: Nach der Technikbegeisterung der sechziger Jahre seien die Menschen in den siebziger Jahren mm zunehmend ernüchtert. Sie würden sich der Grenzen des Wachstums weit mehr bewusst. Für die Futurologie, die früher als andere Wissenschaften diese Problematik aufgezeigt habe, bestehe aber keinerlei Anlass zur Selbstgerechtigkeit. Vielmehr sei sie in eine zweite Phase ihrer Entwicklung eingetreten, in der sie stärker den moralischen Aspekt einer Neubestimmung des menschlichen Zusammenlebens untersuchen solle. 

„Die Demokratisierung von Staat und Gesellschaft setzt ein hohes Maß an Abrüstung und Frieden, die Stabilisierung der Bevölkerung und den Konsumverzicht zumindest der privilegierteren Gruppen, vor allem aber auch die Demokratisierung der patriarchalischen Familie, Schule und Kirche sowie den Abbau der autoritären Charakter­struktur voraus. Die Schaffung eines neuen kreativen Menschen setzt eine friedliche, relativ stabile und demokratische Welt voraus, genauso wie umgekehrt eine solche Welt kaum von dem alten Adam geschaffen werden kann.“

Gefragt sei allerdings kein „Übermensch“, sondern ein Wesen, das im Sinne von Teilhard de Chardin eher von immateriellen statt von materiellen Werten bestimmt sei. Die dem Gesetz des Marktes gehorchende kapitalistische Produktionsweise sei kein Naturgesetz: sie sei historisch entstanden und könne historisch in eine andere Zivilisationsform einmünden.63 Nötig sei ein beharrlicher Kampf jedes Einzelnen, aber auch von Organisationen der Arbeiterbewegung und möglicher neuer sozialer Bewegungen. Hier zeige sich erneut die Verantwortung der Intellektuellen. Sie vor allem müssten an einer „Synthese von Demokratie, Sozialismus und Pazifismus“ arbeiten - in gemeinsamen Anstrengungen und durch Beiträge eines jeden. (S. 276) Futurologie sei angewandte Friedensforschung; dieser Gedanke durchzog eine Reihe von Flechtheims Arbeiten.64

62 Georg Lukacs über Futurologie, in: Futurum, 3, 1970, S. 498f.
63 Ossip K. Flechtheim, Futurologie in der zweiten Phase?, in: Pforte/Schwenke, Ansichten, S. 19.
64 Vgl. u.a.: Der Dialog zwischen Ost und West, in: Die Zukunft [Wien], Heft 13/14, Juli 1965, S. llff.; Grundlagen der friedlichen Koexistenz, in: GMH, 16, 1965, S. 577ff; Von der Möglichkeit und Unmöglichkeit der Abrüstung, in: Werkhefte, 21, 1967, S. 108-115; Futurologie und Friedensforschung, in: Paderbomer Studien, Heft 2, 1973/74, S. 11-17; Keine Zukunft ohne Frieden, in: Das Gewissen. Zeitschrift für Lebensschutz, 20, 1975, Nr. 2, S. 5, Nr. 3, S. 3.

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Die vielen anregenden Passagen des Buches können aber ein Problem nicht verbergen: Flechtheim bewegte sich zwischen wissenschaftlicher Analyse, politischer Zeitdiagnose und utopischem Denken. Zugleich ist auch ein kulturpessimistischer Zug des linken Bildungsbürgers, der in seiner Jugend die Beseitigung der parlamentarischen Demokratie erleben musste, nicht zu übersehen. Dennoch suchte Flechtheim immer wieder nach hoffnungsvoll stimmenden Auswegen aus der scheinbaren politischen Sackgasse. 

Er beschloss das Buch mit einem Zitat Erich Fromms. (S. 397). "Die meisten Tatsachen scheinen darauf zu weisen", so dieser 1960, "daß der Mensch das Robotertum wählen wird, und das bedeutet auf lange Sicht Pathologie und Zerstörung. Und doch sind alle diese Tatsachen nicht stark genug, um den Glauben an die Möglichkeiten der Vernunft, den guten Willen und die innere Gesundheit des Menschen zu zerstören. Solange wir noch an Alternativen zu denken vermögen, sind wir nicht verloren."[65]

An anderer Stelle erinnerte Flechtheim an jene Sozialisten in Deutschland und Österreich, die in verzweifelter Lage, nach der Zerschlagung der Arbeiterbewegung, den Kampf gegen den Faschismus aufgenommen hatten. Er zitierte Joseph Buttinger, den Führer der Revolutionären Sozialisten Österreichs.[66] Dieser hatte über seine Gefährten des Jahres 1934 gesagt: „Sie werden in der nächsten Zukunft nicht die Einheiten einer großen Streitmacht sein. Aber selbst wenn ihr Denken und Wollen noch für viele Jahre ohne politische Wirkung ist, die Not der Zeit wird sie früher oder später rufen. Seinen eigenen Weg gehend, wird auch der Einsamste irgendwann auf Brüder stoßen, in der Heimat und in der Fremde. Sie werden sich trotz ihrer verschiedenen Sprachen überall erkennen und umarmen und erstaunt sein über ihre große Zahl.“[67]

[65] Erich Fromm, Der moderne Mensch und seine Zukunft, Frankfurt 1960, S. 322.
[66] Flechtheim, Bolschewismus 1917-1967, S. 15.
[67] Joseph Buttinger, Am Beispiel Österreichs, Köln 1953, S. 619.

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