Start   Weiter 

Das Bild

 

 

 

33

Ich lebe. Es ist schön, es ist gut.

Oschet schlief noch in Aiyuks Arm. Noch war es still, als er das Morgenrot, das er so schön fand, erblickte. Das Feuer glühte nur noch. Gukall stand aufrecht davor und schaute ebenfalls ins Morgenrot. Selten war Aiyuk das Leuchten so freundlich vorgekommen, selten hatte er sich hier am Höhleneingang so wohl gefühlt. Die Wölfe hatten längst aufgehört zu heulen. 

Aiyuk ließ, noch im Liegen, seine Augen über den Halbkreis gleiten, den die Mammut-Menschen bewohnten. Der Halbkreis ging zwanzig Schritt vor der ersten Überdachung der Höhle bis in die Höhle hinein; dort verengte sich die Höhle schlagartig. Im Dunkeln wohnten die Mammut-Menschen nicht. Die meisten Mammut-Menschen lagen nebeneinander auf der Wandseite, wo Aiyuk schlief. Auf der anderen lagen nur Tore und Tunulig - die längst nicht mehr miteinander lagen — und die jungen Jägerinnen Hikiijaut und Teschadjuk. 

Daneben wurde das Holz gestapelt, dann, immer in Richtung der großen Höhlenöffnung, gab es einen Knochenhaufen an der Wand, davor Geräte wie Meisel, Spachtel, Nähnadeln aus Knochen in ausgehöhlten Renknochen aufbewahrt, konkave und konvexe Kratzer, Messer, Schulterblätter von Bären als Schaufeln, Knochen- und Basaltambosse, mit Lehm verschlossene Knochenphiolen aus dem Sprungbein des Rens, Knochen- und Steinsplitter aller Art, Mörser und Mörserkeulen zum Zerkleinern der Ockererde und der Pflanzensamen, allerlei beid- und einseitig behauene Feuersteine. 

Daran schloß sich, direkt am Höhleneingang, die staubige "Werkstatt" an, die voller Knochen- und Steinsplitter war; hier war die Erde mit Sandstein- und Quarzpulver bedeckt, hier wurden die Speerspitzen angefertigt, hier wurden die Knochen mit dem konkaven Kratzer abgekratzt und dann mit Sandstein glatt geschliffen. Hier wurden die Knochen-Plättchen ausgesägt und mit spitzen, harten Schiefermei-seln oder mit den scharfen Geweihsprossen des Hirsches durchlöchert; durchlöchert wurden auch die Muscheln, die Aiyuk immer am Halse trug, und auf Pferdehaar an einer Kette aufgezogen.

Mitten in der Höhle lagen die beiden Bären, im hintersten Teil der Höhle Felle, Tragetaschen aus Ren- und Steinbockhaut. Hier lagen auch die Trage- und Zeltstangen und die Tragefelle. Knapp bevor die Überdachung endete, war die große, runde Feuerstelle. Wenige Schritte zur linken und zur rechten der Feuerstelle war, wie jede Nacht, eine zaunähnliche Absperrung aufgebaut, die einem Menschen bis zur Hüfte reichte. Sie war aus Ästen, Blättern von Büschen und Dornen zusammengebaut, gehalten von Lederriemen. So diente die Absperrung einem doppelten Zweck: sie hielt wilde Tiere ab und sie sorgte dafür, daß es kaum einen Luftzug im Inneren des Höhleneingangs gab. Und davor nun stand Gukall, der in dieser Nacht Augen-Mensch gewesen war und der in diesem Augenblick von Doregak abgelöst wurde.

Vor der Höhle gab es einen ungefähr zehn mal zehn Schritte breiten Vorplatz, danach fiel der Fels wieder einige Dutzend Schritte ab. Der Fels vereinigte sich dort mit der Tundraebene, über die jetzt die Sonne aufging.

Die Ablösung des Augen-Menschen weckte Tunulig, den Alt-Menschen. Sie stand meist als erste auf. Die kleine Lucuwat sagte etwas, was Aiyuk nicht verstand, dann weinte das Kleinkind, das Fagayuk sofort an die Brust nahm. Obwohl es einen Sommer zählte, war es bei den Mammut-Menschen üblich, Kinder viele Sommer lang zu stillen.

34


Fagayuk, bei der Eschona lag, war nicht nur wegen ihres ruhigen, sicheren Speerwerfens, das der Jagdweise von Eschona glich, geachtet, sondern auch wegen ihrer großen, fleischigen Brüste. Es konnte kein Zufall sein, daß sie jedes Jahr ein Kind bekam.

Hikiijaut, Teschadjuk und Oschet, die alle zwischen sechzehn und achtzehn Sommer zählten, hatten noch keine Kinder bekommen, wenn man Teschadjuks zwei Totgeburten nicht rechnete. Teschadjuk lag früher viel bei Doregak, aber es war allen klar, daß ihr Gefühl füreinander nicht so groß war wie das zwischen Eschona und Fagayuk. Gab es deshalb kein Kind, obwohl die Mammut-Menschen so dringend Kinder brauchten? Vor drei Wintern waren an einer Krankheit, die niemand kannte, sieben Mammut-Menschen innerhalb von drei Tagen gestorben, darunter vier Kinder.

"Wie sollen wir leben, wenn es keine Kinder gibt?" klagte Tunulig immer wieder am Feuer.

Daran dachte Aiyuk jetzt nicht. Er dachte nicht, er fühlte. Oschet, für die er zwar nicht das Gefühl besaß, die aber durch das Kleine Gefühl an ihn gebunden war, lag in seinem Arm. Auf der anderen Seite schlief Kukikatugak, sein guter Freund. Eschona und Fagayuk, die er beide besonders achtete wegen ihrer stillen, ruhigen, zuverlässigen Art, das Wild zu jagen, lagen daneben. Tunulig, der Alt-Mensch: sie sagte selten etwas, aber wenn sie sprach, hörte jeder zu. Und es war dort Hikiijaut, die trotz all ihrer Verspieltheit den schnellsten und elegantesten Speerwurf schaffte. Manchmal schlief auch Fagayuks Tochter Lucu-wat in Aiyuks Arm, Lucuwat, die keine sechs Sommer zählte und ihn besonders mochte. Auch Gukall, der oft bei Oschet lag, hatte er gern; er war ernst, still, aber immer bereit, sich für die Gemeinschaft zu opfern.

Ja, es ist gut, es ist alles gut.

Die ersten langen Sonnenstrahlen drangen in die Höhle, und das Wohlgefühl stieg warm in Aiyuk empor. Er lächelte und rieb seine Nase an Oschets Wange.

35


Da war auch Tore, der ihm gestern das Leben gerettet hatte.
Tore?
Ein Unbehagen mischte sich mit dem Wohlgefühl und vertrieb es schließlich.
Tore? Ja ich lebe, aber ich wollte noch mit ihm sprechen. Ja, ich wollte ihn doch noch fragen.

"Hyänen!" Doregaks Ruf unterbrach seine Gedanken. Aiyuk, Eschona und Hikiijaut sprangen sofort auf und griffen zu ihren Speeren und Speerwerfern. Teschadjuk nahm eine bereit liegende Harzfackel, zündete sie am glimmenden Feuer an und sprang zu Doregak, der bereits einen Wurfspeer losgelassen hatte. Ein Heulen bewies, daß er getroffen hatte. Schon knapp vor dem Höhlenvorplatz kletterten drei Hyänen hinauf: sie hatten die toten Bären gerochen. Aiyuk und Hikiijaut riefen laut; Teschadjuk schwang die Fackel. Die drei Hyänen hielten an, zwanzig Schritte von Doregak entfernt. Aiyuk und Hikiijaut warfen ihre Speere — ein Zischen, dann das dumpfe "Plock" des Aufpralls im Körper. In den Mund und in die Brust getroffen, zuckten die Hyänen noch kurz und starben. Eschona mußte nicht einmal den Speer werfen, denn jaulend sprang und rollte die letzte Hyäne den Abhang hinab. Sie war allein, und auch für die Hyäne war das plötzliche Alleingelassensein ein Schock und eine Strafe, die mit nichts zu vergleichen war.

"Gut", meinte Tunulig, die an den Rand des Vorplatzes trat und auf die drei toten Hyänen hinabschaute. Sie schnupperte und sagte: "Der Wind hat sich gedreht, deswegen sind sie jetzt gekommen. Lucuwat wird Zielscheiben haben."

Bei den Menschen war es so, daß die Kinder, sobald sie stehen konnten, mit dem Speer, später mit dem nur halb so langen, geschleuderten Wurfspeer umzugehen lernten. Es war üblich, von immer wechselnden Erwachsenen das Speerwerfen, das Zustechen mit dem Messer, das Werfen der Bolas - zwei Basalt-Kugeln, die durch einen schmalen Riemen miteinander verbunden waren - zu lernen.

36


So erfuhren die Kinder alle Aspekte des Jagens: den eleganten Wurf der Hikiijaut, den ruhigen, zielsicheren Wurf Eschonas, den starken, zerschmetternden Wurf Kukikatugaks. So erfuhren sie, daß Hikiijaut den schrittlangen Speerwerfer mit seinem gehakten Ende, in den der Wurfspeer gelegte wurde, mit den Fingerspitzen hielt, und daß Eschona hingegen den Speerwerfer voll in der Handfläche ruhen ließ und im letzten Augenblick Speer und Speerwerfer vorschnappte. 

Und die Kinder lernten bei allen Erwachsenen alles: sie lernten mit dem Quarzhammer in der Rechten, Knochen oder Schiefermeisel in der Linken, auf einem Basaltamboß Feuersteinspeerspitzen zu bearbeiten. Sie lernten, mit sachten Schlägen kleine Kegel aus dem Stein heraus zu splittern und so eine scharfe, beinahe gerade Schneide zu hämmern. Sie lernten, Nähnadeln zu machen, sie lernten das Nähen mit Rentiersehnen und Pferdehaaren. Sie lernten, Harpunen mit einfachem und doppeltem Widerhakenpaar zu schnitzen. Sie lernten, sich anzupirschen, sie lernten, das Tier richtig zu zerlegen und wie man das Fleisch in unterirdischen Lebensmittelsilos lagerte. Auf diese Weise lernten sie alles, was es zu lernen gab. Später, wenn sie es schaffen sollten, Erwachsene zu werden, würden sie ganze Menschen werden, Menschen die alles tun können und anderen Kindern alles beibringen konnten. Sie wurden zu Lehrern, Jägern, Handwerkern, zu Menschen, die gleich gut nähen, malen, kundschaften, singen konnten; zu Menschen, die mit Speer, Wurfspeer, Bolas, Wurfstock, Messer, Beil, Hammer, Meisel, Spachtel, Kratzer, Nähnadeln, Schaufel, Säge, Locher und Mörserkeule umzugehen vermochten.

Die Mammut-Menschen kehrten zur Feuerstelle zurück, während Aiyuk die Speere holte und die Hyänenkadaver den Hügel hinabrollen ließ. Die Gefahr hatte alle Fragen, alle Wohlgefühle in ihm verdrängt. Allmählich beruhigte er sich. Es war ungewöhnlich, Hyänen in Höhlennähe anzutreffen. Auch für sie war der Winter hart; in der Tundra-

37


ebene hatte es seit Wochen keine Herde gegeben. Die Hyänen hatten Hunger gehabt, und Aiyuk verstand sie.

Die blutigen Wurfspeere in der Hand, stieg Aiyuk wieder zur Höhle hinauf. Einige Menschen wuschen sich auf dem Vorplatz. Auch Aiyuk zog sich aus und zitterte vor Kälte. Er nahm den prall gefüllten Waschsack in die Hand, zog den Lehmpropfen ab und ließ das Wasser über die schulterlangen Haare, den kurzen roten Bart und den Körper strömen. Der Duschsack unterschied sich vom Trinkwasser dadurch, daß er größer war, mit einer großen Öffnung. Aiyuk trocknete sich an seinem Lager mit seinem Wisentfell ab.

Kukikatugak hatte ausnahmsweise keinen Hunger, und so hatte er sich bereits an die Arbeit gemacht. Tore, Tunu-lig, Hikiijaut und Gukall schwitzten beim Ablösen der Bärenfelle. Auch Aiyuk nahm einen konvex-geformten Steinschaber, schnitt mit der rechten und zog mit der linken Hand.

Als er Tore sah, erinnerte er sich.

"Tore", sagte er leise.

"Nicht jetzt", antwortete Tore. Er blickte nicht auf. "Wir dürfen die Bären nicht länger liegen lassen."

Aiyuk schwieg und arbeitete weiter.

Als das erste Fell abgezogen war, begann das Ablösen der Oberhaut und des Fettes. Das geschmolzene Fett war gut für die Sehnen und heilte Mückenstiche und Blasen schnell. Auch gegen Tores und Tunuligs Gicht war es gut. Am Abend würden sie sich gegenseitig einreiben. Fagayuk und Teschadjuk spannten das Fell auf ein Holzgerüst und stellten es in den Spalt im hinteren Teil des Höhlenraums. Während Kukikatugak, Gukall und die anderen das Fleisch in Streifen herausschnitten und auf den Holzstangen über dem Feuer zum Räuchern aufhingen, sägten Eschona und Fagayuk den Bärenkopf ab. Sie erweiterten mit einer kleinen Feuersteinsäge die kraniale Öffnung und holten das Gehirn heraus, das die Mammut-Menschen noch am selben Abend als Leckerbissen verzehren wür-

38


den. Die gerundete Gehirnschale wurde leergekratzt, gesäubert — ein Trinkgefäß.

Nachdem viele Stunden später das Fleisch abgetrennt worden war, wurden die Gelenke aufgebrochen und das darin enthaltene Öl sorgfältig in Knochenphiolen gefüllt und die Öffnung mit Lehm versiegelt. So wurde jeder Knochen und jedes Körperteil des Bären verwendet: mit einem einzigen Schlag von Hammer und Meisel — Eschona war darin am geschicktesten - wurden alle Knochen der Länge nach gespalten, um das Mark herauszuholen, das man vorerst in einer Gehirnschale auffing. Das Knochenmark war ein Leckerbissen, und man konnte es auch für die Öllampen gebrauchen. Die Rippenknochen wurden als Spachteln und die Beinknochen als Meißel benutzt. Die Krallen und kleinen Knöchelchen wurden zu Hals- und Armketten, die Schulterblätter wurden zu Amboß, die Hüftknochen zu Schaufeln und Gefäßen. Mit diesen Schaufeln, von einem früheren Bären, gruben Kukikatugak und Teschadjuk einen Schacht in die Erde, direkt vor der Höhle, um dort das geräucherte Fleisch zu lagern und vor den Wölfen und Hyänen zu verstecken.

Als es Nachmittag wurde und sich einige Mammut-Menschen hingelegt hatten, gab es keine Bärenkörper mehr. Aber der Bärengeist: der Bärengeist lebte noch.

" Es ist Zeit zu malen", meinte Fagayuk als die Sonne unterging. Während Eschona und Hikiijaut das Gehirn in Streifen schnitten und das Feuer schürten, begannen Fagayuk, Aiyuk und Kukikatugak, Farbe zu mahlen. Aiyuk nahm die in Rensäcken gesammelte Ockererde und streute sie auf einen eingelassenen Quarzitstein. Die Mörserkeule aus Basalt nahm er in die rechte Hand und rieb kreisend die Ockererde zu Pulver. Fagayuk füllte Asche und zerriebene Holzkohle vom Feuer in ein weiteres Säckchen. Ein anderes Säckchen enthielt bereits den weißen Löschkalk, der die dunkelrote Ockererde aufhellte. Auch das im Eisenerz enthaltene Mangan mit seiner rötlich-braunen Farbe wurde zerstoßen. Aiyuk holte einen großen Hirschsack

39


vom Fell-Lager und begann mit dem Einpacken aller Utensilien: Schulterblätter, die als Farb-Paletten dienten; Knochenspachteln, um die Farbe zu vermischen; Talg für die Lämpchen; Öl zum Mischen mit den Farbpülverchen. Das rot-gelbe Hämatit, bereits mit Tierölen gemischt, besaß einen bestimmten Zweck: es diente der Bemalung. Aiyuk nahm die Tube aus Steinbockhaut, zerbrach den Lehmpfropfen und sagte zu Kukikatugak: "Kommst du mit?"

Kukikatugak sagte: "Geh nur, Füchslein. Ich esse lieber Gehirn."

Aiyuk lächelte und begann, Hikiijauts Gesicht zu bemalen, die sich vor ihn hinkniete. Er machte mit der öligen Farbe lange Streifen von einem Ohr zum anderen, dann zwei große Kreise um ihre Augen und zog mit der Farbe ihre Mundwinkel leicht nach oben. Danach bemalte sie ihn auf die gleiche Weise, und so wurden Fagayuk, Eschona, Teschadjuk, Gukall und Oschet bemalt.

" Ich will auch mit, ich bin jetzt alt genug", sagte Lucuwat zu Aiyuk und streichelte seinen Bart.

" Sie ist alt genug", meinte Tunulig. " Sie versteht jetzt."

Also kniete sich Aiyuk vor die kleine Lucuwat hin und bemalte ihr Gesicht.

Langsam aßen die Mammut-Menschen die Bärengehirne. Sie sprachen wenig. Vor dem Malen, das so wichtig war wie die Jagd selbst, sprach man nicht. Jeder wußte die Gefahr, die doppelte Gefahr, die sie dabei eingingen. Die Malhöhle, die nur eine halbe Stunde von ihrer Höhle entfernt lag, war zwar nicht bewohnt. Doch wer konnte wissen, ob nicht ein Wolfsrudel dort Unterschlupf gesucht hatte? Wer konnte mit Sicherheit sagen, ob nicht eine Löwengemeinschaft dort ihr Lager errichtet hatte? Und da war die Gefahr von den Bärengeistern: immer konnten sie in die Menschen eindringen. Auch die furchterregendste Hämatitfarbe, auch Hals- und Armketten waren nicht immer mächtig genug, sie abzuhalten. Es gab nicht die bestimmte Furcht, das prickelnde Hochgefühl wie vor der gefährlichen Jagd - vor dem Malen gab es die unbestimmte

40


Angst. Es lag eine Unruhe in der Luft, die nicht aufputschte, wie vor der Bärenjagd, sondern die die Menschen schweigen machte.

Aiyuk, der seine Unruhe als erster niedergerungen hatte, stand auf. In den großen offenen Sack begann er die genau abgesägten Renknochen, die nicht länger als zwei Finger waren, zu packen.

Lucuwat trat zu ihm und schaute ihn fragend an.

"Unterwegs", sagte er ernst. "Ich erkläre es dir unterwegs. Was mit Geistern zu tun hat, wird nicht dort besprochen, wo Menschen wohnen."

Dann holte er noch den Renkopf vom Fell-Lager im hinteren Teil der Höhle. Das Renfell ging nur bis zu den Schultern hinab und wai sorgfältig vom Gesichtknochen bis zur Schnauzenspitze abgelöst worden. Nur der Knochen direkt unter dem Geweih war belassen worden. So konnte man das kurze Fell mit dem mächtigen Geweih wie eine Kappe aufstülpen. Auch den Renkopf packte Aiyuk in den großen Sack. Zuerst band er sich sein Wisentfell um, das am Hals und an der Brust mit zwei Knöpfen aus Knochen zugeknöpft wurde. Dann legte er den breiten Riemen des Sacks um Hals und Schulter und hatte so die Hände frei für Wurfspeere und den Speerwerfer.

Hikiijaut und Eschona leuchteten mit den Talgfackeln voran. Dann kamen Fagayuk, Teschadjuk und Gukall. Aiyuk ging als letzter. Lucuwat legte ihre kleine Hand in die seinige und schaute an ihm herauf.

"Du willst wissen, weshalb wir die Renknochen beim Malen brauchen", sagte er.

"Warum malen wir denn?" fragte sie.

"Ich will es dir erzählen. So wird die Zeit kurz, bis wir ankommen.

"Siehst du, jedes Tier hat, wie jeder Mensch, einen Geist. Und wenn wir auch die Tiere achten wegen des Opfers, das sie uns bringen, und wegen ihrer Nähe zu den Menschen, so sind doch die Geister der Tiere so wild wie die Tiere selbst. Die Tiere lieben die Tiere, und die Menschen lieben

41


die Menschen. Auch wenn wir die Tiere verstehen und achten, so würden sie doch einen Menschen töten; aber ein Mensch würde einen Menschen nie töten, denn was gibt es Wertvolleres als die Gemeinschaft der Menschen?"

"Aber der Geist?"

"Ja, der Geist", meinte Aiyuk ruhig. "Der Geist des Bären ist wild, und wenn wir den Bären getötet haben, findet der Bärengeist keine Ruhe; denn wenn der Geist nicht mehr im Körper ist, lebt er nicht mehr in der Bärengemeinschaft. Daher sucht der Geist ein lebendes Wesen, in das er eindringen kann, um nicht mehr allein zu sein. Denn allein zu sein: das ist das Unglück des Bärengeists. So findet der Geist in der Luft keine Ruhe. Er irrt umher. Wenn das Tier durch Krankheit stirbt, findet es Ruhe, denn das ist natürlich; wenn das Tier aber von uns Menschen getötet wird, findet es keine Ruhe, denn das ist unnatürlich."

"Warum töten wir dann?" fragte Lucuwat schüchtern.

"Weil wir essen müssen", antwortete Aiyuk. "Aber wir danken dem Bären, indem wir ihn malen. Es ist so: Wenn der Geist keine Ruhe findet, dringt er in den Körper eines anderen Tieres ein oder in ein Muttertier. Da erschreckt der Geist das ungeborene Tier so sehr, daß es nicht aus dem Muttertier schlüpfen will. So können die Geister verhindern, daß das Muttertier fruchtbar wird und ein Junges gebärt. Das kann der Geist auch mit den Menschen tun: Wenn er das Ungeborene in Fagayuk erschreckt, wird Fagayuk nicht schwanger. Der unruhige Geist erzeugt auch Krankheit und den Tod durch Krankheit. Deswegen hatte Oschet Zahnweh."

"Ja, deswegen habe ich die Kette, die vertreibt den Geist."

"Ja, und deswegen haben wir einander bemalt. Das hilft auch, den Geist zu vertreiben, weil die Farbe den Geist erschreckt und er nicht weiß, ob wir nicht selbst Geister sind. Wir haben dem Geist versprochen, sein Bild zu malen, damit der Geist Ruhe findet und in sein Bild eindringen kann. Wenn der Geist in sein Bild eindringt, hat er für immer Ruhe

42


und stiftet kein Unheil. Wenn man das Versprechen nicht hält, wird der Geist böse und dringt in die Menschen ein und macht sie krank."

"Malen wir auch die drei Hyänen?" fragte Lucuwat.

"Nein, die malen wir nicht", antwortete Aiyuk bestimmt.

"Warum?"

"Es ist so", antwortete er schlicht. "Das Gesetz sagt, daß man manche Tiere nicht malen muß. Ich glaube, die Hyänengeister gehen zu den Hyänen zurück und die Wolfsgeister gehen zu den Wölfen zurück. So verhindern die Geister, daß es zu viele Hyänen und zu viele Wölfe gibt. Aber es kann nie genug Pferde und Rene und Bären geben.

Wenn aber ein Tier in den Menschen eindringt, muß man das Tierbild malen, damit der Kranke gesund wird. Der Geist des Tiers ist nicht böse - er will nur im falschen Körper leben und versteht nicht, daß er im Bild Ruhe findet. Malen heißt den Geist malen. Die Menschengeister sind nicht gefährlich, weil die Menschen nicht gefährlich sind. Aber auch sie wollen Ruhe finden, und wenn nicht genug Menschen geboren werden wie jetzt, wollen sie uns daran erinnern, ihr Zeichen zu malen, damit sie Ruhe finden. Darum werden wir heute nacht auch Menschenzeichen malen. Wenn man ihre Zeichen malt, sind sie zufrieden."

"Aber warum malen wir manchmal Tiere in den Höhlen, wo wir wohnen? Wohnen da auch die Geister?" Lucuwat hatte sich an ihr letztes Sommerlager unter einem Abri erinnert, wo Tiere graviert und gemalt waren.

Aiyuk lachte. Es war doch klar, daß da keine Geister in den Bildern wohnten: "Die Geister wohnen nur dort, wo es ganz ruhig ist. Wo Menschen wohnen, ist es laut, und die Geister lieben die Ruhe. Darum gehen wir tief in die Höhle hinein, wo keine Menschen hinkommen. Das ist der Ort der Geister, und wir stören die Geister nur, wenn wir einen neuen Geist rufen. Das kümmert die Geister nicht, sie freuen sich, denn auch die Geister leben gern in anderen. So sind die Geister auch in Gemeinschaft und müssen nicht einsam sein."

43


"Ja, aber warum malen wir Tierbilder manchmal dort, wo wir wohnen, und auf Kukikatugaks Speerwerfer ist ein Ren eingraviert?"

"Wir malen sie dort, weil es Spaß macht. Die Tiere sind unsere Freunde, und wir danken ihnen für ihr Leben, wenn wir sie malen. Aber in die Bilder, wo die Menschen wohnen, und in die Bilder auf den Speeren und Speerwerfern kommen keine Geister, denn da ist es zu laut. Die Geister kommen nur in die Bilder, wenn man sie ruft. Wir rufen sie mit den Knochen und beim Tanzen. Du mußt nachher genau das tun, was wir tun. Wenn du still bleibst, könnte dich der gerufene Geist mit einem Tier verwechseln und in dich eindringen."

Lucuwat erschrak und blieb stehen.

"Fürchte dich nicht", meinte Aiyuk und umarmte sie. "Wenn du mit uns bist, passiert dir nichts. Mit der Farbe siehst du zu gefährlich aus!"

Lucuwat lächelte zaghaft, aber sie sagte nichts.

"Lauf vor zu deiner Mutter Fagayuk", sagte Aiyuk sanft. "Sie wird dich beschützen. Lauf. Jetzt sind wir da."

Der Höhleneingang wurde durch einen schmalen, beinahe waagrechten Spalt gebildet, der schräg in die Erde hinabführte.

Aiyuk legte die Tragetasche hin.

"Ich gehe", meinte Eschona. "Ichkenne diese Höhle."

Fagayuk streichelte seinen Oberarm, nachdem er seinen Bärenpelz abgelegt hatte. Er nahm sein Handbeil in die rechte Hand und in die linke eine Fackel.

" Sei vorsichtig", sagte Fagayuk.

Eschona rutschte auf dem Bauch in die Höhle. Noch kurz sahen die Menschen den Schein der Fackel. Dann verschwand das Licht plötzlich. Fagayuk legte ihre Fingerspitzen an den Mund. Sie sagte nichts und hielt Lucuwat fester.

Ein Wind kam auf. Doch er pfiff nicht wie der Winterwind. Er legte sich leicht um die Mammut-Menschen, die mit erhobenen Speeren zu beiden Seiten des Spaltes kauerten. Die leichte Unruhe des Windes aus der tiefen Nacht

44


der Tundra wurde zu einem Teil der Menschen; die Unruhe um Eschona ließ Aiyuk Speer und Speerwerfer fest umklammern, ließ Oschets Finger leicht am Griff ihres Handbeils auf und ab fahren. Nichts regte sich. Mit dem Schweigen der Luft und dem Schweigen der Höhle wuchs die Anspannung.

"Löwe?" fragte Lucuwat ängstlich.

Aiyuk und Fagayuk streichelten sie.

Ein Löwe, dachte Aiyuk. Wenn ein Löwe in der Höhle ist oder ein Hyänenpack, dann ist Eschona schon tot. Dann, ja dann tot. Aber Eschona stirbt nicht, er ist der erfahrenste Jäger, nein, er stirbt nicht.

Alles war still. Aiyuks Finger am Speerschaft wurden feucht.

Und wenn er doch stirbt, so hat er sich den Tieren geopfert. Sie werden es ihm danken.

Ohne Vorwarnung kam ein erregtes Geräusch aus der Höhle, ein Geräusch, das Aiyuk nicht kannte. Es wurde gegen den Stein geschlagen, getrommelt. Die Spitze von etwas erschien im Spalt und verschwand wieder. Es gab ein Flattern, Aiyuk und Hikiijaut nahmen den Speerarm zurück - und mit dem nervösen, schnellen Flügelschlag verängstigter Tiere flog eine erste, dann eine zweite große Schnee-Eule an den Köpfen vorüber. Sie verschwanden sofort in der Dunkelheit. Aiyuk ließ Speer und Speerschleuder sinken. Fagayuk lächelte, und Eschonas Fackellicht erschien am Spalt.

"Es ist gut", sagte er erleichtert.

Aiyuk machte wieder mit Lucuwat den Schluß. Sie krochen auf dem Bauch, standen wieder auf, krochen weiter, zwängten sich durch einen zweiten Spalt und konnten dann aufstehen. Aiyuk hatte die Tiergravuren an den Wänden bisher kaum bemerkt; wozu auch? Längst waren die Geister in die Bilder eingegangen. Als er aber nach dem letzten Engpaß nun in einem weiten Raum stand und die Fackel hochhielt, da spürte er doch das Gefühl der Ehrfurcht. Der Raum, dessen Decke sich in einem Spalt viele

45


hundert Schritte über den Köpfen der Mammut-Menschen verlor, war Dutzende Schritte breit und noch mehr lang. Er endete in einem langen Spalt, der sich in die Dunkelheit nach oben hinzog. Vor Erstaunen entfuhr Lucuwat ein langes "Oh-h-h", und Eschona streichelte sie.

" Schau", sagte er. Dann bewegte er seine Fackel hin und her im Halbkreis und nickte Aiyuk zu, das gleiche zu tun. Auf den Wänden schienen die schwarzumrandeten Stiere und Bären und Pferde und Wisente zu tanzen und zu rufen. Aus dem hellbraunen Sandstein sprangen die schwarzen Umrisse hervor und fragten: Werdet ihr heute neue Geister bringen?

Eschona sagte ruhig:

"Wir bringen neue Geister, freut euch." Und wie zu sich selbst sagte er: "Beginnen wir."

Aiyuk legte den Sack ab. Er füllte Talg in die kleinen Knochenschalen. Bald brannten fünf, dann zehn Talglichter im Kreis. Eschona hatte für jeden noch eine Kette aus bunten Steinen mitgebracht. Daran hatte Aiyuk nicht gedacht: die Steine, so hieß es, waren ein besonders wirksamer Schutz gegen die Geister.

"Ich möchte ritzen", sagte Aiyuk. "Nur die Bären. Oschet hat das Vorrecht auf ihr Pferd."

So war es bei den Menschen: Wer an einer Jagd teilnahm, hatte kein besonderes Vorrecht, das Tier zu malen, und es spielte auch keine Rolle, wer malte und wer gravierte und wer die Geister rief. Denn das Jagen war eine Gemeinschaftstat, die allen zugute kam. Daher konnte malen, wer wollte. Bei der Krankheit war es jedoch anders: Wer krank wurde, konnte, mußte aber nicht den Geist des ihn quälenden Tieres nach seiner Genesung gravieren und malen oder nur gravieren. Denn wer krank wurde, der war zwar nicht allein gelassen, ganz im Gegenteil: aber die Krankheit suchte doch nur ihn heim und quälte nur ihn. Also hatte der Genesende ein Anrecht zu malen, wenn er wollte. Tunulig sagte immer, dies sei die einzige Freude der Krankheit, denn die Menschen malten mit großem Ernst

46


und zugleich mit kindischer Freude: was gab es Besseres -außer miteinander zu liegen - als unsere Tiere zu malen?

Oschet mischte auf einer Knochenpalette Kohle, Mangan und Fett zu einem schwarz-braunen Brei, den sie mit einer Spachtel aus Renrippe rührte. Sie bereitete sich innerlich darauf vor, ihr Pferd zu malen: denn es war klar, daß bei Zahnschmerzen das Pferd mit seinem großen Gebiß schuld war. Wenn die Zähne schmerzen, ist der Pferdegeist in den Menschen gefahren. Bei Kopfkrankheiten und Kopfschmerzen ist es oft der Bär wegen seines dicken Schädels, manchmal auch das Mammut. Bei inneren Krankheiten ist das nicht so eindeutig: manchmal das Wisent, manchmal das wollige Nashorn, bisweilen auch das Pferd. Bei Fußkrankheiten gab es jedoch keine Zweideutigkeiten: da war immer der Hirschgeist schuld.

In zwei anderen Schalen mischten Aiyuk und Hikiijaut Ockerfarben, eine hell und mit Löschkalk vermischt, die andere rötlich-braun.

Eschona legte das Rengeweih an. Wer das Geweih anzog, um einen Bärengeist zu rufen, ging die höchste Gefahr ein.

Fagayuk verteilte die Knochen, Aiyuk nahm Meißel und Steinhammer auf. Die Mammut-Menschen außer Oschet, die mit einem Wisentschwanzpinsel zu malen begann, saßen im Halbkreis um die Wand, die schon viele Tiergeister beherbergte. Die Flammen gaben ein ruhiges Licht ab; doch mit dem ersten Schlag von Aiyuks Meißel wich die äußere Ruhe einer inneren Unruhe. Mit dem ersten Schlag des Meißels verwandelte sich der Raum. Er wurde zu einem Geisterraum, voll lebendiger Geister, die sehnsüchtig einen neuen Freund erwarteten. Die alten Geister besaßen ihre Bilder und waren nicht gefährlich. Aber die neuen?

Mit dem ersten Schlag des Meißels und dem ersten Farbtupfer begann das rhythmische "Tak-tak-a" der aufeinander geschlagenen, hohlen Renknochen.

Bär, komm, Bär, nun könnt ihr hier in diesem Bären ru-

47


hen. Ja, Bären, danke für euer Leben. Jetzt das Hinterbein, jetzt das andere, der Bauch.

Das Klopfen wurde schneller und lauter und immer lauter und immer schneller. Hikiijaut und Eschona standen auf. Sie brummten wie die Bären, noch ganz vorsichtig. Eschona mit dem Geweih mimte das flüchtende Ren, Hikiijaut und dann Fagayuk den schweren, schleppenden Gang der Bären. Das Brummen und Tanzen wurde schneller, hektischer. Die Schatten tanzten lang an den senkrechten Wänden empor, die Flammen wippten hin und her, vom Luftzug der Tänzer bewegt. Ein Lämpchen ging aus, dann das nächste. Die Atmosphäre der Erregung steigerte sich, die Schatten wuchsen in die Höhe. Die Knochen riefen den Bären, das tanzende Ren rief den Bären, die tanzenden Bären riefen den Bärengeist.

Aiyuk hatte zu meißeln aufgehört. Oschet hatte nur den Umriß ihres Pferdes gemalt, nun malte sie den Umriß des Bären, indem sie der gravierten Linie entlang fuhr. Aiyuk malte mit dem Ocker ein Auge, daraufhin die Rückenpartie dunkel und den Bauch hell. Das Klopfen der Knochen und das Stampfen der Füße machte Aiyuk trotz der Kühle der Luft schwitzen. Nun waren alle aufgestanden, auch Lucu-wat, die sich nicht mehr ängstlich an Fagayuk klammerte. Sie schaute den Bärentanz an den anderen ab. Nun standen die Bärentänzer, mit weit ausgebreiteten Armen wie Pranken, schnupperten und brüllten.

Bär, komm! Bär!

Noch zwei Pinselstriche und der Bär war fertig - so lebendig im Gehen, das linke Vorderbein wie im Gehen halb gehoben, daß der Bärengeist sofort das Bild des genau dargestellten Bären erkennen mußte.

Nun tanzte auch Aiyuk den Bärentanz, Eschona in der Mitte.

Der Bär! Der Bär kommt! Es ist gut, ja, ja, ja, Bär, ja, ja!

Die Füße stampften im Gleichschritt, der Kreis wurde enger gezogen. Das Klopfen wurde so schnell wie die Mammut-Menschen schlagen konnten und hielt auf dem Höhe-

48


punkt an. Die pochende Erregung hatte alle erfaßt. Aiyuk schwitzte; die Farbe zerlief in seinem Gesicht. Dann fühlte er es, das Zittern und Beben in sich, in den anderen. Das Pochen, das Pochen wuchs an und dröhnte in ihm und außer ihm und hallte wider und immer wider.

Bär, komm!

"Sie sind da!" schrie Eschonas Stimme wie durch eine Nebelwand und überschlug sich. Eschona ließ sich zu Boden fallen und murmelte den Dank an die drei Bären. Das Schlagen und Pochen hörte auf, und auch Aiyuk sank zu Boden und dankte den Bären, daß sie gekommen waren. Nun würden sie in diesem Bild Ruhe finden. Die Erschöpfung kam über Aiyuk. Noch im Sitzen döste er. Er hörte kaum, wie Oschet später aufstand und noch einige Punktreihen, Ovale und Parallellinien mit Ocker- und Kohlenfarbe über die Wand zog: das löste das Versprechen ein, Menschengeister Ruhe finden zu lassen, damit Menschen geboren werden können.

So bannten die Mammut-Menschen den Tod. Sie sicherten sich zugleich ein neues Tier zur Erjagung, das nun, da der Geist des Toten hier Ruhe fand, aus dem Mutterleib schlüpfen konnte. Wenn ein Ungeborenes vor dem Geist eines Toten gerettet wurde, war es bereit für die Speere der Erretter; es zeigte sich zum Sterben williger als wenn es nicht errettet worden wäre. So dankte das Tier dem Menschen; und im Bild dankten die Menschen dem Tier das Opfer seiner selbst.

Die Erschöpfung löste sich allmählich. Aiyuk wachte auf. Es war ihm kühl; der Schweiß war getrocknet, die Restfarbe wurde hart auf seiner Gesichtshaut. Erlegte den Pelz um und starrte vor sich hin.

Gut, es ist gut, es ist geschehen, jetzt kannst du ruhen, Bär.

Noch einmal schaute er das Bärenbild an, das drei Bärengeister beherbergte. Es spielte dabei keine Rolle, ob man für drei Geister einen oder drei Bären malte. Denn für die Mammut-Menschen spielten Zahlen keine große Rolle. Im

49


Gegenteil: Wenn drei Bären in einem einzigen Bärenbild eine Heimat fanden, so freuten sie sich, da sie nun Geselligkeit hatten. Auch konnte man Bärenbilder über andere Bilder malen oder ritzen, denn dann gab es noch mehr Geselligkeit. Auch für den Geist war die Einsamkeit die schrecklichste Vorstellung, die es gab. Auf diese Weise sorgten die Menschen dafür, daß es auch im Tod Gemeinschaft gab. Jedes Wesen strebt danach, bei seiner Art zu leben oder sich aufzuhalten. Der Bär liebt den Bären, der Mensch liebt den Menschen.

Wenn jemand krank war und man malte das Bild des Tieres, durfte es immer nur ein einziges Tier sein; es war nicht möglich, daß mehr als ein Tiergeist in den Kranken eingedrungen war. Diesen Geist mußte man nicht rufen wie die Geister der gewaltsam Gestorbenen. Der Geist, der in die Kranken eingedrungen war, kam von allein, da er bereits aus dem Kranken gewichen war. Das sahen die Menschen ja: schließlich war der Kranke genesen. Daher besaß der Geist des Pferdes keinen Ruheplatz mehr und war froh, sein Bild zu sehen. Die Geister der getöteten Tiere hingegen fuhren beim Sterben sofort in die Luft empor und wollten gerufen werden. Der Schreck des Todes saß noch in den Geistern, und so mußten sie die Menschen aus dem Schreck herunterholen. Die Krankengeister hingegen waren bereits wieder heruntergekommen, hatten den Schreck überwunden, fanden aber kein Bild vor, und so machten sie Unfug, bis die Menschen ihre Anwesenheit bemerkten und ihnen ein Ruhebild schenkten.

Die Harzfackeln wurden wieder angezündet, die Talgleuchten gelöscht, Malgeräte, Farben und Knochen wieder eingepackt. Dieses Mal nahm Gukall den schweren Sack. Aiyuk legte Gukall zum Dank die Hand auf die Schulter. Oschet lächelte, als Aiyuk über ihre Wange strich: nun war sie von Zahnschmerzen befreit.

Der Rückweg, im Gehen, Kriechen, Knien, schien Aiyuk viel länger als der Hinweg. Wieder auf dem Bauch, dann sah er den Himmel und kroch in die Nacht hinaus. Er stand schnell auf, wie es die Menschen zu tun pflegten: Wußte man, ob nicht ein Löwe oder ein Rudel Wölfe gierig warteten?

Da spürte er es. Auch Eschona lächelte, und die Menschen warfen die Köpfe zurück und fühlten. Es war der erste Regen des Jahres. Der Wind, der beim Betreten der Höhle aufgekommen war, hatte die Unruhe des Frühjahrs gebracht. Der Wind verwandelte sich in eine warme Brise, die den warmen Nieselregen geschickt hatte.

"Der Frühling, der Frühling!" rief Hikiijaut, legte den Arm um Aiyuk und umarmte Teschadjuk.

Die restliche Farbe lief vom Gesicht. Hikiijaut zog sich schnell aus und rieb den warmen Regen über ihren sehnigen, schlanken Körper.

Langsam, erschöpft aber glücklich, gingen die Mammut-Menschen an der Hügelkette entlang in ihre Höhle zurück. Der Nieselregen bedeutete Frühling, und Frühling bedeutete Wandern.

Aiyuk dachte: Ja, wir werden leben. Es wird Frühling, wir müssen unsere Winterhöhle verlassen. Auf uns warten die Ren- und Pferdeherden. Wir werden euch finden.

Finden?

Da erinnerte er sich an die Frage, die ihn seit Tagen beunruhigt hatte: Woher komme ich? Er dachte über Tore nach: Was ist mit ihm, was ist? Heute morgen war keine Zeit und heute mittag war ich zu müde. Oder, oder ist er mir ausgewichen?

Das beunruhigte ihn noch mehr, und er nahm sich fest vor, bei der Rückkehr sofort mit Tore zu sprechen. Als er aber erschöpft ankam, da war die Müdigkeit stärker als die Unruhe. Er erinnerte sich am nächsten Morgen nicht einmal mehr an das Einschlafen.

50-51

#

 

 

 

 

^^^^

www.detopia.de