Anton-Andreas Guha   Ende   Tagebuch aus dem Dritten Weltkrieg

 

Anton-Andreas Guha

Ende

Tagebuch aus 
dem 3. Weltkrieg 

Mit einer aktuellen Einleitung

 

 

    

  Guha Start

1983

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detopia: (Ordner)
Löbsack 1983 

 

Eine Rezension von x-zine.de/xzine_rezi.channel_alle.id_2184.htm  

In "Ende" oder "Tagebuch aus dem 3. Weltkrieg" beschreibt ein Journalist in Tagebuchform das Versagen des Abschreckungsmechanismus im kalten Krieg Mitte der 80er Jahre und den daraus resultierenden globalen Nuklearkrieg. 

Der dritte Weltkrieg beginnt mit dem Angriff der Amerikaner auf sowjetische Raketenstellungen auf Kuba. Gleichzeitig drohen die Amerikaner mit dem Einsatz taktischer Nuklearwaffen. Im Indischen Ozean toben zunächst noch konventionell geführte Schlachten um die Seehoheit. Die deutsche Bundesregierung, angesichts der schlimmen Krise völlig überfordert und gefangen in "psychotischer Realitätswahrnehmung", vermag nichts mehr zur Entspannung der Lage beizutragen. 

Die unfähigen Politiker, geführt vom einem intellektuell und moralisch unzulänglichen Kanzler und fixiert in jesuitischer Bündnistreue zu den Amerikanern, sind im wesentlichen ratlos und beschränken sich auf stupides papageienhaftes Wiederholen amerikanischer Scheinwahrheiten. In der Republik brechen die ersten Paniken aus, Geschäfte werden geplündert, die Städter fliehen aufs Land und die Politik reagiert mit Notstandsgesetzen. Mit Maschinengewehren massakrieren die Amerikaner Friedens-Demonstranten an ihren Militäranlagen, in Deutschland lebende Ausländer flüchten in ihre Heimat, die Börse bricht zusammen, die Wirtschaft kollabiert. Immer neue Krisenherde entstehen rund um den Globus, in der Bundesrepublik läuft die Mobilmachung an und als die Amerikaner in Äthiopien und im Nordjemen die ersten Nuklearwaffen gegen sowjetische Militärbasen einsetzen, eskaliert die Krise.

Mit scharfsichtigem Blick seziert Guha die Absurdität westlicher Verteidigungs- und Abschreckungsdoktrinen der 80er Jahre. Die Politiker und Militärs in Ost und West werden als dumpfe Ansammlung inkompetenter Wurstsäcke entlarvt, die Kirchen geben sich naiv und weltfremd - "das alte Heiapopeia vom Himmel, mit dem man einlullt das Volk, den großen Lümmel" und wie immer versagen die sozialdemokratische Opposition und die Gewerkschaften in der Stunde der Not - "Ihr Versagen ist die Tragödie des deutschen Volkes". 

Insofern ist Guhas Tagebuch auch eine Abrechnung mit der politischen Klasse der 80er Jahre. Er läßt den Leser den Eindruck gewinnen, man hätte damals bei all der Borniertheit und Dummdreistigkeit der Führungsclique einfach nur unverschämtes Glück gehabt, daß es nicht zum Atomkrieg kam. 

Plausibel beschreibt er die Eskalation der ersten politischen Krisen bis zum nuklearen Schlagabtausch und dem entsetzlichen Massensterben. Aufgrund der philosophischen Reflexionen seines Helden ist das Tagebuch auch ein Stück psychologischer Zeitgeschichte aus den 80er Jahren. Leider hemmen diese philosophischen Betrachtungen teilweise den Lesefluß und strapazieren etwas den Spannungsbogen, aber es lag sicherlich nicht in Guhas Absicht, einen Thriller zu schreiben. 

Der Leser mag bei Lektüre dieses niveauvollen Pamphlets den Eindruck gewinnen - und das erschreckt am meisten-, daß sich im Grunde seit damals nichts Wesentliches geändert hat und nur der politische und wirtschaftliche Zerfall der Sowjetunion uns vor dem nuklearen Abgrund rettete. 

Guhas "Ende" ist eine großartig durchdachte und erschreckende Anklageschrift, weniger Science Fiction, sondern mehr eine alptraumhafte Alternative, die durchaus im Bereich des Möglichen lag. 


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http://www.webcitation.org/6SEVct3Me?url=http://www.webcitation.org/6SEVct3Me 

Andreas Guha beschreibt in ‘Ende. Tagebuch aus dem Dritten Weltkrieg’ den Atomkrieg und den Weg hinein aus deutscher Perspektive

EINE BUCHBESPRECHUNG VON ROB RANDALL

Wie so viele der Warnutopien des Jahres 1983 verarbeitet auch Andreas Guhas Ende. Tagebuch aus dem 3. Weltkrieg die zeitgenössischen Ängste vor den Folgen des Nato-Doppelbeschlusses. Wenn auch hier die Sowjetunion wie in Gerhard Zwerenz Der Bunker aufgrund der nukleare Nachrüstung des Westens zu einem nuklearen Schlag gegen die Bundesrepublik veranlasst wird, so erscheint das von Guha geschilderte Szenario, das ebenfalls nicht den gängigen Vorstellungen der Militärstrategen folgt (siehe hierzu: General Sir John Hackett: Der Dritte Weltkrieg. Hauptschauplatz Deutschland) aber durchaus plausibel.

Die U.S.A. frisst ihre Kinder

Ausgangspunkt der Katastrophe, die im Jahre 1998 über die Bundesrepublik hereinbricht, ist ein amerikanischer Angriff auf die Insel Kuba, auf der sich wieder sowjetische Stellungen befinden. Diesem Angriff, der stellvertretend für viele andere mögliche Konflikte stehen kann, folgt die weltweite Eskalation verschiedener indirekter Stellvertreterkriege zu direkten militärischen Auseinandersetzungen zwischen den Supermächten. Angesichts der Bedrohung der politischen Führung der U.D.S.S.R., der vom Westen immer wieder ein präventiver “Enthauptungsschlag” durch die für einen Erstschlag geeigneten Pershing-II-Raketen in der Bundesrepublik angedroht worden ist, erfolgt ein begrenzter Atombombenangriff auf die B.R.D. ohne eine vorhergehend Invasion durch die Rote Armee. Bei dem nachfolgenden Vormarsch der Warschauer-Pakt-Truppen setzen beide Seiten nukleare Gefechtsfeldwaffen ein, die letztendlich Zentraleuropa – insebesondere aber Deutschland – in eine nukleare Wüste verwandeln.

Die Notstandsgesetze schießen los

Pershing II (Aufnahme der US-Army) Pershing II (Aufnahme der US-Army)

Ein besonderer Stellenwert im Roman, der ausgiebig die Panik der deutschen Bevölkerung schildert, kommt den 1968 beschlossenen Notstandsgesetzen zu, die hier in fiktiven Erweiterungen der neunziger Jahre noch ein wenig verschärft worden sind. Aber auch in der orginalen Fassung hätten sie jene durchaus realistischen geschilderten Vorgänge, die Guhas Ich-Erzähler wütend zur Kenntnis nehmen muss, ermöglicht: Die Zensur der Presse bzw. der Medien insgesamt, Ausgangssperren, Sperrungen von Straßen zwecks Durchführung von militärischen Transporten ins wahrscheinliche Kampfgebiet an der deutsch-deutschen Grenze, Freischießen der Zugänge zu den Lagerstädten der Mittelstreckenraketen und Anklagen wegen Verrat und Defätismus. Deutlich wird, dass sich die Ängste der bundesdeutschen Bevölkerung spätestens Anfang der 80er Jahre im Vergleich mit denen der 50er und 60er Jahre deutlich verändert haben. Beherrschte damals die Furcht vor “dem Russen” die öffentliche Meinung – und schien damit die Westbindung in der NATO notwendig - so führt diese Allianz nun aufgrund des von den Autoren wohl als “imperialistisch” verstandenen Vorgehens der U.S.A. zur endgültigen Katastrophe der Deutschen. Nahegelegt wird dabei immer, dass ein neutrales Deutschland besser dran gewesen wäre – obwohl mir die Vorstellung eines Westdeutschlands der 80er Jahre jenseits der Paktsysteme illusorisch und wenig realistisch erscheint.

Reflektionen über das Ende

Auffällig ist bei Guha wie bei Zwerenz der hohe Anteil von Reflektionen über die politischen Ursachen des Unterganges, die zum Schluss auch im Ethischen gesucht werden. Ermüdeten diese schon in Der Bunker den Leser deutlich, so kann man bei Guha erst nach dem Angriff der Sowjetunion auf die Bundesrepublik überhaupt von einer literarischen Handlung im eigentlichen Sinne sprechen. Meiner ersten Schätzung nach, machen die theoretischen Ausführungen des Protagonisten ca. 3 Viertel des 180 Seiten umfassenden Werkes aus, womit die eigentliche Geschichte der Hauptfigur, die hier zum Sprachrohr des Autors selbst degradiert wird, vor allem am Anfang zur Bedeutungslosigkeit verkommt. Obwohl hierdurch der Eindruck der Hilflosigkeit des Einzelnen angesichts des nahenden Unheils verstärkt wird, lässt sich nicht mehr davon sprechen, dass die Lektüre des Tagebuches “Spaß” im herkömmlichen Sinne machen würde. Guhas Ende ist weniger ein literarischer Text als eine politische Schrift, die mit ihrem geringen fiktiven Anteil die theoretischen Ausführungen des Autors untermauert – dieser Eindruck kann später auch weder durch die bedrückenden postapokalyptischen Szenen in Frankfurt und Wiesbaden noch durch die Erzählung vom persönlichen Untergang des Protagonisten und seiner Familie verwischt werden.

Fazit

Anton Guhas Tagebuch aus dem 3. Weltkrieg kann kaum noch als literarisches Werk im engeren Sinne bezeichnet werden, da hier die eigentliche Handlung über weite Strecken vornehmlich dazu dient, Anlässe zu politischen und philosphischen Reflektionen zu schaffen – wobei die Auswirkungen eines Nuklearkrieges am Ende aber eindringlich und durchaus gelungen geschildert werden. Die Lektüre des Buches bietet sich damit nur jenen Interessierten an, die einen tiefergehenden Einblick in die Ängste und Argumentationsweisen der Friedensbewegung der achtziger Jahre bekommen möchten – alle andern sollten zu jenen Werken greifen, in denen das Geschehen eines Atomkrieges stärker als hier literarisiert wird.

 

 

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