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Gustaw Herling

Welt ohne Erbarmen

Inny Swiat = Andere Welt

A World Apart = Eine Welt abseits, für sich, daneben

 

1953 - Verlag für Politik und Wirtschaft 
2000 - Hanser-Verlag 
Neuübersetzung von Hansjürgen Wille 

1951  (1919-2000, 81)  340 Seiten 

wikipedia Gustaw_Herling-Grudzinski  

DNB.Autor  11+2+5+1 Publi

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detopia:  Erbarmen.PDF

H.htm   (OrdnerGulagbuch  

Schalamow   Solschenizyn  

Applebaum Gesamtdarstellung 2004

Primo.Levi Haftbericht (KZ)

Dostojewski Haftbericht (Totenhaus)

Welt vor dem Abgrund - Iljin  (Sachbuch 1930)

 

 

 

 

 

 

 

DNB Erbarmen  Verlag für Politik und Wirtschaft 1953, 276 Seiten, Ü Hansjürgen Wille 

DNB Erbarmen  Verlag Rote Weissbücher, 276 Seiten 

 

Rezension Zürich 2000  Breitenstein, NZZ

Buchkritik  DLF  2000  Von Martin Ebel 

 

detopia-2008:

Im <Schwarzbuch des Kommunismus> Teil 1  ist Herling im Personenregister nicht erwähnt. 

Frau Applebaum in ihrem Gulagbuch ruft Herling als einen hauptsächlichen Zeugen auf.

Tagebuch bei Nacht  geschrieben

 


 

"Es gibt zwei Autoren, mit deren Bücher ich — bei allen Unterschieden — meines vergleichen würde: Solschenizyn und Schalamow. Ich finde, Solschenizyn hat mit seinem <Archipel GULAG> eine Art Enzyklopädie der sowjetischen Arbeitslager geschrieben. Er ist zweifellos ein begabter Schriftsteller und ich schätze ihn sehr. Doch noch höher schätze ich Schalamow und dessen <Geschichten aus Kolyma>. Für mich ist er der größte Schriftsteller des ganzen <KZ-Universums>. Als Autor von <Welt ohne Erbarmen> ziehe ich vor ihm den Hut."    Gustaw Herling   Quelle: warlamschalamow.de

 


Als Gustaw Herling 1940 versuchte, aus Warschau über Litauen zur polnischen Armee in Frankreich zu gelangen, wurde er vom NKWD verhaftet und zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Er wurde im Lager Jercewo interniert und lebte dort unter schwersten Bedingungen eineinhalb Jahre.  In eindringlichen Bildern und Episoden erzählt er vom Alltag des Lagerlebens, von Folter und Denunziation, von Willkür und Gewalt, aber auch von wunderbaren Beispielen der Menschlichkeit.  

 


Pressestimmen: 

"Bestechend ist die Disziplin, mit der der Autor an der von ihm selbst gezogenen Grenze Halt macht und sich das Spekulieren, Phantasieren, das Weitertreiben von Geschichten über das Faktische, das Verbürgte hinaus versagt. Doch gerade indem er sich nicht die Freiheiten des Romanciers nimmt, weiß Herling Szenen der Gewalt, Angst, Verzweiflung zu entwerfen, die von beklemmender Dichte und, man zaudert es zu sagen, großer künstlerischer Kraft sind."  Karl Gauss, FAZ, 17.10.2000  

"Die Neuauflage von 'Welt ohne Erbarmen' nach knapp fünfzig Jahren, trifft eine westliche Gesellschaft, die immer noch mit Entschädigungs­berechnungen und Zahlungs­verweigerungen an die letzten überlebenden Zwangsarbeiter beschäftigt ist. Niemand, der Herlings 'Welt ohne Erbarmen' liest, kann sich unbeeindruckt davonschleichen. Herling diskutiert nicht das Schuldprinzip, ihn interessiert, wie sich der Mensch verhält, der nicht wie ein Mensch behandelt wird." Verena Auffermann, Süddeutsche Zeitung, 19.08.00 

 


 

Perlentaucher über Süddeutsche 19.08.2000 

Nach Verena Auffermann wird sich nach der Lektüre dieses Buchs niemand "unbeeindruckt davonschleichen" können — gerade angesichts der aktuellen Diskussion um die Entschädigung von Zwangsarbeitern. Zunächst aber merkt die Rezensentin an, dass das Buch bereits 1953 zum ersten Mal in Deutsch erschienen ist und die damalige Übersetzung aus dem Englischen nun mit Hilfe der polnischen Originalausgabe bearbeitet wurde. 

Auffermann hebt einige Aspekte des Buchs als besonders beeindruckend hervor. So weiß sie sehr zu schätzen, dass Herling ausschließlich über das berichtet, "was er selbst erlebt hat" — die Zeit vorher bleibt außen vor, etwas wodurch sich Herling von Alexander Solschenizyn unterscheidet. 

Darüber hinaus betont die Rezensentin Herlings Position eines Beobachters, der ähnlich wie ein "Dokumentarfilmer" die Ereignisse schildert, nur dass Herling hier selbst zu den Beschriebenen gehörte. 

Aber auch überraschend poetische Passagen hat Auffermann entdeckt. Solche Augenblicke erscheinen ihr wie ein "Atemholen" des Autors, mit denen er die Schilderungen des Lagerdaseins bisweilen unterbricht. Insgesamt geht es in diesem Buch — wie Auffermann betont — nicht primär um die Schuldfrage. Vielmehr habe sich Herling selbst auch immer wieder die Frage gestellt, "wie sich der Mensch verhält, wenn er nicht wie ein Mensch behandelt wird".


Die Gesichter des Bösen sind Herlings Thema, und in all seinen Geschichten zeichnet er Porträts von Menschen, denen das Böse begegnet, sei es in menschlicher Gestalt, sei es durch Krieg, Krankheit oder Naturkatastrophen. Wie meistern diese Menschen ihr Schicksal? Wie reagieren sie, wenn das Außergewöhnliche, das Numinose, das menschliches Fassungsvermögen Übersteigende in ihr Leben tritt?  

 


Frühling für Stalin - Über Gustaw Herling 

dradio.de  Von Günter Franzen   4.4.2005 

 

Ende 1939 ist Polen von deutschen Truppen überrollt und der junge Warschauer Schriftsteller Gustaw Herling wird bei dem Versuch, das besetzte Land über Litauen zu verlassen, um sich der polnischen Exilarmee in Paris anzuschließen, vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet und wegen der Namens­ähnlichkeit mit dem Naziführer Herrmann Göring als Spion zu fünf Jahren Zwangsarbeit in dem am Polarkreis liegenden Lager Jercewo verurteilt.

Gustaw Herling sieht sich einer Steigerung des Unerträglichen ausgesetzt, indem er den Gulag als unentrinnbar erlebt. Nachdem ihn der Moloch unvermittelt ausspeit, tritt der Entlassene nach einem mehrtägigen Transport in einem Viehwaggon Anfang Januar 1941 vor den Bahnhof von Swerdlowsk und stellt fest, dass die Menschen, mit denen er ins Gespräch zu kommen sucht, ausnahmslos von jenem "permanenten Zittern der Persönlichkeit" befallen sind, dass er an sich und seinen Leidensgenossen im Lager registrierte. 

Es gibt kein Vorher, es gibt kein Nachher, es gibt kein Drinnen und es gibt kein Draußen. Nunc stans: Der stehende Augenblick, in dem die generalisierte Paranoia in jede Pore des Menschen, in jeden Winkel der Gesellschaft eindringt, ein Wahn, der nach Herling auf dem Grundsatz beruht, "dass sich alles als verdächtig erweisen könnte, weil niemand weiß, was wirklich verdächtig ist."  (nunc stans: Arthur Schopenhauer: das „zeitlose jetzt“)

Gustaw Herling, der Mitbegründer der polnischen Exilzeitschrift "Kultura", hat das linksliberale just milieu des freien Europa unablässig daran erinnert, den Stalinismus nicht als eine starre, im Orkus der Geschichte verschwundene Doktrin zu verharmlosen, sondern als ein lebendiges Unterdrückungssystem zu begreifen, eine perfekt getarnte kriminelle Methode des Machterhalts und ein anhaltend wirksames Instrument der Deformation der Gesellschaft und der moralischen Abstumpfung ihrer Mitglieder. Kein Vorher. Kein Nachher. 

Die letzte Eintragung in Gustaw Herlings <Tagebuch bei Nacht geschrieben> aus dem Jahr 2000 ist eine verzweifelte Frage: "Was soll angesichts der Fortdauer der Barbarei aus einem morschen, ängstlich zitternden Europa werden, das jedes Schamgefühl verloren hat?" 

 


Pressestimmen

Herlings autobiographische Erinnerungen ›Welt ohne Erbarmen‹ sind in ihrem Klar- und Tiefblick eines der luzidesten Werke, die zum sowjetischen Gulag verfaßt wurden.

Herling ist einer der großen Autoren unserer Zeit. Im Ausland hat sein Werk viel deutlichere Spuren hinterlassen als bei uns. Aber es gibt ja in der Literatur zwar Verspätungen, aber niemals ein Zuspät. Und so ist uns die Gelegenheit gegeben, ein höchst eindrucksvolles, ich behaupte: überwältigendes Werk kennenzulernen.

Niemand, der Herlings ›Welt ohne Erbarmen‹ liest, kann sich unbeeindruckt davonschleichen.

Was ist das Besondere an diesem Buch? Zum einen ist Herling ein begabter Schriftsteller. So legt er nicht nur Zeugnis ab, sondern er stellt auch eine Intensität des Grauens her, der das Buch seine so grausige Wirkung verdankt; es ist keineswegs vermessen, dass er immer wieder […] an Dostojewskijs ›Aufzeichnungen aus einem Totenhaus‹ erinnert. 

Die zweite Dimension ist die fast grässlichere. Herlings Epopöe erspart sich und uns nicht die Frage: Dies alles – die zerbrochenen Knochen, die ausgetretenen Zähne, die in Schneewehen Verscharrten und am Wegesrand wegen Entkräftung Erschossenen – war das ›Menschenmaterial‹, aus dem eine neue Welt entstehen sollte? […] Dass Gustaw Herling dieses düstere Geheimnis berührt, verleiht seiner Prosa ihren Rang. Das ist nicht lediglich der Bericht von den Millionen, die in arktischer Kälte langsam zu Tode gequält wurden; das ist auch eine Recherche über die Verwinkelungen, die der Mensch birgt.

›Welt ohne Erbarmen‹ ist ein Bericht, dem es um die vertuschte, verleugnete Wahrheit geht und der sich streng an das hält, was der Lagerin-sasse Herling sehen und hören […] konnte. Bestechend ist die Disziplin, mit der der Autor […] sich das Spekulieren, Phantasieren, das Weiter-treiben von Geschichten über das Faktische, das Verbürgte hinaus versagt. Doch gerade indem er sich nicht die Freiheiten des Romanciers nimmt, weiß er Szenen der Gewalt, Angst und Verzweiflung zu entwerfen, die von beklemmender Dichte und, man zaudert, es zu sagen, großer künstlerischer Kraft sind.

 

Der Verlag über das Buch

»Herlings autobiographische Erinnerungen ›Welt ohne Erbarmen‹ sind in ihrem Klar- und Tiefblick eines der luzidesten Werke, die zum sowjetischen Gulag verfaßt wurden.« Andreas Breitenstein in der ›Neuen Zürcher Zeitung‹ »Herling ist einer der großen Autoren unserer Zeit. Im Ausland hat sein Werk viel deutlichere Spuren hinterlassen als bei uns. Aber es gibt ja in der Literatur zwar Verspätungen, aber niemals ein Zuspät. Und so ist uns die Gelegenheit gegeben, ein höchst eindrucksvolles, ich behaupte: überwältigendes Werk kennenzulernen.« 
Wilfried Schoeller in ›bücher, bücher‹, Literaturmagazin des Hessischen Rundfunks

»Niemand, der Herlings ›Welt ohne Erbarmen‹ liest, kann sich unbeeindruckt davonschleichen.« 
Verena Auffermann in der ›Süddeutschen Zeitung‹

»Was ist das Besondere an diesem Buch? Zum einen ist Herling ein begabter Schriftsteller. So legt er nicht nur Zeugnis ab, sondern er stellt auch eine Intensität des Grauens her, der das Buch seine so grausige Wirkung verdankt; es ist keineswegs vermessen, dass er immer wieder […] an Dostojewskijs ›Aufzeichnungen aus einem Totenhaus‹ erinnert. Die zweite Dimension ist die fast grässlichere. Herlings Epopöe erspart sich und uns nicht die Frage: Dies alles – die zerbrochenen Knochen, die ausgetretenen Zähne, die in Schneewehen Verscharrten und am Weges-rand wegen Entkräftung Erschossenen – war das ›Menschenmaterial‹, aus dem eine neue Welt entstehen sollte? […] Dass Gustaw Herling die-ses düstere Geheimnis berührt, verleiht seiner Prosa ihren Rang. Das ist nicht lediglich der Bericht von den Millionen, die in arktischer Kälte langsam zu Tode gequält wurden; das ist auch eine Recherche über die Verwinkelungen, die der Mensch birgt.« 
  Fritz J. Raddatz in der ›Zeit‹

»›Welt ohne Erbarmen‹ ist ein Bericht, dem es um die vertuschte, verleugnete Wahrheit geht und der sich streng an das hält, was der Lagerin-sasse Herling sehen und hören […] konnte. Bestechend ist die Disziplin, mit der der Autor […] sich das Spekulieren, Phantasieren, das Weiter-treiben von Geschichten über das Faktische, das Verbürgte hinaus versagt. Doch gerade indem er sich nicht die Freiheiten des Romanciers nimmt, weiß er Szenen der Gewalt, Angst und Verzweiflung zu entwerfen, die von beklemmender Dichte und, man zaudert, es zu sagen, großer künstlerischer Kraft sind.« 
   Karl-Markus Gauss in der ›Frankfurter All-gemeinen Zeitung‹

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aus >Welt ohne Erbarmen<
Neuübersetzung 2000 

 

Szkowski und ich fuhren in dem gleichen Abteil in einem "Stolypin-Wagen" (einem Gefangenenwagen mit vergitterten Scheiben, der nach dem zaristischen Minister, der ihn in Rußland eingeführt hat, so genannt wird). Er legte seinen Militärmantel auf die Bank und saß während der ganzen Fahrt aufrecht und stumm in der Ecke des Abteils, seine Uniform hatte er bis zum Hals zugeknöpft und die Hände auf den Knien gefaltet. 

Außer uns machten sich hier noch drei "Urkas" breit, die sofort auf der oberen, herunterklappbaren Bank Karten zu spielen begannen. Einer von ihnen, ein wahrer Gorilla mit flachem Mongolengesicht, erzählte uns, noch ehe der Zug den Leningrader Bahnhof verlassen hatte, er habe nun endlich fünfzehn Jahre bekommen, weil er den Koch im Lager Pechora, der sich geweigert hatte, ihm noch eine zweite Portion Grütze zu geben, mit der Axt erschlagen habe. Er berichtete das mit sichtlichem Stolz, ohne das Spiel dabei zu unterbrechen. 

Szkowski saß unbeweglich mit halbgeschlossenen Augen in seiner Ecke, während ich mich zu einem Lächeln zwang. Es muß sehr viel später gewesen sein — denn über den schneebedeckten Höhen draußen dämmerte es schon —, als der Gorilla plötzlich seine Karten hinwarf, von seiner Bank heruntersprang und sich vor Szkowski aufbaute. "Her mit dem Mantel", gröhlte er, "ich habe ihn beim Spiel verloren."  

Szkowski schlug erstaunt die Augen auf und zuckte die Schultern, ohne sich von seinem Sitz zu erheben. "Her damit", brüllte der Gorilla noch einmal wütend, "her damit, oder glasa vykolju — ich werde dir die Augen ausstechen." Der Oberst stand langsam auf und reichte ihm den Mantel. 

Erst später, im Arbeitslager, habe ich den Sinn dieser unglaublichen Szene begriffen. Eins der Hauptvergnügen der "Urkas" besteht darin, beim Kartenspiel etwas zu setzen, was anderen Gefangenen gehört, und der besondere Reiz dieses sonderbaren Spaßes ist es, daß der Verlierer das betreffende Stück dem rechtmäßigen Eigentümer entreißen muß. 

1937, als die ersten Arbeitslager errichtet wurden, spielten die "Urkas" um Menschenleben, weil damals niemand etwas Begehrenswertes besaß. Ein politischer Gefangener, der in einer Ecke der Baracke saß, ahnte nicht, daß die fettigen Karten, die mit lautem Krach auf das kleine Brett auf den Knien der Spieler geworfen wurden, sein Schicksal besiegelten.

"Glasa vykolju" war die schlimmste Drohung, deren sich die "Urkas" bedienten. Zwei erhobene Finger der rechten Hand in der Form eines V waren bereit, dem Opfer die Augen auszudrücken. Man konnte sich nur dagegen verteidigen, indem man die Hand ergriff und sie blitzschnell gegen Nase und Stirne preßte. Die Finger des Angreifers prallten dann daran ab, wie die Wogen am Bug eines Schiffes. 

Später erst bemerkte ich, daß der Gorilla kaum seine Drohung hätte verwirklichen können, denn ihm fehlte an der rechten Hand der Zeigefinger. Diese Art der Selbstverstümmelung kam in den Anfangszeiten der Arbeitslager nicht selten vor. Gerade bei den Waldbrigaden konnte jemand, der am Ende seiner Kraft war, nur dann ins Lazarett kommen, wenn er sich auf einem Holzklotz Hand oder Fuß verstümmelte. 

Die unmenschliche Gedankenlosigkeit der sowjetischen Arbeitslager­verwaltung führte dazu, daß ein Gefangener, der während der Arbeit vor Erschöpfung tot zu Boden sinkt, weiter nichts als eine namenlose Energieeinheit bildet, die mit einem Bleistift vom Produktionsplan gestrichen wird, während man jemand, der sich bei der Arbeit verletzt, wie eine beschädigte Maschine schleunigst zur "Reparatur" schickt. 

Als der Zug Wologda erreichte, war ich der einzige, den man aus unserem Abteil holte. "Auf Wiedersehen", sagte ich zu Szkowski. "Auf Wiedersehen", antwortete er mit einem herzlichen Händedruck, "mögen Sie in das Land unserer Väter zurück­kehren!"

 

Einen Tag und eine Nacht verbrachte ich im Gefängnis in Wologda, das durch seine Ecktürme und die roten Mauern, die einen großen Hof umschlossen, an eine mittelalterliche Burg erinnerte. In einer kleinen Zelle im Keller, in der es statt eines Fensters nur ein männerkopfgroßes Loch in der Wand gab, schlief ich auf dem kahlen Boden.

Um mich herum lagen Bauern aus der Gegend, die nicht mehr Tag und Nacht unterscheiden konnten, nicht mehr wußten, was für eine Jahreszeit, was für ein Monat war, die keine Ahnung hatten, warum sie im Gefängnis waren, wie lange man sie schon eingesperrt hatte und wie lange sie hier noch bleiben müßten.

Am nächsten Abend fuhr ich mit einem anderen Transport nach Jercewo, unweit von Archangelsk. Auf dem Bahnhof, wo wir im Morgengrauen ankamen, erwartete uns eine Wachmannschaft. Wir wurden aus den Wagen herausgelassen und stapften, von Wolfshunden umbellt, zwischen den Posten über den knirschenden Schnee. 

Am frostklaren Himmel leuchteten noch ein paar Sterne. Ich hatte das Gefühl, daß sie jeden Augenblick erlöschen würden, daß dann alles in dunkler tiefer Nacht versänke. 

Aber als wir um die erste Wegbiegung kamen, sah ich am Horizont die Silhouetten von vier Wachtürmen, die wie riesige Krähennester auf den Holzgerüsten saßen und von Stacheldraht umgeben waren. 

Aus den Barackenfenstern fiel ein Lichtschein, und man konnte das Rasseln der Brunnenketten hören, die über die gefrorenen Winden glitten. 

 

 

 

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