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Hans-Jürgen Krysmanski 

0,1%
Das Imperium der Milliardäre

Die Geldelite verselbständigt sich

Ein Soziologe über die Reichen und Mächtigen dieser Welt

2012+2015 im Westend Verlag, Frankfurt

 

2012   386 Seiten

wikipedia.Buch  

wikipedia.Autor  *1935 in Berlin bis 2016 (80)

DNB.Buch  2015: Neuausgabe   DNB.Autor  

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uni-muenster.de  Krysmanski 

 

detopia:  Krysmanski.PDF   K.htm   (Ordner)   Be.Hamm    A.Boron   We.Rügemer   Ha.Schui  Wo.Koschnick   Th.Roszak 

 

Hans-Jürgen Krysmanski, emeritierter Professor für Soziologie an der Wilhelms-Universität in Münster, erforscht seit vielen Jahren die Reichen und Supereichen. Nun hat er eine Zusammenfassung seiner Arbeit vorgelegt und liefert eine Anatomie des Megareichtums dieser Welt. Er entschleiert die teilweise nur schwer zu fassende Macht, die mit diesen enormen Geldwerten verbunden ist, und verdeutlicht so, dass auch in komplexen Systemen und Strukturen, konkret benennbare Akteure am Werke sind, die aufgrund ihrer Vermögens­werte einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Gestaltung dieser Welt haben. 

 

Im Telepolis-Interview spricht der Soziologe über die Geldmacht der neuen Super-Klasse, die Schwächen der Gesellschaftswissenschaften bei der Erforschung der Mächtigen und über ein "kommendes globales Szenario nackter Überlebens­kämpfe". 

Von Marcus Klöckner, Telepolis am 02.11.2012, 23 Fragen, URL  heise.de  37/37867/1.html   

 

Ähnlich, aber kürzer:  manager-magazin.de/finanzen/artikel/a-860016-druck.html 

 

neu 2019: Der Geist von Davos von lars jaeger bei telepolis 

 

 

1) Herr Krysmanski, der Volksmund sagt: <Geld regiert die Welt>. Sie setzen sich nun schon seit vielen Jahren mit den Reichen und Superreichen in Ihrer sozial­wissen­schaftlichen Arbeit auseinander. Stimmt der Spruch?

HK: Mit dem Spruch "Geld regiert die Welt" sind natürlich die großen Geldbesitzer, Geldgeber und Geldnehmer gemeint. "Die mit dem Gold machen die Regeln", sagte die frühere demokratische Gouverneurin von Texas, Ann Richards. Und in dieser Welt lautet ganz ohne Frage die wichtigste goldene Regel: "The winner takes all", der Gewinner kriegt alles. So steigen durch Zufall, Schläue, Gewalt, Vererbung ein paar ganz gewöhnliche Menschen in die Regionen des Superreichtums auf. Geld wird zum ultimativen Macht- und Herrschaftsmittel in den Händen von Privatleuten, die letztlich niemandem und zu nichts verpflichtet sind.

2) Und die erfahren nun allmählich, was man mit Geld alles machen kann?

HK: "Money is what money does", und das ist unvorstellbar viel. Das ist die gesellschaftliche Rolle der Superreichen und ihrer Praxis. Und manche Neugierige wie unsereins, mit wenig Gold, erforschen das eben in der Theorie. Dabei verdichtet sich die Vermutung, dass da oben eine neue Klasse, eine Super-Klasse, entsteht.

3) Sie kritisieren in Ihrem Buch auch, dass die Sozialwissenschaften noch immer nur relativ wenig in Bezug auf die Elite oder gar die Machtelite an Forschungs­ergebnissen hervorgebracht hat, da der wissenschaftliche Blick sich kaum noch auf konkret handelnde Akteure richtet. Es geht um Systeme, die miteinander kommunizieren, und komplexe Strukturen. Warum tut sich die Sozialwissenschaft, und ich erwähne insbesondere die Soziologie, so schwer damit, Ross und Reiter beim Namen zu nennen und deren Wirken zu erforschen?

HK:  Ich kann hier nur für die Soziologie sprechen. Das gängige empirische Rüstzeug der Soziologie ist für die Erforschung der Frage (was die Superreichen tun, wenn sie Macht gewinnen) kaum geeignet. Man kann sie kaum befragen und sie werden kaum antworten. Ihre Vermögen lassen sich nur mit großer Unsicherheit schätzen. Der Kanon empirischer Methoden ist nicht wirklich über die industrie- und militärsoziologischen Unter­suchungen des letzten Jahrhunderts hinausgekommen. In unseren hierarchisch geschichteten Gesellschaften gibt es noch immer nur eine Beobachtungs­perspektive: Die Mittelschichten beobachten die Unterschichten im Auftrag der Oberschicht. Bestenfalls beobachten verschiedene Mittel­schichten­fraktionen noch einander. Wer aber beobachtet die Oberschicht?

4) Können Sie Probleme benennen, die sich einem kritischen Sozialwissenschaftler möglicherweise in den Weg stellen, wenn er einen gesellschafts­kritischen oder einen elite-kritischen Ansatz verfolgt?

HK: Intellektuelle haben zu allen Zeiten diesen Fragen nachgespürt, sich für diese Problematik sensibilisiert. Einige sind dann in die Beratung und Betreuung dieser höheren, herrschenden Kreise eingestiegen. Einige sind dabei eingefangen und korrumpiert worden. Andere sind untergegangen oder haben begonnen, die imperialen Strukturen und die Handlungen der "imperial Strukturierten" zu analysieren und zu bekämpfen.

Und schließlich ist in diesen Auseinandersetzungen eine zentrale Kategorie für die frühen Formen des heutigen Imperiums der Milliardäre gefunden worden: der Begriff des Kapitals. Und es war Karl Marx, der das bahnbrechende Werk dazu geschrieben hat. Von hier aus muss nun weitergedacht werden, wobei der Marxismus heute zwar ebenso wie etwa der Darwinismus zu den klassischen Marksteinen wissenschaftlichen Fortschritts gehört. Aber er ist nur die Basis, nicht das Ende der kritischen Erkenntnis ökonomischer, sozialer und politischer Entwicklung.

5) Diese Probleme sind nicht von der Hand zu weisen. Andererseits: Es gibt durchaus immer wieder auch kritische Soziologen, ich denke hierbei zum Beispiel an Pierre Bourdieu, der sagte, die Soziologie ist wie eine Art Kampfkunst zu verwenden. Damit meinte er: Die Soziologie als Gesellschafts­wissenschaft ist doch hervorragend dazu geeignet, einen herrschafts­kritischen Blick zu veranschlagen, politische Missstände zu dekonstruieren und so die Hintergründe der Probleme für eine breitere Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Wird vielleicht der Machtelite auch deshalb nicht näher auf die Hände geschaut, weil zu viele Sozialwissenschaftler lieber den bequemeren Weg gehen, ohne anzuecken und sich Schwierigkeiten einzuhandeln? 

HK: Ja, es gibt diese praktischen Barrieren, die sich für einen Sozialwissenschaftler beim Blick in diesen irdischen Himmel auftun. Arnold Gehlen, der konservative Sozialphilosoph, hat immer wieder gesagt: Diese Bereiche der Macht und Herrschaft sind Regionen des Schweigens. Damit unsere Institutionen nicht gefährdet werden, sollten auch Soziologen hier das Maul halten. Von John Kenneth Galbraith kennen wir den Satz: "Unter allen Klassen sind es die Reichen, die am meisten beachtet und am wenigsten studiert werden." Wer also klug ist und auf einer Karriereleiter steht, schweigt.

6) Zu den Schweigenden scheinen auch so manche Sozialwissenschaftler zu gehören, oder?

HK:  Sicherlich. Die Erforschung von Macht und Herrschaft ist überhaupt seit jeher den seltsamsten Konjunkturschwankungen unterworfen. Gerade wenn es zum Beispiel in der Praxis interessant wird und Kräfteverhältnisse sich ändern, ziehen sich Sozialwissenschaftler oft in subtilste Reflexionswinkel zurück. Und zwar in der ja nicht falschen Einschätzung, dass in zugespitzten Konfliktsituationen eher Polizei, Geheimdienste oder das Militär gefragt sind als Soziologen. Aber das Erkenntnis­interesse verschwindet selbstredend nicht einfach, wenn die akademischen Spezialisten das Weite suchen.

Das Unerwartete ist schon da

7) Die Fragen nach Macht und Geldmacht werden dann scheinbar von anderen Interessierten angegangen.

HK:  Ja, sie werden mal mehr, mal weniger wissenschaftlich, weiter bearbeitet, Graswurzelforschung, investigativer Journalismus und so weiter springen ein. So war es zum Beispiel um 1900 in den USA, in der Zeit eines ersten großen Herrschaftsschubs kapitalistischer Räuberbarone. Und so ist es heute wieder.

8) Was würden Sie sich von angehenden Sozialwissenschaftlern wünschen, damit diese den Möglichkeiten, die ihnen ihre Wissenschaftsdisziplin bietet, gerecht werden?

HK: Sie müssen ihren eigenen Weg gehen. Ich muss immer an die Einschätzung eines der jungen, eigensinnigen dot.com-Milliardäre aus Silicon Valley denken, Joe Firmage, der 1998 als 28-Jähriger über die nach 1980 Geborenen schrieb:

"Trotz all ihrer Schwächen hat diese neue Generation mehr als alle anderen vor ihr ein tiefes, inneres Bewusstsein davon, was ihr bevorsteht. Sie ist bombardiert worden mit den lautesten, größten, gleißendsten, stärksten, leckersten, übelsten, besten und schlimmsten Angeboten des Marktes. Und trotz all diesen Konsumlärms, oder vielleicht gerade deswegen, ist diese Generation am empfänglichsten für die sanften, natürlichen, wahren Qualitäten des Lebens. Ihre Imaginations­kraft ist atemberaubend kreativ, denn ihnen sind extreme Formen des <edutainment> aufgetischt worden, die weit über das Vorstellungsvermögen ihrer Vorgänger hinausreichen. Ihre Fähigkeit, Vielfalt zu tolerieren, ist enorm und für immer mehr von ihnen ist diese Mannigfaltigkeit der Erfahrungen etwas, wonach sie suchen, statt sie zu bekämpfen." 

9)  Was wollen Sie damit sagen?

HK: Also: Avanti Dilettanti! Avanti Digerati! Letztlich geht es in den Sozialwissenschaften zu allen Zeiten um die Frage, wie man sich Menschheits­geschichte insgesamt phantasievoll und utopienreich vorstellen kann. Heutzutage lässt sich zudem spielerisch mit vielerlei digital angehauchten Modellen mit den Möglichkeiten des Internet umgehen, um die menschliche Entwicklung unseres Planeten als Ganzes zu verstehen. Ich würde hier beispielsweise die experimentellen Aktivitäten von Google nicht unterschätzen. 

 

10) Dass hört sich gut an, aber die Realität sieht nun erst mal so aus, dass die Superreichen relativ unbeobachtet von einem analytischen wissenschaftlichen Blick agieren können. Nun stehen diesem "Imperium der Supereichen", wie Sie sagen, auch Akteure gegenüber. Michael Hardt und Antonio Negri sprechen in ihrem Buch <Empire> von einer "Multitude", also einer zunehmend Masse differenzierender Subjekte.

HK: Ja, und diese Multitude ist sehr interessant. Diese Multitude ist dabei, ihre Fähigkeiten des Reflektierens und Sprechens über die neuen Formen postkolonialer Unterdrückung und Herrschaft auszubilden und immer klarer den Widerstand zu proben. Dabei geht es längst nicht mehr nur um politische Kritik, sondern um den radikalen Umbau des gesamten ökonomischen Systems, um die Transformation des Kapitalismus als solchen. So haben wir heute tatsächlich zum ersten Mal in der Geschichte des Macht- und Herrschaftshandelns einen Zustand erreicht, der es "im Prinzip" allen Menschen ermöglicht, sich die Freiheit zu nehmen. Damit haben nun ironischerweise auch die Milliardäre (die ihren Superreichtum im Dschungel des Kapitalismus erworben haben) die Freiheit, den Kapitalismus zu überwinden. "Kapitalismus als System wird für Kapitalisten immer unattraktiver. Die Klügsten unter ihnen suchen nach Alternativen, um ihre Privilegien abzusichern", schreibt Immanuel Wallerstein.

11) Wenn man Ihre Thesen hört, muss man davon ausgehen, dass es bereits "weit nach 12" ist.

HK:  Ja, es ist nach zwölf, die Nacht beginnt. Und wenn man dem vor kurzem gestorbenen Eric Hobsbawm glaubt, "wird Blut fließen, viel Blut". Das Unerwartete ist schon da. In meinem Buch habe ich das so umschrieben:

"Die herkömmlichen politischen Systeme als solche werden immer bedeutungsloser. Und auch für die Leistungs- und Wissenseliten und sogar für die Manager wird die Situation immer prekärer. In dieser Lage verselbständigen sich die Geldeliten, sie beginnen im wahrsten Sinne des Wortes, auf eigene Faust mit Söldner­armeen, privaten Polizei- und Geheimdiensten zu operieren. 

Klimawandel, Ressourcenprobleme und wachsende, unumkehrbare Arbeitslosigkeit deuten auf ein kommendes globales Szenario nackter Überlebenskämpfe. Für eine solche Rette-sich-wer-kann-Welt glauben sich die souveränen, wohlgeschützten Eigner des Besten, was diese Welt zu bieten hat - wie einst die Feudalherren - gut gerüstet. Uns bleibt im Augenblick nur, die Erwartung neuer und neuartiger Klassen­konflikte zu konstatieren."

Doch es ist ja nicht alles schrecklich. Und vielleicht hatte Eric Hobsbawm doch nicht so ganz Recht. Was heute geschieht, ist ja auch in einem ganz tiefen Sinne "interessant". Und wir kennen ja auch Klassenkonflikte, die friedlich, zivil (wenn auch nicht unbedingt gemütlich) abliefen. Und in diesem Chaos steckt ja auch das Neue, an das wir uns halten können.

Für ein Verständnis der Ranking-Listen der Reichen fehlt uns die Bildung

12) In Ihren Ausführungen klingt an, dass die Superreichen über eine ziemlich große Macht verfügen müssen. Können Sie diese Macht für uns skizzieren?

HK: Die 1 Prozent oder 0,1 Prozent können sich ihrer Verantwortung für die wachsende Kluft in unseren Gesellschaften nicht entziehen, schreibt die Reuters-Korrespondentin Chrystia Freeland, die demnächst ein Buch über die <Super Elite> herausbringt. Aber auch die Politik hat versagt. Ausgerechnet für diejenigen, die sich in dieser "Winner takes all"-Ökonomie bereichert haben, sind die Steuerlasten gesenkt worden.

13) Gegen die exorbitanten Gehälter der Topmanager ist nichts getan worden.

HK: Nein, stattdessen wurden die Gewerkschaften gezielt geschwächt. Chrystia Freeland schreibt: "In von Plutokraten finanzierten Think Tanks wurden unentwegt intellektuelle Argumente gegen die Selbstorganisation der Beschäftigten produziert. Im Jahre 2009 zahlten von den 400 reichsten Steuerzahlern der USA 6 überhaupt keine Steuern, 27 weniger als 10 Prozent und der Rest in keinem Fall mehr als 35 Prozent."

14) Das ist interessant. Aber diese Ebene, also die Bilder, wenn man so will, von den dahinter stehenden Machtzusammenhängen, wird in dem öffentlichen politischen Diskurs, wie er von den Medien erzeugt wird, nahezu völlig ausgeblendet.

HK: Das ist völlig richtig. Man kann ja in den dramatischsten Worten über die unheimliche Macht der Finanzmärkte, der Banken schwadronieren. Aber in der Öffentlich­keit fehlen oft die simpelsten Voraussetzungen, um in diesen Dimensionen zu denken. Für ein Verständnis dieser Ranking-Listen von Forbes, Bloomberg, Manager Magazin usw. fehlt uns sozusagen die Bildung.

15) Wie sollte denn ein "Bildungsprozess" aussehen, um ein Verständnis für diese verdeckten Motivationslagen zu erhalten?

HK:  Als Einstieg in einen solchen Bildungsprozess sollte man vielleicht einmal eine Diskussion über die Deckelung der größten Vermögen in Gang setzen. Zunächst wäre die Aufregung groß. Wahrscheinlich würde "Enteignung" geschrien. Aber was bedeutet es, wenn man beispielweise sagt: die immer noch enorme Summe von 500 Millionen Euro oder Dollar, das sollte doch einem Individuum oder einer Familie reichen. Damit müsste man doch zufrieden sein, sich alle Konsumwünsche erfüllen können, und sogar noch ein bisschen Macht, ein bisschen Kunst und Wissenschaft kaufen und philanthropisch tätig sein.

Von den jetzt diskutierten Formen einer Vermögensabgabe jedenfalls halte ich nicht viel. Da kämen nur Peanuts mit Placebo-Effekt zusammen. Viel interessanter also wäre eine öffentliche Diskussion über eine Deckelung des Superreichtums: Wo ist die obere Grenze für Vermögen, bevor die Sache unsozial, zerstörerisch, gesellschaftlich sinnlos, gefährlich für alle Beteiligten wird - auch für die Superreichen selbst? So betrachtet sind die aktuellen Aktionen für eine UmFAIRteilung zu zahm, denn sie nennen zu wenige Rösser und Reiter.

16) Der Handlungsspielraum dieser Supereichen oder auch der Machtelite scheint gigantisch. Gibt es dazu überhaupt ein Gegengewicht?

HK:  So wie die Technokraten und Bürokraten in Brüssel aufgestellt sind, so wie die Heere von Lobbyisten es sich dort gemütlich gemacht haben, so wie das Europäische Parlament mit ein paar Machthäppchen abgespeist worden ist, war von vornherein klar, dass Euro-Zone und Europäische Gemeinschaft den ganz großen, längst global vernetzten ökonomischen Interessen dienen sollen. Die großen Vermögen samt deren Mehrern, Beschützern, Rechtfertigern und Minnesängern haben für alle möglichen Zukunftsbedingungen, auch den Zerfall der Euro-Zone, gut vorgesorgt.

17) Wie kann man dieser Entwicklung Einhalt gebieten?

HK: Etwa durch eine Revolution? Die Verhinderer von Revolutionen haben historisch enorm dazugelernt, ihr Arsenal reicht heute von brutaler Waffengewalt, rücksichts­losen Überwachungs­techniken bis zu höchst subtilen "weichen" Formen der Machtausübung und Beeinflussungskunst. "Revolutionäre" hinken da aus vielerlei Gründen weit hinterher, nicht zuletzt, was die theoretische Durchdringung dieser Zusammenhänge betrifft. Aber sie beginnen aufzuholen. Da spielt selbst­verständlich auch das Internet eine Rolle.

18) Was meinen Sie damit: "Sie beginnen aufzuholen"?

HK: Es ist ein großer Fortschritt, dass sich durch Bewegungen wie <Occupy Wall Street> und <99 Prozent> im allgemeinen gesellschaftlichen Bewusstsein einige Einsichten festgeschrieben haben, hinter die nicht mehr zurückgefallen werden kann. Man kann nicht mehr leugnen, dass es eine extreme Ungleichheit der Einkommen auf nationaler und dann noch einmal auf transnationaler Ebene gibt. Man kann nicht mehr den extremen Einfluss leugnen, den das Bankensystem im Interesse von einem Prozent der Weltbevölkerung auf alles, was geschieht, ausübt. Das alles war vor wenigen Jahren noch nicht im gesellschaftlichen Bewusstsein. Jetzt aber wird dieses Wissen die Basis für Widerstand von Bildungsbürgern und Facharbeitern, für die unterschiedlichsten Gegenbewegungen "von unten".

19) Nun, wie es aussieht, wollen die Menschen eben die Welt mitplanen, mitgestalten.

HK: Ja, genau das wollen sie. Und das ist ein neues Phänomen. Sie wollen Transparenz der dem Lobbyismus verfallenen sogenannten Verwaltungs­entscheidungen. Sie fordern Dateneinsicht. Sie merken, dass sie mit ihren Computern, über die Netze, mitkontrollieren und mitgestalten könnten. Und etwas hochgestochen vielleicht - ich versuche das in meinem Buch zu erklären - könnte man sagen, dass Planung auf dem Niveau des Planetarischen zur Debatte steht.

Das Geschrei gegen solche emanzipatorischen, nichtkommerziellen Nutzungen des Internet ist groß. Es kommt von denen, welche die Planungshoheit des Kapitals in der bisherigen Form erhalten wollen. Dabei ist es völlig richtig, wenn Heiner Flassbeck schreibt: "Es ist das mangelnde Verständnis des komplexen Systems der globalen Ökonomie, das bis weit in die Linke hinein das permanente Versagen der Politik erklärt. Wir haben nicht die Politiker, die Politik in der globalen Ökonomie machen könnten, und wir haben nicht die Ökonomen, die in der Lage wären, ein Design für diese globale Ökonomie zu entwerfen."

20) Jean-Claude Juncker, Premier des kleinen Luxemburg, wird folgender Satz aus seiner Trickkiste im Umgang mit Staats- und Regierungschefs der EU nachgesagt: "Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter - Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt." Wie bewerten Sie diese Aussage im Kontext Ihrer Forschung?

HK:  Nun, darin steckt die grundsätzliche Frage, wie sich Politik zum Reichtum als der Quelle privater Machteinflüsse verhält. Geht Reichtum zur Politik oder Politik zum Reichtum? Wer ruft wen an und wer kommt? Ein russischer Oligarch, Wladimir Jewtuschenkow, Russlands mächtigster Bankier, berichtet von seiner Beziehung zu Jean-Claude Juncker Folgendes. Vor zehn Jahren habe es noch jahrelanger Verhandlungen bedurft, bis er 25 Prozent der in Luxemburg situierten, einst von der Sowjetunion gegründeten East-West United Bank erwerben konnte. Dann waren es fünfzig, dann hundert Prozent. Als aber 2008 die Finanzkrise ausbrach, wurden reichen Russen plötzlich überall Banken angeboten: "Jetzt bekomme ich innerhalb von fünfzehn Minuten einen Termin beim luxemburgischen Premierminister." Es ist dieser private Zugang zur öffentlichen Politik, der all diese neuen Machtstrukturen des großen Geldes begründet.

21) Gibt es einen vorgelagerten politischen Formationsprozess, der dazu dient, das Agenda-Setting der Reichen und Mächtigen zu formen?

HK: Vorgelagert sind, wie gesagt, die Wealth-Management-Industrie und die vielen informellen Macht- und Beeinflussungsnetzwerke. Aus der Sicht des Wealth-Managements erscheinen die "high-net-worth-individuals" (HNWIs) und "ultra-high-net-worth-individuals" (UHNWIs) zunächst einmal als eine Menschengruppe, die wirklich nichts anderes im Kopf hat, als ihre Vermögen zu bewahren, zu vermehren und - wenn's hoch kommt - zu rechtfertigen; das alles gepaart mit der "großen Vererbungssorge" (Marx). 

Blickt man allerdings etwas genauer hin, so zeigen sich hinter der Palette der Verwertungs- und Investitionsangebote des Wealth-Managements doch die Schemen realer globaler Trends. Diese strategischen Einschätzungen für die Superreichen werden von den entsprechenden Think-Tanks und Stiftungen mit ihrem oft seltsamen Denkpersonal geliefert. Den UHNWIs soll durchaus eine realistische Vorstellung vom gegenwärtigen Weltsystem nähergebracht werden. Zugleich aber gewinnt man den Eindruck, als wolle von denen kaum jemand so genau wissen, was wirklich passiert.

22) Wie sieht dieser Prozess des <Agenda-Settings> aus?

HK: In der Zeitschrift Forbes erschien vor kurzem ein Bericht unter dem Titel "Milliardäre lenken Millionen in die Think-Tanks", der sich zunächst einmal auf den noch immer weltweit größten Gedankenmarkt, die USA, konzentriert. Die Zahl der Think-Tanks ist allein dort von wenigen Dutzend in den 1940er Jahren auf heute mehr als 1800 angewachsen. Viele der Neugründungen sind ganz ungeniert parteilich. Doch das führende Personal dieser Institutionen, konfrontiert mit der Widersprüchlichkeit und Komplexität der Probleme, ist nicht so ohne weiteres willfährig. So sagt Tevi Troy, ein Senior Fellow des streng konservativen Hudson-Institute: "Ich bin ein begeisterter Fan von Think-Tanks. Aber der Preis dieser Politisierung ist, dass gute Politikforschung aus öffentlichen Institutionen nicht mehr ernstgenommen wird. Ihre gefüllten Taschen erlauben den Reichsten, immer mehr an Einfluss in dieser Welt zu gewinnen."

Und da ist man dann schnell bei Geheimgesellschaften und Verschwörungen (die es ohne Frage gibt, auch wenn sie niemals "weltumspannend" sein können). Immer wieder tauchen die Namen <Bilderberg> oder <Davos> auf, auch wenn das nur die Spitze eines Eisbergs ist. Aber wie dies erforschen? Mit welchen Methoden? Welche Möglichkeiten hat der investigative Journalismus? Man braucht ja nur einmal den Security-Apparat zu erleben, der in Gang gesetzt wird, wenn man als einfacher Besucher in einer der großen Foundations eine Verabredung hat. Ganz zu schweigen von den gläsernen Festungen der Banken und Konzerne.

23) Aus dem erlauchten Kreise der Bilderberger kommt auch der frischgebackene SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Ist es ein gutes Zeichen, wenn ein möglicher neuer Bundes­kanzler bereits im Vorfeld eine Politik der Hinterzimmer betreibt?

HK: Das ist nun wirklich egal, ob Herr Steinbrück oder Herr Westerwelle oder Herr Trittin sich zu den Treffen der Bilderberger kutschieren lassen. Wenn sie klug sind, stellen sie amüsiert skeptische Beobachtungen an. Andernfalls werden sie halt eingelullt und instrumentalisiert. Das politische Spektrum soll durch solche Verbrüderungen jedenfalls auf rechte Neoliberale und linke Neoliberale eingegrenzt werden.

Und uns soll es gleichgültig werden, wer die nächsten Wahlen gewinnt, so wie in den USA. Über die dortige Situation schreibt Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman: "Wir bekommen auf jeden Fall eine Regierung von den 0,01 Prozent durch die 0,01 Prozent für die 0,01 Prozent."

 

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aus wikipedia 2019

0,1 % – Das Imperium der Milliardäre ist ein 2012 und 2015 in überarbeiter und erweiterter Auflage veröffentlichtes Buch des an marxistischer Dialektik orientierten Soziologen Hans Jürgen Krysmanski.

Das Werk im thematischen Bereich des Power Structure Research und der Reichtumsforschung setzt sich mit der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Rolle der modernen globalisierten Finanz- und Geldelite auseinander. Diese gewinne zunehmend Macht über die Funktionseliten und beeinflusse damit auch die politischen Herrschaftsstrukturen.[1]

Krysmanski zufolge findet im „Transkapitalismus“ eine Refeudalisierung im Sinne eines Geldadels statt, der sich über das Erbrecht und Steuerrecht perpetuiere. Die ungleiche Vermögensverteilung beruhe auf einer systematischen Umverteilung von unten nach oben und berge daher sozialen Sprengstoff. Die repräsentative Demokratie entwickele sich bei einer immer weiter schwindenden Mittelschicht von einer Meritokratie hin zu einer oligarchischen Plutokratie oder gar Kleptokratie.[2] Für die Zukunft rechnet er mit einem globalen „Szenario nackter Überlebenskämpfe“.

Krysmanski findet, dass Reichtumsforschung in Deutschland tabuisiert und marginalisiert werde. Die deutsche Soziologie bestehe immer noch wie im Kaiserreich darin, dass die Mittelschicht die Unterschicht kritisch beobachte, um damit die Macht der Oberschicht abzusichern, oder, wie bei der Frankfurter Schule, in sublimierten Betrachtungen, die über die „harten“ konkreten Verhältnisse hinwegsähen.

Krysmanski sieht sich in der Tradition der Soziologie US-amerikanischer Prägung und stützt sich besonders auf Theorien Thorstein Veblens in The Theory of the Leisure Class zum demonstrativem Konsum, Charles Wright Mills‘ Theorie der Machteliten in The Power Elite (1956) und auf die soziologische Methodik in The Sociological Imagination (1959)

 

Die Angabe von 0,1 % der Weltbevölkerung im Titel ist nach Meinung des Autors eine Vergröberung, 0,001 sei eine präzisere Berechnung der Superreichen, deren Einkommen bei 500 Millionen Dollar verfügbarem Einkommen beginne, auch wenn nach anderen Definitionen auch schon Menschen mit 30 Millionen Dollar verfügbarem Einkommen als superreich eingeschätzt würden. Etwa 10 Millionen Menschen weltweit hätten eine Million Dollar oder mehr. Unter diesen 10 Millionen gebe es zwei bis dreitausend Milliardäre, die man sich aber nicht als Einzelpersönlichkeiten, sondern eher als Familienclans vorstellen müsse, die um sich herum einen Kranz von etwa 100 Helfern und Unterstützern von Nannies über Jachtkapitänen bis zu Anwälten bildeten, in Deutschland also etwa 50 000 Menschen um die 500 Superreichen. Reichtum dieser Größenordnung kann nach Auffassung Krysmanskis nicht mehr rechtlich eingebunden werden.

Die global nomadisierenden Superreichen in richistan (Robert Frank) sind nach Meinung des Autors trotz ihrer Zurückgezogenheit an nichts anderem interessiert als an der Erhaltung des Systems, das von den Funktionseliten zum beiderseitigen Vorteil organisiert werde. Auch Ausgaben im Bereich der Stiftungen zum Zweck der Wohltätigkeit dienten lediglich der Machterhaltung durch Vernebelung der Interessen und durch Einbindung von Politikern und Intellektuellen, in geringerem Maße auch der Beschwichtigung eines schlechten Gewissens von Emporkömmlingen, die bei ihrem Aufstieg humanitäre Belange in der Regel eher geringgeschätzt hätten.

In den Krisen der Vergangenheit wurde Reichtum nur individuell, innerhalb nationaler Grenzen und der Schranken des Adels geschützt. Erst 1989 entsteht nach Auffassung Krysmanskis die „Planetarierung“ des Reichtums als einheitlichem globalen Phänomen jenseits personaler oder nationaler Bindungen. Das heutige exponentiell wachsende Kapital kann alle legalen Schlupflöcher des internationalen Steuerrechts ausnutzen.

In der Deckelungsdiskussion vertritt der Autor die Meinung, dass Superreiche niemals eine Obergrenze akzeptieren werden, da ihre Vorstellungen mit den Möglichkeiten wachsen. Ihr Interesse gehe, wie Chrystia Freeland in plutocrats darstelle, auf Erhaltung und Vermehrung ihres Reichtums und die Sicherung ihres empires mit allen Mitteln.

Die Finanzelite halte die Welt für überbevölkert und befürworte anscheinend Entvölkerungsstrategien, auch wenn dies momentan wie im Lugano Report Susan Georges noch als satirische Dystopie erscheine.

In Thinktanks würde die komplexe Strategie der Machterhaltung systematisch entwickelt. Außerdem erzeuge die Elite zu ihrem Erhalt auch eine neue Ideologie, die zum Beispiel in der Filmindustrie verbreitet werde.

Anders als Jean Ziegler sieht er die Chance einer Überwindung der Plutokratie in einer Überwindung des Informationsvorsprungs der Eliten durch Transparenz, etwa durch Enthüllungen der Planungen der Elite durch WikiLeaks.

Auch Obama als figurehead ist für Krysmaski ein Produkt der Planung der Finanzeliten entsprechend der Bevölkerungsentwicklung.

Krysmanski folgt in seiner Analyse einem an Marx orientierten Modell der Gesellschaftstheorie, wobei er den empirischen Gehalt seiner Forschungen betont. Dabei sei jedoch Marx wie jeder Forscher in den Grenzen des Denkens seiner Zeit befangen geblieben.

Rezeption[Bearbeiten]

Die Süddeutsche Zeitung stellte fest, dass es „eine vor allem in Krisenzeiten berechtigte, kritische Auseinandersetzung mit dem vielfach fragwürdigen Gebaren einer Elite [ist], die sich selbst nur noch über sehr viel Geld definiert“.[3]

Für die Frankfurter Rundschau ist das Buch „ein fundierter Blick in die Welt des Reichtums“.[4]

Deutschlandradio Kultur stimmte dem Autor in seiner Analyse zu: „Für Krysmanski existiert ‚Richistan‘, das Reich der Superreichen, folglich außerhalb staatlicher und demokratischer Kontrolle. Er diagnostiziert globale ‚Plutokratie‘ und die ‚Refeudalisierung‘ der Gesellschaft. ‚Die Geld-Kanäle selbst werden nach den Plänen der Superreichen gebaut‘.“[2]

Laut dem Rezensenten Marcus Klöckner bei Telepolis liefert Krysmanski „eine Anatomie des Megareichtums dieser Welt. Er entschleiert die teilweise nur schwer zu fassende Macht, die mit diesen enormen Geldwerten verbunden ist, und verdeutlicht so, dass auch in komplexen Systemen und Strukturen, konkret benennbare Akteure am Werke sind“.[5]

Wolfgang Hetzer erklärt auf den Nachdenkseiten: „Krysmanski gelingt es, die abstrakten und konkreten Voraussetzungen und Folgen einer obszön ungleichen und damit auch unerträglich ungerechten Vermögens- und Einkommensverteilung mit persönlicher Leidenschaft und wissenschaftlicher Nüchternheit zu beschreiben und zu erklären.“[1]

 

 

 

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