Robert Kurz 

 

Schwarzbuch des Kapitalismus  
(1999)

 

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R.Kurz über Privateigentum  

    K.htm 

1943-2012, 69, Operationsfehler 

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theologisches-quartett-trier.de  presseartikel++++   

Mit Robert Kurz lud das <Theologische Quartett Trier e.V.> am Sonntagmorgen einen ... Kapitalismus­kritiker ins Palais Walderdorff ein. 

Der 66-jährige Publizist referierte zum Thema <Der moderne Kapitalismus als säkulare Heilslehre>. 

Seine Kernthese: 

Der Kapitalismus besitzt mittlerweile eine religiöse Struktur, in der die allumfassende Vorherrschaft des Marktes als zentrales Dogma damit einhergeht, dass die Marktwirtschaft zur alternativlosen, weil objektiv vorgegebenen Form des gesellschaftlichen Lebens erhoben wird und einzig im rationalen Kalkül des <Homo Oeconomicus> sowie dem vermeintlich endlosen technischen Fortschritt Erlösung verspricht. 

 

TRIER am 7.12.2010 

Ein Tisch, sagt Karl Marx im inhaltlich wie literarisch besonders hochklassigen ersten Kapitel des ersten Kapital-Bandes, "ist ein sehr vertracktes Ding voller metaphysischer Spitzfindigkeiten und theologischer Mucken." Solange er einen Gebrauchswert habe und nicht gekauft oder verkauft werde, hafte ihm nichts Mystisches an. Sobald er aber als Ware auftrete, "verwandelt er sich in ein sinnlich-übersinnliches Ding". Als Robert Kurz in seinem Vortrag dieses Beispiel nutzt, um seine Wertkritik zu illustrieren, hat er den vielleicht wichtigsten wunden Punkt der gegenwärtigen Gesellschaft klar benannt.

Dieser vom Referenten etwas weitschweifend erläuterte Umstand ist schnell umrissen. So stellt sich manch bürgerliches Individuum, wenn es einen Tisch benötigt, nicht die Frage: "Wo nehme ich ihn her? ", sondern es fragt viel komplizierter: "Wo gibt es einen Tisch billig zu kaufen?" Der sinnliche Gegenstand wird also sofort als in Geld gegossene Arbeitskraft im Kopf des Nachfragers halluziniert. In seinem Denken, das praktischerweise einer bürgerlichen Logik folgt, kann nun absolut jeder Gegenstand Wertform annehmen, unabhängig davon, ob er als Ware produziert wurde oder nicht. Dabei ist es zur quasi-naturgesetzlichen Selbstverständlichkeit geworden, dass wir Dinge einzig im Gelderwerb bekommen können.

Weil uns und unseren Vorfahren genau das über lange Zeit eingehämmert wurde, sind wir laut Kurz unfähig, überhaupt noch Alternativen jenseits der Marktwirtschaft auszuloten. Die Verselbstständigung des Geldes als selbstorganisiertes Medium habe sich nach dem Ende der Herrschaft der Religionen zur neuen Heilslehre aufgeschwungen. Im Windschatten des Protestantismus und der "Entwicklung der Feuerwaffenökonomie" sei die Vernunft in quasi-religiöse Formen gegossen worden. Vernünftig sei nun, den (wie auch immer zustande gekommenen) materiellen Reichtum eines Menschen als durch den "heiligen Markt" erzeugte Gerechtigkeit bedingungslos anzuerkennen.

Terror der Finanzierbarkeit und Sünden im Kapitalismus

"Damit", so Kurz, "hat sich das Geld für die Menschen zu einer transzendentalen Willensform verändert, zu einem weltlich gemachten metaphysischen Prinzip." Schuld daran sei der im Kapitalismus notwendige Selbstzweck des Geldes, sich stetig zu vermehren. Und das mithilfe jeglicher "Abstraktion vom Inhalt", wonach es dem Kapital völlig egal ist, wie es sich vermehrt, solange es nur irgendwie mehr wird. Dieser Logik zufolge fallen irgendwann auch lebensnotwendige Ressourcen dem Profitdiktat zum Opfer und müssen sich dem "Finanzierbarkeitsterror" unterwerfen: "Medizinische Versorgung beispielsweise ist zwar immer vorhanden, aber sie wird nurmehr dem bereit gestellt, der zahlungsfähig ist."

An die Stelle der religiösen Sünden seien kapitalistische Sünden getreten, die konsequent bestraft werden: "Solche Sünden begehen zum Beispiel jene, die dem Einwohnermeldeamt nicht verfügbar sind und sich damit dem staatlichen Zugriff entziehen. Wer Leben will, ohne zahlungsfähig zu sein, verhält sich ebenfalls schwer sündhaft. Und Hartz 4 ist nichts anderes als gesellschaftliche Inquisition." Dagegen gelte der immerwährende Fortschritt als "heilige Kuh". Niemand dürfe ernsthaft in Frage stellen, dass Wirtschaftswachstum und technische Entwicklung grundsätzlich gut für die Menschheit seien. "Als Ultima Ratio dieser technischen Erlösung", ergänzt Kurz nicht ganz unzynisch, "können wir die Atombombe von Hiroshima betrachten." Spätestens an dieser Stelle seiner Ausführungen machen sich im Publikum erste despektierliche Huster bemerkbar.

Doch Kurz geht noch weiter. Wir hätten all dies bereits derart verinnerlicht, dass Kapitalismusgegner ebenso als verantwortungslose Spinner diffamiert würden wie diejenigen, die einst den vorgeblichen gesellschaftlichen Nutzen der Sklaverei nicht anerkannten. In der aktuellen Krise zeige sich besonders, wie wenig heutzutage noch im Systemzusammenhang gedacht werde: "Verdammt sind einerseits die so genannten Neuen Armen. Sie sündigen, indem sie bedürftig werden, weil sie nicht nach Billigjobs gieren. Andererseits sehen sich aber auch pauschal alle Banker und Finanzhaie am Pranger, weil sie angeblich ‘böse’ sind."

Skepsis gegenüber der lohnarbeitenden Bevölkerung

Tatsächlich habe der Dienst am schnöden Mammon die Menschen aber noch nicht einmal im Durchschnitt wohlhabender gemacht: "Dass gesamt­gesellschaftlich die Kosten und Schäden überwiegen, gehört zum Wesen der kapitalistischen Produktionsweise." Einige im Zuschauerraum wippen nun mit strengen Mienen in ihren Stühlen unruhig hin und her. Kurz aber führt seine Annahmen noch weiter, bis hin zu einer Zusammenbruchtheorie. So stürze sich der Kapitalismus "periodenhaft in den Abgrund" und steuere "aufgrund der ökonomischen und ökologischen Dynamik auf seine absolute historische Schranke" zu.

 

Dieser letzte Aspekt ist eine von Kurz’ umstrittensten Thesen. Schon im Jahr 1999 schlug das <Schwarzbuch Kapitalismus – Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft> im deutschen Feuilleton ein wie eine Bombe. Minutiös und faktisch meist korrekt berichtet Robert Kurz darin von den Gräueltaten des Kapitalismus seit dessen Frühgeschichte

Außerdem behauptet der Autor, dass der Kapitalismus sich nur selbst zerstören könne (und werde). Bisherige Revolutionen liest er weniger als Akte der Emanzipation, denn als Herrschaftsverfestigung des Bürgertums. Zwar wünscht sich Kurz die Abschaffung des Kapitalismus. Den Lohnabhängigen selbst traut er aber nicht zu, dies aus eigener Kraft zu bewerkstelligen. Jener "verhausschweinten Arbeiterklasse" bleibe vielmehr nur der individuelle System-Boykott, kombiniert mit genossenschaftlichen Tätigkeiten in selbstbestimmten sozialen Räumen.

Wer sich mit Robert Kurz intensiver befasst, sollte dies wissen. Denn so konnte es etwa passieren, dass der Nürnberger in der marxistischen Zeitschrift <Das Argument> polemisch als "Prophet eines pol-potianischen Jenseits aller Vermittlung" bezeichnet wurde und sein Schwarzbuch unter vielen revolutionshungrigen Sozialisten als "Intellektuellenfibel für den Abgesang auf Kapitalismuskritik" firmiert, während Medien wie die Frankfurter Rundschau und die Zeit das Werk als "fulminante Kritik am kapitalistischen Weltsystem" und "wichtigste Veröffentlichung der letzten zehn Jahre" feierten.

 

"Dem Tisch die Mucken austreiben"

Dass Kurz im Anschluss an seinen Vortrag dann doch einen kräftigen Applaus erhält, war im Vorfeld also nicht automatisch zu erwarten. Im Gespräch mit Heribert Böttcher (Pax Christi) löst der Provokateur aber nochmal einen gewissen Unmut aus. 

So verkündet er, die populären "Umsonst-Läden" nicht als Alternative zu betrachten, weil hier die Gegenstände bereits vorher im Gelderwerb erstanden wurden und daher auch nachher Waren bleiben: "Das Ganze ist für mich eher eine Art private Müllabfuhr."  

Auch die Stärkung des Ehrenamtes bekommt als reine Selbstausbeutung zugunsten der herrschenden Klasse ihr Fett weg: "Schmiert euch euer Ehrenamt in die Haare!" Den (mehrheitlich) älteren Menschen im Publikum entlocken pointierte Sprüche wie dieser wahlweise ein laut vernehmbares, verächtliches "Tsetsetse" oder die bei betagten Damen ebenso gebräuchliche Empörungsphrase "Also wirklich…"

Robert Kurz’ geistreiche und gut verständliche Analyse regt zweifellos zu Diskussionen an. Die – ganz im Sinne Lenins – zentrale Frage stellt am Ende aber niemand mehr: "Was tun?" 

Eine Revolution schließt er ja aufgrund seiner an Verhöhnung grenzenden Skepsis gegenüber den abhängig Beschäftigten kategorisch aus. 

Lieber verbleibt Kurz hier im Abstrakten: "Wir müssen dem Tisch die theologischen Mucken austreiben."

Wer sich nach der Überwindung des Kapitalismus sehnt, dem hilft diese Aussage jedenfalls nicht wirklich weiter. Demnach dürfen sie in Kurz keinen Theorie-Messias sehen. Sein Geburtstag ist übrigens ausgerechnet der 24. Dezember, an dem die Christenheit traditionell der angeblichen Jungfrauengeburt ihres ganz eigenen Erlösers gedenkt. Aber das muss ja bekanntlich nichts heißen.

 

 

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