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24 - Ordnende und zersetzende Kräfte 

 

 

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Die Menschheit war nicht immer ein in sich zusammenhängendes System von Völkern und Gruppen. Die längste Zeit lebten die Menschen in kleinen, weit verstreuten Sippen und Stämmen. Kontakte zu anderen Gruppen beschränkten sich im wesentlichen auf Stammesfehden und Revierkämpfe von regionaler Bedeutung. Nichts, was sich irgendwo ereignete, hatte auch nur den geringsten Einfluß auf das Schicksal der Antipoden. Heute ist alles mit allem vernetzt. Die Menschheit ist zu einem gigantischen, hoch­komplexen und hyper­dynamischen System zusammen­gewachsen.

   Gute Zeiten für Krisenmanager 

Wenn die Vorgänge in diesem brisanten System geordnet ablaufen würden, müßten wir uns um unsere Zukunft keine Sorgen machen. Aber die Theorie lehrt: Je größer und komplexer ein System, desto geringer die Chance einer Steuerung, desto höher die Wahr­scheinlichkeit chaotischer Prozesse. Und die Praxis bestätigt es.

Die Dinge entwickeln sich zunehmend ungeplant, unvor­hersehbar und unberechenbar. Wo gestern noch Ruhe herrschte, entsteht plötzlich und unerwartet eine neue Krisen­situation. Konflikte prägen zunehmend das Geschehen — im engeren sozialen Umfeld der Menschen genauso wie auf nationaler Ebene oder in der Weltpolitik. Ob in der Wirtschaft oder in der Politik: Krisenmanager haben Hochkonjunktur. Feuer­wehr­aktionen sind an der Tagesordnung, Schadens­begrenzung beherrscht die Szene.

Dies sind Anzeichen für eine Destabilisierung. Unsere Zivilisation gerät langsam aber sicher aus den Fugen. In einer Welt mit so vielen Völkern und Gruppen mit so unterschiedlichen Kulturen und Interessen sind schlicht zu viele Kräfte am Werk. Niemand kann überblicken oder gar voraussehen, wann wo was geschieht — und warum. Und erst recht wäre niemand in der Lage, überall rechtzeitig für Ruhe und Ordnung zu sorgen oder das Geschehen in eine bestimmte Richtung zu lenken. Wir haben die Welt und unser eigenes Schicksal nicht im Griff. Wir agieren nicht, wir reagieren nur noch. Wir steuern nicht, sondern werden gesteuert — von chaotisch ablaufenden Prozessen.

Aber auch in einem Chaos sind nicht alle Kräfte gleich stark. Es gibt Kräfte, die so stark sind, daß sie andere Kräfte überlagern. Es gibt Kräfte, die sich gegenseitig aufheben, und andere, die sich gegenseitig verstärken. Dadurch entstehen mächtige Bewegungen — Strömungen im Chaos, die eine klare Richtung erkennen lassen. Das Geschehen wird dadurch nicht berechenbar. Man kann nicht exakt voraussagen, wann wo was geschehen wird. Aber es wird erkennbar, wohin die Reise geht — und wohin nicht.

Drei Faktoren, die das Geschehen auf dieser Welt besonders stark prägen, sind: wirtschaftliche Interessen, die Belohnung des kurzfristigen Erfolges und Konflikte zwischen unterschiedlichen Kulturen. Alle drei Faktoren wirken destabilisierend auf das Gesamtsystem.

  Dominanz wirtschaftlicher Interessen 

Wirtschaftliche Interessen sind an und für sich nichts Verwerfliches. Geld kann unter anderem dazu verwendet werden, Armut, Hunger und Elend zu beseitigen oder unsere biologischen Lebensgrundlagen zu verbessern. Doch dies geschieht, wo überhaupt, nur in einem höchst begrenzten Umfang. 

Geld, und der Wunsch, es zu vermehren, gehören vielmehr mit zu den Hauptmotiven für soziale Konflikte sowie für die Zerstörung unserer biologischen Lebensgrundlagen. Daß Menschen, die am Verhungern sind oder kein Dach über dem Kopf haben, Geld brauchen, versteht sich von selbst. Inter­essanter ist, daß Menschen, die keine derartigen Sorgen haben, einen so großen Drang verspüren, das Geld, das sie bereits besitzen, zu vermehren. 

Geld übt auf Menschen eine nachgerade erotische Anziehungs­kraft aus. Und dies ist der Grund: Geld bedeutet weit mehr als einfach nur Kaufkraft, um zu überleben. Es bedeutet Sicherheit, Gesundheit, soziale Anerkennung, ja sogar Freiheit und Unabhängigkeit. Und: Geld bedeutet Macht. Tiefste menschliche Bedürfnisse sind mit dem Besitz von Geld verbunden. Vorhandenen Reichtum zu mehren, ist deshalb ein ebenso wirksames Motiv menschlichen Handelns wie der Wunsch, ein Dach über dem Kopf zu haben oder seine Kinder zu ernähren.

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Wer am Hungertuch nagt, denkt an die nächste Mahlzeit, nicht daran, wie man sich zur Durchsetzung gemein­samer Interessen politisch organisieren könnte. Er verfügt in der Regel weder über spezielles Wissen noch über freie Mittel. Und er findet mit seinen Anliegen nur schwer Gehör oder gar Verbündete.

Außerdem ist Armut — in einer Welt, in der es so viel Wohlstand gibt — mit schweren psychischen Belastungen verbunden. Das Selbst­vertrauen ist angeknackst, die Leistungskraft beeinträchtigt. Armut erzeugt deshalb fast immer noch mehr Armut.

Wer sich dagegen in einer wirtschaftlich soliden Situation befindet, ist nicht mit dem nackten Überleben beschäftigt. Er kann seine Zeit und seine Kraft und, wenn erforderlich, sogar fremdes Wissen, technische Mittel sowie andere Menschen zur Durch­setzung seiner Interessen mobilisieren. Er kann sich mit Gesinnungs­genossen zusammentun, gleichgerichtete Kräfte bündeln, organisiert vorgehen. 

Dazu kommt, daß Geld — richtig investiert — für sich selbst arbeitet. Mit zunehmendem Wohlstand steigen deshalb die Chancen, noch mehr Geld zu verdienen. Die Mehrung von Geld wird leicht zum Selbstzweck, zur sportlichen Heraus­forderung, zum Beruf, für manche gar zum einzigen Lebensinhalt.

So kommt es, daß ein erheblicher Teil der politisch und gesellschaftlich wirksamen Kräfte direkt oder indirekt mit wirtschaftlichen Interessen zusammen­hängen — und daß die erwirt­schafteten Mittel mehrheitlich zur Vermehrung bereits vorhandenen Wohlstandes, und nicht zur Lösung sozialer oder ökologischer Probleme eingesetzt werden.

 

Unsere Zivilisation wird nicht an alkoholversetzten Designerdrinks, den sogenannten Alcopops zugrunde gehen. Aber das Geschäft damit ist einer von vielen Vorgängen, durch die unsere Gesellschaft von innen heraus zersetzt wird. Das Beispiel eignet sich deshalb recht gut zur Illustration der Wirkungsweise wirtschaft­licher Interessen in unserer Gesellschaft.

Wie ist es möglich, daß in einem demokratischen Rechtsstaat Millionen Kinder und Jugendliche gezielt und systematisch an den Konsum von Alkohol gewöhnt werden? Möglicherweise werden Sie denken: Dahinter steckt die Mafia. Falsch. Die Mafia mischt hier nicht mehr und nicht weniger mit als anderswo in der Wirtschaft. Es sind große, angesehene Getränkekonzerne, die hier eine Marktlücke entdeckt haben. Ihre Aktionäre, ehrbare Bürgerinnen und Bürger, verdienen an diesen Drinks genauso wie am Mineralwasser oder am Bier ihres Unternehmens, das in rauhen Mengen durch die Kehlen fließt. Es sind honorige Werbeagenturen, welche die Vertriebsstrategien und die Werbekampagnen ausgeheckt haben. Es sind der Supermarkt, der Kiosk und die Kneipe um die Ecke, die es verkaufen. Es sind Regierungen und Parlamente, die nicht dagegen einschreiten.

Und alle wissen im Grunde haargenau, was da passiert.

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Und wenn man noch genauer hinschaut, stellt man fest: Es sind vielbeschäftigte Eltern, die ihren Kindern aus Schuldgefühl zuviel Geld geben — und sich nicht darum kümmern, wofür es ausgegeben wird. Dazu kommt: Mancher Familienvater besitzt nebenbei noch die eine oder andere Aktie, betreibt einen Laden oder arbeitet in einer Werbeagentur. Mit anderen Worten: Wir sind es — alle miteinander. Die Gesellschaft ist es. Die wesent­lichen Triebkräfte sind — wo immer man hinguckt — wirtschaftliche Interessen. Und keiner, der daran beteiligt ist, tut dies, weil er am Hungertuch nagt.

Wirtschaftliche Interessen sind — wie kaum andere — professionell organisiert. Sie sind in der Politik durch starke Lobbies vertreten und entfalten eine ent­sprech­ende Macht. Wirtschaftliche Interessen setzen sich deshalb, wenn es hart auf hart geht, so gut wie gesetzmäßig gegen soziale oder ökologische Anliegen durch. 

Die Dominanz wirtschaftlicher Interessen beginnt im Denken und Handeln des einzelnen. Sie setzt sich fort in der Lokalpolitik, in der nationalen Innenpolitik und erst recht in der Weltpolitik. Sie bestimmt, wer wen unterstützt, und wer sich mit wem zusammentut. Sie macht sogar Menschen und Nationen zu Verbündeten, die sonst nichts, aber auch gar nichts gemeinsam haben. Dies ist einer der wesentlichen Gründe, weshalb Dinge, die für unsere Zukunft entscheidend wären, nicht recht­zeitig geschehen — oder gar nicht geschehen: die geballte Macht wirtschaftlicher Interessen.

 

Belohnung des kurzfristigen Erfolges

Die Vorgänge, die unsere Zukunft bedrohen, sind langfristiger Natur. Sie laufen über Jahrzehnte, zum Teil über Jahrhunderte. Die Menschen aber haben eine durch­schnittliche Lebenserwartung von etwa 75 Jahren — und auch dies nur in unseren Regionen. Weil es unser einziges Leben ist, und weil so viele Erlebnisse darin Platz haben, empfinden wird dies — zumindest solange wir noch einen wesentlichen Teil vor uns haben — als eine lange Zeit. Wir denken in den Zeit­dimensionen unseres individuellen Lebens, nicht in denjenigen fundamentaler gesellschaftlicher und ökologischer Veränderungen. Dies ist im Hinblick auf unsere Zukunfts­sicherung ein weiterer limitierender Faktor: Wir denken kurzfristig, nicht langfristig.

Das zeitlich Entfernteste, womit Menschen sich allenfalls beschäftigen, sind die Umstände ihres Todes — nicht das, was danach auf der Erde passiert.

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Max Frisch hat 1966 einen Fragebogen verfaßt, mit dem man sich selbst und seine Denkhaltungen überprüfen kann. Die zwei ersten der insgesamt 25 schein­bar einfachen Fragen lauten:  

"1. Sind Sie sicher, daß Sie die Erhaltung des Menschen­geschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?
2. Warum? Stichworte genügen."

Wir treffen täglich Entscheidungen — aber die wichtigen Weichenstellungen in unserem Leben sind nicht das Ergebnis langfristiger Planung, sondern letztlich sehr weitgehend durch Zufälle beeinflußt. Wenn wir etwas wollen, dann wollen wir es jetzt — nicht in einem Monat oder in einem Jahr. Und vieles — weit mehr als uns bewußt ist — tun wir ganz spontan. Wir handeln — und gucken hinterher, was dabei herausgekommen ist.

Die Neigung zu kurzfristigem Denken und Handeln prägt in entscheidendem Maße die Organisationen und Institutionen, die die Menschen zur Wahrung ihrer Interessen ins Leben rufen. Führungskräfte in der Wirtschaft werden jeweils am Ende eines Geschäfts­jahres danach beurteilt, wie weit sie die mit ihnen für diese Jahresperiode vereinbarten Ziele erreicht haben. Die Unternehmens­leitung wird danach beurteilt, wie sich der Aktienkurs, die Dividende und mit ihnen der Shareholdervalue* entwickeln — von Quartal zu Quartal. Niemand wird danach beurteilt, was er für die langfristige Entwicklung des Unternehmens tut. Im Gegenteil, Manager sind immer wieder versucht, zugunsten eines guten Jahres­abschlusses langfristige Substanzwerte zu opfern. Manch einer hat damit schon große Karriere gemacht.

In der Politik verhält es sich ähnlich. Da kann man mit allzu langfristig wirksamen Initiativen kaum Lorbeeren holen. Nur das Aufnehmen der Sorgen, die den Bürgerinnen und Bürgern hier und jetzt unter den Nägeln brennen, hat Chancen, Aufmerksamkeit zu wecken und honoriert zu werden. Und meistens ist die nächste Wahl bereits in Sicht. 

Der Rhythmus der Vorgänge, die unsere Zukunft bedrohen, und der Rhythmus organisierter menschlicher Problem­lösungs­prozesse klaffen meilenweit auseinander.

 

Konflikte unterschiedlicher Kulturen

Der Mensch ist ein Kulturwesen. Sein Verhalten wird nicht — wie dasjenige der Tiere — in erster Linie durch Instinkte gesteuert, sondern durch die im sozialen Umfeld herrschenden Normen. Unterschiedlichste Reli­gionen und Ideologien haben im Laufe der Zeit die verschiedensten Kulturen hervorgebracht. Menschen sind nicht von vornherein an eine bestimmte Kulturform gebunden. Aber sie brauchen eine Kultur, um sich überhaupt zu einer Gesellschaft zusammen­schließen zu können.

* (d-2012:)  M.Frisch bei detopia     wikipedia  Shareholder_Value  

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Religion, Sprache und Kultur sind das Verbindende, welches einem Volk eine Identität, inneren Zusammenhalt und eine soziale Ordnung geben. Kultur ist nicht einfach Folklore. Kultur ist das, was einer Gesellschaft ihren unverwechselbaren Charakter, ihre Struktur und ihre Stabilität verleiht.

Kultur schafft aber nicht nur die Voraussetzung für Verständigung und Zusammenhalt im Innern, sondern auch für Abgrenzung und Durchsetzung nach außen. Der Zusammenhalt im Innern bedarf fast immer eines äußeren "Feindes", auf den die aggressiven Gefühle der Menschen gelenkt werden können. Das Aufbauen und Pflegen von Feindbildern gehört deshalb zum Kerngeschäft jeder Machtpolitik. Politische Parteien, diktator­ische Regime, religiöse Fundamentalisten — sie alle kommen nicht aus mit ihren Ideen. Sie brauchen zusätzlich einen Gegner, auf dessen Kosten sie sich profilieren können — oder gar einen klar definierten Feind, dessen Vernichtung an prominenter Stelle auf dem Programm steht.

Ob es uns gefällt oder nicht: Kulturen haben wenig Chancen zu überleben, wenn sie sich öffnen. Kulturen können sich zwar durch Evolution verändern. Aber dazu sind große Zeiträume erforderlich. Was passiert, wenn unterschiedliche Kulturen aufeinander­prallen oder — wie heute in vielen Ländern als Folge von Migrations­bewegungen — wild durcheinandergemixt werden?

Wenn unterschiedliche Kulturen sich zu schnell vermischen, kommt es nicht zu einer Evolution, sondern zu einem Zusammenbruch der Wertordnungen und der Sozialstrukturen. Die Menschen verlieren ihre soziale Identität, die Orientierung und den inneren Halt. Ob in Südamerika, Nordamerika, Afrika oder Australien — wo immer die Ureinwohner von den Eroberern nicht massakriert worden sind, haben Alkohol und Drogen, Hunger und Elend, Krankheiten und Epidemien den Untergang von Völkern und Kulturen zu Ende gebracht. Und exakt dies sind Symptome, die wir heute weltweit in zunehmendem Masse beobachten können. Die kulturellen und sozialen Veränderungen vollziehen sich zu schnell. Es findet keine organische Entwicklung mehr statt. Man kann nicht mehr von einer Evolution kultureller und sozialer Strukturen sprechen. Wir haben es mit einem gesellschaftlichen Verfall zu tun.

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  Hoffnungsträger 

Aber es gibt auch Gegenbewegungen. Menschen organisieren sich nicht nur, um sich auf Kosten anderer zu bereichern. Sie organisieren sich manchmal auch, um Aufgaben wahrzunehmen, in denen die offizielle Politik und der Staat zunehmend kläglich versagen. Für viele Sozialwissen­schaftler sind die "NGO" (Non-governmental organi­zations) sogar die entscheid­enden Hoffnungs­träger der Zukunft. 

Nichtstaatliche Institutionen wie etwa <Greenpeace>, <Amnesty International>, <International Wildlife Fund>, der <Club of Rome> oder das <Worldwatch Institute> haben weit mehr zur Bewußt­seins­bildung der Menschen auf diesem Planeten beigetragen als alle Regier­ungen zusammen. Manche private Initiative zum Schutz tropischen Regenwaldes oder gefährdeter Tier­arten hat unter dem Strich mehr bewirkt als die hohe Politik.

Aber auch auf regionaler und lokaler Ebene gewinnen private Initiativen immer mehr an Bedeutung: Nachbarschaftshilfe; Bürgerinitiativen; Frauen­verbände; Selbsthilfe­gruppen aller Art; private Kindergärten, Schulen, Alters- und Kranken­pflege­einricht­ungen; Bürgerwehren und private Sicher­heits­dienste.

Im übrigen zeigt die Praxis etwas höchst Erstaunliches: Menschen — bei weitem nicht alle zwar, aber einige — sind sogar fähig, religiöse und kulturelle Barrieren zu überwinden. Die multikulturelle Gemeinschaft, in der Menschen unterschiedlicher Herkunft, Sprache und Religion friedlich miteinander leben und zusammen­arbeiten — es gibt sie tatsächlich. Man findet solche Formen spontaner, lokaler Gemeinschafts­bildung in urbanen Gebieten der verschiedensten Länder. Buddhisten, Christen, Muslime, Juden, sie können friedlich miteinander leben — innerhalb einigermaßen überschaubarer Gebiete, dort, wo Menschen sich noch persönlich begegnen.

Diese Entwicklungen vollziehen sich weitgehend unbeachtet von einer breiteren Öffentlichkeit und werden deshalb noch immer weit unterschätzt. Ohne sie wäre es um unsere Situation bereits heute wesentlich schlechter bestellt. Hier finden sich durchaus Ansätze zu einer tragfähigen, menschlichen Kultur. Sie wirkt dem gesellschaftlichen Verfall entgegen, kann ihn jedenfalls verzögern. 

Soziologen haben das erkannt — und daraus auch gleich das Zukunftsmodell menschlicher Gesellschaften schlechthin gemacht. Ihre Bücher strotzen von Formulierungen wie "ich schlage vor", "man könnte", "man sollte", "es müßte". Da gibt es nur ein Problem: Die Massengesellschaft ist ein viel zu komplexes Gebilde, als daß sie sich organisieren ließe. Sie organisiert sich selbst — ohne uns zu fragen, wie wir es gerne hätten.

Die notwendigen Voraussetzungen für eine friedliche Selbstorganisation der Menschen in multikulturellen Gemeinschaften sind bei weitem nicht überall gegeben: ein Mindestmaß an ökonomischer Basis, an Bildung, an Zeit für Entwicklung. Wo alles drunter und drüber geht, ist keine soziale Evolution möglich. Und niemand hat die Macht, diese Voraussetzungen flächendeckend zu schaffen. Bei weitem nicht alle Menschen sind bereit, sich mit kulturell Fremden zusammenzuschließen. Aufs Ganze gesehen neigen Kulturen dazu, sich abzuschotten.

Dazu kommt: Die meisten großen Religionen — alle mit Ausnahme des Buddhismus — haben eines gemeinsam: den unbändigen Drang, die Menschen zu entmündigen. Selbstorganisation wird gar nicht überall zugelassen. Das Modell, so gut es sein mag, wird auf kleinere Inseln begrenzt bleiben. 

Im übrigen können lokal funktionierende Gemeinschaften die eskalierenden, globalen Entwicklungen, die unsere Zukunft bedrohen, nicht aufhalten. Sie vermögen höchstens den zunehmenden sozialen Schaden vor Ort — Ausfluß der letztlich dominierenden, zersetzenden Kräfte — zu begrenzen.

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Christoph Lauterburg   Fünf nach Zwölf   Der globale Crash und die Zukunft des Lebens