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Vorwort         1944 im Dezember von Anton Metternich 

 

 

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Die stählerne Faust eines beispiellosen Krieges hat unseren Planeten zerschlagen und seine Menschheit gezüchtigt. In der Zeitspanne eines kurzen Menschen­alters sind zwei Weltkriege geschlagen worden. Der erste dieser Kriege war furchtbar, der zweite war grausig. Der Unterschied liegt im Grad der Zerstörung und Vernichtung, der seinerseits wieder zurückzuführen ist auf die Wirksamkeit des technischen Kriegsapparates. 

Durch mehrere Jahrtausende kämpfte die frühe Menschheit mit der Lanze und mit Pfeil und Bogen ihre Kriege. Mehrere Jahrhunderte lang begnügte sich der Kriegsmann der Neuzeit mit Feuerwaffen einfachster Konstruktion und zweifelhafter Wirkung. Im Zeitalter unserer technischen und industriellen Zivilisation überstürzen sich aber die Entwicklungen so, daß ein reifer Mann die Welt seiner Jugend nicht mehr wiedererkennt. 

Die Wissenschaft sinnt unentwegt weiter, Ingenieure, Physiker und Chemiker arbeiten unermüdlich. Was wird nach einem weiteren Menschenalter sein? Auf allen Gebieten im menschlichen Bereich rast der Fortschritt neuen, unbekannten, unheimlichen Zielen zu.

Vor etwa hundert Jahren trat die Naturwissenschaft in die Phase ihrer modernen Renaissance. Der kritische und analysierende Geist drang in die Gesetze der Natur ein. Von streng gehüteten Geheimnissen der schöpferischen Naturkraft fiel der Schleier. Großes, Erstaunliches und Bewundernswertes ist in der praktischen Auswertung der neuen Kenntnisse und Erkenntnisse auf dem naturwissenschaftlichen Gebiete geleistet worden. Eine neue Welt entstand, die Welt der Technik, der Industrie, der Chemie. Ungeahnte Perspektiven eröffneten sich vor der Menschheit. 

Ein Taumel der Überheblichkeit schlug das Menschengeschlecht in seinen Bann und machte es blind für alle natürlichen Maßstäbe. Die Begehrlichkeit griff nach immer ferneren Sternen. Ein neuer Geist wurde in diesem Zeitalter geboren und zum fragwürdigen Gemeingut der modernen Menschheit. Seines Wesens Kern ist die Überschätzung materieller Werte und die Unterschätzung kultureller Tatbestände. Nach Preisen fragt die moderne Welt, nicht mehr nach inneren Werten

Ist das Leben besser und schöner, ist die Menschheit in dieser neuen Welt der industriellen Zivilisation glücklicher und zufriedener geworden? Für eine höhere Anzahl von Erdbewohnern ist Raum- und Erwerbsgelegenheit geschaffen worden. Auch haben sich Möglichkeiten einer allgemeinen Hebung des Lebensstandards abgezeichnet. Doch genauer betrachtet ist die Erde nicht nur das alte Jammertal geblieben, sondern ein solches immer mehr geworden. Die Masse Mensch hat die Persönlichkeit abgelöst. 

Die Unsicherheit des Menschendaseins ist gewachsen. Zwischen den Wellenbergen und den Wellentälern launischer Konjunkturen wird die Menschheit hin- und hergeworfen. In zusammengeballten Menschenmassen steigern sich die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Spannungen. Für die einen verwirklichen sich die Möglichkeiten des gesteigerten Lebensstandards, die große Masse aber vegetiert im Talmiglanz billiger Kunstkleider dahin und erlebt die Illusion eines unwirklichen Daseins auf den Polstersesseln billiger, aber immerhin glänzender Kinematographentheater.

Die Literatur preist in hohen Tönen phantastische Möglich­keiten der Versorgung und Ernährung, in Wirklichkeit aber ist die Unterernährung zu einer Massen­erscheinung geworden; den Bedarf deckt immer mehr das minderwertige Surrogat.

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Kein Blatt der Weltgeschichte ist so sehr mit Problematik beschwert wie das, auf dem die jüngste Geschichte verzeichnet ist. Es gibt in der Welt nichts Natürliches mehr, soweit der Menschenarm reicht. Alles ist in eine künstliche, konstruktive Ordnung gepreßt. Das technische Ingenium baut neue Welten und zerschlägt sie dann wieder in blutigen Vernichtungskriegen. Diese furchtbare Tragik lastet auf dem Schicksal einer Welt, die in des Herrgotts Werkstatt einbrach und hier das Geheimnis gigantischer Kräfte entwendete, um es in eigener Regie zu nutzen und — zu mißbrauchen.

Dieses Buch hat nicht den Ehrgeiz, die ganze große Problematik der Zeit — die man mit Stolz die "moderne" nennt — in ihrer vollen tragischen Schau aufzurollen. Es beschränkt sich vielmehr darauf, nur ein Teilstück dieser Problematik, allerdings ein sehr wichtiges, zu behandeln, nämlich das Verhältnis des Menschen zu der Erde, von der er seine Nahrung und seinen sonstigen Lebensbedarf erwartet, weil sie allein diese geben kann.

Jede jeweils lebende Generation der Menschheit mag es mit sich selbst ausmachen, ob sie sich neue Welten bauen und sie dann wieder zerschlagen will. Anders muß das Urteil werden, wenn der maßlose Anspruch des Menschen unzeitliche, ewigkeitswertige Dinge angreift, wenn er in das wohlgeordnete Natur­geschehen hineinfaßt und ungezügelte technische Kräfte einsetzt, um das schöpferische Walten der Natur im Sinne seiner egoistischen Nützlichkeits­prinzipien zu zwingen, zu beugen und zu vergewaltigen.

Die moderne Zeit hat die vertrauensvolle und gläubige Zusammenarbeit mit der Natur zum Verschwinden gebracht und den Kampf gegen die Natur eröffnet. Damit hat sie begonnen, die Daseinsgrundlage der Erdbewohner anzugreifen und in Gefahr zu bringen. Wenn ein Großteil der Menschheit sich vorläufig auch noch geborgen fühlt in ihrem natürlichen Besitzstand und auf ihrer noch verbliebenen Versorgungsgrundlage, so beginnt es doch — allen großspurigen Thesen und Phantastereien zum Trotz — zu kriseln, und bange Zukunftsahnungen steigen dem ernstdenkenden Menschen immer stärker auf. 

Daran ändert es auch nichts, wenn gelegentlich hier und da noch zur Stützung der Märkte Weizen in Lokomotiven verbrannt, Kaffee ins Meer geworfen und Berge von Baumwolle dem Vernichtungsfeuer preisgegeben werden. 

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Die Frage ist akut geworden, wie die Erde ihre Bewohner von morgen ernähren soll, wenn nicht bald im Verhältnis des Menschen zu seiner nahrung­spendenden Erde, insbesondere in den Methoden des Landbaus, der zweifelhaften Bodenkultur und Bodenpflege und in der Behandlung und Nutzung der Wertbestände der Natur und ihrer schöpferischen Kräfte eine gründliche Änderung eintritt.

Die Gefahr ist in ihrer ganzen Größe und Tragweite erkannt. Das Hungergespenst umkreist das Erdenrund im fortschrittlichsten aller Jahrhunderte genau so mitleidlos wie früher, die Unterernährung ist eine chronische Welterscheinung geworden. Das ist der Fall in einer Zeit, die offenbar nur ein Bestreben hat, nämlich jenes, alle die wunderbaren Reichtümer und Kräfte, welche die Erde in einem Milliarden von Jahre währenden Entwicklungsprozeß bildete und bereit­stellte, in denkbar kürzester Zeit restlos abzunützen und zu vertun. 

Die blutigsten Kriege, die die Weltgeschichte je gesehen hat, werden nicht mehr, wie noch vor hundert Jahren, um Absatzmärkte geschlagen, sondern um Nahrungs- und Rohstoffquellen. So groß ist schon heute der Hunger nach den lebens­wichtigen Schätzen der Erde.

Jedes Kapitel dieses Buches ist ein Mahnruf an das menschliche Gewissen. Es geht bei den Dingen, die darin besprochen werden, um die physischen Grundlagen des Menschengeschlechts. Das Stadium akutester Gefahren ist erreicht. 

Nicht die politischen Entscheidungen, die in diesen bewegten Zeiten fallen, sind ausschlag­gebend für das Wohl und Wehe aller Völker auf dem Erdball, ausschlaggebend für heute und für die Zukunft wird vielmehr die neue Ordnung sein, die der Mensch in seinem Verhältnis zur schöpferischen Natur, seiner Nahrungsspenderin, zu finden bereit ist.

Die ersten Schritte auf dem Wege in die Wüste sind getan. Wird dieser Weg zu Ende gegangen? Das ist die bange Frage, die innerlich die geistigen Führer­schichten aller Nationen bewegt. 

Gehört eine Auseinandersetzung mit diesen Dingen in das seit Oswald Spengler oft etwas abweisend beurteilte Gebiet einer Untergangsprophetie

Es ist unendlich leicht, auch ernste Dinge mit einem zugkräftigen Schlagwort einfach hinwegzudiskutieren. Auf diesem Gebiet hat uns die hinter uns liegende Zeit eine wahrhaft blutige Erfahrung vermittelt. Aber dem Schlagwort gegenüber bleiben unbestreitbare Tatsachen doch bestehen. 

Und Tatsachen, nicht wegzu­leugnende, anerkannte und fühlbare Tatsachen liegen den folgenden Ausführungen zugrunde.

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Wüschheim bei Köln, im Dezember 1944
Anton Metternich 

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