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2. Der Fluch der Wüste

 

 

   Blutregen über Europa   

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In den glücklichen Jahrzehnten, die dem ersten Weltkrieg vorangingen, hat kaum ein Ereignis die europäische Menschheit innerlich so erregt und aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht wie die von den Zeitungen gelegentlich vermeldete Tatsache, daß an dieser oder jener Stelle blutiger Regen vom Himmel fiel. 

Aus allen Ländern Europas kamen solche Nachrichten, zumeist aber aus den Alpenländern. Hier, auf den ewigen Schneefeldern, trat die unheimliche Naturerscheinung am sinnfälligsten vor Augen, und hier blieben auch ihre Spuren am längsten haften. Der Schnee, vorher blendend weiß, zeigte nach dem Fallen des Blutregens eine rötlichbraune Färbung.

Stets hat dieses unheimliche Phänomen tiefe Eindrücke auf die Seele des Volkes gemacht. Ein Schauer durchlief die breiten wundergläubigen Massen. Die Erscheinung war für viele eine Drohung des Himmels. Man dachte an Seuchen, Krieg und Tod, sogar an den Weltuntergang. "Die Menschen eilten in die Kirchen, man glaubte, das Ende der Welt sei gekommen", so schildert ein deutscher Augenzeuge die seelische Wirkung eines Blutregens, der über Neapel niederging.

Den Gelehrten gab die Erscheinung Anlaß zu wissenschaftlichen Untersuchungen. Man nahm auf der Suche nach einer Erklärung seine Zuflucht zunächst zur Hypothese. Die einen rieten darauf, daß animalisches Leben beim Zustandekommen des Blutregens mitwirke, etwa dergestalt, daß zahllose mikroskopisch kleine Lebewesen in der Atmosphäre vom Regen überrascht würden und dem Tropfen ihre Färbung mitteilten. 

Andere meinten, mikroskopisch feiner Staub färbe den Wassertropfen in der Luft, und da man keine Erklärung dafür hatte, wie und woher solche Staubmengen in höhere Luftschichten gelangen könnten, entschloß man sich zu der Annahme einer kosmischen Herkunft des rotbraunen Staubes.

Ein neues aufrüttelndes Naturphänomen dieser Art brachte um die Jahrhundertwende die Lösung des alten Rätsels. 

Drei Tage lang, vom 9. bis 12. März 1901, überschüttete ein feiner, aber dichter rötlich-brauner Staubregen ohne Wasserbeimengung die Erdbreiten nördlich der Wüste Sahara. Am dichtesten fielen die Sandmassen in unmittelbarer Nähe der Wüste, über dem nordafrikanischen Küstengebiet und über dem Mittelmeer. Bis nach Norditalien hin erschienen die vom Ghibli, dem gefürchteten Sandsturm der Wüste, getragenen Staubwolken noch als ein starker rötlicher Nebel; die Schneefelder der Alpen färbten sich rotbraun, Sandmassen rieselten über Mitteleuropa herab, und die letzten Ausläufer des Sandregens machten sich im Norden Dänemarks bemerkbar. Wahrscheinlich aber hat der in sehr hohen Luftschichten herrschende Wind weitere Massen des Sandes noch höher nach Norden getragen und dort im Meer versenkt. Nach einwandfreien Feststellungen handelte es sich um Staub und Sand der Wüste Sahara, der vom Wüstensturm emporgewirbelt und davongetragen wurde.

Zuverlässige Schätzungen ergaben, daß während dieser drei Tage rund zwei Millionen Tonnen Wüstensandes über Europa ausgeschüttet wurden. Noch weitere interessante Feststellungen wurden getroffen. Die Größe der verfrachteten Staubkörner schwankte zwischen 0,013 und 0,004 Millimeter. Rund dreieinviertel Milliarden solcher Staubkörner erst erreichen das Gewicht von einem Gramm. Die Wanderstraße des Staubes liegt bis 9000 Meter hoch, und der Ghibli trägt ihn mit 95 Kilometerstunden davon.

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Mit diesen Ermittlungen war ein unheimliches Naturrätsel gelöst. Der Blutregen, über dessen Wesen, Herkunft und Bedeutung man sich solange den Kopf zerbrochen hatte, war mit einem Schlage zum "Blutregen" geworden. Die nüchterne Wissenschaft hat das mystisch veranlagte Gemüt beruhigt. Und dennoch: — ein wenig Unbehagen bleibt auch bei denen zurück, die sich frei fühlen von abergläubischen und mystischen Anwandlungen. Die Wüste, der Teil der Erde, der wahrscheinlich für immer gestorben und tot ist, mahnt an ihr Dasein; die Wüste droht auch einer Menschheit, die fernab von ihr wohnt und die — vorläufig wenigstens — noch durchaus im Recht ist, wenn sie sich geborgen fühlt im Besitz ihres fruchtbaren Nährbodens und ihrer segensreichen landbaulichen Kultur. In entfernten Erdbreiten mag man daher die Drohung der Wüste symbolisch nehmen, in den wüstennäheren Ländern aber ist sie der mahnend erhobene Zeigefinger eines trostlosen Schicksals.

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Dieser Sand- und Staubregen vom Jahre 1901 hat den in alter Kultur stehenden Nährböden Europas nicht geschadet. Aber seitdem Professor Ernst Gehrcke von der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt in Berlin das nach ihm benannte "Gehrcke-Klima" entdeckte, hat man den einschlägigen Fragen von anderen Gesichtspunkten ausgehend ein vermehrtes Interesse entgegengebracht. Schon lange ist der modernen Heilkunde die Tatsache bekannt, daß bestimmte anorganische Verunreinigungen der Luft, wie etwa Kalkstaub, heilsame Wirkungen bei Lungentuberkulose ausüben. Professor Gehrcke fand nun im Sand der Wüste Stoffe, die eine ähnliche Wirkung haben, und es gelang ihm, diese Stoffe in reinem Zustande aus dem Lateritstaub der Wüste zu extrahieren. Für die Wissenschaft aber erhob sich die weitere Frage, wie es komme, daß solche Staubarten dieselbe Wirkung hervorbringen wie das Hochgebirgsklima etwa der bekannten schweizerischen Höhenkurorte. Auch auf diese Frage ergab sich bald eine zuverlässige Antwort.

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Die Luft dieser Lagen ist angereichert mit mikroskopisch kleinen Staubteilchen, die ihren Ursprung in der Sahara haben und die in größeren Höhen Wanderungen von vielen hundert Kilometern machen, dann aber an gewissen Stellen, unter bestimmten physikalischen und atmosphärischen Bedingungen auf die Erde ausgestreut werden. Fast in jedem Jahre gehen Staubregen über Europa nieder. Es scheint sogar, daß die höheren Luftschichten zu keinem Zeitpunkte völlig frei von solcher Sandfracht sind. Die geographischen Lagen von Davos und Arosa erzwingen verstärkten Niederschlag des Staubes und stützen so den Ruhm dieser Orte, ein besonders heilkräftiges oder linderndes Klima für Lungenkranke zu haben. Was wir "alpines Heilklima" nennen, wird also in Wirklichkeit erzeugt durch die dauernde Anreicherung der Luft mit dem Staub der Wüste Sahara.

Die Frage liegt nahe, wie weit der von hohen Luftschichten getragene Wüstensand wandert, wie weit also die unmittelbare Drohung der Wüste reicht. Zu Anfang des Jahres 1913 ging über der Provinz Schlesien ein starker Staubregen nieder, dessen Menge auf 40.000 Tonnen geschätzt wurde. Es ist nie ermittelt worden, aus welchem Ursprungslande diese Sandmassen kamen. Schickte sie die Sahara? Oder eine der Wüsten Klein- oder Vorderasiens? Oder schickte sie vielleicht sogar eine der gewaltigen Wüsten in Innerasien? Man kann sich nicht ohne weiteres für die eine oder andere Antwort entscheiden, denn sie liegen sämtlich im Bereich der Möglichkeit.

Passagiere des Zeppelinluftschiffes auf der Südamerikaroute waren immer erstaunt darüber, daß, wenn man mitten auf dem Südatlantik in den Kalmengürtel und damit in das Gebiet der tropischen Regen kam, das Regenwasser an den Fenstern der Gondel zunächst eine schmutzig-braune Färbung hatte, und das Staunen wurde nicht geringer, wenn die Offiziere des Schiffes erklärten, daß diese Färbung von herangewehtem Sand der Sahara herrühre, der sich regelmäßig auf der Hülle des Schiffes niederschlage.

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In den Höhenländern Südamerikas zeigen sich ähnliche heilklimatische Wirkungen wie in verschiedenen Lagen der Alpen. Man fand auch hier die Ursache in einer Sättigung der Luft mit Staub. Für Südamerika ist die Frage noch nicht geklärt, ob es sich dabei um Staub der Sahara handelt, der bis Südamerika verfrachtet wird, oder ob die Wüste Atacama im Norden Chiles, Südamerikas einziges größeres Wüstengebiet, diese Staubmassen für den südamerikanischen Kontinent liefert. Auch hier liegt beides im Bereich der Möglichkeit.

Sven Hedin berichtet in seinen Schriften von den gewaltigen Staubmassen, die regelmäßig vom Wind aus den riesigen Wüstengebieten Innerasiens empor­gehoben werden, um auf ungemessenen Strecken den hellen Tag in Dämmerlicht zu hüllen.

 

Ein furchtbares Schicksal erfüllt sich in den Vereinigten Staaten von Amerika. In den Staaten des mittleren Westens schufen die vielgefeierten "Kultur­pioniere" des vergangenen Jahrhunderts den "Goldenen Westen". Sie schlugen und brannten nicht nur den Urwald, sondern jeden Baum und Strauch nieder, um Raum für den Anbau von Kulturfrüchten, besonders von Weizen und Mais, zu gewinnen. Sie pflügten die Prärie um und glaubten auch hier einen landwirtschaftlich nutzbaren Boden zu gewinnen, der in seiner Erzeugungs- und Gebefreudigkeit niemals erlahmen würde. In der Tat gab dieser jungfräuliche Boden ohne Düngerzufuhr jahrzehntelang die erstaunlichsten Erträge; die "Kulturpioniere" des amerikanischen mittleren Westens nannten ihre Böden "unerschöpflich", und im Vertrauen auf diese ewig fließende Quelle immer neuen Reichtums trieben sie einen beispiellosen landwirtschaftlichen Raubbau.

Aber der "unerschöpfliche" Boden erschöpfte sich doch! Die mißhandelte Natur nahm ihre Rache. Der "Goldene Westen" Amerikas hat sich in weiten, über Millionen von Acres reichenden Flächen langsam, aber sicher, in trostloses Ödland mit wüstenhaftem Charakter verwandelt. Die ausgepowerten Böden zerfallen in sterilen Staub. 

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Die gewaltigen Zyklone des amerikanischen Festlandes, die von jeher über dem riesigen Kontinent toben, wirbeln zur Sommerzeit den Staub der trockenen Erde auf und tragen ihn Hunderte von Meilen weit davon, um ihn über den gesund gebliebenen Flächen des Landes auszustreuen oder ihn im Atlantischen Ozean und im Golf von Mexiko zu versenken. Zur Winterzeit leistet der eisige Blizzard die gleiche entsetzliche Arbeit. Im Frühjahr zerbrechen rasende Wasserfluten der großen Ströme die schützenden Deiche, überfluten das gequälte Land und schwemmen die noch vom Winde zurückgelassenen fruchtbaren Erdpartikel für immer davon.

Ein schwarzer Tag, schwarz in jedem Wortsinne, und schwärzer als der schwärzeste Tag an den amerikanischen Börsen, war der 11. Mai 1934. Eine gewaltige Staubwolke wurde von einem Zyklon aus der neuen Wüste des mittleren Westens emporgehoben und über den ganzen nordamerikanischen Kontinent hinweggetragen. Alle Teile des Landes, besonders die dichtbesiedelte Ostküste, litten furchtbar unter einem dichten und ununterbrochenen Staubregen. Blühende landwirtschaftliche Kulturen versanken und erstickten unter Staub- und Sandmassen. In den Städten wurde das Leben unter der Plage völlig lahmgelegt. Dreihundert Millionen Tonnen ehemals fruchtbarer Erde wurden an diesem einzigen Unglückstage für immer fortgeweht und als todbringender Staub über lebensvollen Kulturen, über Städten und über dem Meere ausgeschüttet, um niemals mehr der Erzeugung wertvoller Nahrungsgüter dienen zu können.

Bislang kannte man in den Weltstädten des amerikanischen Ostens nur den "Goldenen Westen", ein unübersehbares Land von wogenden Weizenfeldern, und segentragenden Maiskulturen in der Ausdehnung europäischer Provinzen und Länder. Der Ertrag dieser fruchtbaren Flächen hatte geholfen, diese gigantischen Städte mit ihren himmelhohen Wolkenkratzern aufzubauen, das beispiellos dastehende Leben in ihnen in Fluß zu bringen und zu erhalten, hatte die berühmten Tresore der Banken von Wallstreet mit Gold füllen helfen und die Handels- und Zahlungsbilanz des Landes maßgeblich gestützt. — Und nun erlebte man unmittelbar, Tausende von Meilen fernab von den Gebieten des eigentlichen Unglücks, wie die Quelle dieser wirtschaftlichen Kraft und immer neuen Reichtums versiegte, wie der fruchtbare Boden in Staub zerfiel und in alle Winde zerstreut wurde, — selbst zerstört, und alles in weitem Bereich zerstörend. — Die Wüste droht...

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    Königspaläste unter Wüstensand   

Wenn von der Wüste die Rede ist, denkt der Mittel- und Westeuropäer zunächst an die Sahara, denn von den Wüsten der Erde liegt sie ihm nicht nur räumlich, sondern auch ideologisch am nächsten. Er nennt das nordafrikanische Wüstengebiet, das in seiner Ausdehnung beinahe die Größe seines eigenen Kontinents erreicht, "das Tote Meer der Erde", und die Sahara verdient voll und ganz diese Bezeichnung.

Sie ist ein Sandmeer ohne jedes Leben. Man reist in der Sahara Hunderte von Kilometern, ohne einen Menschen, ein Säugetier, ein Insekt oder auch nur einen lebenden Grashalm zu finden. Alles Leben ist der Sonnenglut des Tages, der Dürre, der absoluten Wasserarmut, dem Durst zum Opfer gefallen, und was an animalischem und pflanzlichem Leben etwa dem Zusammenwirken dieser lebensfeindlichen Elemente entgehen sollte, das würde auf die Dauer vergeblich gegen den Schrecken der eisigen Wüstennacht kämpfen. Ein Stück der wasserlosen und toten Oberfläche des Mondes scheint hier auf die Erde gefallen zu sein.

Dies "Tote Meer der Erde" aber ist voller Geheimnisse. Leo Frobenius fand mitten in der Wüste Sahara an den Felswänden der Hochländer von Tibesti, Tummo, Tassili und Ahaggor Zeichnungen von Menschenhand, die darauf schließen lassen, daß hier vor Tausenden und Zehntausenden von Jahren eine Wiege der menschlichen Kultur gestanden hat. Die Funde aus neolithischer Zeit weisen auf eine kulturelle Blüte dieser Gebiete noch in der jüngeren Steinzeit hin. Auch aus der Römerzeit werden besonders in der nördlichen Sahara reiche Funde gemacht, die darauf hinweisen, daß noch damals die Wüste nicht so tot und lebensfeindlich war wie sie es heute ist.

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Wie in der Sahara, so ist es auch in den anderen Wüsten der Erde. Die ehemalige großartige Kultur Altbabyloniens ist heute unter Wüstensand begraben, denn eine Wüste, wenigstens eine Halbwüste, ist der Irak el-Arabi, die Landschaft des alten Zentral- und Südbabyloniens. die sich zwischen Euphrat und Tigris von Bagdad südlich bis zum Persischen Golf ausdehnt. Im Frühjahr und Sommer, wenn in diesen Gebieten Regenzeit herrscht, kommt Leben in die nun zu einem Sumpfgebiet sich wandelnde Alluvialebene. Im Herbst und Winter aber dörrt sie aus und wird ein totes und trostloses Meer von Sand. Räuberische Nomaden machen das Land unsicher; typische tierische Wüstenbewohner, Schakale, Hyänen, Wölfe, Heuschrecken und Sandfliegen vermehren die Gefahren für alles zivilisierte Leben. Der Spaten des Forschers aber gräbt immer weitere Werke hoher alter Kulturen zu Tage.

Tief unter Sandmassen begraben fand man auf dem linken Euphratufer die uralte Stadt Eridu. wo der Gott Ea in prächtigem Tempel durch ein Orakel geweissagt hat. Bei der heutigen Stadt Nasrije fand man unter dem Sandhügel Muquajjar die in der Bibel genannte Stadt Ur. In Trümmern, gefunden unter dem Sand der Halbwüste am Ufer des Schatt el-Kor, glaubt man die Reste der Stadt Jenkereh, des biblischen Elassar, entdeckt zu haben. In einer weiteren Trümmerstätte links des Euphrat entdeckte man das babylonische Uruk, das biblische Erech. Das riesige Trümmerfeld von Telloh, das im Auftrage der französischen Regierung von Ernest de Sarzec dem Sand der Halbwüste entrissen wurde, wird wegen seiner Größe und wegen der Reichhaltigkeit der Funde nicht mit Unrecht das Pompeji Altbabyloniens genannt. 

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Am linken Euphratufer, nahe der heutigen Stadt Hilla, glauben die Gelehrten das alte Babilu, Babylon selbst, entdeckt zu haben. Der deutsche Assyriologe Koldewey hat sich hier um die Erforschung der "Burg" verdient gemacht. In einem Prachtsaal, den er dort unter schützendem Sand begraben fand, glaubt man den herrlichen Thronsaal Nebukadnezars II. wiedergefunden zu haben.

Wo Ninive, die Hauptstadt des assyrischen Reiches stand, ist heute ebenfalls totes und wüstes Land. Ecbatana, die Hauptstadt des medischen Reiches, liegt unter dem Sand einer Halbwüste, Sardes, die Hauptstadt des alten lydischen Reiches, gleichfalls. Wo Zoroaster die Religion des Sonnengottes für die Perser predigte, ist Wüste, und Wüsten und Halbwüsten bedecken die Erde, wo Cyrus, der Perser, die Heere sammelte, mit denen er auf den Trümmern alter Reiche im Jahre 559 v. Chr. das persische Weltreich gründete. Die lange Marsch- und Siegesstraße Alexanders des Großen bis an die Schwelle Indiens geht heute durch wüstes und unfruchtbares Land. Auch Arabien, wo einstmals die Königin von Saba auf ihrem goldenen Throne saß, ist heute eine schauervolle Wüste.

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In den Wüsten Zentralasiens, die der Fuß der Forscher nicht so oft betrat wie die Wüsten Nordafrikas und Vorderasiens, liegen gleichfalls manche Geheimnisse begraben. Sven Hedin entdeckte ein solches mitten in der gewaltigen Wüste Gobi in Gestalt einer verschütteten Stadt. Er schaufelte mit seinen Leuten tief im Sande und fand ein "Pompeji der Wüste". Er schildert die Entdeckung in einer farbigen Darstellung:

"Von den Ruinenstädten, die ich in Ostturkestan besucht habe, erinnert keine an die merkwürdige Stadt, deren Überreste wir hier vor uns hatten ... Zwischen einigen Dünen waren noch Spuren von Gärten sichtbar. Stümpfe gewöhnlicher Pappeln standen in langen Reihen, ein Beweis, daß es hier einst schattige Alleen gegeben, auch Aprikosen- und Pflaumenbäumen hatte dieser Boden früher Nahrung geboten.

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Diese im Wüstensande begrabene Stadt hatte also einst am Ufer eines Flusses, des Kerija-darja, gelegen, und an ihren Häusern und Tempeln war das Wasser in zahlreichen Kanälen vorbeigeströmt. In der Nähe der Stadt standen damals an den Ufern des Flusses prächtige Wälder, wie am jetzigen Kerija-darja, und während der heißen Sommertage labten sich die Bewohner an dem frischen Schatten unter den dichten Kronen der Aprikosenbäume. Es hatte dort Bäche mit solcher Wasserkraft gegeben, daß sie schwere Mühlsteine in Bewegung zu setzen vermochten. Seidenzucht, Gartenbau und Industrie hatten geblüht, und ein Volk hatte hier gelebt, das es verstanden hatte, seine Häuser und Tempel auf geschmackvolle, kunstreiche Art zu schmücken.

Wann war diese geheimnisvolle Stadt bewohnt gewesen? Wann war ihre letzte Aprikosenernte gereift, und wann waren die Blätter ihrer Pappelkronen für immer verwelkt? Wann war das Rauschen des Baches, der den Mühlstein getrieben, in ewiger Nacht verhallt, und wann wurden diese Häuser von ihren Bewohnern dem Herrn der Wüste überlassen?

Welches Volk wohnte hier, welche Sprache redete es, woher kamen diese Menschen, wie lange blühte ihre Heimat, und wohin zogen sie, als sie gefunden, daß sie hier keine bleibende Stätte hatten ... Wer hätte es sich träumen lassen, daß im Innern der Wüste Gobi, gerade in dem Teile, der der ödeste aller Wüsten der Erde ist. Ruinen großer Städte und Spuren einer blühenden Kultur zu finden sind? ..."

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Man weiß von empfindsamen und nachdenklichen Menschen, die "in die Wüste" gingen, um dort, von Visionen gepeinigt oder gestärkt, eine Umkehr ihres Seelenlebens zu erfahren. 

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Jesus Christus betete und fastete vierzig Tage in der Wüste, um sich auf die Verbreitung seiner Lehre vorzubereiten; Johannes der Täufer, Augustinus und Mohammed sammelten sich seelisch und geistig in der Wüste, und nach ihnen suchten unzählige Mönche die Einsamkeit der Wüste. Am Rande der Wüste stehen noch heute zahlreiche Klöster, finden sich die stillen Klausen von Einsiedlern und von Menschen, die der Welt entsagten.

Doch alle, die "in der Wüste" leben, findet man an ihrem Rande, wo Wüste und Steppe langsam ineinander verfließen. Die Wüste selbst ist frei von jedem Leben. Der Löwe streift wohl einmal in diese tödliche Öde hinein, und der Schakal schaut gelegentlich nach, ob die würgenden Gewalten der Wüste nicht ein unglückliches Opfer fanden. Der Mensch aber meidet die eigentliche Wüste als dauernden Wohnplatz, und er hat sie immer gemieden. Niemals haben Menschen in der Wüste Städte und große Siedlungen gebaut, und ganz gewiß haben niemals Könige ihre Paläste im Sand der Wüste errichtet. Symbole der Königswürde sind Macht und Reichtum. Die Wüste aber hat keine Macht zu vergeben, und die Wüste, die dem spärlichsten Grashälmchen kein Lebensrecht gewährt and die dem Menschen keinen Schluck Wasser gönnt, ist entsetzlich arm.

Und doch liegen die Trümmer menschlicher Siedlungen und alter Königspaläste unter Wüstensand begraben, und Wüstensand weht über einem Pompeji der Wüste. Die Synthese dieser Gegensätzlichkeit findet sich in dem Schluß: Die Wüste war nicht immer Wüste, vielmehr ist aus einstmals blühendem Lande im Laufe der Menschheitsgeschichte Wüste geworden. Der Beweis dafür läßt sich an geographischen und geschichtlichen Tatsachen und Dokumenten erbringen.

 

   Das Gesetz der Wüste   

Als Rom seine punischen Kriege geschlagen hatte, wurde Nordafrika eine Kornkammer des römischen Reiches. Heute sind nur noch schmale Küstenstriche des nordafrikanischen Landes fruchtbar, deren Erzeugung nicht hinreicht, um die eigene spärlichste Bevölkerung zu versorgen. Alles andere ist Wüste geworden.

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Im Jahre 19 n. Chr. zog der römische Prokonsul L. Cornelius Balus Minor mit seinem Heere von der kleinen Syrte aus nach Gadames, das heute eine einsame Oase inmitten der Wüste ist und in der Luftlinie rund 500 Kilometer von der Küste des Mittelmeeres entfernt liegt. Alle Überlegungen sagen uns, daß das Unternehmen dieses Feldherrn, mit den damaligen Mitteln ins Werk gesetzt, in des Wortes vollster Bedeutung "im Sande steckengeblieben" wäre, wenn der Weg durch ein Wüstengebiet, wie es dies heute ist, geführt hätte. Man kannte damals nämlich noch nicht das "Schiff der Wüste", das Dromedar, das erst um 700 n. Chr. im afrikanischen Wüstengebiet heimisch würde und das mit seiner Bedürfnislosigkeit half, die Wüste zu bezwingen.

Im Jahre 37 n. Chr. zogen die beiden Konsuln Octimius Flaccus Maternus und Suetonius Paulinus mit ihren kriegsstarken Heeren quer durch das heutige Wüstengebiet zum Sudan. Auch diese rund 2500 Kilometer lange Strecke hätten die Konsuln und ihre Truppen niemals bewältigen können, wenn der Charakter der Marschstraße dem heutigen Wüstenweg entsprochen hätte. Ein mit den neuesten Hilfsmitteln ausgerüstetes Heer der modernen Zeit würde diese Aufgabe nur unter größten Schwierigkeiten erfüllen können. Die geschichtlichen Tatsachen aber weisen darauf hin, daß zu Beginn der christlichen Zeitrechnung die Sahara noch nicht die Sahara von heute war, daß vielmehr damals noch ein reichlicher Pflanzenwuchs zur Ernährung von Mensch und Tier, und daß vor allen Dingen Wasser im heute wasserlosen Gebiet vorhanden gewesen sein muß. 

Ob die klimatischen Verhältnisse in ihrer Gesamtheit damals noch grundlegend von den heutigen verschieden waren, läßt sich mit Sicherheit nicht sagen, wenn auch die Vermutung naheliegt, daß dies der Fall war.

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In der südlichen Sahara liegt der Tschad-See. Heute ist dieser See ein ausgesprochener Wüstensee, aber er war es vor etwa 100 Jahren noch nicht. Heute erprobt der Vernichtungsdrang der Wüste seine Macht an ihm. Vor ein paar Jahren noch, bedeckte der Tschad-See ein Areal von rund 200.000 Quadrat­kilometern, heute ist er auf eine Ausdehnung von rund 50.000 Quadratkilometern zusammengeschrumpft, und dieser Prozeß der Einschrumpfung setzt sich mit Riesenschritten fort. Die heute lebende Generation wird wahrscheinlich noch Zeuge davon sein, daß dieser See, der den Bodensee 25mal an Größe übertraf, von der Wüste völlig verzehrt sein wird.

Aus der Zeit von 1460 bis 1490 liegen uns die genauen Aufzeichnungen zweier arabischer Geographen über die damaligen Grenzen der Sahara nach Süden hin vor, und bei einem Vergleich dieser Angaben mit den heutigen südlichen Wüstengrenzen errechnete ein hoher französischer Kolonialbeamter, de Loppinot, daß sich seit jener Zeit die Wüste jährlich um einen Kilometer nach Süden vorgeschoben hat. Seit dem Jahre 1500 ist die Wüste Sahara demnach um rund 450 Kilometer in der Breite gewachsen. Und dieses Wachsen geht weiter.

Das Gesetz der Wüste lautet: Wo einmal Wüste ist, wird immer mehr Wüste. Das gilt, wie wir am Beispiel der Sahara sehen, bei dem ungeheuren Expansions­drang der Wüste zunächst räumlich, dann aber auch hinsichtlich des Grades des Wüstencharakters. Die Wüste intensiviert sich fortgesetzt in sich selbst.

Die Einschrumpfung des Tschad-Sees ist gewissermaßen ein Menetekel. Sie läßt Schlüsse ziehen auf die Zukunft der heutigen Oase in der Wüste. Das Sinken des Wasserspiegels deutet auf ein fortschreitendes Sinken des Grundwasserspiegels in der Wüste hin, und die Messungen nach der entsprechenden Richtung haben diese Vermutung bestätigt. In unseren Breiten liegt der Spiegel des oberen Grundwasserflusses nur wenige Spatenstiche tief. In der Sahara fällt der Spiegel, je weiter man wüsteneinwärts vordringt. In den Küstenstrichen des Mittelmeeres liegt sein Niveau noch nahe der Erdoberfläche. In dem etwa 70 Kilometer südlich von Tripolis gelegenen Azizia liegt der Grundwasserspiegel bereits 60 Meter unter der Erdoberfläche, in dem schon erwähnten Gadames, der heutigen Wüstenoase, liegt er in einer Tiefe von 380 Metern.

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Seit 1879, seit der Zeit, da der Forscher Rohlfs die Wüste bereiste, ist in der kleinen Oase Gialo (Dschalo) der Grundwasserspiegel um etwa 3 Meter gesunken. 3 Meter Grundwassersenkung würde in jedem europäischen Gebiet zu einer Katastrophe für das vegetabilische Leben führen. Der Wasserspender der Wüste ist der Ziehbrunnen. Je tiefer der Grundwasserspiegel liegt, desto größer ist der Weg, den das Dromedar auf der schiefen Ebene des Ziehbrunnens zurücklegen muß, um das Wasser zu fördern, desto, größer sind dementsprechend der Arbeitsaufwand und die Kosten der Wasserförderung — negativ ausgedrückt: desto geringer ist die tägliche Ausbeute an Wasser.

Abgesehen von der Intensivierung der Wüste in sich selbst aber macht sich der Expansionsdrang weiter geltend. "Die Wüste frißt Afrika! — Die Wüste verschüttet die afrikanischen Kulturen! — Die Wüste beraubt die Erde immer mehr um ihr Land!" So lauten seit einem Menschenalter die Überschriften alarmierender Artikel in der Presse sämtlicher Kolonialstaaten.''

Von den wandernden Sandmassen der Sahara werden im Süden des Sandmeeres vor allem der französische Sudan, Volta, Elfenbeinküste und Tschadsee­gebiet, ferner die englischen Besitzungen Goldküste, Nigeria und Britisch-Kamerun bedroht. Hier wird immer mehr blühendes Land unter wanderndem Sand begraben und in Wüste verwandelt. Und im Bereich der übrigen Wüsten der Erde ist die Entwicklung nicht anders.

 

   Schuf der Mensch die Wüsten der Erde?  

Es gibt zahlreiche Abhandlungen über die Entstehung und Entwicklung der Wüsten auf der Erde. Sie zeigen uns den Einfluß des Klimas, des Windes, der Sonne, der fehlenden Niederschläge, sie gehen ein auf die folgerichtige Veränderung der Erdoberfläche im Sinne der Wüstenbildung unter bestimmten äußeren und inneren Verhältnissen.

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Aber eine Tatsache berücksichtigen die meisten dieser Werke im allgemeinen zu wenig: sie sehen zwar einen gegenwärtigen Zustand und- seine konsequente Fortentwicklung unter bestimmten klimatischen, meteorologischen und geologischen Voraussetzungen, aber sie beachten zu wenig einen letzten und tiefsten Grund der Dinge.

Haben wir Grund, anzunehmen, daß eine Wüste von sich aus, also gleichsam als Wunsch und Wille der Vorsehung, entstand? Alle tiefere Überlegung führt zu der Antwort: "Nein!" Auch die Wüste hat, wenn nicht ganz, so doch wenigstens zu einem maßgeblichen Teil, Ursachen, die außerhalb naturgegebener und naturbedingter Vorgänge und Entwicklungslinien liegen. Die jüngsten aller Wüstenbildungen, die sich vor unseren Augen vollziehen, berechtigen uns, die Entstehungsursachen der Wüsten nicht ausschließlich in einer unabwendbaren Wirksamkeit von verhängnisvollen Naturgewalten zu suchen, sondern zu einem entscheidenden Teil in der Tätigkeit des Menschen auf seiner Erde. Der Mensch hat die jüngsten Wüsten der Erde nachgewiesenermaßen auf dem Gewissen. Diese Tatsache legt aber die Vermutung nahe, daß der Mensch auch bei der Entstehung der altbekannten Wüsten maßgeblich beteiligt war.

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Die Wissenschaft hat den Begriff der "Urwüste" geprägt. Sicherlich hat es einmal eine Urwüste gegeben, damals, als nach der Abkühlung des feuerflüssigen Erdballs die Erde anfing, sich als fester Erdkörper zu konsolidieren. Da war die Erde zunächst eine Kugel mit glasigharter, steinerner Oberfläche. "Die Erde war wüst und leer." Jeder Fleck der Oberfläche unseres Planeten war eine Wüste ohne Leben und ohne Lebensmöglichkeit. Das war, nach der Annahme der modernen Physik, vor etwa 1250 Millionen Jahren der Fall.

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Aber diese wüste Erde besaß etwas sehr Wichtiges: Wasserdämpfe in der Atmosphäre. Diese schlugen sich nieder und bildeten mit ihren Kondenswassern Bäche, Flüsse, Seen, Meere. Der Kreislauf des Wassers begann, und zugleich damit begann die Verwitterung des Erdgesteins. Die Meere rieben sich an den Felsen und zerrieben sie langsam, millimeterweise. Die Regenfälle von Millionen von Jahren nagten an dem Gestein. Die Sonne, Luft, Hitze, Frost, Niederschläge und zahlreiche andere Faktoren unterstützten den Zerfallsprozeß, und das bleibende Ergebnis dieses Abbaus war Mutterboden auf der Erdoberfläche. Über tausend Millionen Jahre durfte die Erde sich Zeit antun, ehe sie dem Tier und sehr viel später dem Menschen eine Heimstatt anbot.

Vor etwa 800 Millionen Jahren gab es auf der Erde schon Leben, allerdings nur primitives Leben. Vor 400 Millionen Jahren war das Leben auf der Erde schon reich; damals gab es bereits Fische, wie die Fossilien der steingewordenen Erdschichten erweisen. Vor 200 Millionen Jahren lebten auf der Erde die Riesenreptile und Riesenechsen. Zwischen 200 Millionen Jahren und dem Erscheinen des Menschen auf Erden bildeten sich der heutige Pflanzenwuchs und das heutige Tierreich mit Vögeln und Säugetieren aus. Rund eine Million Jahre — wahrscheinlich weniger — lebt der Mensch auf der Erde. Diese Million Jahre ist im Vergleich zum Gesamtalter der Erde nicht mehr als eine einzige Sekunde in einem langen Menschenleben.

Der englische Physiker James Jeans kennzeichnet diese einzige Sekunde folgendermaßen: 

"Und selbst während dieser winzigen Spanne war der Mensch die längste Zeit unzivilisiert und lebte kaum besser als die Tiere, die er jagte. Wir überfliegen in Gedanken viele hunderttausend Jahre menschlicher Geschichte und erblicken nur Wilde, die in Höhlen leben wie Tiere, mit Tieren kämpfen und vielleicht schreien wie Tiere. Dann, es mag vor hunderttausend Jahren gewesen sein, bildet der Mensch ein neues Vermögen aus: er spricht; so wird er fähig, nicht nur zu planen und zu bedenken,

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sondern seine Gedanken auch mit seinen Mitmenschen auszutauschen und ihnen seine Pläne darzulegen. Das gibt ihm eine so gut wie unangreifbare Übermacht gegenüber allen Tieren, und jetzt ist sein Fortschritt unaufhaltsam. Merkliche Wandlungen sind nicht mehr eine Sache von Millionen von Jahren, Tausende genügen, dann Jahrhunderte — jetzt fast einzelne Jahre. Das menschliche Leben hat sich in den letzten fünfzig Jahren mehr verändert als das der Reptilien in fünfzig Millionen Jahren während der Jura- und Permformation." 

Man muß sich solche Entwicklungsreihen vor Augen halten, wenn man die Theorie der Urwüste und moderne Meinungen über die Wüstenbildung unter menschlichem Einfluß würdigen will. Zur Bildung der altbekannten Wüsten der Erde mögen zehn- und hunderttausend Jahre nötig gewesen sein, entsprechend den geringeren Hilfsmitteln des frühen Menschen. Die Entwicklung der geologischen Verhältnisse im mittleren Westen Amerikas aber zeigt, daß heute auch in dieser Hinsicht unter der Hand des Menschen in einer einzigen Generation mehr geschieht als einstmals in unübersehbaren Jahresreihen.

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Das Leben ist von einer geradezu unheimlichen Energie. Man findet animalisches und noch mehr vegetabilisches Leben noch unter Verhältnissen, unter denen man es überhaupt nicht mehr erwartet: auf öden und kalten Bergeshöhen in bescheidenen Felsrissen, im dunkeln und luftleeren Erdinnern (anärobe Bakterien), im Eis und, Schnee der Arktis und Antarktis, in Meerestiefen, die unter unvorstellbaren Wasserdrücken stehen. Es gibt Lebensträger, die geradezu phantastische Summen von Kältegraden aushalten können. Auf diese Tatsache gründete der nordische Astronom Svante Arrhenius seine Theorie von der Panspermie, der Allbesamung des Weltalls, die ausdrückt, daß im ganzen Weltall Leben in kleinsten Trägern vorhanden ist, das durch den Druck des Lichtes zu allen Sonnensystemen und Planeten gebracht wird, um sich dort weiter zu entwickeln, wenn es die Verhältnisse gestatten.

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Das bedeutet aber, daß bestimmte Lebensträger fähig sind, sogar die absolute Kälte des Weltenraums, minus 273 Grad Celsius, ohne Schaden auszuhalten.

Bei dieser ungeheuren Energie des Lebens braucht man sich auch nicht zu wundern, daß eine andere Wüste der Erdgeschichte, jene, die zurückblieb, als am Ende der Eiszeiten das Eis des Nordens wieder in seine nördlichen Regionen zurückwich, nicht von langem Bestande war. Dem weichenden Eise folgte unverzüglich der Pflanzenwuchs, folgte die Tierwelt und schließlich der Mensch. Die Wiederbesiedlung geschah, erdgeschichtlich gesprochen, in sehr kurzer Zeit.

Man muß sich die Wiederstands-, Verbreitungs- und Entwicklungsenergie des Lebens vergegenwärtigen, und man erkennt erschreckend, welches unheimliche und unwürdige Faktum das Vorhandensein von Wüsten auf der Erde, besonders in denen ihrer Teile ist. wo noch in geschichtlich beglaubigter Zeit hohe und höchste Kulturen der Menschen blühten.

 

    Die Rache der Natur   

Alles, was das animalische Leben auf Erden erhält, entstammt unmittelbar oder mittelbar der fruchtbaren und ertragspendenden Scholle. Die modernen Wissenschaften, die Wunderkinder des menschlichen Geistes, haben es im Dienst, des Menschen weit gebracht, und sie werden es noch viel weiter bringen. Aber niemals wird es so weit kommen, daß der Mensch aus dem Nichts ein Etwas macht. In jedem Falle, auch bei den Glanzleistungen, die aus den modernsten Laboratorien hervorgehen, greift der Mensch immer auf die Kräfte und Schätze zurück, die ihm die Natur zur Verfügung stellt. Bei jeder Mahlzeit verzehrt er vegetabilische oder animalische Kost, die direkt oder indirekt von der Erde stammt.

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Es gibt heute eine große und sehr bedeutsame Industrie der Kunststoffe, deren Leistungen überaus bewundernswert sind. Aber so weit geht die menschliche Kunst nicht, daß sie sich in ihren Schöpfungen freimachen kann von der Gebefreudigkeit der Natur. Der Mensch kann die Schafwolle, die ein sehr schlechter Wärmeleiter und deshalb der beste Rohstoff für seine Kleidung ist, heute ersetzen durch Kunstfaserstoffe, die aus Zellulose gewonnen werden. Er kann sie auch ersetzen durch eine Faser, die man aus Milch herzustellen gelernt hat. 

Die Fabrikationslinien und -vorgänge beider Herstellungsarten sind höchst genial erdacht und bewundernswert, — aber man darf nie vergessen, daß der letzte Grund der Dinge auch bei den Faserkunststoffen in der Erzeugungsfreudigkeit des Erdbodens liegt. Das Schaf, dem wir die Wolle vom Leibe scheren, nährt sich von der Kraft des Bodens genau so wie die milchspendende Kuh und der Baum im Walde, der den Zelluloserohstoff liefert. Und bei sehr vielen, ja den meisten der modernen Kunststoffe, liegen die Zusammenhänge ähnlich.

Es kann nichts schaden, wenn immer wieder einmal daran erinnert wird, daß die Natur beim "Werteschaffen" durch den Menschen stets in einer entscheidenden Weise belastet bleibt. Das gilt auch für die rein synthetische Faser, die auf der Grundlage von Calcium-Karbid, also auf der Grundlage von Kohle und Kalk, gewonnen wird, und die den Namen Nylonseide führt. Damit soll in keiner Weise etwas gegen die Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit der Kunststoffherstellung gesagt oder gar etwa die Güte der neuesten Erzeugnisse des menschlichen Gewerbefleißes angezweifelt werden, — was hier ausgesprochen wird, soll gesagt sein, um der Gerechtigkeit zu dienen. Auch die Natur, und gerade sie, hat Anspruch auf Gerechtigkeit.

Die Natur ist ein lebendiger Organismus, der das Gleichgewicht der Kräfte liebt. — Kein Gleichgewicht der Kräfte, das der Mensch auf Grund eines von ihm aufgestellten Nützlichkeitsprinzips errechnet, sondern ein inneres, auf dem unwandelbaren und unabdingbaren Wert des Einzelorganismus im Gefüge des Gesamtorganismus aufgebautes und für ewige Zeiten stabilisiertes Gleichgewicht, das immer tiefer zu ergründen des Fleißes der Besten aus dem Menschengeschlecht wert ist.

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Immer sollte, auch in der Hast und Unruhe des Tages, eine ernste Frage lauten: Wie weit kommen wir mit unserer Kunstfertigkeit, mit unserer Technik und Chemie, und wie lange reicht der Rohstoff, der uns für unsere moderne Alchimie zur Verfügung steht?

Aber dem Menschen liegen seine menschlich-allzumenschlichen Interessen näher als die Sorge um das Wohlergehen und die Zukunft der Erde, die ihn trägt und nährt, wie sie vor ihm seit Jahrtausenden unzählige Menschen getragen und ernährt hat. Der Mensch ist, um mit Schiller zu sprechen, ein Sohn der flüchtigen Stunde. 

Wäre er dieser Sohn der flüchtigen Stunde und eines sehr flüchtigen Tagesinteresses nicht zu jeder Zeit in allererster Linie gewesen — es würde heute ganz gewiß anders aussehen auf der Oberfläche der Erde. Es würde wahrscheinlich auch keine Wüsten geben, jedenfalls keine Wüsten in den Ausmaßen, wie wir sie kennen.

Dem Menschen ist die Verwertung des Reichtums der Erde und die Nutzung der ihr innewohnenden Kräfte etwas allzu Selbstverständliches. Diesen Vorwurf verdient schon der Mensch, der "im paradiesischen Zeitalter" lebte und der nur die Hand auszustrecken brauchte, um die Wurzeln, Kräuter und Früchte in Empfang zu nehmen, mit denen er seinen Hunger stillte, und um das — wahrscheinlich oft wenig appetitliche — Kleingetier zu erhaschen, das neben den Fleischbrocken, die die Raubtiere von ihrem Riß verschmähten, seine fleischliche Kost bildeten. Es stände heute anders um die Gebiete, in denen die Wiegen der menschlichen Kultur standen, wenn der Mensch verstanden hätte, sinnvoll zu planen und einsichtig zu wirtschaften.

Was der frühe Mensch aus Unwissenheit und Unkenntnis der organischen Zusammenhänge an seiner Erde sündigte, das tut der heutige, mit allen Wassern einer Überkultur und Überzivilisation gewaschene Mensch aus eigensüchtiger Berechnung. Der Mensch im Zeitalter der industriellen Zivilisation will verdienen, schnell und viel verdienen. Die Organisation unseres gewerblichen, staatlichen und gesellschaftlichen Lebens fördert diese Einstellung gewissermaßen zwangsläufig.

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Wer heute eine Kohlenmine erbohrt und "ausbeutet", tut dies nicht, um einen bestimmten Bedarf zu decken und ein bestimmtes Bedürfnis zu befriedigen, sondern er bezieht von einem Kollektiv offenen und latenten Bedarfs einen gewissen Anteil auf sich und produziert "für den Markt". Er trachtet danach, seine "Ausbeute" — vielleicht nur gehemmt durch gewisse, auch wieder lediglich durch geldliche Rücksichten diktierte Bindungen seiner Erzeugergruppe — zu steigern, um immer mehr zu verdienen. Diese Steigerung der Produktion und des Verdienstes bedeutet Fortschritt; Stillstand gilt als Rückschritt.

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Auf allen Gebieten der industriellen Produktion und Gewinnung von Rohstoffen liegen die Dinge so. Der Eifer, die Erde je schneller, desto besser, bis zur Neige auszubeuten, scheint zu einer Leidenschaft des kommerziell eingestellten modernen Menschen geworden zu sein. Es ist, als ob der moderne Mensch eine Wette mit dem Teufel abgeschlossen habe, daß er fähig sei, in tausend Jahren — oft für höchst fragwürdige Zwecke — alles das restlos zu verbrauchen, abzunutzen und zu verwirtschaften, was die Natur in ungezählten Millionen von Jahren schuf. Schon heute machen sich einsichtige Männer in allen Ländern Gedanken über die Tatsache, daß die mineralischen Vorräte der Erde sich zusehends erschöpfen.

Der Mensch wünscht, daß seine Erde ihn beschenke. Niemand kann auf die Dauer etwas verschenken, wenn er nicht verhängnisvolle Eingriffe in die ihm zur Verfügung stehende Substanz tun will. Auch die Erde hat nichts zu verschenken; sie darf nichts verschenken, wenn sie in alter Kraft weiterbestehen soll. Die Kräfte, die sie verbraucht, um uns etwas zu geben, müssen sich regenerieren können oder müssen der Erde in irgendeiner Form wieder zugeführt werden. 

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Wenn der Mensch sich aber von seiner Erde doch beschenken läßt, so sind dies "Geschenke", die mit Gewalt erzwungen werden, unter Eingriffen in den Kräftebestand und in die Substanz der Erde. Sie gleichen jenen Geschenken, die ein Straßenräüber unter vorgehaltener Pistole von seinein Opfer erzwingt. Solche "Geschenke", der Erde abgerungen und ihrem wohlausgewogenen Organismus abgelistet, werden sich, wenn nicht sehr bald für Ersatz gesorgt wird, über kurz oder lang bitter rächen.

Das gilt insbesondere von dem Nährstoffkapital, das angehäuft ist in der ertragbringenden Humusschicht der Erdoberfläche, die im Verlaufe von Jahrmillionen entstand und die sich immer weiter verstärkte, bis der Mensch kam und sie "in Kultur nahm".

"Kultur" und Raubbau an der Scholle gehen vielfach Hand in Hand. Wo die ältesten Kulturvölker saßen, entstanden die ersten Wüsten der Erde. Und die neuen Wüsten entstehen dort, wo moderne zivilisierte Völker alle Ehrfurcht vor der Natur und ihren unabdingbaren Gesetzen vermissen lassen. Die Männer, die im mittleren Westen Amerikas vor Jahrzehnten zu roden und Weizen zu bauen begannen, nannte alle Welt bis noch vor zehn Jahren "Kulturpioniere". Sie haben ihrem Namen, der heute wie Hohn klingt, keine Ehre gemacht und in einer Weise "kultiviert", daß ihr Land heute auf Millionen von Quadratkilometern Wüste geworden ist und immer mehr Wüste zu werden droht. Ähnlich wird es zugegangen sein bei den Kulturvölkern des frühesten Altertums. Nur haben Gottes Mühlen damals langsamer gearbeitet, entsprechend dem mäßigeren Einsatz menschlicher Hilfsmittel im Kampfe nicht mit, sondern gegen die Natur.

Es gibt abstoßende Bilder von den verlassenen Camps der Goldsucher in Kalifornien, in Australien und in Südafrika. Ringsum erscheint der Boden zerpflügt, von tausend Spatenstichen zerrissen und zerklüftet. Da steht im vegetationslosen Gelände eine verlassene Wellblechbude, windschief, häßlich, allen Einflüssen äußerer Kräfte hilflos preisgegeben. 

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Schon im bewohnbaren Zustande ist solche Behelfsbehausung kein schöner Anblick. Sie erinnert an modernes Nomadentum, an Unseßhaftigkeit und Unstetheit, an Abenteuerei und Glücksrittertum. Im verlassenen Zustande und im Stadium des Verfalls aber ist solcher Bau ein Hohn auf Kultur und Zivilisation und Menschentum. Jede Tierhöhle ist schöner als solche verlassene Wellblechbaracke, deren Trostlosigkeit noch unterstrichen wird durch die Verfassung der näheren Umgebung: einige rostige Berge leerer Konservendösen und Benzinkanister. Das ist alles, was von der kurzen Herrlichkeit des Goldgräbercamps zurückblieb: ein Greuel der Verwüstung.

Und wie sah es einmal hier aus? Abenteurer und Glückssucher aus der ganzen Welt waren gekommen, um hier schnellen Reichtum zu finden. Sie schürften und fanden Gold, aber sie sahen in dem Glück, das ihnen aufgegangen war, nichts mehr als nur den Tag, an dem und für den sie lebten. Das Leben schlug hohe Wellen. In der Einöde entstanden die Vergnügungsstätten von Großstädten, in primitiven Behausungen untergebracht. Die schönen Mädchen des Landes kamen, um mit teilzuhaben am Goldrausch und Goldsegen. Die schönsten Pferde gab es in dem Camp. Dann erschöpfte sich der Goldschatz der Erde plötzlich. Und ein Jahr später war nur noch die Stätte grausiger Verwüstung zu sehen.

Es gibt keinen Unterschied zwischen diesem verlassenen Camp kalifornischer oder australischer Goldgräber und einer amerikanischen Farm, deren Besitzer vor der von ihm selbst geschaffenen Wüste floh, deren Besitzer übrigens von derselben Geistesrichtung war wie der kalifornische Goldsucher aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Er war kein Bauer und kein Landwirt, er nannte sich nur Farmer, aber in Wirklichkeit war er ein Schatzgräber, der in der Bodenbebauung und in landwirtschaftlicher Tätigkeit nichts anderes sah als nur eine schnell vorübergehende Beschäftigung, die ausschließlich darauf gerichtet war, mit geringstem Aufwand und in kürzester Zeit das Höchste aus dem Boden herauszuholen, 

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das Letzte an biologischen und physiologischen Kräften und an mobilisierbarer materieller Substanz in einen Posten seines Hauptbuches, in bares Geld, in Kapital, in ein Bankguthaben zu verwandeln. Je schneller und gründlicher das geschah, desto größer war der Wirtschaftserfolg und dementsprechend der Profit.

Jedem unbedachten oder böswilligen Eingriff in die Natur folgt aber die Rache der gequälten und mißhandelten Natur, einmal früher, einmal später — aber sie kommt mit mathematischer Gewißheit. In aller Welt zeigen sich deutlich furchtbare Folgen, die von einer unpfleglichen Behandlung der nahrungs­spendenden Scholle herrühren. Sie zeigen sich in den Prärieprovinzen Kanadas, in den Vereinigten Staaten, in Afrika, China, Indien, Australien, Polynesien, Rußland, in einer Reihe von Ländern des Mittelmeerraumes, in Niederländisch-Ostindien und auf den Westindischen Inseln. Überall haben Eingriffe in die Natur, ihre Kräfte und Substanz, sowie eine Agrikultur, die Raubbau an der Scholle ist oder ihm nahekommt, die Rache der Natur herauf­beschworen.

 

   Der Zwang der Dinge   

Auf die Frage, wie ein Anfang solcher verhängnisvollen Entwicklung auf der Erdoberfläche gesetzt wird und der weitere Verlauf sich folgerichtig gestaltet, gibt es nicht eine Antwort, sondern vielleicht hundert — und noch mehr — Antworten. In jedem [einzelnen -OD] Falle liegen die Tatbestände anders, und in jedem Falle verlaufen auch die Entwicklungslinien verschieden. Irgendwo und irgendwann gibt es aber immer eine offene oder verborgene Ursache, einen letzten Grund, ein auslösendes Moment. Es mag dem Zündholz in der Hand eines Kindes gleichen. Wie nützlich ist dieses kleine Ding, wenn es klugen und bedachten Zwecken dient, und welches Unheil richtet es an, wenn Einsicht und Voraussicht fehlen, um rechtzeitig die Summe aller möglichen Wirkungen zu erkennen!

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Wer die von vielleicht sehr kleinen Ursachen ausgehenden großen Wirkungen in den Entwicklungsprozessen auf der Erdoberfläche betrachtet, muß unwill­kürlich an das Wort denken, daß eines Rosses Huf eine harmlose Quelle zu schlagen vermag, die in ihrem ferneren Lauf weder Dämme noch Berge aufhalten können. Es gibt aber einen "Zwang der Dinge", nämlich Entwicklungen, die, wenn der Mensch ihren Anfang gesetzt hat, nun die Umwelt des Menschen zerbrechen, ihn selbst mit sich in ihren Strudel reißen und ihm nicht mehr erlauben, sich ihrem Wirbel zu entziehen. Es ist der Fluch der bösen Tat.

Es war wohl der entscheidendste Augenblick in der Geschichte der Menschheit, als der Mensch die Natur und das Leben nicht mehr als einfache Gegeben­heiten und als fertige Produkte eines wundertätigen Schöpfungsaktes hinnahm, sondern begann, ihr Wesen und ihre Geheimnisse zu ergründen und planvoll in ihre Prozesse einzugreifen. Dieser Augenblick war deshalb so entscheidend, weil der Mensch aufhörte, Sklave der Naturgesetze zu sein, und begann, Herr über sie zu werden. Die moderne Naturwissenschaft, kalt, nüchtern, analytisch bis zur Erbarmungslosigkeit, hat den Aufstieg des Menschen vom Sklaven zum Herrn seiner Umwelt und seines Daseins vervollständigt. Das Bewußtsein ihrer neuen Stellung im Naturgeschehen hat die Menschheit zeitweilig in einen wahren Rauschzustand versetzt. Es schmeichelt ihr, unumschränkte Herrin auf dem Erdball zu sein, der Natur gebieten und ihre Gesetze in die von ihm gewünschte Richtung zwingen zu können. Schon an der Schwelle der beglaubigten Menschheitsgeschichte trägt nicht mehr die Erde den Giganten Atlas, sondern Atlas trägt die Erde auf seinen Schultern.

Die planende und ordnende Tätigkeit des geistig immer mündiger werdenden Menschen beginnt auf seinem Planeten. Das egozentrische Prinzip beherrscht von Anfang an das Menschengeschlecht. Unter Ordnung verstand der Mensch und versteht er bis zur Stunde eine Ordnung nach seinem Sinne, nach seinem Geschmack, nach seinem Nutzen. "Die Erde und ihre Tiere seien dir Untertan!" Diese Blankovollmacht aus göttlichem Munde deckt alle Taten an und auf der Erde vor seinem weiten Gewissen.

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Irgendwo, irgendwie und irgendwann wurde in der alten wie in der jungen Welt ein Anfang einer unheilvollen Entwicklung gesetzt, wenn der Mensch seine Eingriffe in die Natur und ihr Getriebe vornahm. Hier war es der Mord am Walde, der als letzte und tiefste Ursache das Unheil in Bewegung setzte, dort war es ein räuberischer Landbau. An einer anderen Stelle war es ein dreister Übergriff in den Bestand der natürlichen Pflanzendecke, dort war es die systematische Störung des Wasserkreislaufs in der Natur, und in den meisten Fällen kamen mehrere der auslösenden Ursachen zusammen, um das Verderben gründlich und sicher in Gang zu setzen. 

Auf kleinsten Flecken zeigte sich zuerst der Verfall, aber man achtete nicht auf die zunächst geringfügigen, dann immer größer werdenden äußeren Zeichen beginnender Veränderungen, und glaubte genug getan zu haben, wenn man die Spuren tilgte. Doch des Rosses Huf hatte die Quelle geschlagen, die im weiteren Lauf weder Dämme noch Berge hemmen konnten.

Aus den neuen Wüstengebieten Amerikas liegen gute Beobachtungen über Verlauf und Entwicklung der Dinge vor. Zunächst zeigten sich auf besonders exponierten und anfälligen Flächen Risse und Schrunde. Man ebnete sie mit dem Pfluge ein, doch im nächsten Jahre zeigten sie sich in verstärktem Maße wieder, und schließlich wurden sie so, daß der Pflug ihrer nicht mehr Herr werden konnte. Die Kleinklimate hatten sich verhängnisvoll verändert, das Großklima nahm gänzlich gewandelte Charakterzüge an. Das Extrem wurde maßgebend, auch im meteorologischen Verhalten. 

Tausendfältig verketteten sich neue Ursachen zu neuen Wirkungen. Abyssus invocavit abyssum, von einem Abgrund zum anderen führte der Weg. An die Stelle des natürlichen Ablaufs der Dinge war eine unnatürliche Entwicklung getreten. Erbarmungslos nahm die Natur ihre Rache.

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Dr. Anton Metternich : Die Wüste droht : Die gefährdete Nahrungsgrundlage der menschlichen Gesellschaft