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7. Die Übernutzung der Gewässer

 

  

   Phantastereien um die "Kolonie Meer"  

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Fast dreiviertel unseres Planeten, genau 70,7 v.H. seiner Oberfläche, sind von Wasser bedeckt. Theoretisch bliebe demnach für den Nahrungserwerb des Menschen von der festen Erde ein Anteil von 29,3 v.H. der Erdoberfläche übrig. Praktisch aber erweisen sich von dem festen Lande volle zwei Drittel als ertragslos, während nur ein Drittel auf die landwirtschaftliche Nutzung und auf Waldflächen entfällt. Der "Wasserwüste" der Erde von 70,70 v. H. stehen nur 5,03 v.H. landwirtschaftlich genutzte Fläche und 6,6 v.H. Wald gegenüber. Das Wasser beherrscht also den Erdball und das Menschendasein. 

Das Meer unterliegt dem Zugriff des Menschen wie jedes erreichbare Fleckchen der festen Erde. Der Mensch ist bemüht, das Meer wie seine feste Erde zu "bewirtschaften". Es erscheint ihm als eine wahre Fundgrube auf der Suche nach Ausbeutungsobjekten. Die Bezeichnung "Kolonie Meer" spricht in dieser Hinsicht Bände. Der Begriff Kolonie aber setzt den Herrschaftsanspruch eines für das Wohl und Wehe verantwortlichen Staates und Volkes voraus. Doch das unglückselige Meer soll eine Kolonie sein, über die kein Herrschaftsanspruch Gültigkeit hat, eine Kolonie, die allen nutzen und dienen soll, die alle exploitieren wollen, in der alle das Feld sehen, das Ernte liefert, ohne bestellt und gepflegt werden zu müssen. Der wildeste Raubbau will sein Dorado finden.

Jules Verne, der phantasievolle Herold des Fortschrittes, hat Wunderdinge vom Meer erträumt. Er sah am Meeresgründe z.B. fette Weiden und Plantagen von Nutzgewächsen, in denen die Schätze der unermeßlichen Wassermassen in biologischen Umwandlungsprozessen ausgenutzt werden. Er sah die Wasserräume über diesen Unterwasserfeldern bevölkert mit Scharen von Nutztieren, von Fischen beispielsweise, die der Mensch nach seinem Wunsch, Willen und Geschmack gezüchtet hatte; von Herdbuchfischen in Reinkultur, Nutztieren vom breiten Fischmaul bis zur letzten Schwanzflosse.

Man muß gestehen, daß es sympathische Zukunftsbilder waren, die Verne entwarf. Sympathisch vor allen Dingen deshalb, weil er natürliche und durchaus mögliche, zugleich aber auch im Sinne des Naturhaushalts harmlose Entwicklungen zur Grundlage seiner Zukunftsgebilde machte. Viel von Jules Vernes Geschichten sind wahr geworden. Die künstliche Tierzucht im Wasser, im Süßwasser wie im Meere, ist uns heute ein durchaus praktischer Begriff. Vom Herdbuchfisch sind wir in der Tat nicht mehr weit entfernt, und die Plantagenwirtschaft im Meere und in den Gewässern des festen Landes hat in der sorgsamen Pflege des Planktons, der pflanzlichen und tierischen Urnahrung, feste Gestalt angenommen.

Wie hoch steht dieser phantasievolle Seher über den literarischen Phantastereien der Konjunkturherolde des industriellen Zeitalters! Der gewaltige technische Fortschritt der modernen Menschheit hat diese blind gemacht für jedes Maß und Ziel. Was wollen diese wackeren Männer dem Meere nicht alles antun! Sie predigen die schamloseste Ausbeutung. Die wirtschaftliche und technische Leistung der Fischerei ist ganz enorm, aber sie genügt den braven Männern des bedingungslosen Fortschrittes nicht. Sie reden ohne Unterlaß von der Notwendigkeit weiterer Steigerung der Fischfangkapazität, sie rufen nach immer vollkommeneren und raffinierteren Mitteln, um das Meer schnellstens und — natürlich — auf billigste Art seiner Bewohner zu berauben.

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Sie gehen noch viel weiter. Sie liebäugeln mit technischen Apparaturen, die in der Lage sein könnten, das Wasser des Meeres selbst zu filtrieren und zu destillieren, um es jedes brauchbaren Stoffes zu berauben. Das Salz des Meeres lockt nicht mehr. Physik und Chemie haben entdeckt, daß das Wasser der Meere eine reiche Summe von wertvollen Stoffen hat, vom Gold angefangen bis zum Eisen und Aluminium. 

Fasziniert schaut man auf die Tatsache, daß in jedem Kubikmeter Meereswasser annähernd vier Gramm Kohlehydrate und eineinhalb Gramm Eiweiß enthalten sind, also Nahrungsmittel in unmittelbarer und reiner Form. Liegt es der Mentalität eines technisch-industriellen Zeitalters nicht nahe, diese Schätze zum sofortigen Verkauf und Verzehr zu heben? Ein besonders wilder Mann hat mit diesem Gedanken gespielt und ausgerechnet, daß allein der Atlantische Ozean diese wichtigen Nährstoffe in einer Menge besitzt, die dem Nährwert von 30.000 Weltgetreideernten entspricht.

Es liegt wahrlich nicht am mangelnden Willen des Menschen, sondern nur an der Majestät des Ozeans, wenn nicht der Anfang damit gemacht wird, den ganzen Atlantik und anschließend natürlich auch den Pazifik durch Filtriergeräte und Retorten rinnen zu lassen, um sie aller irgendwie brauchbaren Bestandteile zu berauben und sie zu einer toten Masse, einer wirklichen "Wasserwüste", zu machen. Der gesunden und natürlichen Phantasie eines Jules Verne ist die perverse und zerstörerische Phantasterei der kommerziell-industriellen Zeitepoche gefolgt.

 

   Moderne Raubfischerei   

Die Fischwelt stellt einen reichen Beitrag zum Nahrungshaushalt des Menschen. Das salzhaltige Wasser zeichnet sich durch Massenlieferung von Fischnahrung aus, das Süßwasser durch hohe Qualitäten. Ernährungswirtschaftlich gebührt deshalb dem Seefisch unbestritten der Vorrang. 

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Vor Einbruch des industriellen Zeitalters mit seinem hochentwickelten Verkehr und mit seinen verbesserten technischen Einrichtungen für den Fang, die Behandlung und Verarbeitung des Seefisches stand der Flußfisch für das Binnenland im Vordergrund des Interesses.

Glaubwürdige zeitgenössische Berichte schildern den einstigen Reichtum der Binnengewässer in superlativer Ausdrucksweise. Die Gewässer waren so stark von Fischen bevölkert, daß die Menschheit nicht imstande war, den Reichtum voll zu nutzen. Man war sich des Segens, der hier geboten war, auch voll bewußt, denn vor Jahrhunderten schon wurden Schutz- und Schongesetze für die Fischwelt erlassen. So groß war die Fülle schmackhafter Fische, daß man sich auch genötigt sah, Schutzbestimmungen zugunsten derjenigen zu erlassen, die den Segen des Wassers verspeisen sollten. Noch in der letzten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ging der köstliche Rheinsalm auf seiner jährlichen Wanderung flußaufwärts in solchen Mengen in die Netze, daß der rheinische Markt mit dem delikaten Fischfleisch förmlich überschwemmt wurde. Das Dienstpersonal wurde so oft und so lange mit diesem schmackhaften Fisch gespeist, bis in die Mietskontrakte die Dauerklausel aufgenommen werden mußte: "Wöchentlich nicht öfter als zweimal Lachs."

O selige Zeit! Die Klausel ist aus den Mietskontrakten längst verschwenden, und höchst selten geworden ist der köstliche Rheinsalm. Es ist ihm ergangen wie allen edlen lind auch weniger edlen Vertretern der Fischwelt des süßen Wassers. Grausam hat der Mensch der jüngsten Zeitepoche in ihr gehaust. Er hat eine Raubfischerei allerübelster Art betrieben. 

In Nordamerika, besonders in Alaska, stiegen die Lachse einst in unschätzbaren Mengen die Flüsse hinauf, so daß es unmöglich schien, dem Riesenheer der Fische mit dem Netz entgegenzutreten. Da bauten die Amerikaner, die den Ruhm aufrechterhalten wollten, die größte Fischkonservenindustrie der Welt ihr eigen zu nennen, große Schöpfräder in die Flüsse.

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An guten Tagen fing ein solches Rad 14.000 Lachse. An der Atlantikküste, wo man den Lachsfang in ähnlicher Weise industrialisierte, versiegte der Reichtum bald, und der Lachsfang der pazifischen Küste hätte dieses Schicksal geteilt, wenn man nicht rechtzeitig zur künstlichen Anzucht von Jungfischen und zu der Besetzung der Flüsse und Ströme mit ihnen seine Zuflucht genommen hätte.

Es gibt keine Fischart, die nicht im Laufe des letzten Jahrhunderts dezimiert und wieder dezimiert worden wäre. Die Flußläufe sind entsetzlich arm an nutzbaren tierischen Bewohnern geworden. Die Flußfischer erbeuten mit Mühe und unter ganzem Einsatz von Mensch und Material heute nicht mehr den zehnten Teil dessen, was noch vor fünfzig Jahren in die Netze ging.

 

Zur wilden Raubfischerei kamen unheilvolle Rückwirkungen der sich entwickelnden Industrie und die Folgen verfehlter landeskultureller Maßnahmen. Die Verunreinigung der Gewässer durch die Industrieabwässer hat die Fischbestände ganzer Flüsse und Flußsysteme vergiftet. 

Man mag einwenden, daß den Riesenwerten der Industrie gegenüber diese Verluste keine Rolle spielen. Darauf ist zu erwidern, daß diese Dinge auf durchaus verschiedenen Ebenen liegen. 

Es ist eben der große Selbstbetrug der modernen Welt, daß sie das Vorhandensein von hinreichenden Mengen von Nahrungsgütern als etwas Selbst­verständliches anzusehen gewohnt ist. Unter diesem Selbstbetrug nur konnte es zu der uns geläufig gewordenen Terminologie kommen, daß man von einer Industrie spricht, die Menschen ernährt. Ernähren kann den Menschen und jedes andere Lebewesen ausschließlich die lebendige Natur.

Die großen Unterschiede sollten bekannt sein, seitdem die griechische Sagendichtung die lehrreiche Geschichte des Phrygierkönigs Midas erfand. Jener sagenhafte König erbat sich in seiner Goldgier von Dionys die Gnade, daß der Gott alles zu Gold werden ließe, was des Königs Hand berührte. 

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Da wandelte sich auch Speise und Trank in schimmerndes Gold, und der goldlüsterne König wäre inmitten seines sich mehrenden Reichtums elend verhungert, wenn der gütige Gott sich seiner in letzter Stunde nicht erbarmt und den Segen, der sich in Fluch verwandelte, zurückgenommen hätte. Die Midas-Ideologie schwebt als selbstgewähltes tragisches Schicksal über der Menschheit, und zwar heute mehr denn je zuvor.

Jener König Midas aus dem Phrygierlande und ein moderner Industrieller aus dem Ruhrrevier stehen räumlich und zeitlich weit voneinander entfernt, doch die Midas-Ideologie schlingt über Raum und Zeit hinweg das verbindende Band. Ein kleines Beispiel, das aus dem Bereich der griechischen Sagenwelt zurückführt in die nüchterne Wirklichkeit unserer Tage, mag als Beweis dafür angeführt werden. 

Bis vor etwa einem Jahrzehnt verpesteten neben anderen Abwässern der Industrie die Abwässer der Kokereien an der Ruhr die Gewässer des Flußsystems unterhalb des Ruhrreviers. In den Kokereiabwässern ist ein Stoff enthalten, der sich durch beißenden Geruch und Geschmack sehr unangenehm bemerkbar macht, das Phenol. Es vernichtete den Fischbestand in allen Gewässern, die von den Kokereiabwässern erreicht wurden, mit erbarmungsloser Gründlichkeit.

Auch der Rhein unterhalb der Mündung der Ruhr wurde verseucht. Sogar die an den Mündungen der Rheinarme gefangenen Fische erwiesen sich zum Teil als ungenießbar, weil ihr Fleisch den unerträglichen Phenolgeschmack angenommen hatte. Den Klagen der Fischer gegenüber verwies die Industrie auf die durch sie repräsentierten Werte, und der Giftstoff floß weiter in das Reich der Nutzfische, bis die Chemie entdeckte, daß dieses Phenol doch eigentlich ein höchst wertvoller und für viele Verwendungszwecke durchaus brauchbarer neuer Rohstoff sei. Unverzüglich konstruierte der Techniker Apparaturen zur Abdestillation der Phenole aus den Kokereiabwässern. Seitdem ist das Übel der Vergiftung der Fische durch das Phenol behoben, und die Industrie gewann einen neuen wertvollen Ausgangsstoff für die chemo-industrielle Weiterverarbeitung.

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Das Phenol mußte also zunächst seine Eigenschaft als geldwertiger Rohstoff offenbaren, um aus den Abwässern wegdestilliert zu werden. Vorher wäre seine Entfernung aus den Abwässern nur ein die Produktion verteuernder Vorgang gewesen. Midas hätte weniger Gold zwischen seine Finger bekommen, billiger war es jedenfalls, den Fischbestand in ganzen Flußsystemen zu schädigen.

Zum direkten Mord an den Bewohnern der Süßwasserflüsse, Bäche und Seen durch übersteigerten Fang mit immer vollkommeneren und immer radikaler wirkenden Fanggeräten und mit unanständigen Mitteln wie Gift und Dynamit kam der indirekte Mord durch den Eingriff des Wasserbaufachmannes und des Wasserinteressenten in den Lebensraum der Fischwelt. Bäche und Flüsse wurden "reguliert" und angeblich dem menschlichen Wirtschaftsinteresse vollends unterworfen. Die Wasserläufe wurden ihres natürlichen Charakters entkleidet, sie wurden zu künstlichen Wasserrinnen und oberflächlichen Wasserleitungen degradiert. 

Die letzte und bescheidenste Zufluchtsstätte des Fisches am schützenden Ufer wurde vernichtet, die Laichplätze gingen verloren, Staudämme und Wehre versperrten wandernden Schuppenträgern den Weg. Man hat sich nicht geschämt, Wasserläufe in der freien Landschaft in Zementrinnen zu legen. Griff die Verunreinigung des Wassers an den Lebensnerv des Einzelfisches, so bedrohte die Verwüstung des Lebenselements der Fische ganze Arten von diesen mit dem Tode und der völligen Ausrottung.

 

   Ist das Meer unerschöpflich?  

Die Seefischerei hat sich — das ist einer der wesentlichsten Fortschritte des Zeitalters der Dampfmaschine und des Motors — von der Küste, an die sie über Jahrtausende gebunden war, frei gemacht und wurde dank der Fortschritte im modernen Schiffsbau instand gesetzt, küstenferne Meeresgebiete zum Schauplatz des Fischfangs zu machen. 

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Unterstützt wird sie dabei durch eine beispiellos dastehende Entwicklung der Fangtechnik, die ihren Ausdruck im allgemeinen Gebrauch des Grund­schlepp­netzes findet. Dazu kommen die hohen und schnellen Fortschritte in der Kälte- und Konservierungstechnik, die dem modernen Fangschiff gestatten, die Beute an der Stelle des Fangs zu verarbeiten und marktfertig an die Küste zu liefern, während das Schiff früher gezwungen war, nach Füllung der Ladeluken den Fang zu unterbrechen und über Hunderte, ja Tausende von Kilometern den Heimathafen aufzusuchen, um sich seines Fangs zu entledigen.

Die völlige Industrialisierung der Seefischerei brachte die entscheidende Wende in der Ausbeutung der Fischgründe des Meeres. Die Fänge stiegen gewaltig, ebenso die Dividenden der Fischfanggesellschaften. Der Ernährung flossen so enorme Mengen hochwertigen Fischfleisches zu, daß die Genialität des Kaufmanns mit der Wortgewandtheit des Propagandisten in Wettbewerb treten mußte, um Absatz für den angelandeten Fischreichtum zu finden. "Eßt Fisch, und ihr bleibt gesund!" Was übrigblieb, wurde zu Fischmehl, zu Viehfutter und Düngemitteln verarbeitet. Die chemische und pharmazeutische Industrie hatten sich bereits vorher mit den ihnen zusagenden Rohstoffen aus dem Fang bedient.

Seit Jahrzehnten schreit der Chor der Fischereiinteressenten nach weiterer stürmischer Steigerung der Fischerei-"Erträge", nach höchster Forcierung des Fangs, nach rationellster Ausbeutung des Meeres. Es sind gefundene Millionen, der Wert der Hunderttausende von Tonnen Fischen, die das Jahresergebnis der Seefischerei darstellen. Wer am tüchtigsten "erntet", wer am gründlichsten fischt, bringt die größte Beutemenge mit nach Hause, verdient für sich und die Wirtschaft seines Landes das meiste Geld. Gepriesen sei das geduldige Meer, gepriesen sei sein tierischer Reichtum! Dieser Reichtum ist unerschöpflich!

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Ist er wirklich unerschöpflich? Gibt es keine Grenze für die Ausbeutung? 

Fast dreiviertel des Erdballs bedeckt das unendliche Meer mit seinen tierischen Bewohnern, und nur etwa ein Viertel ist festes Land. Sollte es möglich sein, daß die paar Milliarden menschlicher Erdbewohner, die man heute zählt, den Myriaden der Fische der Weltmeere gefährlich werden? Keineswegs, das Meer ist die unerschöpflich reiche "nasse Kolonie"! So urteilen viele, allzu viele.

Der Mensch neigt der Natur gegenüber immer zu trügerischen Annahmen, und zwar fallen diese in der Regel zu seinen Gunsten aus. Auch das Meer unterliegt in mancher Hinsicht irrigen Annahmen und Schätzungen, insbesondere hinsichtlich der Räume, die das Lebenselement der Wasserbewohner umfassen. Man ist vielfach geneigt, an eine gleichmäßige Besiedlung dieser Räume mit tierischen Bewohnern zu glauben. Das ist jedoch ein schwerwiegender Irrtum. Zwar ist das Meer überall bis in die größten Tiefen von Lebewesen bewohnt, doch die Nutzfischarten ziehen die Meeresschicht bis zu einer Tiefe von 200 Metern als Aufenthaltsraum vor, weil bis zu dieser Tiefe Licht und Luft in auskömmlichen Mengen vordringen und das Plankton, die pflanzliche und tierische Urnahrung, in größten Mengen vorhanden ist.

Außer den vertikalen Unterschieden in der Besiedlungsdichte gibt es solche auch in der horizontalen Raumverteilung. Wie auf dem festen Lande, so gibt es auch im Meere Gebiete hoher und höchster Bevölkerungsdichte neben Räumen, die wenig, sehr wenig oder gar kein Leben beherbergen. Die verschiedensten Ursachen physikalischer und biologischer Art spielen hierbei eine Rolle. Die am Seefischfang interessierten Länder der nördlichen Erdhälfte sind im Gegensatz zu den Ländern der südlichen Halbkugel in der glücklichen Lage, breite Schelfe, nicht besonders tiefe Meeresgebiete, zwischen ihren Küsten und der Tiefsee zu besitzen, die einen reichen Fischbestand aufweisen.

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Die Schelfe lassen sich wegen der geringen Tiefe auch leicht befischen. Andere Gebiete, wo physikalische Gegensätze innerhalb der Meeresfluten sich treffen, sind ebenfalls beliebte Sammelpunkte der Fischwelt, so z.B. jene Meeresgebiete, wo kalte und warme Strömungen aufeinandertreffen, wie die sehr fischreichen Gründe der Neufundlandbänke, auf denen die Wasser des warmen Golfstromes sich mit den Fluten des kalten Labradorstromes treffen. Das Aufeinandertreffen süßer Wassermassen mit salzigen Fluten im Bereich der Mündungen großer Ströme oder an den Verbindungspunkten stark salzhaltiger und weniger salzhaltiger Meere hat ähnlichen Einfluß auf den Fischreichtum. 

Verhältnismäßig fischarm, wenigstens gemessen an den Schelfen, ist das offene Weltmeer. Der Besatz ist hier so, daß ein Fang sich überhaupt nicht lohnen würde, auch wenn er nicht so schwierig wäre, wie er es wegen der großen Tiefen tatsächlich ist. Ganz besonders arm an tierischem Leben sind die sogenannten fossilen Meere. Gebiete, in denen das Wasser sehr arm an Sauerstoff ist. Zu solchen Gebieten zählt die ganze atlantische Äquatorzone zwischen Afrika und Amerika.

Der sprichwörtliche Lebensreichtum der Tropen findet am und im Meere seine Grenze. Die tropischen, zum Teil auch die subtropischen Meeresgebiete sind zwar reich an Fischarten sowie an seltsamen und phantastischen Gestalten, aber zahlenmäßig sind sie arm bis sehr arm an Tieren. Wo Ausnahmen von dieser Regel auftreten, liegen schnell erkennbare Gründe vor, so der Einbruch kalter Meeresströmungen in das sauerstoffarme warme Gewässer oder der Auftrieb kalter Wassermassen an die Oberfläche. Beispiele dafür sind die Westküsten Marokkos, Südafrikas und Südamerikas.

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Die optimistischen Propagandisten einer immer schärferen Ausbeutung des "unerschöpflich fischreichen Meeres" befinden sich demnach auf dem Holzwege. Das Meer ist nicht unerschöpflich reich an tierischen Bewohnern. Nach übereinstimmenden sachverständigen Urteilen sind die Fischgründe sowohl der Küstengewässer wie auch des offenen Meeres schon heute ungeheuerlich überfischt und über ein wirtschaftlich tragbares, d.h. die Fischversorgung dauernd sicherndes Maß hinaus ausgebeutet. Die Fischereiwissenschaft spricht diese Tatsache offen aus, und der Fischfang beginnt ein Klagelied darüber anzustimmen.

 

   Die Daueroffensive gegen die Meerestiere  

Mit dem Einsatz von Dampfschiffen und motorisch betriebenen Fahrzeugen wurde der Seefischfang auf die höchste Stufe der Rationalisierung gehoben. Eines aber fehlte im beginnenden Zeitalter des Dampfes, des Treiböls und der Elektrizität zunächst noch zur katastrophalen Ausgestaltung und Entwicklung der Seefischerei: der wilde, rafferische Geist, der heute auch die Bewirtschaftung der Naturreichtümer beherrscht, deren Dasein abhängig ist von den biologischen Gesetzen der Fortpflanzung. Die Natur setzt hier ihre Grenzen, unbekümmert um menschliche Wünsche und Bedürfnisse. Die Natur lehnt es ab, mehr Wasserbewohner ins Dasein zu rufen, nur weil der menschliche Appetit nach solcher Nahrung steigt oder weil eine kostspielige Fangflotte nach lohnender Betätigung drängt.

Eine unerhört brutale Methode der Vergewaltigung der Natur aber ist der heute im Gange befindliche Wettlauf der Nationen um die Ausbeutung der Tierwelt des Meeres. Während ausgekochte und durch alle Fachschulen hindurchgegangene Spezialisten der Fischfangkunst die Angriffswaffen gegen die Fischwelt zu ausgeklügelter Vollkommenheit bringen, lebt der verfolgte Fisch sein Leben genau wie ehedem, als der Herrgott seine Art vor hunderttausend und mehr Jahren schuf, und als der Mensch wahrscheinlich noch ein Waldwesen war und seine Tage zwischen Baumästen verbrachte, wie es heute noch der Schreiaffe tut.

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Die Entwicklung ist einseitig zum Nachteil der freilebenden Tierwelt, der des Wassers wie der des festen Landes, verlaufen. Vor ein paar Jahrzehnten spielte im Seefischfang wenigstens der Zufall noch seine wohltätige Rolle. Der Fischer mußte raten, wo gerade die Fischvölker standen und wie sie zogen. Es konnte geschehen, daß die Fangflotten an einer Stelle lauerten, an der man zuvor regelmäßig reiche Beute gemacht hatte. Das Warten war vergeblich. Die Fische tummelten sich an anderer Stelle, wo man sie nicht erwartet hatte, und die Boote liefen leer und nur um eine enttäuschte Hoffnung reicher in den Heimathafen zurück.

Der von allen Mitteln der modernen Technik unterstützte Fischfang kennt solche Enttäuschungen nicht mehr. Die Heringszüge werden, lange bevor sie die eigentlichen Fangstellen erreichen, mit dem Echolot ausgemacht, und wenn dieses nicht sicher genug arbeitet, peilt der geübte Pilot eines Flugzeuges die silberne Masse der ziehenden Fische an. Drahtlose Telegraphie und Telefonie rufen Standort und Kurs der Masse Fisch den Fangstellen zu, und der gigantische Zug der Fische steuert rettungslos in die tödlichen Netze. Der Fisch hat der raffinierten modernen Angriffstechnik nichts anderes entgegen­zusetzen als seinen Instinkt mit der Erfahrung einiger hunderttausend Jahre, die Methoden der Tierverfolgung, wie sie heute angewandt werden, nicht kannten.

 

Jahr um Jahr, Stunde um Stunde geht die erbitterte Offensive des Menschen gegen die Meeresbewohner weiter. Sie gönnt sich keine Nachtruhe und keinen Feiertag. Wenn der Trawler seine Netze einzieht, wirft sie der Kutter aus, und nach ihm kommt der Logger dran. Der Dividendenhunger verlangt rationellste Arbeit, der Appetit großer Völker will gestillt sein. Die Bewohnerschaft des Meeres zahlt die Zeche.

Ein paar Zahlen kennzeichnen am besten die Entwicklung und ihre Tendenz. 

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Im Jahre 1910 betrug der Gesamtertrag der Seefischerei auf der ganzen Erde 2,572 Millionen Tonnen. Zwanzig Jahre später, im Jahre 1930, betrug er mindestens 10,500 Millionen Tonnen. Das bedeutet, daß innerhalb kurzer zwanzig Jahre das Fangergebnis sich mehr als vervierfacht hat. Im Jahre 1907 betrugen die deutschen Seefischfänge 134.000 Tonnen, 1936 jedoch 592.000 Tonnen, was eine Steigerung um das Viereinhalbfache bedeutet. Seitdem ist das Fangergebnis nicht unbeträchtlich weiter gestiegen.

In der Menge des "Ertrags" hält Japan den Weltrekord, hinsichtlich der rationellsten Fangmethoden dürfte England der Spitzenreiter der Nationen sein. Nicht weniger als 40 v.H. des Weltertrags an Seefischen erfischt Japan. Im Jahre 1929 erreichte die japanische Ausbeute ein Fangergebnis von 4,5 Millionen Tonnen; d.h. viermal soviel wie die englische Ausbeute und fünfzehnmal soviel wie die deutsche. Die Riesenanzahl von 360.000 Fahrzeugen aller Art, vom einfachen Holzbretterboot bis zum hochmodern ausgestatteten Motorkutter, betreibt diesen intensiven Fang.

Diese industrielle Ausbeutung des Meeres ist noch sehr, sehr jungen Datums. Ihren wildesten Auftrieb hat sie nach dem ersten Weltkrieg erhalten. Aber schon heute zeigen sich außerordentlich bedenkliche Folgen der Überfischung in den bevorzugten Fanggebieten in der Nordsee, in der Ostsee, im Eismeer und auch schon auf den Bänken von Neufundland. 

Die rücksichtslose Befischung des Meeres in Japan zeigt dasselbe Bild des Rückgangs der Fischwelt. Der Lachsfang von Hokkaido erbringt von Jahr zu Jahr geringere Erträge. Auch die Fänge an anderen Nutzfischarten sinken erheblich ab. Vor Jahren schon sah sich die japanische Regierung genötigt, zur Verhinderung der schlimmsten Schäden und zum Schutz wichtiger Fischarten den Gebrauch des besonders mörderischen Schleppnetzes von behördlicher Genehmigung abhängig zu machen. 

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Doch was will dies alles besagen?  

Der kurzsichtige Optimist trägt nach wie vor das Haupt hoch erhoben und tröstet sich mit dem Einwand, daß es noch völlig intakte Fischgründe gibt, die von den Fangflotten bisher nicht heimgesucht worden seien. Der Einwand mag stichhaltig sein, aber die Frage ist auch hier berechtigt: wie lange werden diese Fischgründe bei der großindustriellen Art des heutigen Fischfangs intakt bleiben?

Doch die moderne Zeit ist ernsten Problemen abhold, und so versucht sie, den Ausweg in immer wieder gesteigerter Intensität der Befischung zu finden. Bringen hundert Kutter oder Logger nicht mehr genügend Beute nach Hause, so schickt man eben zweihundert Fahrzeuge aus, um so den verminderten Fang des Einzelfahrzeuges auszugleichen, und wenn bei den zweihundert Fängern der Ertrag abermals eine bestimmte Grenze unterschreitet, dann legt man flugs weitere zweihundert Boote auf Kiel. Man weiß, daß man mit diesem Verfahren den Fischbestand nur schneller erschöpft, aber es ist gelungen, die katastrophale Sorge wenigstens auf morgen zu vertagen.

 

  Die Heringe werden immer kleiner  

Der wichtigste Fisch in der nordeuropäischen Seefischerei ist der Hering. Der durchschnittliche Jahresfang an Heringen stellt sich in den Gewässern Nordeuropas auf 1,59 Millionen Tonnen. Ernährungswirtschaftlich gesehen ist der Hering ein Volksnahrungsmittel, in fischereiwirtschaftlicher Hinsicht kann man ihn als den Brotgeber der Hochseefischerei bezeichnen. Viele Hunderte dampf- und motorgetriebene Schiffe jagen den Heringsschwärmen nach, um sich ihren Anteil an dem Segen der Heringszüge zu sichern. Der Fang bringt Millionen ein, aber auch dieser hochgeschätzte Brotgeber reicht heute bereits ein hartes, ein sauer verdientes Stück Brot, trotz oder gerade Wegen der Vorteile, die Wissenschaft und Technik dem Fanggeschäft bieten.

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Mit der Pünktlichkeit einer Uhr erscheinen die Heringszüge noch wie vor auf ihren Wanderstraßen, umlauert von den Helfershelfern der Fangflotten und verfolgt von den Einrichtungen und Apparaturen, die der Mensch zur Überlistung der Tierwelt mißbraucht. Aber gegenüber früheren ruhigeren Zeiten hat sich mancherlei geändert. Die Fischer führen immer stärker werdende Klage darüber, daß die Züge der wandernden Fische an Stärke abnehmen, so daß nur eine Steigerung der Schärfe in der Befischung den gewohnten Ertrag aufrechterhalten kann, und vor allem führen sie lebhafte Klage darüber, daß der Anteil der kleinen, untermaßigen Fische im Fang bedenklich anwächst. Das bedeutet aber, daß man dem Fisch keine Zeit mehr läßt, ein vollwertiges Tier zu werden. Es bedeutet, daß man sich nicht mehr mit wirklich fangreifen Tieren begnügt, sondern rücksichtslos tief in den Artbestand eingreift. Auf die biologischen Notwendigkeiten und Voraussetzungen der Fortpflanzung und Arterhaltung achtet man nicht.

Als der Heringsfang noch individuell und nicht wie heute maschinell und industriell betrieben wurde, warf man die untermaßigen Heringe massenweise in das Meer zurück. Ein solches Verfahren erscheint heute zu zeitraubend, verteuert den Betrieb und drückt die Tonnenzahl der Fischbeute herunter, alles ungünstige Momente, die in das Konzept einer industriell-wirtschaftlichen Fischerei nicht hineinpassen. Doch der Fischbestand geht dabei rettungslos zurück.

Nächst dem Hering ist der Kabeljau der wichtigste Fisch in der Seefischerei Nordeuropas. Der jährliche Fangertrag beläuft sich auf rund 1,14 Millionen Tonnen. Dieser Ertrag stellt rund ein Viertel der ganzen Fänge dar. In der Nordsee, die früher reich an dieser Fischart war, ist der Fang wegen der fast völligen Vernichtung der Bestände erloschen. Der Kabeljaufang konzentriert sich jetzt auf die norwegischen Fjorde, den Nordatlantik bis zur Westküste Grönlands und die Barentssee. 

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Die Fischerei in den Fjorden zeigt, mit welcher Rücksichtslosigkeit auch dieser wertvollen Fischart nachgestellt wird. In der Zeit von 1911 bis 1916 lag der jährliche Ertrag in den . Fjorden zwischen 18.500 und 124.500 Kilogramm. Von 1917 bis 1925 stieg er von 244.000 auf 957.000 Kilogramm, und von 1926 bis 1929 von 2.055.000 Kilogramm auf 5.634.000 Kilogramm. Was dieses wahnwitzige Tempo in der Ertragssteigerung für den Bestand der Fischart bedeutet, braucht kaum weiter erklärt zu werden. Mit Nachdruck und immer stärker wird auch hier auf die Zunahme des Anteils der Sortierung "klein" bei den Fängen hingewiesen.

Von den Plattfischen ist die wichtigste Art die Scholle, auf die sich die Nordseefischerei in starkem Maße stützt. In den letzten zwanzig Jahren ist der Anteil der Scholle am Gesamtfischfang der Nordsee unaufhörlich gesunken. Im Mittel der Jahre 1926 bis 1930 machte die Scholle 81 v.H. des Durchschnittsfanges je Fangtag aus, während sie im Mittel der Jahre 1936 bis 1938 nur noch mit 47 v.H., also nicht einmal mehr mit der Hälfte, daran beteiligt ist. Im Zeitraum der Jahre 1909 bis 1913 betrug die Gesamtanlandung in Schollen aus der Nordsee 50,2 Millionen Kilogramm, sie erreichte ihre Spitze im Zeitraum 1925 bis 1929 mit 59,4 Millionen Kilogramm, sank dann aber unaufhörlich und betrug im Zeitraum der Jahre 1935 bis 1937 nur noch 47,0 Millionen Kilogramm.

Die Marktauslese ändert sich in einem Bestand, dessen Ergiebigkeit nachläßt. Es werden, um eine möglichst große Gewichtsmenge zu erzielen, viel mehr kleine Fische angelandet, die zwar früher auch gefangen worden sind, aber doch größtenteils als untermaßig wieder über Bord geworfen wurden. Deutlich kommt dies auch bei der Scholle zum Ausdruck in dem steigenden Anteil der" Sorte "klein" am Gesamtertrag.

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 Er betrug nach dem "Bulletin Statistique" für 

                                             Deutschland     England    

im Mittel der Jahre 1907/16               53 v.H.    45 v.H.

                              1917/26               75 v.H.    65 v.H.

                              1927/36               89 v.H.    74 v.H.

Als die maßlose Übernutzung der Fischbestände Anlaß zu den ersten Bedenken gab, versteckte sich der unentwegte Propagandist der restlosen Ausbeutung der Meeresgründe hinter der billigen Ausrede: je mehr Fische wir wegfangen, desto mehr Nahrung ist für die übriggebliebenen Fische vorhanden, und der restliche Bestand kann sich dementsprechend zu schöneren Exemplaren entwickeln. Der Gang der Entwicklung hat die opportunistische These entkräftet. Nicht Ausbeutung und eine Raubfischerei großindustriellen Stils kann der Nutzfischwelt Rettung und Erhaltung bringen, sondern eine maßvolle Ausübung der Fischerei, die nicht das menschliche Interesse zur Richtschnur ihres Handelns nimmt, sondern die auch den Willen und das Gesetz der Natur in gebührender Weise zu berücksichtigen bereit ist. 

Der zweite Weltkrieg, der die Fischerflotten von der Nordsee vertrieb und so der Fischwelt eine verhältnismäßig kurze, aber wohlverdiente Schonzeit brachte, hat den bündigen Beweis dafür geliefert, daß die unausgesetzte Verfolgung durch den Menschen die Bestände zahlen- und gütemäßig herabmindert. Es ist festgestellt, daß während der Kriegszeit die Zahl der Fische zugenommen und zugleich der Anteil der untermaßigen Tiere im Fang wesentlich gesunken ist.

 

   Wann stirbt der letzte Wal?  

Ein grausiges Morden ist unter den noch vorhandenen Walbeständen der Welt im Gange. Von den freilebenden Seesäugetieren ist der Wal nicht nur das größte, sondern auch das wertvollste. An dem Riesenkörper des Wals — der Blauwal erreicht eine Länge von dreißig Metern und ein Gewicht bis 150.000 Kilogramm — gibt es keine unverwertbaren Teile.

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Das riesenhafte Tier ist sozusagen ein schwimmender Berg von Rohstoffen. Der Speck enthält 21,5 v.H. Tran. Man kennt Konservierungsverfahren, um das schiere Fleisch namentlich jüngerer Tiere zu Fleischkonserven zu verarbeiten. Walfischzungen gelten als Delikatesse. Die Sehnen lassen sich zu Faserstoffen verarbeiten, die Barten liefern das geschätzte Fischbein. Magen und Darm, Flossen und Haut sind gleichfalls gesuchte Rohstoffe. Aus den Drüsen gewinnt die pharmazeutische Industrie wertvolle Präparate. Der Pottwal liefert noch zwei weitere sehr begehrte Handelsartikel, das Ambra und das Walrat. Der Rohstoffwert eines Walfisches repräsentiert den Betrag von 8000 bis 12000 Mark. Wird Ambra in dem Tier gefunden, so erhöht sich der Wert noch um die Hälfte. Für ein Kilogramm Ambra zahlt die Parfümindustrie 5000 bis 7000 Mark. Das Vorhandensein von Walrat in dem Tierkörper erhöht den Wert dieses Rohstoffberges gleichfalls nicht unbeträchtlich.

Ist es unter diesen Umständen verwunderlich, daß Gewinnsucht und Raffgier ein Massensterben unter der Walbevölkerung der Erde veranlassen? Der Wal ist ein Relikt aus der fernen Vorzeit unseres Planeten, die einzige noch lebende Gattung einer Tierwelt, die seit undenklicher Zeit von dieser Erde verschwunden ist. Insofern repräsentiert seine Art einen unersetzbaren ethischen Wert. Doch was kümmert eine Welt von heute ein ethischer Wert?

Als Europa begann, dien Walfang auszuüben, richtete sich das Augenmerk naturgemäß auf die nördliche Erdhälfte. Die Waljagd in der Arktis steigerte sich mit den technischen Möglichkeiten bis zum scheußlichsten Mord und bis zur fast völligen Ausrottung der Wale in den arktischen Meeren. Man kann auf schnellem Dampfer im Vorfeld der nördlichen Eisschranken heute tagelang kreuzen, ohne in diesen von der Walbevölkerung einst dichtbesiedelten Meeren auch nur ein einziges Mal die Wasserfontäne eines blasenden Wals zu Gesicht zu bekommen.

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Sollten die Walfangflotten aufgelegt und die Walfänger brotlos werden? Ein erfahrener Waler, der Kapitän Karl Anton Larsen, der durch die hohe Schule der Walfänger in Sandefjord gegangen war, kam auf den rettenden Ausweg: die Antarktis war noch ein unberührtes Fanggebiet. Studienreisen hatten dort starke Bestände von Walen festgestellt. In der Fangsaison 1904/05 verlegte Kapitän Larsen seine Tätigkeit nach Südgeorgien und eröffnete damit den Walfang in der südlichen Hemisphäre.

Man hätte annehmen sollen, daß die bösen Erfahrungen mit dem wilden Raubbau an den Beständen der Arktis den Walfang in den neuen Jagdgründen veranlaßt hätten, schonender und sorgsamer mit den Beständen umzugehen. Doch gerade das Gegenteil trat ein. Der Walfang in der Antarktis artete zu einem wilden Wettlauf der Walschießer, der Walflotten und der beteiligten Länder aus.

Um das schmachvolle Beginnen einigermaßen zu zügeln, annektierten die Engländer die unbewohnten Eilande der Antarktis in der Annahme, daß der Entzug der Landstützpunkte, in denen der Fang verarbeitet wurde, dem mörderischen Treiben Einhalt gebieten würde. Außerdem erließ England für die Walgebiete der Antarktis eine Schutz- und Hegeordnung, in der bestimmte Schonzeiten festgelegt waren. Doch die Schießer fanden Rat. In der Fangsaison 1923/24 machten sie sich zum ersten Male frei von Landstützpunkten, indem sie Walfangmutterschiffe mit Kochereieinrichtung zur fabrikmäßigen Weiterverarbeitung fast sämtlicher Rohstoffe des Walkörpers mit wissenschaftlichen Laboratorien, Ölspeichern usw. einsetzten, die von einer Anzahl van Fangschiffen begleitet waren. Die letzte große Erfindung zur technischen Vervollkommnung des Fanggeschäftes machte 1926 Peter Sörrle mit der Konstruktion des Aufholslips, der Aufschleppe am Achterseil des Mutterschiffes, mit deren Hilfe auch das stärkste Tier unzerlegt an Bord der schwimmenden Fabrik genommen werden konnte.

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Zur technischen Vervollkommnung der Fangeinrichtung war inzwischen ein neuer Verwendungszweck für das wichtigste Walprodukt, den Tran, gekommen. Nach langem Sträuben hatte die Margarinefabrikation sich zu der Ansicht bekehrt, daß Tran ein noch billigerer Rohstoff für die Margarineherstellung sei als das Sojaöl. Die Nachfrage der Margarineindustrie gab dem Walfang von der wirtschaftlichen Seite her den Aufschwung, den er von der technischen Seite her bereits erfahren hatte.

In später Stunde ist von England her ein neuer Versuch gemacht worden, zu einer internationalen Regelung des Fanggeschäftes zu kommen. Den Anlaß dazu bot die Wirtschaftskrise vor dem zweiten Weltkrieg. Moralische und ethische Überlegungen haben beim modernen Menschen nicht die Überzeugungskraft des sinkenden Profits, und so war der Zeitpunkt für das Londoner Übereinkommen zur Regelung des Walfangs vom 8. Juli 1937, das Schutz- und Schonzeiten vorsah und Schonbezirke festlegte, nicht schlecht gewählt. 

Doch einer der Interessenten wollte sich die Hände nicht binden und im Geschäft beengt werden: Japan! Man weiß aber, daß ein Hecht im Karpfenteich die bestgemeinte Hegeabsicht zunichte machen kann, und Japan ließ erkennen, daß es sich vor allem im Abschuß der Jung- und Mutterwale keinen Zwang aufzuerlegen gedenke!

 

   Das Tempo der Vernichtung  

In der "guten alten Zeit" des Walfangs stellte der berühmte Harpunier Matthias aus Sylt einen Rekord in der Erlegung von Walen auf. Er schoß in seinem langen Walfängerleben 373 Wale ab. Der Mann wurde als ein Weltwunder betrachtet. Dieser einst gerühmte Matthias aber gilt neben den modernen Schießern der Walfangflotten nur als ein bescheidener Anfänger. Der Harpunier Kristiansen erlegte einmal in einer einzigen Walfangsaison 236 Wale. Den Rekord hält heute Aksel Akselsen aus Sjomö, der in den 3 1/2 bis 4 Monaten der Fangsaison 1934/35 nicht weniger als 456 Wale schoß.

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Ein einziges Zahlenverhältnis zeigt mit eindringlicher Deutlichkeit das neuzeitliche Tempo des Walfangs. Im Zeitraum der Jahre 1868 bis 1900, also in 32 Jahren zusammengenommen, wurden in der ganzen Welt 20.025 Wale erlegt, aber allein in der Fangsaison 1931/32 wurden 42.874 Wale abgeschossen, d.h. mehr als doppelt soviel wie in den letzten 32 Jahren des vergangenen Jahrhunderts zusammengenommen.

Auch in einzelnen Gebieten der Antarktis sind die Bestände bereits erschreckend gelichtet. Vorläufig aber übt man, um ein jährliches Durchschnittsergebnis im Fang aufrechtzuerhalten, die mörderische Methode, die auch die Fischbestände allerorten zum Weißbluten brachte: man jagt mit immer mehr Fangschiffen und mit immer schärferen Mitteln. Die Tötung des an die Fangleine gebrachten Wals mit Elektrizität ist heute schon vielfach im Gebrauch, und das Flugzeug unterstützt die Fangschiffe bei der Anpeilung von Walen und Walschulen. 

Das Geschäft ist gigantisch. Es gibt kaum ein Gewerbe, das mit solchen bis heute ziemlich gleichbleibenden Gewinnen rechnet wie der Walfang. Im Zeitraum der zehn Jahre von 1916 bis 1926 schütteten einige bekannte Walfanggesellschaften folgende Dividenden aus: die Gesellschaft Hektor insgesamt 748 v.H., d.h. 94,5 v.H. je Betriebsjahr, die Gesellschaft Sydhavet 1140 v.H., d.h. 103,6 v.H., die Gesellschaft Pönsbg. Holg. 1560 v.H., d.h. 141,0 v.H.

Weitherzig, wie in der Dividendenzuteilung, ist man im Walfang mit der Gewährung von Tantiemen und Abschußprämien. Svend Foyn schoß sich mit der von ihm erfundenen Walkanone und der Granatenharpune das nette Vermögen von 14 Millionen Kronen zusammen. Doch auch der Harpunier, der für fremde Rechnung schießt, ist in der Regel ein hochbezahlter Mann. Weniger als 25.000 Mark verdient keiner von ihnen in der 3 1/2 bis 4 Monate währenden Fangsaison. Die "großen Kanonen" aber kommen auf Riesengehälter, und 100.000 Mark Einnahme in der Saison sind keine Seltenheit.

Das Geschäft blüht. An den Riesentieren des Meeres werden Riesensummen verdient. Diese gesegnete Chance wird der materialistische Mensch des 20. Jahr­hunderts erst aus der Hand geben, wenn der letzte Wal abgespeckt, zu Tran verkocht und in billige Margarine verwandelt ist. Niemand kennt die Zahl der noch vorhandenen Walfische, aber man kennt die Zahl der riesigen Tranfabriken, die auf dem Meere schwimmen, und ferner kennt man die noch weit größere Anzahl der die Trankochereien begleitenden Fangschiffe, und mit Hilfe der bekannten Größen in der Gleichung läßt sich der Zeitpunkt, wann der letzte Wal an der Fangleine hängen wird, beinahe errechnen.

Die heute lebende Generation weiß, daß sie mit ihrer wahnwitzigen Walschlächterei die kommenden Geschlechter um einen wichtigen tierischen Rohstoff­lieferanten für alle Zeit berauben wird. 

Was schadet das? Geschäft ist Geschäft, und die Hauptsache ist, daß die Bankkonten ehrenwerter Zeitgenossen in Ordnung sind. Alles andere ist Nebensache.

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Dr. Anton Metternich 1947  Die Wüste droht : Die gefährdete Nahrungsgrundlage der menschlichen Gesellschaft