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8  Der Haushalt des Menschen im Haushalt der Erde            Anton Metternich 1947

 

  

 

    Reiche Erde hungernde Menschen   

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Im Mittelpunkt alles Geschehens auf der Erde steht der Mensch, der sich in seiner angeborenen Bescheidenheit gern die "Krone der Schöpfung" nennt. Seine Stellung unter den Geschöpfen der Erde, sein Wissen, sein Können und seine Macht rechtfertigen in gewissem Sinne die hohe Meinung, die er von sich hat. Er beherrscht die Welt der Tiere mit der unwiderstehlichen Gewalt seiner Waffen. Er hat es verstanden, der Natur ihre Gesetze und ihren Willen abzulauschen, und nun greift er planend, gestaltend, herrschend in den Ablauf der Dinge ein, um sie immer eindeutiger in eine Richtung zu lenken, die seinem Interesse dient.

Und dennoch: 

In der Vorsorge für die einfachsten Voraussetzungen des Lebens, in der Erzeugung seiner Nahrungsgüter, bleibt der Mensch in Abhängigkeit vom schicksal­haften Walten höherer Gesetze, die sich wohl erkennen, nutzen und regulieren, aber nicht beugen und zwingen lassen. Gewiß, die fatalistische Ergebenheit in die Auswirkung jeder Naturlaune ist verschwunden, seit der Gedanke der wissenschaftlich fundierten Landwirtschaft die Welt eroberte, aber der letzte Grund, die tiefste Ursache bleiben unerforscht und entziehen sich jeder Beeinflussung durch den Menschen. Der Bauer mag pflügen, düngen, säen und arbeiten wie er will, er schafft mit allem seinem Aufwand nur eine Voraussetzung, eine Möglichkeit für eine gute Ernte. Wie diese aber tatsächlich ausfallen wird, das steht in Gottes Hand.

Das Menschenschicksal ist, soweit die nahrungspendende Natur in Frage kommt, in eine gütige Hand gelegt. Ihre Schaffens­freudigkeit ist unermüdlich, und nur eine falsche und bösartige Behandlung veranlaßt sie aufzubegehren. Sie reicht Jahr um Jahr und Tag um Tag ihre gesegneten Gaben. Immense Reichtümer entquellen fortgesetzt dem mütterlichen Schoß der Erde, Riesenmengen an pflanzlichen Nahrungsgütern aller Art. Zu jeder Stunde wird auf der Erde gesät und ebenso geerntet. Die Erntezeit umkreist die Erde in südnördlicher Richtung ohne Unterbrechung.

Es ernten im Januar: Australien, Neuseeland, Chile und Argentinien; im Februar und März: Britisch-Indien und das obere Ägypten; im April: Mexiko, das mittlere und nördliche Ägypten, der vordere Orient, Kuba; im Mai: Nordafrika, Innerasien, China, Japan, Mandschukuo, Texas und Florida; im Juni: Spanien, Portugal, Italien, Griechenland, Kalifornien und die südlichen Staaten der Vereinigten Staaten, dazu Kansas und Missouri; im Juli: Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Frankreich, Südrußland, die nördlichen Staaten Amerikas und das südliche Kanada; im August: Deutschland, England, Belgien, Holland, Dänemark, Polen, das mittlere Kanada und Britisch-Kolumbien; im September: das nördliche Kanada, Schottland, Schweden, Norwegen; im Oktober: das nördliche Rußland; im November: Südafrika, Peru; im Dezember: Burma und die benachbarten indischen Distrikte. 

In den Tropen erntet man das ganze Jahr über. Hier richten sich Aussaat und Erntezeit nach dem Verlauf der Regenzeiten.

Auf dem Zyklus der Welternten und der Verschiedenheit der in der Welt vorhandenen Produktionszonen aufbauend, hat der Mensch die neuzeitliche Ernährungs­wirtschaft seiner Erde mit ihrem gewaltigen zwischenstaatlichen und zwischenkontinentalen Clearing der Nahrungsgüter entwickelt. 

Europa ist der große Käufer auf dem Weltmarkt für Nahrungsmittel. Im Durchschnitt der Jahre 1936/38 hatte Europa ohne die Sowjetunion und die Ostsee-Randstaaten einen Zuschußbedarf von 18,8 Millionen Tonnen Getreide, 6,3 Millionen Tonnen Ölkuchen, 2,4 Millionen Tonnen pflanzliche Öle, 2,5 Millionen Tonnen Zucker, 1,4 Millionen Tonnen Fleisch, 0,3 Millionen Tonnen Butter, 1,5 Millionen Tonnen Genußmittel.

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An Europa liefern Amerika, Asien, Afrika und Australien. Es kommt auch in anderen Erdteilen zu innerkontinentalen Warenbewegungen im Lebensmittel­sektor, ebenso wie auch zwischen den einzelnen Erdteilen. Aber Europa ist die Stütze und das Rückgrat des Welthandels in Nahrungsgütern, Europa mit seinen Menschenmassen ist der Kontinent des Verbrauchs. 

Im Jahre 1937 hatte die Einfuhr Europas ohne die Sowjetunion in Lebensmitteln und lebenden Tieren einen Wert von 4,2 Milliarden Dollar (neuer Golddollar). Die Einfuhr in den gleichen Warenkategorien in anderen Erdteilen belief sich auf etwa die Hälfte dieser Summe, nämlich auf 2,3 Milliarden Dollar. Von der Einfuhr Europas in Lebensmitteln und lebenden Tieren in dem betreffenden Jahr entfielen 3,83 Milliarden Dollar auf die hochindustrialisierten Länder, während nur 0,34 Milliarden Dollar auf die übrigen Länder entfielen.

Es ist eine kunstvolle Organisation, die Überfluß und Mangel auf dem Erdenrund auszugleichen sucht. Wo sich überschüssiger Reichtum an bestimmten Nahrungsgütern ansammelt, wird er mit Hilfe der Organe der Weltwirtschaft erfaßt und dorthin gebracht, wo sich Mangellücken in diesen Gütern zeigen. Diese vielverzweigte, feinnervige Organisation der Weltwirtschaft ist die größte Errungenschaft der Neuzeit. Sie verwirklicht die sehnsuchtsvollen Träume der Kulturvölker an der Schwelle der Menschheitsgeschichte, die auf schwankenden Fahrzeugen über das gefahrdrohende Meer hinweg ferne Küsten aufsuchten, um in kleinem Umfange einen Güteraustausch zu pflegen, der heute im größten Maße möglich ist. Diese Organisation gibt den Entdeckungs­fahrten eines Kolumbus, eines Vasco da Gama und der anderen großen Pfadfinder in neue Welten erst ihren letzten und tiefsten Sinn.

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An der Vollkommenheit der technischen Organisation scheitert die restlose Erfüllung der hohen Aufgabe, die der Weltwirtschaft gestellt ist, nicht. Andere Gründe sind dafür maßgebend, wenn Überfluß und Mangel in der Welt nicht vollkommen ausgeglichen werden. Einer der wesentlichsten Gründe dafür ist die durchaus begrenzte Produktionskraft der Erde, die in einem offenkundigen Mißverhältnis zu der Zahl der Erdbewohner steht. Nur einer recht oberflächlichen Betrachtung der Dinge kann die Tatsache entgehen, daß trotz aller Schätze, die die Erde laufend erzeugt und ihrem Nutznießer bietet, der Mangel größer als der Überfluß in der Welt ist und daß Hungrigsein das regelmäßige Sattwerden überwiegt. Keine irgendwie geartete Zufallserscheinung kann über dieses schwerwiegende Faktum hinwegtäuschen.

Unter dem Einfluß der modernen weltwirtschaftlichen Entwicklung gibt es heute kaum noch ein Land auf der Erde, das sich ernährungs­wirtschaftlich vollkommen selbst genügt. Man spricht zwar viel von autarken Ländern, aber der Ausdruck wird zumeist in dem Sinne angewandt, daß der wesentliche Bedarf aus eigenem gedeckt wird. Das typische Beispiel der autarken Wirtschaft bieten die Vereinigten Staaten von Amerika, und doch deckt unter normalen Verhältnissen dieses Land die in ihm aufkommenden Bedürfnisse nicht voll, sondern nur zu 91 v.H. Bei der geringsten Störung im weltwirtschaftlichen Gefüge zeigen sich hier wie in allen anderen Ländern Lücken und Mängel.

Überfluß und Mangel treten getrennt voneinander und in Verbindung miteinander auf. Es kann beispielsweise vorkommen, daß Nordamerika eine reiche Getreideernte hat, während Europa oder Australien oder Südafrika völlige Mißernten zu buchen haben. Wenn die Ungunst des Schicksals es will, kann zugleich der Fall eintreten, daß die amerikanischen Baumwollstaaten kärgliche Ernteergebnisse verzeichnen, während die Getreidesilos der Weizenstaaten Amerikas sich zum Bersten mit Erntesegen füllen.

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Die Gegenpolarität von Überfluß und Mangel beherrscht wie ein Naturgesetz das Leben der Erde. Der quellenden Fülle des Sommers steht in den gemäßigten Klimaten die Vegetationsruhe des Winters gegenüber, in den Tropen wechseln Regen- und Trockenzeiten mit ähnlicher Wirkung miteinander ab. Während die Erde, insgesamt gesehen, täglich irgendwo eine Erntezeit hat, gibt es für jeden bestimmten Ort des Erdenrunds die Alternative Wachstum oder Wachstumsruhe, lebendige oder tote Zeit, Werden oder Nichtwerden. Diese Tatsache ist in Hinsicht auf die Ernährung der Menschheit und auf die Funktionen der Weltwirtschaft von wesentlicher Bedeutung. 

Der moderne Mensch hat ein fein ausgeklügeltes System der Vorratswirtschaft entwickelt, um über die Zeit der Vegetationsruhe hinwegzukommen, und er kann auf diesem Gebiete recht beträchtliche Erfolge verzeichnen. Aber es muß festgestellt werden, daß der Gesamteffekt aller Anstrengungen nicht hinreicht, die Polarität von Überfluß und Mangel zwischen den Klimagürteln der Erde und zwischen den einzelnen Produktionszonen vollends zum Ausgleich zu bringen. Dieser Ausgleich ist ihm auch nicht voll gelungen zwischen den Kontinenten, den einzelnen Ländern und — zwischen den einzelnen Menschen.

Die krassen allgemeinen Hungersnöte in weiten Gebieten, großen Ländern und ganzen Kontinenten, wie sie häufig genug auftraten, ehe das System der Weltwirtschaft ausgebildet wurde, sind heute kaum noch denkbar, es sei denn, sie werden künstlich erzeugt. Hierfür gibt es gerade aus der jüngsten Geschichte klassische Beispiele. Von solchen bösen Ausnahmen abgesehen, zielte das Bemühen aller anständigen neuzeitlichen Wirtschaftspolitik darauf, den Lebensstandard der Völker zu erhöhen. Im Lebensbereich der weißen Rasse ist dieses Ziel weitgehend erreicht worden. 

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Und dennoch: 

Im Einzelhaushalt des Menschen ist neben dem Überfluß der Mangel geblieben. Der Hunger regiert die Welt, nicht der Überfluß an Nahrung. Es gibt mehr schlecht als gut ernährte Menschen auf der Erde, und allabendlich strecken mehr hungrige, schlecht ernährte und unterernährte Erdenbürger die müden Glieder auf ihrem Lager aus als satte und vollernährte.

In der Maiszone des europäischen Südostens ist Mamaliga die tägliche Speise, die in jeder Form, von der Suppe bis zum Brot, genossen wird. Die Grund­bestand­teile von Mamaliga sind Maismehl und Wasser. In der südasiatischen Reiszone vom Persischen Golf bis zum Gelben Meer, in den am dichtesten besiedelten Gebieten der Welt, in Indien und China, genügt eine Handvoll Reis als tägliche Kost. Bei hundert Millionen Japanern ist es nicht viel besser, nur kommt hier noch eiweißreiche Fischspeise zum täglichen Reis. Europäische Ernährungsreformer schwärmen davon, daß das Mittagsmahl des japanischen Arbeiters den Betrag von sechs Pfennigen nicht überschreitet. Dafür kann Japan die ganze zivilisierte Welt mit seiner Schleuderkonkurrenz in Schrecken versetzen. 

In den nördlichsten Gebieten Europas zeigt der Mensch die typischen Symptome der Mangelkrankheit wegen des Fehlens vitaminreicher Nahrungsmittel. Nach eigenen amerikanischen Angaben steht dem Durchschnittsbürger der Vereinigten Staaten täglich nur ein Betrag von 25 Cent zum Lebensunterhalt zur Verfügung. Sogar in der paradiesischen Fülle der Äquatorregion überwiegt in der Ernährung der Eingeborenenbevölkerung der Mangel. Wenn die Gelegenheit sich dazu bietet, fressen die Angehörigen einzelner Stämme bei einer Mahlzeit so viel in sich hinein, daß die Körper ihre normale Form verlieren. Dafür sind sie dann wieder zu einem mehrtägigen oder mehrwöchigen Fasten verurteilt. Wohin man auch blicken mag, überall in der Welt findet man dieselbe Situation: neben dem sich alljährlich erneuernden Berg von Nahrungsgut stehen Mangel, Entbehrung und Hunger.

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Unter primitiven Wirtschaftsverhältnissen zeigen sich die Dinge in nackter Klarheit, in den modernen Volkswirtschaften der zivilisierten Welt treten sie schamvoll kaschiert auf. Der Begriff der Kaufkraft schaltet sich in die Haushaltsbilanz des Einzelmenschen und der Einzelfamilie ein. Die Kaufkraft ist von den starken Interessenten, die über dem Schicksal des einzelnen thronen, leicht zu steuern, und zwar von drei Seiten her: über das Arbeits- und Kapital­einkommen, über den Wert und die Kaufkraft des Geldes und über den Preis der Waren. Unter diesen Umständen läßt sich das Instrument Kaufkraft, mit dessen Hilfe jedem der ihm zugedachte Anteil am Warenvorrat zukommen soll, außerordentlich leicht in jedem Sinne anwenden. Steigt die Kaufkraft über die normale Gleichgewichtslage von Nachfrage und Angebot, so wird sich bald erweisen, daß zu wenig Ware da ist, um die Nachfrage zu befriedigen, und die Ware steigt im Preise, bis das gestörte Gleichgewicht wieder erreicht ist. Fällt die Kaufkraft, so zeigt die Praxis, daß zu wenig Geld im Umlauf ist, um so viel Ware zu kaufen, daß der gewohnte Lebensstandard aufrechterhalten werden kann.

Alles Beiwerks entkleidet, ist der wahre Tatbestand dieser: 

Trotz der gewaltigen Nahrungsmengen, die alljährlich, täglich, stündlich auf dem Erdenrund geworben* werden, reicht der Zuwachs doch nicht aus, um die ganze Menschheit so zu versorgen, daß von direktem Mangel und Hunger nicht mehr gesprochen werden könnte. Das Gleichgewicht zwischen Menschenzahl und Nahrungsraum ist eben gestört und verfällt immer weiterer Störung. 

Es gibt im Bereich der anbauungswürdigen Gebiete der Erdoberfläche auch keine nennenswerten weißen Flächen mehr auf den Landkarten, d.h. Räume, die der Erzeugung von Nahrungsgütern noch erschlossen werden könnten. Im Gegenteil, in erschreckendem Umfange mehren sich die Gebiete ruinierten Landes, die zwangsläufig aus der Erzeugung ausscheiden, und jene Gebiete, auf denen, wenn sie dem Nahrungserwerb erhalten werden sollen, Vorsichtsmaßregeln im Anbau beobachtet werden müssen. 

* (d-2013) so im Original: geworben. 

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Reiche Erde — hungernde Menschen! Die Speisung der Erdbevölkerung tritt in ein kritisches Stadium. Mögen die Herolde eines selbstgefälligen Optimismus einer akuten Gefahr gegenüber ihre Vogel-Strauß-Taktik weiterbetreiben und von Weltbeglückung durch Wunderleistungen der Technik und Chemie im Reich der Erzeugung von Nahrungsgütern träumen und predigen, — durch die wirklichen Führerschichten der Kulturnationen aller Erdteile geht eine bange Ahnung um die Ernährungs­sicherheit der Menschheit.

Hier müssen die großen Werke der Melioration und Landgewinnung, die mit spontaner Gleichzeitigkeit in allen Teilen der Welt geplant und in Angriff genommen wurden, erwähnt werden. Sie strafen jene Lügen, die nicht müde werden, von ausreichender Nahrungserzeugung, auskömmlicher Ernährung und von überfüllten Nahrungsmittelmärkten auf der Erde als von Normalverhältnissen zu sprechen.

Mag sein, daß in Deutschland das im letzten Jahrzehnt wiederaufgenommene Landgewinnungswerk an den Meeresküsten und im norddeutschen Moorgebiet in erster Linie den utopischen Autarkiebestrebungen eines der "Habenichtse" unter den Völkern dienen sollte, ebenso die Rückgewinnung der Pontinischen Sümpfe für den italienischen Landbau. Eine tiefere Einsicht aber wird zu vermuten sein bei der Rückgewinnung der Zuidersee durch Holland, die seit 1920 betrieben wurde und die eines der gewaltigsten Landgewinnungswerke im Bereich der germanischen Völker darstellt. 

Auf den gleichen Nenner sind zu bringen: 

Die gewaltigen Bewässerungswerke, die in Nordamerika entstanden und immer weiter entstehen, die Weiterbildung beispielloser Landbewässerungsanlagen in Indien und im Sudan, die Bewässerungsprojekte der Iberischen Halbinsel, die Wasserbauten Ungarns zur Ent- und Bewässerung der großen ungarischen Tiefebene. Das sind nur einige der jüngsten Planungen innerhalb der Interessensphäre der weißen Menschheit. Entweder die Erzeugung von Nahrungsgütern auf der Erde genügt für heute und morgen, und dann wären diese Kraftanstrengungen um die Verbreiterung der Grundlage der Ernährung überflüssig, oder aber sie genügt nicht, und in diesem Falle sind die Milliarden, die hier zu investieren sind, die beste, sicherste und die notwendigste Kapitalanlage.

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   Schicksalsgesetze der Menschheit   

 

Zwei düstere Gesetze schweben schicksalhaft über der Menschheit, ihrer nahrungspendenden Scholle und über dem Verhältnis, das beide miteinander verbindet. Beide Gesetze wurden von namhaften Vertretern der klassischen englischen Nationalökonomie aufgestellt. Das erste, das "Gesetz vom abnehmenden Bodenertrag", stammt von dem Londoner Börsianer und Nationalökonomen David Ricardo, das zweite, das Bevölkerungs­vermehrung und Vermehrung der Nahrungsmittel in unmittelbare Beziehung zueinander bringt, von dem Geistlichen und späteren Professor der Geschichte und National­ökonomie Thomas Robert Malthus.

Malthus trat mit seiner berühmten Schrift <Essay on the principles of population>, die ihn zum ersten großen Systematiker der Bevölkerungs­wissen­schaft machte, im Jahre 1798 auf den Plan. Es war eine ernährungswirtschaftlich höchst unsichere Zeit für alle Länder. Einen von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen unterstützten Landbau gab es noch nicht, auch noch keine Technik und Chemie, die dem Bauern hätten helfen können. Die Weltwirtschaft war zum Ausgleich von Überfluß und Mangel im Bereich der Nahrungsgüter noch nicht bereit. Jede Mahlzeit und jedes Stückchen Brot waren der Laune des Zufalls preisgegeben, und jede Minder- und Mißernte zitierte das graue Gespenst des Hungers. Die Erträge des Ackerbaus waren erschreckend niedrig, und die Notwendigkeit der regelmäßigen Einschaltung eines Brachjahres im Nutzungsturnus von drei Jahren senkte die an sich schon niedrigen Erträge vorab um ein volles Drittel.

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Auf diesem Hintergrunde entstand Robert Malthus' Bevölkerungstheorie. Er ging aus von der Tatsache, daß die Menschheit die Tendenz habe, sich in geometrischer Progression: 1, 2, 4, 8 usw., zu vermehren, während sich die Nahrungsmittel nur in arithmetischer Reihe: 1, 2, 3, 4 usw., vermehren könnten. Damit war das Hungergespenst für die Dauer zitiert, wenn sich die Bevölkerung weiter vermehrte.

Malthus untermauerte mit den Ausgangspositionen seiner Lehre auch Ricardos Gesetz vom abnehmenden Bodenertrag. Dieses Gesetz besagt, daß alle über ein bestimmtes Maß hinaus mehr erzeugten Nahrungsmittel mit einem unverhältnismäßig höheren Aufwand erkauft werden müssen. Praktisch ausgedrückt heißt das etwa: Die Verdoppelung des Aufwandes im Landbau ergibt nicht die doppelte Ernte, wer doppelt so tief pflügt wie sein Nachbar, wird nicht doppelt so viel auf seinem Acker erzielen, und wer zwei Zentner Dünger auf eine bestimmte Fläche bringt, wird nicht doppelt so viel ernten wie derjenige, der unter sonst gleichen Umständen nur einen Zentner auf die gleiche Fläche bringt. In der weiteren Konsequenz ergibt sich aus Ricardos Lehre, daß bei weiterer Vermehrung der Menschheit auch schlechte Böden in Nutzung genommen werden müssen, die den Aufwand weniger lohnen, weil sie geringere Erträge erbringen.

Die Lehrmeinungen der beiden Vertreter der klassischen englischen Nationalökonomie sprechen erstmalig Dinge aus, an die die Menschheit zuvor nicht dachte. Beide sprechen von einer Begrenzung des Nahrungsaufkommens auf der Erde. Besonders entscheidend ist der Schritt, den Malthus tut, indem er Zuwachs und Bedarf, Nahrungserzeugung und Verzehr durch den Menschen in ein festes Verhältnis zueinander bringt.

Er stellt nicht nur eine Begrenzung der Nahrungserzeugung fest, sondern fordert auch eine Begrenzung der Kopfzahl der Menschheit.

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Malthus nimmt ein dauerndes Mißverhältnis an zwischen den Möglichkeiten der Ausweitung des Nahrungsspielraums auf der einen und dem Tempo der Bevölkerungszunahme auf der anderen Seite. Nach Malthus führt in zwei Jahrhunderten die unbeschränkte Vermehrung der Bevölkerung zu einem Verhältnis von 256 Menschen zu 9 Nahrungsmitteleinheiten, in drei Jahrhunderten zu dem Verhältnis von 4096 : 13, und in 2000 Jahren würde es beinahe unmöglich sein, den Unterschied zu berechnen.

 

Ceteris paribus, unter gleichbleibenden Umständen, das ist die Voraussetzung dieser düsteren theoretischen Gesetze, die das Schicksal des Menschen auf der Erde bestimmen. Die Umstände aber blieben nicht gleich, im Gegenteil, sie wandelten sich grundlegend. Zunächst gab es auf der damals erforschten Erdoberfläche noch weite Strecken Bodens, der sich zur Nutzung durch den Menschen eignete, der sogar bei seiner Jungfräulichkeit höheren Ertrag versprach als die in Nutzung befindlichen alten Kulturflächen. Es gab damals auf den Landkarten aber auch noch große weiße Flächen, d.h. unerforschtes Land, und die Annahme war berechtigt, daß sich in diesen Gebieten weitere Flächen nutzbarer Ackererde finden würden, eine Annahme, die sich in der Folgezeit überreich erfüllte. Aber abgesehen von den räumlichen Expansionsmöglichkeiten winkte der nahrungspendenden Scholle ein wahrer Frühling der Kraftentfaltung, denn das Zeitalter der Naturwissenschaften dämmerte herauf.

Die Menschheit entwand sich dem dumpfen Schicksalsglauben, der sie bislang den Gewalten und dem Schaffen der Natur gegenüber fatalistisch band. Sie griff planend, gestaltend, fördernd und hemmend in den Ablauf der Geschehnisse in der Natur ein. Der Landbau, der Natur unabdingbar vermählt, mußte der erste Nutznießer der neuen naturwissenschaftlichen Kenntnisse und Erkenntnisse werden. Im Kreis der unsterblichen Männer, die das naturwissenschaftliche Zeitalter aus der Taufe hoben, steht der Genius eines Justus Liebig

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Er wies dem Landbau den Weg zu einer temperamentvollen Steigerung des Ertrages, wie ihn die Welt noch nie erlebt hatte. Die Nahrungsmittel vermehrten sich in dieser Periode nicht in einer arithmetischen Reihe, auch nicht in geometrischer Progression, sondern sprunghaft, überstürzt, in atemberaubendem Tempo. Die Nahrungsspielräume der fortschrittlichen Völker wuchsen damit in gleichem Schrittmaß.

Der fördernde Einfluß technischer Erfindungen und Vervollkommnungen kam hinzu. Riesenhafte Flächen überseeischer Gebiete wurden der Erzeugung erschlossen. Eine sprunghafte Verbesserung der Handels- und Verkehrsverhältnisse vervollständigte und festigte das System der Weltwirtschaft. Die dichtbesiedelten Länder der Alten Welt wurden mit den natürlichen Reichtümern fremder Erdzonen förmlich überschüttet. Ein Hexensabbat des Fortschritts ging über die Welt; das Zeitalter der "unbegrenzten Möglichkeiten" schien, auch im Hinblick auf die Volksvermehrung, angebrochen zu sein. Die Landwirtschaft lieferte die Nahrungsmittel für den steigenden Menschenbedarf der wachsenden Industrie, die Industrie hinwiederum förderte die landwirt­schaftliche Erzeugung, ganz besonders, nachdem die Ammoniaksynthese aus dem Stickstoff der Luft in das industrielle Arbeitsprogramm übergegangen war. Die gegenseitige Förderung und Unterstützung schien der berühmten Schraube ohne Ende zu gleichen.

 

Der Rausch ist vorüber, der Taumel des Fortschritts ist abgeklungen, und die Dinge haben sich aufeinander eingespielt. Die neunmal weisen Propheten eines nie zu Ende gehenden Aufschwungs mit fortgesetzt sich ausweitendem Nahrungsspielraum und ebenso fortgesetzt steigenden Volkszahlen waren mit einem Achselzucken über den Pessimisten Malthus hinweggegangen und hatten dem Optimisten Liebig zugejubelt. Und in der Tat schien es so, als ob der Gang der Entwicklung Malthus und seine These über den Haufen gerannt und hoffnungslos ins Unrecht gesetzt habe. Es schien nur so. Der tiefen Einsicht blieb der pessimistische Engländer jedoch der Entdecker eines Naturgesetzes. Deutschlands großer Nationalökonom Adolf Wagner hat immer wieder betont: "Malthus hat in allem Wesentlichen Recht."  

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Der Optimist Liebig triumphiert heute nicht mehr über den Pessimisten Malthus. Der Nahrungsspielraum, den Justus Liebig und die Nachfolger in seiner Kunst öffneten, wurde von nachdrängenden Massen neuer Erdenbürger unverzüglich ausgefüllt. Es ist wieder wie einst zu Malthus Zeit, nur spielen sich der Kampf und Krampf um Nahrung und Leben auf erhöhten Ebenen ab. Der Druck der Menschenmasse auf den Vorrat an Nahrungsgütern macht sich wieder, genau wie zu Malthus' Zeiten, in voller Schärfe geltend. In den extensiv erzeugten Nahrungsgütern, namentlich in Getreide, wird die Sättigungsgrenze der Welt noch erreicht. In höherwertigen Gütern, wie in Fleisch und Vieherzeugnissen und pflanzlichen Ölen und Fetten, aber ist die Sättigungsgrenze der Welt bisher noch nicht erreicht worden.

 

   Wieviel Menschen kann die Erde ernähren?   

 

Nach den kombinierten Ermittlungen der Statistik und vorsichtig-gewissenhaften Schätzungen leben heute rund 2,2 Milliarden Menschen auf der Erde, für die unser Planet auch die Nahrungsmittel erzeugen muß. Man geht wohl nicht zu weit, wenn man behauptet, daß gut die Hälfte dieser Erdenbewohner mehr schlecht als recht ernährt wird. Das galt nicht etwa nur für die Kriegszeit, in der gerade sonst recht gut ernährte Völker mehr oder minder fühlbaren Einschränkungen in der Lebenshaltung unterworfen waren, sondern auch für "normale" Zeiten. Das Schreckgespenst des Hungers ist zu keiner Zeit von der Erde gebannt gewesen, wobei man ganz absehen kann von einer zur Gewohnheit gewordenen kärglichen und primitiven Lebensweise in vielen Ländern mit hoher Anspruchslosigkeit ihrer Bevölkerung.

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Besonders Länder, die abseits des modernen Weltverkehrs liegen, leiden unter gelegentlich auftretenden Hungersnöten, wenn der Volkswohlstand gering ist oder die Organisation des heimischen Verkehrswesens und Handels nicht so weit ausgebildet ist, daß schnelle und wirksame Abhilfe geschaffen werden kann. Typische Beispiele sind China und Afrika, der Erdteil der unterernährten Eingeborenen. Daneben gibt es aber auch noch eine latente Hungersnot in allen Ländern der Erde, die besonders dringend in den hochentwickelten und wohlhabenden Ländern hochkapitalistischer Prägung ist. 

Nach wie vor gehört hier Unterernährung weitester Volkskreise zu den beschämendsten Erscheinungen im Rahmen eines äußerlich glanzvollen Wirtschafts­bildes. Ganz besonders nachdenklich muß die Tatsache stimmen, daß ein sehr wichtiges Problem des internationalen Agrarstudiums die Frage einer bedrohlichen Unterernährung der — Landbevölkerung in vielen Ländern ist. Bezeichnenderweise hat, wie nebenbei bemerkt sei, der zweite Weltkrieg, der alle Bevölkerungskreise der unmittelbar oder mittelbar vom Kriege berührten Länder Europas in den Zustand einer beispiellosen Unterernährung versetzte, für die Landbevölkerung zu einer spontanen Besserung der Verhältnisse geführt.

Berücksichtigt man alle diese Tatsachen, so können auch gelegentliche Rekordernten und der zeitweise unverkäufliche Überfluß mancher Erzeugerländer nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Erzeugungskapazität der Erde zur Ernährung der heute lebenden Menschheit bereits außerordentlich angespannt ist. Mit der weiter steigenden Bevölkerungszahl wird dieser Tatbestand immer fühlbarer werden, ferner wird aber auch der Zwang immer dringender, daß sich die Agrarmethoden weitester Teile der Welt grundlegend ändern müssen.

 

In der Zeit, als die landwirtschaftliche Produktion sprunghaft in die Höhe ging, tauchte die akademische Frage nach der größtmöglichen Volkszahl auf der Erde auf. Besonders beschäftigten sich mit dieser Frage die Geographen.

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Zunächst suchte man eine Antwort in ziemlich vagen Schätzungen, indem man von der anbauwürdigen Fläche der Erde ausging und bestimmte mittlere Normen der Volksdichte auf sie übertrug. Später ging man sorgsamer vor und legte den Ermittlungen die Boden- und Klimatypen der Erdoberfläche zugrunde. Auch bei sorgfältiger Wertung aller in Betracht kommenden Faktoren und ihrer vielfältigen Abstufungen bleibt an jeder Schätzung und Schätzungs­methode viel Unsicherheit, vor allem von der Erzeugungsseite her gesehen, haften. Aber auch auf der anderen Seite, der Seite des Verzehrs, kann nicht mit feststehenden Größen gerechnet werden. Auf der Erzeugungsseite erscheint schon der Begriff "anbauwürdige Fläche" schwankend, und er schwankt auch tatsächlich bei den einzelnen Schätzungen. So nimmt Ravenstein 84 Millionen Quadratkilometer anbauwürdigen Landes auf der Erde an, während Ballod die Fläche auf 56 Millionen Quadratkilometer veranschlagt.

Bei solchen Schätzungen ist Vorsicht am Platze. Das Internationale Agrarinstitut in Rom erfaßt statistisch 53 Länder der Welt mit einer Bodenfläche von 85 Millionen Quadratkilometer, wovon jedoch nur 6,5 Millionen Quadratkilometer Ackerfläche sind. Schätzungen der überhaupt in der Welt vorhandenen Ackerfläche gehen bis zu 28 Millionen Quadratkilometer, Schätzungen der gesamten landwirtschaftlich nutzbaren Fläche gehen wesentlich weiter und schwanken in weiten Grenzen. Ravenstein schätzt, wie gesagt, die Fläche des anbauwürdigen Landes auf 84 Millionen Quadratkilometer. Vorsichtigere Schätzungen liegen mit 43 Millionen Quadratkilometer tief darunter, ein frisch-fröhlicher Optimist aber nennt 134 Millionen Quadratkilometer, d.h. 90 v.H. der festen Erdoberfläche, nutzbares Land.

Ähnliche Unterschiede ergeben sich auch in der Schätzung der größtmöglichen Volkszahl auf der Erde selbst. Trotz der Abweichungen in der Schätzung der verfügbaren Fläche anbauwürdigen Landes kommen Ravenstein und Ballod auf dieselbe mögliche Menschenzahl auf der Erde, nämlich auf rund 6 Milliarden Köpfe. 

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Der Geograph Wagner hielt diese Schätzungen, die um die Jahrhundertwende erfolgten, für weit übertrieben und nimmt an, daß eine Höchstzahl von Menschen etwa in der doppelten Anzahl der damals lebenden Erdbewohner schon problematisch sei. Neuere Schätzungen liegen vor von Penck und Hollstein, die unter sich wieder stark voneinander abweichen. Penck errechnet eine mögliche Menschenzahl von rund 8 Milliarden Köpfen, während Hollsteins Schätzung sich auf rund 13,3 Milliarden beläuft. Namentlich der Penckschen Schätzung liegen kluge Überlegungen besonders klimaphysikalischer Art zugrunde, während die Beschaffenheit der Böden zwar nicht außer acht gelassen, aber doch weniger eindringlich berücksichtigt wird. Die kühnste Schätzung der möglichen Menschenzahl, die jedoch überhaupt nicht mehr ernst genommen zu werden verdient, nennt 18 Milliarden, d.h. etwa, die neunfache Anzahl der heute lebenden Menschheit.

 

Eine jüngere Studie über Umfang und Wachstum der Erdbevölkerung stammt von dem amerikanischen Gelehrten Baymond Pearl von der Universität Baltimore und seiner Mitarbeiterin Sophia A. Gould. Sie wurde einige Jahre vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges unter dem Titel "World population growth" in der Zeitschrift "Human Biology" veröffentlicht. Die Arbeit bezieht sich auf die Verhältnisse, der beginnenden 30er Jahre und stützt sich auf die besten Quellen, die Veröffentlichungen des Permanenten Büros des Internationalen Statistischen Instituts im Haag, die Statistischen Jahrbücher und Epidemiologischen Berichte der Hygieneabteilung des Völkerbundes und Statesman's Year Book. Die Ermittlungen, Schätzungen und Berechnungen ergaben folgendes Bild:

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Im Jahre 1930 lebte eine Gesamtbevölkerung von 2050,4 Millionen Menschen auf der Erde, im Jahre 1931 eine solche von 2073,3 Millionen. In der Zwischenzeit von 1,4 Jahren hat eine Zunahme der Erdbevölkerung um fast 23 Millionen, um nicht ganz 1 v, H., stattgefunden. Seit dem Jahre 1920 betrug die Zunahme etwas mehr als 1 v. H. im Jahre. Geht man von einer Zunahme von 1 v. H. je Jahr aus, so ergibt sich nach der Zins- und Zinseszinsrechnung, daß sich die Erdbevölkerung in einem Zeitraum von etwa 70 Jahren jeweils verdoppelt. Demnach würde, wenn keine Rückschläge eintreten, die Erdbevölkerung etwa im Jahre 2000 rund die doppelte Anzahl der Köpfe von 1930, also etwa 4 Milliarden zählen.

Pearl und Gould haben noch auf eine andere Weise einen Trend des Bevölkerungswachstums ermittelt. Die erste Schätzung der Erdbevölkerung erfolgte durch Riccioli um das Jahr 1660 und ergat) eine Zahl von 445 Millionen Menschen. In den knapp 300 Jahren, die seitdem verflossen sind, hat sich die Erdbevölkerung bis heute um das Fünffache vermehrt. Die Entwicklung zeigte folgende bemerkenswerte Etappen: Mitte des 17. Jahrhunderts 445 Millionen, Mitte des 18. Jahrhunderts 500 Millionen, Mitte des 19. Jahrhunderts 1000 Millionen. Im Jahre 1900 ergaben' Zählungen und Berechnungen bereits 1600 Millionen Menschen. Innerhalb der folgenden 30 Jahre bis 1930 nahm die Erdbevölkerung abermals um fast 500 Millionen zu. 

Das Bild zeigt also von Ausgang des Mittelalters bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts eine nur langsam ansteigende Kurve, dann aber ein steiles Aufsteigen bis ins beginnende 20. Jahrhundert hinein. Von hier ab beginnt unter dem Geburtenrückgang die Aufwärtsbewegung der Kurve wieder mafivoller zu werden. Pearl und Gould Wagen nun durch Extrapolation eine Vorhersage der künftigen Entwicklung mit dem Ergebnis, daß die oberste Grenze der Erdbevölkerung bei 2645,5 Millionen Menschen liege, die etwa im Jahre 2100 erreicht sein dürfte. Wenn die für heute genannte Zahl von 2,2 Milliarden Menschen stimmt, könnte es also noch zu einer Vermehrung um rund 450 Millionen Köpfe kommen. Diese von den beiden amerikanischen Gelehrten genannten Endzahlen haben viel Wahrscheinlichkeit für sich; sie bewegen sich durchaus innerhalb der Grenzen des Möglichen und des für die nahrungspendende Erde in ihrer heutigen Verfassung noch Tragbaren.

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Eine besondere Berechnung künftiger Bevölkerungszahlen für Europa einschließlich der Sowjetunion hat F.W. Notestein in der allerjüngsten Zeit aufgestellt. (Mitgeteilt von Frumkin in der Neuen Zürcher Zeitung. Dezember 1944.) Der Aspekt für Europa ist nach diesen Berechnungen folgender:

Die Bevölkerung Europas — ohne die Sowjetunion — wird bis ungefähr zu dem Jahre 1955 zunehmen und dann bis kurz vor 1970 im großen und ganzen stationär bleiben: alsdann wäre schon eine Verminderung zu verzeichnen. Diese Gesamttendenz stellt jedoch die Komponente vieler, zum Teil sehr verschiedener nationaler und regionaler Tendenzen dar. Während alle Länder Nord-, West- und Mitteleuropas sehr bald, meist noch vor 1960, eine sinkende Bevölkerungsziffer aufweisen werden, wird besonders in Osteuropa und dem Balkan der Zuwachs weiter anhalten, wenn auch allmählich in langsamerem Tempo. 

Dasselbe gilt in großem Maße auch für die Bevölkerung der Sowjetunion, für welche die Autoren, von den demographischen Rückwirkungen des ( Krieges gänzlich abgesehen, zwischen 1940 und 1970 eine voraussichtliche Bevölkerungsvermehrung um 77 Millionen annehmen. In einer Zeit, wo in West- und Mitteleuropa die älteren Jahrgänge immer mehr anschwellen und die jüngeren zusammenschrumpfen, werden in Süd- und Osteuropa, besonders in der Sowjetunion, die Massen der im Arbeitsund Militäralter Stehenden auf ein Höchstmaß gesteigert. Diese Veränderungen in der Altersstruktur werden schon in allernächster Zukunft viel heftiger zum Vorschein treten als im allgemeinen geahnt wird.

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Es muß betont werden, daß nicht nur ein Anwachsen der Geburtenhäufigkeit die Sonderentwicklung seit 1850 bedingt, sondern daß dazu auch die Überwindung der mörderischen Seuchen: Pest, Cholera, Fleckfieber und Typhus, sowie die energische Herabdrückung der Säuglingssterblichkeit beitrugen. Das sprunghafte Hinaufschnellen der Kurve der Volksvermehrung fällt auch zusammen mit der plötzlichen und überstürzten Aufwärtsbewegung der Bodenerzeugung, die genügend Nahrungsmittel für die wachsende Masse Mensch zu erzeugen imstande war. Ferner hängt es zusammen mit dem Auf- und Ausbau einer Industrie, die hinreichend Kaufkraft verteilte, um den neuen Massen die verfügbaren Nahrungsgüter zugänglich zu machen.

Inzwischen haben die Dinge in Erzeugung und Verbrauch von Nahrungsgütern jedoch in eine neue feste Gleichgewichtslage zurückgefunden. Nicht die ruckweise Vermehrung der Erzeugung auf einer bestimmten Flächeneinheit ist das Problem des Tages auf der heutigen erhöhten Ebene von Bodenleistung und menschlichem Verzehr, sondern das Problem besteht darin, wie man die hochgeschraubte Bodenerzeugung je Hektar unter Zuhilfenahme aller fördernden Mittel immer wieder um nur ein paar Pfund vermehren könnte. 

Der "Schwarze Tod" des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit, Cholera, Fleckfieber und Typhus, sind von der modernen Wissenschaft überwunden worden, dafür zeigte sich aber, genau so repressiv wirkend, in dem Augenblick, wo die neue Gleichgewichtslage auf der Erde sich anbahnte, die "Kulturkrankheit" des Geburtenrückgangs. Die gewollte Geburteneinschränkung aber ist der "Kultur" nur wenig wesenseigen, sie steht viel enger mit der "Wirtschaft" in ursächlichem Zusammenhang, und sie zeugt von dem sicheren wirtschaftlichen Instinkt, der dem Menschen durch die Erfahrung von nur wenigen Generationen anerzogen wurde. Wer den Geburtenrückgang aber zu den Krankheitserscheinungen rechnen will, der soll sie getrost zu den "Mangel"-Krankheiten zählen. Vitamine allein helfen nicht dagegen, sondern in erster Linie die dauernd gesicherte handfeste und magenfüllende Substanz.

229


   Die Funktion der menschenarmen Räume   

 

Durch das raumbeengte Europa ging ein wildes Geschrei, und mißbilligend richtete sich der Zeigefinger von Politikern, Wirtschaftlern, Journalisten und Propagandisten auf die menschenarmen Räume der Länder in Übersee. "Volk ohne Raum", schau dir Australien an! Es bedeckt eine Fläche von 8.257.390 Quadratkilometern (Deutschland 583.408 Quadratkilometer) und hat 9,314 Millionen Bewohner, 1,1 auf einen Quadratkilometer. Dieses Land könnte Heimstatt von mehr als 100 Millionen Bewohnern sein. Betrachte Kanada! Dies britische Dominion bedeckt eine Fläche von 9.569.326 Quadratkilometern und zählt 11,209 Millionen Bewohner, 1,2 auf einen Quadratkilometer. Es könnte wahre Menschenarmeen beherbergen und ernähren. 

Blicke auf die Vereinigten Staaten von Amerika! Die Staaten bedecken, ohne ihre Außenbesitzungen, eine Fläche von 7.829.081 Quadratkilometern und nennen eine Bevölkerung von 131,409 Millionen ihr eigen, 16,8 auf einen Quadratkilometer. Wollten die Staaten sich zur Volksdichte des europäischen Kontinents (46,5) bequemen, so würden sie annähernd 400 Millionen Einwohner zählen, und wenn sie gar die Volksdichte Deutschlands sich zum Vorbild nähmen, würde die Bevölkerung eine Milliarde nicht unwesentlich überschreiten. Argentinien, Brasilien und Südafrika sind weitere Beispiele menschenarmer Räume, die die Vertreter der Theorie einer "gerechteren Verteilung der Räume und Reichtümer unseres Planeten" nicht minder reizten.

Schaut sie an, die Satten und Saturierten! Sie verfügen nicht über die physische Kraft, ihre Räume so mit Menschen anzufüllen, wie wir die unseren damit angefüllt haben! Wir sind biologisch stärker, wir sind die Tüchtigeren! Jene wollen nichts von ihrer Bequemlichkeit opfern. Sie stehen der höchsten Entfaltung des Menschengeschlechts auf unserem Planeten entgegen!

230


In der Tat: Es läßt sich nicht bestreiten, daß Robert Malthus in der Welt seiner Zunge keinen tauben Ohren gepredigt hat. In Englands Gesetzgebung finden sich bis heute noch Spuren einer Auffassung, die Malthus Ideengängen näherkommen als den Meinungen eines ungebundenen Menschentums, In der anglo-amerikanischen Welt besteht immer noch etwas wie ein birth control, wenn nicht offiziell, so doch inoffiziell, aber sicherlich nicht zu dem Zweck, die Völker zu ruinieren oder biologisch zu schwächen, sondern um dem sozialen, zivilisatorischen und kulturellen Aufstieg des einzelnen und der Gesamtheit zu dienen. 

Den zuständigen Regierungen sind gewisse demographische Unzulänglichkeiten innerhalb ihrer Machtbereiche gewiß keine unbekannten Größen, und durch Einwanderung könnte Abhilfe geschaffen werden, ohne daß der Bürger viel von seiner Bequemlichkeit einbüßen müßte. Doch überall treffen wir auf Einwanderungsverbote oder auf straff gehandhabte Einwanderungskontingente. Emigration ist die billigste und bequemste Art der Menschenbeschaffung. Aber das menschliche Treibholz der übervölkerten Länder ist nicht mehr erwünscht in jenen Räumen, deren wahre wirtschaftliche Stärke eben in ihrer Menschenarmut beruht, und die Schifffahrtsgesellschaften sind seit Jahr und Tag gezwungen, sich um andere Passagiere für ihre Zwischendecke zu bemühen. Die menschenarmen Räume der Erde sind sich offenbar ihrer Bedeutung für die Gesamtbevölkerung der Erde voll bewußt geworden.

 

Die menschenarmen Räume der Erde sind die wahren Ernährer der Erdbevölkerung. Der menschenarme Raum versorgt mit seinen Überschüssen die Länder, deren Bodenerzeugung zur vollen Ernährung ihrer Bevölkerungen nicht hinreicht. Nur dieser Raum ist in der Lage, den Ausgleich bei den oft stark schwankenden Ernteerträgen in der Welt herbeizuführen. Den durchweg menschenarmen Tropen und Subtropen gab die Natur das Erzeugungsmonopol für pflanzliche Öle und Fette, mit denen sie die übrige Welt versehen.

231


Für bestimmte Länder und Gebiete der gemäßigten Zone schuf sie hervorragende Vorbedingungen für eine ergiebige Viehhaltung. Andere Länder sind die Getreidelieferanten. Die Natur selbst, so vielseitig sie sich auch zeigen mag, weist doch auch den Weg zur Spezialisierung. Mit diesen Tatsachen muß sich die Menschheit abfinden.

Auch der höchste landwirtschaftliche Erzeugungsstand, d.h. der beste Ertrag je Bodeneinheit, gibt kein Bild von der natürlichen Ernährungslage eines bestimmten Landes. Dieses Bild vermittelt ausschließlich das Verhältnis der Bevölkerungszahl zum Bodenertrag. Immer wieder treten der Mensch und die Zahl seiner Artgenossen als der wichtigste Faktor im ernährungspolitischen Relief der Welt in Erscheinung.

 

Es existiert eine recht interessante Tabelle über den Selbstversorgungsgrad der wichtigsten Länder der Erde aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg.
Danach beträgt der vom Hundertanteil der Selbstversorgung:

 

unter 100 v. H. 

 

Großbritannien ... 25 

Norwegen ... 43

Schweiz ... 47

Belgien ... 51

Niederlande ... 67

Irland ... 75

Finnland ... 78

Griechenland ... 80

Deutsches Reich ... 83

Frankreich ... 83

Schweden ... 91 

USA ... 91

Chile ... 93 

Portugal ... 94

Italien ... 95

Japan ... 95

Brasilien ... 96

Spanien ... 99

über 100 v. H.

 

Britisch-Indien ... 100 

China ... 100

Rußland ... 101

Estland ... 102

Dänemark ... 103

Polen ... 105

Jugoslawien ... 106

Lettland ... 106

Bulgarien ... 109

Litauen ... 110

Rumänien ... 110

Ungarn ... 121

Neuseeland ... 173

Kanada ... 192

Australien .. 214 

Argentinien ... 264

232

Für die Weltverbesserer, die in den menschenarmen, aber ernährungswirtschaftlich sehr leistungsfähigen Räumen der Erde ein Kriterium der Rückständigkeit sehen, ließe sich jedoch eine andere Rechnung aufmachen.

Wollte man für die berücksichtigten Länder; eine einheitliche Volksdichte von 100 Menschen je Quadrat­kilometer annehmen, so stände es um die Selbstversorgung folgendermaßen:

unter 100 v. H.

 

Großbritannien.... 49

Norwegen.... 4

Schweiz.... 47

Irland.... 32

Finnland ... 9

Griechenland ... 44

Frankreich ... 63

Schweden ... 13

USA   ... 15

Chile ... 6

Portugal ... 78

Brasilien ... 5

Spanien ... 50

Britisch-Indien...88

China...42

Rußland...22

Estland...24

Dänemark...93

Polen...68

Jugoslawien...67

Lettland...32

Bulgarien....66

Litauen....49

Rumänien....76

Neuseeland....10

Kanada....2

Australien...2

Argentinien....13

über 100 v. H.

 

Belgien....140 

Niederlande....181

Deutsches Reich....111

Italien....127 

Japan....181 

Ungarn....103

 

233


Von der schönen Anzahl von 16 wichtigen Ländern, die einen Selbstversorgungsgrad von über 100 v.H. haben, bliebe nur eines, nämlich Ungarn, übrig. Dafür rücken fünf andere Länder, die unter 100 v. H. der Selbstversorgung rangieren, nämlich Belgien, Holland, Deutschland, Italien und Japan, in die Gruppe der über 100 v.H. Selbstversorgten auf. Sechs Ländern mit einer Selbstversorgung von über 100 v.H. ständen 28 minderversorgte Länder gegenüber.

In jeder Sicht bleibt die Tatsache bestehen, daß der essende Mensch und sein Anspruch an das verfügbare Nahrungsgut die gestaltenden Momente in der Ernährungs­praxis der Welt sind.

Die Zahl der Esser ist bedeutsamer als der jeweilige Hektarertrag.

Bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts war Deutschland ein Land des Getreideüberschusses und der Getreideausfuhr. Dann wandte sich 1878 das Blatt. Deutschland wurde Einfuhrland und ist es bis heute geblieben, trotz einer sprunghaft fortgesetzten Erhöhung des landwirtschaftlichen Gesamt­ertrags und des Ertrags je Bodeneinheit. In dem alten Agrarland Großbritannien ging der Übergang vom Getreideexport zum Getreideimport bereits bedeutend früher vor sich.

Rußland ist das erste moderne Getreideausfuhrland der Erde. Rußland hat damit begonnen, das sich immer stärker industrialisierende Europa mit seinen über ihren Lebensraum hinauswachsenden Menschenmassen groß zu füttern. Rußland war in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts der größte Getreide­exporteur.

234


Es versorgte mit wesentlichen Zuschüssen namentlich England und Deutschland. Um die Jahrhundertwende erlahmte Rußlands Exportkraft, um nach einem neuen Erwachen vor dem ersten Weltkrieg unter der Sowjetherrschaft ganz zu verschwinden. Für diese Entwicklung ist nicht die Erzeugung Rußlands, die kontinuierlich und stark gestiegen ist, verantwortlich, sondern das Wachsen der Bevölkerung. Rußland spielt heute die Rolle eines Selbstversorgers.

Als Rußlands Exportkraft erlahmte, traten die Vereinigten Staaten von Amerika als Ernährer Europas auf den Plan. Die Entwicklung verlief ähnlich wie in Rußland. In den Vereinigten Staaten steigt immer noch der Eigenverzehr infolge der Bevölkerungsvermehrung, so daß die Stellung der Vereinigten Staaten als Exportland problematisch wurde, trotz einer geradezu gigantischen Ausweitung der landwirtschaftlich genutzten Flächen, die dem Getreidebau zugute kam.

Die Bevölkerung der Staaten stieg von 31 Millionen im Jahre 1860 auf 131,4 Millionen Seelen im Jahre 1940 an, und immer klarer trat im Verlauf der letzten 15 Jahre die Tatsache hervor, daß die Vereinigten Staaten nur im Falle guter Ernten exportieren können, während sie im Falle von Durchschnitts- und Minderernten durchaus in der Lage sind, ihre Ernten selbst zu verzehren. Das einstmals führende Exportland der Welt in Weizen hat seine Stellung längst an das volksarme Kanada abtreten müssen, und es rangiert in der Ausfuhr hinter Argentinien und Australien. 

Die Steigerung der Volksdichte von 11,96 je Quadratkilometer im Jahre 1913 auf 16,8 im Jahre 1940 zeigt ihre Wirkungen. Amerika wird immer stärker volkreicher Raum, und deshalb muß es sich von seiner alten Aufgabe, Miternährer der Zuschußländer der Welt zu sein, immer mehr lösen. Auch hier zeigt sich wieder die Tatsache, daß nur der menschenarme Raum das ernährungswirtschaftliche Schicksal unseres Planeten in seinen Händen hält.

235


Der unentwegte Verfechter einer frisch-fröhlichen Bevölkerungsvermehrung mag einwenden, daß hier insofern ein Trugschluß vorliegt, als eine größere Volkszahl der Erde höhere Erträge abzwingen könne. Wenn, so argumentiert man, neun Argentinier auf den Quadratkilometer ihres Landes losgelassen werden statt der heutigen 4,6, so wird die vermehrte Anzahl den Boden doppelt so intensiv bearbeiten können und entsprechende Erträge erzielen, und die doppelte Anzahl der heute vorhandenen Australier müßte ähnliche Resultate erzielen. Eine solche Argumentation geht achtlos an Tatsachen vorbei, die ein gewichtiges Wort mitsprechen.

Zunächst spielt das Gesetz vom abnehmenden Bodenertrag eine Rolle, jenes bereits erwähnte Gesetz, das besagt, daß die Verdoppelung des Aufwandes auf einer Flächeneinheit nicht eine Verdoppelung des Ertrags bedeutet. Für die menschenarmen Räume würde dies zunächst bedeuten, daß die Zahl der zu versorgenden Menschen unverhältnismäßig steigen würde, wodurch die Selbstversorgungsquote relativ und die Ausfuhrmenge absolut sinken müßte. Ferner ist der grundlegende Unterschied zwischen mechanischer und organischer Erzeugung zu berücksichtigen.

In den Erzeugungsprozessen der Natur gelten andere Gesetze als in Industrie und Gewerbe. Die Arbeit des Menschen ist auch in der naturgebundenen Erzeugung ein wesentlicher Faktor, aber im Vergleich zu den Erzeugungsfaktoren der Natur schrumpft die mechanische Arbeit doch auf einen Grad minderer Bedeutung zusammen.

Man muß in diesem Punkte auch an die mechanischen Hilfsmittel des Menschen denken, an Maschinen und Motoren. Die Arbeitsintensität der technisierten Landwirtschaft in der Welt ist gestiegen, ihr Arbeitsbereich wurde erweitert, und menschliche und tierische Arbeitskraft wird eingespart und geschont. Die Landwirtschaftstechnik aber spielt gerade in den menschenarmen Räumen der Welt eine überragende Rolle. 

236


Sie haben die Technik in die Landwirtschaft eingeführt und zum höchsten und vollkommensten Wirkungsgrad gebracht, nicht die volkreichen Kulturländer der alten Welt, wo die Maschine nicht selten Arbeitsverknappung und damit Schmälerung des Nahrungserwerbs bedeutet. Im menschenarmen Raum ersetzt die Maschine den Menschen und paßt den Arbeitseffekt dem des menschenreichen Raumes an, ohne den Druck eines Mehrs von Essern auf den Nahrungs­vorrat aufkommen zu lassen.

 

Es gibt gewiß in allen Teilen der Welt noch Erzeugungsreserven des Landbaus, die durch Intensivierung mobilisiert werden können. Man braucht nur die Hektar­erträge zu betrachten, um an den bestehenden Unterschieden abzulesen, daß noch Spielräume vorhanden sind. Es bleibt allerdings die dunkle Frage, inwieweit die theoretischen Möglichkeiten realisierbar sind und in welchen Zeiträumen sie zu realisieren wären.

Für das wichtigste Brotgetreide, den Weizen, sind für den Durchschnitt der Jahre 1932/38 folgende Hektarerträge in Doppelzentnern festgestellt:

Dänemark ... 30,2 

Holland ... 29,8

Deutschland ... 22,9

Frankreich .... 16,0

Italien .... 14,7  

Vereinigte Staaten ... 8,5

Kanada ...... 7,7 

Argentinien .... 9,5

         

Es wäre voreilig und ungerecht, in einem unterdurchschnittlichen Hektarertrag ein Zeichen von Rückständigkeit und unordentlicher Wirtschaft sehen zu wollen, während es auf der anderen Seite durchaus gerechtfertigt ist, in einem hohen Ertrag ein Zeichen für besondere landwirtschaftliche Tüchtigkeit zu sehen. Jedes Land hat offenbar eine bestimmte obere Grenze des Ertrags, die festgelegt wird nicht durch menschliche Arbeit und Tüchtigkeit, sondern durch die natürliche Veranlagung des betreffenden Landes. Kanadas Ertrag von 7,7 Doppelzentnern kann angesichts der harten Natur des Landes eine höhere Leistung darstellen als Dänemarks Weltrekord mit 30,2 Doppelzentnern, die gewonnen werden unter außerordentlich günstigen Verhältnissen.

237


Die bestehenden Ertragsunterschiede können Anregungen . für die weitere Arbeit und Gestaltung innerhalb des Landbaus der verschiedenen Länder geben, sie dürfen jedoch niemals als Grundlage für die Berechnung fiktiver Ertragskapazitäten und entsprechender Volkskapazitäten genommen werden, wie dies in der Zeit der Nazi-Bocksprünge in Deutschland geschehen ist. Ein namhafter Statistiker errechnete unter Zugrundelegung des großdeutschen Leistungs­standards, daß Kontinentaleuropa, dieser bevölkerungspolitisch bereits überhitzte Kessel mit seinen 343 Millionen Menschen — zu wenig Bewohner habe, da seine Bevölkerungskapazität 460 Millionen Köpfe betrage! Zu dieser Ansicht erübrigt sich jedes erklärende Wort.

 

    Der kategorische Imperativ   

 

Vom Menschen und seiner Kopfzahl hängt das Schicksal unseres Planeten ab. Die Verhältniszahl regiert die Welt. Die aktive Einwirkung des Menschen auf die Natur und deren Bestände und Kräfte ist nicht das Primäre, das Primäre ist die Dynamik, die von der Masse Mensch ausgeht. Die Masse Mensch ist wirksam durch ihr bloßes Vorhandensein. Sie ist der regierende Faktor in ihrer Eigenschaft als Nutznießerin der erzeugenden Naturkräfte. Ihre Dynamik wächst mit ihrer Zahl. Wenn sie sich in ihren Unterhaltsmitteln beengt fühlt, sprengt sie bewußt oder unbewußt ihre sittlichen Fesseln.

Das Bedürfnis der zu ernährenden Massen reguliert das Verhältnis des Menschen zu seinem Nährboden. Mit dem steigenden Bedürfnis artet der Druck der Massen auf ihre Nährflächen aus bis zu jenen Methoden, Kunstgriffen und Kniffen des Raubbaus, die dem modernen Landbau das Gepräge geben. 

238


Zunächst ging es dabei um lokal und regional begrenzte Flächen, dann um ganze Länder und schließlich, im Zeichen höchster Verkehrsentwicklung, um die Nährflächen der ganzen Welt. Wenn in den Staaten des mittleren amerikanischen Westens ein beispielloser Raubbau an den alten Prärieböden betrieben wurde, so gab das Eingehen auf den Bedarf der Menschenmassen Europas den unmittelbaren Anlaß zu der folgenschweren Mißwirtschaft. Unheilvolle Fernwirkungen wurden aktiviert.

Es liegt in der animalischen Natur des Menschengeschlechts, die sich vor ihm ausbreitenden Nahrungsspielräume schnellstens und restlos auszufüllen. Aus diesem Grunde führt der Weg der Menschheit ständig entlang einer äußeren Grenze, jenseits der die Not beginnt. Auf diese Weise nur erklärt sich die endlose Kette der Hungersnöte, durch die die Menschheit hindurchgehen mußte. Seit Christi Geburt bis zum Ausbruch des letzten Krieges registriert die Weltgeschichte nicht weniger als 421 Hungersnöte größeren und großen Ausmaßes, d.h. also, daß von hundert Jahren 21,3 Jahre Hungerjahre sind.  

Die tatsächliche Verteilung der registrierten Hungerjahre auf die einzelnen Jahrhunderte ist jedoch so kennzeichnend, daß es erforderlich erscheint, die Jahre der Hungersnöte tabellarisch wiederzugeben.

Es gab Hungerjahre im:

Jahrhundert

Anzahl

  

Jahrhundert

Anzahl

1.

10

11.

42

2.

8

12.

32

3.

6

13.

37

4.

7

14.

21

5.

9

15.

18

6.

11

16.

24

7.

12

17.

20

8.

17

18.

40

9.

29

19.

57

10.

21

20. bisher

19

239


Die Zusammenstellung offenbart die Tatsache, daß Hungersnöte in beängstigender Häufung nicht in den Jahrhunderten auftraten, in denen ein primitiver Landbau eine mit der Bodenleistung noch im Einklang stehende Bevölkerung zu ernähren hatte, sondern in den Jahrhunderten, die als die Ära des "Aufstiegs der Menschheit" gepriesen werden. Es sind jene Jahrhunderte, in denen die Bevölkerung aller zivilisierten Länder ein rapides Tempo der Vermehrung einschlug, und die — es klingt wie eine Groteske — gekennzeichnet sind durch Fortschritte im Landbau, die beispiellos in der Geschichte dastehen. Die Menschheit vermehrt sich eben so schnell, daß die Vermehrung der Nahrungsmittel nicht zu folgen vermag. Die Spielräume zwischen Erzeugung und Verzehr werden durch das animalische Verhalten des Menschengeschlechts fortgesetzt in allzu engen Grenzen gehalten.

Die Kriterien der Nahrungserzeugung sind in normalen Zeitläuften die Begrenzung der Flächen, die Bindung der Wachstumsfaktoren an unwandelbare Naturgesetze sowie die Langsamkeit und Zufallsbedingtheit des Erzeugungsprozesses. Daraus ergibt sich etwas Ähnliches wie eine arithmetische Reihe der Vermehrung. So viele Bindungen, Bedingungen und Hemmnisse gibt es für die Volksvermehrung nicht. Hier gilt die lapidare Formel, die ein großer Humorist schmunzelnd in die Worte kleidet, daß Vater werden gar nicht schwer sei; es erscheint um so weniger schwer, als die Bevölkerungs- und Sozialpolitik vieler Staaten recht beflissen die Bürde des Vaterseins zu erleichtern sucht. Das Ergebnis war bisher die ziemlich ungetrübte geometrische Reihe in der Bevölkerungsvermehrung.

Der Ausweg aus dem bedrohlichen Dilemma, in dem sich die Menschheit immer mehr verfängt, könnte nach drei Richtungen hin gesucht werden. 

Einmal in Richtung auf Erhöhung der Bodenproduktion, zum anderen durch eine entsprechende Senkung des Lebensstandards und zum dritten in einer Ordnung der natürlichen Bevölkerungsbewegung, die stärker, als es bislang geschah, das Gleichgewicht zwischen Vorrat und Verbrauch, zwischen Angebot und Nachfrage in Nahrungsgütern ins Auge faßt. Es ist notwendig, sich mit den drei Möglichkeiten auseinanderzusetzen.

240


In Nazi-Deutschland, wo das Wort "unmöglich" aus dem Sprachschatz gestrichen werden sollte, ist ein gewissermaßen klassischer Versuch gemacht worden, durch weitere Intensivierung den Selbstversorgungsgrad zu steigern. Dieses Experiment untermauert mit seinem praktischen Erfolg nicht nur das "Gesetz vom abnehmenden Bodenertrag", sondern zeigt auch, welchen Schwierigkeiten sich die wachsende Menschheit gegenüber sieht, wenn der Ausgleich zwischen Menschzahl und Nahrungsvorrat nicht mehr durch weitere Ausdehnung der genutzten Flächen, vielmehr in wirklicher Ertragssteigerung von der Bodeneinheit gesucht werden muß.

Zur Hebung des Düngerverbrauchs und damit der Hektarerträge nahm Nazi-Deutschland eine wesentliche Senkung der Preise für die wichtigsten künstlichen Düngemittel vor. Von 1932/33 bis 1938/39 stieg der Verbrauch an: 

Und welchen Erfolg hatte dieser fast auf der ganzen Linie reichlich verdoppelte Düngeraufwand? 

Es betrug der Hektarertrag in Doppelzentnern:

 

 

 

Roggen

Weizen 

Gerste 

Kartoffeln

Zuckerrüben

1932 

 

 18,8

 21,9

 20,5

163,3

290,9

1939 

 

 19,8

 23,6

 22,2

182,2

333,4

Steigerung v.H.

 

 5,4

 7,8

 8,3

11,6

14,6

241


Vorausgesetzt daß die Ertragsangaben für 1939 nicht nach Nazigepflogenheit frisiert, sind, handelt es sich um namhafte Steigerungen, doch bleibt eine starke Differenz zwischen Mehraufwand und Mehrertrag bestehen, die Anlaß zu ernsten Überlegungen bieten sollte, um so mehr, als diese Differenz bei jeder weiteren Erhöhung dies Einsatzes unverhältnismäßig wächst. Den theoretischen Möglichkeiten steht eine harte und kostspielige Praxis unter dem Gesetz vom abnehmenden Bodenertrag gegenüber.

Der zweite Weg, ein tragbares Verhältnis zwischen Nahrungsvorrat und Verzehr herzustellen, ist die Herabsetzung des Lebensstandards. Auch von dieser Möglichkeit hat das Naziregime ausgiebig Gebrauch gemacht, indem es den Lebensstandard des deutschen Volkes auf den der primitivsten Völker herabdrückte, um aber schließlich doch erkennen zu müssen, daß auch auf diese Weise der Magen der Masse, mit dem notwendigen Gewicht der armseligsten Nahrungsmittel nicht hinreichend gefüllt werden konnte. 

Die Absicht scheiterte an der großen Zahl der "Versorgungsberechtigten", und so wird die 12jährige Naziherrlichkeit in die Geschichte eingehen als eine Zeitspanne, von der 6 Jahre eine latente Hungersnot bedeuten, während die anderen 6 Jahre Jahre des krassesten Hungers eines ganzen einstmals gut ernährten Volkes sind. 

Die deutsche Experimentierkunst auf ernährungswirtschaftlichem Gebiete sollte eine Warnung für die ganze Welt bedeuten. Auch Englands Indienpolitik wird dauernd eine Schattenseite trotz aller Bemühungen der Kolonialbehörden um weitere agrarische Erschließung des Landes aufweisen, solange die Vermehrungs­freudigkeit der indischen Massen nicht auf ein menschenwürdiges Maß zurückgeht.

  242


Damit sind wir auf den dritten Weg gekommen, auf dem die Menschheit aus den Engpässen ihres heutigen Daseins hinausgeführt und von der Hunger­drohung befreit werden kann, während gleichzeitig die Todesdrohung, die unsichtbar über den nährenden Böden der Erde schwebt, beseitigt wird.

Wir haben den Druck der Masse Mensch auf den Nahrungsvorrat der Welt und auf die mit der Nahrungserzeugung befaßten Produktionsmittel, namentlich den Boden, kennengelernt. 

Es soll nun nicht behauptet werden, daß heute bereits zu viel Menschen auf dem Erdenrund vorhanden sind, aber es muß gesagt werden, daß ihrer offenbar schon im gegenwärtigen Zeitpunkte genug auf der Erde leben. 

Es soll auch nicht behauptet werden, daß keinerlei Vermehrung der Menschheit über ihren jetzigen Stand hinaus stattfinden dürfe, aber es muß der Grundsatz aufgestellt werden, daß die Vermehrung der Bevölkerung wieder das werde, was sie war, ehe eine ehrgeizige Politik die Menschen zu Werk­zeugen ihrer Machtgelüste machte. 

Es soll auch nicht gefordert werden, daß die Wissenschaft nicht mehr alle ihre verfügbaren Kenntnisse und Mittel im Kampfe gegen Krankheiten, gegen die Sterblichkeit und für die Verlängerung des durchschnittlichen Lebensalters einsetzt, es muß aber gefordert werden, daß in Dingen der Familiengründung und der Kindererzeugung ein höheres, ja das höchste Maß von Selbstverantwortung wieder in seine alten Rechte tritt. Das ist nicht Lebensverneinung, sondern im tiefsten Grunde Lebensförderung.

 

Auch in der Bevölkerungs- und Sozialpolitik läßt sich das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen. Es würde der Auffassung unserer Zeit nicht entsprechen, wenn versucht würde, die demographische Entwicklung mit Mitteln zu lenken, die noch vor hundert und zweihundert Jahren die Regel waren. Bevor der jüngste agrarische und industrielle Aufstieg neue Lebensmöglichkeiten eröffnete, galt als Maxime der Staatskunst in bevölkerungspolitischer Hinsicht nicht der Drang nach einer ufer- und ziellosen Steigerung der Bevölkerungszahlen. Man strebte nicht nach der großen, sondern nach der soliden Zahl.

243


Eheerschwerungen aber haben keinen Kurswert mehr, seit der Wettlauf der modernen Staaten um wirtschaftliche und politische Macht und um Menschenfülle begann. Man brauchte ein Riesenheer von Maschinenknechten, um im Wettlauf um den wirtschaftlichen Vorrang bestehen zu können, man brauchte industrielle Reservearmeen, und nicht zuletzt brauchte man riesenhafte Heere von Soldaten, Futter für immer bessere Kanonen und immer schneller schießende Maschinengewehre.

In dem Augenblick, wo das materialistische Denken des jüngsten Zeitalters den Einzelmenschen seines Wertes und seiner Würde entkleidete und das Schwergewicht der Wertschätzung auf die Masse Mensch legte, degradierte sich die Menschheit fortschrittlicher Länder zum Objekt einer Nachwuchs­züchtung, wie sie in Tierställen, in Kaninchen­zuchtanstalten und Geflügel­brütereien üblich sein mag. 

Staatsmänner faßten die Fürsorge für die Bevölkerungsentwicklung dahin auf, daß die größtmögliche Volksvermehrung das erstrebenswerteste aller Ziele sei. Um es zu erreichen, scheuen sie nicht vor der Anwendung moralisch und sittlich zerrüttender Mittel zurück. Im Normalfall stärkt die Ehe das Gefühl der Selbstverantwortlichkeit; das Gegenteil muß sie bewirken, wenn eine fehlgesteuerte Bevölkerungspolitik diese wichtigste Institution des sozialen und staatlichen Lebens durch direkte, und indirekte materielle Zuwendungen hemmungslos fördert. 

Im Normalfalle wirkt die Sorge für eine Familie veredelnd; das Gegenteil ist der Fall, wenn Staat und Gemeinschaft dem Familienvater grundsätzlich die Bürde des Unterhalts abzunehmen und obendrein Prämien für besonderen Kinder-"Segen" zu zahlen bereit sind. Es wirkt moralisch und sittlich zerrüttend, wenn der Faktor Geld mit den feierlichsten und heiligsten Vorgängen des menschlichen Daseins von vornherein in Verbindung gebracht wird. Es stumpft das Gefühl der Selbstverantwortlichkeit und das Ehrgefühl ab, wenn eine Familie in dem Bewußtsein gegründet werden kann, daß man den Nachwuchs ganz oder teilweise nicht selbst zu ernähren und zu umsorgen braucht.

Es soll durchaus nicht behauptet werden, daß Staat und Gemeinschaft zur Verlangsamung und Ordnung der Volksvermehrung zu Hemmungs­maßregeln im Sinne vergangener Jahrhunderte greifen müssen, es soll auch in keiner Weise der sozialen und medizinischen Indikation oder der Aufhebung der Strafparagraphen zum Schutz des werdenden Lebens das Wort geredet werden, aber es muß verlangt werden, daß die "natürliche Bevölkerungsbewegung" wieder ein wirklich natürlicher Vorgang werde, der nicht durch künstliche Mittel und Methoden in andere als von der Natur, der Umwelt und den allgemeinen Daseins­bedingungen gewollte Entwicklungskurven gezwungen wird.

Diese Forderungen müssen erfüllt werden — nicht zum Unsegen und zur Vernichtung des Menschengeschlechts, sondern zu seinem Segen. Übervölkerung führt zu allem Unheil, das große soziale Gemeinschaften bedrohen kann: zur Häufung von Wirtschaftskrisen, zu Arbeitslosigkeit, zu latentem und offenem Hunger und schließlich zu blutigem Krieg. 

Übervölkerung bedeutet Störung des Gleichgewichts zwischen Menschenzahl und Lebensraum, zwischen Mensch und Natur, zwischen menschlichem Bedarf und erzeugender Bodenkraft. Übervölkerung als Dauererscheinung führt zu zwangsweisem Mißbrauch des nährenden Bodens, führt zu Verstärkung der Raub­bautendenz der Landwirtschaft, führt letzten Endes — in die Wüste.

244-245

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Anton Metternich 1947