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Kann die Retorte helfen?       Anton Metternich 1947

 

 

     Die Zuflucht zum Surrogat    

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Nichts kennzeichnet die heutige ernährungswirtschaftliche Situation besser als der Drang zum Ersatzstoff, zum Surrogat. Man möchte fast sagen, daß ein neues Zeitalter heraufdämmert, das Zeitalter einer Surrogatwirtschaft großen Stils. Die Chemie läuft auf hohen Touren. Sie widmet dem Bedürfnis nach Speise und Trank eine geradezu verblüffende Aufmerksamkeit.

Die unterschiedliche Verteilung der irdischen Güter und der Kaufkraft hat jederzeit die minderbemittelten Bevölkerungskreise veranlaßt, teuren Erzeugnissen auszuweichen und Ersatz bei billigen Produkten zu suchen. Die Nahrungsmittelindustrie hat sich dieses durchaus verständlichen Bestrebens angenommen und eine reiche Auswahl von Ausweichnahrungs- und Genußmitteln entwickelt. 

Solange der Austausch natürliche Wege beschreitet, d.h. solange wirkliche Nahrungsmittel lediglich in Form oder Geschmack verändert werden, um der Illusion der Käufer entgegenzukommen, ist gegen die Ersatz-Wirtschaft kaum etwas einzuwenden. In anderer Beurteilung erscheinen die Dinge, wenn die Chemie sich dieses Arbeitsgebietes annimmt und die chemische Synthese sich mit der Auffindung ganz neuer "Nährstoffe" befaßt. Der immer drückender werdende Mangel aber hat diesem Streben stärksten Vorschub geleistet. 

Auf kaum einem anderen Gebiete haben Wissenschaft und Praxis so einträchtig zusammengearbeitet wie auf dem Gebiet der Nahrungsmittelchemie, keine andere Aufgabe der chemischen Wissenschaft hat aber auch durch das willige Mitgehen weiter Bevölkerungskreise, eine so fruchtbare Förderung erfahren wie gerade die Arbeit der Nahrungsmittelchemie.

Es gibt Dinge, die sozusagen zur zweiten Natur des modernen Menschen gehören. Dazu zählt die unbändige, beinahe krankhafte Wertschätzung alles dessen, was eine Maschine oder die Retorte durchlaufen hat. Das Maschinenerzeugnis genießt eine starke Bevorzugung vor dem Erzeugnis, das natürlich geblieben ist. 

Ein kleines Beispiel:  

Die Mühlen Europas sind in der Lage, ein gutes und gesundes Weizenmehl aus in- und ausländischem Getreide herzustellen, das sich für alle Verwendungs­zwecke eignet. Die Amerikaner tun ein übriges. Sie bleichen ihr Weizenmehl mit künstlichen Mitteln bis zu einem Grade, daß die weiße Farbe des Mehls bis ins Unnatürliche gesteigert wird. Bei dieser Behandlung werden wesentliche Wirkstoffe zwangsläufig zum Absterben gebracht. 

Dieses unnatürlich weiße und einem dauernden Wohlbefinden wenig zuträgliche amerikanische Mehl aber ist ein Wunschtraum jeder europäischen Hausfrau, die dem Trugschluß unterliegt, daß die industrielle und chemische Bearbeitung immer nur verbessern, niemals aber ein Erzeugnis verschlechtern könne. 

Man könnte dieses Beispiel verhundertfachen. Es mag aber hinreichen, um den unbeirrbaren Glauben an die Maschine und an die Kunst des Chemikers zu illustrieren und zugleich zu erklären, warum die Arbeit auf chemo-industriellem Gebiet auf so fruchtbaren Boden fällt.

Wo beendet die Retorte ihr erlösendes und bestehende Schwierigkeiten milderndes Spiel, und wo beginnt ihr Irrweg? Die Dinge verschlingen sich zu einem verwirrenden Bild seltsamer Kontraste. Grundsätzlich ist zu sagen, daß die Retorte ein wesensfremdes Element in die Erzeugung von Nahrungsgütern gebracht, hat. Nichtsdestoweniger ist nicht alles, was von der chemischen Praxis auf diesem Gebiete ausgeht, abzulehnen.

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Als Friedrich Woehlert die Harnstoff-Synthese entdeckte, hielt die Welt den Atem an. Man glaubte, dem Lebensgeheimnis auf die Spur gekommen zu sein. Man übersah, daß hier nur die künstliche Herstellung eines toten Stoffes, der allerdings von lebendigen Organismen ausgeschieden wird, gelungen war. Der Nimbus um die Retorte und der Wunderglaube an sie ist jedoch seit jener Zeit lebendig geblieben. Mit Hilfe der Retorte und des Mannes, der sie in seiner Zauberküche bedient, möchte man die Natur und ihre Kräfte vollends überwinden und sich von ihrem Wirken gänzlich freimachen.

Kein Zweifel: In den Laboratorien der Chemie sind wahre Großtaten vollbracht worden. Sie sind, vom wissenschaftlichen Standpunkte gesehen, bewunderns­wert; segensreich aber wirken sie offenbar nur dann, wenn sie natürliche Wege gehen, wenn sie das zeugende Schaffen der Natur nicht beiseite schieben und ersetzen wollen, sondern es fördern und unterstützen. Das ganze moderne Leben auf unserem Erdball stützt sich auf eine solche Leistung der Retorte.

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Es wurde eingehend dargelegt, in welches Dilemma die moderne Menschheit hineingeraten ist. Sie hat die Wahl zwischen dem Hungertode und der Hilfe durch die chemische Industrie. Sie hat in der Stunde, als sie die großartigen Entdeckungen eines Justus Liebig für ihre Praxis akzeptierte, den letzteren Weg gewählt. Ihre hohen Ernten verdankt sie der Anwendung künstlicher Düngemittel. Das natürliche Aufkommen namentlich von Stickstoff genügt bei weitem nicht zur Aufrechterhaltung höchster Erträge. Die Herstellung von schwefelsaurem Ammoniak im Nebenbetrieb der Kokerei ist ein Werk der Retorte, ferner sind solche Werke die Stickstoffsynthese im Bosch-Haber-Verfahren sowie die Herstellung von Kalkstickstoff und künstlichem Salpeter. Mit Hilfe von Säuren wird in allen Fällen freier Stickstoff an feste Materie gekettet und so in eine Form gebracht, die sich zum Gebrauch als Düngemittel eignet.

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Die Menschheit hat sich mit dem Massenverbrauch dieser künstlichen Düngemittel zur Erhaltung und zur Steigerung der Erträge vollkommen abgefunden. Sie wertet die Errungenschaften der Industrie der künstlichen Düngemittel kaum als das Werk der Retorte, weil ihre Nutzbarmachung natürliche Wege geht. Man stärkt mit diesen Erzeugnissen die nährende Kraft der Böden und füttert mit ihnen die Pflanzen. Man will mit ihnen das Wirken der Natur nicht überflüssig machen, sondern es fördern.

Seit einem halben Jahrhundert düngten wir unsere Felder mit diesen Kunstprodukten der chemischen Industrie. Die Erträge der Nutzpflanzen sind daraufhin gewaltig in die Höhe gegangen. Doch ein abschließendes Urteil über den Segen der Anwendung künstlicher Düngemittel darf man vorsichtigerweise noch nicht fällen. Es wurde bereits mehrfach gesagt, daß sich der Zusammenhang von Ursache und Wirkung in der Natur erst in langen Zeiträumen zu zeigen pflegt.

Es soll hier nicht auf die vielerörterte Frage eingegangen werden, ob die Düngung mit chemisch gebundenen Pflanzennährstoffen der Gesundheit und dem Wohlbefinden der animalischen Kreatur abträglich ist. Diese stille und hartnäckig aufrechterhaltene Behauptung mag von Medizinal- und Veterinärräten sowie anderen sachverständigen Männern diskutiert werden, die uns in ihren Diagnosen auch verraten, daß etwa 10 v.H. der heutigen Menschheit an Krebs­erkrankungen und rund 80 v.H. an Rheuma leiden, daß Karies und Paradentose sich stark verbreitet haben, daß die Neigung zur Thrombose beängstigend gestiegen ist und daß sich in der Disposition des menschlichen Organismus noch weitere rätselhafte Veränderungen zeigen, die man früher gar nicht oder wenigstens nicht in diesem Umfange kannte. 

An dieser Stelle kommt nur die Wirkung auf den Boden in Betracht.

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Immer stärker zeigt sich im vertikalen Profil unserer Nutzflächen ein kritischer Horizont: die Pflugsohle. Der moderne Pflug zieht eine Standardfurche, jahraus, jahrein lockert er den Boden in einer bestimmten Tiefe. Die Bodenschichten, die unter der Pflugsohle liegen, werden nicht bewegt. Hier sammeln sich die Salze und Säuren, die in den gelockerten Schichten aus den chemischen Düngestoffen ausgewaschen werden. Das führt zu schädigenden Verdichtungen in dieser Zone, die so weit gehen können, daß sich der die Nutzung ganz in Frage stellende Ortstein bildet, ein steinhartes, wasser­undurch­lässiges Pflaster, wie die Säuren der Moore es in deren Untergrund vielfach gebildet haben, mit dem Erfolg, daß hier jede Kultivierungs­maßnahme zum Tode verurteilt ist. Für unsere Nutzflächen deuten sich ähnliche Entwicklungen an.

Der Mensch liebt die Vogel-Strauß-Politik. Vor gefährlichen Dingen, die ihm im Augenblick nutzen, steckt er gerne den Kopf in den Sand. Er kennt die Gefahr, doch den Grund dafür möchte er nicht in seinen Düngungsmethoden erblicken, sondern er macht seinen guten alten Pflug dafür verantwortlich. So ist der Pflug, das ehrwürdige Symbol der Landwirtschaft seit alters her, im rasenden Wirbel des Fortschritts für die moderne Landwirtschaft problematisch geworden. In Amerika hbat eine namhafte Gruppe von Farmern unter Führung von Edward H. Faulkner aus dem Staat Kentucky dem treu gedienten Pflug bisheriger Prägung den Kampf angesagt und wirbt für seinen Ersatz durch den Scheibenpflug, der keine Sohle bildet, und der dazu zwei Arbeitsgänge, nämlich das Lockern des Bodens und das Eggen, vereinigt. Doch vielleicht irrt Mister Faulkner und irren mit ihm alle, die vermeinen, daß vom Pflug allein das Unheil ausgeht, das sich auch in den tieferen Bodenschichten anbahnt.

 

   Die synthetische Leberwurst  

 

Die Überschrift klingt fürchterlich: Doch weil bei den Präparaten, die im folgenden besprochen werden, die Retorte sich der Mitwirkung mikro-biologischer Vorgänge, also natürlicher Entwicklungsprozesse, bedient, mag diese synthetische Leberwurst als halbnatürliches Erzeugnis der Lebensmittelchemie noch hingenommen und — verspeist werden. Sie fällt in den großen Arbeitskomplex, der Chemie und Biologie auf einer Ebene mit weitem Ausblick vereinigt.

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Dr. Bergius und Dr. Scholler haben mit der von ihnen entdeckten Verzuckerung des Holzes der Chemie neue Arbeitsgebiete eröffnet. Einmal dient der Holzzucker als Futtermelasse wichtigen Wirtschaftszwecken der Landwirtschaft. Weiterhin kann der Holzzucker in Alkohol umgewandelt und in dieser Form als Treibstoff nutzbar gemacht werden. In dieser Stufe der Weiterverarbeitung von Holzzucker schaltet sich der Biologe ein.

Die von der Brauindustrie gebrauchte Kulturhefe wandelt den Zucker fast restlos, nämlich zu 97,5 v.H., in Alkohol um. Für die Neubildung von Hefe bleibt demnach der geringe Prozentsatz von 2,5 v.H. übrig. Es gibt jedoch Hefepilze, wie insbesondere die Wildhefe Torula utilis, die den Zucker nicht in Alkohol umwandeln, sondern ihn zu ihrer Vermehrung und zu einem Wachstum von geradezu phantastischen Ausmaßen verwenden. Erforderlich sind zu dieser Bildung neuer Hefezellen Kohlehydrate, hier dargestellt durch den Zucker, sowie eine Reihe von Nährsalzen, wie Stickstoff, Phosphor, Natrium und Magnesium. Auf dieser Grundlage entfaltet die Hefe eine ans Unfaßbare grenzende regenerative Kraft. Unter Anwendung des Waldhofverfahrens verdoppelt sich ein gegebener Hefebestand innerhalb von vier Stunden, d. h. aus einem Kilogramm Hefe werden an einem Tage 64 Kilogramm, in zwei Tagen 4100 Kilogramm, in drei Tagen 262.000 und in vier Tagen 16,8 Millionen Kilogramm Hefe. 

Diese ungeheure und einzig in der Welt dastehende Wachstumskraft verdankt die Hefe ihrem hohen Reichtum an lebenswichtigen Wirkstoffen, an Vitaminen und Enzymen. Diese Eigenschaft macht sie aber auch ernährungswirtschaftlich hoch bedeutsam, zumal sie auch über einen außerordentlich hohen Gehalt an Eiweiß verfügt, der etwa 50 v.H. beträgt.

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Die Nahrungsmittelchemie hat sich der Verwertung dieser Hefen zu Nahrungs- und Futterzwecken angenommen und Verfahren entwickelt, die diesem hochwertigen Grundstoff Aussehen und Geschmack zahlreicher Nahrungsmittel zu geben in der Lage sind. Außerordentlich bedeutsam für die Nutzung dieser Hefen waren u. a. die Arbeiten des finnischen Wissenschaftlers Dr. Krohn, der in Deutschland während des letzten Krieges an der Darstellung künstlicher Fettstoffe arbeitete. Es gelang Dr. Krohn, ein Hefepräparat darzustellen, das außer dem hohen Eiweißgehalt von 50 bis 55 v.H. auch noch 20 v.H. Fett enthält. Das ist insofern bemerkenswert, als die bisher bekannten und gebräuchlichen Hefen einen Fettgehalt von im besten Falle nur 1,5 v.H. aufwiesen.

Auch hinsichtlich der Erzeugung dieser Hefen wurden wesentliche Fortschritte erzielt. Während nach den früheren Verfahren organische Grundstoffe als Ausgangserzeugnisse für die Herstellung benutzt wurden, gelang nunmehr auch die völlig synthetische Darstellung derartiger Kulturhefen, d. h. eine Herstellung, die ausschließlich auf anorganische Stoffe zurückgriff. Versuche führten nämlich zu dem Ergebnis, daß auch aus Essigsäure diese Hefen zu entwickeln waren, also aus einem Stoff, der aus Kalk und Kohle gewonnen wird. Damit war den. einschlägigen Arbeiten eine neue entscheidende Richtung gewiesen.

Das ist der Hintergrund, auf dem die synthetische Leberwurst ins Dasein getreten ist. Farbe und Geschmack der gezüchteten Hefen machen diese als Ausgangs­stoff für Wurstwaren ganz besonders geeignet, und der Mitarbeiter des Chemikers bevorzugt deshalb die Darstellung von Leberwurst, weil sich eine Verwendung der Hefepräparate in der ungegebenen Richtung auch hinsichtlich der Geschmacksmitteilung am besten vertreten läßt. 

Im letzten großen Kriege hat auf deutscher Seite diese Leberwurst, fein säuberlich in Büchsen verpackt, bei der Truppenverpflegung eine nicht unerhebliche Rolle gespielt.

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Aber auch im sogenannten zivilen Sektor, besonders bei der Massenverpflegung, wurde in erheblichem Maße auf solche synthetischen Nahrungsmittel zurück­gegriffen. Die Illusion steht dem Chemiker helfend zur Seite, und der gute Glaube aller, die mit diesen Erzeugnissen gespeist wurden, ist in keiner Weise erschüttert worden.

 

     Die künstliche Eiweißplantage    

 

In den Hungerjahren des ersten Weltkrieges hörte man schon das hoffnungsfrohe Wort vom <Eiweiß aus der Luft>. Der optimistische Laie dachte damals bereits an eine unmittelbare Verengung der gewaltig klaffenden Versorgungslücke. Die einschlägig interessierte Wissenschaft aber, vornehmlich vertreten durch Delbrück, Lindner und einen Stab von Mitarbeitern, faßte die Problemstellung enger auf und erstrebte die mikrobiologisch-technische Darstellung von Hefe zu Futterzwecken. 

Sie suchte den technisch gangbaren Weg, losgelöst von der Scholle, aber doch auf biologischem Wege, aus geeigneten und in größerem Umfange zur Verfügung stehenden Ausgangsprodukten unter Heranziehung des Stickstoffs der Luft hochwertiges Futtereiweiß zu gewinnen. Auch sie nahm als Ausgangs­stoffe Kohlenstoffverbindungen organischer Art. Die Träger der Synthese waren ebenfalls die Spalt- und Hefepilze.

Die Holzverzuckerung nach den Verfahren von Bergius, Scholler, Darboven, Bohunek und anderer Wissenschaftler stellte den ersten Ausgangsstoff dar. Dann, erweiterte sich der Kreis der Grundstoffe immer mehr. Man griff zurück auf die Maischen der Vergärungsgewerbe, auf die Milchmolke und auf die Sulfitablaugen der Zellstoffabriken. Schließlich griff man zu den anorganischen Kohlenstoffverbindungen.

* (d-2014:)    wikipedia  Delbrück_Familie       wikipedia  Max_Delbrück  1850-1919

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Die Hefe gehört wegen ihrer besonderen Eigenschaften zu den wenigen lebenden Organismen, die sich für eine industrielle Züchtung im großen Maßstabe eignen: denn es handelt sich beim Hefepilz um nur eine Art von Zellen, der den Vorteil hat, daß er sich in flüssigen Substraten voll entwickeln kann. Bei hinreichender Ernährung und ungehemmter Entwicklung bildet sich aus einer einzigen Pilzzelle im Verlauf von ungefähr zwei Wochen ein Hefebestand von nicht weniger als rund 2 Millionen Tonnen.

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Man muß sich die Möglichkeiten, die dieses Verfahren bietet, klarmachen. Zunächst ist von Bedeutung, daß hier ein Weg gefunden ist — es ist wahrschein­lich der einzige Weg, den es gibt —, auf den man sich für die Bereitstellung von einem Nahrungsgut unabhängig von der Scholle machen kann. Es besteht ferner die Möglichkeit, in Laboratorien und industriellen Räumen wahre künstliche Eiweißplantagen aufzubauen. Die zusammengelegte Oberfläche der Zellen von 1000 Kilogramm Hefe entsprechen einer Fläche von 320 Hektar; im technisch-biologischen Verfahren aber läßt sich diese Menge an Hefe in einem Behälter von 20 Kubikmeter zusammenfassen. Eine Umrechnung auf Einheitsnährwerte ergibt, daß die Hefe eine rund hundertmal so starke Futtererzeugung hat wie eine im besten Wachstum befindliche Kleeweide.

Hier hat der Chemiker in Verbindung mit dem Biologen ein Verfahren entwickelt, das große Ausblicke eröffnet. Es sind nicht jene synthetische Leberwurst und andere synthetische Nahrungsmittel allein, die helfen können, auf der Grundlage dieser Verfahren den Nahrungsraum für die Menschheit zu erweitern. Es kommt vielmehr noch hinzu, daß diese Hefepräparate wegen ihres Reichtums an Vitaminen, namentlich wegen ihres Reichtums im Bereich des großen Vitamin-B-Komplexes, und wegen, der in ihnen zu findenden Anhäufung an anderen Wuchs- und Wirkstoffen besondere Wirkungen auf den Organismus von Mensch und Tier ausüben.

Ein Zusatz allein von Hefe zur Viehnahrung zeitigt, wie Versuche ergeben haben, bedeutsame Erfolge. Bei Kühen ergab sich eine Steigerung des Milchertrages um 3 bis 5 Liter täglich. Das Gewicht der mit Hefe gefütterten Tiere war nach zwei bis drei Monaten um etwa 75 Kilogramm höher als das der nicht mit Hefe gefütterten Tiere. Hühner beginnen mit dem Eierlegen nach einer Entwicklungszeit von etwa 4 1/2 Monaten, während sonst die Legetätigkeit nach etwa 6 Monaten beginnt. Ähnliche Resultate zeigten sich bei anderen Tiergattungen im Fütterungsversuch.

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Welchen fruchtbaren Untergrund die industrielle Eiweißplantage auf allerkleinsten Raum hat, ergibt sich allein daraus, daß der Anfall von Sulfitlauge, der Abwässer der Zelluloseherstellung, im deutschen Vorkriegsgebiet etwa 7 Millionen Kubikmeter betrug. In die Hefeerzeugung eingesetzt, würde die Nutzbarmachung dieser Abwässer die Darstellung von rund 70.000 Tonnen Hefetrockensubstanz gestatten, in denen mindestens 35.000 Tonnen Reineiweiß vorhanden sind. 

Dazu kommen noch die geradezu gigantischen Möglichkeiten einer rein synthetischen Darstellung beim Rückgriff auf anorganische Stoffe. Welche wirtschaftliche Bedeutung diesem ganzen Arbeitskomplex beizulegen ist, ersieht man am besten an der Tatsache, daß Chemiker und Biologen im reichen Amerika, wo gegenwärtig noch genügend auf natürlichem Wege gewonnene Nahrungsgüter vorhanden sind, gleichfalls seit Jahrzehnten auf diesem Gebiete arbeiten.

 

    Irrwege der Retorte    

 

Nicht alle Problemstellungen der modernen Chemie sind so natürlich und sympathisch wie die eben dargestellten, vielmehr geht die "Retorte" — um in diesem Begriff alle Kunstfertigkeit der chemo-technischen Leistungen der Gemeinschaftsarbeit von Wissenschaft und Industrie zusammenzufassen — in vielen Dingen seltsam verschlungene und verkrampfte Wege. Das zeigt z.B. die Arbeit auf dem Gebiet der Faserstoffe.

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Der Körper des Schafes trägt mit seiner Wolle einen Textilspinnstoff, der so gut und zweckmäßig ist, daß auch der verwöhnteste Fachmann sich kaum ein anspruchsvolleres Wunschbild von der Wolle bilden kann als die Wirklichkeit es bietet. Es gibt auch genügend Schafe in der Welt, um im Verein mit der Baumwollerzeugung alle Bedürfnisse der heute lebenden Menschheit in Rohstoffen für Bekleidungs- und sonstige Bedarfszwecke zu erfüllen. Aber das Mißverstehen der Völker tritt zwischen Angebot und Nachfrage, zwischen die Länder, die Wolle und Baumwolle verkaufen müssen, und diejenigen, die sie kaufen müssen, um entsprechend dem Stande der Erzeugung versorgt zu werden. Die einen haben kein Geld, und ein Käufer ohne Geld wird immer über die Achsel angesehen. Andere haben Geld oder geldwertige Ausfuhrerzeugnisse, aber sie brauchen Geld und Guthaben für andere Zwecke als für den Einkauf von Wolle und Baumwolle, etwa nach dem Grundsatz, daß Kanonen wichtiger als Butter, als Wolle oder sonstige lebensnotwendige Dinge sind. 

Hier wird die erlösende und seligmachende "Retorte" eingeschaltet.

Sie fertigt Kunst- und Faserstoffe u.a. auf der Grundlage von Milch und Holz. Die Milch kommt von der Kuh. Sie ist einer der besten Nährstoffe für Mensch und Tier. Die Versorgung mit Milch ist aber in den meisten Ländern noch lange nicht so, wie sie es entsprechend der Nährwertigkeit des Erzeugnisses sein sollte. Im Kriege, wo in Deutschland die Produktion der Faserstoffe unter dem Zwang der Verhältnisse aufs äußerste gesteigert wurde und demnach viel Milch für diese Zwecke gebraucht wurde, erhielten die unglücklichen Säuglinge täglich nur einen halben Liter Vollmilch. 

Die ebenso unglücklichen Erwachsenen täglich 1/16 bis 1/8 Liter entrahmte Milch. Es gibt überhaupt in der ganzen Welt, von kleinen Ausnahmen abgesehen, nicht Milch genug, um die berechtigte Nachfrage zu befriedigen. Aber auf dem Umwege über das Kasein wird der Faserstoff Lanital oder Lana Italiana hergestellt. 

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Aus einem Hektoliter Milch erhält man 3 Kilogramm Kasein, die 3 Kilogramm Lanital und — zu Tuch verarbeitet — 12 Meter Stoff ergeben. Um zwei Personen einzukleiden, muß man 200 Kindern ihre Tagesmilchration vorenthalten. Lanital ist ein elastischer, spinn- und sogar verfilzbarer Stoff, der einen verhältnismäßig hohen Wärmeschutz bietet. Aber man sagt der Lana Italiana auch andere Eigenschaften nach: sie steht weit hinter der Naturwolle und auch hinter den bekannten Faserstoffen aus Zellulose zurück, in nassem Zustande ist sie überdies leicht quellbar, und beim Waschen wird sie schon durch ganz milde Seifen angegriffen.

Nirgendwo in der weiten Welt, ausgenommen in Neuseeland, auf der anderen Seite des Äquators zwischen Australien und dem südamerikanischen Feuerland, herrscht ein Überfluß an Milch. Milch und die aus ihr gewonnenen Erzeugnisse, Butter und Käse, finden überall freundliche Abnehmer, die aber auch oft die Menge nicht kaufen können, die sie kaufen möchten. Aber die Retorte schafft unentwegt und propagandistisch geräuschvoll Lanital, unbeirrt etwa durch die Tatsache, daß in Bulgarien — das immerhin eine ansehnliche Viehzucht sein eigen nennt — eine eifrige Werbung für ein neues Produkt, nämlich Milchersatz aus Soja betrieben wird.

Denkt man hier nicht unwillkürlich an jene unheimlichen Tiere, die sich selbst verspeisen, indem sie mit ihrem Kannibalenwerk am Schwanzende beginnen? Aus Milch mach Lanital und such Ersatz für die Milch in der Sojabohne! Die Sojabohne aber ist in Europa ein in durchaus beschränkter Menge erzielbares Bodenerzeugnis, das vielen Zwecken dient, besonders aber als Kraftfutter für die Kuh, die Milch zur Umwertung in Lanital geben soll, die nun aber weniger Futter erhält, weil Soja Ersatz für Milch darstellt!

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In der ganzen Welt findet eine maßlose Übernutzung der Wälder statt, die nicht nur den Holzfachleuten zu denken gibt, sondern bei allen einsichtigen Menschen höchste Besorgnis erregt. Aber eine Großtat der Faserstoffherstellung macht es sozusagen zu einer moralischen Pflicht, in einem hölzernen Anzug spazierenzugehen, und also geschieht es, daß Bäume, die 80 bis 100 Jahre Wachstumszeit brauchen, in die Zellstoffabriken wandern. Allein die Werdezeit dieses hölzernen Rohstoffes müßte bedenklich stimmen. Ein gutmütiges Schaf läßt sich schon im zweiten Lebensjahre vollwertig und dann in jedem Jahr aufs neue scheren. Die noch dankbarere Baumwollstaude ergibt in einem einzigen Lebensjahre vollen Ertrag. Jener hölzerne Anzug wäre dann wirtschaftlich — wirtschaftlich auch im Sinne des Naturhaushalts —, wenn seine Lebensdauer der Werdezeit seiner Grundstoffe, also der Baumstämme im Walde, entspräche. 

In den Augen des Forstmannes bildet die Waldweide ein Greuel der Verwüstung, und in der Tat schadet nichts dem Walde so sehr wie der Verbiß der Kulturen durch Tiere. Der Chemiker muß dazwischen kommen, um den Wald als Futterquelle zu sanktionieren. Stämme, die bis hundert Jahresringe aufweisen, fallen, um zu Holzzucker und Futtermelasse verarbeitet zu werden. Ein guter Kleeacker aber läßt sich in einem Jahr dreimal und noch öfter schneiden, und Kleeheu, richtig be- und verarbeitet, ergibt auch ein Kraftfutter für das Vieh, zwar nicht so nachhaltig wirkend wie Zuckermelasse aus Holz, aber unter Berücksichtigung von Fläche und Wachstumszeit schneidet dieser Kleeacker doch außerordentlich günstig ab, zumal wenn man bedenkt, daß es schon heute recht empfindlich an Nutz- und Bauholz gebricht, ganz abgesehen von den ideellen Werten, die in jedem Baum und Strauch stecken.

 

    Die Rohstoff-Jagd    

 

Eine wilde Jagd nach Rohstoffen ist im Gange. Alles, was dem technischen Menschen unter die Finger kommt, wird zu "Rohstoff" deklariert. Alles muß eine Maschine durchlaufen, um verwandelt und als geschätztes Surrogat anerkannt zu werden.

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Der moderne Mensch hat etwas von der geistigen Einstellung eines kleinen Jungen an sich, der am Heiligen Abend unter dem Weihnachtsbaum ein wunder­schönes und vollkommenes Spielzeug vorfindet, sofort aber zu Hammer und Zange greifen muß, um es zu verbessern. So wird dem Wein sein Geist entzogen, um mit ihm Automobile und Panzerwagen zu betreiben. So werden aus Baumstämmen Anzüge. Um die Relationen der inneren Werte kümmert sich der moderne Mensch überhaupt nicht. Und mag die Industrie aus der Zellulose noch so duftige Frühjahrskleider für die Damen und noch so praktische Unterhosen für die Herren herstellen, alles bleibt, auch abgesehen vom praktischen Gebrauchswert, doch nur ein zweifelhaftes Surrogat, weil ein natürlicher, wertvoller und bereits recht selten gewordener Rohstoff in ein Erzeugnis minderer Qualität umgewandelt wird. 

Die Gleichung ginge noch auf, wenn das Kleidungsstück aus Zellwolle solange tragfähig bliebe, wie die Wachstumszeit des Baumstammes beträgt. Weil das aber nicht der Fall ist, bleibt die Umwandlung des Baumes in Zellstoff ein Jonglierkunststück, das man gebührend bestaunt, ein Taschenspielertrick, der die Massen bezaubert, und vor allem bleibt sie ein gefährliches Experiment, das beklagt werden muß von allen, die die Dinge und Zusammenhänge ernster und tiefer sehen. Hier zeigt sich der Raubbau an der Natur und ihren Kräften in schamloser Nacktheit.

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Eine der großartigsten synthetischen Darstellungen ist die Erzeugung künstlichen Kautschuks. Sie ist deshalb sympathisch, weil bei ihr der Chemiker nicht zu übertriebenen Spitzfindigkeiten seine Zuflucht nimmt, sondern auf die Stoffe zurückgreift, aus denen auch die Latex, die Milch des Hevebaumes, besteht, nämlich auf Kohlenstoff und Kalk. Doch auch hier hat der Rausch des Erfolges die Maßstäbe verrückt. Man kann in einer industriellen Anlage, die einen viertel Hektar Land bedeckt, in fünf Stunden hunderttausend Kilogramm Kunstgummi erzeugen. 

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In einer gut gepflegten Gummiplantage ist der Ertrag an Rohgummi auf der gleich großen Fläche etwa ein Kilogramm in einem Jahre. Mit dem Ertragsverhältnis 1 : 50.000.000 steht die industrielle Erzeugung von Kunstgummi scheinbar himmelhoch über der Erzeugung von natürlichem Gummi, und der Schluß läge nahe, daß der Mensch es besser versteht als die Natur. Doch die Gerechtigkeit gebietet, daran zu erinnern, daß bei der Gummisynthese auf fertige, von der Natur bereitgestellte Stoffe zurückgegriffen wird, und die Gleichung erscheint erst dann ehrlich, wenn nicht nur die Bodenfläche, sondern auch die Jahre berücksichtigt Werden, in denen die für die Gummisynthese erforderlichen Grundstoffe Kohle (sofern diese Ausgangsprodukt war) und Kalk entstanden sind. Es handelt sich hier um Zeiträume von Millionen von Jahren.

Die weitere Arbeit des Chemikers löst, wenn sie die natürliche Formel verläßt, ein gewisses Unbehagen aus. Kunstgummireifen entwickeln bei höherer Beanspruchung unerträglich hohe Hitzegrade, die dem Material schädlich sind. Deshalb muß der synthetische Gummi zu gewissen Teilen, nämlich zu 30 bis 50 v.H., mit pflanzlichem Kautschuk gemischt werden. Und nun beginnt wieder das kannibalische Werk jenes vorhin erwähnten selbstmörderischen Tieres:

In vielen Pflanzen steckt zu gewissen kleinen Teilen der Grundstoff für die natürliche Gummierzeugung. Auch in der Weinrebe. Aus Haiti wurde im Dezember 1943 berichtet, daß dort die Gewinnung von Gummi aus der Cryptostegia-Weinrebe, bevorstehe. Eine haiti-amerikanische Korporation hatte unverzüglich 32.000 Acres mit diesen Weinreben bepflanzt und beabsichtigte, die Anbaufläche in kürzester Zeit auf 85.000 Acres zu vergrößern. Genau zur selben Zeit aber kam aus Brasilien die Nachricht, daß man dort ein Verfahren entwickelte, nach dem man unverkäuflichen Kaffee zu — Wein verarbeiten wolle. Und die Japaner funkten in die Welt, daß es ihren Chemikern gelungen sei, die Formel der Kautschuksynthese rückwärts zu lesen und für überschüssige Kautschukvorräte eine neue Verwendung zu finden; sie spalten den Naturkautschuk auf und gewinnen daraus Benzin.

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Nur ein kleines Echo von dem, was in den chemischen Laboratorien und technischen Versuchsräumen vor sich geht, dringt in das Ohr der Außenwelt. Es hat aber den Anschein, als ob man an diesen Arbeitsstätten vornehmlich darauf ausginge, den letzten Funken ehrwürdiger Naturbetrachtung auszulöschen und alle Begriffe auf den Kopf zu stellen. Dem modernen Menschen scheint etwas an seinem Glück zu fehlen, wenn er die Natur nicht wenigstens in einem Punkte zur Ordnung rufen kann. 

Er beläßt beispielsweise dem geduldigen und gutmütigen Schaf seine Funktion, Wolle zu erzeugen. Da erscheint der Chemiker auf dem Plane und erklärt, daß das tote Tier ein besserer Wollproduzent sei als das lebende Tier. Und kurzerhand schlägt man das geschlachtete Schaf aus seinem Fell, legt dieses in eine Lösung von nährenden Salzen und erlebt das chemisch-biologische Wunder, das man in der Folgezeit das tote Fell des toten Tieres noch bis zu siebenmal scheren kann, wobei der so gewonnenen Wolle nachgerühmt wird, daß sie qualitativ viel besser sei als die auf natürliche Weise gewonnene Schafwolle.

In die geheimsten Lebensvorgänge greifen die Präparate der modernen Hexenküchen ein. Lassen wir aus Gründen der Diskretion die Experimente im menschlichen Bereich außer Betracht und bleiben wir in der Tierwelt. Es ist nach Mitteilungen von zuverlässiger Seite gelungen, durch Hormonbehandlung Kühe zu Dauerproduzenten von Milch und das Kalben deshalb überflüssig zu machen. Um den Geburtenausfall in dem so behandelten Stalle braucht man sich dennoch nicht die geringste Sorge zu machen. Denn auf der anderen Seite ist es auch gelungen, durch entsprechende Hormonbeigaben z.B. Mutterschafe dazu zu bringen, zweimal im Jahre Junge zu werfen. 

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Bei ähnlich behandelten Kaninchen, deren Fruchtbarkeit an sich schon außer Zweifel steht, gelangte man zu wahren Wunderleistungen. Bei großen Haustieren hat der Chemiker es möglich gemacht, Zwillingsgeburten nach Wunsch und sozusagen am laufenden Bande zu liefern.

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Es lebe die Chemie! Sie soll die Menschheit von den Sorgen und Nöten befreien, mit denen diese sich belud, als böse Eingriffe in das Naturgeschehen sie rettungslos in eine Sackgasse führten. Die Kunst des Mannes im weißen Arbeitskittel soll die düstere Zukunft erhellen.

Die Männer der einschlägigen Wissenschaft geben sich die redlichste Mühe, aber ob es ihnen gelingen wird, die hochgesteigerten Illusionen der modernen Menschheit zu erfüllen, muß doch stark bezweifelt werden. Genauer betrachtet haben sie ihre Errungenschaften doch mehr am Rande der großen Bedürfnisse der erwartungsvollen Menschheit erzielt als in den Kernpunkten des dringendsten Bedarfs. Neben synthetischem Mostrich gibt es synthetischen Zimt und synthetische Vanille, neben künstlichem Zitronengeschmack gibt es künstlichen Pfeffer. Und während in Brasilien unverkäuflicher Kaffee ins Meer versenkt und in Lokomotiven verbrannt wird, begibt sich anderswo ein würdiger Vertreter der chemischen Wissenschaft in den Hühnerstall, um im Hühnermist den Rohstoff für die künstliche Darstellung von Koffein zu finden. Das sind nicht nur wunderlich verkrampfte, sondern beinahe auch schon anrüchige Wege, die von der "Retorte" beschritten werden.

 

    Chemurgie   

 

Der jüngste Schrei kommt aus Amerika. Seltsam, wie das Wort anmutet, ist der Arbeitskomplex, der dem neuen Begriff zugrunde liegt. Nicht nach Nahrung hungert die Welt der hungernden und halbsatten Menschen, sondern nach Rohstoffen. Die Retorte hilft, das vorhandene Bedürfnis zu stillen. Eine sündhaft vermessene Systematik umkleidet ihr Werk.

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Der Ausdruck Chemurgie bedeutet etwa so viel wie Agrarchemie (Chemie + ergon, d.h. Arbeit am Fruchtfeld). Dem Wort liegt der Sinn zugrunde, daß die Landwirtschaft im weitesten Umfange Rohstoffproduzentin der chemischen Industrie werden soll. Bislang sah man die wichtigste Aufgabe der Landwirtschaft darin, Ernährerin des animalischen Lebens auf dem Erdball zu sein. Um diese Aufgabe mit der energischen Expansion des Lebens auf unserem Planeten gleichen Schritt halten zu lassen, wurde die Chemie bemüht, der Landwirtschaft immer wirksamere Produktionsmittel in Gestalt chemisch dargestellter Pflanzennahrung zur Verfügung zu stellen. Nun wird die Formel teilweise umgekehrt: Die Erzeugnisse der chemisch geförderten Landwirtschaft sollen Rohstoffe der chemischen Industrie sein und der chemischen Verwertung zugeführt werden. In dieser Chemurgie schließt sich ein Kreislauf, der auf der einen Seite ans Wunderbare, auf der anderen Seite an Wahnwitz grenzt.

Neu ist der Gedanke, landwirtschaftliche Erzeugnisse als Ausgangsprodukte chemischer Arbeits- und Umwandlungsprozesse zu benutzen, nicht. Die Vergärungs­industrien pflegen dies seit langem zu tun, ebenso die Zuckerindustrie, die Naturgummiherstellung und andere Verarbeitungsprozesse. Die besonders in USA laut gefeierte Chemurgie aber tut einige entschlossene Schritte weiter. In den amerikanischen Laboratorien, insbesondere im Carnegie-Institut, sind erfolgreiche Versuche gemacht worden, Agrarerzeugnisse im größten Umfange für die industrielle Rohstoffversorgung zu verwenden. Hierhin gehört die vermehrte Heranziehung von Holzabfällen, Kartoffeln und Rüben zur Gewinnung von Alkohol, vor allem aber gehört hierhin die Verwandlung von Zuckerrohr und Zuckerrüben in Benzin und Öl und Kohle.

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Versuche, die von Dr. Berl gemacht wurden, ergaben, daß es möglich ist, alle Kohlehydrate enthaltende Pflanzen schnell in Öl und Kohle zu verwandeln. D.h. mit anderen Worten: durch einen schnellen chemisch-technischen Prozeß werden Millionen von Jahren einer natürlichen Entwicklung übersprungen und das, was in diesen Millionen von Jahren in einem naturgegebenen Werdegang dargestellt wurde, wird mit Hilfe der Retorte in wenigen Stunden aus der lebenden Pflanzenwelt in Kohle oder deren Derivate überführt. Ein Wunder, das die Unendlichkeit und Allmacht Gottes preist, wird im chemischen Laboratorium zu einer Selbstverständlichkeit und Alltäglichkeit.

Die neueren Forschungen haben ergeben, daß Kohle und Öl nicht die Derivate von Zellulose, sondern von Kohlehydraten sind. Daraufhin können nicht nur Zuckerrohr und Zuckerrüben, sondern auch Kartoffeln, Seetang, Gras usw. in Kohle und Öl überführt werden. Aus derartigen Pflanzen kann ein Material, das sogenannte Protoprodukt, gewonnen werden, das etwa 60 v.H. des ursprünglichen Kohlegehalts enthält. Dieses Material ist bei Zimmertemperatur halbflüssig und kann ohne weiteres als Dieselbrennstoff verwandt werden. In der Weiterverarbeitung ergeben sich aus diesem Material Benzin, Kerosin und Schmieröle. Das Verfahren der Umwandlung soll wesentlich billiger und einfacher seih als die bisher übliche Kohleverflüssigung nach den bekannten Verfahren von Bergius und anderen.

Die Verwendungsmöglichkeit geht noch weiter. Die so gewonnene Kohle ist verwendbar für Kohlenstaubanlagen. Auch läßt sich daraus Koks für Hochöfen, absolut schwefelfrei, herstellen. Diese Kohle soll den Vorzug haben, sich schnell zu entzünden und schneller zu verbrennen als Naturkohle.

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Die Sojabohne spielt in der Chemurgie eine wichtige Rolle. Die Sojabohne ist in den Vereinigten Staaten nach der Baumwolle, dem Mais und dem Weizen an die vierte Stelle der landwirtschaftlichen Produktion gerückt. Der hohe Proteingehalt der Sojabohne reizt den Chemiker als Rohstoff für industrielle Zwecke. Er soll mit dem Zellstoff auf einer Wertstufe stehen. Versuche zur Herstellung von Fasern aus dem Protein der Sojabohne sind im Gange. Ferner ist die Gewinnung von Kunstleder und anderen Austauschstoffen aus Sojaprotein möglich und rentabel.

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Die Chemurgie eröffnet unbestreitbar die Sicht in eine neue Wunderwelt. Jahrmillionen schrumpfen im Laboratorium des modernen Chemikers zu Stunden zusammen, wenn das, was jetzt noch lebende Pflanze ist, nach kurzer chemurgischer Behandlung unter hohen Drücken in Kohle und Öl verwandelt wird. Der Begriff Rohstoffmangel sinkt in sich zusammen, solange die fruchtbringende Scholle der Erde bereit ist, Segen zu spenden. Morgen können der Dschungel, die Gräser der Savanne, die dichten Tropenwälder in eine Form verwandelt sein, daß man Dieselmotore mit ihnen treiben und Dampfkessel damit beheizen kann. Die Industrien machen sich frei von den Lagerstätten der natürlichen Kohle. Wo die Erde am fruchtbarsten ist, bilden sich die zukünftigen Standorte der Fabriken. Die vierte Dimension öffnet der industriellen Zukunftsplanung ihre Tore.

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Die wissenschaftliche Leistung der Chemurgie grenzt an die Utopie, die wirtschaftliche Wirkung aber wird die beschleunigte Katastrophe sein. Der letzte Funken von Ehrfurcht vor den nährenden Stoffen, die die Erde hervorbringt, schmilzt in der Retorte des Chemikers dahin. Brot wird Kohle, Futtermittel werden Öle für Dieselmotoren. Jenes kannibalische Tier, das sich selbst verspeist, erscheint wieder in den Kulissen der zukünftigen Welt. Die Nahrung ist knapp, sie wird immer knapper durch den steigenden Anspruch der Menschheit, aber der Chemurge greift beherzt in den Bestand, um den Triumph seiner Kunst zu vervollständigen.

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Naturkohle wird verflüssigt, um Treibstoff zu gewinnen. Bei diesem Prozeß werden Fette abgeschieden, aus denen "Butter" hergestellt wird. Ein gleiches geschieht durch die Synthese der künstlichen Fettsäure im weiteren Bereich der Kohlechemie. Künstliche Kohle aber wird dargestellt durch chemurgische Umwandlung von Nahrungs- und Futtermitteln ... Shakespeare würde sagen: Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode!

 

   Kann Gift das Leben erhalten?  

 

Noch in einer anderen großen Schau fällt der Blick auf die Chemie. Immer stärker drängen überall die pflanzlichen und tierischen Schädlinge in den Vorder­grund. Die Plagen der Menschheit, verursacht durch solche Schädlinge, vermehren sich von Jahr zu Jahr. Immer neue Krankheiten an Mensch und höherem Tier sowie an Nutzpflanzen treten auf, die ihre Ursache in der Wirksamkeit mikroskopisch kleiner Lebewesen haben. Deren Lebensgrundlage wird gefördert durch die allgemein beobachtete Schwächung der Konstitution von Mensch und Tier und Nutzpflanze. Beim Menschen sinkt die Widerstandskraft durch eine natur­ent­fremdete Lebensweise, bei Tier und Pflanze durch Überzüchtung, Übernutzung und Verfeinerung der Art durch Überspezialisierung. 

Es vergeht aber auch kein Jahr, ohne daß aus diesem oder jenem Erdteil, aus diesem oder jenem Lande vom unheilvollen und vernichtenden Wirken immer anderer Insektenarten berichtet wird. Einmal ist der Mensch unmittelbar selbst in Gefahr, dann sind es die Tiere, die er in seinen Dienst stellte, und wieder ein anderes Mal sind es die Erträgnisse der Erde, durch deren Genuß die höhere animalische Welt ihr Leben bestreitet.

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Das ungeheuere Heer der Insekten ist von einer geradezu unbändigen Lebensenergie. Ein amerikanischer Zoologe hat vor einigen Jahren seiner Auffassung dahin Ausdruck gegeben, daß das Zeitalter der Säugetiere seinem Ende entgegengehe, und daß die Welt im Begriffe sei, einem Zeitalter der Insekten entgegenzusteuern. Man mag blicken wohin man will, überall breitet sich Unheil aus, auf dem Kartoffelacker durch den Coloradokäfer, im Weinberg durch Reblaus, Sauerwurm und pilzliche Schädlinge, im Walde durch Eule, Nonne und Spanner, in weiten Gebieten der Erde durch Heuschreckenschwärme, und was von solchen Schädlingen, deren Zahl sich beliebig vermehren läßt, verschmäht wird, das wird bedroht durch die schleichenden und chronischen Krankheiten, die dem Wirken schädlicher Bakterien und Bazillen zuzuschreiben sind.

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Solange man der Natur Zeit und Gelegenheit gab, auf dem Wege der Selbsthilfe diese Schädlinge in Schach zu halten,  war es in der Welt besser bestellt. Aber der moderne Mensch entzog der Natur die Grundlagen einer wirkungsvollen Selbsthilfe. Der Mensch hat seine eigene Schädlingsbekämpfung entwickelt. Es kann kein Zweifel darin bestehen, daß die chemische Bekämpfung der Schädlinge und Parasiten ganz erstaunliche und in der wirtschaftlichen Wirkung große Erfolge erzielt hat. Man denke nur an den Wert der Saatgutbeize, mit deren Hilfe nicht nur die Pilzkrankheiten unserer Getreidearten prophylaktisch bekämpft werden, sondern auch die schlimmten Schädlinge an weiteren Kulturgewächsen, wie z.B. die Kohlhernie bei den Kohlarten. Auch die vorbeugende Spritzung im Obstbau gehört in dieses Gebiet der wirkungsvollen Anwendung von Chemikalien zur Sicherung der Kulturbestände und ihrer Ernten, die im akuten Falle mit derselben Gründlichkeit innerhalb kurzer Zeit auf biologischem Wege überhaupt nicht erreicht werden könnte.

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Eine andere Frage aber gewinnt der chemischen Bekämpfungsart gegenüber offenbar immer größere Bedeutung. Absolut und radikal wirkende Mittel gegen die Schädlinge gibt es auch auf dem Gebiet der Chemie nicht. Die Erfahrung lehrt, daß auch nach der gründlichsten Bekämpfungsmaßnahme Überlebende der bekämpften Tierart da sind. Es erhebt sich die Frage, ob hier nicht ein neuer Prozeß der Auslese eingesetzt hat, der auf die Dauer auch das wirksamste Radikalmittel zur Unwirksamkeit zu verurteilen geeignet ist. Über Generationenreihen setzt sich ein Ausleseprozeß fort, der damit endet, daß ein gegen die chemischen Gifte immunes Geschlecht der Schädlinge herausgebildet wird.

Grundsätzlich aber ist zu diesem Einsatz der Chemie noch folgendes zu sagen: Gift mordet wahllos alles, was von ihm getroffen wird, das Gute und das Böse, das Nützliche und das Schädliche. Wenn man Eule, Nonne und Kiefernspanner mit Arsenstaub, der aus Flugzeugen verstäubt wird, bekämpft, so sterben mit den Schädlingen auch deren natürliche Feinde, und mit diesen stirbt alles, was im Walde kreucht und fleucht. Zudem: der Gedanke ist grotesk, mit Gift das höher entwickelte Leben auf Erden erhalten zu wollen. Gift ist da, um zu morden, nicht zur Erhaltung des Lebens, und wenn der Mensch versucht, mit Giften seinen Lebensanspruch zu stützen, so stellt er auch hier die Dinge einfach auf den Kopf, wie in so vielen Fällen, wo er zur Retorte greift. 

In Wirklichkeit kann nur eines das Leben erhalten und gesund gestalten: wir müssen der Natur, die das Leben werden ließ, ihre Rechte lassen, wir müssen sie wirken lassen, wie es ein untrügliches und unbestechliches Naturgesetz verlangt. Nur unter diesen Voraussetzungen kann es der Menschheit auf die Dauer wohlergehen, nicht aber durch die Anwendung von jährlich ungezählten Tausenden von Tonnen chemischer Gifte.

Es ist selbstverständlich, daß wir jetzt das Steuer nicht plötzlich und unbedacht wieder nach der anderen Richtung zurückwerfen können. Wir müssen vielmehr versuchen, langsam und Schritt um Schritt das natürliche Gleichgewicht zurückzugewinnen, und auch dann, wenn es zurückgewonnen ist, besteht keinerlei Verpflichtung, auf die Anwendung chemischer Stoffe in allen Fällen, wo es angebracht und notwendig erscheint, zu verzichten. Nur der beschämende Zustand muß beseitigt werden, daß Gift allein für alle Zukunft die Grundvoraussetzung des höher entwickelten Lebens auf der Erde sein soll.

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Die moderne Medizin hat den Weg gewiesen, der zu gehen ist. Auch die ärztliche Wissenschaft wurde in den Strudel hineingerissen, den der Zeitgeist der industriellen Zivilisation und die Renaissance der Naturwissenschaften aufwirbelten. Aber der Arzt, mit dem Finger am Pulsschlag des Menschenlebens, erkannte bald, daß eine chemische Therapeutik nicht der Weisheit letzter Schluß sein könne und dürfe. Er wandte sieh immer mehr von den Mitteln und Methoden, die nur darauf bedacht sind, eine künstliche Gesundheit zu stabilisieren, ab, und fand zurück zu den naturnahen und naturverbundenen Heilmethoden der Homöopathie. 

Die modernen Requisiten der chemischen Therapeutik, die antitoxischen Sera, die bakteriellen Präparate aller Art, die Hormone und Vitamine in Reindarstellung, das Penicillin, das Insulin, Adrenalin und Thyroxin sowie die organischen Arsenverbindungen haben die Medizin standardisiert. Für alle Zwecke ist durch künstliche Präparate vorgesorgt, für die Blut- und Schmerzstillung, für die Anregung erlahmender natürlicher Funktionen. 

Wer alle Konsequenzen, Ursachen und Wirkungen durchdenkt, mag finden, daß ein guter Prozentsatz der lebenden Zivilisations­menschheit künstliche Menschen sind, der der Anwendung von chemisch dargestellten Stimulantien sein Dasein verdankt.

Die Medizin der chemischen Markenartikel hat die Heilkunst in Standardbegriffen sich festfahren lassen. Die unmittelbare und spezifische Direktwirkung war ihr alles. Die physiologische Besonderheit des lebenden Organismus galt nur wenig, die natürlichen Abwehrkräfte dieses Organismus blieben unbeachtet, biologische und physiologische Fern- und Tiefenwirkungen gehörten nicht in das therapeutische Repertoire, wahre Prophylaxe erschienen nebensächlich.

Doch die Medizin hat recht schnell den Weg zurückgefunden, nicht in rückschrittlichem Geiste, sondern im Geist wahren Fortschritts und im Sinne der lebendigen Natur. Das Neue wird von der wissenschaftlich fundierten Homöopathie nicht über Bord geworfen, das Alte und Natürliche aber erfährt unter neuzeitlichen Perspektiven die Wertschätzung und praktische Beachtung, die es verdient. 

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Ulf Turlach Zwickau 2014