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Nachwort          1946 von Anton Metternich 

 

 

 

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Unter dem Steilfelsen von Solutré in Südfrankreich liegt ein gewaltiges Leichenfeld. Tausende von Tierskeletten hat man hier gefunden. Der Anatom hat sie als die Skelette von Wildpferden identifiziert. Was ist hier geschehen? Die Wissenschaftler kombinieren: 

Steinzeitmenschen haben eine große Jagd veranstaltet. Sie trieben riesenhafte Herden von Wildpferden auf der Höhe zusammen, erregten durch Geschrei und Feuerbrände Panik unter den gedrängten Tiermassen und veranlaßten diese, in ihrer Angst Rettung durch Absprung in die Tiefe zu suchen. Am Fuß der Felsen blieb die formlose tote Masse liegen. Eine Orgie des Wohllebens mag von den Primitiven gefeiert worden sein, solange das Fleisch der Tiere genießbar war. Dann setzte für lange Zeit der Hunger ein, weil der ganze Tierbestand eines großen Gebietes in geradezu wahnwitziger Weise vernichtet worden war. 

Was liegt zwischen dem Damals und dem Heute? 
Zeitlich gesehen: etwa zehntausend Jahre, wie die Gelehrten schätzen; ideologisch gesehen: nichts! 

Der Mensch hat sich von einer primitiven Stufe des Daseins auf eine hohe Sprosse der Entwicklung emporgearbeitet, aber der Mensch ist sich in seinem Verhalten zu den Grundlagen seines Daseins gleich geblieben. Er lebt für den Tag und für die Stunde. Damals, im Frühdunkel seiner Geschichte, für ein flüchtiges Festmahl, heute für genau so flüchtigen materiellen Gewinn. Diesem Streben opfert er alles. 

Einstmals opferte er ihm die nährenden Herden seiner Tierwelt, wie der Tatbestand am Fuß der Felsen von Solutré zeigt, heute legt er das Glück und den Frieden seines Daseins, die Quellen, die sein Leben speisen, sich selbst und die Zukunft seines ganzen Geschlechts als Opfer auf den Altar seiner modernen Götzen Technik, Fortschritt und Gewinn.

Die Leichenberge und Trümmerstätten am Wege der Menschheit, die durch das Elendstal des letzten Krieges wanderte, sind die schauerlichen Symbole einer Technik, die den Händen ihres Schöpfers entglitten ist. Noch rauchte das Gebälk zertrümmerter Wohnstätten in allen Teilen der Welt, noch schwelte das kostbare Ornament alter Paläste und das ehrwürdige Chorgestühl zerschmetterter Dome vor dem entsetzten Blick einer Menschheit, die sich nur noch zu dem innerlichen Schrei aufraffte: Genug dieses grausamen Spiels! 

Da erzitterte das Inselreich Japan und mit dem besiegten Reich des fernen Ostens die gesamte Kulturmenschheit unter der Detonation der Atombombe, der allerneuesten Erfindung einer zerstörenden Technik. Das große Grauen des modernen Krieges war übertrumpft durch das größere Grauen des modernsten Krieges.

Man fördert Handel und Wandel. Man gründet Nahrungsmittelsyndikate und -pools, man verteilt Lieferungs- und Empfangsquoten, man gibt Kredite in Gestalt von lebensnotwendigem Bedarf. Man zieht alle Register des internationalen Zusammenspiels in dem großen Clearinggeschäft, das den Nahrungs­güter­austausch zur Grundlage hat, und man glaubt, damit alle notwendigen Pflichten erfüllen zu können. Doch dabei gibt man sich einem großen Trugschluß hin. Man quacksalbert damit nur an Wirkungen herum, und bildet sich ein, die Ursachen zu behandeln. 

Die letzten Ursachen aller dieser Dinge aber liegen ausschließlich in der lebendigen Natur. Ihr bleiben diese Ursachen dauernd verhaftet, wenn der Mensch auch glaubt, mit seinem Geist und seiner Technik diese Natur als Mittlerin seines Daseins überwunden zu haben.

Goethes Zauberlehrling wird in unseren schicksalsschweren Tagen eine Figur aus Fleisch und Blut. Die Geister zauberhafter Kräfte sind zitiert. Sie wirken segens­reich und fruchtbar bis zu einem bestimmten Grade, dann fängt an einem Punkte, wo nur eines Meisters Einsicht und Wort dem Zauber Einhalt gebieten könnte, der Unsegen, die Plage, das Verderben an. 

Wo waren die Meister, wo sind die Meister, die das Gleichgewicht zwischen dem Menschen und den Dingen in der Natur erkennen und festhalten? Der materialist­ische Geist der zivilisatorischen Ära spottet seines Erfinders, die Technik ist der Hand ihres Schöpfers entglitten. Aus Wohltat ist Plage geworden:

Die ich rief, die Geister, 
werd' ich nun nicht los !

Wann greifen wirkliche Meister mit ordnender Hand und einem Gebot, das auf dem ganzen Erdenrund Gehör findet, in den tragischen Ablauf der Dinge ein?
Der Genius der ganzen Menschheit ist auf den Plan gerufen! 

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(d-2013:) Der Steilfelsen von Solutré    france-voyage.com / felsen-solutre-1218.htm     Bildrechte?!