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Thomas Morus 
Sir Thomas More

Utopia 

Über den
besten Zustand 
des Staates 

Reclams Universal-Bibliothek  Nr. 513
Ins Deutsche übertragen und mit Anmerkungen versehen von Curt Wojte

 

 

1516   180 Seiten 

DNB.Autor

Wikipedia.Autor  (1478-1535, 57)

wikipedia.Utopia  

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detopia:  M.htm   (OrdnerUtopiebuch 

Platon  Boetie   Gnüg  Heinisch  Berneri  Mumford   Wuckel      Hyatt 

 

 

Maler: Hans Holbein 

 

 

Erstausgabe:

 

 

Audio 1: Partisanen der Utopie   Walter.Rossum, 2007

Audio 2: Über das produktive Scheitern von Utopien  --   M.Hyatt, 2011

Audio 3: dlf 2007 

 


Inhalt

Vorrede  (5) 
Anmerkungen des Übersetzers  (182) 

Erstes Buch (13)

Zweites Buch (68)

  • Die Städte, namentlich Amaurotum (73)

  • Die Obrigkeiten (77)

  • Die Handwerke  (79)

  • Der Verkehr der Utopier miteinander (87)

  • Die Reisen der Utopier  (95)

  • Die Sklaven  (127)

  • Das Kriegswesen  (140)

  • Die Religion der Utopier  (155) 

Ein Klassiker der politischen Philosophie, dessen Deutung immer noch umstritten ist. Handelt es sich um eine paradiesische Ausmalung der Neuen Welt, eine zweite Politeia, einen Aufruf zu politischer Reform? 

Es kommt auf den Standpunkt an: sei er nun sozialistisch, heidnisch, machtpolitisch, kapitalistisch, reformerisch oder idealstaatlich. Anspruch auf eine umfassende Interpretation kann nur derjenige erheben, der sie alle gleichermaßen berücksichtigt.

 

(d-2006:) Mir sind 3 gebräuchliche Übersetzungen bekannt. Die heutige Reclam-Ausgabe enthält die von Gerhard Ritter (1922). Rowohlt benutzt die von Klaus J. Heinisch (ca. 1960). --- 

Ich schlage vor, zum 500. Jahrestag von Utopia im Jahre 2016 damit zu beginnen, Utopia in der Deutschland einzuführen und aufzubauen. Selbstverständlich benötigen wir ein "Reloaded", eine Adaption, eine angepaßte Utopie. Diese fehlt bislang noch. Diese muß noch ausgedacht und aufgeschrieben werden. Und da wir Morus nicht aufwecken können, mußt du dir die nötige Utopie ausdenken. Ein anderer kann es nicht tun. Nur du. 

WENN ABER wir gar keine Utopie benötigen, weil alles in bester Ordnung ist - dann habe ich mich geirrt. DANN brauchen wir keine Utopie einzuführen, und eigentlich auch gar keine uns auszudenken. SICHERHEITSHALBER sollten wir uns dennoch eine ausdenken, "denn man weiß ja nie"... (wofür es gut ist... denn manchmal kommt es anders als man vorher dachte.)

 

Amazon.de  -- Nikolaus Stemmer: 

Utopie, das schöne Wort vom Nirgend-Ort, hat am Ende dieses Jahrhunderts seinen Zauberklang verloren. Die Welt ist vermessen, der Bericht von einem unentdeckten Ort, an dem sich besser leben läßt, müßte heute aus dem Weltall zu uns dringen, um wenigstens minimale Chancen auf Glaub­würdig­keit zu haben. 

In dieser Hinsicht hatte es der Londoner Rechtsgelehrte Thomas More vor fast 500 Jahren einfacher. Amerikas Entdeckung lag 24 Jahre zurück, da schrieb er einen Bericht über ein Gespräch mit einem Seefahrer, der ein Land gesehen haben wollte, in dem "Menschen in vernünftig und weise geordneten Verhältnissen" leben. Wenn das keine Entdeckung war! Utopia nannte More dieses Land, wobei er die griechische Vorsilbe für "schön" zum gleichklingenden englischen "U" verkürzt.

   

Höchstes Ziel der Utopier: das Glück. Billigstes Mittel: die Lust. Also "jeder Zustand des Körpers oder der Seele, in dem zu leben ein Genuß ist und zu dem die Natur uns den Weg wies". Sie verachten Gold und Edelsteine, Grausamkeiten an Mensch und Tier, und die wenigen Gesetze sind derart klar bestimmt, daß jeder sie versteht. Das Gemeinwohl steht den Utopiern über alles.

Sicher, in diesem Buch steckt eine erhabene Anleitung des öffentlichen Lebens, die mit unserer gesellschaftlichen, politischen und ethischen Realität sowenig zu tun hat wie mit der Aussicht auf ihre Verwirklichung. Möglicherweise aber täuschen wir uns, wenn wir annehmen, das wäre damals anders gewesen. Neben Machiavellis Handbuch für den modernen Machtmenschen, Der Fürst, das zur selben Zeit geschrieben wurde, erscheint Morus' Plädoyer für das Utopische schon zur Wiegenstunde dieser geistes­geschichtlichen Kategorie altmodisch. Grund genug, dieses so wirkungsvoll wirkungslose Buch auch heute immer noch Ernst zu nehmen.  

 

Utopia ist der Titel eines 1516 von Thomas Morus in lateinischer Sprache verfassten philosophischen Dialogs. Die Schilderung einer fernen „idealen“ Gesellschaft gab den Anstoß zum Genre der Sozialutopie.[1]

Die Erstveröffentlichung geschah auf Betreiben des berühmten Humanisten Erasmus von Rotterdam 1516 in Löwen, weitere Drucke folgten 1517 in Paris und 1518 in Basel. Die erste deutsche Übersetzung – unter dem Titel Von der wunderbarlichen Innsul Utopia genannt, das andere Buch – erschien 1524.[2]

Rahmenhandlung sind die Erzählungen eines Seemannes, der eine Zeit lang bei den Utopiern gelebt haben will. Der Roman beschreibt eine auf rationalen Gleichheitsgrundsätzen, Arbeitsamkeit und dem Streben nach Bildung basierende Gesellschaft mit demokratischen Grundzügen. In der Republik ist aller Besitz gemeinschaftlich, Anwälte sind unbekannt, und unabwendbare Kriege werden bevorzugt mit ausländischen Söldnern geführt.

Das Buch war so prägend, dass man fortan jeden Roman, in dem eine erfundene, positive Gesellschaft dargestellt wird, als Utopie oder utopischen Roman bezeichnete. 

Bedeutende Utopien nach Utopia waren <A Modern Utopia> von H. G. Wells, Ecotopia von Ernest Callenbach und Island von Aldous Huxley.

Das Genre des utopischen Romans wird heute oft als Bereich der Science-Fiction aufgefasst.  (aus wiki 2013)

  

 

 

 

Fast schäme ich mich, vortrefflicher Peter Aegidibus, daß ich Dir das Büchlein über das utopianische Staatswesen erst beinahe nach einem Jahre schicke, das Du gewiß schon nach einem halben Jahre erwartet hast, da Du ja wußtest, daß ich bei diesem Werke der Erfindung überhoben war, über die Anordnung des Stoffs nicht nachzudenken und einfach nur zu berichten brauchte, was ich mit Dir zusammen von Raphael erzählen gehört hatte. 

So machte die Diktion mir keine Mühe, denn seine Sprache konnte, da seine Rede eine improvisirte war, nicht durchdacht und gefeilt sein, und dann ist er, wie Du weißt, mehr im Griechischen als im Lateinischen zu Hause. Und je näher meine Darstellung seiner unstudirten schlichten Sprache kam, desto näher kam sie der Wahrheit, der ich hierbei allein obzuliegen habe. 

 

Ich gestehe, Freund Peter, daß mir, da Alles so gegeben vorlag, die Arbeit so erleichtert war, daß mir fast nichts aus Eigenem zu thun übrig geblieben ist. Sonst würde Erfindung und Komposition des Ganzen Zeit und Studium eines nicht unbedeutenden und kenntnißreichen Geistes erfordert haben. Wäre verlangt worden, daß die Darstellung nicht nur wahr sondern von rednerischer Kunst sei, so hätte ich sie überhaupt nicht liefern können. 

Nachdem aber diese Schwierigkeiten von mir genommen waren, die allein ein Ziel des Schweißes gewesen wären, blieb nur die einfache Nacherzählung des Gehörten übrig und das war keine nennenswerthe Aufgabe. Aber selbst zur Ausführung dieser sehr geringen Arbeit ließen mir andere Geschäfte fast keine Zeit übrig. Bald muß ich in gerichtliches Angelegenheiten emsig plädiren, bald solche anhören, bald als Schiedsrichter schlichten, bald als Richter Urtheile fällen, bald einen amtlichen, bald einen privaten Gang machen. 

 

Während ich fast den ganzen Tag außer Hause Andern widme, bleibt mir für meine eigenen Angelegenheiten, d.h. für Litteratur und Wissenschaft, keine Zeit übrig. Komme ich heim, so heißt es mit der Gattin plaudern, mit den Kindern schäkern und mit der Dienerschaft verkehren. Das rechne ich alles zu den Geschäften, die verrichtet werden müssen (und es muß geschehen, wenn du nicht im eigenen Hause ein Fremdling sein willst). 

Man muß durchaus Sorge tragen, mit denen, die entweder die Natur, der Zufall oder die eigeneWahl zu unsern Lebensgefährten gemacht haben, so angenehm als möglich zu verkommen, damit sie durch zu große Vertraulichkeit nicht verhätschelt, oder durch zu große Nachsicht aus Dienern zu Herren werden. So rauschen Tage, Monate, Jahre dahin. Wann also schreiben?

Und da habe ich nicht einmal vom Schlafen und vom Essen gesprochen, das bei Vielen nicht weniger Zeit in Anspruch nimmt als der Schlaf selbst, der doch fast die Hälfte des Menschenlebens für sich in Beschlag nimmt. So erübrigt mir nur die Zeit, die ich mir vom Schlafe und vom Essen abbreche, und so wenig das ist, so ist es doch etwas, und so habe ich endlich die Utopia zu Stande gebracht, und sende sie Dir jetzt, lieber Peter, zum Durchlesen, damit, wenn mir etwas entgangen ist, Du mich darauf aufmerksam machst, obwohl ich mir nämlich in dieser Beziehung nicht gerade mißtraue, - ich wünschte, es fehlte mir ebensowenig an Genie und Gelehrsamkeit als an der Gabe des Gedächtnisses - so hege ich doch auch kein übertriebenes Vertrauen zu mir selbst, daß ich etwa glaubte, es könne mir nichts entfallen sein. 

Denn auch Johann Clement, mein jugendlicher Aufwärter, der, wie Du weißt, zugegen war, der mir bei keiner Unterredung von einigem Belang fehlen darf, ein junges Pflänzchen, das bereits in der griechischen und lateinischen Litteratur zu grünen beginnt, und von dem ich mir einst ausgezeichnete Frucht verspreche - hat mich sehr an mir zweifeln gemacht

So viel ich mich nämlich erinnere, hat Hythlodäus erzählt, jene Brücke von Amaurotum über den Fluß Anydrus sei fünfhundert Schritt lang, mein Johannes aber sagt, davon seien zweihundert Schritt in Abrechnung zu bringen, indem die Breite des Flusses dort nicht über dreihundert Schritt betrage. 

Ich bitte Dich, rufe Dir den Sachverhalt ins Gedächtniß zurück. Stimmst Du mit ihm überein, so trete ich euch bei, und glaube, daß mich mein Gedächtniß trügt; kannst Du Dich aber nicht erinnern, so lasse ich stehen, was ich niedergeschrieben und baue auf mein Erinnerungsvermögen. Denn da ich aufs äußerste besorgt bin, alles Falsche in meinem Buche zu vermeiden, so will ich, wo die Wahrheit nicht festzustellen ist, lieber eine Unwahrheit sagen, als lügen. Denn lieber ehrlich als pfiffig. 

Diesem Uebelstande wäre leicht abzuhelfen, wenn Du den Raphael entweder mündlich oder schriftlich befragen wolltest, was Du ja doch wegen eines anderen Skrupels, der uns aufstößt, thun mußt, handle es sich nun um ein Versehen, meiner, Deiner oder Raphaels. Ist es uns doch nicht eingefallen, ihn zu fragen, noch ihm von freien Stücken zu sagen, in welcher Gegend des neuen Welttheils Utopia liegt. Lieber möcht' ich es mich eine ziemliche Summe Geldes haben kosten lassen, als daß uns das widerfahren wäre, theils, weil ich mich wirklich schäme, nicht zu wissen, in welchem Weltmeere die Insel liegt, über die ich so viel schreibe, theils weil es den Einen oder Andern bei uns gibt, Einen aber vor allen, einen frommen Mann, von Beruf Gottesgelehrten, der vor Begierde brennt, Utopien zu betreten, nicht aus einem eiteln und neugierigen Gelüsten, Neues zu sehen, sondern um unsere Religion, die dort einen vielversprechenden Anfang genommen hat, zu fördern und zu verbreiten. 

Um dies in regelrechtem Gange zu erreichen, will er bewirken, daß er vom Papste dorthin gesendet, dann von den Utopiern zum Bischof gewählt wird, indem er keinen Augenblick bezweifelt, daß er zu dieser Vorsteherwürde durch Bitten gelangen werde. Er hält dies für einen frommen Ehrgeiz, nicht den Rücksichten auf weltliche Ehren und Gewinn, sondern religiösen Motiven entsprungen. 

Darum bitte ich Dich, lieber Peter, entweder, wenn möglich, mündlich, sonst aber brieflich, dem Hythlodäus anzuliegen, daß in meinem Werke nichts Falsches stehen bleibe, aber auch nichts, was wahr ist, vermißt werde. Ich weiß nicht, ob es darum nicht gut wäre, ihm das Buch selbst zu zeigen. Denn etwas Irrthümliches kann Niemand so verläßlich beseitigen als er, er selbst kann das aber auch nur, wenn er liest, was ich geschrieben habe. 

Dazu kommt: auf dieseWeise wirst Du merken, ob es ihm recht ist, oder ob er nicht erbaut davon ist, daß ich dieses Werk verfaßt habe. Denn wenn er etwa gesonnen ist, die Geschichte seiner Mühen und Strapazen selbst in Druck zu geben, so wird es ihm eben nicht angenehm sein und ganz ebenso erginge es desfalls mir, wenn ich durch meine ihm zuvorkommende Veröffentlichung des utopianischen Staatswesens seine geschichtliche Darstellung des Reizes der Neuheit beraubte.

 

           

Um die Wahrheit zu sagen, so bin ich mit mir selbst noch nicht einig, ob ich die Utopie überhaupt herausgeben soll. Der Geschmack der Menschen ist so verschieden, die Gemüther Mancher sind so mürrisch, ihre Sinnesart so unerquicklich, ihre Urtheile so abgeschmackt, daß diejenigen besser zu fahren scheinen, die sich dem Genusse und der Fröhlichkeit hingeben, als diejenigen, welche sich mit Sorgen abäschern, etwas zu veröffentlichen, was Andern zum Vergnügen oder zur Belehrung gereichen könne, während es eben diese verschmähen oder unfreundlich aufnehmen. Die Meisten wissen nichts von Wissenschaft und Litteratur, viele verachten sie. 

Ein barbarischer Geschmack verwirft Alles, was nicht wieder barbarisch ist. Die Halbwisser verachten Alles als trivial, was nicht von alterthümlichen Ausdrücken wimmelt. 

Gewissen Leuten gefällt nur das Alte, den meisten nur das, was sie selbst gemacht haben! Dieser ist so sauertöpfisch, daß er von keinem Scherze etwas wissen will, jener so platt und albern, daß er das Salz des Witzes nicht verträgt, andere so stumpfnasig, daß sie vor einer kräftigen Nase scheuen, wie ein von einem wüthenden Hunde Gebissener vor dem Wasser.

Wieder Andere sind so wetterwendisch, daß sie Etwas gut heißen, während sie jetzt sitzen, und schon wieder etwas Anderes, wenn sie dann aufstehen. Noch Andere sitzen in der Kneipe und urtheilen auf der Bierbank über litterarische Erzeugnisse und verdammen mit einer ungeheuren Autorität alles Beliebige und die Schriften jedermanns, indem sie alle Welt durchzausen, während sie selbst in Sicherheit sind, außer Schußweite, nach dem Sprichworte, denn diese guten Leute sind um und um so glatt und kahl, daß sie kein gutes Haar an sich haben, bei dem man sie fassen könnte. Ueberdies gibt es so undankbare Gemüther, daß sie, während sie sich im höchsten Grade an einem Werke ergötzen, den Autor doch nicht leiden mögen, nicht unähnlich jenen unwirschen Gästen, die, nachdem sie an einem opulenten Gastmahl vollauf sich gelabt haben, nach Hause gehen, ohne dem Gastgeber ein Wort des Dankes zu sagen. Nun geh und richte für Leute so verwöhnten Gaumens, so verschiedenen Geschmacks, und obendrein von so dankbarer Gesinnung, die der Wohltaten so eingedenk sind, auf Deine Kosten einen Schmaus her. 

Aber trotzdem, lieber Peter, verfahre gegen Hythlodäus, wie ich oben gesagt: es bleibt mir ja unbenommen, hinterdrein immer noch zu thun, was ich will. Aber da ich doch einmal die Mühe des Niederschreibens gehabt habe, so möge das nicht gegen seinen Willen geschehen sein. In allem Uebrigen, was bei der Herausgabe noch in Betracht kommt, werde ich den Rath meiner Freunde befolgen, vor allem den Deinigen. 

Lebe wohl, geliebtester Petrus Aedigius, sammt Deiner lieben Frau, und bleibe mir wie bisher zugethan, wie auch ich Dich immer lieber gewonnen habe. 

 

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Ein Gedankenexperiment, das sich lohnt      2001      manning @ zedat.fu-berlin.de aus Berlin bei amazon

Mit dem Ziel, eine Alternative zum autokratischen, oft mit Willkür geführten, Staat des Mittelalters zu entwickeln, entwirft Morus auf amüsante, kreative und damals innovative Weise eine funktional differenzierte, quasi-demokratisch geregelte Gesellschaft ohne Privateigentum. 

Diese sollte einerseits in der Lage sein, die von Hobbes u.a. postulierten "natürlichen Triebe" des Menschen, wie Lust und Gier, einzudämmen, zu kanalisieren bzw. in schlichtes "naturverbundenes" Leben zu verwandeln, andererseits ein gemeinschaftlich tragfähiges Gerüst zu schaffen, das dem (heutigen) Prinzip der Nachhaltigkeit gerecht wird (wobei natürlich aus heutiger Sicht globale Probleme, wie die Bevölkerungsexplosion, auf groteske Weise unterbelichtet werden). 

Häufig wird der Staat Utopia einem Idealstaat gleichgesetzt. Jedoch scheint mir das Anliegen Morus eher dahinzugehen, einen distanziert lakonischen Blick auf eine "Neue Welt" zu werfen, wodurch die "Alte Welt" ebenfalls in ein neues Licht rückt und kritisierbar bleibt. Nicht umsonst greift Morus auf die Metapher einer Insel zurück - ein unentdecktes Land als Sammelbecken für Fantasie und Projektion (vgl. auch Robinson Crusoe). 

Interessant für mich waren, zunächst überraschende, Assoziationen mit Werken von Thoreau (Walden), Fromm (Haben oder Sein) oder Flusser (Dinge und Undinge), weniger mit Ideen des Klassenkampfes (Marx, Bourdieu) o.ä. Ausdrücke soziopolitischer Mobilisierung. Und wenn man meint, Utopia sei eine Leitidee von gestern, angesichts dominierenden (ökonomisch determinierten) Besitzdenkens, so wird man staunen, wieviele interessante Manifestationen wieder hervortreten: Internet Community, Open Source Bewegung (Linux etc.), Open Space Organisation etc. Kurz gesagt: Utopia empfiehlt sich für jeden, der Gesellschaft für formbar hält, das Marktprinzip nur als eine Option betrachtet und für ein interessantes Gedankenexperiment zu haben ist...

 

 

Beschreibung eines humanistischen Idealstaates       1999    bonsai.fernuni-hagen  aus Leipzig  Studentenrezension  bei amazon

Was hat man nicht alles über dieses Buch gehört! Im Osten galt es als frühzeitige Vision einer kommunistischen Gesellschaft, im Westen als Gipfel des der Menschenwürde verpflichteten Humanismus; die etwas Verständigeren auf beiden Seiten sahen darin eine subversive Schrift mit zahlreichen Seitenhieben gegen den englischen Feudalismus. Das Buch ist humanistisch, und genau deshalb entlarvt es die humanistischen Ideen als Irrweg.  

In Morus' Buch wird sinnfällig, was Horkheimer/Adorno die "Dialektik der Aufklärung" nannten: Daß nämlich Vernunft nur die Kehrseite von Terror ist. Es ist mir völlig unbegreiflich, wie man sich jahrhundertelang positiv auf dieses Buch beziehen konnte. Morus schildert einen Staat, in dem alles vernünftig zugeht, doch was er und seine Freunde (wie Erasmus von Rotterdam) als strahlendes Ideal sahen, ist eine Horrorvision:

"In Utopien gibt es nirgends eine Möglichkeit zum Müßiggang oder einen Vorwand zur Trägheit. Keine Weinschänken, keine Bierhäuser, nirgends ein Bordell, keine Gelegenheit zur Verführung, keine Schlupfwinkel, keine Stätten der Liederlichkeit. Jeder ist vielmehr den Blicken der Allgemeinheit ausgesetzt, die ihn entweder zur gewohnten Arbeit zwingt, oder ihm nur ein ehrbares Vergnügen gestattet." 

Es gibt übrigens auch kein Theater in Utopien (ja, man kann Utopia regelrecht als Manifest gegen jede Form von Theater, Fastnacht, Dionysien sehen). Statt dessen muß dafür gesorgt werden, daß alle Vorschriften eingehalten werden. Schon wenn jemand sich ohne "amtlichen Urlaubsschein" außerhalb seines Wohnbezirkes blicken läßt, "züchtigt [man] ihn streng; im Wiederholungsfall büßt er mit dem Verlust seiner Freiheit." 

Ähnlich wie schon Platon im "Staat" haben die Humanisten versucht, Vernunft und Geist gegen Leidenschaft, Ekstase und Körper zu setzen. Daß eine schlaflose Vernunft viel schrecklichere Dinge als nur ein paar Monster verursacht, macht dieses Buch bereits deutlich.

Olf, 2009: Ich habe eine andere Meinung als der Rezensent. Ich bin für Ökodiktatur, und deshalb auch für Utopia. Im übrigen: "Nicht alles war schlecht in Utopia". Ich kann auch Gutes berichten aus Utopia. Etwas, was sogar besser ist als der heutige Zustand, und 10mal besser als der normal zu erwartende Zustand - ohne Utopia.

 

 

Morus mit seiner Familie - von Hans Holbein 

 

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